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Sonntag, 5. März 2017

Der Rückbau im Kernforschungszentrum Karlsruhe - langsam und teuer

Der Rückbau der kerntechnischen Versuchsanlagen am ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) geschah bis zum Jahr 2009 in der Verantwortung des KfK durch den "Geschäftsbereich Stilllegung". Bei der Gründung des "Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)" ging dieser Geschäftsbereich in die "WAK GmbH" über, einem Tochterunternehmen der "Energiewerke Nord GmbH (EWN)". Im Februar 2017 wurde aus der WAK GmbH die Firma "Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe GmbH (KTE)". Die Finanzmittel zum Rückbau der Altanlagen stammen mehrheitlich vom Bund, mit einem geringen Landesanteil.

Gegenüber der Anfangszeit unter der Führung des Kernforschungszentrums hat das Tempo des Rückbaus stark abgenommen. Bei keinem Projekt wurde das Ziel Abriss bis zur "Grünen Wiese" erreicht. Stattdessen sind die Projekttermine ständig nach hinten verschoben worden und die Kosten haben sich dramatisch erhöht. Im Jahr 2015 hat der Bundesrechnungshof (BRH) eingegriffen und die Geschäftsführung der WAK GmbH dafür heftig kritisiert.

Um den sachlichen Hintergrund besser einschätzen zu können, wird in den zwei folgenden Kurzabschnitten  der jetzige Stand der Projektabwicklung, und die Kritik des BRH beschrieben.


Der terminliche Stand der wichtigsten Entsorgungsprojekte

Die "Lebenszeit" eines Kernkraftwerks (KKW) oder eines anderen nuklearen Projekts teilt man üblicherweise in drei Phasen ein: Bau, Betrieb und Rückbau (bis zur sog. "Grünen Wiese"). Technisch weit anspruchsvoller sind in der Regel Bau und Betrieb. Dort hat man es mit der Planung und dem Bau neuartiger Anlagen zu tun; der Betrieb erfolgt zumeist unter hohem Atmosphärendruck oder unter Nutzung neuartiger Kühlmittel, wie Natrium. Der Rückbau ist eher "Pathologie", unter Zersägen der Baukörper (häufig durch Roboter) und Beachtung einfacher Strahlenschutzvorschriften.
Bei den jetzigen Nuklearprojekten der KTE gilt folgende Phaseneinteilung:

KKW-MZFR: Bau: 4 Jahre; Betrieb: 19 Jahre; Rückbau: seit 33 Jahren
KKW-KNK I+II: Bau: 8 Jahre; Betrieb: 17 Jahre; Rückbau: seit 26 Jahren
Reaktor FR 2: Bau: 4 Jahre; Betrieb: 20 Jahre; Rückbau: seit 36 Jahren
WAK: Bau: 5 Jahre; Betrieb: 19 Jahre; Rückbau: seit 26 Jahren

Keine dieser Anlagen ist bislang zur Grünen Wiese rückgebaut!

Vorher wurden durch den Stilllegungsbereich der KfK folgende Kernkraftwerke (allerdings nach kurzer Laufzeit) bis zur Grünen Wiese rückgebaut:

KKW- Niederaichbach: Grüne Wiese 1995
KKW - HDR: Grüne Wiese 1998


Die Kritik des Bundesrechnungshof (BRH)

Der Bundesrechnungshof hat im April 2015 einen Bericht veröffentlicht, in dem er zu den Mängeln beim Management des Rückbaus der staatlichen Karlsruher Nuklearanlagen Stellung nimmt. Die Langfassung dieses Reports umfasst 52 Seiten, sodass er im Folgenden nur partiell wiedergegeben werden kann.

Gleich zu Beginn weisen die Kontrolleure auf drastisch unterschiedliche Kosten- und Terminschätzungen hin. Für WAK (jetzt KTE) wurde noch vor wenigen Jahren ein Finanzbedarf von 2,6 Milliarden Euro ermittelt, dieser soll inzwischen auf 4,2 Milliarden angestiegen sein, in einem FAZ-Interview sogar auf über 5 Milliarden.  Im gleichen Zeitraum hat sich der Endtermin für den Abschluss aller Rückbauarbeiten vom Jahr 2035 auf 2063 drastisch nach hinten verschoben.

Konsequenterweise bemängelt der BRH erhebliche Defizite in der Projektorganisation, außerdem vermisst er die Anreize für eine wirtschaftliche Projektverwaltung, was besonders in Richtung der Geschäftsführung zielt. Auch die Dachgesellschaft EWN kommt nicht gut weg. Hier wünschte man sich eine stärkere Nutzung von Synergieeffekten, welche sich beim Rückbau vieler gleichartiger Projekte ergeben sollte. Offensichtlich sei die Zusammenarbeit der Beteiligten nicht optimal organisiert worden.

Auch das Controlling ist mit Mängeln behaftet. Die Projektkostenschätzungen sind häufig nicht aktuell und z. T. fehlerhaft. Durch immer wieder auftretende Verzögerungen ergäben sich erhebliche Mehrkosten. Darunter leide auch die Transparenz des Gesamtvorhabens, was zu signifikanten Mehrkosten und Terminverzögerungen führe.


Zügiger Rückbau in der Anfangszeit

Der Rückbau der nuklearen Altanlagen wurde vom ehemaligen Kernforschungszentrum bereits in den neunziger Jahren betrieben. Welcher Stand dabei erreicht wurde, kann man in alten Fortschrittsberichten nachlesen. Für die beiden Kernkraftwerke MZFR und KNK ist der Rückbaustatus um die Jahrhundertwende gut dokumentiert. (Ähnliches gilt für die Wiederaufarbeitungsanlage WAK). Er wird im Folgenden kurz wiedergegeben:

Beim Kernkraftwerk MZFR waren schon bald nach der Abschaltung (1984) der Reaktorkern entladen, sowie das mit Tritium kontaminierte Schwerwasser abgepumpt und entsorgt. Im Jahr 1995 hatte man schon 5 atomrechtliche Teilgenehmigungen (TG) für den Abriss erlangt, womit alle Anlagenteile außerhalb des Primärsystems rückgebaut werden konnten. Bald waren die Kühltürme, die D2O-Anreicherungsanlage und das Notstromsystem abgerissen. Die Dekontamination des Primärsystem erfolgte durch externe Kleinunternehmen. Eine weitere TG ermöglichte den Abtransport der Großkomponenten durch eine Materialschleuse. Für die Zerlegung des Reaktortanks erhielt man 1998 nicht weniger als 15 Angebote von Subfirmen, u. a. von der Firma DETEC. Der Abschluss dieser Arbeiten war für das Jahr 2001 geplant. Die Betriebsmannschaft war inzwischen von ursprünglich 115 auf 20 Personen zurückgefahren und auf andere Kernkraftwerke, wie Philippsburg, verteilt worden.

Beim Kernkraftwerk KNK wurde schon bald nach der Abschaltung (1991) mit dem Rückbau begonnen. Die Brennelemente und der Plutoniummischoxidkern waren schon 1994 entladen und entsorgt; die 70 Tonnen radioaktives Natrium zur Gänze im Jahr 1998. Zwischenzeitlich wurde das Tertiärsystem und das Sekundärsystem samt Wärmetauscher und Luftkühler ausgebaut. Der Turbogenerator erhielt einen neuen Eigentümer - in Indien. Das Betriebspersonal wurde (ohne Entlassungen!) von 120 auf 22 reduziert. Die weitere Planung sah die Einbindung eines Subunternehmers für die Zerlegung des Reaktortanks vor. Mit dem Abriss der Gesamtanlage rechnete man damals bis zum Jahr 2003.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Rückbau der Anlagen MZFR und KNK (sowie der WAK) in der Anfangszeit recht zügig verlaufen ist. Danach sind jedoch, gerechnet von 1997 bis 2017, volle zwanzig Jahre vergangen, ohne, dass auch nur eine einzige Anlage bis zur Grünen Wiese abgeräumt worden wäre. Was ist in diesen abgelaufenen zwei Jahrzehnten eigentlich geschehen?


Mangelhafte Transparenz

Die Dokumentation über die Firma KTE, ihre Tätigkeiten und Ressourcen ist spärlich. In den Bibliotheken des nahen KIT gibt es darüber praktisch nichts Aktuelles. Das ist um so erstaunlicher, als die KTE zwei hauptamtliche  Referenten für ihre Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt (wohingegen  beim früheren Stilllegungsbereich der KfK dafür nur eine halbe, nebenamtliche Stelle vorgesehen war). Dieses KTE-Duo hat in den letzten vier Jahren ganze vier Presseinformationen veröffentlicht, also im Schnitt eine Info pro Jahr. Zwecks weitergehender Informationen für diesen Blog wandte ich mich vor wenigen Tagen an Herrn Peter Schira (den Boss der Öffentlichkeitsarbeit) mit der Bitte um Unterlagen, wie Jahresberichte, Organigramme, Termin- und Kostenpläne etc. In einem knappen 4-Zeilen-Mail verwies dieser auf den Internetauftritt der KTE; weitere  Informationen gäbe es für mich nicht. Basta.

Im Internet konnte ich bei KTE.de viele bunte Bildchen entdecken, nebst pauschalen Erläuterungsversuchen in Halbsätzen. Wer sich über die Finanzierung des Unternehmens KTE schlau machen möchte, der kann im Abschnitt EWN-Gruppe folgendes erfahren: "Die Finanzierung erfolgt durch die öffentliche Hand" Weiter nichts, nur dieser einzige Satz. Keine ergänzende Angabe zur Höhe der Zuwendungen. Das Geld fällt bei KTE offensichtlich wie Manna vom Himmel. Kein steter Kampf um Drittmittel, wie beim benachbarten KIT.

Über die Termine und Budgets der einzelnen Rückbauprojekte kann man unter dem Abschnitt Unternehmenspolitik folgendes nachlesen: "Die KTE hält vorgegebene Termine und Budgets ein". Hoppla, das las sich doch im o. g. Bericht des Bundesrechnungshof ganz anders. Eigentlich haben die KTE (und ihr Vorläufer WAK GmbH) ihre Termine und Budgets doch recht selten bis nie eingehalten. Kurzum: der Internetauftritt des Millionenunternehmens KTE ist für Steuerzahler wie mich - Pardon - eine reine Verarsche.

Die Defizite in der Öffentlichkeitsarbeit der KTE sind endlos. Eine Firma, die - nach meiner persönlichen Schätzung - jährlich um die 150 Millionen Euro an Steuergeldern verbrät, kann noch nicht einmal einen Jahresbericht vorweisen, aus dem detailliert die Tätigkeiten und die finanziellen Ressourcen hervorgehen. Für die ca. 600 Mitarbeiter (nebst einigen gutbezahlten externen "Beratern") gibt es kein vorweisbares Organigramm, keine Aufteilung in befristete und unbefristete Arbeitsverträge. Das Unternehmen KTE ist eine "Black Box" im Dunkel des nahen Hardtwalds, wo man aber, abgeschirmt von der Öffentlichkeit,  bis zum Jahr 2063 weiterwursteln möchte. Eine Firma mit Bestandssicherung über Generationen hinweg. Wo anderwärts gibt es das heute noch?


Strategiefehler?

Analysiert man die Projektstrategie der KTE resp. WAK beim Rückbau der Nuklearanlagen, so erscheinen einige Entscheidungen des Managements unlogisch, möglicherweise sogar als falsch - mit der Folge, dass sich dadurch die Gesamtkosten beträchtlich erhöht und die Endtermine signifikant verzögert haben. Zwei Entscheidungen der Geschäftsführung seien herausgegriffen: der starke Aufbau des Eigenpersonals und die verzögerte Inangriffnahme der neuen Abfallläger.

Die Personalpolitik in den neunziger Jahren, als die KfK noch die Projektleitung inne hatte, sah nach der Stilllegung den sukzessiven Abbau der Betriebsmannschaft vor bis zu einer Stammmannschaft von 15 bis 20 Personen pro Projekt. Diese sollte die Generalplanung, das atomrechtliche Genehmigungsverfahren, sowie die Finanzierung und Kostenkontrolle betreiben. Das überschüssige Betriebspersonal wurde bei den Kernkraftwerken der Umgebung untergebracht. Die Detailplanung und der Abriss - das ist wichtig - wurde an kleine, aber zuverlässige Fremdfirmen in der Umgebung vergeben. Dieses Schema hatte den Vorteil, dass in "flauen Zeiten", wenn etwa eine Genehmigung nicht rechtzeitig eintraf, die Fremdverträge ausgesetzt werden konnten und die Projektkosten im Rahmen blieben.

