In Deutschland gibt es derzeit ca. 1.150 Stromversorgungsunternehmen. Die weitaus grössten Umsätze - Stand 2011 - erzielten: E.ON (113 Milliarden Euro), RWE (52), EnBW (18) und Vattenfall (11). Die vier Grossen beherrschen etwa 80 Prozent des deutschen Strommarkts. Daneben gibt es die sog. Ökoanbieter, die umsatzmässig - ebenfalls Stand 2011 - weit darunter liegen: Lichtblick (0,625 Milliarden Euro), Naturstrom (0,112), Elektrizitätswerke Schönau (0,100) und Greenpeace energy (0, 083).
Durch die politisch gewollte Energiewende vor etwa zwei Jahren sind die grossen Stromversorger wegen der sofortigen Abschaltung von acht Kernkraftwerken sowohl technisch als auch wirtschaftlich in eine kritische Schieflage gekommen. Die technischen Implikationen wurden bereits in einem früheren Blog beschrieben ("Die Energiewende - kollabiert das Stromnetz?" vom 17. 3. 13), die wirtschaftlichen Konsequenzen der Energiewende für die vier Konzerne werden im Folgenden dargestellt.
E.ON
E.on hat bereits Atomkraftwerke und andere Kraftwerke abgeschaltet, die 15 Prozent seiner Kapazität entsprechen, weitere 26 Prozent stehen noch aus. Infolge des Atomausstiegs hat E.on im Jahr 2011 (erstmals in der Firmengeschichte) einen Verlust von 1,9 Milliarden Euro eingefahren. Im Jahr zuvor hatte E.on noch einen Gewinn von 6,2 Milliarden Euro erzielt. Für das Jahr 2013 rechnet man allenfalls mit einem Plus von 2,2 bis 2,6 Milliarden. Der Aktienwert des Konzerns ist beträchtlich gefallen. Im Jahr 2010 waren es noch 45,8 Milliarden Euro, 2012 nur noch 28,2 Milliarden. Die genannten Gewinne können nur durch den Verkauf von Beteiligungsgesellschaften aufrecht erhalten werden.
Immer wieder wird E.on mit Fusionen in Verbindung gebracht. EU-Kommissar Horst Oettinger hat der E.on das Zusammengehen mit dem französischen EdF vorgeschlagen. Vorsichtige Gespräche führten jedoch zu keinem Ergebnis. Froh ist man heute darüber, dass es dem früheren E.on-Chef Wulf Bernotat im Jahr 2006 nicht gelungen ist, den spanischen Grossversorger Endesa zu übernehmen. E.on hatte bereits 42 Milliarden Euro für diesen Deal bereitgestellt und wäre in der Folge daran wohl zugrunde gegangen. Probleme hat E.on auch mit seinen Übernahmeplänen in Brasilien und in der Türkei. Vorstandschef Johannes Teyssen hat, quasi als ultima ratio, das Effizienzprogramm 2.0 aufgelegt. Es sieht den Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen vor.
RWE
Bei RWE sank der Aktienkurs nach der Stilllegung der Kernkraftwerke Biblis von 28 auf 19 Milliarden Euro. Die Gewinne sind entsprechend eingebrochen. RWE-Chef Peter Terium kündigte den Abbau von mindestens 10.000 Jobs an. Ähnlich wie bei E.on soll der Verkauf von Beteiligungen die erforderlichen Mittel für zukünftige Investitionen generieren. Gas und Steinkohle haben als Energieträger bei RWE verloren, die Braunkohle hat zugelegt. Hier hat RWE gegenüber E.on einen strategischen Vorteil. Die Kommunen in NRW, welche 25 Prozent des Aktienkapitals halten, sind unzufrieden mit der Ertragslage des Mutterkonzerns. Sie drohen RWE, in Zukunft eigene Stadtwerke aufzumachen, z.B. in Recklinghausen.
Erhebliches Potential sieht RWE in der Windkraft. In der Nordsee sollen Windparks mit einer Kapazität von 1.000 MW entstehen. Probleme sieht RWE in den genehmigungsbedingten Verzögerungen und dem Mangel an Spezialschiffen. Kürzlich forderte Terium die Bundesregierung auf, "für einen wirtschaftlichen Ausgleich" beim Ausbau der offshore-Windkraft zu sorgen, insbes. wegen des verzögerten Anschlusses durch den Netzbetreiber Tennet. Klingt wie der Ruf nach Subventionen.
