Sonntag, 26. Juli 2009

Astrobiologie oder das nackte Leben.

Bei der amerikanischen Weltraumbehörde NASA ist Sparen angesagt, aber eine Abteilung wächst unaufhörlich: die Astrobiologie. Sie ist in San Francisco beheimatet und beschäftigt sich mit dem Leben im Universum. Als interdisziplinäres Team arbeiten dort Astronomem bis Zoologen zusammen, unterstützt von Biologen, Chemikern, Genetikern und Physikern. Ihr Ziel ist letztlich den Ursprung und die Verbreitung sowie die Evolution des Lebens im Universum zu untersuchen. Als Basis dient ihnen derzeit noch das Studium des Lebens auf unserer Erde - und zwar in extremen Umgebungen.

Es zeigt sich nämlich immer mehr, dass irdisches Leben - zumindest auf der Stufe der Mikroben und Bakterien - praktisch überall anzutreffen ist: in der Nähe von Vulkanen, in der Tiefsee, in der Antarktis und auf den höchsten Bergspitzen. Mikroben sind es auch, die der harten Strahlung im Weltraum trotzen. Manchen Bakterien gelingt es sogar, ihren Chromosomensatz DNS wieder aufzubauen, nachdem er vorher durch Bestrahlung gespalten und zerstört worden ist. Diese Erkenntnisse sind wichtig, weil sie zeigen, dass (niederes ) Leben eine ausserordentliche Zähigkeit besitzt. Warum sollte es also nicht auf einem anderen Planeten existieren können?

Zum Beispiel auf dem Planeten Mars. Der "Rote Planet" ist zwar gefroren, aber es gibt viele Indizien dafür, dass sich unter seiner Oberfläche flüssiges Wasser befindet - eine wesentliche Voraussetzung für das Leben. Auch wenn die NASA bei kommenden Expeditionen zum Mars keine intelligenten Lebensformen entdecken wird, in ein paar Milliarden Jahren Jahren wird dieser Planet eine zweite Chance erhalten. Dann bläht sich nämlich die Sonne in Ihrer Endphase zum sog. Roten Riesen auf und beim Mars werden sich angenehme Temperaturen entwickeln. Da dieser Zustand viele hundert Millionen Jahre anhalten wird, könnte es durchaus zur Evolution höherer Lebewesen kommen.

Umgekehrt war der Verlauf bei der Venus. Die Forscher halten es für möglich, dass auf diesem Planeten vor Milliarden Jahren (als es noch kälter war im Sonnensystem) grosse Ozeane an der Oberfläche zu finden waren. Das hätte zumindest die Ausbildung bakteriellen Lebens zugelassen, wenn nicht mehr! In der Zwischenzeit ist infolge des Treibhauseffekts die Oberflächentemperatur auf 500 Grad angestiegen und der Luftdruck ist 90 Atmosphären höher als auf der Erde. Wenig einladend auf dem ersten Blick. Dennoch, im Bereich der oberen Lufthülle liegen die Temperaturen bei mässigen 70 Grad und der Druck bei Normalnull. Warum sollten sich also Mikroben aus der Frühzeit nicht in diesen oberen Abschnitt geflüchtet haben? Eine weitere Satellitenmission könnte hier Aufklärung bringen.

Beim innersten Planeten Merkur sowie ab dem weit draussen positionierten Uranus ist die Möglichkeit für Leben faktisch ausgeschlossen. Auf dem Merkur sind die Tag- und Nachttemperaturen extrem (-180 bis 460°C) und in der Eiswelt des Uranus ist die Temperatur dauerhaft tief (unter -180°C).

Zu den Planeten im weitesten Sinne zählen für die Astrobiologen auch die Monde. Unser eigener Erdmond trägt kein Leben und kein Wasser, das wissen wir definitiv. Aber die Jupitermonde sind durchaus Kandidaten dafür. Insbesondere die vier Galileischen Monde und daraus der Mond "Europa". Er ist der kleinste der vier und ist von einer dicken Eiskruste umgeben. Aber darunter wird ein Ozean aus flüssigem Wasser vermutet, dessen Tiefe auf 90 Kilometer abgeschätzt wird. Europa ist geologisch aktiv, besitzt einen Eisenkern, den ein Silikatmantel umgibt. Auch die anderen grossen Jupitermonde - Ganymed, Callisto und Jo - sind mit Wasser ausgestattet und stehen bei den Biologen unter Beobachtung.

Zum Schluss eine kleine Abschätzung:

Wenn man, wie Experten das tun, in unserem Universum 100 Milliarden Galaxien vermutet, die je 100 Milliarden Sterne besitzen, so kommt man bei den Sternen auf eine Gesamtzahl von 10 Trilliarden (deutsche Zählweise). Nimmt man an, dass jeder Stern 10 Planeten bzw. Monde besitzt, so ergibt das 100 Trilliarden nichtleuchtender Himmelskörper - eine Eins mit 23 Nullen.

Diese riesige Zahl kann sich kaum jemand vorstellen. Zur Veranschaulichung diene folgendes Bild: Man stelle sich einen feinen Sandstrand vor. Jedes Sandkörnchen möge einen der 100 Trilliarden Planeten bzw. Monde repräsentieren; es soll ein Volumen von einem Kubikmillimeter besitzen. Nehmen wir an, der Sandstrand sei einen Meter tief und hundert Meter breit.

Nun die Frage: Wie lang müsste der Sandstrand sein, um alle 100 Trilliarden Sandkörner zu enthalten?

Die Antwort ist, falls ich mich nicht verrechnet habe:

1 Milliarde Kilometer. Er würde sich also 25.000 mal um den Äquator wickeln.

Wer wagt da noch zu glauben,

dass unsere Erde der einzige belebte Planet ist?

Sonntag, 19. Juli 2009

Die Jagd nach Planeten

Vor knapp 15 Jahren noch durften ernstzunehmende Wissenschaftler behaupten, dass es ausserhalb unseres eigenen Sonnensystems keine Planeten gäbe. Kaum war dieser Artikel in einer renommierten astronomischen Zeitschrift erschienen, da entdeckte 1995 der Schweizer Astronom Michel Mayor den ersten extrasolaren Planeten im Sternbild des Pegasus, etwa 40 Lichtjahre von uns entfernt. Seitdem ist die Jagd auf die sog Exo-Planeten eröffnet. Astronomen und Hobby-Sterngucker richten ihre Fernrohre auf alle Gegenden unserer Milchstrasse aus und werden fündig. Rund 350 extrasolare Planeten wurden bis heute gefunden und es werden ständig mehr. Nun kippt die Meinung der Astrophysiker und Astronomen. Nicht wenige glauben jetzt, dass jeder Stern von Planeten umgeben ist, womit man auf viele hundert Milliarden käme.