Als die EWN-Muttergesellschaft im Jahr 2009 das Ruder übernahm, wurde diese Strategie verlassen. Stattdessen wurde das Eigenpersonal bis zur heutigen Stärke von ca. 600 Mann aufgestockt und die Fremdfirmen entsprechend reduziert. Das führte beispielsweise in den Jahren 2013/14, als der Geldgeber Bund etwas "klamm" war und die Zuwendungen entsprechend kürzte, dazu, dass die große Eigenpersonalmannschaft nicht ausgelastet war. "Design to Budget" war angesagt. Die Flexibilität war verloren gegangen.

Dubios erscheint auch die verspätete Inangriffnahme der beiden zusätzlichen Abfallläger. Dieser Engpass zeichnete sich für den Fachmann doch schon seit langem ab. Nun ist man in eine Drucksituation gekommen, weil manche Projekte nur noch "mit gebremsten Schaum" rückgebaut werden können, da die Lagerung der radioaktiven Abfallstoffe logistische Probleme bereitet.


Die Geschäftsführer und der Faktor Pi

Die beiden Geschäftsführer (Gf) der KTE GmbH werden für ihre Dienste um die Firma durchaus stattlich bezahlt. Wie man dem letzten verfügbaren Governance Bericht für 2015 entnehmen kann, erhielt der damals gerade erst angeheuerte Kaufmännische Gf Daniel Beutel ein Jahresgehalt von (hochgerechnet) ca. 200.000 Euro, der Technische Gf  Professor Manfred Urban sogar 220. 000 E, womit er beinahe schon an das Salär der Bundeskanzlerin herankommt.

Möglicherweise wohnt dieser Entlohnung sogar eine mathematische Gesetzmäßigkeit inne. Denn: der Leiter eines großen Instituts im benachbarten KIT erhält im Schnitt ein Jahresgehalt von 70.000 E; multipliziert man es mit der Kreiszahl Pi=3,14 so kommt man just auf 220.000 E, also das Jahresgehalt des Technik-Gf. Man mag einwenden, dass die beiden Positionen eines Institutsleiters (Il) und eines Gf verschieden sind. Das ist wohl wahr, aber der Il muss sich in seinem Institut praktisch um alles selbst kümmern, während der Gf bei KTE die Unterstützung eines Kaufmännischen Gf und vielen sonstigen administrativen Helfern hat.

Es scheint, dass der Abriss einer kerntechnischen Anlage besser bezahlt wird als deren Aufbau. Dies kann man gedanklich übertragen auf die hochkomplexe Neutrinoversuchsanlage KATRIN, wo der Projektchef G.D. (vermutlich) für ein W3-Gehalt, also um ca. 70.000 E schafft. Landet diese Anlage nach Beendigung der Messungen im Jahr 2025 und wegen ihrer Kontamination mit Tritium im Rückbaubereich, so könnte der dortige Technik-Chef eher mit einer Entlohnung von 220.000 E rechnen. Voìla, das 3,14-fache, entsprechend dem Gesetz der Zahl Pi beim Abriss!

Doch Spaß beiseite.
Bei der Entlohnung der KTE-Chefs fällt auf, dass sie neuerdings feste Bezüge erhalten, also ohne erfolgsabhängigen Anteil. Beim Vorgänger von Gf Beutel, dem Kaufmännischen Gf Hollman, betrug die erfolgsabhängige Komponente - gemäß o.g. Bericht - noch fast die Hälfte der Gesamtvergütung. Was hat sich seitdem verändert? Warum bezahlt man die aktuellen KTE-Gf so risikolos, fast wie Beamte? Nuklearbeamte sozusagen! Niemand weiß es, im gesamten Governance Bericht gibt es dafür keine Erklärung.

Da beim Abriss der Nuklearanlagen aber bisher immer wieder Termine und Plankosten verfehlt wurden, wie im Bericht des Bundesrechnungshof deutlich nachzulesen ist, wäre bei KTE eine erfolgsabhängige Entlohnung durchaus bedenkenswert. Man sollte dabei nicht zu radikal vorgehen, sondern wiederum das Gesetz der Zahl Pi zugrunde legen. Demnach wäre dem Strahlenschutzprofessor Dr. Urban vielleicht das stattliche Gehalt eines (ordentlichen) deutschen Universitätsprofessor zuzubilligen - nämlich ca. 70.000 E. Die zweite, erfolgsabhängige Komponente in Höhe bis zu 150.000 E,  wäre dann bei kosten- und termingerechter Abwicklung seiner Projekte fällig.
Der Aufsichtsrat und die Gesellschafter sollten darüber nachdenken.


Der Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat soll die Geschäftsführung der KTE GmbH überwachen, insbesondere die Unternehmensstrategie und das Risikomanagement. Er besteht aus 6 Personen, die für ihre Tätigkeit keine Vergütung erhalten. Stattdessen rühmt man sich, dass angesichts zweier Mitgliederinnen, der Frauenanteil bei 14 Prozent liegt; in Zukunft wird eine Quote von 33 Prozent angestrebt. Ansonsten rekrutiert sich dieses Gremium aus drei Mitgliedern der Bundes- und Landesministerien und drei Angestellten der KTE, wobei Henry Cordes, der Geschäftsführer der Energiewerke Nord, als Vorsitzender des Aufsichtsrats agiert.

Die Hauptlast im Aufsichtsrat trägt vermutlich die Abgesandte des Bundesforschungsministeriums, Frau Dr. Beatrix Vierkorn-Rudolph, Unterabteilungsleiterin im BMBF. Sie muss (aus dem Finanzministerium) die Hauptmasse des Budgets heranschaffen und trägt damit auch die Verantwortung für dessen Verwendung. Dass sie sich dabei von externen Firmen, wie GRS (früher auch Fichtner), beraten und wohl auch "munitionieren" lässt, geht in Ordnung. Trotzdem: dem Aufsichtsrat der KTE fehlt es an Neutralität und Expertise. Das wird deutlich, wenn man sich das analoge Gremium im benachbarten KIT vor Augen hält. Dort ist die Vorsitzende eine Professorin der renommierten ETH Zürich und als "Experte" steht kein Geringerer als Dieter Zetsche, der Chef der Daimler AG, zur Verfügung.

Man sollte den Aufsichtsrat bei KTE durch einige Fachleute für den Rückbau aufstocken. Diese gibt es in genügender Anzahl, z. B. bei den Energieversorgungsunternehmen. In Frage käme je ein Experte von RWE, Eon und EnBW. Die Vorläuferfirma der EnBW, die vormalige Badenwerk AG, hat beim Aufbau der oben genannten Kernkraftwerke MZFR und KNK mitgewirkt und jahrzehntelang den Betrieb geführt. Ein Fachmann der EnBW wäre sicherlich qualifiziert, auch den Vorsitz im KTE-Aufsichtsrat zu übernehmen.

Henry Cordes könnte dann seiner Lieblingssportart (Paddeln im Greifswalder Bodden) nachgehen.


Epilog

Wie das Rückbauprojekt in Karlsruhe bei Fortführung des bisherigen Managements ausufern könnte, zeigt folgende genealogische Betrachtung:

Als die Kernkraftwerke MZFR und KNK 1963 geplant wurden, war der jetzige Geschäftsführer Urban noch im Kindergarten. Inzwischen bewegt er sich nahe am Ruhestand. Die im Jahr 2063 vorgesehene Beendigung des Rückbaus könnte auf einen seiner Nachfolger zukommen, der  - falls er diese Aufgabe als 45-jähriger schuldert - heute noch nicht geboren ist!

Der Rückbau bei KTE/WAK:  eine Jahrhundertaufgabe.
Deutschlands sicherster Arbeitsplatz.





















Samstag, 12. Dezember 2015

Die WAK investiert in den Abriss

Normalerweise denkt man beim Abriss kerntechnischer Anlagen nicht an Neuinvestitionen. Diesen Weg geht die WAK GmbH jedoch - gezwungenermaßen - im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe beim Rückbau von zwei Kernkraftwerken (KNK, MZFR), einem Reaktor (FR 2) den sog. Heißen Zellen (HZ) und der Wiederaufarbeitungsanlage WAK. Die Zwischenläger für mittel- und leichtaktiven Abfall sind nämlich randvoll und neue Läger werden gebraucht. Neben dem schon lange im Zentrum existierenden Zwischenlager entstehen in den kommenden Jahren zwei neue Läger für genau diese Abfallkategorien. Der Grund für die Neubauinvestitionen ist, dass der Bund das Endlager Konrad in Niedersachsen immer noch nicht bereitstellen konnte.


Der Anlagenrückbau sowie der Lagerbetrieb
im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe
samt voraussichtlicher Erledigung

Ein neues Format der Information

Am 19. November 2015 wurde im Bürgerhaus der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten  eine Informationsveranstaltung zu den geplanten Lagererweiterungen abgehalten. Sie kam bei den ca. 150 Besuchern sehr gut an, weil sie exzellent vorbereitet war. Eine große Anzahl bereits vorher eingereichter Fragen waren samt Antworten an den Schautafeln der Saalwände schon direkt ablesbar. Dazu kamen ein halbes Dutzend "hand-outs", auf denen in Wort und Bild auf die Planungen der WAK im Detail Bezug genommen wurde. Schließlich waren für die wichtigsten Themenfelder kompetente Fachleute aufgeboten, die an "Besprechungsinseln" auf zusätzliche, persönliche Fragen der Besucher eingehen konnten. Die Bautechnik, das Genehmigungsverfahren, der Strahlenschutz und die Entsorgung standen dabei im Vordergrund. Manche ortsbekannte Kernenergiegegner waren aber gerade mit diesem Präsentationsformat unzufrieden. Kein Wunder, konnten sie doch ihre (altbekannten und schon hundert Mal beantworteten) Fragen nicht mehr so wirkungsvoll und lautstark im Plenum coram publico artikulieren.

Die Zwischenläger für radioaktives Material sind im ehemaligen Kernforschungszentrum seit Ende der 1970er-Jahre mehrfach erweitert worden. Sie betragen derzeit 77.400 Kubikmeter für schwachradioaktive Abfälle, die in 77.500 Fässern und 13.500 Behältern verpackt sind. Ein Teil der Fässer sind an der Innenseite korrodiert. Sie werden ständig beobachtet und gegebenenfalls ausgetauscht. Das Lager für mittelradioaktive Abfälle ist auf ein Volumen von 700 Kubikmeter ausgelegt. Beide Lagergebäude sind nahezu vollständig gefüllt.

Zusätzlich zu den bereits bestehenden Zwischenlägern soll ein neues Lagergebäude für schwachradioaktive Abfälle errichtet werden. Es wird folgende Dimensionen haben: 120 m lang, 23 m breit, 22 m hoch. Die Wanddicke beträgt 0,8 m. Zusammen mit den bestehenden Lagerkapazitäten wird damit ein Bedarf von 98.000 Kubikmeter abgedeckt. In direkter Nähe wird ein weiteres Lager für mittelradioaktive Abfälle errichtet. Seine Dimensionen sind: 40 m lang, 39 m breit, 11 m hoch. Die Wanddicke beträgt 1,8 m. Das neue Lager hat das gleiche Volumen wie das bereits bestehende, nämlich 700 Kubikmeter. Die beiden Gebäude sollen bis 2020 betriebsbereit sein und werden ca. 60 Millionen Euro kosten.

Das Endlager Konrad, ein Trauerspiel

Die beschriebenen neuen Läger wären nicht notwendig, wenn es das deutsche Bundesendlager "Konrad" geben würde. Der sogenannte Schacht Konrad, benannt nach einem früheren Manager, ist ein stillgelegtes Eisenerz-Bergwerk bei Salzgitter in der Nähe von Braunschweig. Im Jahr 1975 traf man den Beschluss, Konrad zum Endlager für radioaktive Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung in tausend Metern Tiefe umzubauen. (In Gorleben war die Lagerung des hochradioaktiven Atommülls vorgesehen). Wegen vieler Einwendungen dauerte das Planfeststellungsverfahren fast 20 Jahre. Nach weiteren fünf Jahren juristischer Streitigkeiten vor den Gerichten wurde die Genehmigung im März 2007 letztinstanzlich bestätigt. Seitdem wird am Umbau des Bergwerks gearbeitet, wobei die Einlagerungstermine immer wieder hinausgeschoben werden. Derzeit glaubt man, die ersten Fässer im Jahr 2022 in Konrad deponieren zu können; festlegen möchte sich das Bundesamt für Strahlenschutz jedoch noch nicht. Die gesamten Planungs- und Baukosten sind mittlerweile bei fast drei Milliarden Euro angelangt.


