Sonntag, 28. April 2013

Müde Aktionäre bei der EnBW

Bei den Hauptversammlungen der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW), die traditionsgemäss im April stattfinden, hatten sich die Teilnehmer schon an das Gesicht des Konzernchefs Hans-Peter Villis gewöhnt. Der zupackende Arbeitersohn aus Castrop-Rauxel (55) war gleichermassen beliebt bei  Aktionären und Firmenmitarbeitern. Aber im Vorjahr 2012 ging Villis die Fortüne aus. Auf Betreiben des grün-roten Hauptgesellschafters, des Lands Baden-Württemberg, wurde er am 30. September 2012 - nach Auslaufen seines ersten Fünfjahresvertrags - schlichtweg gefeuert. Der Grund: Villis hatte im Berichtsjahr 2011 einen Verlust von fast 900 Millionen Euro angehäuft. Der wirkliche Grund: Frau Merkel hatte dem Vorstandschef durch ihre Nacht- und Nebelaktion im Fukushima-Monat März 2011 seine beiden "Cash-Cows", die hochrentablen Atommeiler Philippsburg 1 und Neckarwestheim I, abgeschaltet. Die Folge: Villis musste gehen und als (Un-)Dank für seine vorausgehenden Leistungen kürzte ihm der Aufsichtsrat auch noch sein Jahresgehalt von 3,161 Millionen  auf 2,o96 Millionen Euro.

Aber Erbarmen mit Villis ist nicht angebracht. Schon in acht Jahren, als 63-jähriger Jungrentner, wird ihm die EnBW für seine fünf Jahre als CEO eine Jahresrente von 130.000 Euro überweisen. Für so einen stattlichen Betrag müssen gewöhnliche Omas viele Jahre lang Socken stricken. Und sollte Villis mit dieser Rente nicht auskommen, so kann er sich gelegentlich von seinem Vorgänger Utz Claassen einladen lassen, der für die gleiche Zeitspanne noch mehr Übergangs- und Rentengeld beim Aufsichtsratsvorsitzenden der EnBW herauszuschinden vermochte. Apropos Aufsichtsrat: dieses Gremium ist sehr generös.  Die ehemalige Grüne und jetzige Beauftragte für die Dresdener Abwässer, Gunda Röstel, sackt für ihre "Tätigkeit" als gewöhnliches AR-Mitglied pro Jahr satte 47.750 Euro ein. Ein schönes Zubrot! Die EnBW lässt eben niemand verkommen. Steht alles auf unserer Stromrechnung.


Neue Leute braucht das Land

Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Villis gestaltete sich schwierig. Reihenweise gab es Absagen, wie aus Kreisen der Headhunter zu erfahren war. Schliesslich wurde man doch fündig, übrigens bei der gleichen Firma, der auch Villis entstammte. Frank Mastiaux heisst der Heilsbringer, er war beim Versorger Eon in der Sparte "Climate & Renewables" tätig und ist promovierter Chemiker. Der neue Vorstandsvorsitzende mit französischen Vorfahren zieht demnächst mit Frau, drei Kindern und Hund von Düsseldorf nach Karlsruhe um. Als Hobbysport betreibt der 49-jährige Langstreckenlauf, was ihm bei der angeschlagenen EnBW durchaus zugute kommen könnte.


Mit geballten Fäusten
Der neue Chef der EnBW,  Dr. Frank Mastiaux

Bei seiner ersten Aktionärsversammlung für EnBW am vergangen Donnerstag (25. 4.) erinnerte Mastiaux daran, dass die EnBW immer noch zu den grossen Energieversorgungsunternehmen (EVU) in Deutschland, ja sogar in Europa gehört. Im Berichtsjahr 2012 machte der Konzern 19 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte 20.000 Mitarbeiter. Freilich wurde er wegen Absatz- und Gewinneinbruch im Vorjahr zeitweise zum Sanierungsfall; nur durch die Kapitalinfusion aus mehreren Anleihen und einer Kapitalerhöhung - für die sich noch Villis stark machte -  schaffte man den Turnaround.

Die Aktie der EnBW hat allein im Jahr 2012 satte 20 Prozent an Wert verloren und ist jetzt für unter 30 Euro zu haben. Viele Kleinaktionäre haben ihre Anteile offensichtlich verkauft. Der Rest, zumeist ehemalige Betriebsangehörige, haben wohl resigniert. Das Kommando führen die beiden Grossaktionäre, das Land Baden-Württemberg und ein Verbund schwäbischer Landkreise, welche zusammen mehr als 90 Prozent der Aktien besitzen.

Inzwischen durchmustern firmeneigene Sparkommissare mit "Biss und Birne" alle innerbetrieblichen Kostenstellen. Bei der Bewirtung für die Aktionäre der Hauptversammlung scheinen sie schon fündig geworden zu sein. Die üblichen Plastiktragtaschen für den kiloschweren Geschäftsbericht wurden gestrichen, ebenso wie die Notizblöcke. Zur Ausgabe des säuerlichen Kartoffelsalats verzichtete der Grosskonzern auf die Würstchen und zum Kaffee gab es nur labberige Laugenbretzel. Sichtbar ermüdet von diesem Goumettraktat kauerten die wenigen Prozent private Anteilseigner ziemlich teilnahmslos und müde in ihren Sesseln und liessen die Eingangsreden des Aufsichtsratsvorsitzenden (25 Minuten) und die des Vorstandsvorsitzenden (35 Minuten) ohne eine einzige Reaktion über sich ergehen. Früher ging es bei diesen Tagesordnungspunkten immer recht temperamentvoll bis tumultuös vor. Kein Wunder, dass die HV schon um 16 Uhr zu Ende war. Alle Vorschläge des Vorstands wurden mit über 90-prozentiger Mehrheit angenommen.


Viele Baustellen

In seiner Grundsatzrede benannte Mastiaux die Kernprobleme des Konzerns und identifizierte die vielen "Baustellen", denen er sich in Zukunft widmen wolle. Im Prinzip rührt die Schieflage der EnBW davon her, dass der Stromabsatz dramatisch gesunken ist, wodurch sich die Gewinne stark verringert haben und nun zuwenig Geld für notwendige Investitionen vorhanden ist. Daraus resultiert ein Kostenüberhang, auch beim Personal. Der Stromverkauf brach im Berichtsjahr 2012 um fast 13 Prozent ein, das verminderte den Cashflow um 50 Prozent und den Gewinn um 4,3 Prozent. Für die Investitionen, insbesondere auf dem Feld der Erneuerbaren Energien, standen 33 Prozent weniger zur Verfügung.

Sorge bereitet der EnBW-Spitze die allgemeine Wettbewerbslage. Die Kunden wechseln immer häufiger ihren angestammten Versorger. Lag die Wechselrate bei Privatkunden vor wenigen Jahren noch bei Null, so sucht sich inzwischen jeder Vierte regelmässig einen neuen Stromanbieter. Bei den Industriekunden ist diese Quote sogar von 25 Prozent auf 100 Prozent gestiegen.

Weil die Stadtwerke und Kommunen immer häufiger ihre Stromnetze aufkaufen, kommt es zum Phänomen der Netzaufsplitterung. Die Gemeinden wittern im Netzzugang grosse Gewinnmöglichkeiten, sind aber häufig nicht in der Lage die erworbenen Netze zu pflegen und instandzuhalten, worunter die Stromstabilität leidet. Beispielhaft für eine aggressive Ankaufspolitik - man spricht sogar von "Kannibalisierung" -  sind die Stadtwerke Stuttgart, welche alles versuchen dem "Platzhirsch" EnBW die Kunden abzujagen. Ähnliches versucht der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer für seine Stadt Tübingen.

Inzwischen ist die konventionelle Stromerzeugung kaum mehr kostendeckend. Insbesondere die Gaskraftwerke sind nicht mehr rentabel, weil ihre Jahresbetriebszeit zuweilen auf unter hundert (!)Stunden abgerutscht ist. Die EnBW nimmt deshalb jeden Kraftwerksblock unter die Lupe und überprüft ihn auf seine Wirtschaftlichkeit.

Der Ausbau der Windenergie im Land Baden-Württemberg verläuft quälend langsam. Immer wieder stoppen Landräte die Planungen, weil von der Bevölkerung oder den Naturschutzbehörden Einwände kommen. Die grün-rote Regierungskoalition will bis zum Jahr 2020 etwa 10 Prozent des Stroms aus Wind gewinnen - bisher liegt der Anteil unter einem Prozent.

Von den offshore Windparks ist "Baltic 1" mit 21 Windrädern und 50 Megawatt bereits in Betrieb. Das Projekt "Baltic 2" mit 80 Windrädern und 288 MW soll vom Netzbetreiber "50 hertz" im nächsten Jahr angeschlossen werden. Entsprechende Pläne für die Nordsee hat der EnBW-Chef kurzerhand auf Eis gelegt, als von Netzbetreiber "Tennet" keine verbindliche Zusage für den Anschluss kam. Aus heutiger Sicht werden die beiden Windparks "Hohe See" und "He Dreiht" mit je 400 MW und einer Investitionssumme  von 1,5 Milliarden Euro frühestens im Jahr 2017 in Betrieb gehen.

Der Verkauf von nicht notwendigen Beteiligungen soll 1,5 Milliarden Euro in die Konzernkassen spülen. Er läuft bislang noch etwas zäh. Im Angebot befinden sich Minderheitsbeteiligungen in Polen und Ungarn sowie beim Mannheimer Versorger MVV. Die Kölner Stromtochter "Yello" soll beim Konzern verbleiben.

Schliesslich sieht sich EnBW gezwungen, demnächst 1.350 Personalstellen abzubauen. Das soll sozialverträglich geschehen, insbesondere will man auf Altersteilzeit- und Abfindungsprogramme setzen. Für die übrigen Mitarbeiter wird in den kommenden Jahren die Erfolgsbeteiligung gesenkt werden.

Für den Rückbau der fünf Kernkraftwerke steht die auskömmliche Summe 6,5 Milliarden Euro zur Verfügung, die man aus früheren Erträgen erwirtschaftet hat. Der Abriss von Obrigheim ist bereits im Gange, Philippsburg 1 und Neckarwestheim sollen ab 2017 folgen. In Philippsburg deutet sich erheblicher Widerstand gegen den aus La Hague kommenden "Fremdmüll" an, den die Landesregierung aber bereits akzeptiert hat. Auch zur Lagerung und Bearbeitung der eigenen schwachradioaktiven Stoffe ist der Bau weiterer Zwischenläger erforderlich, was jedoch nicht ohne Einwendungen realisierbar erscheint.


