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Sonntag, 3. Oktober 2010

Reaktorstörfall beim MZFR

Der Mehrzweckforschungsreaktor (MZFR) war das erste Kernkraftwerk, das Siemens errichtete. Mit seinen 57 Megawatt elektrisch hatte es 1965 eine durchaus ansehnliche Grösse. Der MZFR kostete 200 Millionen Mark und wurde zu 80 Prozent vom Bund und zu 20 Prozent von den Energieversorgern Badenwerk und EVS finanziert. Sein Standort lag am nördlichen Ende des Forschungszentrums Karlsruhe/Leopoldshafen, welches damals Gesellschaft für Kernforschung (GfK) hiess. Für das Management dieses Projekts war eine eigene "Sondergeschäftsführung" bestellt worden.

Der Siemens Mehrzweckforschungsreaktor MZFR im Kernforschungszentrum Karlsruhe

Von der technischen Auslegung her war der MZFR ein Druckwasserreaktor. Als Moderator und Kühlmittel diente Schweres Wasser (D2O), weswegen man den Reaktor mit Natururan, also nichtangereichertem Uran betreiben konnte. Eine weitere Speziakität des MZFR war die Lademaschine, welche es erlaubte, , den Reaktor bei voller Leistung mit Brennelementen zu be- und entladen und die deshalb oberhalb des Reaktortanks positioniert war. Um diese Komponente entwickelte sich in der Frühphase des Betriebs ein Störfall, welcher hohe publizistische Wellen schlug und über den im Folgenden berichtet werden soll.

Lademaschine oberhalb des Reaktortanks

Dieser Betriebsunfall geschah am 2. März 1967, kurz nachdem die Anlage ihre volle Leistung erreicht hatte und vom Kunden übernommen worden war. Während eines Brennelementwechsels bei Vollast hob plötzlich die Lademaschine ab, es kam zum Austritt von etwa 4000 Litern D2O-Dampf, worauf sich diese Komponente wieder auf den Tank absenkte. Sechs Betriebsoperateure, die sich in der Nähe befanden, mussten die Anlage über die Sicherheitsschleuse verlassen, sie wurden jedoch weder verletzt noch verstrahlt.

Was war die Ursache? Nun, das Ladepersonal hatte einen Trick entwickelt, wie man leicht klemmende oder auch schwergängige Brennelemente vom Reaktortank in die Lademaschine bugsieren konnte. Dazu senkten sie den Druck in der Lademaschine kurzzeitig ab wonach das Brennelement aus dem Tank in die Lademaschine "flutschte". ( Im Jargon der Betriebsmannschaft war dies die "Maria-Hilf-Methode"). An diesem Tag hatte sich jedoch unter einem wichtigen Rückschlagventil eine Verschmutzung gebildet, sodass sich ein unzulässiger Druck im Hubzylinder für die Lademaschine ausbildete, der zu ihrem Abheben führte.

Durch eine geringfügige konstruktive Änderung konnte man später Vorfälle dieser Art sicher ausschliessen. Das ausgetretene Schwere Wasser wurde zum grössten Teil aufgefangen, gereinigt und in der Reaktortank zurück befördert. Das war wichtig, denn ein einziger Liter D2O kostete damals auf dem Weltmarkt 600 Mark, entsprechend dem Preis von 20 Litern bestem Whiskey.

Die Information der Öffentlichkeit durch die beiden Sondergeschäftsführer B. und W. war ein Desaster. Sie fand nämlich überhaupt nicht statt. Weder gab es eine Pressekonferenz noch einen Aushang am Schwarzen Brett. Umso heftiger waren die Reaktionen der Zeitungen, als - wohl über Insider - der Vorfall sechs Wochen später dann doch publik wurde. Nun rückten die Verantwortlichen mit der Wahrheit heraus, deklarierten ihre Pressemitteilung aber - man glaubt es kaum - als "Gegendarstellung" in der sie ihrerseits die Medien kritisierten. Dieser unprofessionelle Umgang mit der Öffentlichkeit hat in der Folge dazu beigetragen, dass die grossen Reaktorprojekte Whyl und Breisach unter Beschuss gerieten und aufgegeben werden mussten.