Aber soweit sind wir noch nicht. Der Nachweis von Planeten um fremde Sterne ist schwierig. Der helle Zentralstern überstrahlt den verhältnismässig eng umkreisenden dunklen Planeten, sodass dieser nicht direkt mit dem Fernrohr beobachtet werden kann. Deshalb ist man in der Regel auf indirekte Methoden der Observation angewiesen, wovon es im wesentlichen zwei gibt. Falls die Umlaufbahn des Planeten so liegt, dass er aus Sicht der Erde genau vor seinem Stern vorbei zieht, erzeugen diese Bedeckungen periodische Absenkungen in der Helligkeit des Sterns, die sich photometrisch nachweisen lassen (Transitmethode). Bei der Methode der Radialgeschwindigkeit nutzt man aus, dass Stern und Planet unter dem Einfluss der Gravitation um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisen. Der Planet bringt den Stern durch seine Anziehungskraft (scheinbar) etwas zum "Torkeln", was zu Frequenzverschiebungen im Lichtspektrum führt, woraus man Masse und Umlaufgeschwindigkeit des Planeten über die Dopplerverschiebung berechnen kann. Im ersten Fall misst man also die zeitweise Verdunklung des Zentralgestirns, im zweiten Fall seine Taumelbewegungen.


Unter den bisher entdeckten Planeten ist keiner, der unserer Erde gleicht. Die allermeisten sind keine Gesteinsplaneten sondern Gasplaneten wie der Jupiter und damit 3-500 mal massereicher als die Erde. Wegen der Nähe zu ihrem Stern sind diese jupiterähnlichen Planeten sehr heiss, denn sie umkreisen diesen in wenigen Stunden bis Tagen. Sie wären also - zumindest für Menschen unserer Bauart - nicht bewohnbar. Deshalb richtet sich die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler zunehmend darauf, Planeten zu finden, die mit unserer Erde vergleichbar sind. Dazu müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Zuallererst sollte es sich um Gesteinsplaneten handeln, deren Massen in etwa mit unserer Erde vergleichbar sind. Zum anderen sollte sich dieser Planet in der "habitablen Zone" seines Heimatsterns befinden, also in einer Zone gemässigter Temperatur, in der Wasser in flüssiger Form vorliegt. Letzteres hängt vom Typus des Zentralsterns ab, aber auch vom Abstand zwischen Stern und Planet. Schliesslich sollte der Planet seinen Stern langsam, etwa in einem Jahr umrunden.

Zum Aufspüren erdähnlicher Planeten, "Erdzwillinge" genannt, hat die amerikanische Weltraumbehörde NASA im März 2009 den Satelliten "Kepler" ins All geschickt. Er trägt ein Spezialteleskop, das in der Milchstrasse nach Doppelgängern unserer Erde Ausschau halten soll. Es ist auf eine sternreiche Gegend von ca. 20 Vollmonddurchmessern in den beiden Sternbildern Schwan und Leier ausgerichtet, wo es über drei Jahre lang etwa 100.000 Sterne unter die Lupe nehmen soll. Sie werden alle halbe Stunde fotografiert und auf Verdunklungen bzw. Torkelbewegungen hin analysiert. Viele Planeten werden unentdeckt bleiben, denn 99.5 Prozent von ihnen ziehen ausserhalb der Sichtlinie an ihren Mutterstern vorbei, sodass Kepler keine Verdunklung feststellen kann. Als entdeckt gilt ein Planet erst, wenn das Observatorium ihn dreimal registriert hat. Nur dann können die Astronomen sicher sein, dass sich die Verdunklung streng periodisch wiederholt und das "kosmische Blinklicht" nicht vom zufälligen Flackern eines Sterns herrührt. Ein erhebliches Messproblem ergibt sich dadurch, dass die Transitphase zumeist nur wenige Stunden andauert.


Wieviele habitable Exoplaneten den Forschern ins Netz gehen werden, hängt von ihrer Häufigkeit ab. Da diese noch unbekannt ist, sind die Astronomen auf Schätzungen angewiesen. Sollten solche Planeten häufig sein, so könnte Kepler Dutzende von ihnen entdecken. Sind sie hingegen selten, so ist auch ein negativer Befund denkbar. Klar ist, dass das Weltraumteleskop die Kenntnis der Verteilung der verschiedenen Planeten in der Milchstrasse auf eine solidere statistische Basis stellen wird. Nach gut drei Jahren ist die Kepler-Mission beendet, weil danach der Satellit aus navigatorischen Gründen in den Weltraum entschwindet.


Ganz aufregend wird es, wenn Kepler tatsächlich einen oder mehrere erdähnliche Planeten aufspüren sollte. Dann stellt sich eine weitere, noch spannendere Frage: gibt es Leben auf diesen Erdzwillingen? Da ein direkter Nachweis unmöglich ist, wäre man auch hier auf indirekte Methoden angewiesen. So wird angenommem, dass bestimmte Molekülverbindungen nur durch "Leben" dauerhaft erzeugt werden können. Die Verbindungen Ozon und Methan gelten als solche "Biomarker". Würde man zum Beispiel im Absorptionsspektrum eines fernen Planeten diese Moleküle finden, dann wäre das ein starkes Indiz für Leben.


Es gibt aber auch Überlegungen zu sehr exotischen Lebensformen, die insbesondere von Schriftstellern des Science Fiction gepflegt werden. Ihnen ist unser Beharren auf Kohlenstoff als Lebensgerüst längst ein Dorn im Auge und deshalb fordern sie:


"Nieder mit dem Kohlenstoff-Chauvinismus".

Freitag, 10. Juli 2009

Die dunkle Seite des Lichts

Wer kennt ihn nicht, den alten Kinderreim:
"Weisst du, wieviel Sternlein stehen,
an dem blauen Himmelszelt?"

Früher konnte man mit blossem Auge etwa 3.000 Lichtpunkte am nächtlichen Sternhimmel ausmachen. Heute sind es gerade mal noch 300, in den Städten sogar nur einige Dutzende. Der atemberaubende Anblick der Milchstrasse ist heute kaum jemanden noch beschieden, jener "nachlässig drapierte, strassbesetzte Seidenschal", der sich von Nord nach Süd über den Nachthimmel erstreckt.