Das Endlager Konrad in der Draufsicht

Inzwischen lagert ein Großteil der deutschen schwach- und mittelradioaktiven Abfälle - oberirdisch(!) - im Zwischenlager des früheren Kernforschungszentrums, jetzt KIT Campus Nord. In unmittelbarer Nähe bewegen sich ständig 4.000 Mitarbeiter, neuerdings sind noch 1.100 Migranten hinzu gekommen. Die Strahlenschutzrisiken für diese Personen werden praktisch negiert, bei Konrad hingegen werden ständig neue Einwendungen vorgebracht zum Risiko der Reststrahlung in einem Kilometer Tiefe. Welch eine irrsinnige Diskussion!

Lange Zeitskalen

Die Nichtverfügbarkeit des Endlagers Konrad ist im Kern die Ursache dafür, warum es so schrecklich lange dauert, bis die eingangs genannten Bauwerke bis hin zur Grünen Wiese abgerissen sind.

Der Technische Geschäftsführer der WAK, Professor Manfred Urban, hat bei der Linkenheimer Informationsveranstaltung "entschuldigend" darauf hingewiesen, dass er noch im Kindergarten war, als WAK, KNK etc. gedanklich auf die Schiene gelegt wurden. Legt man die in der obigen Grafik vermerkten Rückbautermine (mitte der zwanziger Jahre, einschliesslich noch zu erwartender Verzögerungen) zugrunde, so wird der Professor den Abriss der ihm anvertrauten Projekte in seiner Berufszeit wohl kaum mehr erleben - außer, die Bundesregierung erhöht das Rentenalter exzessiv, was angesichts der sich abzeichnenden Finanzprobleme nicht ganz ausgeschlossen ist.

Aber auch die direkten Abkömmlinge (Söhne, Töchter) der heute dort arbeitenden Mannschaft wird in Rente sein, wenn die Abfallfässer zur Gänze abtransportiert sind. Allenfalls jemand aus der Enkelgeneration könnte in den Genuss kommen, den Komplettabriss und die Verfrachtung nach Konrad stolz der regionalen Bevölkerung präsentieren zu dürfen. Vermutlich ist dieser Projektleiter in spe heute noch nicht geboren.

Aber gemach! Diese langen Zeitskalen bergen nicht nur Mehrkosten, sondern auch potentielle Ersparnisse. Radioaktives Material hat nämlich die gute Eigenschaft mit der Zeit abzuklingen und "ungefährlicher" zu werden. Bereits jetzt strahlen die Fässer des hiesigen Zwischenlagers - verglichen mit 1990, dem Zeitpunkt der Stilllegung der WAK -  nur noch mit halber Intensität, wobei Cäsium und Strontium als Leitnuklide betrachtet werden. Und nach zwei weiteren Halbwertszeiten wird die anfängliche Aktivität sogar auf fast ein Zehntel abgeklungen sein.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, ab dem Jahr 2060 das radioaktive Material nicht mehr in teuer abgeschirmten Containern nach Niedersachsen zu verfrachten, sondern möglicherweise preiswert als DHL-Pakete oder gar via Amazon.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Finnland genehmigt weltweit erstes Endlager

Die klugen und bedächtigen Finnen haben etwas geschafft, wovon wir Deutsche, in unserer aufgeregten Art, noch meilenweit entfernt sind: sie besitzen ein genehmigtes Endlager für hochradioaktiven Atommüll.

Vor ca. 40 Jahren begannen sie - ähnlich wie die Deutschen - mit Grundlagenversuchen zu diesem Thema. Drei geologische Formationen wurden genauer ins Visier genommen: Salz, Ton und Granit. Alle drei sind geeignet zur Aufnahme des hochradioaktiven Abfalls aus Kernkraftwerken, besitzen aber spezifische Vor- und Nachteile. Salz ist gut wärmeleitend und Hohlräume verschließen sich leicht. Es ist die Formation in Gorleben. Ton ist nicht wasserlöslich, deshalb setzen Frankreich und die Schweiz auf dieses Wirtsgestein. Das Kristallgestein Granit ist sehr stabil und wurde in Finnland ausgewählt. Ähnliche geologische Granitformationen befinden sich in Deutschland in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern, sie sind aber oft mit Rissen behaftet.

Optimaler Standort

Die heimische Firma Posiva erhielt von der finnischen Regierung die Lizenz zur Auswahl des Standorts und zum Bau des Endlagers. Nachdem man sich auf Granit als Wirtsgestein geeinigt hatte, gab es Dutzende von Gemeinden, die sich als Standort für das Endlager anboten. Den Zuschlag erhielt die 6.000-Einwohner-Gemeinde Eurajoki . Der Ort für das geplante Endlager heißt Onkalo. Er befindet sich 230 Kilometer nordwestlich von Helsinki auf einer Halbinsel, wo bereits zwei Siedewasserreaktoren in Betrieb sind und ein dritter (EPR-Art) geplant ist. Die Transportwege zum künftigen  Endlager sind deshalb optimal kurz. Im Rahmen eines Erkundungsprojekts wird hier seit 2004 gebohrt und gesprengt. Die Grubengänge sind mittlerweile fast fünf Kilometer lang und reichen bis in eine Tiefe von 450 Meter Tiefe. Man kennt also die Ausdehnung und die Eigenschaften der Granitformation recht genau.


Luftbild der finnischen Halbinsel Olkiluoto:
Im Hintergrund sind zwei Kernkraftwerke zu sehen;
das bebaute Areal im Vordergrund gehört zum Endlager Onkalo.




Politische Unterstützung, Langfristüberlegungen

Bevölkerung und Politik waren in allen Projektphasen fest eingebunden. Die finnische Regierung hatte schon frühzeitig ihre Zustimmung zum Endlagerprojekt signalisiert. Im Jahr 2001 ratifizierte auch das finnische Parlament dieses Vorhaben mit 159 zu 3 Stimmen. Im Februar 2015 bestätigte die finnische Sicherheitsbehörde STUK die atomrechtliche Sicherheit des beantragten technischen Konzepts. Um das Jahr 2020 herum soll mit den ersten Einlagerungen begonnen werden.


Das Endlager bietet Platz für 6.000 Tonnen hochaktive Abfälle. Die abgebrannten Brennelemente werden in Spezialcontainern verstaut, welche mit Kupfer ummantelt sind. In 450 Meter Tiefe werden sie in entsprechend gebohrte Tunnellöcher geschoben. Diese sollen anschließend mit der Vulkanasche Bentonit versiegelt werden, die sofort aufquillt, falls sie in Kontakt mit Wasser kommt.


Zum oft diskutierten Problem der Langzeitrisiken haben die finnischen Endlagerforscher folgende Position: Ihrer Meinung nach lassen sich die vergangenen geologischen Veränderungen in und auf der Erde über Jahrmillionen nachvollziehen. Die Geologen analysieren diese Veränderungen der Vergangenheit und ziehen daraus Rückschlüsse über mögliche Entwicklungen in der Zukunft. So können Prognosen für unterschiedliche Gesteine und Erdschichten bis zu einer Million Jahre im Voraus erstellt werden.


Diese Forscher weisen nach, dass die geologischen Veränderungen an der Erdoberfläche wesentlich rasanter vonstatten gehen als die Vorgänge im tiefen Untergrund. Je tiefer man gräbt, desto besser lassen sich also verschiedene Gefahren wie Erosion durch Flussläufe Erdrutsche oder Eiszeiten umgehen. Beispielsweise kann man in den kommenden eine Million Jahren mit etwa zehn Eiszeiten rechnen. Eine Million Jahre ist recht kurz im Vergleich zur Entstehungsgeschichte der Erde, die sich über 4.500 Millionen Jahre erstreckt. Damit die Eiszeiten und die mit ihnen einhergehenden geologischen Veränderungen keine Gefahr für ein atomares Endlager darstellen, müssen die Abfälle tief genug unter Tage eingelagert werden. Aus den Analysen der Vergangenheit weiß man, dass Gletscher schon 250 Meter tiefe Rinnen in die Erde gefräst haben. Geht man davon aus, dass sich zukünftige Eiszeiten nicht sehr viel anders abspielen werden als vergangene, so sollte man mit einer Erosion bis zu 300 Meter Tiefe rechnen. Die Einlagerungssohle muss also tiefer liegen, was in Olkiluoto mit 450 Meter der Fall ist. Bergwerke in dieser Tiefe sind nicht problematisch; in Deutschland hat man die maximale Tiefe von Endlagerstollen auf 1.500 Meter festgelegt.


Inzwischen denkt auch das Nachbarland Schweden über ein ähnliches Endlager in Granit nach. Man darf gespannt sein, wie diese Entwicklungen in Skandinavien die öffentliche Diskussion in Deutschland beeinflussen.









Sonntag, 19. Oktober 2014

Die WAK: Deutschlands sicherster Arbeitsplatz

Die Lebenserfahrung zeigt: mit Superlativen sollte man vorsichtig sein. Aber diesmal fühle ich mich auf der sicheren Seite, denn wo gibt es eine Firma, die Arbeitsplätze bis zum Jahr 2063 anbietet und  die sogar noch aus der Staatskasse finanziert werden. Es ist die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK), welche ab 1960 geplant wurde, die etwa 20 Jahre im Betrieb war und erst im fernen Jahr 2063 wieder in eine grüne Wiese konvertiert sein soll. (Wobei ich mich u. a. auf Informationen des technischen Geschäftsführers Professor Manfred Urban berufe, die vor wenigen Monaten in der FAZ veröffentlicht wurden).

Elite-Personal gesucht

Der Personalstand der WAK wächst und wächst und als kürzlich die Zahl von 500 eigenen Mitarbeitern überschritten wurde, war auch die Zeit zur personellen Aufstockung des Aufsichtsrats gekommen.  Aber die Personaleinstellung wird weiterhin forciert. Zum Rückbau der WAK sucht man per Flyer Ingenieure in den Bereichen Verfahrenstechnik, Maschinenbau, Bautechnik, Elektrotechnik und Strahlenschutz. Gegebenenfalls sogar mit Promotion! Dafür werden die oben genannten langfristigen Unternehmensperspektiven geboten, sowie Vergütungen und Sozialleistungen nach dem bekannt spendablen Manteltarifvertrag der chemischen Industrie. Die Mitarbeiter des benachbarten KIT mit ihren Tarifvertrag öffentlicher Dienst können da wohl nur neidisch blicken. Aber das ist noch nicht alles. In Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Karlsruhe werden auch Studienplätze zum Bachelor of Science angeboten und außerdem unterstützt die WAK die Bewerber bei Masterarbeiten und Promotionen. Wow!

Dabei war in den vergangenen eineinhalb Jahren bei der WAK gar nicht so arg viel zu tun. Die Geldgeber in Bund (91,8 Prozent) und im Land (8,2 Prozent) waren nämlich klamm und kürzten deshalb die jährlichen Mittelzuweisungen. So war das Jahr 2013 "verloren im Sinne eines technisch erreichbaren Projektfortschritts", was die Geschäftsführung in ihrem Bericht an die Mitarbeiter ganz freimütig zugab. "Design to Budget" war angesagt, d. h. es konnte nur bearbeitet werden, was auch finanziert wurde - die Leistungsdauer, sprich der Terminplan, war nachrangig. Die Fremdfirmenverträge wurden reihenweise gekündigt, das Eigenpersonal jedoch behalten und sogar noch aufgestockt. Im Jahr 2014 musste man endlos auf die Zuwendungsbescheide warten, die dann endlich im Juli - allerdings gekürzt um 18 Millionen Euro - bei der WAK eintrafen.