EnBW
Bei der EnBW wurden im Zuge der Energiewende die beiden "cash-cows" Philippsburg 1 und Neckarwestheim I abgeschaltet, wodurch sich Ende 2011 ein Verlust von 900 Millionen Euro anhäufte. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Peter Villis musste gehen und wurde durch Frank Mastiaux ersetzt. Die Aktie der EnBW hat allein im Jahr 2012 rd. 20 Prozent ihres Wertes verloren und ist zeitweise für unter 30 Euro zu haben. Sorge bereitet der EnBW-Spitze die allgemeine Wettbewerbslage. Die Kunden wechseln immer häufiger ihren angestammten Versorger, was insbesondere für die Industriekunden gilt. Weil die Stadtwerke und Kommunen ihre Stromnetze aufkaufen, kommt es zum Phänomen der Netzaufsplitterung. Insbesondere die Stadtwerke Stuttgart versuchen immer ungenierter der EnBW die Kunden abzujagen.
Typisch für die EnBW ist, dass 90 Prozent der Aktien beim Land bzw. bei den oberschwäbischen Landkreisen liegen. Über den Rückkauf des Aktienpakets von der französischen EdF ist ein heftiger politischer Streit entstanden, der zur Abwahl des konservativen Ministerpräsidenten Stefan Mappus führte und zur Einrichtung einer grün-roten Regierungskoalition unter Winfried Kretschmann. Diese versucht den Ausbau der Windkraft "im Ländle" zu forcieren, der aber wegen des Widerstands der Bevölkerung (Schwarzwald!) nur quälend langsam voran kommt.
Vattenfall
Schon krisenhaft ist die Entwicklung beim Stromversorger Vattenfall. Medienberichte sprechen von Milliardenverluste, den Abbau von 2.500 Arbeitsplätzen, sinkende Erlöse beim Stromverkauf und drastischen Gewinnrückgängen. Gerüchte besagen, dass sich Vattenfall sogar ganz aus der Braunkohle in Ostdeutschland zurückziehen könnte. Akut gibt es heftige Tarifauseinandersetzungen, weswegen zeitweise 4.000 Beschäftigte auf die Strasse gehen.
Grosse Probleme gibt es um das im Bau befindliche Kohlekraftwerk Moorburg. Aufgrund eines Gerichtsbeschlusses wurde hier die Kühlwasserentnahme aus der Elbe so stark eingeschränkt, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr vorstellbar ist. In Berlin ist es so gut wie sicher, dass Vattenfall das dortige Stromnetz an die Stadt übergeben muss. Auch Hamburg könnte aufgrund eines Volksentscheids verloren gehen. Immerhin zeigen Umfragen, das rd. 64 Prozent der Hamburger dafür sind, die Energienetze - nicht nur die Stromnetze - wieder in die öffentliche Hand zu nehmen. Der Verlust der Fernwärmenetze würde den Konzern besonders hart treffen, denn damit verdient er immer noch gutes Geld.
Der Konzern mit Sitz in Stockholm und der Deutschland-Zentrale in Berlin will sich ein "grünes Image" zulegen. Wie das mit der Kohleverstromung in der Lausitz und den Atomkraftwerken in Schweden zu vereinbaren sein soll, wird bisher nicht verraten.
Fazit
Die Probleme bei den grossen deutschen Energieversorgungsunternehmen (EVU) zeigen die gleichen Muster. Überall sind seit der Energiewende die Umsätze und Gewinne dramatisch eingebrochen. Damit fehlen die Finanzmittel für notwendige Investitionen im Bereich der Erneuerbaren Energien, insbesondere bei der Windkraft. Hinzu kommen dramatisch gestiegene Kosten bei den offshore-Anlagen und technische Probleme mit der elektrischen Anbindung.
Auf der Abnehmerseite zeigt sich, dass die Kunden, insbes. die Industriekunden immer schneller - manchmal jährlich - ihren früher angestammten Versorger wechseln. Zudem werden die Stadtwerke wirtschaftlich immer mächtiger und machen sich zunehmend selbstständig. Der Firmenwert der grossen Versorger sinkt und manches EVU muss schon um seine Eigenständigkeit bangen. Der drastische Abbau der früher gesicherten Arbeitsverhältnisse bei den EVU mindert die Zufriedenheit der Beschäftigten und treibt sie auf die Strasse.
Der beschriebene Prozess ist noch nicht zu Ende, sondern vielmehr erst am Anfang. Man muss Sorge haben um die grossen deutschen Stromversorger.
Quo vadis EVU?