Erstaunlich aber wahr ist, dass der MZFR fortan , bis zu seiner endgültigen Abschaltung im Jahr 1984, wie ein Uhrwerk lief. Es gab keine weiteren Störfälle, im Gegenteil, die Brennelemente, Dampferzeuger und Tanksysteme arbeiteten nahezu perfekt. In den letzten sechs jahren trug der MZFR sogar zur Heizung des Kernforschungszentrums bei, indem man 4 MWe auskoppelte und damit zum ersten Mal die Wärme-Kraft-Kopplung an einem deutschen Kernkraftwerk verwirklichte.

Initiator dieses Unternehmens war - das sei nicht verschwiegen - der Karlsruher Professor Otto Hagena.

Sonntag, 26. September 2010

Spion an der Wiederaufarbeitungsanlage

Reiner Paul Fülle war ein junger Mann in den Zwanzigern, als er anfang der sechziger Jahre am Reaktor FR 2 als Kaufmann und Buchhalter für den Materialsektor eingestellt wurde. Aufgrund seines freundlichen Wesens war er allgemein beliebt. Er betätigte sich in der Sportgruppe und bei Betriebsausflügen übernahm er gerne organisatorische Aufgaben. Was damals niemand wusste oder auch nur geahnt hätte: Fülle war seit 1964 Spion bei dem Ostberliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Gegen Geld lieferte er Informationen aus seinem Arbeitsgebiet an die "Stasi" in der DDR, welche damals noch schlicht "Ostzone" genannt wurde.

Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK)

Am FR 2 gab es für Fülle nicht so viel zu berichten; das änderte sich als im Kernforschungszentrum die Anlage zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (WAK) gebaut wurde. Im Jahr 1968 wechselte er dorthin, wo er u. a. für die kaufmännische Verwaltung der Kernbrennstoffe Uran und Plutonium zuständig war. Dieses Gebiet interessierte seine östlichen Auftraggeber weitaus mehr, weil man das aus abgebrannten Brennelementen gewonnene Plutonium als Bombenmaterial ausschlachten konnte nach dem Motto: zehn Kilogramm Plutonium entspricht einer Atombombe, für deren Bau man die Bundesrepublik verdächtigte. Und tatsächlich waren die aus verschiedenen deutschen Kernkraftwerken abgetrennten Mengen erheblich, wie aus der Tabelle ersichtlich ist. Freilich wurde von der DDR-Propoganda verschwiegen, dass diese Materialien unter strenger Aufsicht von Euratom und IAEA standen.

Uran- und Plutoniumdurchsatz an der WAK (1971-79)

Etwa zehn Jahre betrieb Reiner Fülle seinen Zweitjob bei der WAK, wofür er reichlich Agentenlohn bezog. Anfang 1979 jedoch wurde er enttarnt, als ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter des MfS, der Oberleutnant Werner Stiller, in den Westen übertrat und eine ganze Reihe in der Bundesrepublik arbeitende Ostspione auffliegen liess. Fülle war einer von ihnen. An einem winterkalten Januartag 1979 wurde er vom Bundeskriminalamt (BKA) in Karlsruhe verhaftet und mit dem Auto zum Untersuchungsgefängnis in die Riefstahlstrasse gebracht. Als der (allein bewachende) BKA-Mann beim Aussteigen auf der völlig vereisten Strasse ins Rutschen kam und hinfiel, nutzte Fülle seine Chance: er sprang geistesgegenwärtig aus dem Wagen und rannte dem hilflos mit den Beinen am Boden rudernden Polizisten davon.

Eingang zur Kunstakademie Karlsruhe

Später erzählte der Glatteisspion - wie ihn fortan die Zeitungen nannten - dass er sich nach dem Vorfall zwei Tage in der Karlsruher Kunstakademie versteckt gehalten hatte, die in der Nähe des Gefängnisses gelegen ist. Als die Polizei ihre Sofortfahndung aufgegeben hatte, lief er zu Fuss ins 20 Kilometer entfernte Baden-Baden. Dort gab es zur damaligen Zeit noch eine sowjetische Militärmission, welche den Flüchtling aufnahm und einige Tage versteckt hielt. Von dort gelangte er in einer Holzkiste mit Luftlöchern - welche als Diplomatengepäck getarnt war - zum Grenzübergang Herleshausen und schliesslich nach Thüringen in die DDR.