Lubmin im Blick.  Währenddessen versuchte man die Mannschaft bei Laune zu halten. Die geschah durch "virtuelle Gehwettbewerbe". Innerhalb von 60 Tagen sollte die Strecke von Karlsruhe nach Lubmin, dem Standort des Mutterkonzerns EWN (und Gottvaters Rittscher) zurückgelegt werden. Aber eben nur virtuell, denn jeder der 160 Teilnehmer hatte einen Schrittzähler, konnte seine tägliche Gehleistung selbst auf der Karte eintragen - und trotzdem im Raum Karlsruhe verbleiben. Für die erforderlichen Aufwärmübungen heuerte die WAK die frühere Olympiasiegerin Heike Drechsler an. Wer ko, der ko!

In Lubmin vertrieb sich die Mannschaft der dortigen Energiewerke Nord (EWN) die Zeit mit Paddelwettbewerben im Greifswalder Bodden, wobei man einen respektablen 21. Platz erreichte. Der EWN-Geschäftsführer Henry Cordes hatte mittlerweile alle Aktivitäten für ein GuD-Gaskraftwerk gestoppt, weil u. a. das hiesige Energieversorgungsunternehmen EnBW im Zuge der Energiewende inzwischen die Lust an diesem Projekt verloren hatte. Cordes setzt nun wieder auf das Geschäftsfeld nukleare Entsorgung, wo er seiner Firma praktischerweise gleich selbst "Exzellenz in der Stilllegung" bescheinigte.

Zwischenläger und Gesamtkosten

Selbst bei dem moderaten Abrisstempo der letzten Jahre, ist die Lagerung des rückgebauten radioaktiven Materials ein Riesenproblem. Das bestehende große Lager ist voll und der Neubau zweier weiterer Zwischenläger für schwach- und mittelaktive Materialien ist unausweichlich. Eigentlich sollten diese  Stoffe im Endlager "Konrad" (bei Gorleben) verstaut werden, aber dieses ist seit Jahren wegen vieler Einsprüche der Grünen in Verzug.

Seinen Teil dazu beigetragen hat auch der gegenwärtige baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller in seiner Eigenschaft als Chef des Freiburger Öko-Instituts, als Landtagsabgeordneter der Grünen und als Berater der Partei der Grünen seit den achtziger Jahren. Als Umweltminister muss der joviale  Endfünfziger (gelernter Landschaftsarchitekt) diese beiden Läger nun in seinem Ministerium genehmigen. Die Höchststrafe für einen Grünen! Widerstände sind dabei zu erwarten, denn der Standort dieser Läger ist inmitten des ehemaligen Kernforschungszentrums (jetzt KIT), wo sich täglich ca. 4.000 Personen in unmittelbarer Nähe bewegen.

Zusätzlich befindet sich, wie oben angesprochen, in diesem Bereich das größte deutsche ebenerdige Zwischenlager (Spitznamen: Wasteminster). Wenn die atomrechtlichen Anhörungen für die neuen Läger anlaufen, wird Untersteller zu erklären haben, weshalb diese ungeheure Menge an radioaktiven Stoffen den Mitarbeitern des KIT zugemutet werden kann. Und warum diese gefährlichen Materialien nicht längst im Endlager Konrad, tausend Meter unter der Erde, verstaut sind. Man darf gespannt sein über diese Diskussionen, der Slogan "Gorleben ist überall" wird dabei eine ganz neue Relevanz gewinnen. Derzeit redet man in euphemistischer Weise immer von "Lagerhallen"; klar muss den Ministerialbehörden jedoch sein, dass das Atomrecht für die Lagerung radioaktiver Stoffe "Bunker" verlangt, die gegen Erdbeben und Flugzeugabsturz gesichert sind.

Kosten und Projektstrategien.  Dies führt zu den Gesamtkosten des WAK-Abriss. Urban beziffert sie in dem genannten FAZ-Interview mit "deutlich über 5 Milliarden Euro". Zum angenommenen Projektende im Jahr 2063 könnten dies womöglich 10 Milliarden werden, womit sich die 1990 kalkulierten Rückbaukosten um den Faktor 10 (entsprechend 3 pi) erhöht hätten. Quasi zur Entschuldigung verweist der WAK-Chef darauf, dass die politische Entscheidung, den radioaktiven Abfall nicht im belgischen Mol verarbeiten zu lassen, das Projekt verzögert habe. Genau das Gegenteil ist richtig: die beiden SPD-Politiker Schäfer und Spöri wollten die sogenannte "Atomsuppe" nach Belgien schippern lassen. Es waren die beiden KfK-Manager H&M, welche dieses Wahnsinnsunternehmen gestoppt haben, zugunsten der Verglasung der plutoniumhaltigen Flüssigkeit vor Ort.

Die Möglichkeit, Einnahmen durch die weltweit einzigartige Entwicklung der Verglasungsanlage zu erzielen, wurde leider vertan. Die Chinesen interessierten sich für dieses Projekt und waren bereit, dafür Lizenzgebühren zu entrichten. Jahr um Jahr reisten Scharen von Karlsruher Forscher nach China, sodass schließlich dort ein (größeres) Abbild der hiesigen Verglasungsanlage entstand. Der Nettogewinn für die Karlsruher war leider Null. Wer dabei kaufmännisch versagt hat, ist öffentlich nicht bekannt. Schäuble hätte von einer "schwarzen Null" gesprochen.

Revirements

Einige Revirements sind noch zu vermelden.
Der Leiter der Betrieb für Dekontamination und Lagerung (HDB), Herr Olaf Oldiges, verließ die WAK GmbH bereits nach kurzer Zeit wieder, um extern in ein ähnliches Unternehmen einzusteigen.
Der kaufmännische und juristische Geschäftsführer der WAK GmbH, Herr Herbert Hollmann, wird in den nächsten Monaten diese Position aufgeben.
Und im benachbarten Institut für Transurane (ITU) wurde der Institutsleiter Professor Dr. Thomas Fanghänel vor wenigen Wochen eilends von seinem Posten entpflichtet und nach Brüssel geholt.
Als Berater.

Samstag, 10. März 2012

Soll die WAK dicht machen?

Im Hardtwald, zwischen den Gemeinden Linkenheim-Hochstetten und Eggenstein-Leopoldshafen, ist eine vertrackte Situation entstanden. Das Institut Transurane (ITU), eine Forschungseinrichtung der Europäischen Kommission in Brüssel, will einen Lagerbunker für radioaktive Materialien auf dem Gebiet der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten errichten lassen. Dessen Bürgermeister Günther Johs, ein strammer Kernenergiegegner, hatte das Projekt über viele Monate hinweg vehement abgelehnt. Als die grün-rote Landesregierung im Frühjahr 2011 (im Gefolge von Fukushima) an die Regierung kam, musste er jedoch zurück rudern. Der Grüne Umweltminister Franz Untersteller hatte sehr bald erkannt, dass die Genehmigungsanträge des ITU auf soliden vertraglichen Fundamenten basierten und nicht so einfach abgelehnt werden konnten. Er liess eine sog. "Mediation" veranstalten, worauf der Bürgermeister Johs seine Einwände gegen den Bunker weitgehend fallen liess. ( Mehr aus Gesichtswahrungsgründen veranlasste man das ITU auf einige Kilo Spaltmaterial zu verzichten, die sie vermutlich ohnehin nicht benötigt hätten.)

Beschlüsse zu Lasten Dritter

Nun konnte man von der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten erwarten, dass sie ihren Bebauungsplan so abändern würde, damit der Neubau des ITU-Bunkers auf der Linkenheimer Gemarkung möglich sein wird. Aber Gemeindvorsteher Johs genügte das nicht. Er wollte - so ganz nebenbei - auch noch sicherstellen, dass kein anderes Unternehmen auf seinen Gemeindegrundstücken eine neue kerntechnische Anlage errichtet. Aber ein solches Unternehmen gibt es längst, es ist die WAK GmbH, die ehemalige Fabrik für die Wiederaufarbeitung von Brennelementen. Sie war ca. 20 Jahre ganz erfolgreich in Betrieb und wird seit 1994 zurück gebaut; um das Jahre 2025 herum soll anstelle der vielen Gebäude eine grüne Wiese spriessen. Bürgermeister Johs will darauf (angeblich) ein Kongress- und Wellnesshotel bauen lassen, wobei man ihm nur wünschen kann, dass in diese idyllisch abgelegene Gegend auch Gäste kommen. Die WAK war bei der genannten Mediation kein offizieller Partner; die dortigen Beschlüsse, insbesondere zur künftigen Nichtbebauung, gingen also zu ihren Lasten.

Wie es bei einem Rückbau kerntechnischer Anlagen eben so ist: es entsteht radioaktiver Schrott, zumeist Beton und Stahl. Eigentlich sollte dieser nur schwach strahlende Atommüll im Endlager Konrad bei der niedersächsischen Stadt Salzgitter deponiert werden, aber deren Lagergenehmigung wird seit Jahren aus politischen Gründen blockiert. Frühestens 2019 ist mit der Inbetriebnahme von Schacht Konrad zu rechnen. Frühestens! Vielleicht auch erst 2031 oder 2041, wenn man das Tempo deutscher Genehmigungsverfahren zugrunde legt.



Schacht Konrad mit Fördergerüst

Von Anbeginn an haben die fleissigen WAK-Demonteure ihren Schrott im Zwischenlager des ehemaligen Kernforschungszentrums abgelagert, das nun den schönen Namen KIT -Campus Nord führt. Mehr als 4000 Forscher arbeiten in unmittelbarer Nähe, sind aber - nach behördlicher Feststellung - nicht in ihrer Gesundheit gefährdet. Nun, das Zwischenlager des KIT ist zwar riesig, aber trotzdem schon fast voll; etwa 60.000 Kubikmeter an radioaktiven Stoffen sollen dort lagern.

Hi  Zwischenlager,  hi  Pufferlager

Inzwischen haben die WAK-Ingenieure eine Abfallerhebung gemacht und zu ihren Schrecken festgestellt, dass aller Wahrscheinlichkeit nach der noch freie Platz im oben genannten Zwischenlager nicht ausreicht, um die restlichen Gebäude der WAK zu entsorgen. Die erste Idee war: ein zweites Zwischenlager - oder zumindest ein Pufferlager - muss her. Praktischererweise, um Transporte zu sparen, sollte das Pufferlager auf dem Gelände der WAK platziert werden. Als Bürgermeister Johs dies erfuhr, wurde er abwechselnd blass und rot vor Zorn und stoppte die Baugenehmigung für das arme ITU. Auch bei der atomrechtlichen Genehmigungsbehörde im fernen Stuttgart war man schockiert; der schön eingefädelte Plan mit der Mediation etc. war schiefgelaufen.

Der Chef selbst, Minister Untersteller, war nun gefordert. Als echter Politiker gab er erst mal eine Presseerklärung heraus,  der er als Kernsatz voranstellte: "Es gibt keine konkreten Pläne für den Bau eines Zwischenlagers". Dann nahm er das Tempo aus dem Geschehen, indem er die Ingenieure aufforderte, noch einmal gaaanz gründlich den zukünftigen Lagerbedarf zu berechnen. Das tun sie, nach 5 Wochen, auch heute immer noch. Und dann - ein besonderer Gag - philosophierte er im Internet ausführlich und maximal undeutlich über die "Pufferlagerung" auf dem Gelände der WAK. Dabei würde es sich, so sagte er, " nicht um eine neue kerntechnische Aktivität handeln, welche nach dem Mediationsverfahren ohnehin ausgeschlossen war".

Aha, Zwischenlager nein, Pufferlager vielleicht. Dabei muss man wissen, dass beide Lagerarten im Grunde den gleichen Vorgang umschreiben, nämlich die Aufbewahrung von radioaktiven Abfällen über einen nicht definierten Zeitraum. Bei beiden Lagerformen müssen die Lagerräume und -flächen Mindestanforderungen entsprechen. In der Praxis des allgemeinen Sprachgebrauchs wird der Begriff Pufferlager allerdings meist dann verwendet, wenn eine vergleichsweise kurze Lagerzeit vorgesehen ist.

