Samstag, 27. September 2008

Für die Katz

"Rustel" war uns zugelaufen, als unsere alte Hauskatze "Minki" mit 17 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Zugelaufen ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck: in Wirklichkeit drängte sie geradezu in unser Haus, als sie spürte, dass dort eine Vakanz war. Rustel war eine halbverhungerte, verhärmte, graugetigerte Strassenkatze, offensichtlich eine Promenademischung und es war unwahrscheinlich, dass sie je einen Schönheitspreis gewinnen würde. Aber irgendwie tat sie uns leid und Rustel spürte das wohl instinktiv und so durfte sie eben bleiben.

Ihr Körbchen hatte sie im Keller; durch ein Loch im Lichtschacht richteten wir ihr einen Katzendurchstieg ein. Und Rustel nutzte ihn fleissig, denn im Grunde war sie eine echte Wildkatze, der das freie Umherstreifen ein Bedürfnis war, aber auch die Bequemlichkeit einer für sie sorgenden "Herrschaft" durchaus zu schätzen wusste. Zuweilen kletterte sie im Garten über die Magnolienäste auf das Hausdach unseres Bungalows, sah uns beim Rosenschneiden zu oder genoss einfach nur den weiten Blick. Beim Heruntersteigen musste ich ihr anfangs helfen, denn die Krallen der Katzen sind bekanntlich nach hinten gekrümmt und nur eine geringe Hilfe beim Abwärtsklettern.

So war ich nicht überrascht, als eine Nachbarin, Frau S. , an einem frühen Vormittag bei uns vorbei kam und uns aufgeregt darüber informierte, dass Rustel in der Astgabel eines hohen Baumes sässe, wovon sie sich offensichtlich nicht wieder herunter getraute. Tatsächlich, ich sah sie dort sitzen - eine graugetigerte Katze, leise miauend und mit eingezogenem Schwanz ängstlich auf einem Ast hockend. Ich versuchte sie herunter zu locken, ich klopfte an den Baumstamm, ich hielt ihr sogar ( aus dem Haus geholtes Futter) vor die Nase. Alles vergebens. Rustel fürchtete sich davor abzusteigen, stattdessen sah sie mich unverwandt mit ihren traurig-ängstlichen Augen an.

Inzwischen kamen immer mehr Zuschauer. Die guten, aber zumeist nutzlosen Ratschläge häuften sich, bis einer das Wort "Notruf" fallen liess. Jawohl, das war es! Ich rief umgehend die Nummer 110 an und schilderte einer freundlichen Dame unser Unglück. Sie schien nicht das erste Mal mit einem solchen Notstand konfrontiert zu sein, denn sie sagte nur: "Kein Problem, ich verbinde Sie mit der Feuerwehr." Tatsächlich sagte man mir dort umgehend Hilfe zu; offensichtlich war zu jener Zeit kein Grossbrand zu bekämpfen.

Die Feuerwehr kam, nicht mit tatüü-tataa, aber mit einem riesigen Auto, grellrot angestrichen und mit mit 4 Mann hoch besetzt, in schicken Uniformen. Sie schleppten eine schwere Leiter zum Baum und einer machte sich, geschützt durch einen beeindruckenden Helm, an den Aufstieg. Rustel beobachtet das geschäftige Treiben unter ihr mit intensiven, misstrauischen Blicken, duckte sich in die Astgabel und als der Feuerwehrmann schon nach ihr greifen wollte, sprang sie - zack! - in einen zwei Meter höheren Zweig. Dorthin konnte ihr der Löschexperte nicht folgen, denn seine Leiter war zu kurz.

Leise fluchend machte sich der abgewiesene Helfer an den Abstieg, aber sein Kommandant war nicht in Verlegenheit zu bringen. Per Handy orderte er bei der Zentrale Verstärkung an und schon nach einer knappen Viertelstunde kam ein weiteres rotes Fahrzeug, noch grösser als das erste und ausgestattet mit einer Drehleiter. Rustel ahnte wohl, das es nun zum "show-down" kommen würde, denn sie drückte sich noch enger in das Astgewirr, so, als wollte sie sich klein und unsichtbar machen. Aber diesmal kam der wackere Feuerwehrmann immer näher und als er schliesslich nach ihr greifen wollte, passierte es: statt freudig erlöst zu sein, verspürte Rustel offensichtlich panische Angst und war zum Äussersten bereit. Mit einem gewaltigen Satz hechtete sie kopfüber nach unten, raste dem Baumstamm entlang, fiel auf die Erde, überschlug sich einige Male auf dem, gottlob, weichen Laubboden - und rannte, wie um ihr Leben, in Richtung eines Nachbarhauses.

Der Feuerwehrleute waren trotzdem zufrieden, denn nach ihrem Verständnis war die Katze gesund geborgen, womit der Auftrag erfüllt war. Mit vielen Dankessprüchen meinerseits und einem angemessenem Trinkgeld transportierten sie ihr Equipment wieder zurück in die städtische Branddirektion. Auch die mittlerweile zahlreichen Zuschauer verliefen sich; einige gratulierten mir noch zum glücklichen Ausgang dieses Unternehmens und meiner offenkundig demonstrierten Tierliebe.

Ich blieb äusserlich gelassen, aber innerlich bebte ich. Denn beim Abgang vom Baum hatte ich, trotz der Schnelligkeit, noch den Schwanz der graugetigerten Katze erkennen können und ich war mir sicher, dass er nicht Rustel gehörte, sondern einer Katze aus den Nachbarhäusern, wohin sie auch gestürmt war.

Als ich heimkam lag Rustel friedlich schlummernd in ihrem Körbchen im Keller. Beim Nähertreten wachte sie auf, reckte sich zum Katzenbuckel, streckte den Schwanz in die Höhe - und da war sie wieder, dessen charakteristische Färbung. Mit dem Näschen stupste sie meine Knie, als wollte sie sagen: "Ich bin hungrig, du darfst mir mein Lieblingsgericht bringen,


Hühnchen in Aspik, bitte."