Im sog. Arbeiter- und Bauernstaat wurde Fülle vom Spionagechef Markus Wolf höchstpersönlich empfangen, mit Orden überhäuft und im ganzen Land als "Held" herumgereicht. Aber mit der Zeit fing er an sich zu langweilen. Das Leben in der DDR behagte ihm nicht sonderlich und bald gelang es dem westdeutschen Geheimdienst BND ihn "umzudrehen". Fülle spionierte in seinem Gastland fortan zum Segen der Bundesrepublik. Als ihm die Lage nach zwei Jahren dann doch zu brenzlich wurde, überredete er seine Freunde aus Pullach, ihn nach Westberlin zu schleusen. Den Vaterländischen Orden in Gold, welchen der Stasi-Minister Erich Mielke ihm einst überreicht hatte, versenkte er vor seiner Flucht im Mülleimer seiner Wohnung.

Im Westen wurde er aufgrund seiner geheimdienstlichen Tätigkeit für die DDR zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, wovon ihm ein Grossteil zur Bewährung erlassen wurde. Leider gibt es von Werner Paul Fülle seitdem keine Spur mehr. Ich würde gerne mit ihm ein Bier trinken; vielleicht holt ihn dieser Blog aus der Versenkung.

Sonntag, 12. September 2010

Verbotener Urantransport im Kernkraftwerk

Kernreaktoren werden während des Betriebs ständig auf ihre Sicherheit hin überprüft. Meist sind es unabhängige Organisationen, wie die Technischen Überwachungsvereine (TÜV), welche kontrollieren, dass die vielen Systeme und Komponenten so funktionieren, wie es in der Planung vorgesehen war. Darüberhinaus gibt es noch internationale Überwachungsagenturen wie Euratom in Brüssel und die Atombehörde IAEA in Wien, die darauf spezialisiert sind, die Verwahrung der Kernbrennstoffe und ihren Transport aufs Genaueste zu inspizieren. Dies gilt insbesondere für die sog. Schnellen Brüter, bei denen recht erhebliche Mengen an Plutonium und angereichertem Uran im Umlauf sind.

Ein solches (experimentelles) Brüterkraftwerk mit dem Namen KNK II befand sich im Kernforschungszentrum Karlsruhe und lieferte über Jahrzehnte hinweg 20 Megawatt Strom in das lokale Netz des Badenwerks. Wieder einmal war bei diesem Kernkraftwerk der "Besuch" der Internationalen Atomenergieagentur aus Wien angesagt - nicht zur lockeren Besichtigung sondern zur rigorosen Inspektion. Der Chef der IAEA-Gruppe war ein Inder, der dafür bekannt war, ein "scharfes Regime" zu führen. Dementsprechend wurden die fünf Inspektoren vom Betriebsleiter selbst durch die Anlage geführt, den seinerseits ein Pulk von kompetenten Ingenieuren begleitete.

Querschnitt durch das Kernkraftwerk KNKII

Um es vorweg zu nehmen: der Kontrollgang erbrachte keinerlei Beanstandungen; alle Kernbrennstoffe waren ordnungsgemäss verwahrt und die Plomben gesichert. Und so strebte man zur Mittagszeit auf das Casino zu. Diesmal stand nicht Spargel sondern Rehbraten auf der Menükarte, denn es war Herbst.

Aber noch musste die Gruppe zur Strahlenmessung über den Ausgangsmonitor treten und dabei passierte es: ausgerechnet beim Ranghöchsten, dem Inder, heulte das Gerät auf und liess ihn nicht durch die Schranke. Peinlichkeit im Quadrat und hektisches Suchen der Strahlenschutztechniker nach dem Ort der vermeintlichen Kontamination. Endlich wurde sie gefunden: im rechten Hosenaufschlag des Chefkontrollers tickte es ganz gewaltig. Sogar mit blossem Auge war ein Partikel zu sehen, das wie Kernbrennstoff aussah. Der Inder rollte missbilligend die Augen und die Stimmung beim Mittagessen war entsprechend gedrückt.

Doch die Strahlenexperten der KNK II waren währendessen nicht müssig. Sie untersuchten das strahlende Körnchen nach allen Regeln ihrer Zunft und siehe da: anhand von Spektrogrammen konnten sie zweifelsfrei nachweisen, dass es nicht aus ihrem Reaktor stammen konnte, sondern nur aus einer Wiederaufarbeitungsanlage.