Samstag, 10. August 2013
Samstag, 3. August 2013
Der neue "Ring" - Triumph des Regietheaters?
"Regietheater" ist ein abwertender Begriff der Theaterkritik, welcher in den 1970er Jahren aufgekommen ist. Den Regisseuren wird damit vorgeworfen, dass sie die ursprünglichen Intentionen der Stückeautoren verletzen, indem sie willkürliche Kürzungen vornehmen oder die Handlung "grundlos" an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit verlegen, womit die Inszenierung vom eigentlichen Gehalt des Werkes ablenkt. Zumeist tummeln sich solche Regisseure im Sprechtheater, neuerdings treiben sie ihr Unwesen aber auch im Musikbereich.
Frank Casdorf wird zu den Vertretern des Regietheaters gezählt. Ihm wurde kurzfristig von den beiden Bayreuther Intendantinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier die Inszenierung der Tetralogie "Der Ring der Nibelungen" anvertraut, nachdem vorher schon die Regisseure Tom Tykwer und Wim Wenders abgesagt hatten. Castorf hatte angeblich nur 30 Tage Zeit für seine Interpretation eines Werkes, wofür Richard Wagner sich 30 Jahre abmühte. Castorf, hauptamtlich Chef der Berliner Volksbühne, ist bekannt als "Stückezertrümmerer". Das scheint ihm auch beim Ring gelungen zu sein.
Obskure Orte, perfide Personen
Wagners Kosmos im Ring besteht gewissermassen aus drei Abteilungen: der Götterwelt, der Menschenwelt und der Unterwelt. Sie sind bestückt mit Göttern, Menschen, Riesen, Nixen und Zwergen, welche miteinander an den verschiedensten Orten agieren. Die wichtigste "Requisite" ist der Ring, welcher aus dem Gold des Rheins geschmiedet wurde und der seinem Besitzer unbegrenzte Macht verleiht, der aber gleichzeitig mit einem argen Fluch belegt ist.
Castorfs Grundidee ist es, das Gold durch Erdöl zu ersetzen, was aber leider nur unzulänglich gelungen ist. So spielt das Rheingold in Texas an der "Route 66". Die Rheintöchter sind drei laszive blonde Miezen, die gelangweilt am Pool eines miesen Motels herumlungern und ihre Spitzenhöschen auf eine Wäschespinne hängen. Der Göttervater Wotan ist ein zwielichtiger Pate in rosa Anzug und Goldkettchen. Er hurt herum und wird nur zärtlich, wenn er mit der Hand über seinen silbernen Mercedes streicht. Der Zwerg Alberich erscheint als schmieriger Mafiosi, sein Bruder Mime schwenkt immerzu - warum eigentlich? - die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung. Auf dem Dach des Motels hat Castorf eine Videoleinwand aufstellen lassen, auf der Live-Bilder des Bühnengeschehens zu sehen sind. Wie im Fussballstadion! Der Brudermord des Riesen Fafner an Fasolt wird in Grossaufnahme zelebriert.
Die Walküre spielt auf einem Ölfeld in Aserbaidschan. Die Kulisse ist ein schäbiger Förderturm auf einer Drehbühne. Nach der Liebesnacht zwischen Siegmund und Sieglinde - bei welcher der spätere Held Siegfried gezeugt wird - lässt Castorf auf einer Leinwand einen historischen Schwarzweissfilm mit einer gelungenen Ölbohrung abspulen. Bei einem Gasunfall werden einige "Helden der Arbeit" getötet, die sodann von den acht Walküren bei ihrem wohlbekannten Walkürenritt eingesammelt werden. Hojotoho! Da sich Brünnhilde der Forderung ihre Göttervaters Wotan widersetzt hat, wird sie zur Strafe auf dem Ölfeld in Arrest gelegt. Neben ihr brennt, zur Bewachung, ein Ölfass.
Das Bühnenbild im Siegfried ist janusköpfig. Vorne zeigt es eine Abwandlung des Mount- Rushmore-Monuments mit Marx, Lenin, Stalin und Mao, das der Anarchist Siegfried gerade mit dem Hammer bearbeitet. Danach dreht sich die Bühne in die Gegenwart und Berlin, Alexanderplatz mit seinen U- und S- Bahnstationen erscheinen. Siegfried schmiedet nicht, wie von Wagner vorgegeben, die Trümmer des Schwerts Nothung zusammen, sondern packt praktischerweise zwei fabrikneue Kalaschnikows aus. Mit einer lautstarken MP-Salve streckt er den Schalterbeamten (alias Drachen) Fafner in einem U-Bahnschacht nieder, was angeblich einen Zuschauer in der 20. Reihe in Ohnmacht fallen liess. Danach kriechen zwei Riesenkrokodile über die Bühne und fressen bedauerlicherweise den so herrlich singenden Waldvogel. Inzwischen haben sich Brünnhilde und Siegfried getroffen und richten vor einem Bahnhofskiosk ihr Hochzeitsdinner aus.