Schuld daran ist die sog. Lichtverschmutzung, auch Lichtsmog genannt. Von Menschen installierte künstliche Lichtquellen senden Licht in den Himmel, das in den unteren Luftschichten der Atmosphäre gestreut wird. Der Nachthimmel ist voll von Streulicht. Die grössten Verursacher dieser Lichtverschmutzung sind die Grosstädte und Industrieanlagen, welche durch Strassenbeleuchtung und Lichtreklamen die bekannten Lichtglocken über den Metropolen erzeugen. Belgien beleuchtet sogar überflüssigerweise seine Autobahnen. Seit einigen Jahren verwenden Diskothekenbetreiber auch noch Projektionsscheinwerfer, welche taumelnde Lichtkegel am Nachthimmel erzeugen. Las Vegas ist stolz auf hunderte himmelwärts strahlende Skybeamer.

Manche Städte, wie Karlsruhe, legen bei ihrer Strassenbeleuchtung sogar öffentliche Wettbewerbe auf. Bei der Kampagne "Wo brennt eine Strassenlampe nicht?" werden alljährlich Einwohner ausgezeichnet, die den Stadtwerken ausgebrannte Lampen melden. Sinnvoller wäre es, die Zahl der Strassenlampen zu reduzieren und ihre Lichtabstrahlung zur Seite und zur Höhe hin zu unterbinden. Das würde nicht nur der Stromverschwendung entgegenwirken, sondern auch die Navigation nachtaktiver Insekten und Zugvögel erleichtern und letztlich auch empfindlichen Menschen zu einem gesunden Nachtschlaf verhelfen.

Die Stadt Augsburg geht hier mit gutem Beispiel voran. Sie gilt deutschlandweit als die "Modellstadt für umweltfreundliche Beleuchtung". Durch Einsparungen bei den Lampen konnte der Stromverbrauch bei der Strassenbeleuchtung um 20 Prozent gesenkt werden. Der immer wieder vorgebrachte Einwand, dass weniger Beleuchtung mehr Kriminalität nach sich ziehe, wurde dabei auch entkräftet. Letztlich sind Einbrecher, Strassenräuber und Graffitimaler eben auch nur Menschen wie du und ich: sie können im Dunkeln nicht "arbeiten".

Einen grossen Schritt weiter geht man mit der Einrichtung der "Dark Sky Parks". Darunter versteht man ein klar umrissenes Gebiet, in dem der bestirnte Nachthimmel vor Verschmutzung durch Kunstlicht geschützt wird. Solche dunkle Himmelsparks gibt es bereits in Utah, Arizona und Kanada; weitere sollen (vielleicht) im Bayrischen Wald und sicherlich in den Pyrenäen und in Schottland entstehen. Dort sind die Nächte tatsächlich noch pechschwarz. Trotzdem wirft der Mensch beim Spaziergang einen Schatten. Wie das? Es ist das Licht der Sterne, das diesen Schatten erzeugt. Ein grandioses Erlebnis.

Am stärksten betroffen durch die Luftverschmutzung sind die Amateurastronomen, von denen es in Deutschland etwa 40.000 gibt. Zählt man die gelegentlichen Sterngucker hinzu, dann geht die Zahl vermutlich in die Hundertausende. Ihre Arbeit ist wichtig für den Fortschritt der Astronomie und Astrophysik. Sie überwachen zum Beispiel die ca. 2.000 veränderlichen Sterne, welche in regelmässiger oder unregelmässiger Weise ihre Helligkeit variieren. Die Amateure besitzen viele Teleskope und können ein sehr dichtes Netz der Überwachung über diese Sterne legen. Die Lichtkurven der Sterne melden sie der Fachwissenschaft zur genaueren Auswertung.

Die Hightech-Teleskope der Wissenschaftler dringen zwar tiefer ins All ein, aber es sind nur vergleichsweise wenige Sternwarten. Ihr Blick ins All beschränkt sich oftmals nur auf ein wichtiges Detail, das aber Wochen und Monate mit Akribie verfolgt wird. Damit können die Amateurastronomen natürlich nicht mithalten. Aber: viele Augen sehen mehr als wenige, das ist die Stärke der Hobby-Forscher. Mancher Amateur hat schon Kometen, Kleinplaneten, ja sogar Exo-Planeten und Galaxien entdeckt. Kein anderer Amateurbereich ist so eng mit der Wissenschaft verzahnt. Aldi und Lidl tragen dazu bei, indem sie preiswerte Teleskope auf ihren Wühltischen anbieten.

Richtig Spass machen Teleskope, wenn sie Elektromotoren und Schneckengetriebe für die optische Nachführung besitzen; dann muss das Fernrohr nicht mehr ständig von Hand nachjustiert werden. In Verbindung mit dem Computer entstand daraus die sog. Computerastronomie - der digital vermittelte Zugang zum Sternenhimmel. Er ist besonders im Winter attraktiv. Kein Zähneklappern, keine Nackenstarre, keine steif gefrorenen Hände mehr. Stattdessen Astronomie im warmen Wohnzimmer auf dem Sofa - vielleicht sogar bei einem Glas Rotwein.

Die ultimative Steigerung ist, wenn man gar nicht mehr selbst am Fernrohr steht, sondern, wenn das Fernrohr "irgendwo" ist. Zum Beispiel in Namibia, wo es solche Teleskope bereits zu mieten gibt, die man von Deutschland aus über das Internet steuern kann. Am dortigen klaren Nachthimmel werden die astronomischen Aufnahmen gemacht, die dann der Drucker in Castrop-Rauxel prompt ausspuckt. Inzwischen gibt es bereits ganze "Farmen", die solchen "Astrourlaub" anbieten. Wow!

Hoffen wir, dass die Lichtverschmutzung nicht auch noch in diesen bislang unberührten Gegenden ankommt. Denn wir sollten bedenken, dass das Licht entfernter Sterne und Galaxien Hunderte, Tausende, ja Millionen Jahre braucht um zu uns zu gelangen.

Was für eine Tragödie, es in der letzten Millisekunde seiner Reise zu verlieren.

Dienstag, 30. Juni 2009

Angela M. und die Atomsuppe

Seit einiger Zeit wird im Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) immer öfter von der "unmittelbar bevorstehenden Inbetriebnahme der Verglasungseinrichtung VEK" gesprochen. Nehmen wir mal optimistischerweise an, dass diese Anlage nach den Bundestagswahlen den (echten!) Betrieb aufnehmen wird, dann ist es jetzt an der Zeit, einige Facetten der Projekthistorie Revue passieren zu lassen. Wie bei jedem Milliardenunternehmen wurden in der Vergangenheit richtige, aber auch einige grottenfalsche Entscheidungen getroffen. Soweit dabei das obere Management, bzw. ranghohe Politiker involviert waren, seien die wichtigsten Entscheidungen kurz rekapituliert.