Mit diesem Befund konfrontierten sie die IAEA-Inspektoren am Nachmittag und der Inder wurde plötzlich ganz still und nachdenklich. Er kratzte sich am Kopf und gab und gab zögernd zu, dass er vor wenigen tagen im indischen Madras bei einer Anlage zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen gewesen war, wo er - alàs - die gleiche Hose getragen habe. Nun war das Rätsel der Kontamination gelöst. Ganz offensichtlich hatte er das strahlende Partikel in seiner Heimat aufgepickt, wo es nicht detektiert worden war. Und über Wien, wo es ebenfalls unentdeckt blieb, transportierte er es (persönlich) nach Karlsruhe zum KNK II-Reaktor.

Übrigens ist der Inder, ein Tamile, seitdem nicht mehr im Kernforschungszentrum Karlstuhe gesichtet worden.

Sonntag, 5. September 2010

Strahlenalarm im Karlsruher Atomreaktor

Wenn ein Atomreaktor innerhalb von nur vier Jahren gebaut wird, dann ist das keine schlechte Leistung. Das war beim Forschungsreaktor 2 (genannt FR 2) im Kernforschungszentrum Karlsruhe der Fall, welcher zwischen 1957 und 61 geplant, errichtet und in Betrieb gesetzt worden ist. Es war der erste "selbstgebaute" Kernreaktor Deutschlands, mit einer Leistung von 12 Megawatt. Sein Vorgänger, der FR 1, an dem sich während des 2. Weltkriegs eine Gruppe um Professor Heisenberg am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin versuchte, wurde bekanntlich nie kritisch, insbesondere weil es an Schwerem Wasser fehlte.

Reaktor FR2

Das Interesse der Bevölkerung zur Besichtigung dieses "Wunderwerks" war riesengross und durch keinerlei Furcht gedämpft. Der Bundespräsident, die Bonner und Stuttgarter Minister und eine Reihe von Bischöfen aus Freiburg und Köln waren die ersten, welche den FR 2 in Augenschein nehmen durften. Für das übrige Volk gab es Besichtigungen, bei denen die Wissenschaftler und Ingenieure die Besuchergruppen durch den Reaktor zu führen hatten.

Eine Sonderführung, mit anschliessendem Essen im Casino, wurde dem Karlsruher Rotary Club gewährt. Möglicherweise hing diese Vergünstigung damit zusammen, dass einer der damaligen Vorstände am Kernforschungszentrum gleichzeitig Präsident der Rotarier war. Die "Ehre" - am eigentlich arbeitsfreien Samstag - diese Gruppe durch den Reaktor zu schleusen, war mir, einem der Jüngeren, zuteil geworden.

Nun, anfangs lief alles nach Plan ab. Zur Einführung hielt ich der kleinen Gruppe von ca. fünfzehn Mann - Frauen getrauten sich damals noch nicht in einen Atommeiler - einen kurzen Vortrag in der Schaltwarte und anschliessend begaben wir uns in die sog. Rotunde, wo sich der eigentliche Reaktor mit den vielen Experimenten befand. Dediziert ermahnte ich alle, auf keinen Fall die Versuchsobjekte zu berühren, da diese radioaktiv kontaminiert sein konnten. Zur Sicherheit bat ich einige Ingenieure mich beim Besichtigungsrundgang zu unterstützen und ein wachsames Auge auf die Gruppe zu haben.

Scheinbar verlief auch alles nach Schema F. Nach einer guten Stunde war die Tour zu Ende. Während die Gruppe über den Strahlenmonitor am Ausgang den Reaktor verliess, rief ich vereinbarungsgemäss den Casinochef an; er wollte, á la saison, Schwetzinger Spargel auftischen und seinen hohen Gästen a point servieren.