Dunkle Geschäfte in Russland

Breiten Raum in der öffentlichen Diskussion nimmt seit Jahren die sog. Bykov-Affäre ein. Der russische Lobbyist Andrej Bykov schloss vor knapp zehn Jahren mit der EnBW einen Beratungsvertrag ab und der Konzern war so unvorsichtig, dafür ca. 250 Millionen Euro im Vorhinein zu überweisen. Angeblich hat der Russe seine zugesagten Leistungen nur teilweise erbracht, weswegen die EnBW 120 Millionen zurückfordert. Über verschiedene Gerichte gelang dies bisher nur teilweise, wobei Bykov bis jetzt überhaupt kein Geld zurücküberwies.

Gleichzeitig hat die EnBW vier eigene hochrangige Manager aus der Vorstandsebene verklagt, weil sie bei der Abfassung der Verträge angeblich Fehler gemacht haben sollen. Einer der Beklagten  war der Technik-Vorstand Hans-Josef Zimmer. Zur Verwunderung der allermeisten Aktionäre bekleidet Zimmer aber seit Anfang 2012 wieder seinen alten angestammten Posten - und das, obwohl die EnBW weiterhin zwei Klagen gegen ihn aufrecht hält! Das verstehe wer kann.

Die beklagten Verträge reichen zurück bis in die Zeit des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Utz Claassen. Bei einer kürzlichen Gerichtsverhandlung in Mosbach bemühten sich die Anwälte des Konzerns, die Verantwortung für diese fragwürdigen Geschäfte vom damaligen Vorstandschef Claassen möglichst fernzuhalten. Tatsache ist, dass Claassen im Jahr 2005 in Russland - und im Beisein von Bykov -  den hohen Orden des Heiligen Nikolaus erhalten hat.

Die Frage muss erlaubt sein:
was war die Gegenleistung von Utz?

Sonntag, 21. April 2013

Grosse Reaktoren, grosse Sorgen

Als der Europäische Druckwasserreaktor - unter dem Kürzel EPR - anfang dieses Jahrtausends auf den Markt kam, war er das Flagschiff der beiden Reaktorfirmen Siemens und Framatome. Der EPR sollte die neue Reaktorgeneration III begründen. Die gegenwärtigen Kernkraftwerke wurden als Generation II abgestuft, die Reaktoren der Generation I waren zum grössten Teil bereits stillgelegt und zurückgebaut worden. Gerühmt wurden die besonderen Sicherheitseigenschaften des EPR:  seine Resistenz gegen Kernschmelzen, die vorzügliche Nachwärmeabfuhr, der erhöhte Schutz gegen Erdbeben und Flugzeugabsturz u. a. m.

Es erschien nur folgerichtig, dass sich Siemens und der französische Reaktorhersteller Framatome zusammenschlossen, um den Weltmarkt optimal nutzen zu können. Das Gemeinschaftsunternehmen hiess fortan AREVA, seine Chefin war die französische Physikerin Anne Lauvergeon, geboren 1959. Den Namen Areva hatte sie angeblich entdeckt, als sie einen Katalog spanischer Klöster durchblätterte. AL, wie man sie bald nannte, war eine "Power-Frau" und in den Society-Listen wurde sie mehrere Jahre lang als die "mächtigste Frau Frankreichs" geführt.


Das Abenteuer Olkiluoto-3

Für den deutsch-französischen EPR, der mit einer bis dato nicht gekannten Leistung von 1.600 Megawatt angeboten wurde, fand sich bald ein Interessent. Es war das finnische Energieversorgungsunternehmen TVO, welches auf der Halbinsel Olkiluoto bereits zwei kleinere Kernkraftwerke betrieb und dort als drittes den EPR dazugesellen wollte. Im Jahr 2003 wurde man sich handelseinig: der EPR, unter der Bezeichnung Olkiluoto-3, sollte 3 Milliarden Euro kosten und 2009 an TVO schlüsselfertig zum Betrieb übergeben werden. Die interne Verabredung der beiden Lieferkonsorten sah vor, dass die Franzosen in erster Linie den nuklearen Teil, die Deutschen den konventionellen Part (also den Turbogenerator etc.) bearbeiten und beistellen sollten.

Aber das Projekt stand unter keinem guten Stern. Von Beginn an gab es Verzögerungen und Mehrkosten, u. a. weil der Beton für die Grundplatte nicht den Spezifikationen entsprach und weil Probleme beim Schweissen der Rohrleitungen auftraten. Das reduzierte Tageslicht im hohen Norden führte zu geringerer Effektivität, was man teilweise dadurch ausgleichen wollte, dass man den polnischen Arbeitern auf der Baustelle nur den Hungerlohn von zwei Euro pro Stunde zubilligte. Schliesslich kündigte Siemens an, aus dem Areva-Konzern - nicht aus dem Projekt Olkiluoto -  aussteigen zu wollen. Wegen der Einbeziehung der Brennstofffirma Cogema in die Areva war Siemens plötzlich vom 50 %-Partner zu einem Minoritätspartner geworden, mit entsprechend geringerem Einfluss auf das Gesamtprojekt.


Das Kernkraftwerk Olkiluoto-3 als Fotomontage
(Links der EPR, rechts zwei ältere Kernkraftwerke)

Im Jahr 2008 musste die Projektleitung den Betriebsbeginn des EPR von 2008 auf 2012 verschieben; die Kosten waren von 3 Milliarden Euro auf 5,5 Milliarden angestiegen. Und die schleppende Projektabwicklung ging weiter. Im Jahr 2011 verschob Areva den Betriebsbeginn nochmals auf 2013, die Projektkosten hatten sich um eine weitere Milliarde erhöht. In Paris setzte daraufhin die Nationalversammlung einen Ausschuss ein, der sich mit den Ursachen  dieser Kosten- und Terminüberschreitungen befassen sollte. Der Betreiber TVO verklagte das Konsortium vor dem internationalen Schiedsgericht in Paris auf eine Schadenssumme von zunächst 1,8 Milliarden Euro und behielt sich weitere Aufstockungen vor. Nun war auch das Ende der charismatischen Anne Lauvergeon gekommen. Da dem französischen Staat mehr als 80 Prozent der Areva gehören - und er damit auch in vorderster Front für deren Risiken einzustehen hat - feuerte Nicolas Sarkozy die Dame und ersetzte sie durch den knochentrockenen Manager Luc Oursel.

Die Tragödie um Olkiluoto-3 ist damit jedoch noch nicht beendet. Seit einiger Zeit wird zwischen Areva und TVO heftig über das Reaktorschutzsystem gestritten. Der Lieferant sah dafür ein modernes digitales System vor, der Betreiber hält dieses aber für störanfällig und verlangt die Installierung eines analogen Reservesystems. Ein Kompromiss ist auf dem heiklen Gebiet der Reaktorsicherheit nicht erkennbar, insbesondere weil der Betreiber TVO in dieser Frage auch noch von der örtlichen finnischen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde unterstützt wird. Unterdessen schwellen die Terminverzögerungen und Mehrkosten weiter an. Nach derzeitigem Stand wird das Kernkraftwerk erst nach dem Jahr 2016 betriebsbereit sein; die Kosten werden bei mindestens 8,5 Milliarden liegen - möglicherweise bei über 10 Milliarden, wenn man die verschiedenen Rechtsstreitigkeiten einbezieht.


Flamanville: Tragödie 2. Teil

Als sich die Probleme mit dem EPR in Finnland andeuteten, beschloss der französische Betreiber EdF, ebenfalls ein Staatsunternehmen, im Jahr 2005 eine Serie dieser Kernkraftwerke im eigenen Land zu bauen. Der erste EPR, als "show-piece" gedacht, sollte bei der normannischen Gemeinde Flamanville errichtet werden, welche sich 20 Kilometer südlich der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague befindet. Als Preis war zwischen Areva und EdF  3,3 Milliarden Euro vereinbart worden; das sogenannte Projekt Flamanville-3 sollte 2012 in Betrieb gehen. Das Kernkraftwerk war mit 1.650 MW sogar leistungsstärker als Olkiluoto-3.

Im November 2007 schloss der italienische Versorger ENEL mit EdF eine Vereinbarung über eine 12,5-prozentige Beteiligung am Bau von gleich sechs EPR in Frankreich ab. Zusätzlich plante die italienische Regierung unter Ministerpräsident Berlusconi den Bau von vier bis fünf eigenen EPR im Land. Dieses Vorhaben wurde jedoch durch eine Volksabstimmung verhindert.

Aber selbst in Frankreich entwickelte sich der Bau des EPR Flamanville-3 nicht wie geplant. Auch hier stiegen die Kosten sukzessive an und der Termin für den Betriebsbeginn musste immer weiter hinausgeschoben werden. Ende 2012 gab EdF bekannt, dass ihr Musterrreaktor erst 2016 in Betrieb gehen werde und mindestens 8,5 Milliarden Euro kosten wird. Also ein ähnliches Desaster wie in Finnland!

Die Konsequenzen dieser Verlautbarung waren weitreichend. An der Pariser Börse sank der Kurs der EdF-Aktie auf einen Tiefststand und der italienische Partner Enel beschloss spontan, aus dem Betreiberkonsortium auszusteigen. Gleichzeitig verlangte er die Rückzahlung seiner geleisteten Investitionen. Vor diesem Hintergrund stoppte die französische Regierung den Bau eines weiteren EPR, der ebenfalls in der Normandie (bei Penly) geplant war. Doch damit nicht genug: auch das britische EVU, welches am Standort Hinkley Point zwei EPR durch Areva errichten lassen wollte, sagte diese Projekte ab. Zum Glück soll der Bau der beiden chinesischen EPR-Kraftwerke in Taishan "nach Plan" verlaufen, aber China ist eben eine andere Welt.

Viel wird darüber gerätselt, warum die Projekte Olkiluoto und Flamanville terminlich und kostenmässig so stark aus dem Ruder laufen konnten. Einige Beobachter halten den Bau von Kernkraftwerken mit einer Leistung von 1.600 MW und darüber für technisch und genehmigungstechnisch so anspruchsvoll, dass sie nur schwer in den Griff zu kriegen sind. Andere verweisen darauf, dass durch die fast 20-jährige Pause im Bau von Kernkraftwerken bei Framatome und Siemens (bzw. Areva)  viel Ingenieur-Expertise verloren ging, die jetzt in den Planungsbüros und auf der Baustelle fehlt.


Klein, aber fein

Die Errichtungs- und Finanzierungsprobleme der grossen Kernkraftwerke mit einer Blockleistung von 1.600 MW und darüber haben die Vorzüge der kleineren Nuklearkraftwerke wieder in den Fokus gerückt. Insbesondere in den USA interessieren sich die EVU rege für Anlagen unter 300 MW. Sie sind zum "Schnäppchenpreis" von unter 500 Millionen Euro zu haben, ihr Bau soll nur 2 bis 3 Jahre dauern. Häufig werden sie bereits vormontiert geliefert; die abgebrannten Brennelemente sind sicher in der Reaktorhülle gelagert, worin auch der Dampferzeuger integriert ist. Das Sandia Laboratorium in Albuquerque hat bereits einen Reaktor konstruiert, dessen Urankern mit flüssigem Natrium gekühlt wird und der sich in einer Art austauschbaren Kartusche befindet.