Montag, 15. September 2008

Ein Teilchen namens Higgs

Im Baukasten der Natur befinden sich, nach den Vorstellungen der Physiker, etwa zwei Dutzend Elementarteilchen, aus denen das ganze Universum - also Erde, Sonne, Milchstrasse und weitere hundert Milliarden Galaxien aufgebaut sind. Diese Teilchen unterscheiden sich sehr deutlich voneinander hinsichtlich ihrer Grösse, ihrer Masse, ihrer elektrischen und magnetischen Ladung, sowie einiger weiterer Eigenschaften.

Das Zusammenwirken der Elementarteilchen beim Aufbau der belebten und unbelebten Natur erklärt die sogenannte Standardtheorie, welche die Physiker in den letzten 25 Jahren entwickelt haben. Diese Theorie ermöglicht es sogar Vorhersagen zu treffen und eine dieser Vorhersagen ist, dass noch zwei weitere Teilchen in dem erwähnten Baukasten fehlen, also experimentell nicht nachgewiesen sind. Das eine ist das Graviton, welches die Schwerkraft vermittelt, das andere das mysteriöse Higgs-Teilchen. Der Name reimt sich akustisch auf "Hicks", hat aber mit Schluckauf nichts zu tun, vielmehr trägt dieses noch unentdeckte Partikel den Namen des schottischen Physikers (Peter) Higgs. Er hat es schon vor 44 Jahren prognostiziert und diese Vermutung am 27. Juli 1964 in dem amerikanischen Fachjournal "Physics Letters" veröffentlicht. Bemerkenswert ist, dass diese mittlerweile berühmte Publikation nur eine einzige Druckseite umfasst.

Das Higgs-Teilchen beseitigt eine Schwäche der oben genannten Standardtheorie. Letztere kann zwar alle bekannten Elementarteilchen richtig einordnen, aber diese besitzen dann keine Masse und bewegen sich alle mit Lichtgeschwindigkeit fort. Das kann offensichtlich nicht stimmen, denn Protonen, Elektronen und Photonen besitzen sehr wohl ( unterschiedliche) Massen und haben auch verschiedene Geschwindigkeiten. Geht man von der Existenz der Higgs-Teilchen aus, dann verschwinden diese Diskrepanzen und die Standardtheorie beschreibt nun "die Welt" nun richtig. Esoterisch angehauchte Zeitgenossen sprechen deshalb auch gerne vom "Gottesteilchen"; andere nennen das Higgs-Teilchen den "Heiligen Gral" der Physik.

Higgs hat seine Überlegungen zwar nur auf einer DIN A4-Seite niedergeschrieben, sie sind jedoch so hochkomplex, dass sie der Normalphysiker kaum versteht, von einem Laien ganz zu schweigen. Zum Glück gibt es eine berühmte Metapher, wodurch es selbst einem Durchschnittsmenschen gelingt, sich in das Higgs-Szenario einzudenken. (Die Begriffe Higgs-Teilchen und Higgs-Feld werden synonym verwendet, da Teilchen und Felder in einander überführbar sind).

Nun also die Higgs-Theorie für Jedermann: Man stelle sich Journalisten auf einer Cocktailparty vor, die gleichmässig im Raum verteilt stehen. Das ist gewissermassen das Higgs-Feld. Kommt nun ein sehr prominenter Politiker (Proton!) durch die Tür und will den Raum schnell durchqueren, so werden sich die Journalisten sogleich um ihn scharen. Seine Bewegungsenergie wird abgebremst und der Pulk der Journalisten verleiht dem Politiker eine (träge) Masse, also ein Gewicht. Ein weniger bekannter Politiker (Elektron!) verursacht geringeren Auflauf, wird aber auch leicht gebremst. Der Hausmeister (Photon!), schliesslich, kann den Raum im unvermindertem Tempo durchqueren. Das genau ist der Mechanismus von Higgs: durch die Wechselwirkung mit dem Journalisten, also dem Higgs-Feld, bekommen die Teilchen ihre Masse und verlieren an Geschwindigkeit.

Etwas physikalischer ist eine zweite Metapher. Demnach liegt dem Universum ein alles durchdringendes Feld zugrunde, das Higgs-Feld. Durch dieses Feld bewegen sich alle Elementarteilchen wie durch einen zähen Sirup. Dabei verspüren sie einen Widerstand, so, als ob man mit einem Kochlöffel durch den Sirup rührt. Dieser Widerstand ist es, der den Teilchen ihre Masse verleiht.

Noch ist das Higgs-Teilchen experimentell nicht nachgewiesen. Das erwartet man im Forschungszentrum CERN bei Genf, wo in den letzten Jahren der grösste Kreisbeschleuniger der Welt mit 27 km Durchmesser gebaut wurde. LHC, Large Hadron Collider, ist sein Name. Der Detektor ATLAS, in dem das Higgs aufleuchten soll, besitzt die Ausmasse eines grossen Kirchenschiffs und wiegt 7.000 Tonnen. Vor zehn Tagen erst wurde der LHC - unter Teillast - in Betrieb genommen; schon am vergangenen Freitag musste er wegen eines Heliumlecks in der Strahlröhre wieder abgeschaltet werden. Vermutlich für mindestens zwei Monate. Wenn er wirklich mal richtig in Schwung gekommen ist, dann prallen dort in jeder Sekunde Millionen von Protonenpakete mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aufeinander. Diese kosmische Wucht erzeugt Milliarden an Splitter, die in ATLAS registriert werden sollen. Nur etwa ein Higgs-Teilchen pro Minute kann man erwarten; es soll von den Riesencomputern herausgesiebt werden. Die berühmte Nadel im Heuhaufen ist dagegen nichts.