Experimentieraufbauten in der Rotunde

Und dann - nach dem Telefonat - passierte es: der Strahlenmonitor heulte auf, als ein Mitglied meiner Gruppe darüber schritt. Der ältere Herr, ich sehe ihn heute noch vor mir, war ca. sechzig Jahre alt und in dunkelblaues Tuch gekleidet. Er hatte sich offensichtlich, trotz all unserer Vorsichtsmassnahmen radioaktiv kontaminiert; die gemessenen Werte lagen weit über dem Durchschnitt der Umgebungsstrahlung. Eine peinlich Sache für mich, dem verantwortlichen Besucherführer und Anlass zur Angst bei der Gruppe, wie ich aus den verstörten Gesichtern entnehmen konnte. Ich ordnete Verstärkung bein Strahlenschutzdienst an und liess mit speziellen Handmonitoren nachmessen, denn immerhin bestand die Möglichkeit, dass der Ausgangsmonitor defekt sein konnte. Aber alle Messungen zeigten das gleiche Ergebnis: unser Gast strahlte stark, hatte sich wohl beim Rundgang durch Berühren einer Strahlenprobe kontaminiert.

Im Wissen, dass dieser Vorfall am nächsten Tag die Schlagzeile der regionalen "Badischen Neuesten Nachrichten" abgeben würde, versuchten die Strahlenexperten den Ort der Verstrahlung einzugrenzen. Das gelang, die Messgeräte schlugen besonders stark beim linken Ellenbogen des Rotariers aus. Wir baten ihn sein Jackett auzuziehen, denn die Quelle der Srahlung musste nach unseren Messungen im Ärmelstoff versteckt sein. Zu unserer Verwunderung zögerte der alte Herr; stattdessen zeigte er auf seinen Ellenbogen und murmelte etwas von Heilerde. Wow, das war es! Unser Besucher hatte, wie er uns etwas verschämt eingestand, seinen Arm (unter Hemd und Jakett) mit Heilerde eingepackt um damit sein Rheumaleiden zu lindern und vielleicht zu kurieren. Heilerde, das ist bekannt, enthält eine Vielzahl von Mineralien, darunter auch solche von radioaktiver Provenienz. Dekontaminieren war angesichts dieses medizinischen Befunds nicht angebracht; wir schleusten den Gast durch den Ausgang und wünschten ihm, dass seine Heilpraktikerkur anschlagen möge.

Hand- und Fussmonitor am Ausgang

Beim anschliessenden Essen im Casino war dieser Vorfall natürlich das Topthema. Unsere genau messenden Apparate, die sogar bei Heilerde anschlugen erregten allseitige Bewunderung und trugen - zumindest bei dieser Gruppe - zur Akzeptanz der Kernenergie bei.

Lediglich der Küchenchef war erkennbar sauer auf mich. Seine Spargelstangen hatte er, wegen meines Telefonats - zu früh in das Salzwasser gelegt.

Sonntag, 18. Januar 2009

Prof. Maschuw reitet vom Hof

Wenn in früheren Zeiten für einen Chef des Forschungszentrums Karlsruhe der letzte Tag angebrochen war - weil sein Anstellungsvertrag auslief (oder aus einem sonstigen, diskret zu verschweigenden Grunde) - dann setzte er sich gewöhnlich mit einem leisen Seufzer (oder einem etwas lauterem Fluch) in seine Dienstlimousine und liess sich letztmalig von seinem Chauffeur nach Hause fahren. Nicht so Professor Reinhard Maschuw, seit acht Jahren Vorstand im FZK. Er sattelte nach der Verabschiedung sein Pferd und ritt, der Wache leutselig zuwinkend, auf dem Vierbeiner aus dem Zentrum. Ein unheimlich starker Abgang!

Hippologisch gesprochen war Maschuws Gaul ein Island-Pferd. Ein saudischer Physiker - sofern es den überhaupt gibt - wäre vermutlich mit einem arabischen Vollbluthengst aus dem Forschungszentrum galoppiert.

Die Redaktionsleiterin des neugestalteten Mitarbeitermagazin, Frau Regina Link, hat Maschuw anlässlich seiner endgültigen Emeritierung interviewt. Dabei bezeichnete der ex-Chef die acht Monate, in denen er mit seinem Vorstandskollegen Dr. Fritz die Geschäfte des Zentrums alleine führen musste, als eine Zeit der "Überbeanspruchung", die auf Kosten seines "Privatlebens" ging. Verständlich, denn in den vorhergehenden 30 Jahren waren zumeist fünf Vorstandsmitglieder zugange. Aber wieviele waren es, geht man noch weiter zurück?