"WAK - Winnackers Alte Klamotte", witzelten einige Chemieverfahrensingenieure, als 1964 für die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) das angeblich veraltete Purex-Verfahren ausgewählt wurde. Zukunftsreicher als die Extraktion auf nasschemischem Wege wären nach Meinung dieser Kritiker das Halogenidverfahren oder die pyrometallurgischen Methoden gewesen. Aber Karl Winnacker, damals mächtiger Chef der Farbwerke Hoechst AG, focht dieser Streit nicht an; er setzte sich durch.

Freilich war mit dieser Entscheidung auch eine Hypothek verbunden. Pro Tonne Reaktoruran erhielt man zwar 948 kg Uran und 10 kg Plutonium als "Wertstoffe" zurück - aber auch jede Menge flüssigen Abfall. Genauer gesagt: ca. 400 Liter Salpetersäure, "gewürzt" mit 41 kg Spaltprodukten, 1 kg Aktiniden, Korrosionsprodukten sowie Restmengen an Uran und Plutonium, da die Trennanlagen naturgemäss nicht vollkommen separieren konnten. Voilà, die berühmte "Atomsuppe"! Kerntechniker bezeichnen diesen Flüssigabfall etwas seriöser als "high active waste concentrate", abgekürzt HAWC.

Von diesem HAWC gab es zum Betriebsende der WAK im Jahr 1990 aber nicht nur einen halben Kubikmeter, sondern deren 80, entsprechend der insgesamt aufgearbeiteten Kernbrennstoffmenge von 206 Tonnen. Nicht unbedingt ein riesiges Volumen an flüssigem Abfall, denn er hätte Platz gefunden in einem "Schwimmbad" von 8 m Länge, 5 m Breite und 2 m Tiefe. Die Erwärmung durch die Eigenstrahlung ist messbar, aber durchaus moderat. Etwa so, als ob hundert Tauchsieder dieses Becken leicht anwärmen würden. Die radioaktive Strahlung ist allerdings ziemlich beträchtlich: ohne Abschirmung hätte man sich diesem Schwimmbad allenfalls auf einem Kilometer nähern dürfen.

Eine glatte Fehlentscheidung während der Bauphase der WAK (1965-70) war der Verzicht auf eine Verglasungsanlage für den HAWC. Flüssigabfall ist per se nicht endlagerfähig, sondern muss vorher verfestigt werden. Die Überführung in den Festzustand durch Verglasen (bzw. Zementieren oder Kalzinieren) ist also unumgänglich. Stattdessen liessen die Manager der Betreibergesellschaft GWK ein sog. Hauptwastelager (HWL) bauen, mit zwei verbunkerten Edelstahlbehältern zur Aufnahme des HAWC. Als diese 1986 gefüllt waren, kam die sog. Lager- und Verdampfungsanlage (LAVA) dazu, die ebenfalls aus zwei abgeschirmten Lagerbehältern bestand. Allein die LAVA kostete damals die Riesensumme von fast 100 Millionen DM, wofür man besser eine Verglasungsanlage finanziert hätte.

Anfangs der neunziger Jahre wurde der Betrieb der WAK eingestellt, nachdem die deutschen Stromerzeuger die Grossanlage Wackersdorf aufgegeben hatten. Die Betriebsmannschaft der GWK beschäftigte sich fortan mit der Stillegung und dem Rückbau ihrer Anlage. Man beschloss damals die 80 cbm HAWC zur Verglasungsanlage "Pamela" ins belgische Mol zu transportieren, die - mit Karlsruher Hilfe! - für die dortige Wiederaufarbeitungsanlage der Eurochemic gebaut worden war. Entsprechende Dienstleistungsverträge wurden abgeschlossen und die Entwicklung des Spezialtransportbehälters CASTOR V/HAWC sowie der Abfüllstation HAWA in Angriff genommen.

Im Rahmen einer vom Bonner Forschungsministerium veranlassten
Umorganisation wurde das Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) 1993 mit der Federführung für die Stilllegung der WAK beauftragt. Von da an nahm das Projekt eine folgenreiche Wende. Zwei ranghohe Manager der KfK hielten das bisher verfolgte Transportkonzept beim HAWC für zu risikoreich und schlugen vor, die Atomsuppe vor Ort in Karlsruhe zu verglasen. (Die Namen dieser beiden Manager sind mir wohl bekannt; ich nenne sie nicht - aus Bescheidenheit.) Strikt dagegen war ein halbes Dutzend, ebenfalls ranghoher Manager, zumeist aus dem Bereich der GWK stammend. ( Auch deren Namen könnte ich noch vollständig aufzählen; ich versage mir dies - aus Barmherzigkeit.) Und wie es eben im wirklichen Leben so ist: die bessere Idee setzt sich durch und der Ober sticht den Unter. Bald wurde beschlossen, die Verglasungseinrichtung VEK vom KfK-Institut INE vorplanen zu lassen und in unmittelbarer Nähe des Lagerbunkers LAVA zu errichten.

Nun war noch die baden-württembergische Landesregierung zu gewinnen, denn eine Verglasungsanlage ist formal eine kerntechnische Einrichtung und bedarf der Genehmigung nach §7 des Atomgesetzes. Die zuständigen Minister waren damals der Wirtschaftsminister Dieter Spöri und der Umweltminister Harald B. Schäfer, beide von der SPD. Zur grossen Überraschung legten sich beide quer. Spöri bekannte sogar in einer Presseerklärung, "dass mit mir der Konzeptionswechsel nicht zu machen ist". Beide verlangten kategorisch, die Atomsuppe, wie früher angedacht, nach Belgien zu transportieren und dort zu verglasen.

In dieser verfahrenen Situation wandte sich die KfK (über das Bonner Forschungsministerium) an die neu ernannte Bundesumweltministerin Angela Merkel. Sie war nach der Bundestagswahl im Oktober 1994 völlig überraschend in dieses Amt gekommen und hatte damit den langjährigen Platzhirsch Klaus Töpfer abgelöst, der zum Bauministerium abgeschoben wurde. Nach kurzer Zeit erhielt der Forschungsminister Rüttgers von Frau Dr. Merkel eine Stellungnahme, die in mehrfacher Hinsicht sehr bemerkenswert war. In einem 4-seitigen, fast persönlich gehaltenem Schreiben (das sie auch selbst unterzeichnete!), bekannte sich die damals 40jährige Ministerin und Physikerin ohne Wenn und Aber zum VEK-Konzept. Sie benannte vorallem das hohe Risiko der erforderlichen 30 Transporte nach Mol, wofür ein neuartiger Castorbehälter für flüssigem Abfall vorgesehen war, der bisher nirgendwo erprobt werden konnte. Sie mutmasste: "Bei einem Störfall könnten diese Transporte erheblich verzögert werden oder gar zu einem nicht vorhersehbaren Zeitpunkt gänzlich scheitern." Die absehbare Projektverzögerung beim Umschwenken auf die Verglasung vor Ort hielt sie demgegenüber für tolerierbar. Die Schlussfolgerung in ihrem Brief war deutlich: "Ich schliesse mich deshalb der Empfehlung an, die Mol-Variante zugunsten der VEK fallen zu lassen."