Es ist kaum zu glauben, aber selbst der Microsoftbegründer Bill Gates hat sich den kleinen  Kernkraftwerken verschrieben. Die von ihm finanzierte Firma TerraPower arbeitet am sogenannten Laufwellenreaktor. Bei diesem Reaktortyp wandert die Kernspaltungszone langsam durch einen länglichen Reaktorkern - vergleichbar mit der Flamme im Docht einer Kerze.  Aus dem abgereichertem Uran wird Plutonium erzeugt, welches aber sofort wieder - unter Energieerzeugung - verbrannt wird. Eine solche "Welle der Kernspaltung" soll über einen Zeitraum von 50 bis 100 Jahren kontinuierlich Strom erzeugen können, u. zw. ohne, dass Kernbrennstoff nachgeladen werden muss! Noch existiert der Laufwellenreaktor nur im Supercomputer. An der Realisierung arbeitet aber schon Gates Unternehmen TerraPower in Kooperation mit dem japanischen Konzern Toshiba.

Ein Spruch aus den siebziger Jahren scheint Wiederauferstehung zu feiern:
"Small is beautiful".

Sonntag, 14. April 2013

KIT: Dafür stand Rudolf Greifeld

Das KIT, eine Fusion aus Technischer Hochschule und dem (ehemaligen) Kernforschungszentrum Karlsruhe hat Probleme mit einem ihrer Ehrensenatoren. Diese Liste verdienter Persönlichkeiten umfasst knapp zweihundert Namen, darunter auch - den inzwischen gestrichenen - Robert Ley, der in der NS-Zeit Führer der Deutschen Arbeitsfront war. Neuerdings befasst sich eine eigens eingerichtete Kommission mit dem vor 44 Jahren zum Ehrensenator ernannten Dr. Rudolf Greifeld. Ihm wird u. a. vorgeworfen, während der Besetzung von Frankreich im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsangehöriger in der Kommandantur der Stadt Paris gearbeitet zu haben. Greifeld, seit langem verstorben, war ehedem Geschäftsführer des Kernforschungszentrums Karlsruhe und dort für die Verwaltung zuständig. Im Folgenden werden einige Stationen seiner Vita aufgezählt, die den damaligen Rektor der Technischen Hochschule Karlsruhe, Professor Heinz Draheim, veranlasst haben, Greifeld 1969 die Würde des Ehrensenators zu verleihen.

Schwierige Standortsuche

Dr. Rudolf Greifeld, von der Ausbildung her Jurist, wurde 1956 vom Land Baden-Württemberg als Geschäftsführer der neugegründeten Kernreaktor Bau- und Betriebsgesellschaft mbH berufen. Er war zuständig für die gesamte Verwaltung dieser Gesellschaft, also insbesondere für die Fachgebiete Personal, Bau, Finanzen, Recht und Infrastruktur. Bis zu seiner Verabschiedung (mit Bundesverdienstkreuz) im Jahr 1974 standen ihm nacheinander die drei technisch-wissenschaftlichen Geschäftsführer Gerhard Ritter (1956-60), Walter Schnurr (1960-70) und Otto Haxel (1971-74) zur Seite. Für den gesonderten Geschäftsbereich Versuchsanlagen war Josef Brandl verantwortlich.


Wegzeichen beim Reaktorstandort Leopoldshafen

Zu Greifelds ersten Aufgaben gehörte die Bereitstellung des Standorts für den geplanten Forschungsreaktor FR 2. Anfangs war dafür ein Gelände in Maxau vorgesehen, das sich aber bald als zu grundwassernah herausstellte. Schliesslich endete die Suche im Hardtwald, wo die Landkreisgemeinde Leopoldshafen gerne bereit war, entsprechende Grundstücke abzugeben. (Die Nachbargemeinde Linkenheim blieb bis heute skeptisch und leistete - vergeblich - Widerstand).   Greifeld gelang es jedoch, die wichtige atomrechtliche Standortgenehmigung für den Reaktor FR 2 zu erhalten, sodass dieser im Dezember 1962 in Betrieb gehen konnte.

Bau des Kernforschungszentrums

Ab April 1957 leitete Greifeld den Bau des Kernforschungszentrums auf der Leopoldshafener Gemarkung ein. Innerhalb von nur neun Jahren (bis 1966) wurden auf einer Fläche von 164 Hektar  (entsprechend ca. 200 Fussballfeldern) 17 Hektar Strassen gebaut und 50 voluminöse Gebäude hochgezogen. Darunter befanden sich 15 wissenschaftliche Institute, ein Dutzend Speziallaboratorien und mehrere verbunkerte Gebäude für Reaktoren geringer Leistung, wie SNEAK und STARK. Darüberhinaus entstanden die notwendigen Infrastruktureinrichtungen wie Kantinen, Wasserwerke, Feuerwehren, Bibliotheken u. a. m.

Die von Bund und Land bewilligten Finanzmittel beliefen sich - kumuliert - bis September 1966  auf 722 Millionen DM. Sie wurden etwa hälftig zur Finanzierung der Investitionen und des Betriebs der Labors und der Reaktoren verwendet. Zur Bewältigung dieser Aufgaben konnte sich Greifeld auf tüchtige Prokuristen für die Fachgebiete Recht (Ziegler), Finanzen (Neck), Beschaffung (Krieg, später Tebbert), Bau (Sommer, später Sesemann) und Personal (Schaible), abstützen.

Personalentwicklung und Arbeitsergebnisse

Ein grosses Problem war in der Frühzeit des Kernforschungszentrums die Anheuerung von sachkundigem Personal zum Betrieb der Institute, Labors und sonstigen Einrichtungen. Auch hierfür trug Greifeld, im Zusammenwirken mit seinen technischen Kollegen, eine besondere Verantwortung. Vor dem Hintergrund der damaligen Personalnot war es als Erfolg zu werten, dass es innerhalb von zehn Jahren gelang, einen kompetenten Personalstab von 3005 Mitarbeitern für die Institute, die Infrastruktur und die Verwaltung zu gewinnen. Das Durchschnittsalter der Arbeiter und Angestellten betrug  35 Jahre; ein Viertel der Mitarbeiter waren Frauen.


Das Geschäftsführer-Trio Greifeld, Schnurr und Brandl (v. l.)

Bis zum Jahr 1966 wurden im Kernforschungszentrum insgesamt 1.896 wissenschaftlich-technische Arbeiten veröffentlicht. Greifelds Mitarbeiter subsummierten daraus 424 Patente und 31 Gebrauchsmuster. Das führte in der Konsequenz zu 17 inländischen und drei ausländischen Lizenzverträgen.

Von den internationalen Kooperationsverträgen, an denen Greifeld als gelernter Jurist an vorderster Stelle mitgewirkt hat, seien  nur drei genannt: Der SEFOR-Vertrag mit amerikanischen Industriepartnern zur Sicherheit des Schnellen Brüters, der EURATOM-Vertrag zur Beschaffung des Brennstoffs für den Reaktor SNEAK und der deutsch-französische Vertrag zur Errichtung des Höchstflussreaktors in Grenoble.


Kooperation mit der TH Karlsruhe

In der Führungsebene des wissenschaftlichen Bereichs legte Greifeld besonderen Wert auf die Verknüpfung mit den benachbarten Universitäten, insbesondere der Technischen Hochschule Karlsruhe. Im Folgenden werden die Institutsleiter genannt, welche (Stand 1966) im Kernforschungszentrum tätig waren:

F. Baumgärtner, Direktor des Instituts für Heisse Chemie, o. Professor an der Universität Heidelberg.
E. W. Becker, Direktor des Instituts für Kernverfahrenstechnik, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
K. H. Beckurts, Direktor des Instituts für Angewandte Kernphysik, apl. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
H. Böhm, Institutsleiter am Institut für Material- und Festkörperforschung, Privatdozent an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
A. Catsch, Direktor am Institut für Strahlenbiologie, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
A. Citron, Direktor am Institut für Experimentelle Kernphysik, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
W. Häfele, Direktor des Instituts für Angewandte Reaktorphysik, Leiter des Projekts Schneller Brüter, Honorar-Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
H. Kiefer, Leiter der Schule für Kerntechnik, Privatdozent an der Technischen Hochschule Karlsruhe
A. Schoch, Direktor am Institut für Experimentelle Kernphysik, o. Professor an der technischen Hochschule Karlsruhe.
D. Schulte-Frohlinde, Leiter des Instituts für Strahlenchemie, Privatdozent an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
W. Seelmann-Eggebert, Direktor des Instituts für Radiochemie, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
D. Smidt, Direktor des Instituts für Reaktorentwicklung, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
F. Thümmler, Institutsleiter am Institut für Material- und Festkörperforschung, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
K. Wirtz, Direktor des Instituts für Neutronenphysik und Reaktortechnik, o. Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
K. G. Zimmer, Direktor des Instituts für Strahlenbiologie, o. Professor an der Universität Heidelberg.


Greifeld erhält das Bundesverdienstkreuz
(vom Aufsichtsratsvorsitzenden Haunschild)

Besonderer Erwähnung würdig sind die Entwicklungsarbeiten von Gerhard Krüger am Forschungsreaktor FR 2. Krüger, damals Abteilungsleiter im Institut von Beckurts, installierte 1966 das Datenverarbeitungssystem MIDAS, welches (mit Hilfe von Kleinrechnern) die Messdaten von acht Reaktorexperimenten gleichzeitig aufnehmen und verarbeiten konnte. Ab 1971 wirkte Krüger als Informatikprofessor und Dekan an der TH Karlsruhe, wo er später auch das Institut für Telematik begründete.

Bilanz

Vergleicht man die Ergebnisse nach der Gründung des Kernforschungszentrums und nach der Gründung des KIT, so ist folgendes festzustellen: Das Kernforschungszentrum wurde zwischen 1956 und 1966, also innerhalb von nur zehn Jahren, praktisch aus dem Nichts zu einem international hochgeschätzten Forschungszentrum ausgebaut. Rudolf Greifeld hat dabei in vorderster Front mitgewirkt und sich grosse Verdienste erworben. Beim KIT ist nach sieben Jahren (2006 bis 2013) die innere Fusion immer noch nicht gelungen, stattdessen ist ein bürokratisches Monstrum entstanden. Vom angestrebten Vorbild, dem amerikanischen MIT, ist man meilenweit entfernt. Noch nicht einmal ein vom Aufsichtsrat akzeptiertes Organigramm hat man bislang zustande gebracht. Stattdessen ging mittlerweile sogar der Exzellenztitel verloren und die beiden Präsidenten haben offensichtlich die Flucht angetreten.