Die WAK hält im Moment die Option für eine Pufferlagerung ihrer Abfälle offen, da sie nicht sicher ist, ob die Überführung ihrer Abfälle in das Zwischenlager mit dem Rückbau der WAK Schritt halten kann. Die Alternative wäre, den Rückbau der Anlage auf Jahre hinaus auszusetzen und die 500 Mitarbeiter zu entlassen. Diese Zäsur würde den Abriss der WAK mindestens um zehn Jahre verlängern mit entsprechenden Mehrkosten. Will das der Bürgermeister?  Und was hätte er mit seiner Intransigenz gewonnen? Den Hotelbau könnte er sich auf alle Fälle abschminken

Meine Prognose: die Ministerialen werden Schulze Johs weichklopfen.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Von der Verglasung zum Castor

Lärm und Mummenschanz

Während dieser Blog geschrieben wird, rollt der Zug mit den fünf Castorbehältern und den 140 Glaskokillen aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe in Richtung Zwischenlager Lubmin. Auf der ca. 900 Kilometer langen Strecke kam es kaum zu Störungen - sieht man vom Ausgangspunkt Leopoldshafen/Karlsruhe ab. Hier hatten sich einige "Aktivisten" so effizient an die Gleise gekettet, dass sie mit schwerem Gerät - samt Schiene - herausgeschnitten werden mussten. Anschliessend wurden die Gleise auf einer Strecke von zehn Metern wieder verschweisst und festgeschraubt. Trotzdem konnte der Castortransport, wie geplant, Karlsruhe in den frühen Morgenstunden in Richtung Lubmin verlassen.


Handhabung des CASTOR vor der Verglasungsanlage (Hintergrund)

Am vorausgehenden Samstag hatten die "Umweltschützer" zu einer Demonstrationsveranstaltung auf den Karlsruher Marktplatz geladen. Es war ein buntes Treiben mit karnevalesken Zügen. Kostümierung ist derzeit offensichtlich in; ein Atomgegner demonstriert nicht mehr in seiner Privatkluft. Drei grosse Verkaufsstände, die lebhaft an die Devotionalientische in Altötting erinnerten, boten modisches Outfit und sonstige Gerätschaften an - alles gegen cash. Die Buttons "Atomkraft nein danke" gingen noch für zwei Euro weg; für die Shirts musste man schon zehn Euro löhnen, für die grossen Fahnen gar zwanzig. Trotzdem, das billig hergestellte Zeugs ging reissend weg und die "Demonstranten" fühlten sich offensichtlich wohl in ihren Klamotten.

Zum Schluss gab es sogar noch eine aufrüttelnde Rede. Ein ehemaliger Funktionär der Grünen wetterte mit allem, was seine Stimmbänder hergaben, gegen die schreckliche Kernenergie. All die falschen und halbrichtigen Behauptungen, die er im Laufe seiner gut 30-jährigen Aktivistenzeit angesammelt hatte, schüttete er (verbal) vor seinem Volk aus. Wie oft wurden diese Phrasen schon in öffentlichen Anhörungen widerlegt - er konnte trotzden der Versuchung nicht widerstehen, sie ein weiteres Mal auszubreiten.

Und genau das ist das Problem mit der deutschen Protestbewegung gegen die Kernenergie. Ihre Vertreter haben nicht die intellektuelle Kapazität, ihre Behauptungen auf den Prüfstand zu stellen. Sie scheuen die seriöse Diskussion mit den Befürwortern dieser Technologie.  Ein Happening ist ihnen allemal mehr wert, als eine Debatte, bei der Rede und Gegenrede gewogen wird.

Am Anfang: eine Fehlentscheidung

Während der 20-jährigen Laufzeit der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) wurden etwa 207 Tonnen Uran und 1165 Kilogramm Plutonium aufgearbeitet, wobei das wieder gewonnene Uran und Plutonium auf dem Brennstoffmarkt verkauft wurde. Als Abfall blieben rund 80 Kubikmeter Salpetersäure übrig , "gewürzt" mit 8 t Spaltprodukten und 200 kg Aktiniden, sowie Restmengen an Uran und Plutonium - voilà, die berühmte "Atomsuppe". Dieser Begriff entstammt dem Vokabular der Kernenergiegegner; richtigerweise spricht man von hochradioaktiver und konzentrierter  Abfallösung, wofür sich der englische Begriff "high active waste concentrate" eingebürgert hat, abgekürzt HAWC. Der Flüssigabfall befand sich bei der WAK in zwei verbunkerten Edelstahlbehältern; wegen der Eigenwärme - entsprechend der Intensität von ca. hundert Tauchsiedern - musste man ihn moderat kühlen. Als 1991 die WAK stillgelegt und ihr Rückbau beschlossen worden war, entschied man sich für die Verglasung des HAWC, um ihn endlagertauglich zu machen.

Die Verglasung sollte im belgischen Forschungszentrum Mol stattfinden, wo es eine entsprechende Anlage, die sog. Pamela, dafür gab. Dazu war folgende Prozedur vorgesehen:  der HAWC sollte in eine noch zu errichtende Abfüllanlage HAWA überführt und von dort in einen speziellen Castorbehälter gefüllt worden, der jedoch noch zu entwickeln war. Dieser HAWC-Castor wäre dann per Eisenbahn ca. tausend Kilometer nach Belgien transportiert worden. Am Ende der dortigen Eisenbahntrasse wäre er umgeladen worden, um als Strassentransport zur Pamela zu gelangen. Dabei hätte er verschiedene Ortschaften passiert, die nicht gerade als kernenergiefreundlich galten; ausserdem wären - wegen des hohen Gewichts - einige Brücken zu verstärken gewesen. An der Pamela selbst hätte man eine Entladestation benötigt, die ebenfalls erst zu planen und zu bauen war. Da der Spezialcastor lediglich ca. 3 cbm Flüssigkeit fassen konnte, wären 25 Transporte hin und 25 Transporte zurück erforderlich gewesen, um die WAK zu entleeren.

Aus heutiger Sicht klingt ein solcher Entsorgungsweg absurd. Jeder Laie kann sich vorstellen, dass eine solche Prozedur nicht funktioniert hätte, schon gar nicht 25 mal. Aber damals waren alle Beteiligte: das Kernforschungszentrum, der Betreiber der WAK, sowie die Allgewaltigen  in Bund und Land davon überzeugt, dass es möglich sein würde. So gab der Aufsichtsrat 1993 dafür seinen Segen,  womit die Verglasung in Mol war beschlossen war. Demzufolge wurde mit der Planung der Abfüllstation HAWA begonnen und eine öffentliche Anhörung durchgeführt; wesentliche Teile des Flüssigcastors wurden im Masstab 1:1 gebaut und - last but not least - wurde mit den Belgiern ein Vertrag abgeschlossen zur Verglasung des Karlsruher HAWC in Mol/Dessel.

Zwei gegen Alle

Mit Beginn des Jahres 1994 fand eine Umorganisation im Stillegungsprojekt der WAK statt, welche dem Kernforschungszentrum (KfK) höhere Kompetenzen zuwies. Zwei Manager der KfK, der Vorstand H. und sein Finanzchef M. übernahmen nun das Ruder, welche dem Transport des HAWC nach Belgien sehr kritisch gegenüber standen. Sie schlugen vor, die Verglasung in Karlsruhe, also an Ort und Stelle, durchzuführen, wobei sie auf entsprechendes know-how des nahen Entsorgungsinstituts INE verwiesen. Dort gab es eine kleine Gruppe, die sich seit Jahren erfolgreich mit den technischen Problemen der Verglasung beschäftigte.

Damit hatten die beiden Herren aber in ein Wespennest gestochen. Wie ein Mann erhoben sich die Befürworter der Transportlösung, um ihre bisherigen Arbeiten zu verteidigen. Insbesondere die Betreibermannschaft der WAK  war (allerdings nur anfangs) gegen die Änderung der bisherigen Entsorgungstrategie. Die gewichtigsten Opponenten jedoch waren zwei ranghohe Landespolitiker, nämlich der Wirtschaftsminister Spöri und der Umweltminister Schäfer, beides Genossen der SPD. Diese wären formal für die atomrechtliche Genehmigung und Aufsicht der Verglasungsanlage zuständig gewesen, was sie offensichtlich mit allen Mitteln verhindern wollten.

Etwas differenzierter war die Situation auf seiten der Bundesregierung, welche damals noch in Bonn angesiedelt war. Sie liessen sich von den Argumenten der KfK-Manager überzeugen und versuchten ihrerseits das Land dafür zu gewinnen. Selbst Frau Merkel, damals noch Umweltministerin, machte sich in einem 4-seitigen Brief (von ihr persönlich unterschrieben) für die Vorortlösung stark. Aber alles Reden war vergebens, die beiden Landesminister waren nicht zu überzeugen. Stattdessen wurde externer Rat eingeholt; ein Gutachten der Essener Firma STEAG hielt die Mol-Variante für die wirtschaftlichste Lösung, eine andere Expertise der Stuttgarter Firma Fichtner stützte unsere Strategie.

Zwei volle Jahre ging es so argumentativ hin und her; keine Seite wollte nachgeben. Die KfK war aufgrund ihrer organisatorischen Kompetenz jedoch am längeren Hebel. Die genannten Manager blockierten einfach die Transportvariante, indem sie keine weiteren Aufträge und Verträge unterschrieben. Im Sommer 1996 hatte das verbale Ping-Pong-Spiel ein Ende: im Land Baden-Württemberg wurde ein neues Parlament gewählt und es kam zu einer CDU/FDP - Koalition. Spöri und Schäfer wurden (mit guten Pensionen) in die Wüste geschickt; stattdessen übernahmen Döring (FDP) und Schaufler (CDU) das Wirtschaftsministerium resp. das Umweltressort. Beide unterstützten die Verglasung in Karlsruhe und im Herbst 1996 wurde die VEK (=Verglasungseinrichtung Karlsruhe) nun auch offiziell auf Kiel gelegt.

Langwieriger Bau, zügiger Betrieb

Das technische Konzept der Verglasungseinrichtung VEK beruhte auf langjährigen Erfahrungen des KfK-Instituts INE. Deren Schmelzofentechnik war bereits bei der belgischen Pamela-Anlage angewandt worden, wo man von 1985 bis 91 immerhin 900 Kubikmeter Flüssigabfall der dortigen Wiederaufarbeitungsanlage EUROCHEMIC verglast hatte. Die zentrale Komponente bei beiden Anlagen war ein elektrisch beheizter Schmelzofen mit keramischer Auskleidung. Das Verfahren sah vor, den HAWC aus den Lagerbehältern und die Glasfritten kontinuierlich in den Schmelzofen einzuspeisen, wodurch es zu einer innigen Verschmelzung der radioaktiven Substanzen mit dem Glas kommt. Nach einer mehrstündigen Durchmischungsphase wird am Boden des Schmelzofens eine Öffnung freigegeben und das Gemisch aus Glas und strahlenden Isotopen in einen Stahlbehälter (Kokille) abgelassen.



Der Schmelzofen der Verglasungsanlage

Die Planung der VEK begann in geradezu atemberaubendem Tempo. Bereits Ende 1996 lag ein (vorläufiger) Sicherheitsbericht vor, der die Unterlage für die nachfolgende öffentliche Anhörung und die 1. Teilerrichtungsgenehmigung bildete. Schon eineinhalb Jahre später, im Sommer 1998, konnte man beim Institut INE die Prototypversuchsanlage PVA besichtigen, welche die spätere VEK im Masstab 1:1 nachstellte. Dass es dann doch noch bis zum Sommer 2009 dauerte, bis die erste HAWC-Lösung in die VEK eingespeist werden konnte, mag deshalb erstaunen. Die Ursache für diese 13-jährige Planungs-und Errichtungsphase lag wohl darin, dass das Projekt VEK nach Paragraf 7 des Atomgesetzes begutachtet und genehmigt werden musste. Damit war es in der gleichen genehmigungstechnischen Kategorie wie ein Kernkraftwerk - und das zu einer Zeit, in der es in Deutschland nahezu unmöglich geworden war, solche Objekte zu bauen. Rigorose Auflagen gab es insbesondere auf dem Gebiet des Erdbebens und des Flugzeugabsturzes. Ganz zum Schluss musste noch für viele Ankerplatten der Stabilitätsnachweis erbracht werden.


Blick auf das Gelände der WAK (in rot: VEK)

Nun: Ende gut, alles gut, möchte man sagen. Nach der Fertigstellung lief der Betrieb umso perfekter. Schon nach einem Jahr (anstelle der geplanten zwei) war der HAWC im Sommer 2010 zur Gänze verglast und in 140 Kokillen verstaut, die ihrerseits in 5 Spezial-Castorbehälter untergebracht wurden. Allen Beteiligten gebührt Respekt für diese Leistung!  Wie man hört, sind die Chinesen sehr an einer Lizenz für das deutsche Verglasungsverfahren  interessiert; das würde die Entwicklungskosten der VEK
 - man munkelt von 3-400 Millionen Euro - etwas drücken.