Ihre klare Stellungnahme veranlasste unter anderem den Parteichef der baden-württembergischen FDP, Walter Döring, sich öffentlich zur VEK zu bekennen. Spöri und Schäfer blieben allerdings stur bei ihren Positionen und wurden bei der Landtagswahl im Sommer 1996 dafür hart abgestraft. Nur 25,1 % der Stimmen erhielten die Genossen, womit der Weg frei war für eine Koalition zwischen CDU und FDP. Und auch die atomrechtliche Genehmigung für die Verglasungsanlage schien nun erreichbar zu sein, denn Döring galt als designierter Wirtschaftminister und der CDU-Mann Schaufler als Umweltminister. An den strahlenden Gesichtern am Tag nach der Wahl konnte man ablesen, dass viele Mitarbeiter im VEK-Bereich auf diese politische Traumkombination ihre Hoffnungen gesetzt hatten.

Aber bevor Döring und Schaufler zu Ministern ernannt werden konnten, musste der CDU-Chef Erwin Teufel erst noch zum Ministerpräsidenten des Landes gewählt werden. Und dabei kam es zum Eklat. Bei der (geheimen) Abstimmung am 12. Juni 1996 erhielte Teufel eine Stimme weniger als zur Mehrheit erforderlich; er war also nicht gewählt worden. Über die Gründe wurde viel gerätselt. Einige Journalisten meinten, Teufel habe altgediente CDU´ler in seiner Kabinettsliste nicht ausreichend berücksichtigt; andere waren der Meinung, das kitzlige Gleichgewicht zwischen den beiden Landesteilen Baden und Württemberg sei nicht gewahrt gewesen.

Sei´s drum, die Wahrheit wird wohl nie mehr ans Licht kommen. Nach dem ersten Schock wurde - zum Ärger der Oppositionsparteien - sogleich eine zweite Abstimmung anberaumt und diesmal klappte es. Teufel erhielt drei Stimmen mehr als erforderlich, zwei Stimmenverweigerer ("U-Boote" genannt) gab es weiterhin.

Der nun wirklich ernannte und für die atomrechtliche Genehmigung zuständige Minister Walter Döring handelte schnell. Nach einer öffentlichen Anhörung wurden die Dienstleistungsverträge mit Mol-Pamela (unter leisem Grummeln der Belgier) gekündigt und die VEK formal als Projekt etabliert. Die Planungsarbeiten dauerten drei Jahre bis 1999; seitdem ist die Anlage im Bau. Demnächst soll sie, wie man hört, in Betrieb gehen.

Und wo sind die politischen Protagonisten geblieben?

Nun, Angela Merkel machte eine steile Karriere und brachte es - nachdem Kohl und Schäuble sich durch die Spendenaffäre selbst deaktivierten - bis zur Bundeskanzlerin. Zumindest bis zum 27. September diesen Jahres.

Spöri und Schäfer sind abgetaucht; vielleicht geniessen sie ihre Ministerpensionen in der Toskana.

Walter Döring hat sich nach einigen kleineren Affären ganz aus der Politik zurück gezogen und ist jetzt zufriedener Hotelier und Schankwirt in Schwäbisch-Hall.

Erwin Teufel wurde im Wintersemester 2005 - trotz fehlenden Abiturs - an der Hochschule für Philosophie in München zum Philosophiestudium zugelassen. Seit dem Wintersemester 2007 vermehrt er die Zahl der Studienabbrecher.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Wasser marsch !

Sofern Sie, meine lieben Leser, ultimo Juni noch - oder schon wieder - liquide sein sollten, dann empfehle ich Ihnen einen 5 Euro-Geldschein aus der Brieftasche zu ziehen und die Rückseite zu betrachten. Sie sehen darauf (vielleicht zum ersten mal) die Strichzeichnung eines Bauwerks. Es scheint eine Bogenbrücke zu sein, die einen Fluss überquert. Tatsächlich ist es der Pont du Gard, die Brücke über den kleinen Fluss Gardon bei Nîmes in Südfrankreich. Sie wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. in nur drei Jahren von tausend Bauarbeitern errichtet, aber keineswegs um den dortigen Strassenverkehr zu bewältigen. Auf der oberen Ebene verlief keine Verkehrstrasse, sondern eine Wasserleitung in einem Schacht von 1,2 m Breite und 1,8 m Höhe. Dieser sogenannte Aquädukt versorgte die nahe Römersiedlung Nemauses - so hiess Nîmes zur damaligen Zeit - mit Trinkwasser aus den umliegenden Bergen. Wegen ihrer baulichen Ästhetik wurde der Pont du Gard 1985 in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Aquädukte waren eine Spezialität der alten Römer. Sie führten das Wasser bis zu hundert Kilometer weit; meist unterirdisch, teilweise aber auch über Brücken in die grössten Städte des römischen Reiches. Die Hauptstadt Rom wurde allein von elf Aquädukten mit Trinkwasser (und Brauchwasser) versorgt. Drei dieser altehrwürdigen Wasserleitungen sind heute noch in Betrieb. Eine speist die Fontana di Trevi, den Trevi-Brunnen, der vorallem bekannt wurde durch den Filmklassiker "La dolce vita", weil darin zu nächtlicher Stunde die üppige schwedische Filmschauspielerin Anita Ekberg mit ihrem Partner Marcello Mastroianni ein Bad nahm. Sinnigerweise heisst diese Wasserleitung "aqua virgo", weil eine Jungfrau (virgo) den Weg zu der besonders reinen Quelle gezeigt haben soll.

Der Ausgangspunkt eines Aquädukts war immer das Quellhaus (lat. caput), die Mündung ein Hochpunkt in der Stadt, zumeist ein Wasserturm mit einem Verteiler (castellum). Da das Wasser vom Anfangs- zum Endpunkt stetig fliessen musste, benötigte die Leitung - egal ob unterirdisch oder überirdisch - ein leichtes, aber stetiges Gefälle. Die von Tunneln durchschnittenen Berge oder die überbrückten Talkessel mussten über Dutzende von Kilometern hinweg ein gleichmässiges Gefälle aufweisen. Dass die römischen Ingenieure dies geschafft haben, verdient heute noch höchste Respekt. So besitzt der oben genannte Pont du Gard ein durchschnittliches Gefälle von nur 24 Zentimetern auf einem Kilometer. Bezogen auf die Gesamtlänge dieser Wasserleitung von 50 km war das Gesamtgefälle nur 12 m, entsprechend 0,2 Promille! Dabei wurde in den Kurven das Gefälle sogar noch weiter erniedrigt, damit das Wasser infolge der Fliehkraft nicht zu weit nach aussen getrieben wurde.

