Kinder, wie die Zeit vergeht!
Beim letzten Weihnachtsfest 2007 habe ich mit dem Bloggen begonnen und den ersten Post - wie man diese Essays nennt - ins Internet gestellt. Und jetzt, nach exakt 52 Wochen, ist dies - exakt - bereits mein 52. Post.
Die Themen finde ich zuhauf; ich brauche nicht lange danach zu suchen. Bei Gesprächen mit Freunden, beim Besuch von Gerichtsverhandlungen oder Seminaren an der Uni oder schlicht beim Zeitungslesen stosse ich immer wieder auf Themen, über die es sich lohnt zu schreiben. Die Liste der "Labels" ist vielfältig und auf der rechten Seite dieses Posts zusammen gestellt. Ich blogge eben,wie in der Überschrift angekündigt, "über Gott und die Welt". Meist befasse ich mich (gedanklich und über mehrere Wochen hinweg) mit zwei bis drei verschiedenen Themen gleichzeitig und entscheide erst gegen Wochenende, welches ich ausarbeite und am Sonntag abend ins Netz stelle, damit meine "Kundschaft" am Montag früh etwas zu lesen hat. Aktuelle Ereignisse, wie KIT, ITER oder CERN-LHC haben da natürlich den Vorrang. Die Recherche der Fakten und Hintergründe kostet die meiste Zeit. Ich versuche dabei so genau wie möglich zu sein, obwohl ich auf die Literaturangaben bewusst verzichte. Schliesslich schreibe ich ja keine Publikationen, sondern persönlich gehaltene Aufsätze.
Die Reaktionen der Leser erreichen mich zumeist über Telefonate oder persönliche Emails; selten über Kommentare am Ende des Posts. Dies gilt insbesondere bei Themen, die das Forschungszentrum berühren, also z.B. bei KIT, wo aber gleichzeitig das Interesse, gemessen an den Zugriffszahlen, am höchsten ist. Da kann man sich schon so seine Gedanken machen.
Es freut mich, dass der "Rentnerblog" inzwischen auch über die Suchmaschine Google - ganz oben - gefunden und angeklickt werden kann. Die etwas umständliche Internetadresse
http://rentnerblog.blogspot.com gilt zwar weiterhin, aber "googln" ist wohl einfacher. Wie lange ich dieses Hobby des Bloggens noch weiter betreiben werde, vermag ich derzeit nicht zu sagen. Ich setze mich da nicht unter Druck. Sobald es mir keinen Spass mehr macht oder mir die Ideen ausgehen sollten, höre ich einfach auf. Ich bin mein eigener Herr. Aber für einige Monate habe ich noch ein wohlgefülltes "cache".
In der nächsten Woche bricht ein Neues Jahr an, das - wegen der Finanzkrise - spannend aber gleichzeitig auch etwas unheimlich zu werden verspricht. Meiner treuen Lesergemeinde wünsche ich trotzdem von Herzen alles Gute, insbesondere Gesundheit und Zufriedenheit.
In dieser Reihenfolge.
Mittwoch, 24. Dezember 2008
Freitag, 19. Dezember 2008
Diese Nobelpreisträger
Da tourt der Wirtschaftsprofessor Paul Krugmann durch Europa, legt einen Kurzstopp in Deutschland ein und wirft in einem Spiegel-Interview der Bundeskanzlerin Merkel und der deutschen Regierung "Dummheit" beim Umgang mit der Finanzkrise vor. Starker Tobak, der wohl kaum Qualm ausgelöst hätte, wäre Krugmann nicht gleichzeitig der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft.
Wenn Banken, Anleger, Ratingagenturen und Regierungen so global und total versagt haben, dann lohnt es sich möglicherweise unseren Top-Wissenschaftlern zuzuhören. Praktischerweise gibt es für die Wirtschaftswissenschaften einen eigenen Nobelpreis, den zwar nicht Alfred Nobel, sondern (erst vor 40 Jahren) die Schwedische Reichsbank gestiftet hat. Damals hatten die Banken noch Geld!
Die Liste der bisherigen Nobelpreisträger ist sehr heterogen. Von den 62 Laureaten kommt die Mehrzahl aus den USA (41) und aus Grossbritannien (7). Deutschland ist, wie Österreich und Indien, nur ein einziges Mal in dieser Nationenliste vertreten. Seltsam, könnte man meinen und Seltsam bzw. Professor Dr. Reinhard Seltsam heisst auch unser Mann, der zum Zeitpunkt der Preisverteilung an der Universität Bonn lehrte. Eigentlich ist er studierter Mathematiker, der die Erkenntnisse der Spieltheorie später auf die Volkswirtschaft anwendete. Mittlerweile (da Jahrgang 1930) ist er emeritiert, will aber trotzdem nächstes Jahr bei der Europawahl als Spitzenkandidat bei der bislang obskuren Liste "Europa - Demokratie - Esperanto" antreten. Letzteres deutet auf sein zweites Hobby hin: die Verbreitung der Kunstsprache Esperanto.
Durchmustert man das Portfolio der Themen, mit denen sich unsere Nobelpreisträger vorrangig beschäftigt haben, dann kommt man auf ein gutes Dutzend Bereiche. Immer wiederkehrend sind die Titel Wachstum, Konjunkturzyklen, Märkte und Beschäftigung, um die sich vielfältige Theorien ranken. Nahezu reine Mathematik sind die ökonometrischen Modelle und die Spieltheorien, mit denen man die Verhaltensweisen der Marktteilnehmer simulieren will. Deutlich im Vordergrund steht die Real- und Güterwirtschaft; Begriffe wie Derivate, Zertifikate oder gar "sub-prime" sucht man jedoch vergebens. Was, der Himmel, haben unsere Nobelwissenschaftler geforscht, als sich - so ab dem Jahr 2004 - die globale Finanzkrise über unseren Köpfen zusammenbraute? Warum haben sie nicht die Sturmglocke geläutet und uns Nichtsahnende gewarnt? Vermutlich, weil der Finanz- und Börsensektor in ihren Überlegungen eben nur eine geringe Rolle spielte.
Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: der Amerikaner James Tobin erhielt 1981 den Nobelpreis für die Analyse spekulativer Währungstransaktionen. Zur Lenkung dieser Geldströme schlug er eine Steuer vor, die sogleich als "Tobin-Tax" von den Börsianern heftig angegriffen wurde, weswegen es auch nie zu deren Einführung kam. Übrigens hat sie vor einigen Jahren ein Jülicher Professor - der Kernphysiker(!) Otto Schult - wieder aufgegriffen und im Rahmen seiner sehr interessanten "Dämpfungstheorie" auf die Gesamtheit der weltweiten Geldtransaktionen übertragen.
Kehren wir zurück zu Paul Robin Krugmann, welcher den deutsch klingenden Namen seinem jüdischen Grossvater verdankt, der aus Weissrussland in die USA einwanderte. Den Nobelpreis 2008 erhielt Krugmann für seine Arbeiten zur "ökonomischen Geografie", in denen er sich detailliert mit Aussenhandel und Transportkosten auseinander setzte. Kapitalströme und Konjunkturpolitik - mit denen er sich in die gegenwärtige Politikdebatte einmischt - sind nicht eigentlich sein Ding. Aber was soll's. Als Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Princeton ist er sozusagen allrounder. Und ein Zubrot verdient er sich noch als Kolumnist der "New York Times". Für diese, bekanntermassen nicht immer deutschfreundliche Zeitung, schreibt er jede Woche einen (knackigen) Artikel zur Weltwirtschaft.
Da kann Frau Merkel - siehe oben - schon mal ne Schramme abbekommen.
Wenn Banken, Anleger, Ratingagenturen und Regierungen so global und total versagt haben, dann lohnt es sich möglicherweise unseren Top-Wissenschaftlern zuzuhören. Praktischerweise gibt es für die Wirtschaftswissenschaften einen eigenen Nobelpreis, den zwar nicht Alfred Nobel, sondern (erst vor 40 Jahren) die Schwedische Reichsbank gestiftet hat. Damals hatten die Banken noch Geld!