Und wie geht´s nun weiter beim Abriss der gesamten WAK-Anlage? Nun, in gut zehn Jahren soll alles zurückgebaut sein - für vermutete 2,6 Milliarden Euro. Zuerst ist das Prozessgebäude mit den Laboranlagen an der Reihe, dann folgt - per fernbedientem Abriss -  die fast noch jungfräuliche VEK mit den angrenzenden Lägern.

Die Vision für das Jahr 2025 sieht so aus:


Grüne Wiese

Sonntag, 30. Januar 2011

Neue Ideen bei Asse II

Die Versuchsanlage Asse II, südlich von Braunschweig gelegen, wird seit Jahren in den Medien heftig diskutiert. Im Jahr 1965 wurde dieses stillgelegte Salzbergwerk von der Bundesregierung erworben, um dort probeweise radioaktiven Abfall aus deutschen Kernkraftwerken und Krankenhäusern zu lagern. Zwischen 1908 und 1963 war in dem Bergwerk Kalisalz (Carnallit) für die Düngerherstellung, sowie Steinsalz gefördert worden. Bei der Gewinnung wurden über 100 Abbaukammern in 500 bis 800 Metern Tiefe ausgebaggert. Jede dieser Kammern ist ca. 60 m lang, 40 m breit und 15 m hoch., entsprechend dem Volumen eines grossen Wohnblocks. Darüber liegt ein mächtiges Deckgebirge aus Bundsandstein und Muschelkalk. Der Salzstock selbst entstand vor etwa 200 Millionen Jahren und hat mehrere Eiszeiten und Zwischeneiszeiten unversehrt überstanden - ebenso wie die Erdbewegungen 100 Millionen Jahre später, als sich die Alpen auftürmten.



Längsschnitt durch das Grubengebäude Asse II

Von 1965 bis in die 90er Jahre wurden auf 750 Metern Tiefe ca. 126.000 Fässer eingelagert. Zuerst waren es schwachradioaktive Stoffe, wie Verdampferkonzentrate und Fällschlämme, später kamen mittelradioaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) hinzu. In der Frühzeit wurden diese 200-Liter-Fässer noch nebeneinander und übereinander gestapelt, später entwickelte man die Methode des "Einpökelns". Dabei wurden aus einem Schaufelbagger die Fässer über eine Salzböschung gekippt und anschliessend mit losem Salz zugeschüttet.


Querschnitt durch den Salzdom Asse II


Seit einigen Jahren dringt über das Deckgebirge Wasser in die Grube ein. Im Schnitt sind es 12 Kubikmeter pro Tag, die in einem Speicherbecken aufgefangen und in ein naheliegendes Salzbergwerk gebracht werden. Dieser Vorfall gibt Anlass zu heftigen politischen Diskussionen; insbesondere Parteigänger der Grünen und der SPD fordern die Rückholung der 126.000 eingelagerten Fässer. Diese Massnahme würde etwa zehn Jahre dauern und 3 bis 4 Milliarden an Kosten verursachen. Viele Experten halten die Forderung der gänzlichen Rückholung jedoch für überzogen, ja sogar für kontraproduktiv, wie im Folgenden kurz dargestellt wird.

Die Argumente

1. Das Bergwerk Asse ist durch die Einbringung des Atommülls nicht radioaktiver geworden, als es im Urzustand einmal war. Durch den früheren Kaliabbau hat man nämlich mehr an Radioaktivität - in Form des strahlenden Isotops Kalium 40 - herausgeschafft, als später durch die Atomfässer eingebracht wurde. Unvergleichlich viel grösser ist die im Berg immer noch vorhandene natürliche Radioaktivität des Kalium 40 im sog. Urgestein.

2. Nicht allgemein bekannt ist, dass die radiologische Halbwertszeit des Kalium 40 mit mehr als einer Milliarde Jahren etwa 40.000 mal länger als die Halbwertszeit von Plutonium ist.

3. Die Wasserlöslichkeit und damit die Bioverfügbarkeit ist bei Kalium 40 viel grösser als bei den chemischen Elementen in den Fässern. Sogar Uran und Plutonium - welche sich nur in geringen Mengen in Asse befinden - oxidieren rasch zu UO2 bzw. PuO2 und werden an Ort und Stelle fixiert. Damit können sie weder in die Biosphäre entweichen noch ins Grundwasser gelangen. Cäsium 137 wurde nicht eingelagert, sondern ist in der Verglasungsanlage an der WAK in Kokillen verfestigt worden.

4. Bei der Rückholung der Fässer würden die Arbeiter unkalkulierbaren bergmännischen Risiken ausgesetzt werden. Ausserdem wären Kontaminationen und Bestrahlungen zu erwarten, falls geborstene Fässer manipuliert werden müssten.

5.  Dabei ist die Gesamtstrahlung der 126.000 Fässer durchaus nicht beeindruckend. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat festgestellt, dass der Inhalt eines einzigen Castorbehälters 200 mal stätrker strahlt, als alle in Asse eingelagerten Fässer zusammen.

6. Das täglich zulaufende Sickerwasser von 12 Kubikmetern ist im Bergwerk mit geringem Pumpaufwand beherrschbar; eine typische Heimwerkerpumpe genügt dafür. Zum Vergleich: im Ruhrgebiet werden jedes Jahr mit riesigen Pumpanlagen zig Millionen Kubikmeter an Grundwasser abgepumpt, um die ehemaligen Kohlekraftwerke vor dem "Absaufen" zu bewahren. Dafür entstehen jährliche Kosten von 100 Millionen Euro! Ewigkeitskosten da wie dort - allerdings in verschiedener Höhe.

Der frühere Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat das Bergwerk Asse II kurzerhand zu einer Atomanlage erklärt, womit dort anstelle des bisherigen Bergrechts das viel rigidere Atomrecht gültig ist. Damit sind alle Arbeiten massiv erschwert. An den Eingängen der alten Schachtanlage wird nun kontrolliert, als würde man den Hochsicherheitstrakt eines amerikanischen Gefängnisses betreten. Vor kurzem wollte ein alter erfahrener Mitarbeiter von Asse eine Tüte Salz aus dem Bergwerk als Souvenir mit nach Hause nehmen. Er wurde gefeuert.

Wegen Diebstahls von radioaktivem Material nach §328 Strafgesetzbuch!

Sonntag, 23. Januar 2011

1 Million Jahre? Wohl kaum!

Den Widerstand gegen den Ausbau der Kernenergie in Deutschland kann man an zwei Themen fest machen: an der Sicherheit des Reaktorbetriebs (Stichwort "Tschernobyl ist überall") und an der Endlagerung der radioaktiven Abfälle ("Salzstock Gorleben"). Insbesondere die Endlagerung der Abfallstoffe über geologische Zeiten von einer Million Jahren und darüberhinaus weckt in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung Zweifel und Ängste. Doch das muss nicht andauern. Seit etwa einem Jahrzehnt kursieren bei den Wissenschaftlern verheissungsvolle Ideen, wie man auf die ungeliebte Endlagerung in tiefen Erdschichten ganz oder zumindest grösstenteils verzichten kann. Diese nehmen immer mehr Gestalt an; die Stichworte für diese weltweiten Forschungen sind: " Abtrennen und Umwandeln", oder auf englisch: "Partitioning and Transmutation".

Abfall oder Wertstoff?

Etwas vereinfacht gesprochen, entstehen bei der Kernspaltung in Reaktoren zwei Sorten von Abfällen: die eine Kategorie besteht aus Atomkernen, sprich "Isotopen", die in kurzen Zeiten (Stunden bis Tagen), beziehungsweise in überschaubaren Zeiträumen (Jahren bis wenige Jahrhunderte) abklingen. Die zweite Kategorie an Abfällen verliert ihre Radioaktivität erst in tausend oder gar Millionen Jahren und soll, nach heutigen Vorstellungen, tiefgelagert werden. Dazu gehört das berühmt-berüchtigte Plutonium, aber auch weniger bekannte Isotope wie Americium, Neptunium, Curium u.a.m., wie aus der untenstehenden Tabelle hervorgeht. Die letzteren Isotope bezeichnet man auch als Transurane, weil sie im Periodensystem der Elemente jenseits vom Uran liegen.


Die wichtigsten langlebigen Isotope; ihre Halbwertszeit und Menge (pro Tonne verbrauchter Brennstoff)

Nun besitzen die Abfallstoffe der zweiten Kategorie aber nicht nur den Nachteil, dass sie über sehr lange Zeit strahlen, sondern sie können auch - in speziellen Kernreaktoren - atomar gespalten werden. Dabei wandeln sie sich zu Abfällen der ersten Kategorie (klingen also relativ schnell ab) und, ganz wichtig, bei dieser Spaltung wird auch noch Energie erzeugt. Sie vergrössern also die knappen Uranreserven, die, nach bisherigen Vorstellungen, nur noch ein bis zwei Jahrhunderte reichen.

Es ist deshalb kein Wunder, dass diese Abfälle in letzter Zeit mehr und mehr als "Wertstoffe" angesehen werden, die man keinesfalls in Gorleben oder anderswo unter der Erde verstecken sollte. Stattdessen sollte aus ihnen durch Rezyklierung Kernbrennstoffe und Energie gewonnen werden. Die Ähnlichkeit mit den konventionellen Abfällen drängt sich auf: während diese bis 1980 noch weitgehend auf den städtischen Müllbergen landeten, werden sie seitdem - z. B. im Rahmen des dualen Systems - in Sorten getrennt und als Wertstoff wiederverwendet.

Utopie oder technische Vision?

Die technische Umsetzung der beschriebenen Ideen beginnt mit der chemischen Abtrennung der (in der Tabelle genannten) radioaktiven Isotope aus den bestrahlten Brennelementen, die oberirdisch in Philippsburg, Neckarwestheim, Biblis etc. gelagert sind. In Europa benutzt man bei dieser Aufarbeitung wässerige Säurelösungen, in den USA vorzugsweise elektrochemische Prozesse. Die erstgenannte Methode ist technisch ausgereifter, bei der zweiten kann man Brennstoffe mit kurzer Kühlzeit in kompakten Anlagen aufarbeiten. Anschliessend werden die so abgetrennten Isotope Plutonium, Americium, Neptunium und Curium einem Dauerfeuer von Neutronen ausgesetzt. Dabei verwandeln sie sich in Atomkerne, die entweder nicht mehr strahlen, oder deren Radioaktivität schon bald auf ein unschädliches Mass abklingt.

Die Idee für eine solche Maschine stammt von dem italienisches Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia. Dabei schiesst ein Beschleuniger Protonen, also positiv geladene Wasserstoffkerne, auf flüssiges Blei, wobei je Proton 15 bis 30 Neutronen erzeugt werden. Durch diese sogenannte Spallation werden die langlebigen Transuranatome in Atome mit kurzer Halbwertszeit gespalten. Dieses Konzept wird als "ADS" (Accelerator-Driven System) bezeichnet und erzeugt nebenbei noch Strom im Überschuss. Ausserdem besteht, aus physikalischen Gründen, nicht die Gefahr des "Durchgehens" dieses Reaktors, weil er im unterkritischen Regime arbeitet. Im belgischen Forschungszentrum Mol plant man, mit europäischer Hilfe, die Vielzweckanlage "MYRRHA" (Multi-Purpose Hybrid Research Reactor for High-Tech Applications), welche die Machbarkeit der Elementumwandlung demonstrieren soll. Dabei handelt es sich um einen schnellen Forschungsreaktor von 50 bis 100 Megawatt Leistung, der kritisch oder auch unterkritisch betrieben werden kann. Ein 600 MeV Protonenbeschleuniger und eine Spallationstarget, das mit Blei-Wismut gekühlt ist, vervollständigt die Anlage, welche um das Jahr 2025 in Betrieb gehen soll.


Das belgische Forschungszentrum Mol mit der Transmutationsanlage "Myrrha" im Vordergrund (schematisch)

Eine zweite Möglichkeit zur Elementumwandlung bieten die Reaktoren der sogenannten 4. Generation, die vom Aufbau her den Schnellen Brütern ähneln. Sie sind effizienter für die Plutoniumverbrennung und die Stromproduktion. Ein Prototyp, genannt "ASTRID", wird derzeit in Frankreich geplant und soll ebenfalls zur Mitte des kommenden Jahrzehnts betriebsbereit sein.