Gegen den ehemaligen Geschäftsführer Rudolf Greifeld hat man bei KIT ein Verfahren eingeleitet. Eine im Herbst 2012 eingerichtete Ethikkommission soll sich mit seinen angeblichen NS-Verstrickungen im besetzten Paris befassen. Ob sie an jene von Globke, Filbinger oder ex-Staatssekretär Weizsäcker heranreichen, bleibt festzustellen. Eigens zugezogene Historiker sollen dies klären. Es ist zu hoffen, dass das KIT bei der etwaigen Aberkennung der Ehrensenatorwürde die gleiche Sorgfalt walten lässt wie bei der Zuerkennung vor mehr als vier Jahrzehnten. Auch der Ehrenschutz des 1984 Verstorbenen ist dabei zu beachten, wie das Bundesverfassungsgericht 1971 in seinem "Mephisto-Urteil" (Klaus Mann / Gustav Gründgens) verlangt hat.

Auf die Ethikkommission warten aber noch weitere Aufgaben. Zumindest zwei ehemalige Honoratioren der Technischen Hochschule Karlsruhe haben keine blütenreine Weste: der NS-Parteigenosse und Wehrwirtschaftsführer Carl Wurster, sowie (im Ersten Weltkrieg) der "Vater des Giftgases" Fritz Haber.

Sonntag, 7. April 2013

Steueroasen und Piratennester

Eine Sensation bahnt sich in Europa an. Und das auf dem so öden und frustrierenden Gebiet der Bankenwirtschaft. Viele möchten dieses Wort gar nicht mehr hören, fühlen sie sich doch seit Jahren von den Bankmanagern abgezockt, die sich ihrerseits mit Millionenboni verwöhnen. Ausgelöst hat diese neue "Denke" ausgerechnet das kleine Euroland Zypern. Seit Sommer letzten Jahres bedrängte es die EU-Kommission mit dem Verlangen nach "Rettung" ihrer Banken. Dem wurde kürzlich entsprochen - allerdings auf eine ganz andere Weise, als die Zyprioten sich das vorstellten.

Schlitzohrige Levantiner

Die wirtschaftliche Situation im östlichen Mittelmeer, der klassischen Levante, war geprägt durch zwei zyprische Grossbanken (Laiki und Bank of Cyprus), deren Bilanzsumme die sonstige Wirtschaft des Inselreiches Zypern um das Achtfache übertraf. Die Realwirtschaft, basierend auf Oliven und Wein, spielte für die Staatseinnahmen praktisch keine Rolle. 20.000 Russen und 60.000 Briten  genossen - nebst 380.000 heimischen Erwerbstätigen - die beachtlichen Steuerprivilegien dieses Landes, nämlich Null Prozent Steuern auf Zinsen, Dividenden und Erbschaften, dafür aber 5 Prozent Zinsen auf Spareinlagen, welche hierzulande gerade mal ein halbes Prozent löhnen. Durch den Schuldenschnitt in Griechenland kamen auch die genannten zyprischen Banken in Schieflage und riefen um Hilfe. Erhofft wurde ein zinsbilliger Kredit von 17 Milliarden Euro.

Das Ergebnis zäher Verhandlungen sah ganz anders aus. Die Banken wurden dazu verdonnert, einen Teil ihrer Schulden (7 Milliarden Euro) selbst zu berappen. Dies führte zunächst zur Insolvenz der Bank Laiki und zur Verkleinerung der Bank of Cyprus auf das Niveau einer grösseren Sparkasse. Darüberhinaus - und das war neu - wurden auch die Aktionäre und Grossanleger (jenseits von 100.000 Euro) zur Deckung des Defizits herangezogen. Die Schwarzgelder aus Russland und Grossbritannien werden wohl um die Hälfte gekappt werden. Im Endeffekt wird  kein Gewinn für diese Bankkunden herausspringen.

Die zypriotische Regierung wehrte sich wie die Katze im Sack gegen dieses Rettungsschema, denn klarerweise werden zukünftig nur noch wenige Kunden aus Osteuropa und UK ihr illegales Geld auf dieser Sonneninsel "investieren". Trotzdem : der neue Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem, ein Holländer, hat diese Massnahme ungerührt durchgezogen und damit ein neues Kapitel in der Geschichte der Bankenrettung aufgeschlagen. In Zukunft werden also bei maroden Banken in erster
Linie die Nutzniesser zur Rettung bzw. Abwicklung herangezogen - und nicht die unschuldigen europäischen Steuerzahler.

Weitere Piratennester im Visier

Viele Kleinstaaten in Europa, an der Spitze Malta und Luxemburg, zittern seit dieser Entscheidung um ihr "Geschäftsmodell". Auch sie haben einen überdimensionierten Bankensektor. Bei Malta übertrifft er die Realwirtschaft um das Siebenfache, bei Luxemburg mit seinen vielen Briefkastenfirmen gar um das 21-fache. Sollte es dort zu Bankpleiten kommen, so könnte die "Rettung" ähnlich wie bei Zypern aussehen: vermögende Kunden würden zur Sanierung herangezogen werden und danach wohl für immer entschwinden. Kein Wunder, dass Banken, wie die deutsche Commerzbank, gegen diese Art der Abwicklung Sturm laufen. Wurde die Commerzbank doch selbst vor Jahren mit 10 Milliarden Bundesgeldern "gerettet", obwohl viele empfohlen hatten, sie bankrott gehen zu lassen. Vermutlich zu Recht, denn seit Jahren treibt diese Bank wie ein Zombie umher und kann renditemässig kein Land gewinnen. Ein Untoter in der Bankenarena.

Bankensektor ausgewählter Länder  im Vergleich zur Realwirtschaft 

Unter den Abgeordneten im Bundestag ist man ähnlich skeptisch. Vor Tagen stand in einigen Medien zu lesen: "Das Modell der Bankenrettung, bei dem der Staat Anleihegläubiger und  Grossinvestoren schützt, besitzt keine politische und gesellschaftliche Akzeptanz mehr. Zur Rettung einer Bank müssen zunächst die Eigentümer und Grossanleger herangezogen werden." Es scheint als würden, ähnlich wie vor 500 Jahren in der Karibik,  die (finanziellen) Piratennester ausgeräuchert werden.


Was ist zukünftig noch sicher?

Vor diesem Hintergrund mag sich mancher fragen: wo ist zukünftig mein Geld noch sicher? Wenn die Steueroasen Luxemburg, Malta und die Kanalinseln etc. austrocknen und Liechtenstein sowie die Schweiz in rigide staatliche Geldtransferabkommen "eingebunden" werden, dann verbleiben zur sicheren Anlage vermeintlich nur noch Immobilien und das Edelmetall Gold. Aber auch das kann eine Fehlkalkulation sein. Staaten, die am Abgrund stehen, werden alle Mittel ergreifen, um an das Vermögen ihrer Bürger zu kommen.



Wohneigentum in Europa (FAZ)

Beispiel Wohneigentum. Eine kürzliche Recherche der Deutschen Bundesbank hat überraschenderweise ergeben, dass Deutschland in Bezug auf Wohneigentum in Europa ziemlich am Ende der Tabelle liegt. An der Spitze rangieren (die eigentlich klammen Staaten) Spanien und Italien. Doch was ist für eine Regierung leichter, als die Immobilien ihrer Bürger mit einer Zwangshypothek zu belegen? Unsere Eltern haben genau dies nach dem Zweiten Weltkrieg und der anschliessenden Währungsreform erlebt: Sonderbesteuerung des Vermögens.

Und Gold? Auch hier ist Vorsicht geboten. Man denke nur an die (kapitalistischen!) USA, wo der damalige Präsident Theodore Roosevelt im April 1933  den privaten Goldbesitz verbot und sogar unter Strafe stellte. Jeder US-Bürger musste seine Goldbarren, Goldmünzen und sogar den Goldschmuck bei den staatlichen Stellen abliefern, wo dieses Edelmetall in Papierdollars umgetauscht wurde. Dieses Verbot galt fast vierzig Jahre lang und wurde erst 1971 aufgehoben.

Was tun? Die alten Römer haben es uns schon vor 2.000 Jahren gesagt: "Carpe diem"!
Die etwas freiere Übersetzung aus dem Lateinischen lautet:
"Hau dein Geld rechtzeitig auf den Kopf"!

Donnerstag, 21. März 2013

KIT: mediale Kritiken und historische Reminiszenzen

Beim KIT, dem Zusammenschluss zwischen dem ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe und der dortigen Technischen Hochschule ist die Kacke am Dampfen. Mitte Juni letzten Jahres hat diese fusionierte Gesellschaft ihren Status als "Elite-Universität" eingebüsst. Der Grund war, dass sie sich bei keinem ihrer Forschungsprogramme gegen die akademische Konkurrenz durchsetzen konnte. Seitdem werden die Schuldigen gesucht - innerhalb des KIT, aber auch von den Medien.


Mediale Kritik an Präsidenten und Geschäftsführer.

Insbesondere der frühere Präsident und starke Mann des KIT, Professor Horst Hippler, wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für das Scheitern der Exzellenzanträge verantwortlich gemacht. Das KIT habe es sträflich versäumt, deren Neuartigkeit und Andersartigkeit gegenüber den bisherigen Hochschulen zu definieren, so die FAZ. Die Leitung des KIT habe sich "beratungsresistent" und "grosskotzig" gezeigt, sodass das negative Urteil bei der Exzellenzinitiative alles andere als eine Überraschung war. Hippler, der sich vor knapp einem Jahr vorzeitig vom Acker machte und in die warme Bürokratenposition der Hochschulrektorenkonferenz flüchtete, bekam es bei seiner (lange aufgeschobenen) kürzlichen Verabschiedung zu spüren: die grüne baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer liess sich bei diesem kargen Event entschuldigen und schickte stattdessen einen ihrer Mitarbeiter. Der ehemalige Co-Präsident und nunmehr alleinige Präses, Eberhard Umbach, seufzt in den Medien: früher habe es in den Ministerien "Zuneigungsgeber" gegeben, derzeit sehe er nur noch "Zuwendungsgeber". Ach Gott, wie traurig!

 
Der historische Eingang des KIT


Anfang November 2012 soll es bei der Aufsichtsratssitzung heftig gebrodelt haben, wie in den Stuttgarter Nachrichten zu lesen war. Viele Lehrende in den Fakultäten seien enttäuscht gewesen, dass die erhoffte Ablösung des KIT- Präsidenten nicht erfolgt sei. Immerhin hat Umbach nun versprochen, sein Präsidentenamt im Herbst 2013 aufzugeben. Sei einigen Wochen sucht man per Zeitungsannonce einen Nachfolger. Vielleicht wird es eine Frau. Im KIT befürchtet man nun Stillstand bis zum Oktober, dem Zeitpunkt, zu dem das neu gewählte Präsidium zusammentritt und vermutlich bei Null anfängt.