Die Liste der bisherigen Nobelpreisträger ist sehr heterogen. Von den 62 Laureaten kommt die Mehrzahl aus den USA (41) und aus Grossbritannien (7). Deutschland ist, wie Österreich und Indien, nur ein einziges Mal in dieser Nationenliste vertreten. Seltsam, könnte man meinen und Seltsam bzw. Professor Dr. Reinhard Seltsam heisst auch unser Mann, der zum Zeitpunkt der Preisverteilung an der Universität Bonn lehrte. Eigentlich ist er studierter Mathematiker, der die Erkenntnisse der Spieltheorie später auf die Volkswirtschaft anwendete. Mittlerweile (da Jahrgang 1930) ist er emeritiert, will aber trotzdem nächstes Jahr bei der Europawahl als Spitzenkandidat bei der bislang obskuren Liste "Europa - Demokratie - Esperanto" antreten. Letzteres deutet auf sein zweites Hobby hin: die Verbreitung der Kunstsprache Esperanto.
Durchmustert man das Portfolio der Themen, mit denen sich unsere Nobelpreisträger vorrangig beschäftigt haben, dann kommt man auf ein gutes Dutzend Bereiche. Immer wiederkehrend sind die Titel Wachstum, Konjunkturzyklen, Märkte und Beschäftigung, um die sich vielfältige Theorien ranken. Nahezu reine Mathematik sind die ökonometrischen Modelle und die Spieltheorien, mit denen man die Verhaltensweisen der Marktteilnehmer simulieren will. Deutlich im Vordergrund steht die Real- und Güterwirtschaft; Begriffe wie Derivate, Zertifikate oder gar "sub-prime" sucht man jedoch vergebens. Was, der Himmel, haben unsere Nobelwissenschaftler geforscht, als sich - so ab dem Jahr 2004 - die globale Finanzkrise über unseren Köpfen zusammenbraute? Warum haben sie nicht die Sturmglocke geläutet und uns Nichtsahnende gewarnt? Vermutlich, weil der Finanz- und Börsensektor in ihren Überlegungen eben nur eine geringe Rolle spielte.
Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: der Amerikaner James Tobin erhielt 1981 den Nobelpreis für die Analyse spekulativer Währungstransaktionen. Zur Lenkung dieser Geldströme schlug er eine Steuer vor, die sogleich als "Tobin-Tax" von den Börsianern heftig angegriffen wurde, weswegen es auch nie zu deren Einführung kam. Übrigens hat sie vor einigen Jahren ein Jülicher Professor - der Kernphysiker(!) Otto Schult - wieder aufgegriffen und im Rahmen seiner sehr interessanten "Dämpfungstheorie" auf die Gesamtheit der weltweiten Geldtransaktionen übertragen.
Kehren wir zurück zu Paul Robin Krugmann, welcher den deutsch klingenden Namen seinem jüdischen Grossvater verdankt, der aus Weissrussland in die USA einwanderte. Den Nobelpreis 2008 erhielt Krugmann für seine Arbeiten zur "ökonomischen Geografie", in denen er sich detailliert mit Aussenhandel und Transportkosten auseinander setzte. Kapitalströme und Konjunkturpolitik - mit denen er sich in die gegenwärtige Politikdebatte einmischt - sind nicht eigentlich sein Ding. Aber was soll's. Als Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Princeton ist er sozusagen allrounder. Und ein Zubrot verdient er sich noch als Kolumnist der "New York Times". Für diese, bekanntermassen nicht immer deutschfreundliche Zeitung, schreibt er jede Woche einen (knackigen) Artikel zur Weltwirtschaft.
Da kann Frau Merkel - siehe oben - schon mal ne Schramme abbekommen.
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Fehlstart bei ITER
Beim Fusionsreaktor ITER, mit dem das "Sonnenfeuer auf die Erde" geholt werden sollte, hat man sich einen kapitalen Fehlstart geleistet. Statt - wie bisher beabsichtigt - im kommenden Jahr 2009 endlich mit dem Bau dieser Maschine im südfranzösischen Cadarache zu beginnen, ist man jetzt gezwungen, wesentliche Teile der Anlage von Grund auf neu zu konzipieren. Mit horrenden Auswirkungen auf die Baukosten und den Terminplan des Projekts.
Kurz vor Baubeginn nämlich machten die Physiker eine unliebsame Entdeckung: ausgerechnet in der Nähe der zu schützenden Reaktorwand zeigte das höllenheisse Plasma nicht tolerierbare Instabilitäten. Nervöse Zuckungen des überhitzten Wasserstoffgases hätten die sog. Erste Wand im Betrieb weitaus stärker angegriffen, als bisher vermutet. Um diese Instabilitäten im Zaum zu halten, erwägt man nun den Einbau zusätzlicher Magnetspulen. Das aber kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern zieht auch einen ganzen Rattenschwanz von Änderungen nach sich. Wahrscheinlich muss die Auslegung der Reaktorkammer (des Tokomak) von Grund auf überarbeitet werden.
Nicht ausreichend bedacht hatte man auch die Erdbebensicherheit des Reaktorgebäudes und seiner Einbauten. Das muss jetzt nachgeholt werden und verursacht einen hohen Aufwand. Vorallem deswegen, weil die Experten für solch komplexe Rechnungen weltweit sehr knapp sind und die Analysen sehr viel Zeit benötigen. Hinzu kommt, dass für die Kraftableitungen eine Vielzahl sperriger Dämpfer und Hänger erforderlich sein werden, wofür bei dem jetzt schon herrschenden Gedränge der Komponenten kaum ausreichend Platz vorhanden ist.
Beachtliche Mehrkosten zeichnen sich auch beim atomrechtlichen Genehmigungsverfahren ab. Hiervor hat die ITER-Gemeinde bisher weitgehend die Augen verschlossen - nach dem Motto: "wir produzieren doch nur saubere Energie". (Im Gegensatz zu den Kerntechnikern!) Aber davon kann natürlich keine Rede sein. Ein ausgewachsenes Fusionskraftwerk erzeugt mindestens genau so viel Radioaktivität - möglicherweise sogar um ein Vielfaches mehr - wie ein gleichgrosses Kernkraftwerk. Es produziert, zugegebenermassen, keine Transurane; aber der Umgang mit dem volatilen Tritium will auch gelernt sein. Ein grosses Manko ist, dass die ITER-Mannschaft bisher nur über wenige Strahlenschutzexperten verfügt, während die Genehmigungsseite eine Vielzahl erfahrener Fachleute aufbieten kann, welche heikle Fragen stellen werden.
Eine unabhängige, internationale Gruppe prüft seit mitte d. J. die Auswirkungen dieser Mehraufwendungen (zu denen noch gestiegene Preise für Rohstoffe und Energie kommen) auf die Baukosten des Projekts und seinen Terminplan. Das Ergebnis ist offensichtlich schaudererregend, weswegen man es noch unter der Decke zu halten versucht. Aber, wie nicht anders zu erwarten bei einem Projekt mit so vielen Partnern: es ist bereits einiges durchgesickert. So wird - unwidersprochen - der deutsche (stellvertretende) ITER-Direktor damit zitiert, dass sich die Gesamtkosten des Fusionsreaktors von 5 auf 10 Milliarden Euro "verdoppeln könnten". und die renommierte englische Fachzeitschrift "Nature" berichtet von einer absehbaren Terminverzögerung von 3 Jahren.
Bei Euratom in Brüssel ist man bereits in heller Aufregung. Der dort für ITER zuständige Forschungsdirektor Octavi Quintana-Trias sagte kürzlich bei einer Fachtagung in Rostock unverblümt:
"Wenn ITER scheitert, dann ist die Kernfusion tot."
Kurz vor Baubeginn nämlich machten die Physiker eine unliebsame Entdeckung: ausgerechnet in der Nähe der zu schützenden Reaktorwand zeigte das höllenheisse Plasma nicht tolerierbare Instabilitäten. Nervöse Zuckungen des überhitzten Wasserstoffgases hätten die sog. Erste Wand im Betrieb weitaus stärker angegriffen, als bisher vermutet. Um diese Instabilitäten im Zaum zu halten, erwägt man nun den Einbau zusätzlicher Magnetspulen. Das aber kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern zieht auch einen ganzen Rattenschwanz von Änderungen nach sich. Wahrscheinlich muss die Auslegung der Reaktorkammer (des Tokomak) von Grund auf überarbeitet werden.
Nicht ausreichend bedacht hatte man auch die Erdbebensicherheit des Reaktorgebäudes und seiner Einbauten. Das muss jetzt nachgeholt werden und verursacht einen hohen Aufwand. Vorallem deswegen, weil die Experten für solch komplexe Rechnungen weltweit sehr knapp sind und die Analysen sehr viel Zeit benötigen. Hinzu kommt, dass für die Kraftableitungen eine Vielzahl sperriger Dämpfer und Hänger erforderlich sein werden, wofür bei dem jetzt schon herrschenden Gedränge der Komponenten kaum ausreichend Platz vorhanden ist.