Das wichtigste Hilfsmittel beim Nivellieren während des Baus war der sogenannte Chorobat, eine Art riesige Wasserwaage in Form eines Tisches. Über Kimme und Korn wurde eine mehrere Meter lange Holzrinne anvisiert und danach das Gefälle mit Messlatten im Gelände festgelegt. Der selbsbewusste römische Chef-Wasserwerker Frontinus stellte deshalb sein Aquäduktsystem auch über die damals bekannten Weltwunder wie "die ganz offensichtlich nutzlosen ägyptischen Pyramiden und die griechischen Tempel."

Der Wasserverbrauch im alten Rom war gigantisch. Es mussten nicht nur die Einwohner mit Trinkwasser versorgt werden, sondern auch die mehr als 800 städtischen Thermen - ganz zu schweigen von den Villen der Reichen. So liess Hadrian seine "Villa Adriana" mit Fischteichen, Brunnen, Thermen und sogar mit einem künstlichen See ausstatten. Unter dem Kolosseum im Stadtzentrum von Rom sind die Archäologen auf grosskalibrige Röhren gestossen, weshalb vermutet wird, dass in diesem Amphitheater der Kampfplatz der Gladiatoren und Bären gelegentlich auch geflutet wurde, um "Seeschlachten" zu veranstalten. Rechnerische Abschätzungen ergaben, dass - bezogen auf den Kopf der Bevölkerung - die Römer fünfmal mehr Wasser verbraucht haben als ein derzeitiger Mitteleuropäer!

Trotzdem, oder gerade deshalb, wurde auch immer wieder Wasser gestohlen. Der vom Senat eingesetzte Wasserwart (curator aquarum) sah für Wasserraub herbe Strafen vor, aber die Einfallskraft der Diebe war beträchtlich. Insbesondere bei Aquädukten im Bereich der landwirtschaftlich genutzten Felder, kamen die Grundstücksbesitzer immer wieder in die Versuchung, die öffentlichen Leitungen anzuzapfen. Zur Kappung dieser by-Pässe wurde nach schriftlichen Aufzeichnungen eine Menge Blei verbraucht.

Womit wir bei dem Werkstoff und chemischen Element wären, worüber heute noch heftig diskutiert wird: das Blei. Die Römer verwendeten vorallem für die Rohrleitungen innerhalb des Stadtgebiets das leicht formbare und nicht rostende Metall Blei und zwar in rauen Mengen. Für eine Leitung vom Sammelbecken zum Forum Romanum, knapp zwei Kilometer lang, wurden beispielsweise mehr als 200 Tonnen Blei zu Rohren verpresst. Über die gesundheitlichen Gefahren von Trinkwasserleitungen aus Blei warnte bereits vor zweitausend Jahren der römische Architekt und Ingenieur Vitruv. Er beobachtete die hohe Mortalitätsrate der Arbeiter in den Bleiminen und erkannte die toxische Wirkung dieses Elements. Trotzdem ist seine Vermutung auch heute noch nicht gesichert, denn in vielen untersuchten Skeletten von beerdigten römischen Bürgern wurden keine Spuren von Bleivergiftungen gefunden. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Rohre im Betrieb rasch mit Kalk überzogen, was den direkten Kontakt des Wassers mit dem Blei verhinderte.

Dies hat jedoch einen US-amerikanischen Untersuchungsausschuss für Umweltqualität nicht daran gehindert, eine gewagte Hypothese aufzustellen. Die Abgeordneten glaubten, die Unfruchtbarkeit und geistige Verwirrung mancher römischer Kaiser könnte durch Bleivergiftung hervorgerufen worden sein und zum Untergang des römischen Weltreiches geführt haben.

Ist diese Vermutung richtig, so scheinen auch heute noch
manche Politiker mit Blei in Verbindung zu stehen.

Sonntag, 21. Juni 2009

Wildes Quattrocento

Rimini, Teutonengrill an der Adria!
Hundertausende deutscher Urlauber besuchen jedes Jahr diesen Badeort in Mittelitalien. Wenige haben das Verlangen den hundert Meter breiten Sandstreifen zu verlassen, etwa um das Landesinnere zu explorieren. Das ist schade, denn "die Marken" - so heisst diese Region - sind zwar bergig und deshalb mühsam zu durchwandern, aber sie bieten viele historische Sehenswürdigkeiten.

Eine davon, gerade mal 30 Kilometer Luftlinie von Rimini entfernt, ist das Städtchen Urbino. Mit seinen Renaissancebauten ist es einzigartig in Italien und wurde deshalb 1998 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Neben den gerade mal 15.000 Einwohnern beleben während der Semester 24.000 Studenten die Gassen und Plätze der musealen Altstadt. Die schon 1507 gegründete Universität residiert noch heute in den Gebäuden aus der Renaissance.

Urbino erlebte seine Blütezeit unter der Herrschaft des Grafen und späteren Herzogs Federico da Montefeltro, der dort 1422 geboren wurde, also im sogenannten Quattrocento. (Die italienischen Historiker bezeichnen die Zeit der Frührenaissance zwischen 1400 und 1500 als Quattrocento, während man in Deutschland vom 15. Jahrhundert spricht.) In den letzten 20 Lebensjahren hat Federico seine Residenz, eine vormals konventionelle alte Burgfestung, zu einer Palastanlage im Stil der Renaissance umbauen lassen, welche die Bewunderung und sogar den Neid der hochnäsigen Florentiner erregt hat.

Der "Palazzo Ducale" des Herzogs war nicht nur eine Verschönerung der existierenden Burg, sondern eine architektonische Neuerfindung fürstlichen Wohnens. Es war die erste Residenz dieser Epoche, welche mit ihren Räumen die Rangfolge des Hofstaates abbildete. Federico logierte im "piano nobile"; alles, was mit Arbeit zu tun hatte (Küche, Stallungen, Gesinde etc.), war ins Untergeschoss verlegt. Kein anderer Palast in Italien hielt bis dahin ähnlich helle, luftige und harmonisch proportionierte Innenräume bereit. Hinzu kam eine Bibliothek mit wertvollsten Handschriften, welche allein so viel kostete, wie ein Palast in Mailand.

Spätestens hier muss man die Frage stellen, wie der Provinzfürst Federico das alles finanziell stemmen konnte. Die landwirtschaftlichen Erträge und die Steuereinnahmen seiner kleinen Region waren gering. Das Land war übervölkert und viele junge Männer fanden keine Arbeit. Dies jedoch war der Umstand, den der Herzog nutzte: er stellte aus Freiwilligen eine Söldnerarmee auf und bot seine Dienste als "Condottiere", als Söldnerführer an.