Vor einigen Monaten griff die FAZ sogar nocheinmal das Thema Dampfbrüter auf, ein Projekt, welches im Kernforschungszentrum bereits 1969 eingestellt worden ist. Das erinnert an die journalistische Breitseite, mit der diese renommierte Zeitung den ehemaligen Geschäftsführer Popp begrüsste, als er sein Amt  in Leopoldshafen antrat. "Wie er  (Popp) in dieses Amt gekommen ist, darüber bedürfte die Öffentlichkeit noch der Aufklärung. Denn welche Voraussetzungen Popp für die Leitung einer so grossen Forschungsorganisation qualifiziert, ist aus seinem Werdegang nicht zu ersehen". Das war im April 1992. Im Sommer 2006 hob Popp zusammen mit Hippler das Konstrukt KIT aus der Taufe, das sich nun mehr und mehr zu einem bürokratischen Monster entwickelt.


Manager und Ehrensenatoren im Visier

Vor etwa vier Wochen machte die regionale Zeitung "Badische Neueste Nachrichten" (BNN) mit einem halbseitigen  Artikel auf unter der Überschrift "Die NS-Zeit holt nun auch das KIT ein". Dort sind einige ehemalige Geschäftsführer aufgelistet, die schon in den 50er Jahren im Forschungszentrum (jetzt: KIT Campus Nord) tätig waren und die alle bereits seit Jahrzehnten verstorben sind. Von einem früheren Mitarbeiter des Zentrums wurden sie posthum beschuldigt in Machenschaften des sog. Dritten Reichs verstrickt gewesen zu sein.

Einer von ihnen ist Gerhard Ritter, der von 1956 bis 1960 als technischer Geschäftsführer im Zentrum tätig war. Er wird beschuldigt in der Hitlerzeit an der Entwicklung des chemischen Kampfstoffes "Sarin" beteiligt gewesen zu sein. Dieses Gift kam im 2. Weltkrieg glücklicherweise nicht zum Einsatz, wurde aber in Chile unter der Pinochet-Diktatur und im Irak von Saddam Hussein gegen die Kurden verwendet. Die BNN behauptet nun, die Buchstaben des Kunstwortes Sarin stünden für ihre Entdecker, nämlich Schrader, Ambros und eben: Ritter. Dies ist aber sicherlich falsch, denn in Chemiebüchern (und bei Wikipedia) kann man nachlesen, dass der Name Sarin von den Entdeckern Schrader, Ambros, Rüdiger und Linde abgeleitet wird.

Josef Brandl war in den 50er Jahren Geschäftsführer der "Sondergeschäftsführung MZFR". In dieser Funktion war er Bauherr des damals grössten deutschen Kernkraftwerks MZFR mit einer Leistung von 50 Megawatt. Mit dessen Druckgefäss und den  nichtangereicherten Brennelementen wurde technisches Neuland betreten. Brandls Verdienst war es, dass der MZFR  25 Jahre lang mit einer ausgezeichneten Verfügbarkeit und ohne jeden Dampferzeugerschaden betrieben und an ihm erstmals die Kraft-Wärme-Kopplung demonstriert werden konnte. Die BNN behauptet (ohne nähere Beweise), dass Brandl in der NS-Zeit die rigorose Judenpolitik in Ostgalizien "zumindest hautnah miterlebt" habe. Man wird sehen, was die Recherchen ergeben.

Viele Diskussionen gibt es um den 1984 verstorbenen Manager Rudolf Greifeld. Er wurde 1956 vom damaligen SPD-Wirtschaftsminister Hermann Veit als administrativer Geschäftsführer für das neugegründete Forschungszentrum bestellt und hatte diesen Posten bis 1974 inne. Zu diesem Zeitpunkt löste ein fünfköpfiger Vorstand die bis dato zweiköpfige Geschäftsführung ab und Greifeld wurde mit allen Ehren vom damaligen Staatssekretär und Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Hilger Haunschild unter Verleihung des Bundesverdienstkreuzes verabschiedet. Greifeld hat mehr als jeder seiner Kollegen den Aufbau des Zentrums vorangetrieben. Insbesondere kümmerte er sich um  gute Kooperation zur damaligen Technischen Hochschule Karlsruhe. Für diese Leistung wurde er 1969 mit der Auszeichnung zum Ehrensenator belohnt. Seit neuerem wird er von einigen ehemaligen Mitarbeitern des Forschungszentrums beschuldigt, während der NS-Besatzungszeit in der Kommandatur von Paris gearbeitet zu haben. Das KIT-Präsidium wurde aufgefordert, Rudolf Greifeld post mortem die Ehrensenatorwürde zu entziehen.

Präsident Umbach hat inzwischen mit der Aufstellung einer Ethikkommission reagiert. Wegen der bereits 70 Jahre zurückliegenden Anschuldigungen hat diese Kommission die Einbeziehung eines Sachverständigen (Historikers) gefordert. Auf die Ethikkommission könnten bald weitere Fälle zukommen, so zum Beispiel die Causa Carl Wurster, dem 1958 die Ehrensenatorwürde der TH verliehen wurde. Inzwischen ist bekannt, dass Wurster in der Nazizeit "Wehrwirtschaftführer" war und ausserdem Verwaltungsrat der Firma Degesch, welche das berüchtigte Gift Zyklon B herstellte, mit dem in Auschwitz Millionen Juden vergast worden sind!


Berühmte historische Grenzgänger

Geht man in der Geschichte zurück, so stösst man immer wieder auf bekannte Persönlichkeiten, deren Tun zwischen gut und böse angesiedelt war. Ich möchte Wernher von Braun und den Karlsruher Professor F. H. herausgreifen, von dem ich vorerst nur seine Initialen verrate.

Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun war, zusammen mit Hermann Oberth, der Begründer der Raketentechnik und der Raumfahrt. In der NS-Zeit entwickelte er die erste leistungsstarke Flüssigkeitsrakete V2 ("Vergeltung 2") , von denen 3.000 auf England abgeschossen wurden, wovon ca. 1.000 in London einschlugen. Hitler war von dieser Waffe so begeistert, dass er Braun persönlich den Professortitel verlieh und ihm das Ritterkreuz umhing. Im Mai 1940 trat der Parteigenosse Braun auch noch der SS bei, wo er es immerhin bis zum Sturmbannführer brachte. Seine Raketen wurden von KZ-Häftlingen in Peenemünde und später in einem Aussenlager des KZ Buchenwald zusammengeschraubt. Es ist unwahrscheinlich, dass der Professor bei seinen vielen Kontrollgängen nicht das Leid dieser halberverhungerten Gefangenen mitbekam. Unmittelbar nach Kriegsende wurde Braun mit hundert seiner Experten von den Amerikanern in die USA verschafft, wo sie ihr Wissen in der Raketentechnik weitergaben. In Huntsville, Alabama, trug Braun mit der NASA massgeblich zum Erfolg der Saturnrakete bei der Mondlandung 1969 bei. Braun wurde hoch geehrt, ging (noch unter Kennedy) im Weissen Haus ein und aus und durfte sich u.a. an 25 Ehrendoktoraten bekannter Unuversitäten erfreuen. Als er 1977 starb, liess er aus dem Psalm 19.1 auf seinem Grabstein folgenden Spruch einmeisseln: "Die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes und das Firmament verkündet seiner Hände Werk".

Der Chemiker F. H. entstammte einer jüdischen Familie. Nach kurzer Industrietätigkeit erhielt er 1894 eine Assistentenstelle im Fach Physikalische Chemie an der Technischen Hochschule Karlsruhe. 1898 stieg er zum ausserordentlichen Professor für Technische Chemie und 1906 zum Leiter des Instituts für Physikalische und Elektrochemie auf. Auf diesem Weg erwarb F. H. das wichtige Patent "Zur synthetischen Darstellung von Ammoniak aus den Elementen". Dieses Verfahren, an dem später auch ein Mitarbeiter der BASF beteiligt war, besass grosse wirtschaftliche und militärische für die Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoff. Nach Beginn des 1. Weltkriegs beschäftigte sich F. H.  - inzwischen als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin - mit der Herstellung von Phosgen und Chlorgas für den Kriegseinsatz. Dafür erhielt F. H. in kurzer Folge den Dienstgrad eines Vizewachtmeisters und eines Hauptmanns, worauf er so stolz war, dass man ihn nicht selten im Labor in der entsprechenden Uniform werkeln sah. In der Flandernschlacht bei Ypern wurde im April 1915 von der deutschen Heeresführung zum ersten Mal dieses Giftgas eingesetzt. F. H. liess sich fortan als "Vater der Giftgaswaffe" preisen. Seine Frau war darüber so entsetzt, dass sie Selbstmord beging - mit der Dienstwaffe ihres Mannes. Nach Kriegsende wurde F. H. von den Alliierten als Kriegsverbrecher gesucht und musste in die Schweiz fliehen. Im gleichen Jahr 1919 erhielt er den Nobelpreis für Chemie "für seine Verdienste um den Wohlstand der Menschheit".

Heute erinnert noch ein Weg entlang der KIT-Chemieinstitute an diesen berühmten Professor.
Es ist der Fritz-Haber-Weg.
















Sonntag, 17. März 2013

Die Energiewende: kollabiert das Stromnetz?

Es war genau vor zwei Jahren - am 14. März 2011 - als die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem berühmten Ausspruch "das war´s" das deutsche Kernenergieprogramm kippte. Mit einem beispiellosen Schuss aus der Hüfte verfügte sie vor dem Hintergrund der Ereignisse in Fukushima die sogenannte Energiewende. Ohne jede Absprache mit unseren europäischen Nachbarländern und ohne Gehör für die (durchaus kritische) technische Reaktorsicherheitskommission, welche Supererdbeben und Tsunamis hierzulande für ausgeschlossen hielt und die zudem die deutschen Atomkraftwerke gegen Wasserstoffexplosionen bestens ausgestattet sah. Rat und Zustimmung holte sich Frau Merkel stattdessen von einem flugs zusammgestellten Gremium, der Ethikkommission, die vorzugsweise mit politischen Rentnern, Naturphilosophen und Bischöfen bis hin zu leibhaftigen Kardinälen bestückt war. Das Wahlvolk stimmte zu 80 Prozent zu.

Inzwischen sind die Konsequenzen dieser überhasteten Entscheidung allüberall zu besichtigen: Monokulturen aus Mais, Windparks in Landschaftschutzgebieten, Kahlschlag in Wäldern für Strommasten - nebst immer spürbarer werdender finanzieller Kosten. Darüberhinaus gibt es aber auch solide Gründe technischer Art, weshalb die angestrebte Energiewende nicht funktionieren könnte: es ist nämlich durchaus möglich, dass sie unser bislang bewährtes Stromnetz zum Kollabieren bringt. Darüber soll in diesem Blog berichtet werden.


Worin besteht die Energiewende?