Beachtliche Mehrkosten zeichnen sich auch beim atomrechtlichen Genehmigungsverfahren ab. Hiervor hat die ITER-Gemeinde bisher weitgehend die Augen verschlossen - nach dem Motto: "wir produzieren doch nur saubere Energie". (Im Gegensatz zu den Kerntechnikern!) Aber davon kann natürlich keine Rede sein. Ein ausgewachsenes Fusionskraftwerk erzeugt mindestens genau so viel Radioaktivität - möglicherweise sogar um ein Vielfaches mehr - wie ein gleichgrosses Kernkraftwerk. Es produziert, zugegebenermassen, keine Transurane; aber der Umgang mit dem volatilen Tritium will auch gelernt sein. Ein grosses Manko ist, dass die ITER-Mannschaft bisher nur über wenige Strahlenschutzexperten verfügt, während die Genehmigungsseite eine Vielzahl erfahrener Fachleute aufbieten kann, welche heikle Fragen stellen werden.
Eine unabhängige, internationale Gruppe prüft seit mitte d. J. die Auswirkungen dieser Mehraufwendungen (zu denen noch gestiegene Preise für Rohstoffe und Energie kommen) auf die Baukosten des Projekts und seinen Terminplan. Das Ergebnis ist offensichtlich schaudererregend, weswegen man es noch unter der Decke zu halten versucht. Aber, wie nicht anders zu erwarten bei einem Projekt mit so vielen Partnern: es ist bereits einiges durchgesickert. So wird - unwidersprochen - der deutsche (stellvertretende) ITER-Direktor damit zitiert, dass sich die Gesamtkosten des Fusionsreaktors von 5 auf 10 Milliarden Euro "verdoppeln könnten". und die renommierte englische Fachzeitschrift "Nature" berichtet von einer absehbaren Terminverzögerung von 3 Jahren.
Bei Euratom in Brüssel ist man bereits in heller Aufregung. Der dort für ITER zuständige Forschungsdirektor Octavi Quintana-Trias sagte kürzlich bei einer Fachtagung in Rostock unverblümt:
"Wenn ITER scheitert, dann ist die Kernfusion tot."
Sonntag, 7. Dezember 2008
Die Sache mit der Grundlast
In der Energiediskussion geht seit Jahren vieles durcheinander. Die Annahme, man könne im Laufe der nächsten 10-12 Jahre alle deutschen Kernkraftwerke stillegen und durch erneuerbare Energie, insbesondere Windstrom ersetzen, hält sich hartnäckig. Dies ist ein bedauerliches Missverständnis, denn es trägt nicht den Bedürfnissen der Grundlastversorgung Rechnung.
Was ist die elektrische Grundlast? Es ist diejenige Netzbelastung, die während eines 24-Stunden-Tages im Stromnetz nicht unterschritten wird. Die Schweizer bezeichnen sie sehr anschaulich als "Band-Energie". Da der niedrigste Stromverbrauch meist nachts auftritt, wird die Grundlast bestimmt von Industrieanlagen, die nachts produzieren, von der Strassenbeleuchtung sowie von den Dauerverbrauchern in Gewerbe und Haushalt, z.B. den Kühlschränken. Die Stromschwankungen im Tagesverlauf bezeichnet man als Mittellast; aussergewöhnliche Verbrauchsspitzen stellen die Spitzenlast dar.
Ca. 60% des Stroms in den elektrischen Netzen ist Grundlaststrom. Er wird zur Hälfte (50%) von den Kernkraftwerken erzeugt, 44% liefern die Braunkohlekraftwerke und die restlichen 6% steuern die Laufwasserkraftwerke an den Flüssen bei. Die zentrale Frage ist: "Kann man bis zum Jahr 2020 diese Kernkraftwerke abschalten und den fehlenden Atomstrom aus regenerativen Anlagen (Windräder, Solaranlagen) ersetzen"? Die Sonnenfreunde werden mit einem freudig schallenden "Ja" antworten, ich setze ein bedächtiges "Nein" dagegen und will es erläutern.
Im Kern liegt meine Skepsis darin begründet, dass man Kraftwerke nur durch gleichartige Kraftwerke ersetzen kann. Grundlastkraftwerke (Atom, Braunkohle, Laufwasser) kann man nur durch Grundlastkraftwerke ersetzen; Mittellastkraftwerke (z.B. Gas, Steinkohle) und Spitzenlastkraftwerke (z.B. Pumpspeicherkraftwerke) muss man durch Mittellast- bzw. Spitzenlastkraftwerke ersetzen. Die deutschen Kernkraftwerke sind "Dauerläufer", welche normalerweise 8.000 und mehr Stunden pro Jahr mit nomineller Leistung (z.B. 1.200 MW) in Betrieb sind. Windräder schalten gewöhnlich mehrmals am Tag (ungeplant) ab und von Solarmoduls brauchen wir gar nicht erst zu reden. Ihre Stromausbeute ist so gering, dass sie derzeit nur mit 0,3 % zum deutschen Stromangebot beitragen. Man sollte sie, angesichts ihrer hohen Kosten, besser als Kapitalvernichtungsmaschinen bezeichnen.
In Deutschland sind gegenwärtig Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 21.000 MW aufgebaut. Das ist ziemlich genau die Leistung der abzuschaltenden Kernkraftwerke. Aber die Leistung der Windräder steht nur auf dem Papier. Die wirklich ins Netz eingespeiste Leistung ist gerade mal 10 % der installierten Leistung! Und an dieser unsteten Stromlieferung wird sich auch in Zukunft nichts ändern, denn der Wind weht nun mal wie er will. So lieferten beispielsweise die Windmühlen im Oktober 2007 gerade mal an 2 Tagen über wenige Stunden etwa ein Drittel der nominellen Leistung, an weiteren 2 Tagen knapp ein Fünftel. Obwohl der daraufolgende November sehr windreich war gab es Tage, an denen die Windradleistungen drastisch abfielen. Noch schlechter sah es zum Jahreswechsel 2007/2008 aus: wegen der grossräumigen Inversionslage tendierte die Netzeinspeisung gegen Null.
Trotzdem gingen die Lichter nicht aus, weil konventionelle Kraftwerke bereit standen, um dieses Windmanko auszugleichen. Dabei müssen Steinkohlekraftwerke, selbst bei hoher Windeinspeisung, ständig mit gedrosselter Leistung - d.h. mit schlechtem Wirkungsgrad - parat stehen, um bei Windflauten hochgefahren zu werden.
Und diese sinnlose Förderung des Windstroms soll weiter gehen. Nach den Vorgaben der Bundesregierung sollen im Jahr 2020 über 30.000 MW an installierten Windrädern bereit stehen, eine Reihe davon (unerprobt) off-shore in der Nordsee. Aber selbst wenn BMU Gabriel auf 100.000 MW zielen würde, das grundsätzliche Problem der unzuverlässigen Stromlieferung könnte er damit nicht beseitigen. Im Gegenteil, immer drängender wird der Bau neuer Stromtrassen von der Küste zu den industriellen Grossverbrauchern im Westen und Süden - bei der gegenwärtigen Genehmigungspraxis eine Aufgabe für Jahrzehnte. Da es den Energieversorgungsunternehmen (EVU) gestattet ist, alle Kosten der erneuerbaren Energieerzeugung auf die Stromverbraucher umzulegen, darf man sich auf jährlich steigende Stromrechnungen geafsst machen.
Zusammenfassend muss man leider sagen, dass die deutsche Energiepolitik seit 10 Jahren von einer Schar von Ideologen und Laienspielern bestimmt wird. Mit der Ersatzreligion "Klimakatastrophe" haben sich unsere Politiker in eine ausweglose Falle manöveriert. Wird am Atomausstieg festgehalten, so sind die EVU gezwungen Strom aus französischen und tschechischen (!) Kernkraftwerken zu importieren. Und wir Endkunden dürfen uns auf unablässig steigende Preise einstellen.
Was ist die elektrische Grundlast? Es ist diejenige Netzbelastung, die während eines 24-Stunden-Tages im Stromnetz nicht unterschritten wird. Die Schweizer bezeichnen sie sehr anschaulich als "Band-Energie". Da der niedrigste Stromverbrauch meist nachts auftritt, wird die Grundlast bestimmt von Industrieanlagen, die nachts produzieren, von der Strassenbeleuchtung sowie von den Dauerverbrauchern in Gewerbe und Haushalt, z.B. den Kühlschränken. Die Stromschwankungen im Tagesverlauf bezeichnet man als Mittellast; aussergewöhnliche Verbrauchsspitzen stellen die Spitzenlast dar.