Aber der LHC ist nicht allein. In Chicago, am Fermi-Laboratorium steht der Beschleunigerkonkurrent Tevitron der Amerikaner. Er ist zwar kleiner als der LHC, läuft aber bereits seit Jahren Tag und Nacht und hat eine Flut von Daten angesammelt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Higgs bereits gezeigt hat, aber noch im Datenarchiv versteckt ist. Würde es demnächst ein Doktorand des Fermi-Lab recherchieren, es wäre eine emotionale Katastrophe für die CERN-Forscher. Die zügige Inbetriebnahme des LHC ist also sehr wichtig.

Derweil betrachtet Professor Emeritus Higgs von seinem schottischen Ruhesitz in Edinburg aus das Treiben der Jüngeren in Genf und Chicago. Er kann nahezu sicher sein, mit dem Nobelpreis der Physik ausgezeichnet zu werden, sofern man "sein Teilchen" findet - egal an welchem Ort.

Ein kleines Risiko verbleibt allerdings weiterhin bei ihm persönlich:
der Nobelpreis wird nur an lebende Personen vergeben,
und Peter Higgs wird am 29. Mai nächsten Jahres 80 Jahre alt.

Deshalb: Gute Gesundheit, Professor!

Dienstag, 9. September 2008

Älterwerden

Demnächst werde ich - Rätselfreunde aufgepasst! - einen dreiviertel runden Geburtstag feiern. In Anbetracht der vielen (und wertvollen) Geschenke, auf die ich mich jetzt schon freue, werden meine Gäste von mir wohl eine kleine Rede erwarten. Es wird deshalb Zeit, dass ich mir ein paar Gedanken darüber mache.

Rein numerisch lässt sich nicht verleugnen, dass ich langsam älter werde. Dieser Zeitpunkt kommt dann heran, wenn verdächtig viele Leute, ohne besonderen Anlass, plötzlich behaupten, dass man doch noch sooo jung aussehen würde. Ich lasse mich da nicht täuschen; der morgendliche Blick in den Spiegel bewahrt mich vor Illusionen. Im allgemeinen beginnt das Älterwerden mit dem Eintritt in den Ruhestand, also zwischen 60 und 65 Jahren - Frührentner und Münteferings 67er einmal ausgeklammert. Auf alle Fälle gehört man dann zur älteren Garde, wenn man beim Anziehen der Schuhe fragt: "Da ich schon mal unten bin, kann ich gleich noch etwas miterledigen?"

Der Übergang von dem Berufsstand in den Rentenstand fällt vielen nicht leicht, insbesondere die machtbewussten Politiker leiden darunter. Ich versuchte meine "Verlustängste" dadurch zu minimieren, dass ich jeweils am Ende einer grösseren Aufgabe - nennen wir es Projekt - ein Buch oder einen persönlich gehaltenen Bericht im Umfang von 150-200 Seiten geschrieben habe. Dabei rekapitulierte ich den gesamten Ablauf des Projekts, mit allen Hoch- und Tiefpunkten, sodass ich es fürderhin "geistig ablegen" konnte. So ist mittlerweile eine kleine Bibliothek für die Projekte FRM, KNKI, KNKII, SNR 300, EFR, und WAK entstanden, zuzüglich einem mehr persönlich gehaltenen Erinnerungsband "70 Jahre lang". Der "Blick zurück im Zorn" ist mir deshalb fremd. Hinter den genannten Abkürzungen verstecken sich übrigens die Namen für Kernreaktoren, Schnellbrüterkraftwerke sowie Wiederaufarbeitungsanlagen und seit die Kernenergie weltweit - ausser in Deutschland - eine Renaissance erfährt, erhalte ich immer wieder Anfragen früherer Kollegen aus Japan, USA, China etc. wie wir dieses oder jenes Problem, z.B. beim Schnellen Brüter in Kalkar gelöst haben. Dafür sind diese Bücher eine grosse Hilfe, denn im Gedächtnis habe ich die Details natürlich auch nicht mehr.

Ein Stammtisch ist eine praktische Einrichtung um mit der früheren Arbeitswelt in Verbindung zu bleiben - und trotzdem Abstand von ihr zu gewinnen. Wir haben einen solchen auf der Rheininsel Rott beim Fischrestaurant "Waldfrieden" eingerichtet. Hier treffen sich donnerstags jede Woche ehemalige FZK´ler und deren Freunde zu einer zwanglosen Mittagsrunde. Bei Zander und Riesling werden alle Probleme dieser Welt besprochen - und gelöst. Ein besonderes Auge richten wir immer wieder auf die aktuellen Vorgänge im Forschungszentrum, unserer früheren Arbeitsstätte. Die Entscheidungen unserer Nachfolger und deren Chefs werden kritisch durchleuchtet und mit äusserlichem Bedauern (und innerlicher Befriedigung) stellen wir immer wieder fest, dass "die Jungen" eben doch schwach sind und wir früher alles viel, viel besser gemacht haben. Wir waren eben die Grössten! Diese bescheidene Feststellung fördert das Wohlbefinden und die Verdauung, was für uns alte Knaben nicht das Schlechteste ist.

Mit der Entlassung in den Ruhestand wuchs auch mein Interesse am öffentlichen Leben in der Stadt Karlsruhe. So versäume ich kaum eine Stadtratssitzung und die Grossinvestitionen, wie Neue Messe, Hallenbad, Stadion und U-Strab sind mir mit all ihren finanziellen Schwachstellen durchaus geläufig. Das kommt auch in manchem meiner Leserbriefe in der BNN zum Ausdruck, die OB Fenrich und seine Bürgermeisterkollegen nicht immer erfreuen.

Interessante Gerichtsverhandlungen sehe ich mir vom Amtsgericht bis zum Bundesverfassungsgericht an und bin immer wieder fasziniert, zu welch überraschenden Urteilen die Richter kommen. Meine Devise ist deshalb: Gerichtsverfahren möglichst vermeiden! Denn der Spruch "Bei Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand" stimmt wirklich.