Wenn man die weitreichenden netztechnischen Auswirkungen der Energiewende beschreiben will, dann ist es sinnvoll zu rekapitulieren, worin diese Wende eigentlich besteht. Im Kern geht es um den Ersatz des Kernenergiestroms durch Strom aus Erneuerbaren Energien (EE) bzw. regenerativen Energien. Die Bundeskanzlerin verfügte im März 2011 die sofortige Abschaltung von acht Kernkraftwerken mit einer Gesamtleistung von 8.422 Megawatt (MW). Die restlichen neun grossen Kernkraftwerke mit insgesamt 12.048 MW, sollen zeitlich gestuft zwischen den Jahren 2015 und 2022 vom Netz genommen werden.


Oben: Schrittweise Stillegung der deutschen Kernkraftwerke
Unten: Geplante Entwicklung Erneuerbare Energien (BMU,Tennet)
 
Die dadurch auftretende Lücke von 20.470 MW Grundlast soll geschlossen werden durch zumeist volatile Stromenergie aus Geothermie, Wasserkraft, Biomasse, Wind onshore und offshore sowie Photovoltaik (PV). Der grösste Beitrag wird von den Solar- und Windkraftwerken erwartet. Die erforderliche - stetige - Stromenergie schwankt in Deutschland zwischen 35.000 MW und 80.000 MW. Die Umstellung des gegenwärtigen  Stromregimes hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Verteilnetze, weshalb im Folgenden kurz einiges zu den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) gesagt werden soll.

Die neuen Betreiber der Stromnetze

Früher war alles ganz einfach. Die Frage, wem die Hochspannungsleitungen mit ihren riesigen Masten gehören, konnte jedes Kind beantworten. Die Eigentümer waren die grossen Stromkonzerne RWE, Eon, EnBW und Vattenfall, welche den bei ihnen erzeugten Strom über diese Leitungen zu den Verbrauchern transportierten.

Seit einiger Zeit ist das alles anders geworden. Die Europäische Union (EU) wollte für mehr Wettbewerb in der Stromwirtschaft sorgen und veranlasste die vier Oligopolisten ihre Netze zu verkaufen. Nun gehören sie neuen Eigentümern, die über den ganzen Globus verstreut sind. Und sie haben neue Namen, nämlich Amprion (früher RWE), Tennet (Eon), Transnet BW (EnBW) und 50 hertz (Vattenfall).

 
 

Oben: Regionale Aufteilung der deutschen Stromnetze auf vier Netzbetreiber
Unten: Schematische Einbindung des Netzbetreibers Tennet (nach Tennet)
 
Die Firma Tennet (abgeleitet von "Tension net") ist der grösste Netzbetreiber; er agiert von Schleswig-Holstein, quer durch Deutschland, bis hinunter ins tiefste Bayern. Sie gehört dem niederländischen Staat, der deutsche Ableger TSO hat seinen Sitz in Bayreuth. Die Firma hat ca. 2.000 Beschäftigte und betreibt ein Netz von 20.000 km Länge. Am ihrem Beispiel und durch veröffentlichte Informationen möchte ich die Netzprobleme erläutern, die im Zuge der Energiewende aufgekommen sind.

Die heutige und zukünftige Struktur der Stromnetze

Die Konfiguration der Stromnetze ist für die Zeit nach der Energiewende nicht optimal, sie muss grundlegend verändert werden. Bisher wird bei den Kernkraftwerken der Strom mit einer Spannung von 380.000 Volt erzeugt, der für die verschiedenen Verbraucher (Industrie, Private) über 220.000 und 110.000 bis auf 220 Volt heruntertransformiert und eingespeist wird. Die Erzeugung folgt dem Verbrauch (Top-Down-Prinzip). Die Verbraucher sind in diesem System die Taktgeber, wenn sie mehr oder weniger Strom anfordern, wird die Leistung der Kraftwerke angehoben bzw. abgesenkt.

Seit der Energiewende ist Deutschland übersät von vielen Stromerzeugern, vorallem im Bereich Solar und Wind. Für die industriellen Verbraucher wird der Strom auf 110.000 bis 380.000 Volt hochtransformiert (Bottom-Up-Prinzip). Wichtig ist: der Verbrauch folgt nunmehr der Erzeugung; die Erzeuger (PV-Anlagen, Windräder) geben jetzt den Takt vor. Wegen dieses neuen Regimes muss das Netz völlig neu strukturiert werden. Da die meisten Windkraftanlagen zudem im Norden liegen (onshore bzw. offshore) und die grossen Verbraucher im Süden (Bayern, Baden-Württemberg) ist der Bau neuer Hochspannungsleitungen unbedingt erforderlich. Mehr darüber später.


Netzführung und Netzsicherheit

Für die Netzführung und die Netzsicherheit gibt es im Bereich der Tennet zwei Leitstellen in Dachau und Lehrte (bei Hannover). Netzführung bedeutet, dass die Frequenz des Wechselstroms möglichst genau bei 50 Hertz (Hz) gehalten werden soll. Das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch muss also immer sichergestellt sein. Schwankungen werden durch den Einsatz von Regelenergie kompensiert. Hierfür stehen eine Reihe von Kraftwerken (oder Verbraucher) zur Verfügung, die innerhalb von Sekunden (Gasturbinen), Minuten oder Stunden an- oder abgefahren werden können.

 
Gleichgewicht Erzeugung und Verbrauch durch Regelenergie

Problematisch sind die Photovoltaik-Anlagen, welche nicht gesteuert werden können, sondern die ganz plötzlich bei 51,5 Hz automatisch vom Netz gehen und sich aber wieder einklinken, sobald das Netz mit Regelkraftwerken stabilisiert ist. Dies führt bei den Leitstellen zu einem solaren "Jo-Jo-Effekt", der nur schwer beherrschbar ist. Nach heftigem Einspruch von Tennet und den übrigen ÜNB-Unternehmen kam es zu einer neuen VDE-Regel, wonach die jetzigen PV-Anlagen mit  frequenzabhängigen Leistungsreduktionen ausgestattet sind.

Die Netzsicherheit wird bei den Leitstellen zumeist durch manuelle Eingriffe gewährleistet. Aus der Tabelle kann man ersehen, dass die Zahl der Eingriffe während des letzten Jahrzehnts dramatisch zugenommen hat. Früher, zum Beispiel im Jahr 2003, musste im ganzen Jahr nur zwei Mal für zwei Ereignisse eingegriffen werden. Durch die Zunahme der regenerativen Energieeinspeisung und wegen des unpassend strukturierten Netzes (siehe oben) nehmen die Korrekturen immer mehr zu. Ein besonders deutlicher Sprung ist zwischen den Jahren 2010 und 2011 zu erkennen, wo sich die Fukushima-bedingte Abschaltung der acht älteren Kraftwerke drastisch negativ bemerkbar machte.

 
Eingriffe zur Gewährleistung der Netzsicherheit (Tennet)

Simpel gesprochen, wird unser Stromnetz durch die Ausserbetriebnahme der Kernkraftwerke und die Zwangsintegration der regenerativen Energieerzeuger immer fragiler und störanfälliger. Ungewollte Stromabschaltungen (Blackouts, Brownouts) werden in Zukunft immer wahrscheinlicher, sobald auch die restlichen Kernkraftwerke abgeschaltet sind.

Herausforderung Ausbau Hochspannungstrassen

Um die Stromerzeugung im Norden an die Verbraucher im Süden näher heranzubringen, ist der Bau von neuen Hochspannungstrassen unbedingt erforderlich. Die Deutsche Energieagentur (Dena) schätzt, dass mindestens 4.500 Trassenkilometer, entsprechend rd. 10.000 Masten, erforderlich sein werden. Wegen der optischen Landschaftsschädigung und der (angeblich gesundheitsschädlichen) Magnetfelder gibt es heftigen Bürgerprotest. Jeder neu geplante Strommast wird praktisch beklagt.

Als Alternative wird von den Grünen die unterirdische Verlegung in Form von Kabeln propagiert. Aber Erdkabel sind alles andere als landschaftsschonend. Zwölf dicke Metallstränge sind auf einer Breite von 20 Metern für die Übertragung von 380.000 Volt nötig. Darüber dürfen, wegen der Wurzeln, keine Bäume wachsen. Schliesslich wird auch das Erdreich aufgewärmt und die ungeliebten Magnetfelder sind natürlich auch noch vorhanden. Von den Kosten ganz zu schweigen, die bei Erdkabeln um Faktoren höher sind als bei Überlandtrassen.


Problematische Einbindung der Erneuerbaren Energien

Inzwischen ist die dreifache Leistung an Solar- und Windgeneratoren installiert worden (ca. 60.000 MW), als insgesamt an Atomstrom bis 2022 abgeschaltet werden wird (ca. 20.000 MW). Trotzdem funktioniert die Integration des regenerativen Stroms in den Markt nur recht und schlecht. Der Grund dafür ist, dass die Qualität dieser Stromarten sehr unterschiedlich ist. Atomstrom wird von den Kraftwerken über 8.000 Stunden im Jahr erzeugt. Seine Produktion an Grundlast ist zuverlässig und planbar, deshalb spricht man auch gerne von Edelstrom. Demgegenüber steht der Strom aus Solar- und Windanlagen nur 800 bis 1.600 Stunden im Jahr zur Verfügung. Dieser Strom ist wegen der Wetterverhältnisse unstetig und kaum planbar; er wird deshalb als Abfallstrom bezeichnet. Kein Stromhändler würde regenerativen Strom verkaufen, wenn dies nicht von seiten der Politik verlangt werden würde.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Komponente. Der EE-Strom ist teuer (bis zu 50 Cent pro Kilowattstunde), während der Kernenergiestrom mit 2 bis 4 Cent/kWh gehandelt wird. Da der EE-Strom aber aus politischen Gründen von den Netzbetreibern abgenommen werden muss, drückt er den Strom aus fossilen und nuklearen Kraftwerken praktisch aus dem Netz. Diese Kraftwerke sind häufig nur wenige hundert Stunden im Jahr in Betrieb und werden deshalb extrem unwirtschaftlich. Die vier grossen Betreiber schalten sie deshalb zunehmend ab.

Geradezu absurde Situationen gibt es um Pfingsten herum, wenn der Strombedarf wegen der Feiertage beim Minimum um 35.000 MW liegt. Zur gleichen Zeit kann aber die regenerative Einspeisung bei günstigen Wind- und Sonnenverhältnissen (zeitweise) auf 60.000 MW hochschnellen. Da man diesen Strom nicht speichern kann, wird er in der Regel - unter Zuzahlung - an in- und ausländische Grosskunden abgegeben, um nicht zu sagen "verscherbelt". Grosskunden, wie Metallschmelzen oder Thermalbäder spekulieren  zunehmend auf solche Überschusssituationen und decken sich rechtzeitig und preiswert mit solche EE-Strom ein. Dass sie von der Politik darüberhinaus noch mit Preisrabatten beschenkt werden, ist geradezu ein Witz. Diese cleveren Abnehmer machen sich Smart-Grid und Smart-Meter bereits jetzt zunutze, indem sie die Leipziger Strombörse - und den Wetterbericht -  beobachten, was bei der grossen Zahl der kleinen Privatkunden noch keinen Vorteil bringt.

