Freitag, 3. November 2017

Martin Luther: der erste Medienstar

Heute, vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, soll Martin Luther, als 31-jähriger Augustinermönch in schwarzer Kutte, seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Mit dieser Schlüsselszene der deutschen Geschichte hat die sogenannte Reformation begonnen. Diese Lehrsätze waren aber nur einem Fachpublikum verständlich, denn Luther hatte sie noch in der damaligen Gelehrtensprache Latein verfasst. Schon deshalb konnte die "Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum" kein öffentlicher Aufreger sein. Der kam erst einige Monate später, aber dann mit gewaltiger Wucht.


Die Verwendung der deutschen Sprache

Im März 1518 schrieb Luther seine etwas langatmigen lateinischen Thesen um, und zwar verkürzt und in deutscher Sprache. Das war eine Sensation, denn bis dato waren fast alle Druckwerke auf Latein erschienen. Im "Sermon von Ablass und Gnade" reduzierte er die sperrigen Thesen auf 20 knappe Absätze. Klipp und klar sagte er darin: "Du sollst vor allem deinen nächsten Armen geben, statt unnütze Ablassbriefe zu kaufen, mit deren Erlös der Papst nur die Peterskirche in Rom finanziert".

Prediger und öffentliche Vorleser verbreiteten den Leseunkundigen Luthers Ideen von der Kanzel herab oder auf dem Marktplatz. Menschentrauben bildeten sich, wo immer der Sermon in deutscher Sprache verkündet wurde. Die leicht verständlichen Formulierungen wurden zum Fanal. Luther erschloss mit ihnen eine neue gesellschaftliche Sphäre: die Öffentlichkeit. Er demokratisierte damit das Wissen um die Religion.


Die Nutzung des Buchdrucks

Für die Verbreitung des "Sermon" nutzte Luther erstmals in großem Umfang den Buchdruck, welcher Mitte des 15. Jahrhunderts von dem Mainzer Kaufmannssohn Johannes Gutenberg erfunden worden war. Diese Revolution zur maschinellen Herstellung von Büchern verbreitete sich anfangs erstaunlicherweise nur schleppend. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen war das Buch damals immer noch Luxusgut, das nur von Fürsten und Bischöfen für ihre repräsentativen Bibliotheken aufgekauft werden konnte. Zum anderen wurden damals fast alle Bücher in Latein verfasst, was die breite Bevölkerung als Käuferschicht ausschloss. Die typische Auflage eines Buchs lag zu jener Zeit bei 200 Exemplaren.

Luther war der erste "Schriftsteller", der die Möglichkeiten des neuen Mediums Buchdruck zu nutzen verstand. Er perfektionierte das Format, reduzierte den Preis und steigerte die Auflage. Von den 45 Werken, die er in den Jahren 1518 und 1519 veröffentlichte, hatte die Hälfte gerade mal acht oder weniger Seiten Umfang. Nach heutigem Verständnis würden wir von "Flyer" sprechen. Sie waren schnell hergestellt und konnten billig unter die Leute gebracht werden. Kaum fassbar, dass in den beiden genannte Jahren 250.000 bis 300.000 Exemplare verkauft wurden.


Die Illustration der Texte

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", dieser Spruch galt schon im Mittelalter. Wie sonst wäre die aufwendige Ausmalung der Kirchen zu begreifen. Luther hatte besonderes Glück, weil der Hofmaler von Friedrich III, dem Kurfürsten von Sachsen, Gefallen an ihm gefunden hatte. Es war der berühmte Lucas Cranach der Ältere, neben Albrecht Dürer der bedeutendste deutsche Renaisssancekünstler. Fast alle Luther-Portraits, wohl um die 300 (!), entstammen exklusiv den Cranach-Werkstätten, wo auch noch seine Söhne Hans und Lukas Cranach der Jüngere mithalfen. Luther wusste um die Wirkung dieser Bilder. Er signierte und verschickte diese Portraits, wie es heute Popstars und Politiker mit ihren Fotographien tun. Der Name Wittenberg kommt bald hinzu, gewissermaßen als Qualitätssiegel und Herkunftsnachweis.