Ca. 60% des Stroms in den elektrischen Netzen ist Grundlaststrom. Er wird zur Hälfte (50%) von den Kernkraftwerken erzeugt, 44% liefern die Braunkohlekraftwerke und die restlichen 6% steuern die Laufwasserkraftwerke an den Flüssen bei. Die zentrale Frage ist: "Kann man bis zum Jahr 2020 diese Kernkraftwerke abschalten und den fehlenden Atomstrom aus regenerativen Anlagen (Windräder, Solaranlagen) ersetzen"? Die Sonnenfreunde werden mit einem freudig schallenden "Ja" antworten, ich setze ein bedächtiges "Nein" dagegen und will es erläutern.
Im Kern liegt meine Skepsis darin begründet, dass man Kraftwerke nur durch gleichartige Kraftwerke ersetzen kann. Grundlastkraftwerke (Atom, Braunkohle, Laufwasser) kann man nur durch Grundlastkraftwerke ersetzen; Mittellastkraftwerke (z.B. Gas, Steinkohle) und Spitzenlastkraftwerke (z.B. Pumpspeicherkraftwerke) muss man durch Mittellast- bzw. Spitzenlastkraftwerke ersetzen. Die deutschen Kernkraftwerke sind "Dauerläufer", welche normalerweise 8.000 und mehr Stunden pro Jahr mit nomineller Leistung (z.B. 1.200 MW) in Betrieb sind. Windräder schalten gewöhnlich mehrmals am Tag (ungeplant) ab und von Solarmoduls brauchen wir gar nicht erst zu reden. Ihre Stromausbeute ist so gering, dass sie derzeit nur mit 0,3 % zum deutschen Stromangebot beitragen. Man sollte sie, angesichts ihrer hohen Kosten, besser als Kapitalvernichtungsmaschinen bezeichnen.
In Deutschland sind gegenwärtig Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 21.000 MW aufgebaut. Das ist ziemlich genau die Leistung der abzuschaltenden Kernkraftwerke. Aber die Leistung der Windräder steht nur auf dem Papier. Die wirklich ins Netz eingespeiste Leistung ist gerade mal 10 % der installierten Leistung! Und an dieser unsteten Stromlieferung wird sich auch in Zukunft nichts ändern, denn der Wind weht nun mal wie er will. So lieferten beispielsweise die Windmühlen im Oktober 2007 gerade mal an 2 Tagen über wenige Stunden etwa ein Drittel der nominellen Leistung, an weiteren 2 Tagen knapp ein Fünftel. Obwohl der daraufolgende November sehr windreich war gab es Tage, an denen die Windradleistungen drastisch abfielen. Noch schlechter sah es zum Jahreswechsel 2007/2008 aus: wegen der grossräumigen Inversionslage tendierte die Netzeinspeisung gegen Null.
Trotzdem gingen die Lichter nicht aus, weil konventionelle Kraftwerke bereit standen, um dieses Windmanko auszugleichen. Dabei müssen Steinkohlekraftwerke, selbst bei hoher Windeinspeisung, ständig mit gedrosselter Leistung - d.h. mit schlechtem Wirkungsgrad - parat stehen, um bei Windflauten hochgefahren zu werden.
Und diese sinnlose Förderung des Windstroms soll weiter gehen. Nach den Vorgaben der Bundesregierung sollen im Jahr 2020 über 30.000 MW an installierten Windrädern bereit stehen, eine Reihe davon (unerprobt) off-shore in der Nordsee. Aber selbst wenn BMU Gabriel auf 100.000 MW zielen würde, das grundsätzliche Problem der unzuverlässigen Stromlieferung könnte er damit nicht beseitigen. Im Gegenteil, immer drängender wird der Bau neuer Stromtrassen von der Küste zu den industriellen Grossverbrauchern im Westen und Süden - bei der gegenwärtigen Genehmigungspraxis eine Aufgabe für Jahrzehnte. Da es den Energieversorgungsunternehmen (EVU) gestattet ist, alle Kosten der erneuerbaren Energieerzeugung auf die Stromverbraucher umzulegen, darf man sich auf jährlich steigende Stromrechnungen geafsst machen.
Zusammenfassend muss man leider sagen, dass die deutsche Energiepolitik seit 10 Jahren von einer Schar von Ideologen und Laienspielern bestimmt wird. Mit der Ersatzreligion "Klimakatastrophe" haben sich unsere Politiker in eine ausweglose Falle manöveriert. Wird am Atomausstieg festgehalten, so sind die EVU gezwungen Strom aus französischen und tschechischen (!) Kernkraftwerken zu importieren. Und wir Endkunden dürfen uns auf unablässig steigende Preise einstellen.
Dienstag, 25. November 2008
Chicago und Genf im Wettlauf
Die Inbetriebnahme des Large Hadron Collider (LHC) am CERN bei Genf wünschte er sich als krönenden Abschluss: der französische Gerneraldirektor Robert Aymar, dessen Amtszeit mit Ablauf des Jahres 2008 enden wird. Die Protonenpakete durch den 27 Kilometer langen Beschleunigerring zu fädeln, gilt als das "experimentum crucis". Dessen Gelingen würde die 20-jährige Planungszeit und die 8-jährige Bauzeit des LHC symbolisch beenden und die lang ersehnte Experimentierphase eröffnen.
Am 10. September 2008 gab der Projektleiter Lyn Evans grünes Licht für diese Prozedur. Zur Feier des Tages trug er ostentativ Jeans und ein kurzärmliges Hemd. (Sonst erscheint er regelmässig in Shorts und T-Shirt zur Arbeit). Und das Vorhaben gelang. Tausende fein justierter Magnete bogen und fokussierten den Protonenstrahl derart exakt, dass er auf dem langen Parcours nirgendwo gegen eine Wand stiess. Und als am Nachmittag die Protonenpakete auch sicher durch das zweite Strahlrohr liefen - diesmal entgegen dem Uhrzeigersinn - gab es bei den Tausenden von Mitarbeitern kein Halten mehr. Man lag sich in den Armen und Champagner war angesagt. Die Erfolgsmeldung ging über alle Ticker und für den 21. Oktober wurden die Vertreter aller am CERN beteiligten Länder zur Feier der offiziellen "LHC-Inauguration" eingeladen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte spontan zu und wurde sogar mit der Festrede geehrt - vor 2000 geladenen Gästen. Immerhin ist Deutschland der grösste Partner bei CERN und finanziert satte 20 % des Jahresbudgets von 650 Millionen Euro. (Trotzdem ist Deutsch, im Gegensatz zu Englisch und Französisch, nicht Projektsprache. Warum eigentlicht nicht?)
In den folgenden Tagen wurde der Probebetrieb fortgesetzt, aber am 19. September - einem Freitag, wer würde da nicht abergläubisch werden - passierte das Unfassbare. Die Messgeräte registrierten Arges und ausgesandte Suchtrupps in Schutzanzügen stellten bald im Sektor 3-4 des Tunnels schlimme Zerstörungen fest. Mehrere Tonnen flüssiges Helium waren aus einem Leck entwichen und dabei verdampft. Dutzende von Dipol- und Quadrupolmagnete, tonnenschwer und bis zu 15 Metern lang, lagen verschmort und aus ihren Verankerungen gerissen umher. Viele der vorher hochreinen Bereiche waren mit einer Art Russ bedeckt. Die Ursache dieses Störfalls war schnell gefunden: eine defekte elektrische Verbindung zwischen zwei Magneten produzierte einen Spannungsabfall und kurz darauf einen elektrischen Lichtbogen, der den Heliumkryostaten durchschlug und die genannten Kollateralschäden verursachte. ( Die früheren LHC-Versuche hatte man mit geringerer Leistung gefahren, weswegen die Anlage wohl gerade noch gehalten hatte).
An eine Fortsetzung der Inbetriebnahmeversuche ist unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. Die Reparatur des LHC wird ein Jahr oder auch länger dauern; der (zusätzliche) Kostenaufwand wird derzeit auf 20 Mio Euro abgeschätzt. Das ist insbes. deswegen schlimm, weil das CERN bereits jetzt wegen diverser anderer Kostenüberschreitungen verschuldet ist. In drei Jahren will man diese Kredite aus dem normalen Budget zurückzahlen. Eine grosse Aufgabe für den Chief Finance Officer, dessen Karriere beim KfK in Karlsruhe begonnen hat.