Als früherer Mitarbeiter, der wohl vertraut ist mit der Geschichte des Forschungszentrums, erinnere ich mich, dass es während der fast zwei Jahrzehnte andauernden Gründerphase des (damaligen) Kernforschungszentrums stets nur 2 (in Worten: zwei!) Chefs gab: einen wissenschaftlichen und einen administrativev Geschäftsführer. Und das nicht nur über 8 Monate hinweg, sondern über volle 18 Jahre! Dr. Ritter (1956 - 60), Dr. Schnur (1960 - 70) und Prof. Haxel (1971 - 74) deckten nacheinander die technische Späre ab und Dr. Rudolf Greifeld war sogar während der gesamten Zeit von 1956 bis 74 Chef der Administration und - für alle erkennbar - "primus inter pares". Und externe Unterstützung (man denke nur an die 50- Mann-Kolonne der Helmholtz-Holding in Berlin) gab es damals natürlich auch noch nicht. Ebensowenig wie die hochgerühmten Synergieeffekte des KIT.

Trotzdem wurde in dieser Frühphase in kurzer Zeit enorm viel geleistet. Dabei stand man anfangs buchstäblich vor dem Nichts. Der Bauplatz für das Zentrum im Hardtwald musste erst gerodet und gegen erheblich Einwände einiger Nachbargemeinden durchgesetzt werden. Technische Mitarbeiter waren Mangelware und mussten in dem neuen Gebiet der Kerntechnik aufwendig geschult werden. Trotzdem: 16 wissenschaftliche Institute wurden bis 1965 aufgebaut und dafür kompetente Direktoren gewonnen; dazu kamen noch die drei Grossabteilungen Reaktorbetrieb, Strahlenschutz und Kernschule. Innerhalb von zehn Jahren konnten mehr als 3.000 , zumeist technische Mitarbeiter aquiriert werden. (Heute zieht sich die Besetzung einer einzigen vakanten Institutsleiterstelle manchmal fünf Jahre oder gar länger hin.)

Auf dieser technischen und personellen Basis gelang es bereits in wenigen Jahren drei verschiedenartige Kernreaktoren - deutscher Bauart - zu planen, zu bauen und in Betrieb zu nehmen (FR 2, STARK, SNEAK). Das Forschungsprojekt Schneller Brüter wurde gegründet und verlieh in kurzer Zeit dem Zentrum einen weltweiten Bekanntheitsgrad. Beeindruckend war auch die Bautätigkeit am Standort. Eine Fläche der Grösse von 200 (!) Fussballfeldern wurde erschlossen und zum Teil mit Instituten und technischen Anlagen überbaut. Dafür mussten fast 400 Genehmigungen beantragt und erlangt werden. All dies geschah unter der Führung und dem Management der oben genannten Geschäftsführerpaare. Dr. Greifeld wurden am Ende seiner 18-jährigen erfolgreichen Tätigkeit von Staatssekretär Haunschild mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Warum berichte ich so detailliert über diese weit zurück liegenden Vorgänge? Nun, vor zweieinhalb Jahren, anlässlich des gross gefeierten Jubiläums des Forschungszentrums, liess der damalige Geschäftsführer Popp die historische Festschrift "50 Jahre Forschungszentrum Karlsruhe" herausbringen. Sie umfasste über hundert Seiten, war reich bebildert und gedruckt auf Hochglanzpapier. Darin wird man die geschichtlichen Leistungen der oben genannten Geschäftsführer jedoch vergeblich suchen. Im Fliesstext ist Dr. Greifeld - den Haunschild bei der Ordensverleihung als "Gründungsvater des Zentrums" bezeichnete - noch nicht einmal erwähnt. Ein Versehen? Nein, eine Schande! (Sich selbst liess P. in dieser jämmerlichen Fibel mehrfach, in Grossformat und in Farbe ablichten - zumeist in Gegenwart von Ministern, Ministerinnen und Ministerpräsidenten. Wohl in Abwandlung des bekannten Sprichworts: "Der clevere Mann denkt an sich selbst zuerst.")

Man fühlt sich an das alte Ägypten erinnert. Dort haben manche Pharaonen auch die Namen und Taten ihrer Vorgänger aus den Obelisken kratzen lassen.

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Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
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