Auch die Hauptversammlungen der lokalen Aktiengesellschaften besuche ich häufig, denn dort kann man in 4 Stunden mehr über die Wirtschaft lernen als beim 4-wöchentlichen Lesen des "Handelsblatt". Ausserdem: wo sonst darf man ungestraft (als Kleinaktionär) mächtige Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsräte coram publico "beschimpfen", ohne, dass man unterbrochen oder sanktioniert wird?

Bevor ich ganz in diese öffentlichen Sphären entfleuche, konfrontiert mich meine liebe Frau Brigitte immer wieder mit den realen Problemen unserer kleinen häuslichen Welt. Es fing vor einigen Jahren ganz unschuldig damit an, dass bei unserem Wohnhaus in der Waldstadt und dem (ererbten) Haus im Fichtelgebirge ein paar durchkorrodierte Wasserrohre im Bereich der Bäder zu erneuern waren. Das war aber nur der Beginn. Was folgte war eine 2-jährige Sanierungs- und Renovierungsorgie, bei der beide Häuser vom Keller bis zum Dach umgekrempelt wurden. Nun gefallen sie uns weitaus besser und mein Bankkonto ist entsprechend geleichtert.

Beim Blick in die Tageszeitung - Reihenfolge: Todesanzeigen, Wetter, Sport, Politik - merkt man, dass die "Einschläge" immer näher kommen. Bekannte sterben, frühere Arbeitskollegen und immer wieder mal auch ein Freund. Das ist ein besonders schmerzhafter Verlust, denn ein alter Freund ist, wie das Sprichwort sagt, selbst durch zwei neue nicht zu ersetzen. Und auch die eigene Gesundheit lässt fühlbar nach. Immer wieder zwickt und zwackt es an allen möglichen Körperstellen und die Beschwerden gehen meist, trotz ärztlicher Bemühungen, nicht mehr ganz zurück.

Nun, nach dem Älterwerden kommt wohl unvermeidbar das Altwerden. Ich habe darüber noch keine einschlägige Erfahrung. Aber an einen Spruch der schwedischen Filmschauspielerin Liv Ullmann erinnere ich mich:

"Altwerden ist die einzige bekannte Methode,
um lange zu leben."

Sonntag, 7. September 2008

Knirschen bei KIT

Bei einem kürzlichen Interview zu KIT, das der Uni-Rektor Hippler und der FZK-Chef Umbach der BNN-Korrespondentin Elvira Weisenburger gegeben haben, konnte man zwischen den Zeilen deutlich herauslesen, dass es bei der geplanten Fusion der Technischen Universität mit dem Forschungszentrum Karlsruhe noch an vielen Stellen hapert.

Vorallem die ursprünglichen Terminvorstellungen scheinen sich in Luft aufzulösen. Wie erinnerlich, wollte man bei der Verkündigung von KIT (mitte 2006) die Vereinigung im Laufe des darauffolgenden Jahres 2007 vollzogen haben. Davon ist heute keine Rede mehr. Offensichtlich gibt es derzeit für KIT überhaupt keinen Zeitplan, denn Magnifizenz verweist bei entsprechenden Fragen vage in das Jahr 2009. Also: irgendwann. Das ist kaum verwunderlich. Denn für die Fusion der Bundes-GmbH FZK mit der Universität als Anstalt des öffentlichen Rechts benötigt man (als Folge der Föderalismusreform) ein eigenes Landesgesetz und dessen Entwurf wird immer noch auf der relativ niedrigen Referentenebene beraten. Wann er in die Ausschüsse des Landtags gelangt und danach schliesslich vom Parlament beschlossen wird, weiss zur Zeit niemand.

Mittlerweile hat sich auch der Betriebsrat des Forschungszentrums mit allerlei Bedenken zu Wort gemeldet. Es scheint, als kämen auf die dortigen Bundesbediensteten beachtliche Nachteile zu, insbesondere im Bereich der Zulagen. Die Chefs versuchen zwar zu beschwichtigen, aber bei der FZK ist man allgemein der Ansicht, dass sie die Verlierer der KIT-Fusion sein werden. Viele sehen das Zentrum zur "verlängerten Werkbank" der Uni degenerieren.

Um die Meinung der 8.000 Uni- und FZK-Mitarbeiter zu KIT festzustellen, wurde die Unternehmensberaterfirma Boston Consulting von Rektor und Vorstand mit einer - vertraulichen - Internetumfrage beauftragt. Das Ergebnis war mager und aufschlussreich zugleich: nur 30% der künftigen Belegschaft beantworteten überhaupt die gestellten Fragen. Von denen waren nur 43 %, also eine klare Minderheit mit KIT voll einverstanden, die restlichen 57 % gar nicht oder nur zu Teilen. Boston Consulting verkaufte dieses mickrige Resultat trotzdem als Zeichen voller Zustimmung der Belegschaft, wohl nach dem Motto: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing."

Vor wenigen Wochen wurde der Uni die Nutzung des KSC-Stadions angedient. Durch den Bundestagsabgeordneten Wellenreuther, der dafür aber gar nicht zuständig ist. Professor Hippler sagte trotzdem sofort zu, wohl eingedenk des Spruchs "Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul" und ungeachtet der Tatsache, dass die wenigen hundert Sportstudenten ein bundesligataugliches Stadion nie und nimmer sinnvoll nutzen können und dass für das umgebende Gelände ein Bebauungsverbot existiert. Die Sache ist noch am Kochen, aber jetzt schon kann man sagen, dass sich Magnifizenz mit dieser schnellen Zusage weder bei Minister Frankenberg noch bei Oberbürgermeister Fenrich sonderlich beliebt gemacht hat.

Einige tüchtige Gruppen- und Abteilungsleiter des Forschungszentrums machen sich Hoffnungen in den nächsten Jahren zu (Junior-)Professoren aufzusteigen, denn die Massenuniversität Karlsruhe muss dringend ihr Verhältnis von Lehrenden zu Studenten verbessern. Den alteingesessenen Fakultätsmitgliedern sind solche "Seiteneinsteiger" jedoch suspekt. Wahrscheinlich schiebt man die Applikanden in den Praktikums- und Übungsbetrieb ab und ob dafür Professorentitel winken, ist durchaus fraglich.