Noch schlimmer ist der psychologische Schock bei den Mitarbeitern, insbesondere den Experimentatoren. Diesen läuft nämlich kostbare Zeit davon. Sie wollten die Riesenmaschine u.a.dafür nutzen, um ein geheimnisvolles Teilchen aufzustöbern, das sog. Higgs-Teilchen. Es ist benannt nach dem schottischen Physiker Peter Higgs, der es vor gut 40 Jahren postuliert hat und welches den bislang bekannten 24 Kernteilchen ihre Masse verleiht. Ein geradezu charismatisches Teilchen; wer es als Erster findet, dem ist der Nobelpreis sicher - neben Peter Higgs, der mittlerweile auch schon 80 Jahre alt geworden ist.
Aber die Genfer Physiker sind nicht allein. Sie stehen im Wettlauf mit ihren Kollegen am Fermilab in Chicago. Diese besitzen mit dem Tevatron zwar nur einen leistungsschwächeren Beschleuniger, der aber den Vorteil hat, dass er gut läuft. Und die amerikanische Regierung hat kürzlich auch noch Finanzmittel bis zum Jahr 2010 bereitgestellt. Bis dorthin können die US-Physiker noch viel Strahlzeit akkumulieren und, wer weiss, vielleicht stossen sie bei der Analyse ihrer Datenberge schon bald auf das mysteriöse Higgs-Boson - während in Genf noch dekontaminiert und geschlossert wird.
Anzeichen für eine baldige Entdeckung dieses Partikels gibt es schon seit einiger Zeit. Immer wieder breschen einzelne Physiker des Fermilabs mit privaten Blogs vor, in denen sie interessante und neuartige Versuchsergebnisse veröffentlichen. So scheint es ziemlich sicher zu sein, dass die Higgs-Teilchen eine Masse unterhalb von 170 GeV besitzen. Solche Vorveröffentlichungen sind eigentlich gegen den Ehrenkodex der Wissenschaft und deshalb versucht das Management des Fermilabs sie zu unterbinden. In Genf setzt man die sog. Standardabweichung auf 5 sigma fest, d.h. eine zufällige Fluktuation hätte dann nur noch die geringe Wahrscheinlichkeit von 0.0001 Prozent. Man wird sehen, wie dieser Wettlauf ausgeht; die nächsten Monate und Jahre werden spannend.
An der Einweihungsfeier am 21. Oktober hielt Chefmanager Aymar eisern fest, auch wenn der Beschleuniger unter den Füssen der geladenen Gäste still lag. Der kurze Festakt fand auf der Frankreich zugehörigen Seite des CERN-Geländes, in einer vorher leergefegten, gleichwohl festlich dekorierten Werkhalle statt. Wohlgesichert durch die französische Polizei!
Viele der CERN-Forscher aber waren sichtbar verärgert, weil ihrer Meinung nach der Beschleuniger überstürzt in Betrieb genommen wurde und es dadurch zu der folgenschweren Panne gekommen ist. In mehreren Schweizer Zeitungen (u.a. Tribune de Geneve, Sonntag) wird der scheidenden Generaldirektor unverblümt harter Kritik unterzogen. Ein zu ehrgeiziger Terminplan habe zu übertriebenem Zeitdruck geführt, dem die Qualitätskontrolle zum Opfer fiel. Oder: er habe sich vor seinem Abgang noch ein persönliches Denkmal setzen wollen. Auch sein autoritärer Führungstil (mit dem er bereits als ehemaliger ITER-Projektleiter angeeckt ist) und sein nichtkommunikatives Verhalten kam bei den Professoren und Forschern des Experimentierbetriebs denkbar schlecht an. Diese trifft der zeitliche Rückschlag beim LHC ganz besonders, da viele Anstellungsverträge befristet sind und demnächst auslaufen. Im Kern sieht man das Problem darin, dass Aymar zu wenig Sachkenntnis auf dem Beschleunigergebiet mitbrachte und das Projekt mit zu grossem persönlichen Ehrgeiz betrieben hat.
Bundeskanzlerin Merkel liess sich übrigens für die Inaugurationsparty entschuldigen, womit sie wieder einmal ihr politisches Sensorium bewies. Ihren Part übernahm die Forschungsministerin Annette Schawan. Sie stellte auch Aymars Nachfolger, den Deutschen Rolf-Dieter Heuer vor, der CERN ab Januar 2009 als Generaldirektor leiten wird. Er ist damit erst der zweite Deutsche in dieser Funktion, fast genau 20 Jahre nach Herwig Schopper. Viele erwarten von Heuer, dass er als ehemaliger DESY-Forscher mehr Sachkunde einbringt und den autoritären Führungsstil seines Vorgängers abschafft.
Apropos: Bereits zu Schoppers Zeiten fanden die ersten Workshops zur Planung des heute fertiggestellten Large Hadron Collider statt. Soviel zu den Zeitkonstanten in diesem schwierigen Gewerbe.
Am 10. September 2008 gab der Projektleiter Lyn Evans grünes Licht für diese Prozedur. Zur Feier des Tages trug er ostentativ Jeans und ein kurzärmliges Hemd. (Sonst erscheint er regelmässig in Shorts und T-Shirt zur Arbeit). Und das Vorhaben gelang. Tausende fein justierter Magnete bogen und fokussierten den Protonenstrahl derart exakt, dass er auf dem langen Parcours nirgendwo gegen eine Wand stiess. Und als am Nachmittag die Protonenpakete auch sicher durch das zweite Strahlrohr liefen - diesmal entgegen dem Uhrzeigersinn - gab es bei den Tausenden von Mitarbeitern kein Halten mehr. Man lag sich in den Armen und Champagner war angesagt. Die Erfolgsmeldung ging über alle Ticker und für den 21. Oktober wurden die Vertreter aller am CERN beteiligten Länder zur Feier der offiziellen "LHC-Inauguration" eingeladen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte spontan zu und wurde sogar mit der Festrede geehrt - vor 2000 geladenen Gästen. Immerhin ist Deutschland der grösste Partner bei CERN und finanziert satte 20 % des Jahresbudgets von 650 Millionen Euro. (Trotzdem ist Deutsch, im Gegensatz zu Englisch und Französisch, nicht Projektsprache. Warum eigentlicht nicht?)
In den folgenden Tagen wurde der Probebetrieb fortgesetzt, aber am 19. September - einem Freitag, wer würde da nicht abergläubisch werden - passierte das Unfassbare. Die Messgeräte registrierten Arges und ausgesandte Suchtrupps in Schutzanzügen stellten bald im Sektor 3-4 des Tunnels schlimme Zerstörungen fest. Mehrere Tonnen flüssiges Helium waren aus einem Leck entwichen und dabei verdampft. Dutzende von Dipol- und Quadrupolmagnete, tonnenschwer und bis zu 15 Metern lang, lagen verschmort und aus ihren Verankerungen gerissen umher. Viele der vorher hochreinen Bereiche waren mit einer Art Russ bedeckt. Die Ursache dieses Störfalls war schnell gefunden: eine defekte elektrische Verbindung zwischen zwei Magneten produzierte einen Spannungsabfall und kurz darauf einen elektrischen Lichtbogen, der den Heliumkryostaten durchschlug und die genannten Kollateralschäden verursachte. ( Die früheren LHC-Versuche hatte man mit geringerer Leistung gefahren, weswegen die Anlage wohl gerade noch gehalten hatte).
An eine Fortsetzung der Inbetriebnahmeversuche ist unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. Die Reparatur des LHC wird ein Jahr oder auch länger dauern; der (zusätzliche) Kostenaufwand wird derzeit auf 20 Mio Euro abgeschätzt. Das ist insbes. deswegen schlimm, weil das CERN bereits jetzt wegen diverser anderer Kostenüberschreitungen verschuldet ist. In drei Jahren will man diese Kredite aus dem normalen Budget zurückzahlen. Eine grosse Aufgabe für den Chief Finance Officer, dessen Karriere beim KfK in Karlsruhe begonnen hat.
Noch schlimmer ist der psychologische Schock bei den Mitarbeitern, insbesondere den Experimentatoren. Diesen läuft nämlich kostbare Zeit davon. Sie wollten die Riesenmaschine u.a.dafür nutzen, um ein geheimnisvolles Teilchen aufzustöbern, das sog. Higgs-Teilchen. Es ist benannt nach dem schottischen Physiker Peter Higgs, der es vor gut 40 Jahren postuliert hat und welches den bislang bekannten 24 Kernteilchen ihre Masse verleiht. Ein geradezu charismatisches Teilchen; wer es als Erster findet, dem ist der Nobelpreis sicher - neben Peter Higgs, der mittlerweile auch schon 80 Jahre alt geworden ist.