Luthers Flugschriften gibt Lukas Cranach ein unverwechselbares Erscheinungsbild: ein dekorativer Rahmen und ein aufwendig gestalteter Holzschnitt auf dem Titelblatt. Der Holzschnitt bietet einen entscheidenden produktionstechnischen Vorteil: Die Illustration lässt sich zusammen mit dem Text in einer Druckform umsetzen. So können Bild und Text - anders als beim Kupferstich -in einem einzigen Arbeitsgang gedruckt werden. Der Name des Autors, (früher nie prominent auf dem Titel), wird immer stärker hervorgehoben, ebenso wie der Name der Stadt Wittenberg. Zwischen den Jahren 1520 und 1526 erscheinen etwa 11.000 Flugschriften mit einer geschätzten Gesamtauflage von elf Millionen Exemplare. Honorare kassierte Luther für seine Erzeugnisse übrigens niemals; er wollte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass er seine Ideale "verkaufe". Luther reichte sein (relativ bescheidenes) Professorengehalt, aufgebessert durch die Zimmervermietung seiner Frau ("der Lutherin") an Studenten der hiesigen Universität.


Die Luther-Bibeln

Als über den standhaften Luther 1520 in Worms die "Reichsacht" verhängt wurde, ließ ihn sein Beschützer Kurfürst Friedrich, genannt "der Weise", auf der Rückreise aus Sicherheitsgründen abfangen und auf die Wartburg verbringen. Unter dem Tarnnamen "Junker Jörg" ließ sich Martin Luther Haare und Bart wachsen und litt unter großer Langeweile. Es soll sein Freund Philipp Melanchton gewesen sein, der Luther zur Übersetzung des Neuen Testaments der Bibel überredete. Luther hatte in seinem Asyl lediglich die lateinische Bibelübersetzung "Vulgata" zur Hand und einige griechische Texte von Erasmus. Trotzdem war das Werk in nur 11 Wochen vollendet. Als er Anfang März 1522 wieder nach Wittenberg zurückkehren durfte, hatte er das fertige Manuskript im Gepäck. Das Neue Testament wurde zu einer bibliophilen Kostbarkeit. Meister Cranach stattete allein die Apokalypse mit 11 ganzseitigen Holzschnitten aus und pünktlich zur Leipziger Buchmesse im September 1522 lag es in der hohen Anfangsauflage von 3.000 Exemplaren vor und kostete nur einen Gulden. Noch im Dezember des gleichen Jahres wurde schon eine verbesserte Auflage nachgedruckt.


Die Lutherbibel 1534

Das Alte Testament der Lutherbibel war ein Gemeinschaftswerk. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter waren daran beteiligt, insbesondere Kenner der hebräischen Sprache. Die besondere Aufmerksamkeit galt der sachkundigen Übersetzung des 1. Buch Mose. Die Lutherbibel wurde in die regionale frühneuhochdeutschen Sprechsprache übertragen. Die Gebrüder Grimm bezeichneten später Luther als den Wegbereiter des Neuhochdeutschen. Die Gesamtausgabe des Alten Testaments lag im Jahr 1534 vor und wurde wieder opulent grafisch ausgestattet von der Werkstatt Cranach. Heutige Marketingexperten würden von "Corporate Identity" sprechen, welche Lukas Cranach d. Ä. als "Chefdesigner" dem Werk angedeihen ließ. Von Anfang an wurde die Lutherbibel ein "Bestseller" bei den mittel- und norddeutschen "Protestanten".

Am 18. Februar 1546 starb Martin Luther 63-jährig in seiner Geburtsstadt Eisleben an einem Herzleiden. Der Erfolg der Reformation bedeutete zugleich die Spaltung der römischen Christenheit.
Heute zählt man ca. 800 Millionen protestantisch-evangelische Gläubige. 

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