Ein grosses Thema unter den arrivierten Professoren ist derzeit ihre künftige Gehaltseinstufung. Bisher erhielten alle Ordinarien (von Zulagen abgesehen) in etwa die gleiche Bezahlung. Das soll sich in Zukunft ändern. Die "geistigen Spitzenreiter" werden - nach Hippler - bald mit einer signifikanten Erhöhung ihrer Bezüge rechnen können, z. T. aus der Hektorstiftung, z. T. aus Landesmitteln und Drittmitteln. Es wird demnächst also "first-class" und "sub-prime" Professoren geben.

Da die menschliche Psyche - Scheel und Neid - sich aber kaum ändern wird, kann man auf interessante Debatten innerhalb der Professorenschaft gespannt sein. Insbesondere beim "Anwerben" von internationalen Geistesheroen könnte es bald zugehen wie im Fussballgeschäft. Gelingt es der Elite-Uni Karlsruhe die ebenfalls elitäre ETH Zürich zu überbieten, dann schwebt der "Physiker-Klinsmann", samt Mitarbeiter und sonstigem Gefolge,eben nach Karlsruhe ein - für einige Jahre. Einen leichtenVorgeschmack erlebte man vor einigen Jahren bereits im Nanobereich des Forschungszentrums. Dort wurde - auf dem Briefbogen - ein leibhaftiger Nobelpreisträger aus Strassburg als Institutsleiter ausgewiesen. Zu Gesicht bekommen haben ihn bei FZK nur wenige.

Hellhörig macht, dass Hippler und Umbach in dem erwähnten Interview ankündigen, dass sie demnächst in die USA fahren würden, um dort mit dem Firmen IBM und Hewlett Packard Forschungskooperationen zu vereinbaren. Ausgerechnet mit diesen genuin US-amerikanischen Unternehmen HP und IBM! Wo bleibt da der Nutzen für die Bundesrepublik Deutschland? Warum soll der deutsche Steuerzahler die Forschungen dieser US-Riesen mitfinanzieren, nur damit diese demnächst mit den so generierten Produkten unsere inländischen Firmen an die Wand drücken?

Nein, da macht es die Universität Heidelberg - seit kurzem ebenfalls elitär - schon besser. Diese hat sich vor wenigen Monaten mit der Uni Mannheim und den regionalen deutschen Industrieunternehmen SAP, BASF, Merck, Heidelbergdruck sowie weiteren zu einem Forschungsverbund zusammen geschlossen. In enger Kooperation will man organische Leuchtdioden, OLED genannt, entwickeln. Als druckfähige Dünnstschichtzellen haben die OLEDs das Potential, die derzeitigen Siliziumsonnenzellen abzulösen, womit sich ein gigantischer Markt auftut. Im Erfolgsfalle könnte Nordbaden zu einem deutschen Silicon Valley werden.

Hoffenheim lässt grüssen.

Sonntag, 31. August 2008

Strom auf Pump

In meiner Fichtelgebirgsheimat ist zur Zeit eine mächtige Diskussion im Gange über - Sie werden es nicht erraten - über Pumpspeicherkraftwerke. Sie haben sicherlich von diesen Anlagen gehört, die es schon seit fast einem Jahrhundert gibt: Aus einem Obersee entlässt man Wasser durch Rohrleitungen in den Untersee, wobei die eingebauten Turbinen Strom erzeugen. Später pumpt man dieses Wasser wieder hoch und das Spiel beginnt von neuem. Den Nutzen sehen die Stromerzeuger darin, dass sie bei hohem Stromangebot (und niedrigen Preisen) den Obersee billig füllen können, um ihn bei hohem Strombedarf (und entsprechend hohen Preisen) wieder zu entleeren.

Ein solches Pumspeicherkraftwerk soll in der Nähe unserer Kreisstadt Wunsiedel entstehen, wobei der Obersee bei der Luisenburg, der Untersee im Röslautal liegen soll. Und wie immer bei Kraftwerksprojekten, gibt es leidenschaftliche Befürworter und ebenso leidenschaftliche Gegner. Der Dissens fängt schon damit an, dass die einen in dieser Anlage eine Stromerzeugungsmaschine, die anderen hingegen eine Stromvernichtungsmaschine sehen. Das mag verblüffen, aber erstaunlicherweise haben beide Parteien recht. Wenn ein Pumpspeicherkraftwerk sein Wasser aus dem Obersee entlässt, so produziert es ohne Zweifel Strom. Aber das Wasser muss später ja wieder hochgepumpt werden und dafür ist - wegen der unvermeidlichen Reibungsverluste etc. - etwa 30 % mehr Energie erforderlich. Energetisch könnte man also auch von einer "Stromvernichtungsmaschine" sprechen. Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt allerdings rechnet sich das Ganze, weil man, (siehe oben) zu gewissen Zeiten eben einen höheren Strompreis erzielen kann. Im Kern sind Pumpspeicherkraftwerke also Regelanlagen für das elektrische Netz.

Mancher Anwohner dieser künstlichen Seen spekuliert bereits auf ein erhöhtes sportliches Freizeitangebot, etwa im Bereich des Angelns, des Schwimmsports, der Segelei u.a.m. Aber daraus wird wohl nichts, denn aus Sicherheitsgründen wird man beide Seen einzäunen müssen. Während des Turbinen- und Pumpbetriebs schwankt der Wasserspiegel in kurzer Zeit um mehrere Meter und es kommt zu mächtigen Strömungen und gefährlichen Strudeln. Die meterdicken Rohrleitungen erzeugen ungeheure Sog- und Schwallkräfte, die einen Schwimmer aufs Höchste gefährden würden. Auch ökologisch und biologisch sind solche Pumpspeicherseen durchaus problematisch. In der Schweiz hat man durch Messungen festgestellt, dass die künstlichen und schnell aufeinander folgenden Hoch- und Niedrigwasser die Fischeier und Wasserorganismen wegschwemmen, sodass die Fischbestände in kurzer Zeit aussterben.