Aber die Genfer Physiker sind nicht allein. Sie stehen im Wettlauf mit ihren Kollegen am Fermilab in Chicago. Diese besitzen mit dem Tevatron zwar nur einen leistungsschwächeren Beschleuniger, der aber den Vorteil hat, dass er gut läuft. Und die amerikanische Regierung hat kürzlich auch noch Finanzmittel bis zum Jahr 2010 bereitgestellt. Bis dorthin können die US-Physiker noch viel Strahlzeit akkumulieren und, wer weiss, vielleicht stossen sie bei der Analyse ihrer Datenberge schon bald auf das mysteriöse Higgs-Boson - während in Genf noch dekontaminiert und geschlossert wird.
Anzeichen für eine baldige Entdeckung dieses Partikels gibt es schon seit einiger Zeit. Immer wieder breschen einzelne Physiker des Fermilabs mit privaten Blogs vor, in denen sie interessante und neuartige Versuchsergebnisse veröffentlichen. So scheint es ziemlich sicher zu sein, dass die Higgs-Teilchen eine Masse unterhalb von 170 GeV besitzen. Solche Vorveröffentlichungen sind eigentlich gegen den Ehrenkodex der Wissenschaft und deshalb versucht das Management des Fermilabs sie zu unterbinden. In Genf setzt man die sog. Standardabweichung auf 5 sigma fest, d.h. eine zufällige Fluktuation hätte dann nur noch die geringe Wahrscheinlichkeit von 0.0001 Prozent. Man wird sehen, wie dieser Wettlauf ausgeht; die nächsten Monate und Jahre werden spannend.
An der Einweihungsfeier am 21. Oktober hielt Chefmanager Aymar eisern fest, auch wenn der Beschleuniger unter den Füssen der geladenen Gäste still lag. Der kurze Festakt fand auf der Frankreich zugehörigen Seite des CERN-Geländes, in einer vorher leergefegten, gleichwohl festlich dekorierten Werkhalle statt. Wohlgesichert durch die französische Polizei!
Viele der CERN-Forscher aber waren sichtbar verärgert, weil ihrer Meinung nach der Beschleuniger überstürzt in Betrieb genommen wurde und es dadurch zu der folgenschweren Panne gekommen ist. In mehreren Schweizer Zeitungen (u.a. Tribune de Geneve, Sonntag) wird der scheidenden Generaldirektor unverblümt harter Kritik unterzogen. Ein zu ehrgeiziger Terminplan habe zu übertriebenem Zeitdruck geführt, dem die Qualitätskontrolle zum Opfer fiel. Oder: er habe sich vor seinem Abgang noch ein persönliches Denkmal setzen wollen. Auch sein autoritärer Führungstil (mit dem er bereits als ehemaliger ITER-Projektleiter angeeckt ist) und sein nichtkommunikatives Verhalten kam bei den Professoren und Forschern des Experimentierbetriebs denkbar schlecht an. Diese trifft der zeitliche Rückschlag beim LHC ganz besonders, da viele Anstellungsverträge befristet sind und demnächst auslaufen. Im Kern sieht man das Problem darin, dass Aymar zu wenig Sachkenntnis auf dem Beschleunigergebiet mitbrachte und das Projekt mit zu grossem persönlichen Ehrgeiz betrieben hat.
Bundeskanzlerin Merkel liess sich übrigens für die Inaugurationsparty entschuldigen, womit sie wieder einmal ihr politisches Sensorium bewies. Ihren Part übernahm die Forschungsministerin Annette Schawan. Sie stellte auch Aymars Nachfolger, den Deutschen Rolf-Dieter Heuer vor, der CERN ab Januar 2009 als Generaldirektor leiten wird. Er ist damit erst der zweite Deutsche in dieser Funktion, fast genau 20 Jahre nach Herwig Schopper. Viele erwarten von Heuer, dass er als ehemaliger DESY-Forscher mehr Sachkunde einbringt und den autoritären Führungsstil seines Vorgängers abschafft.
Apropos: Bereits zu Schoppers Zeiten fanden die ersten Workshops zur Planung des heute fertiggestellten Large Hadron Collider statt. Soviel zu den Zeitkonstanten in diesem schwierigen Gewerbe.
Mittwoch, 19. November 2008
Morsleben ist nicht besser
Viele wissen es nicht: es gibt in Deutschland noch ein zweites Endlager für radioaktive Stoffe, das - ähnlich wie Asse II - jahrelang betrieben worden ist. Wir haben es von der guten, alten DDR geerbt und es hat den beklemmenden (lateinisch anklingenden) Namen Morsleben. Ähnlich wie Asse II wurde auch in Morsleben bei der Einlagerung von Abfällen unglaublich fahrlässig umgegangen - aber das soll der Reihe nach erzählt werden.
Geographisch liegt Morsleben im heutigen Sachsen-Anhalt, an der Grenze zu Niedersachsen beim ehemaligen Übergang Marienborn/Helmstedt. Merken Sie etwas? Alle deutsche Endläger - Asse II, Gorleben und Morsleben - sind an der früheren Zonengrenze gelegen. Wollte man sich gegenseitig etwas Gutes zukommen lassen?
Auch in Morsleben wurde ein halbes Jahrhundert lang (Kali-) Salz abgebaut. Entsprechend durchwühlt war das Bergwerk mit seiner Vielzahl von Schächten und Stollen. Während des Dritten Reichs wurde es sogar zwei Jahre lang als unterirdische Werkhalle genutzt. 2500 deutsche und ausländische Häftlinge des nahen Konzentrationslager Ravensbrück montierten dort den Düsenbomber Me 262 und die Raketen V1 und V2.
Ab 1965 nutzte die DDR den Salzstock zur Einlagerung ihrer Nukearabfälle aus den Reaktorstandorten Rossendorf, Rheinsberg und Greifswald. Noch vor der Erteilung der atomrechtlichen Genehmigung wurden bereits hunderte von Tonnen abgekippt. Schliesslich befanden sich etwa 15.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver Abfall in dem maroden Bergwerk und zusätzlich über 6-000 Strahlenquellen.
Nach der Wiedervereinigung 1990 fiel das Endlager Morsleben an die Bundesrepublik. Einige jubelten, weil man (nach Asse II) nun ein zweites genehmigtes Endlager besass. In Wirklichkeit war es ein Danaergeschenk. Sachkundige Kritiker verwiesen schon zu Beginn auf die Laugenzuflüsse aus dem Deckgebirge, und hielten den Weiterbetrieb des Lagers für "lebensgefährlich bis kriminell". Sie wurden nicht gehört. Bundesumweltminister Klaus Töpfer - später in Nairobi zum Atomgegner mutiert - liess sich nicht beirren, trieb die Einlagerung voran und bezeichnete sie als "rechtmässig und sicher". Auch seine junge Amtsnachfolgerin A. M. , der noch eine grosse Karriere bevorstehen sollte, ignorierte die Expertenwarnungen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), schliesslich, versagte vollends. Es bestätigte zwar das Einsickern von Wasser in die Grube, sah dadurch aber nicht die Sicherheit des Endlagers gefährdet. (Dass die gleiche Behörde BfS ab 2009 Asse II "retten" soll, ist, gemessen an der Inkompetenz, welche sie bei Morsleben bewiesen hat, geradezu ein Witz.)
Im Zeitraum von 1994 bis 1998 wurde die Riesenmenge von 27.000 Kubikmeter Abfälle , vorzugsweise aus Westdeutschland, in Morsleben "entsorgt". Aber 1998 musste abrupt der Stopp der Einlagerung verfügt werden. Inzwischen war allen bewusst geworden, dass der Salzstock unmittelbar einsturzgefährdet war. Die Aushöhlungen, die Gewichte der Gebinde und der Laugenzufluss hatten seine Statik extrem riskant werden lassen. Seitdem bemüht man sich, ähnlich wie in Asse, um die "Schliessung" des Endlagers.
Mehrere hundert Millionen Euro wird das wohl kosten und viele Jahre dauern. Eine ziemliche Pleite.
Geographisch liegt Morsleben im heutigen Sachsen-Anhalt, an der Grenze zu Niedersachsen beim ehemaligen Übergang Marienborn/Helmstedt. Merken Sie etwas? Alle deutsche Endläger - Asse II, Gorleben und Morsleben - sind an der früheren Zonengrenze gelegen. Wollte man sich gegenseitig etwas Gutes zukommen lassen?