Und der angebotene Exportartikel Urbinos - militärische Ressoucen - fand reissenden Absatz. Insbesondere bei den damals fünf grössten Stadtstaaten Italiens, nämlich Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und dem Kirchenstaat Rom - das italienische Pentagramm. Sie waren durch den Orienthandel reich geworden, aber da sie nur schwache Streitkräfte unterhielten, wurden sie immer wieder zum Angriffsziel neidischer Nachbarn und fremder Mächte. Der regierende Adel suchte seine Städte durch Anmieten von Söldnertruppen zu verteidigen, mit denen deshalb eine "condotta" (Söldnervertrag) abgeschlosen wurde.

Federico da Montefeltro war mit seinen Urbanesen und ausländischen Söldnern - welche z. T. sogar aus dem Schwäbischen kamen - der berühmteste Condottiere seiner Zeit. Dazu beigetragen hat sicherlich sein martialisches Aussehen. Bei einem Turnierunfall in früher Jugend glitt die Lanze des Gegners durch Federicos Visier, zerschmetterte sein Nasenbein unterhalb der Stirn und drang in das rechte Auge ein. Er war numehr einäugig (wie Hannibal) und an Stelle der Nasenwurzel war ein "Nichts". Später malte Piero della Franzesca Federico im Profil und machte "die Nase Italiens" zur Berühmtheit. Das Gemälde ist auch heute noch Anziehungspunkt der Uffizien in Florenz.

Die Truppen der Söldnerführer waren für ihre Launen berüchtigt. Sie wechselten oft die Seiten für bessere Bezahlung und dies nicht nur vor, sondern auch in der Schlacht. Der florentinische Geschichtsphilosoph Machiavelli brachte es in seinem Buch "Il Principe"auf den Punkt: "Ist der Condottiere ein fähiger Feldherr, dann wird er zur Gefahr für seinen Auftraggeber; ist er unfähig, dann führt er den Untergang des Fürsten herbei."

Federico war verhältnismässig vertragstreu (insbes. den römischen Päpsten gegenüber), aber er hatte eine Strategie entwickelt, wie er seine Militäreinnahmen verstetigen bzw. maximieren konnte. So suchte er die grosse, blutige Schlacht zu vermeiden - selbst, wenn ihm der Sieg gewiss gewesen wäre. Zum einen, weil er den Verlust von Soldaten, Pferden und Waffen minimieren wollte, zum anderen, weil er den Gegner auch für zukünftige Kriege "brauchte". Seine Kriegsführung zielte nicht auf Vernichtung sondern auf Abnützung und Ermattung der gegnerischen Kräfte. Die Taktik war ein ständigen Hin und Her, ein Lauern, Anschleichen, Täuschen und Hinhalten des Gegners. Ausweichen, scheinbarer Rückzug und dann wieder schnelles Vorstossen gehörte zu den Regeln seiner Kriegsführung. Es war eine Art Katz- und Mausspiel. Dazwischen versuchte er möglichst viele Gefangene zu machen, die er später gegen Lösegeld frei liess. Das gegnerische Land wurde systematisch geplündert. Jeder Kampfeinheit (mit drei Soldaten und einem Reiter) folgte der "saccomano", der Sackträger bzw. der Plünderer, welcher alles zusammen raffte, was ihm irgendwie wertvoll erschien.

Dank der fortwährenden Kriege wurde Federico zu einem reichen, ja schwerreichen Mann. In "guten Jahren", also wenn Kriege geführt wurden und kein Friede herrschte, übertrafen seine Einkünfte bisweilen die Reingewinne der Medici-Banker in Florenz. Garantiert war bei ihm stets die persönliche Auftragsausführung. Selbst als 60-jähriger bei den Ferrara-Kriegen, quälte er sich noch, mit Gicht in den Knochen, auf sein Streitross. Eben nach dem Motto: "Chef kocht selbst." Zu Tode kam er nicht durch Feindeshand, sondern durch Malaria im Jahre 1482.

Aus heutiger Sicht könnte man Federico da Montefeltro & Co. als ein militärisches Wirtschaftsunternehmen beschreiben, spezialisiert auf das leasing von Söldnertruppen und Kriegsgerät. Als wichtigtes Produkt bot die Firma ihrem jeweiligen Kunden (zeitweilige) Sicherheit an. Die Einkünfte, abzüglich der Soldkosten für die Soldaten gingen an Architekten, Maler sowie sonstige Künstler und Handwerker, woraus dann der noch heute zu bestaunende Renaissancepalast in Urbino bei Rimini entstand.

Heute würde man sagen:
Federico betrieb Kultursponsoring!

Sonntag, 14. Juni 2009

Vor 2000 Jahren

Sonderbar ist bereits der Name der Schlacht, die vor exakt 2000 Jahren stattgefunden hat: die Varusschlacht. Sie ist benannt nach dem römischen Feldherrn Quintilius Varus und nicht nach dem Ort des Geschehens, wie das sonst üblich ist (z.B. Waterloo, Verdun, Cannae etc.) Zudem war Varus nicht der Sieger, sondern der schmähliche Verlierer. Der Name des Siegers - Arminius - blieb eineinhalb Jahrtausende verschollen.

Auch der Ort des grausigen Geschehens ist noch nicht eindeutig lokalisiert. In den Geschichtsbüchern ist sie als die "Schlacht im Teutoburger Wald" vermerkt, aber dieser Gebirgszug ist sehr langgestreckt und in seinem Umfeld streiten sich über 700 Gemeinden um die "Ehre", das historische Schlachtfeld gewesen zu sein. Derzeitiger Favorit bei den meisten Archäologen sind die Kalkrieser Berge, nördlich von Osnabrück.

Es war die heftigste Niederlage, welche die Römer zur Zeit ihrer grössten Machtentfaltung hinzunehmen hatten. Augustus war Kaiser in Rom und (als Octavian) unmittelbarer Nachfolger des legendären Julius Caesar, welcher ganz Gallien, das heutige Frankreich, erobert hatte. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete in seinen "Annalen" zwar über diese Schlacht sowie über Leben und Tod des Germanenfürsten Arminius, aber die Aufzeichnungen wurden erst im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Renaissance, in einigen Klosterbibliotheken entdeckt - u.a. von dem Humanisten Ulrich von Hutten. Seiner Meinung nach hatte "Hermann der Cherusker", wie Armin seither genannt wird, die Romanisierung Germaniens verhindert. Aus Arminius resp. Hermann wurde dadurch ein deutscher Nationalheld.