Woher kommt dieses plötzliche Interesse am Bau neuer Pumpspeicherkraftwerke, sodass man sogar von einer Renaissance einer altbekannten Technologie sprechen kann? Die Antwort ist einfach: es ist die Windkraft, welche nach solchen Regeleinheiten ruft, genauer gesagt, das Stromangebot aus Windmühlen. Dieser Strom wird bekanntermassen sehr unregelmässig produziert - eben nach Windanfall - muss aber von den Stromfirmen gemäss dem Gesetz für Erneuerbare Energien (EEG) ins Stromnetz übernommen werden. Und das zu einem relativ hohen Festpreis. Die naheliegende Idee ist, den zu Unzeiten erzeugten Windstrom für Pumpspeicherkraftwerke zu verwenden, um ihn zu Hochpreiszeiten von dort wieder abzurufen. Im Grunde ist das eine Veredelung von Abfallstrom mit entsprechendem wirtschaftlichen Nutzen.

Mit dieser Idee beschäftigen sich - im Dunstkreis des Stromversorgers RWE - bereits eine Reihe von Hochschulinstituten. An der Ruhr-Universität Bochum wird die optimale Kopplung von Wind- und Wasserkraftwerken in Diplomarbeiten untersucht und führte im Jahr 2006 zur Verleihung des Umweltpreises an Dipl. Ing. Leif-Erik Langhans. An der TH Aachen kommt Professor Haubrich zu der Feststellung, dass Pumspeicherkraftwerke "die Geschwister der Windkraft" seien, weil ökologisch sauberer Strom in idealer Weise mit Windenergie kombiniert werde. In vielen akademischen Systemstudien wird überlegt, wie man die deutschen Mittelgebirge als Standorte für Pumpspeicherkraftwerke verwenden könnte. Da der Windstrom zumeist an der Nordeeküste erzeugt wird, ist ausserdem die Genehmigung und der Bau zusätzlicher Stromtrassen vom Meer zum Gebirge erforderlich. Kein Wunder, dass die Bewohner dieser meist landschaftlich schönen Gebirgsgegenden sich gegen diese Verunstaltung ihrer Heimat heftig zur Wehr setzen.

Welche Möglichkeiten gibt es, um die Windenergie weiterhin sinnvoll nutzen zu können - ohne den beschriebenen Landschaftsverbrauch? Nun, dafür wäre es notwendig das EEG so zu novellieren, dass der Windstrom nicht mit Priorität ins Netz "gedrückt" werden muss, mit dem Risiko der Überlastung und sogar von Netzzusammenbrüchen. Stattdessen sollten nicht benötigte oder gefährdende Erzeugungsspitzen durch Abschalten bzw. Abregeln der Windräder gekappt werden. Dies könnte in den Lastverteilerzentralen der Energieversorgungsunternehmen geschehen.

Im Fazit wäre gesamtwirtschaftlich günstiger, die Windfarmbetreiber für den entgangenen Erlös durch Abschalten bei Netzüberlastung zu entschädigen - wie es analog bereits seit langem in der Agrarwirtschaft bei drohender Überproduktion von Nahrungsmittel geschieht. Aber gegen Ideologien ist schwer anzukämpfen.

Freitag, 22. August 2008

Festspiele in der Provinz

Eigentlich sollte für Richard Wagners "Ring der Nibelungen" und seine übrigen Werke in München ein monumentales Opernhaus hoch über den Isarufern gebaut werden. König Ludwig II von Bayern, Wagners Förderer, plante es so und hatte bereits den Architekten Gottfried Semper engagiert, den Erbauer des Dresdner Hoftheaters. Aber Wagner, sonst durchaus dem Prunk ergeben, wollte es anders. Für seine Tetralogie stellte er sich ein schmuckloses Aufführungstheater in der Provinz vor, fernab vom Getümmel der Metropole.

Als Wagner München zeitweilig verlassen musste und in der Schweiz lebte, wurde er beim Durchblättern eines Konversationslexikons (!) auf Bayreuth aufmerksam. Er besuchte 1871 diese Kleinstadt von damals 17.000 Einwohnern und sie gefiel ihm. Hier in"Bareid"
(oberfränkische Dialektbezeichnung) wollte er sein Opernhaus bauen, in dem ausschliesslich seine eigenen Werke aufgeführt werden sollten. Die Stadtverwaltung war darüber entzückt und schenkte ihm ein Grundstück, das Markgrafenpaar hiess ihn gnädig willkommen. Im Mai 1872 wurde der Grundstein für das Festspielhaus gelegt und schon im August des darauffolgenden Jahres konnte das Richtfest gefeiert werden. So schnell ging es damals, als Genehmigungsverfahren und Bürgerinitiativen noch unbekannt waren. Parallel dazu wurde sogar noch Wagners Wohnhaus, die "Villa Wahnfried" gebaut. Im Garten liess Wagner gleich eine Grabstelle für sich und seine Frau Cosima ausheben, in die er - detailversessen wie er war - mehrmals hinab stieg um die Raumverhältnisse zu überprüfen.

Zuschauerraum und Bühnenhaus des zukünftigen Festspielhauses sind als Holzfachwerk ausgeführt; die Aussenwände sind weitgehend aus rotem Ziegelstein und fast schmucklos, was dem Theater lange Zeit die despektierliche Bezeichnung "Scheune" eingetragen hat. (Erst 1960 wurde ein Tragwerk aus Beton und Stahl eingesetzt.) Der Zuschauerraum besteht aus gleichmässig ansteigenden Sitzreihen nach dem Vorbild der antiken Amphitheater, wodurch von allen 1976 (!) Plätzen eine perfekte Sicht zur Bühne gewährleistet ist. Fussboden, Pfeiler und Säulen sind aus Holz, natürlich auch die bekannt harten Sitzplätze, was dem Zuschauerraum eine hervorragende Akustik verleiht. Um diese nicht zu gefährden werden keine architektonische Änderungen zugelassen, lediglich den Festspielbesuchern wird ein dünnes Sitzkissen zugestanden. (Echte Wagnerianer verzichten auch darauf.)