Die Zwangseinspeisung des EE-Stroms zu nicht marktkonformen Preisen kann keine Lösung auf ewig sein. Stattdessen muss man auch von den regenerativen Erzeugern zukünftig verlangen, dass sie Systemleistungen erbringen, wie Frequenzstützung, Spannungshaltung, Regelenergie und, last not least, variable Strompreisangebote.

Am Beispiel Bayern wird besonders deutlich, welche Extremsituationen in den nächsten Jahren entstehen können. In diesem Bundesland wird wegen der Abschaltung von fünf grossen Kernkraftwerken im Jahr 2022 eine Kraftwerkskapazität von 7.500 MW fehlen. In erster Linie wird dies die Grundlast betreffen. Da die Hochspannungstrassen aus dem Norden zu diesem Zeitpunkt aber noch fehlen werden, hat die Firma Eon das Gaskraftwerk "Irsching 5" mit einer Leistung von 860 MW bauen lassen. Es gehört mit seinem Wirkungsgrad von 60 Prozent zu den modernsten der Welt. Im Jahr 2010 nahm es seinen Betrieb auf, ist aber jetzt bereits wieder abgeschaltet - aus ökonomischen Gründen! Für Eon lohnt sich der Betrieb nicht, da dieses Kraftwerk, wegen der bevorzugten Einspeisung der regenerativen Energien nur wenige Stunden im Jahr am Netz gehalten werden kann.


Das verdrängte Thema Blindstrom

 Die sogenannte Blindleistung wird verursacht durch eine Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung. Eilt der Strom der Spannung nach, dann hat man induktive Blindleistung. Eilt der Strom der Spannung vor, dann hat man kapazitive Blindleistung. (Bei Gleichstrom sind Strom und Spannung immer in Phase, also gibt es in Gleichstromkreisen keine Blindleistung). Die Blindleistung in Wechselstromnetzen spielt eine entscheidende Rolle für die Wirtschaftlichkeit und die technische Machbarkeit überhaupt. Denn die Beherrschung der Blindleistung in ausgedehnten Netzen ist essentiell für die Stabilität der Wechselstromübertragung, für die Erhaltung der Spannungsstabilität und damit für die Energieübertragung insgesamt. Sie ist beispielsweise auch dafür verantwortlich, dass Höchstspannungserdkabel nur bis zu einer Kabellänge von ca. 40 km funktionieren.

Der Blindleistungsbedarf eines Netzes ist lastabhängig, also variabel. Es sind die grossen Synchrongeneratoren in nuklearen und fossilen Kraftwerken, welche diese Leistung übernehmen. Sie geben Frequenz und Spannung, also gewissermassen den Takt des Netzes vor. Ein Netz mit zuwenig Regelungsmöglichkeiten für die Blindleistung ist stark stabilitätsgefährdet. Photovoltaik liefert Gleichstrom, der zur Einspeisung in das Netz erst in Wechselstrom umgeformt werden muss. Die PV liefert also keinen Beitrag zur Blindleistung. Sicher ist, dass mit jedem Kernkraftwerk, welches vom Netz geht, ein grosser blindleistungsfähiger und damit stabilitätsbildender Faktor für das Stromübertragungsnetz verschwindet, womit das Netz fragiler wird, was zu ungewollten regionalen und überregionalen Abschaltungen führen kann. Der Laie stellt sich häufig vor, dass man Nuklearstrom einfach durch Solarstrom ersetzen kann. Die Meinung ist falsch und kann zu schlimmen Konsequenzen führen.



Volatilität und Speicherung

Die Firma Tennet beschäftigt eine Vielzahl von Meteorologen und Physikern, um die Sonnen- und Windverhältnisse für die nächsten Stunden und Tage vorherzusagen. Damit soll die stabilisierende Regelenergie minimiert  und der Strombedarf an den Kraftwerken rechtzeitig angemeldet werden. Leider sind diese Prognosen nicht immer zutreffend. Manchmal ergeben sich Fehler in der Höhe von 2- 3.000 MW, was immerhin der Leistung von zwei grossen Kernkraftwerken entspricht. Insbesondere, wenn Frühnebel angesagt sind, kann niemand sicher vorhersagen, ob sich dieser schon um 9 oder erst um 11 Uhr auflöst, sodass die Sonne durchkommen kann.

 
Prognoseabweichung bei PV-Anlagen durch Nebel

Dringend gesucht werden Speicher für überschüssige Sonnen- und Windenergie. Die gegenwärtigen Pumpspeicherkraftwerke reichen dafür bei weitem nicht aus. Sie müssten um den Faktor 10 bis 20 vermehrt werden, wofür es bei den Bewohner der deutschen Mittelgebirge und der Alpen keine Zustimmung gibt. Derzeit denkt man darüber nach, mit der Überschussenergie Wasserstoff zu elektrolysieren und in das Erdgasnetz einzuspeisen. Diese Technologie wird aber sehr teuer werden, da der technische Wirkungsgrad nur sehr mager ist. Ausserdem steht dieses hochteuere Gas in direkter Konkurrenz mit dem weitaus billigeren Fracking-Gas, welches demnächst aus den USA zu erwarten ist.


Fazit:

  1. Der Netzausbau bestimmt das Tempo der Energiewende - nicht umgekehrt.
  2. Der Ausbau von 4.500 Trassenkilometer bis zur Abschaltung aller Kernkraftwerke im Jahr 2022 ist illusorisch.
  3. Die Instabilität und Fragilität des Netzes nimmt zu bei Einbeziehung der Erneuerbaren Energien.
  4. Der Wegfall der Blindleistung der grossen Synchrongeneratoren erhöht die Netzinstabilität.
  5. Der massive Ausbau der Speichertechnologie ist dringend notwendig, um die Volatilitätszyklen der Erneuerbaren Energien abzupuffern. Wege hierfür sind nicht erkennbar.
  6. Es müssen wirtschaftliche Anreize gefunden werden, um konventionelle Kraftwerke mit kurzen Betriebszeiten und hohen Gradienten zuzubauen. (Sogen. Kapazitätsmarkt)
  7. Die regenerativen Stromerzeuger müssen sich künftig durch technische Neuerungen stärker an der Frequenzstützung und Spannungshaltung des Netzes, sowie an der Beistellung von Regelenergie beteiligen.
  8. Der Stromverbrauch muss sich künftig mehr am Angebot der regenerativen Erzeuger orientieren. (Smart Grid etc.)

Meine Schlussfolgerung:

Da es nicht möglich ist, die oben genannten Voraussetzungen in den nächsten zehn Jahren zu erfüllen, wird die Energiewende - wie von der Bundesregierung konzipiert - nicht gelingen. Künftige Bundesregierungen werden gezwungen sein, einige grosse Kernkraftwerke über das Jahr 2022 am Netz zu belassen, um die deutsche Stromversorgung nicht zu gefährden.

"Wetten, dass...?"

Mittwoch, 6. März 2013

Fukushima rekapituliert

In diesen Tagen jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum zweiten Mal. Ein gewaltiges Erdbeben in den japanischen Gewässern war der Auslöser. Als Folge überflutete ein Tsunami diese nordjapanische Region und forderte viele Todesopfer. Eine weitere Konsequenz war die Beschädigung von vier an der Küste gelegenen Kernkraftwerken, wodurch deren Notstromversorgung ausfiel und es zu Knallgasexplosionen kam. Eine mutige Betriebsmannschaft kämpfte mit dieser Situation, konnte aber die Kernschmelze an einigen Reaktoren nicht verhindern. Als Konsequenz kam es zum Austritt radioaktiver Gase, weswegen die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung evakuiert werden musste.

Die Betreiberfirma TEPCO in Tokio hat sich beim Unfallmanagement nicht mit Ruhm bekleckert und lief Gefahr bankrott zu gehen. Zwei aufeinanderfolgende Regierungschefs verkündeten zwei unterschiedliche Atomstrategien: Der Premierminister Noda wollte aus der Kernenergie aussteigen, sein Nachfolger Abe will alle (zeitweise stillgelegten ) Atomkraftwerke wieder in Betrieb nehmen und sogar den Neubau weiterer in Auftrag geben. Doch nun zu den Details.

Zwei Naturkatastrophen

Am Freitag, dem 11. März 2011, nachmittags um 14:46 Ortszeit (bzw. 6:46 MEZ) erschütterte ein riesiges Erdbeben die japanische Hauptinsel Honshu. Das Epizentrum lag etwa 150 km östlich der Küste im Pazifischen Ozean. Das Beben hatte eine Stärke von 9,0 auf der logarithmischen Skala und lag damit um 0,8 Punkte über dem bislang stärksten in Japan registrierten Beben der Magnitude 8,2. Es wurde ausgelöst durch tektonische Verschiebungen von Erdkrustenplatten etwa 20 bis 30 km unterhalb der Meeresoberfläche. Die Dauer betrug ca. zwei Minuten, es war begleitet von vielen Nachbeben.

Die hohe Energiefreisetzung verursachte eine Tsunamiwelle, die per GPS auf 23 Meter Wellenhöhe berechnet wurde. Beim Aufprall auf die Küste wuchs diese Welle auf bis zu 30 Metern an. (Noch höhere Tsunamiwellen wurden in Japan in den Jahren 1993, 1933 und 1896 registriert). Die Flutwelle drang bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere vor, vernichtete Fischerdörfer, beliebte Ferienorte und ganze Städte. Sie forderte fast 20.000 Menschenleben, 3.000 Menschen gelten immer noch als vermisst.


Die Reaktorunfälle

In der Nähe von Fukushima, an der Küste, sind zehn Kernkraftwerke der Betreiberfirma TEPCO gelegen. Davon wurden vier im Ortsteil Daiichi vom Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami betroffen. Das Erdbeben regte die Seismometer der Kraftwerksblöcke 1, 2 und 3 an, wodurch diese automatisch abgeschaltet wurden. Der Block 4 war nicht in Betrieb. Infolge des Erdbebens fiel die externe Stromversorgung aller Kraftwerke aus. Daraufhin starteten zwölf der dreizehn Notdieselgeneratoren automatisch, einer am Block 4 war in der Wartung. Alle vorher betriebenen Blöcke schalteten also problemlos auf den Modus Notkühlung um.

Eine knappe Stunde später, um 15:35 Uhr, trafen an den Reaktorstandorten in Daiichi Tsunamiwellen mit einer Höhe von 13 bis 15 Metern ein. Die Anlagen waren nicht an das japanische Tsunami-Warnsystem angeschlossen, sodass das Betriebspersonal keine vorzeitige Warnung erhielt. Für den meerseitigen Teil des Kraftwerksgeländes existierte nur eine 5,70 Meter hohe Schutzmauer, weswegen die Kraftwerke meterhoch überschwemmt wurden. Das Wasser lief in die Reaktorgebäude, überspülte dort die zwölf laufenden Notstromaggregate und setzte sie zusammen mit den elektrischen Schaltschränken ausser Betrieb. Die Notstrombatterien liessen nur einen kurzzeitigen Betrieb der Notkühlsysteme zu. Arbeiter versuchten aus den Privatautos Batterien auszubauen, allerdings mit geringem Erfolg. Von der Hauptverwaltung der Tepco in Tokio kam keine nennenswerte Hilfe; der Antransport von mobilen Notstromgeneratoren über Hubschrauber wäre vorstellbar gewesen.