An dem Grossprojekt "Abtrennung und Umwandlung" wird nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und in Asien mit Hochdruck geforscht. Nach dem Bau der genannten Pilot- und Demonstrationsanlagen wird man die Umwandlung der Transurane in Kilo- und Tonnenmasstab betreiben können. Wegen der intensiven Vernetzung der weltweiten Forschergruppen besteht die reelle Aussicht, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts das schwierige Problem der Endlagerung gelöst sein könnte.

Falsch gepokert, Herr Graf ?

Die publizistischen Auswirkungen dieser Forschungen sind bereits jetzt erkennbar. Es scheint, als würden prominente Kernkraftkritiker den Verlust ihres Hauptarguments befürchten: die (angeblich) ungesicherte Entsorgung. Wie anders kann man verstehen, wenn Sprecher von Greenpeace erklären, dass ihnen die Endlagerung der Atomabfälle in geologischen Schichten lieber sei, als deren Umwandlung in Elemente mit kurzer Halbwertszeit? Wurden ihnen da ihre "Hauptwaffe" im gesellschaftlichen Diskurs entwunden? Anders kann man diese geradezu zynischen Äusserungen kaum werten.

Bei Gelingen dieser Forschungen besteht durchaus die Chance, dass man auf das Endlager Gorleben verzichten kann. Und, dass sich die vielgeschmähten oberirdischen Zwischenläger an den verschiedenen Reaktorstandorten in Zukunft als hochwillkommene "Brennstoffminen" für einen weiteren langen Reaktorbetrieb entpuppen könnten - natürlich unter Nutzung neuerer Reaktortypen.

Diese technische Entwicklung könnte indirekt auch Auswirkungen auf den Familienclan der Bernstorff im Wendland haben, der seit dreissig Jahren gegen das geplante Endlager in Gorleben streitet. Andreas Graf von Bernstorff gehören dort nicht nur 5.700 Hektar Forst und 650 Hektar Land, sondern auch ein Drittel des Salzstocks von Gorleben, der unter (einem kleinen Teil) seines Waldgebiets liegt. Die Regierung von Niedersachsen hat dem Grafen vor knapp fünfzehn Jahren satte 30 Millionen Mark für den Ankauf dieser vergleichsweise winzigen Fläche geboten. Bernstorff lehnte ab.

Möglicherweise hat der Graf zu hoch gepokert, wenn der Salzstock Gorleben gar nicht gebraucht werden sollte

Dienstag, 30. Juni 2009

Angela M. und die Atomsuppe

Seit einiger Zeit wird im Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) immer öfter von der "unmittelbar bevorstehenden Inbetriebnahme der Verglasungseinrichtung VEK" gesprochen. Nehmen wir mal optimistischerweise an, dass diese Anlage nach den Bundestagswahlen den (echten!) Betrieb aufnehmen wird, dann ist es jetzt an der Zeit, einige Facetten der Projekthistorie Revue passieren zu lassen. Wie bei jedem Milliardenunternehmen wurden in der Vergangenheit richtige, aber auch einige grottenfalsche Entscheidungen getroffen. Soweit dabei das obere Management, bzw. ranghohe Politiker involviert waren, seien die wichtigsten Entscheidungen kurz rekapituliert.

"WAK - Winnackers Alte Klamotte", witzelten einige Chemieverfahrensingenieure, als 1964 für die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) das angeblich veraltete Purex-Verfahren ausgewählt wurde. Zukunftsreicher als die Extraktion auf nasschemischem Wege wären nach Meinung dieser Kritiker das Halogenidverfahren oder die pyrometallurgischen Methoden gewesen. Aber Karl Winnacker, damals mächtiger Chef der Farbwerke Hoechst AG, focht dieser Streit nicht an; er setzte sich durch.

Freilich war mit dieser Entscheidung auch eine Hypothek verbunden. Pro Tonne Reaktoruran erhielt man zwar 948 kg Uran und 10 kg Plutonium als "Wertstoffe" zurück - aber auch jede Menge flüssigen Abfall. Genauer gesagt: ca. 400 Liter Salpetersäure, "gewürzt" mit 41 kg Spaltprodukten, 1 kg Aktiniden, Korrosionsprodukten sowie Restmengen an Uran und Plutonium, da die Trennanlagen naturgemäss nicht vollkommen separieren konnten. Voilà, die berühmte "Atomsuppe"! Kerntechniker bezeichnen diesen Flüssigabfall etwas seriöser als "high active waste concentrate", abgekürzt HAWC.

Von diesem HAWC gab es zum Betriebsende der WAK im Jahr 1990 aber nicht nur einen halben Kubikmeter, sondern deren 80, entsprechend der insgesamt aufgearbeiteten Kernbrennstoffmenge von 206 Tonnen. Nicht unbedingt ein riesiges Volumen an flüssigem Abfall, denn er hätte Platz gefunden in einem "Schwimmbad" von 8 m Länge, 5 m Breite und 2 m Tiefe. Die Erwärmung durch die Eigenstrahlung ist messbar, aber durchaus moderat. Etwa so, als ob hundert Tauchsieder dieses Becken leicht anwärmen würden. Die radioaktive Strahlung ist allerdings ziemlich beträchtlich: ohne Abschirmung hätte man sich diesem Schwimmbad allenfalls auf einem Kilometer nähern dürfen.

Eine glatte Fehlentscheidung während der Bauphase der WAK (1965-70) war der Verzicht auf eine Verglasungsanlage für den HAWC. Flüssigabfall ist per se nicht endlagerfähig, sondern muss vorher verfestigt werden. Die Überführung in den Festzustand durch Verglasen (bzw. Zementieren oder Kalzinieren) ist also unumgänglich. Stattdessen liessen die Manager der Betreibergesellschaft GWK ein sog. Hauptwastelager (HWL) bauen, mit zwei verbunkerten Edelstahlbehältern zur Aufnahme des HAWC. Als diese 1986 gefüllt waren, kam die sog. Lager- und Verdampfungsanlage (LAVA) dazu, die ebenfalls aus zwei abgeschirmten Lagerbehältern bestand. Allein die LAVA kostete damals die Riesensumme von fast 100 Millionen DM, wofür man besser eine Verglasungsanlage finanziert hätte.

Anfangs der neunziger Jahre wurde der Betrieb der WAK eingestellt, nachdem die deutschen Stromerzeuger die Grossanlage Wackersdorf aufgegeben hatten. Die Betriebsmannschaft der GWK beschäftigte sich fortan mit der Stillegung und dem Rückbau ihrer Anlage. Man beschloss damals die 80 cbm HAWC zur Verglasungsanlage "Pamela" ins belgische Mol zu transportieren, die - mit Karlsruher Hilfe! - für die dortige Wiederaufarbeitungsanlage der Eurochemic gebaut worden war. Entsprechende Dienstleistungsverträge wurden abgeschlossen und die Entwicklung des Spezialtransportbehälters CASTOR V/HAWC sowie der Abfüllstation HAWA in Angriff genommen.

Im Rahmen einer vom Bonner Forschungsministerium veranlassten
Umorganisation wurde das Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) 1993 mit der Federführung für die Stilllegung der WAK beauftragt. Von da an nahm das Projekt eine folgenreiche Wende. Zwei ranghohe Manager der KfK hielten das bisher verfolgte Transportkonzept beim HAWC für zu risikoreich und schlugen vor, die Atomsuppe vor Ort in Karlsruhe zu verglasen. (Die Namen dieser beiden Manager sind mir wohl bekannt; ich nenne sie nicht - aus Bescheidenheit.) Strikt dagegen war ein halbes Dutzend, ebenfalls ranghoher Manager, zumeist aus dem Bereich der GWK stammend. ( Auch deren Namen könnte ich noch vollständig aufzählen; ich versage mir dies - aus Barmherzigkeit.) Und wie es eben im wirklichen Leben so ist: die bessere Idee setzt sich durch und der Ober sticht den Unter. Bald wurde beschlossen, die Verglasungseinrichtung VEK vom KfK-Institut INE vorplanen zu lassen und in unmittelbarer Nähe des Lagerbunkers LAVA zu errichten.

Nun war noch die baden-württembergische Landesregierung zu gewinnen, denn eine Verglasungsanlage ist formal eine kerntechnische Einrichtung und bedarf der Genehmigung nach §7 des Atomgesetzes. Die zuständigen Minister waren damals der Wirtschaftsminister Dieter Spöri und der Umweltminister Harald B. Schäfer, beide von der SPD. Zur grossen Überraschung legten sich beide quer. Spöri bekannte sogar in einer Presseerklärung, "dass mit mir der Konzeptionswechsel nicht zu machen ist". Beide verlangten kategorisch, die Atomsuppe, wie früher angedacht, nach Belgien zu transportieren und dort zu verglasen.

In dieser verfahrenen Situation wandte sich die KfK (über das Bonner Forschungsministerium) an die neu ernannte Bundesumweltministerin Angela Merkel. Sie war nach der Bundestagswahl im Oktober 1994 völlig überraschend in dieses Amt gekommen und hatte damit den langjährigen Platzhirsch Klaus Töpfer abgelöst, der zum Bauministerium abgeschoben wurde. Nach kurzer Zeit erhielt der Forschungsminister Rüttgers von Frau Dr. Merkel eine Stellungnahme, die in mehrfacher Hinsicht sehr bemerkenswert war. In einem 4-seitigen, fast persönlich gehaltenem Schreiben (das sie auch selbst unterzeichnete!), bekannte sich die damals 40jährige Ministerin und Physikerin ohne Wenn und Aber zum VEK-Konzept. Sie benannte vorallem das hohe Risiko der erforderlichen 30 Transporte nach Mol, wofür ein neuartiger Castorbehälter für flüssigem Abfall vorgesehen war, der bisher nirgendwo erprobt werden konnte. Sie mutmasste: "Bei einem Störfall könnten diese Transporte erheblich verzögert werden oder gar zu einem nicht vorhersehbaren Zeitpunkt gänzlich scheitern." Die absehbare Projektverzögerung beim Umschwenken auf die Verglasung vor Ort hielt sie demgegenüber für tolerierbar. Die Schlussfolgerung in ihrem Brief war deutlich: "Ich schliesse mich deshalb der Empfehlung an, die Mol-Variante zugunsten der VEK fallen zu lassen."

Ihre klare Stellungnahme veranlasste unter anderem den Parteichef der baden-württembergischen FDP, Walter Döring, sich öffentlich zur VEK zu bekennen. Spöri und Schäfer blieben allerdings stur bei ihren Positionen und wurden bei der Landtagswahl im Sommer 1996 dafür hart abgestraft. Nur 25,1 % der Stimmen erhielten die Genossen, womit der Weg frei war für eine Koalition zwischen CDU und FDP. Und auch die atomrechtliche Genehmigung für die Verglasungsanlage schien nun erreichbar zu sein, denn Döring galt als designierter Wirtschaftminister und der CDU-Mann Schaufler als Umweltminister. An den strahlenden Gesichtern am Tag nach der Wahl konnte man ablesen, dass viele Mitarbeiter im VEK-Bereich auf diese politische Traumkombination ihre Hoffnungen gesetzt hatten.

Aber bevor Döring und Schaufler zu Ministern ernannt werden konnten, musste der CDU-Chef Erwin Teufel erst noch zum Ministerpräsidenten des Landes gewählt werden. Und dabei kam es zum Eklat. Bei der (geheimen) Abstimmung am 12. Juni 1996 erhielte Teufel eine Stimme weniger als zur Mehrheit erforderlich; er war also nicht gewählt worden. Über die Gründe wurde viel gerätselt. Einige Journalisten meinten, Teufel habe altgediente CDU´ler in seiner Kabinettsliste nicht ausreichend berücksichtigt; andere waren der Meinung, das kitzlige Gleichgewicht zwischen den beiden Landesteilen Baden und Württemberg sei nicht gewahrt gewesen.

Sei´s drum, die Wahrheit wird wohl nie mehr ans Licht kommen. Nach dem ersten Schock wurde - zum Ärger der Oppositionsparteien - sogleich eine zweite Abstimmung anberaumt und diesmal klappte es. Teufel erhielt drei Stimmen mehr als erforderlich, zwei Stimmenverweigerer ("U-Boote" genannt) gab es weiterhin.