Die Musiker sitzen - unsichtbar für die Zuschauer - in einem abgedeckten Orchestergraben. Er lässt den typischen "Bayreuther Mischklang" entstehen, der die Lokalisierung einzelner Instrumente unmöglich macht. Stattdessen hat man den Eindruck, dass sich der Orchesterklang "allgegenwärtig" im Raum ausbreitet. Der Philosoph Theodor v. Adorno prägte deshalb die Bezeichnung von der "Verdeckung der Produktion durch die Erscheinung des Produkts". Wagner führte im Orchestergraben auch eine neue Sitzordnung für die Musiker ein: die Ersten Violinen, die im Orchester die Führungsstimme haben, sitzen nicht, wie üblich, links, sondern rechts von Dirigenten. Diese seitenverkehrte Anordnung der Streicher führt bis heute bei neu engagierten musikalischen Leitern zu erheblicher Verwirrung.

Die Finanzierung des Theaters wollte Wagner durch einen Patronatsverein sichern, der als eine Art künsterischer Aktiengesellschaft, Anteilsscheine zum Verkauf anbot. Wie vorhersehbar, lief der Absatz nur schleppend und Wagners königlicher Freund Ludwig musste mehrmals in die Bresche springen, um das Bayreuther Projekt zu retten. Vorher hatte Wagner in fast demütigender Weise in Berlin antichambriert, aber der Reichskanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm rückten nicht einen Pfennig heraus. Sau-Preiß´n!

Nach vielen Mühen konnten 1876 die ersten Festspiele in Bayreuth aufgeführt werden. Es war durchaus ein Erfolg, trotz mancher erkennbarer Mängel. So war bei der Premiere der riesige Drachen offensichtlich unvollständig und mit der Mechanik haperte es - zum Vergnügen der Zuschauer. Dies war jedoch kein Wunder, denn Siegfrieds Lindwurm wurde in London zwar nach exakten Vorgaben Wagners gebaut, aber dann an eine falsche Adresse versandt.

Er landete in Beirut (heute Libanon) und den langen Rückweg nach Bayreuth überlebte er nur in derangierter Form.

Montag, 11. August 2008

Bericht aus Bayreuth

Das Fichtelgebirge, jenes hufeisenförmige Mittelgebirge im Nordosten Bayerns, ist nicht jedem auf Anhieb geläufig. Das ist schade, denn meine Heimat lädt nicht nur zum Wandern und Fahradfahren ein, sondern bietet im Sommer auch vielfältige Veranstaltungen von Events bis zu Highlights der Kultur.

Zur ersteren Kategorie zähle ich die alljährlich ausgerichteten "Oberfränkischen Meisterschaften im Sautrog-Rennen" im 500-Seelen-Dörfchen Seussen, das zufällig mein Geburtsort ist und in dem ich auch die ersten 18 Jahre meines Lebens verbracht habe. Ein Sautrog ist ein etwa 2 Meter langer, 80 cm breiter und 70 cm tiefer Holztrog, in dem das frisch geschlachtete Schwein mit heissem Wasser überbrüht wird, um es von den Borsten zu befreien. Zwei dieser Sautröge stehen bei den genannten Meisterschaften für jeweils ein Paar Wagemutige zur Verfügung, welche sie auf dem Dorfteich mit Paddeln von einem Ufer zum anderen bewegen sollen. Über Vor - und Zwischenläufe gewinnt schliesslich die geschickteste und zeitschnellste "Mannschaft", meist junge Bauernburschen aus der Umgebung. Zwischenzeitlich fallen immer wieder einige, zum grossen Hallo der Zuschauer, in den Teich, denn die Tröge sind sind enorm kippelig und schwer zu steuern. Das sachkundige Publikum sitzt auf Holzbänken dicht gedrängt um den Dorfteich und geniesst bei Bier und Bratwurst diesen Wettkampf. Ein empfehlenswerter Event, noch dazu bei freiem Eintritt.

Kulturell noch höher anzusiedeln sind die alljährlichen Festspiele auf der Luisenburg, einem sehenswerten Labyrinth aus mächtigen Granitfelsen. Der gegenwärtige Intendant dieses sehr beliebten Theaterspektakels ist der Münchener Schauspieler Michael Lerchenberg, welcher im Fernsehen gelegentlich als Imitator des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zu sehen ist. Dieses Jahr stand unter anderem das sehr renommierte Schauspiel "Der Watzmann ruft" auf dem Spielplan, was die Zuschauer in Scharen angelockt hat. Hollarödulliöh!

Jeweils am ersten Samstag im August wird im nahen Selb das "Fest der Porzelliner" ausgerichtet, in dessen Mittelpunkt der grösste Pozellanflohmarkt Europas steht. Mit weit über 300 Verkaufsständen zieht er die Liebhaber des "Weissen Golds" aus ganz Deutschland, ja sogar aus den angrenzenden Ländern und der Übersee an. In unmittelbarer Nähe der berühmten Fabriken Rosenthal, Hutschenreuther, Thomas, Arzberg etc. wird hier jeder fündig, der neues (und vor allem altes) Porzellan sucht. Insbesondere an Figuren entzündet sich immer wieder die Sammelleidenschaft; aber manchmal ist es auch nur ein bestimmtes Milchkännchen - etwa von Arzberg - das nachgekauft werden soll. Dabei sieht der echte Porzellanjäger immer zuerst nach dem Stempel auf der Unterseite, der eine Art Prüfsiegel darstellt.