In der Götterdämmerung hantieren die Schicksalsnornen im Hinterhof eines Backsteinhochhauses mit einer eisernen Feuertreppe. Die Behausung von Siegfried und Brünnhilde ist ein Wohnwagen vor dem verhüllten Reichstag. Später fallen die Tücher und die Säulenfundamente der New Yorker Börse kommen zum Vorschein, ganz nach dem Motto: Walhall ist Wall Street. Gunther, der Chef der Gibichungenfamilie weilt ebenfalls in Berlin und herrscht über die erste Dönerbude am Platze, gleich neben der Mauer. Sein Halbbruder Hagen ist Anführer einer schwarz gewandeten Schlägertruppe und erledigt später Siegfried mit dem Basballschläger. Nach diesem Mord lässt Brünnhilde die ganze Szene in einem grossen Feuer aus gestapelten Ölfässern aufgehen. Die Rheintöchter schicken den toten Siegfried mit dem Ring auf einem Schlauchboot in die ewigen Rhein-Jagdgründe.
Musikalisch und sängerisch war das Bayreuther Premierenpublikum mit dem Ring weitgehend zufrieden. Vorsorglich hatten die beiden Wagnertöchter mit Casdorf vorher vereinbart, dass er keine Änderungen an den Texten oder gar an der Musik vornehmen dürfe. Als Dirigent fungierte der Russe Kirill Petrenko, der zum ersten Mal in Bayreuth auftrat und eine makellose Leistung ablieferte. So transparent und gleichzeitig so machtvoll war der Ring auf dem Hügel selten zu hören. Die Sänger waren, bis auf wenige Ausnahmen, durchweg gut bis sehr gut. Leider konnte Lance Ryan als Siegfried das "Bellen" in der Mittellage nicht ganz unterdrücken und der Koreaner Attila Jun als Hagen presste und drückte so stark, dass er mitunter schwer zu verstehen war. Geradezu fulminant aber sangen Anja Kampe als Sieglinde und Johan Bothe als Siegmund. Sie wurden zu Recht vom Publikum stürmisch gefeiert.
Publikumsbeschimpfung zum Schluss
Zusammenfassend muss man sagen, dass Frank Casdorf zu Wagners Jubiläumsjahr beileibe keinen Jahrhundertring abgeliefert hat, sondern eher einen bescheidenen Jahresring. Er machte zwar seinem Ruf als Werkzertrümmerer alle Ehre, dafür musste er aber allzu oft tief in die Klischee-Kiste greifen. Seiner Inszenierung fehlt die grosse durchgängige Idee, das angekündigte Ölthema wird nicht ausgearbeitet und wirkte zeitweise nur banal. Ein paar nette Gags, ein paar beeindruckende Videoperspektiven, aber kein ernst gemeintes einigendes Konzept. Das ist für Bayreuth zu wenig.
Zum Schluss kam es noch - zum ersehnten? - Eklat. Als Castorf nach der Götterdämmerung mit seinem Team zum ersten Mal vor das Publikum trat, wurde er mit vereinzelten Bravorufen, zumeist aber mit wütenden Buhrufen empfangen. Er blieb einige Momente fast regungslos stehen, was stilvoll anmutete. Aber dann begann er zu gestikulieren, tippte sich mit den Fingern ans Hirn und provozierte mit allerhand weiteren unartigen Gesten das Publikum. Schliesslich ging er, nach geschlagenen zehn Minuten, ohne Verbeugung ab.
Ob Castorfs Ring, wie eigentlich geplant, bis zum Jahr 2018 auf dem Bayreuther Spielplan bleiben wird, ist nach dieser Vorstellung zumindest fraglich.
Frank Casdorf wird zu den Vertretern des Regietheaters gezählt. Ihm wurde kurzfristig von den beiden Bayreuther Intendantinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier die Inszenierung der Tetralogie "Der Ring der Nibelungen" anvertraut, nachdem vorher schon die Regisseure Tom Tykwer und Wim Wenders abgesagt hatten. Castorf hatte angeblich nur 30 Tage Zeit für seine Interpretation eines Werkes, wofür Richard Wagner sich 30 Jahre abmühte. Castorf, hauptamtlich Chef der Berliner Volksbühne, ist bekannt als "Stückezertrümmerer". Das scheint ihm auch beim Ring gelungen zu sein.