Auch in Morsleben wurde ein halbes Jahrhundert lang (Kali-) Salz abgebaut. Entsprechend durchwühlt war das Bergwerk mit seiner Vielzahl von Schächten und Stollen. Während des Dritten Reichs wurde es sogar zwei Jahre lang als unterirdische Werkhalle genutzt. 2500 deutsche und ausländische Häftlinge des nahen Konzentrationslager Ravensbrück montierten dort den Düsenbomber Me 262 und die Raketen V1 und V2.
Ab 1965 nutzte die DDR den Salzstock zur Einlagerung ihrer Nukearabfälle aus den Reaktorstandorten Rossendorf, Rheinsberg und Greifswald. Noch vor der Erteilung der atomrechtlichen Genehmigung wurden bereits hunderte von Tonnen abgekippt. Schliesslich befanden sich etwa 15.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver Abfall in dem maroden Bergwerk und zusätzlich über 6-000 Strahlenquellen.
Nach der Wiedervereinigung 1990 fiel das Endlager Morsleben an die Bundesrepublik. Einige jubelten, weil man (nach Asse II) nun ein zweites genehmigtes Endlager besass. In Wirklichkeit war es ein Danaergeschenk. Sachkundige Kritiker verwiesen schon zu Beginn auf die Laugenzuflüsse aus dem Deckgebirge, und hielten den Weiterbetrieb des Lagers für "lebensgefährlich bis kriminell". Sie wurden nicht gehört. Bundesumweltminister Klaus Töpfer - später in Nairobi zum Atomgegner mutiert - liess sich nicht beirren, trieb die Einlagerung voran und bezeichnete sie als "rechtmässig und sicher". Auch seine junge Amtsnachfolgerin A. M. , der noch eine grosse Karriere bevorstehen sollte, ignorierte die Expertenwarnungen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), schliesslich, versagte vollends. Es bestätigte zwar das Einsickern von Wasser in die Grube, sah dadurch aber nicht die Sicherheit des Endlagers gefährdet. (Dass die gleiche Behörde BfS ab 2009 Asse II "retten" soll, ist, gemessen an der Inkompetenz, welche sie bei Morsleben bewiesen hat, geradezu ein Witz.)
Im Zeitraum von 1994 bis 1998 wurde die Riesenmenge von 27.000 Kubikmeter Abfälle , vorzugsweise aus Westdeutschland, in Morsleben "entsorgt". Aber 1998 musste abrupt der Stopp der Einlagerung verfügt werden. Inzwischen war allen bewusst geworden, dass der Salzstock unmittelbar einsturzgefährdet war. Die Aushöhlungen, die Gewichte der Gebinde und der Laugenzufluss hatten seine Statik extrem riskant werden lassen. Seitdem bemüht man sich, ähnlich wie in Asse, um die "Schliessung" des Endlagers.
Mehrere hundert Millionen Euro wird das wohl kosten und viele Jahre dauern. Eine ziemliche Pleite.
Samstag, 15. November 2008
Gorleben ist nicht Asse
Gorleben steht wieder voll in der öffentlichen Diskussion, insbes. wegen der Atommülltransporte dorthin. Viele halten das in der Nähe dieses Ortes liegende atomare Endlager für ungeeignet, nur wenige kennen es aus eigener Ansicht. Einige Menschen verweisen auf die trüben Erfahrungen mit dem Versuchsendlager Asse II - und diese muss man ernst nehmen. Deshalb dieser Blog.
Es ist wohl bekannt, dass man den deutschen Atommüll - soweit er stark radioaktiv ist - in geologischen Steinsalzformationen lagern will. Von diesen kegelförmigen Lagern, auch "Dome" genannt, gibt es in Niedersachsen mehr als 200 in verschiedener Grösse. Sie entstanden vor ca. hundert Millionen Jahren, haben die Auffaltung der Alpen sowie ein Dutzend Eiszeiten und Zwischeneiszeiten überdauert und sind demnach geologisch ausserordentlich stabil. Insbesondere aber sind sie "trocken", d.h. sie stehen nicht in Verbindung mit der Biosphäre und schon gar nicht mit dem Grundwasser. Sonst wären sie nämlich längst weggeschwemmt.
Als in Deutschland um 1965 die ersten Forschungsreaktoren und Kleinkraftwerke radioaktiven Abfall produzierten, wollte man sich - versuchsweise - mit der Endlagerung dieser Nuklide befassen. Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GFS) erwarb im Auftrag des Bundes das aufgelassene Steinsalzbergwerk Asse II, südlich von Braunschweig gelegen, und beging dabei eine Reihe verhängnisvoller Fehler, die bis zum heutigen Tag nachwirken.
Fehler Nr. 1 war die Wahl des Standorts. Asse II liegt in enger Nachbarschaft zu den Salzstöcken Asse I und Asse III; beide waren bereits seit Jahrzehnten "abgesoffen", womit man bergmännisch das Volllaufen mit Wasser bezeichnet. Und selbst für Asse II sind zwischen 1906 und 1988 nicht weniger als 29 Wassereinbrüche dokumentiert. Angeblich wurden sie erfolgreich abgedichtet oder waren "vernachlässigbar klein" - bei immer noch um die 500 Liter pro Tag. Egal, diesen risikoreichen Salzstock hätte man nie und nimmer auswählen dürfen, insbes. da so viele Unbeschädigte zur Verfügung standen. Hinzu kam, dass er wegen des früheren Salzabbaus bereits sehr durchwühlt war; mehr als 100 riesige Kammern (sprich: Hohlräume) beeinträchtigten seine Stabilität.
Fehler Nr. 2 betraf das Genehmigungsverfahren. Statt des rigiden Atomrechts, wie es die Einlagerung radioaktiver Substanzen eigentlich erfordert, wählte man - bis heute, übrigens - das weitaus "grosszügigere" Bergrecht. Nach dem atomrechtlichen Verfahren wäre der Salzstock Asse II wegen seiner Wasserprobleme nie in Betracht gekommen.
Fehler Nr. 3 war die Einlagerungsmethode. Die Metallfässer, in denen man den Abfall anlieferte, wurden zum grössten Teil über eine Salzböschung in die Einlagerungskammern abgekippt und anschliessend mit losem Salz bedeckt. Man nannte das bildhaft "einpökeln", etwas vulgärer hätte man auch vom Betrieb eines "Plumpsklos" sprechen können. Insbesondere, weil die spätere Rückholung der Fässer damit praktisch unmöglich wurde.
Fehler Nr. 4 war die Tatsache, dass zwischen 1967 und 1978 nicht weniger als 126.000 Fässer mit schwach- und sogar mittelaktivem Abfall in Asse II eingelagert wurden. Von einer versuchsweisen Einlagerung kann man bei einer solchen Menge nicht mehr reden; da war eine Routineentlagerung im Gange. Die Fässer stammten zur Hälfte vom Kernforschungszentrum Karlsruhe und der dortigen Wiederaufarbeitungsanlage WAK. Meist handelte es sich um Laborabfälle, aber auch ca. 25 kg Uran und 6 kg Plutonium sind in Asse abgekippt worden.
Ich will mit der Aufzählung der grössten Fehler hier aufhören; man könnte noch einige weitere hinzufügen. Mittlerweile zeigen sich ernste Schäden am Salzstock, welche den Betreiber (er nennt sich jetzt Helmholtzinstitut) und die Gutachter, von denen sich einer gar als "Endlagerpapst" titulieren lässt, Tag und Nacht rotieren lassen. Denn seit 1988 laufen - täglich! - 12 Kubikmeter Salzlauge über die Südflanke des Bergwerks ein, wobei Ursache und Ort noch unbekannt sind. Das gefährdet logischerweise zusätzlich die Standsicherheit des verbliebenen Salzstocks. Seit mehreren Jahren versucht man diese gefährdete Südflanke mit Rückstandssalz zu verfüllen, was sich aber bis jetzt als vergebliche Mühe herausstellt. Zur Zeit wird wieder mal ein Schliessungskonzept für Asse II erarbeitet, das u.a. den Einbau von Strömungsbarrieren vorsieht. Es ist nicht unumstritten und man muss sehen was die Zukunft noch alles bringt. Auf alle Fälle wird die sichere Schliessung des Bergwerks noch lange dauern und viel Geld kosten.