Das Städtchen Bayreuth ist nur eine halbe Autostunde von meinem Wohnort Kirchenlamitz im Fichtelgebirge entfernt und die dort jeweils im August ausgerichteten Richard-Wagner-Festspiele zählen zu den Höhepunkten der Musikkultur. Tickets sind schwer zu bekommen, aber mir ist das noch immer gelungen - auf Wegen, die ich hier nicht beschreiben möchte, um meine blog-Leser nicht zu langweilen. Dieses Jahr fühlte ich mich besonders privilegiert, denn ich erhielt ein Kartenpaar für den gesamten Premieren-Nibelungenring und das sogar in der Mitte des Parketts. Von gewissen Parkettplätzen hört man in Bayreuth die Musik aus dem Orchestergraben besonders gut, weitaus besser als auf den rückwärtigen Logen. (In dieser Meinung bin ich offensichtlich nicht allein, denn unsere sehr musikverständige Bundeskanzlerin Angela Merkel sass mit Ehemann Sauer und einer bodyguard-Entourage gerade mal 4 Reihen vor uns.)

Der "Ring der Nibelungen", bestehend aus den 4 Opern Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung wird in Bayreuth gewöhnlich innerhalb einer Woche, beginnend am Montag und endend am Samstag aufgeführt. Zwei Tage, meist Mittwoch und Freitag sind "Ruhetage" für die Musiker und Sänger, aber auch das p.p. Publikum. Denn so eine Wagneroper, nachmittags mit Fanfarenstössen beginnend und 4-5 Stunden dauernd (mit zusätzlich 2 Pausenunterbrechungen) ist durchaus stressig für jemanden, der sie zum ersten Mal hört. Eine gewisse Vorbereitung, etwa an den Ruhetagen, durch Lesen der Textbücher und sonstiger einführender Literatur, ist da sehr zu empfehlen. Aber die über 9000 Textzeilen des Rings und seine mehr als 100 Leitmotive sind nicht leicht zu memorieren.

Ein Grobgerüst an textualen Verständnis hat man, wenn man weiss, dass der Ring - das Symbol der Macht - von einem Besitzer zum anderen wandert. Also probieren wir einen Schnelldurchlauf: anfangs liegt das Gold auf dem Grund des Rheins, bewacht von den Rheintöchtern. Der Nibelungen-Gnom Alberich raubt es und schmiedet daraus den Nibelungenring. Gottvater Wotan raubt den Ring von Alberich und entlöhnt damit die beiden Riesen Fafner und Fasolt, welche ihm die Götterburg Walhall gebaut haben. Das Paar gerät in Streit, Fafner erschlägt seinen Bruder Fasolt und nimmt den Ring an sich. Dazu auch den Tarnhelm, mit dessen Hilfe er sich in einen Drachen verwandeln kann. Der furchtlose Siegfried erschlägt den Drachen und übernimmt den Ring - ohne dessen Bedeutung zu kennen. Er gibt den Ring als Liebespfand an die Walküre Brünhilde, erobert ihn aber wieder (in Gunters Gestalt) von ihr zurück. Nach Siegfrieds Tod durch Hagen verbrennt sich Brünhilde mit Siegfrieds Leiche. Die Rheintöchter holen den Ring aus der Asche und bringen ihn wieder zurück auf den Grund des Rheins. Dort liegt er jetzt noch, aber Wagner lässt offen, ob ihn nicht abermals ein Furchtloser von dort rauben könnte, sodass sich die Geschichte von Liebe, Gold und Macht wiederholen würde.

Richard Wagner wäre wohl auch als dramatischer Dichter bekannt geworden, hätte er sich nicht zum genialen Komponisten entwickelt. Die Musik steht in Bayreuth klar im Vordergrund, unterstützt durch die hervorragende Akustik des Festspielhauses, welche dem Architekten (ohne Schallingenieure) gelungen ist. Schon das Vorspiel des Rheingold ist von der ersten Note an berührend. Es beginnt mit einem tiefen Es der Kontrabässe und Fagotte, über das sich nach einiger Zeit das sehr ruhige Es-dur-Naturmotiv der Hörner legt. Diese Linie verdichtet sich von Takt zu Takt, schwillt an und bricht plötzlich ab um in den Gesang der Rheintöchter überzugehen. Die Keimzellen von Wagners Musik sind die schon genannten Leitmotive. Sie sind einer bestimmten Person, einem Ereignis oder einer Stimmung zugeordnet und erzeugen durch ihre Wiederholung an bestimmten Stellen Assoziationen, wodurch die szenischen Zusammenhänge verdeutlicht werden. Die Musik des Rings kennt keine Unterbrechungen innerhalb eines Aktes. Alles ist "durchkomponiert", es entsteht eine "unendliche Melodie".

Die Anforderungen an die Sänger und Sängerinnen sind horrend. Wohl am stärksten gefordert ist Brünhilde, die gleich bei 3 Opern auf der Bühne steht. Aber auch Siegfrieds Rolle ist sehr anstrengend. Im 3. Akt der Oper Siegfried stehen beide wohl eine Stunde allein auf der Bühne, bis sie sich schliesslich, überwältigt von der Liebe, in die Arme fallen: "Leuchtende Liebe, lachender Tod"

Die Regisseure haben es schwer in Bayreuth. Meistens müssen sie sich eine Menge Buh-Rufe anhören, wie in diesem Jahr Tankret Dorst, der den Nibelungenring inszenierte. Da man in dieser Tetralogie nie zur letzten Deutung kommen wird und es viele Möglichkeiten der szenischen Umsetzung gibt, wird man immer nur einen Teil des Publikums zufrieden stellen können. Selbst beim berühmten Jahrhundertring von Patrice Chéreau 1976 kam es fast zu einer Saalschlacht zwischen konservativen und progressiven Theaterbesuchern. Heute ist Chéreau heilig gesprochen.

Wagnerfreunde sind eine besondere Sorte von Menschen. Als ich nach der Götterdämmerung - 5 Stunden reine Spielzeit - etwas knieweich dem Ausgang zustrebte, hörte ich eine schon betagte Dame zu ihrer Bekannten sagen: "Und morgen machen wir weiter mit Parsifal"!

Unverwüstlich, diese Wagnerianer.

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