Der Anlass für die Schlacht im Teutoburger Wald war vergleichsweise trivial. Einige Germanenstämme in der norddeutschen Tiefebene - die Marser Brukterer und Cherusker - leisteten sich (aus römischer Sicht) nicht hinnehmbare Übergriffe und Quintilius Varus, der römische Feldherr mit seinen Legionen am Rhein beschloss, diesen Barbaren eine Lektion zu erteilen. Mit drei Legionen, samt Tross und Reiter um die 30.000 Mann, begann er im Sommer des Jahres 9 n.Chr. westwärts zu ziehen. "Klugerweise" befand sich in seinem Heer auch eine Truppe des Arminius. Dieser war zwar Cherusker von Geburt, aber weil ihn sein Vater in früher Jugend zur Ausbildung nach Rom geschickt hatte, war er mittlerweile römischer Bürger und Ritter geworden. Er sollte, da er die Geografie seiner Heimat immer noch bestens kannte, Varus den Weg, vorbei an den Sümpfen und Mooren, zeigen.

Das war ein schlimmer Fehler von Varus, denn Arminius hatte sich bereits seit einiger Zeit innerlich vom Römertum abgewendet und schmiedete insgeheim mit den genannten drei Clans Aufstandspläne. Wie es Arminius gelang mit den weit auseinander siedelnden und zumeist verfeindeten Stämmen zu kommunizieren sowie sie auf seine Seite zu ziehen ist ein Rätsel, spricht aber für seine Führungsqualitäten.

Alles weitere wissen wir von Tacitus. Der listenreiche Arminius führte die römischen Legionen durch eine bergreiche Landschaft mit engen Wegen, in denen sich die übliche strenge Marschordnung der Kohorten mangels Platz auflösen musste. An einer besonders unübersichtlichen Stelle schlugen die germanischer Kämpfer plötzlich zu und versetzten den total überraschten Römern die ersten Blessuren. Es entwickelte sich über drei Tage hinweg ein Katz- und Maus- Spiel, währenddessen es den Legionären nie gelang, ihre gefürchtete Kampfformation aufzubauen. Hinzu kam noch ein Dauerregen, bei dem die schwerbewaffneten Legionäre im Morast einsanken und zur leichten Zielscheibe der flexibel operierenden Germanen wurden.

Das Ende ist bekannt. Das gesamte Römerheer wurde aufgerieben und - wie damals üblich - abgeschlachtet. Varus und seine Unterhäuptlinge stürzten sich in die eigenen Schwerter, um den massakrierenden Barbaren nicht in die Hände zu fallen. Der abgeschlagene Kopf von Varus wurde sogar nach Rom geschickt, was Augustus zu dem legendären Ausruf veranlasste: "Varus, oh Varus, gib mir die Legionen wieder!" (Beziehungsweise, da er ja fliessend lateinisch sprechen konnte: "Vare, Vare, legiones redde!" - Vokativ und Imperativ).

Das politische Rom war in Schockstarre. Man befürchtete alsbald den nächsten Germanenangriff auf die römischen Niederlassungen zwischen Mainz, Köln und Xanten. Einige prophezeiten sogar den Abfall Galliens. Aber dazu kam es nicht. Die siegreichen germanischen Stämme gaben sich zunächst der Plünderung des Schlachtfelds hin. Und das mit einer solchen Intensität, dass die Archäologen bislang Mühe haben grössere Artefakte zu finden, um damit das Schlachtfeld eindeutig zu identifizieren. Danach verfielen die Clans wieder in ihre gewohnten Streitereien und führten ihre Stammeskriege fort. Nicht lange, denn wenige Jahre später, um 15 n.Chr. hatten sich die Römer wieder von ihren Schrecken erholt. Die rheinischen Legionen wurden nicht nur ersetzt, sondern sogar aufgestockt und der junge Heerführer Germanicus erteilte den Germanenstämmen eine Lehre, indem er sie vernichtend schlug. Die Schmach vom Teutoburger Wald war ausgelöscht und blieb für das römische Weltreich ohne Konsequenzen.

Was geschah mit Arminius in dieser Zeit? Nun, er wollte die Cherusker, Brukterer und Marser zusammenführen, aber die Clanfürsten liessen dies nicht zu. Man raubte ihm sogar seine geliebte Gattin Thusnelda und verschleppte sie nach Rom, wo sie mit ihrem jungen Sohn im Triumpfzug dem johlenden Plebs gezeigt wurde. (In der modernen Jugendsprache ist sie als "Tussi" weiterhin präsent.) Isoliert und angefeindet wurde Arminius im Alter von 37 Jahren von den eigenen Verwandten ermordet. Ein klägliches Ende.

Zum deutschen Nationalhelden wurde Arminius im 19. Jahrhundert zur Zeit der Romantik und der deutschen Einigung. Der Schriftsteller Heinrich von Kleist schrieb das Drama "Die Hermansschlacht" und der Komponist Georg Friedrich Händel die Oper "Arminio". Das zehnstrophige Gedicht von Josef Viktor von Scheffel "Als die Römer frech geworden, sim-serim, sim-sim, sim-sim..." ging zwar nicht in die Literaturgeschichte ein, wurde aber vertont zu einem beliebten Studentenlied.

Schliesslich entstand der Wunsch nach einem heroischen Denkmal. Mit finanzieller Unterstützung des Kaisers Wilhelm I. wurde es 1875 realisiert. Der Koloss steht auf einer Anhöhe bei Detmold und erhebt sich 54 Meter in den Himmel. Ein behelmter Krieger, 237 Zentner schwer und ein 7 Meter langes Schwert reckend, richtet seine strengen Blicke - nein, nicht nach dem Süden, wo die bösen Römer zuhause waren - sondern nach Südwesten, ins französische Paris, das man kurz zuvor in einem Blitzkrieg bezwungen hatte. Die Franzosen waren irritiert, aber konterten subtil und clever. Elf Jahre später fertigten sie eine ähnlich schauderhafte Kolossalstatue an - allerdings mit dem Unterschied, dass darauf eine Frau eine Fackel trug - und schenkten sie den Amerikanern. Dort, im quierligen New York, wird die Freiheitsstatue heute noch von den Einwohnern und Touristen bewundert und bestiegen.

Dagegen liegt das Hermannsdenkmal etwas abseits und hat mit der Zeit ein etwas altdeutsch-muffiges Image angenommen. Sei´s drum, den Radfahrvereinen von Bramsche, Lemgo und Paderborn ist das Monument immer noch eine Tagestour wert.

Dort angekommen kaufen sie gerne zur Stärkung die regionale luftgetrocknete Mettwurst, welche als "Harter Hermann" angeboten wird.

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