Der nun wirklich ernannte und für die atomrechtliche Genehmigung zuständige Minister Walter Döring handelte schnell. Nach einer öffentlichen Anhörung wurden die Dienstleistungsverträge mit Mol-Pamela (unter leisem Grummeln der Belgier) gekündigt und die VEK formal als Projekt etabliert. Die Planungsarbeiten dauerten drei Jahre bis 1999; seitdem ist die Anlage im Bau. Demnächst soll sie, wie man hört, in Betrieb gehen.

Und wo sind die politischen Protagonisten geblieben?

Nun, Angela Merkel machte eine steile Karriere und brachte es - nachdem Kohl und Schäuble sich durch die Spendenaffäre selbst deaktivierten - bis zur Bundeskanzlerin. Zumindest bis zum 27. September diesen Jahres.

Spöri und Schäfer sind abgetaucht; vielleicht geniessen sie ihre Ministerpensionen in der Toskana.

Walter Döring hat sich nach einigen kleineren Affären ganz aus der Politik zurück gezogen und ist jetzt zufriedener Hotelier und Schankwirt in Schwäbisch-Hall.

Erwin Teufel wurde im Wintersemester 2005 - trotz fehlenden Abiturs - an der Hochschule für Philosophie in München zum Philosophiestudium zugelassen. Seit dem Wintersemester 2007 vermehrt er die Zahl der Studienabbrecher.

Mittwoch, 19. November 2008

Morsleben ist nicht besser

Viele wissen es nicht: es gibt in Deutschland noch ein zweites Endlager für radioaktive Stoffe, das - ähnlich wie Asse II - jahrelang betrieben worden ist. Wir haben es von der guten, alten DDR geerbt und es hat den beklemmenden (lateinisch anklingenden) Namen Morsleben. Ähnlich wie Asse II wurde auch in Morsleben bei der Einlagerung von Abfällen unglaublich fahrlässig umgegangen - aber das soll der Reihe nach erzählt werden.

Geographisch liegt Morsleben im heutigen Sachsen-Anhalt, an der Grenze zu Niedersachsen beim ehemaligen Übergang Marienborn/Helmstedt. Merken Sie etwas? Alle deutsche Endläger - Asse II, Gorleben und Morsleben - sind an der früheren Zonengrenze gelegen. Wollte man sich gegenseitig etwas Gutes zukommen lassen?

Auch in Morsleben wurde ein halbes Jahrhundert lang (Kali-) Salz abgebaut. Entsprechend durchwühlt war das Bergwerk mit seiner Vielzahl von Schächten und Stollen. Während des Dritten Reichs wurde es sogar zwei Jahre lang als unterirdische Werkhalle genutzt. 2500 deutsche und ausländische Häftlinge des nahen Konzentrationslager Ravensbrück montierten dort den Düsenbomber Me 262 und die Raketen V1 und V2.

Ab 1965 nutzte die DDR den Salzstock zur Einlagerung ihrer Nukearabfälle aus den Reaktorstandorten Rossendorf, Rheinsberg und Greifswald. Noch vor der Erteilung der atomrechtlichen Genehmigung wurden bereits hunderte von Tonnen abgekippt. Schliesslich befanden sich etwa 15.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver Abfall in dem maroden Bergwerk und zusätzlich über 6-000 Strahlenquellen.

Nach der Wiedervereinigung 1990 fiel das Endlager Morsleben an die Bundesrepublik. Einige jubelten, weil man (nach Asse II) nun ein zweites genehmigtes Endlager besass. In Wirklichkeit war es ein Danaergeschenk. Sachkundige Kritiker verwiesen schon zu Beginn auf die Laugenzuflüsse aus dem Deckgebirge, und hielten den Weiterbetrieb des Lagers für "lebensgefährlich bis kriminell". Sie wurden nicht gehört. Bundesumweltminister Klaus Töpfer - später in Nairobi zum Atomgegner mutiert - liess sich nicht beirren, trieb die Einlagerung voran und bezeichnete sie als "rechtmässig und sicher". Auch seine junge Amtsnachfolgerin A. M. , der noch eine grosse Karriere bevorstehen sollte, ignorierte die Expertenwarnungen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), schliesslich, versagte vollends. Es bestätigte zwar das Einsickern von Wasser in die Grube, sah dadurch aber nicht die Sicherheit des Endlagers gefährdet. (Dass die gleiche Behörde BfS ab 2009 Asse II "retten" soll, ist, gemessen an der Inkompetenz, welche sie bei Morsleben bewiesen hat, geradezu ein Witz.)

Im Zeitraum von 1994 bis 1998 wurde die Riesenmenge von 27.000 Kubikmeter Abfälle , vorzugsweise aus Westdeutschland, in Morsleben "entsorgt". Aber 1998 musste abrupt der Stopp der Einlagerung verfügt werden. Inzwischen war allen bewusst geworden, dass der Salzstock unmittelbar einsturzgefährdet war. Die Aushöhlungen, die Gewichte der Gebinde und der Laugenzufluss hatten seine Statik extrem riskant werden lassen. Seitdem bemüht man sich, ähnlich wie in Asse, um die "Schliessung" des Endlagers.

Mehrere hundert Millionen Euro wird das wohl kosten und viele Jahre dauern. Eine ziemliche Pleite.

Samstag, 15. November 2008

Gorleben ist nicht Asse

Gorleben steht wieder voll in der öffentlichen Diskussion, insbes. wegen der Atommülltransporte dorthin. Viele halten das in der Nähe dieses Ortes liegende atomare Endlager für ungeeignet, nur wenige kennen es aus eigener Ansicht. Einige Menschen verweisen auf die trüben Erfahrungen mit dem Versuchsendlager Asse II - und diese muss man ernst nehmen. Deshalb dieser Blog.

Es ist wohl bekannt, dass man den deutschen Atommüll - soweit er stark radioaktiv ist - in geologischen Steinsalzformationen lagern will. Von diesen kegelförmigen Lagern, auch "Dome" genannt, gibt es in Niedersachsen mehr als 200 in verschiedener Grösse. Sie entstanden vor ca. hundert Millionen Jahren, haben die Auffaltung der Alpen sowie ein Dutzend Eiszeiten und Zwischeneiszeiten überdauert und sind demnach geologisch ausserordentlich stabil. Insbesondere aber sind sie "trocken", d.h. sie stehen nicht in Verbindung mit der Biosphäre und schon gar nicht mit dem Grundwasser. Sonst wären sie nämlich längst weggeschwemmt.

Als in Deutschland um 1965 die ersten Forschungsreaktoren und Kleinkraftwerke radioaktiven Abfall produzierten, wollte man sich - versuchsweise - mit der Endlagerung dieser Nuklide befassen. Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GFS) erwarb im Auftrag des Bundes das aufgelassene Steinsalzbergwerk Asse II, südlich von Braunschweig gelegen, und beging dabei eine Reihe verhängnisvoller Fehler, die bis zum heutigen Tag nachwirken.

Fehler Nr. 1 war die Wahl des Standorts. Asse II liegt in enger Nachbarschaft zu den Salzstöcken Asse I und Asse III; beide waren bereits seit Jahrzehnten "abgesoffen", womit man bergmännisch das Volllaufen mit Wasser bezeichnet. Und selbst für Asse II sind zwischen 1906 und 1988 nicht weniger als 29 Wassereinbrüche dokumentiert. Angeblich wurden sie erfolgreich abgedichtet oder waren "vernachlässigbar klein" - bei immer noch um die 500 Liter pro Tag. Egal, diesen risikoreichen Salzstock hätte man nie und nimmer auswählen dürfen, insbes. da so viele Unbeschädigte zur Verfügung standen. Hinzu kam, dass er wegen des früheren Salzabbaus bereits sehr durchwühlt war; mehr als 100 riesige Kammern (sprich: Hohlräume) beeinträchtigten seine Stabilität.

Fehler Nr. 2 betraf das Genehmigungsverfahren. Statt des rigiden Atomrechts, wie es die Einlagerung radioaktiver Substanzen eigentlich erfordert, wählte man - bis heute, übrigens - das weitaus "grosszügigere" Bergrecht. Nach dem atomrechtlichen Verfahren wäre der Salzstock Asse II wegen seiner Wasserprobleme nie in Betracht gekommen.

Fehler Nr. 3 war die Einlagerungsmethode. Die Metallfässer, in denen man den Abfall anlieferte, wurden zum grössten Teil über eine Salzböschung in die Einlagerungskammern abgekippt und anschliessend mit losem Salz bedeckt. Man nannte das bildhaft "einpökeln", etwas vulgärer hätte man auch vom Betrieb eines "Plumpsklos" sprechen können. Insbesondere, weil die spätere Rückholung der Fässer damit praktisch unmöglich wurde.

Fehler Nr. 4 war die Tatsache, dass zwischen 1967 und 1978 nicht weniger als 126.000 Fässer mit schwach- und sogar mittelaktivem Abfall in Asse II eingelagert wurden. Von einer versuchsweisen Einlagerung kann man bei einer solchen Menge nicht mehr reden; da war eine Routineentlagerung im Gange. Die Fässer stammten zur Hälfte vom Kernforschungszentrum Karlsruhe und der dortigen Wiederaufarbeitungsanlage WAK. Meist handelte es sich um Laborabfälle, aber auch ca. 25 kg Uran und 6 kg Plutonium sind in Asse abgekippt worden.

Ich will mit der Aufzählung der grössten Fehler hier aufhören; man könnte noch einige weitere hinzufügen. Mittlerweile zeigen sich ernste Schäden am Salzstock, welche den Betreiber (er nennt sich jetzt Helmholtzinstitut) und die Gutachter, von denen sich einer gar als "Endlagerpapst" titulieren lässt, Tag und Nacht rotieren lassen. Denn seit 1988 laufen - täglich! - 12 Kubikmeter Salzlauge über die Südflanke des Bergwerks ein, wobei Ursache und Ort noch unbekannt sind. Das gefährdet logischerweise zusätzlich die Standsicherheit des verbliebenen Salzstocks. Seit mehreren Jahren versucht man diese gefährdete Südflanke mit Rückstandssalz zu verfüllen, was sich aber bis jetzt als vergebliche Mühe herausstellt. Zur Zeit wird wieder mal ein Schliessungskonzept für Asse II erarbeitet, das u.a. den Einbau von Strömungsbarrieren vorsieht. Es ist nicht unumstritten und man muss sehen was die Zukunft noch alles bringt. Auf alle Fälle wird die sichere Schliessung des Bergwerks noch lange dauern und viel Geld kosten.

Vergleicht man Asse II mit Gorleben, dem Referenzsalzstock für alle deutsche hochaktive Abfälle (HAW), so ist Gorleben wesentlich positiver zu bewerten. Zum einen ist dieser Salzstock rund 500 mal grösser als Asse und darüberhinaus befindet er sich in "jungfräulichem" Zustand. Das bedeutet, dass er nie angeritzt wurde, da er vorher nicht als Salzbergwerk genutzt worden ist. Mit Wassereinbrüchen hat man in Gorleben also nicht zu rechnen. Dieser Salzstock ist seit vielen Jahrmillionen trocken und wird es wohl noch eine Zeitlang bleiben. Senkrechte Schächte ausserhalb des Doms sind mit einen Stollen in 800 Metern Tiefe verbunden, wie man das im heutigen "Tatort"-Krimi der ARD gut sehen konnte. Das Endlager Gorleben ist gut exploriert und die Experten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass dort die Lagerung von HAW sicher möglich ist. Trotzdem verlangte die frühere rot-grüne-Koalition ein 3 bis 10-jähriges Moratorium, währenddessen die weitere Erkundung des Salzstockes aus politischen Gründen unterbrochen wird. Selbstverständlich geschieht die Genehmigung des Endlagers Gorleben nicht nach dem Bergrecht, sondern nach dem weit strikteren Atomrecht.

Zurück zu Asse II. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel gerierte sich in den letzten Monaten als dessen heftigster Kritiker. In Presseerklärungen gibt er sich entsetzt über die dortigen Zustände und spricht von der "problematischten kerntechnischen Anlage Europas". Vielleicht hat er recht, aber warum hat er selbst die Dinge in der Vergangenheit so sträflich schleifen lassen?

Immerhin war er von 1999 bis 2003 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und auch jetzt noch ist er Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Salzgitter/Wolfenbüttel - worin
Asse II gelegen ist.

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