Mangels Kühlung kam es zur Überhitzung der Brennelemente und zur Bildung von Wasserstoff der sich mit Sauerstoff zu Knallgas vereinigte. Rekombinatoren zum Abbau des Wasserstoffs (wie in allen deutschen Kernkraftwerken) waren in Fukushima nicht vorhanden. Vom 12. bis zum 15. März erfolgten in allen Reaktorblöcken heftige Knallgasexplosionen, welche die äusseren Gebäudestrukturen schwer beschädigten und auch zu Bränden führten. Die Reaktorkerne der Blöcke 1 - 3  sind wegen der Überhitzung innerhalb weniger Stunden und Tage zumindest teilweise geschmolzen.



Zerstörtes Kernkraftwerk Nr. 3

Zur Stabilisierung der Situation pumpte die Werksfeuerwehr zunächst Süsswasser in die Reaktoranlagen. Als diese Bestände zu Ende gingen, erhielt sie vom Premierminister Naoto Kan höchstpersönlich - und gegen den Ratschlag der Tepco - die Erlaubnis, die Anlagen mit salzhaltigen Meerwasser zu kühlen. Damit waren die Reaktoren irreparabel geschädigt. Am 14. März 2011 erwog der Betreiber Tepco sogar, alle Mitarbeiter wegen der grossen Strahlengefahr aus Fukushima abzuziehen, wogegen aber Kan erfolgreich intervenierte.

Kontamination und Strahlengefahr

Wegen der Zerstörung von Kreislaufkomponenten und durch die Belüftung der Anlagen (zum Abbau des Überdrucks) kam es zum Austritt radioaktiver Spaltgase. Dies waren im wesentlichen Jod 131 und Cäsium 137. Jod sendet Betastrahlen aus und besitzt eine Halbwertszeit von 8 Tagen; Cäsium ist ein Gammastrahler mit der langen Halbwertszeit von 29 Jahren. Die meisten Radionuklide trieben mit dem Wind aufs Meer hinaus. In einem Fall allerdings belüfteten die Betreiber die Anlage just zu dem Zeitpunkt, als der Wind in umgekehrter Richtung vom Meer aufs Land wehte. Die Folge war eine rund 100 Quadratkilometer grosse radioaktive Verseuchung des Bodens. Als Folge ordneten die Behörden die zeitweilige Evakuierung von ca. 80.000 Personen an, die in einem Umkreis von 20 km um Fukushima wohnten. Sie konnten nach einigen Monaten wieder zurückkehren. Zwischenzeitlich dekontaminierten die Arbeiter der Tepco diese Landstriche, wobei eine Menge an radioaktiven Abfall entstand, der sicher gelagert werden muss.

Mittlerweile hat die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Report vorgelegt, der sich mit dem Strahlenrisiko in der Umgebung der havarierten Reaktoren befasst. Der 200 Seiten umfassende Expertenbericht wurde kürzlich in Genf diskutiert. Die prognoszierten Risiken für die Menschen in Japan und auch auserhalb des Landes wurden als gering eingeschätzt. Eine Aufschlüsselung, welche auf Daten nach Alter, Geschlecht und der Nähe zu den Kraftwerken basiert, zeigt ein geringfügig höheres Krebsrisiko für jene Menschen, die in den am stärksten kontaminierten Gebieten leben. "Ausserhalb dieser Bereiche, auch in den Orten innerhalb der Präfektur Fukushima, haben wir keinen beobachtbaren Anstieg der Krebserkrankungen festgestellt", heisst es in dem Bericht der Weltgesundheitsbehörde.

Die Belastung der Bevölkerung im ersten schlimmsten Jahr lag - den verfügbaren Zahlen zufolge - bei höchstens 10 Millisievert (mSv). Das ist etwa das Vierfache der natürlichen Hintergrundstrahlung in Deutschland. Gesundheitliche Folgen sind bei diesen geringen Werten nicht zu erwarten. Weil sich die Fälle zudem auf viele Jahre verteilen, dürften sie in einer epidemologischen Studie nicht auffallen. Ungefähr 40 Prozent der japanischen Bevölkerung erkrankt im Laufe ihres Lebens an Krebs, wovon 25 bis 30 Prozent daran sterben. Unterhalb 100 mSv vermögen Ärzte in ihren Statistiken keine Strahlungseffekte erkennen.

Todesfälle durch akute Strahlenerkrankungen traten in Fukushima nicht auf. Drei Arbeiter starben auf der Anlage unmittelbar durch das Erdbeben und dem Tsunami, ein weiterer erlag bei den Aufräumarbeiten einem stressbedingten Herzinfarkt. Sechs Personen erhielten eine Strahlendosis um 500 Millisievert; nach heutigem Wissensstand liegt das Risiko, daran an Krebs zu erkranken, bei etwa 1 Prozent.

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wie sich die Reaktorunfälle von Fukushima und Tschernobyl vergleichen lassen. Klare Antwort: der Unfall von Tschernobyl war wesentlich gravierender und folgenreicher. In Fukushima wurden im Vergleich zu Tschernobyl "nur" etwa 10 Prozent der radioaktiven Stoffe freigesetzt. Darüberhinaus gibt es in Japan keine grossflächigen Uran- und Plutoniumkontaminationen. Das ist jedoch der Fall in der Ukraine, wo der Reaktor RBMK durch eine schnell ansteigende nukleare Leistung zerstört wurde und anschliessend über eine Woche unter freiem Himmel gebrannt hat. Dabei kam es zu erheblich grösseren Strahlenschäden, bis hin zu Todesfällen bei den Einsatzkräften vor Ort.

TEPCO: ein schwächelnder Riese

Der Eigentümer und Betreiber der vier Unglücksreaktoren in Fukushima-Daiichi ist das Energieversorgungsunternehmen (EVU) "Tokyo Electric Power Company", genannt TEPCO.  Es ist das grösste EVU Japans und vom Umsatz her in etwa mit dem deutschen RWE vergleichbar. Tepco betreibt 17 Kernkraftwerke, 25 fossile Kraftwerke sowie 160 Wasserkraftwerke und versorgt unter anderem den Grossraum Tokio mit seinen 30 Millionen Einwohnern.

Die Firma Tepco trägt eine erhebliche Schuld am Ausbruch der Fukushima-Katastrophe sowie seinem schlechten Unfallmanagement. Die zu niedrige Deichhöhe gegen Tsunamis und die Nichtausstattung der Kernkraftwerke mit Wasserstoffrekombinatoren wurde bereits genannt. Die Unfähigkeit der Hauptverwaltung in Tokio, die gebeutelte Betriebsmannschaft in Daiichi per Hubschrauber rechtzeitig mit mobilen Notstromaggregaten zu versorgen, ist unverzeihlich. Auch die nur zögerlich gegebene Genehmigung zur Kühlung der Reaktoren mit Meerwasser, hat die Schäden letztendlich bedeutend vergrössert.

Schon bald nach dem Unglück wurde Tepco mit riesigen Schadensersatzforderungen der Umlieger konfrontiert. Daneben musste das EVU (umgerechnet) 10 Milliarden Euro aufbringen um die Stromversorgung (ohne Kernkraftwerke) sicherzustellen. Tepco wäre ganz schnell in Konkurs gegangen, wenn die japanische Regierung nicht eingegriffen hätte. Sie legte einen Spezialfonds in der Höhe von 50 Milliarden auf, aus denen diese Forderungen beglichen werden. Tepco wurde gezwungen aus seinen zukünftigen Erträgen diesen Kredit zu refinanzieren.


Geplante Einhausung für Kernkraftwerk Nr. 3

Ein wesentlicher Teil des Fonds wird benötigt, um die vier beschädigten Reaktoren sicher zurückzubauen. Man hofft, dies bis zum Jahr 2050 erledigen zu können. Die schwierigste Aufgabe wird sicherlich die Entnahme des geschmolzenen Brennstoffs in den Reaktortanks sein. Dazu sind fernbedienbare Roboter erforderlich, für die es derzeit noch kein technisches Vorbild gibt. Um die Strahlenemission nach aussen zu unterbinden ist geplant, jeden der Reaktoren mit einer luftdichten Umhausung zu versehen.

Die japanische Doppelwende

Unter dem Schock des vierfachen Nuklearunfalls von Fukushima ordnete die japanische Regierung von Premierminister Naoto Kan die sofortige Abschaltung aller 51 Kernkraftwerke an, welche bislang 30 Prozent des Stromaufkommens produzierten. Ein unabhängige Kommisssion wurde beauftragt, die Sicherheit dieser Kraftwerke zu überprüfen. Die darauffolgende Regierung unter dem neuen Premierminister Yoshihiko Noda beschloss den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2040. An ihre Stelle sollten die alternativen Energieformen Solar, Wind und Geothermie treten.

Dieser energetische Paradigmenwechsel führte zu massiven Engpässen und Einschränkungen bei der Stromversorgung. Japan verbrauchte plötzlich soviel verflüssigtes Erdgas wie kein anderes Land und wurde weltweit zum zweitgrössten Importeur bei der Steinkohle und zum drittgrössten beim Erdöl. Insbesondere in den heissen Sommern 2011 und 2012 war die Wirtschaft stark gehandicapt. Wegen des zurückgehenden Exports geriet die japanische Handesbilanz tief ins Defizit.

Beim Wahlkampf im Herbst 2012 stand die nationale Energieversorgung ganz oben auf der Agenda. Die liberaldemokratische Partei unter Shinzo Abe setzte sich offen für das Wiederanfahren der stillgelegten Kernreaktoren ein und errang (zusammen mit einem kleinen Partner) ein satte Zweidrittelmehrheit im Abgeordnetenhaus. Die japanischen "Grünen", die kernenergieskeptische Tomorrow Party of Japan fiel von bislang 61 Sitzen auf 9 Sitze zurück. Das Wahlvolk hatte sich eindeutig für die Fortführung der Kernenergie und gegen die alternativen Energien entschieden. Der mit überwältigender Mehrheit gewählte neue Premierminister Abe gab bekannt, dass er nicht nur die existierenden Kernkraftwerke nach ihrer Überprüfung im Sommer in Betrieb wieder setzen werde sondern, dass er sogar weitere durch die heimischen  Firmen Hitachi, Toshiba und Mitsubishi bauen lassen will.

Das deutsche Beispiel der "Energiewende" wurde in Japan nicht kopiert.
(Doch darüber mehr im nächsten Blog).

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