Vergleicht man Asse II mit Gorleben, dem Referenzsalzstock für alle deutsche hochaktive Abfälle (HAW), so ist Gorleben wesentlich positiver zu bewerten. Zum einen ist dieser Salzstock rund 500 mal grösser als Asse und darüberhinaus befindet er sich in "jungfräulichem" Zustand. Das bedeutet, dass er nie angeritzt wurde, da er vorher nicht als Salzbergwerk genutzt worden ist. Mit Wassereinbrüchen hat man in Gorleben also nicht zu rechnen. Dieser Salzstock ist seit vielen Jahrmillionen trocken und wird es wohl noch eine Zeitlang bleiben. Senkrechte Schächte ausserhalb des Doms sind mit einen Stollen in 800 Metern Tiefe verbunden, wie man das im heutigen "Tatort"-Krimi der ARD gut sehen konnte. Das Endlager Gorleben ist gut exploriert und die Experten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass dort die Lagerung von HAW sicher möglich ist. Trotzdem verlangte die frühere rot-grüne-Koalition ein 3 bis 10-jähriges Moratorium, währenddessen die weitere Erkundung des Salzstockes aus politischen Gründen unterbrochen wird. Selbstverständlich geschieht die Genehmigung des Endlagers Gorleben nicht nach dem Bergrecht, sondern nach dem weit strikteren Atomrecht.
Zurück zu Asse II. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel gerierte sich in den letzten Monaten als dessen heftigster Kritiker. In Presseerklärungen gibt er sich entsetzt über die dortigen Zustände und spricht von der "problematischten kerntechnischen Anlage Europas". Vielleicht hat er recht, aber warum hat er selbst die Dinge in der Vergangenheit so sträflich schleifen lassen?
Immerhin war er von 1999 bis 2003 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und auch jetzt noch ist er Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Salzgitter/Wolfenbüttel - worin
Asse II gelegen ist.
Es ist wohl bekannt, dass man den deutschen Atommüll - soweit er stark radioaktiv ist - in geologischen Steinsalzformationen lagern will. Von diesen kegelförmigen Lagern, auch "Dome" genannt, gibt es in Niedersachsen mehr als 200 in verschiedener Grösse. Sie entstanden vor ca. hundert Millionen Jahren, haben die Auffaltung der Alpen sowie ein Dutzend Eiszeiten und Zwischeneiszeiten überdauert und sind demnach geologisch ausserordentlich stabil. Insbesondere aber sind sie "trocken", d.h. sie stehen nicht in Verbindung mit der Biosphäre und schon gar nicht mit dem Grundwasser. Sonst wären sie nämlich längst weggeschwemmt.
Als in Deutschland um 1965 die ersten Forschungsreaktoren und Kleinkraftwerke radioaktiven Abfall produzierten, wollte man sich - versuchsweise - mit der Endlagerung dieser Nuklide befassen. Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GFS) erwarb im Auftrag des Bundes das aufgelassene Steinsalzbergwerk Asse II, südlich von Braunschweig gelegen, und beging dabei eine Reihe verhängnisvoller Fehler, die bis zum heutigen Tag nachwirken.
Fehler Nr. 1 war die Wahl des Standorts. Asse II liegt in enger Nachbarschaft zu den Salzstöcken Asse I und Asse III; beide waren bereits seit Jahrzehnten "abgesoffen", womit man bergmännisch das Volllaufen mit Wasser bezeichnet. Und selbst für Asse II sind zwischen 1906 und 1988 nicht weniger als 29 Wassereinbrüche dokumentiert. Angeblich wurden sie erfolgreich abgedichtet oder waren "vernachlässigbar klein" - bei immer noch um die 500 Liter pro Tag. Egal, diesen risikoreichen Salzstock hätte man nie und nimmer auswählen dürfen, insbes. da so viele Unbeschädigte zur Verfügung standen. Hinzu kam, dass er wegen des früheren Salzabbaus bereits sehr durchwühlt war; mehr als 100 riesige Kammern (sprich: Hohlräume) beeinträchtigten seine Stabilität.
Fehler Nr. 2 betraf das Genehmigungsverfahren. Statt des rigiden Atomrechts, wie es die Einlagerung radioaktiver Substanzen eigentlich erfordert, wählte man - bis heute, übrigens - das weitaus "grosszügigere" Bergrecht. Nach dem atomrechtlichen Verfahren wäre der Salzstock Asse II wegen seiner Wasserprobleme nie in Betracht gekommen.
Fehler Nr. 3 war die Einlagerungsmethode. Die Metallfässer, in denen man den Abfall anlieferte, wurden zum grössten Teil über eine Salzböschung in die Einlagerungskammern abgekippt und anschliessend mit losem Salz bedeckt. Man nannte das bildhaft "einpökeln", etwas vulgärer hätte man auch vom Betrieb eines "Plumpsklos" sprechen können. Insbesondere, weil die spätere Rückholung der Fässer damit praktisch unmöglich wurde.
Fehler Nr. 4 war die Tatsache, dass zwischen 1967 und 1978 nicht weniger als 126.000 Fässer mit schwach- und sogar mittelaktivem Abfall in Asse II eingelagert wurden. Von einer versuchsweisen Einlagerung kann man bei einer solchen Menge nicht mehr reden; da war eine Routineentlagerung im Gange. Die Fässer stammten zur Hälfte vom Kernforschungszentrum Karlsruhe und der dortigen Wiederaufarbeitungsanlage WAK. Meist handelte es sich um Laborabfälle, aber auch ca. 25 kg Uran und 6 kg Plutonium sind in Asse abgekippt worden.
Ich will mit der Aufzählung der grössten Fehler hier aufhören; man könnte noch einige weitere hinzufügen. Mittlerweile zeigen sich ernste Schäden am Salzstock, welche den Betreiber (er nennt sich jetzt Helmholtzinstitut) und die Gutachter, von denen sich einer gar als "Endlagerpapst" titulieren lässt, Tag und Nacht rotieren lassen. Denn seit 1988 laufen - täglich! - 12 Kubikmeter Salzlauge über die Südflanke des Bergwerks ein, wobei Ursache und Ort noch unbekannt sind. Das gefährdet logischerweise zusätzlich die Standsicherheit des verbliebenen Salzstocks. Seit mehreren Jahren versucht man diese gefährdete Südflanke mit Rückstandssalz zu verfüllen, was sich aber bis jetzt als vergebliche Mühe herausstellt. Zur Zeit wird wieder mal ein Schliessungskonzept für Asse II erarbeitet, das u.a. den Einbau von Strömungsbarrieren vorsieht. Es ist nicht unumstritten und man muss sehen was die Zukunft noch alles bringt. Auf alle Fälle wird die sichere Schliessung des Bergwerks noch lange dauern und viel Geld kosten.
Vergleicht man Asse II mit Gorleben, dem Referenzsalzstock für alle deutsche hochaktive Abfälle (HAW), so ist Gorleben wesentlich positiver zu bewerten. Zum einen ist dieser Salzstock rund 500 mal grösser als Asse und darüberhinaus befindet er sich in "jungfräulichem" Zustand. Das bedeutet, dass er nie angeritzt wurde, da er vorher nicht als Salzbergwerk genutzt worden ist. Mit Wassereinbrüchen hat man in Gorleben also nicht zu rechnen. Dieser Salzstock ist seit vielen Jahrmillionen trocken und wird es wohl noch eine Zeitlang bleiben. Senkrechte Schächte ausserhalb des Doms sind mit einen Stollen in 800 Metern Tiefe verbunden, wie man das im heutigen "Tatort"-Krimi der ARD gut sehen konnte. Das Endlager Gorleben ist gut exploriert und die Experten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass dort die Lagerung von HAW sicher möglich ist. Trotzdem verlangte die frühere rot-grüne-Koalition ein 3 bis 10-jähriges Moratorium, währenddessen die weitere Erkundung des Salzstockes aus politischen Gründen unterbrochen wird. Selbstverständlich geschieht die Genehmigung des Endlagers Gorleben nicht nach dem Bergrecht, sondern nach dem weit strikteren Atomrecht.
Zurück zu Asse II. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel gerierte sich in den letzten Monaten als dessen heftigster Kritiker. In Presseerklärungen gibt er sich entsetzt über die dortigen Zustände und spricht von der "problematischten kerntechnischen Anlage Europas". Vielleicht hat er recht, aber warum hat er selbst die Dinge in der Vergangenheit so sträflich schleifen lassen?
Immerhin war er von 1999 bis 2003 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und auch jetzt noch ist er Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Salzgitter/Wolfenbüttel - worin
Asse II gelegen ist.
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