Obskure Orte, perfide Personen
Wagners Kosmos im Ring besteht gewissermassen aus drei Abteilungen: der Götterwelt, der Menschenwelt und der Unterwelt. Sie sind bestückt mit Göttern, Menschen, Riesen, Nixen und Zwergen, welche miteinander an den verschiedensten Orten agieren. Die wichtigste "Requisite" ist der Ring, welcher aus dem Gold des Rheins geschmiedet wurde und der seinem Besitzer unbegrenzte Macht verleiht, der aber gleichzeitig mit einem argen Fluch belegt ist.
Castorfs Grundidee ist es, das Gold durch Erdöl zu ersetzen, was aber leider nur unzulänglich gelungen ist. So spielt das Rheingold in Texas an der "Route 66". Die Rheintöchter sind drei laszive blonde Miezen, die gelangweilt am Pool eines miesen Motels herumlungern und ihre Spitzenhöschen auf eine Wäschespinne hängen. Der Göttervater Wotan ist ein zwielichtiger Pate in rosa Anzug und Goldkettchen. Er hurt herum und wird nur zärtlich, wenn er mit der Hand über seinen silbernen Mercedes streicht. Der Zwerg Alberich erscheint als schmieriger Mafiosi, sein Bruder Mime schwenkt immerzu - warum eigentlich? - die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung. Auf dem Dach des Motels hat Castorf eine Videoleinwand aufstellen lassen, auf der Live-Bilder des Bühnengeschehens zu sehen sind. Wie im Fussballstadion! Der Brudermord des Riesen Fafner an Fasolt wird in Grossaufnahme zelebriert.
Die Walküre spielt auf einem Ölfeld in Aserbaidschan. Die Kulisse ist ein schäbiger Förderturm auf einer Drehbühne. Nach der Liebesnacht zwischen Siegmund und Sieglinde - bei welcher der spätere Held Siegfried gezeugt wird - lässt Castorf auf einer Leinwand einen historischen Schwarzweissfilm mit einer gelungenen Ölbohrung abspulen. Bei einem Gasunfall werden einige "Helden der Arbeit" getötet, die sodann von den acht Walküren bei ihrem wohlbekannten Walkürenritt eingesammelt werden. Hojotoho! Da sich Brünnhilde der Forderung ihre Göttervaters Wotan widersetzt hat, wird sie zur Strafe auf dem Ölfeld in Arrest gelegt. Neben ihr brennt, zur Bewachung, ein Ölfass.
Das Bühnenbild im Siegfried ist janusköpfig. Vorne zeigt es eine Abwandlung des Mount- Rushmore-Monuments mit Marx, Lenin, Stalin und Mao, das der Anarchist Siegfried gerade mit dem Hammer bearbeitet. Danach dreht sich die Bühne in die Gegenwart und Berlin, Alexanderplatz mit seinen U- und S- Bahnstationen erscheinen. Siegfried schmiedet nicht, wie von Wagner vorgegeben, die Trümmer des Schwerts Nothung zusammen, sondern packt praktischerweise zwei fabrikneue Kalaschnikows aus. Mit einer lautstarken MP-Salve streckt er den Schalterbeamten (alias Drachen) Fafner in einem U-Bahnschacht nieder, was angeblich einen Zuschauer in der 20. Reihe in Ohnmacht fallen liess. Danach kriechen zwei Riesenkrokodile über die Bühne und fressen bedauerlicherweise den so herrlich singenden Waldvogel. Inzwischen haben sich Brünnhilde und Siegfried getroffen und richten vor einem Bahnhofskiosk ihr Hochzeitsdinner aus.
In der Götterdämmerung hantieren die Schicksalsnornen im Hinterhof eines Backsteinhochhauses mit einer eisernen Feuertreppe. Die Behausung von Siegfried und Brünnhilde ist ein Wohnwagen vor dem verhüllten Reichstag. Später fallen die Tücher und die Säulenfundamente der New Yorker Börse kommen zum Vorschein, ganz nach dem Motto: Walhall ist Wall Street. Gunther, der Chef der Gibichungenfamilie weilt ebenfalls in Berlin und herrscht über die erste Dönerbude am Platze, gleich neben der Mauer. Sein Halbbruder Hagen ist Anführer einer schwarz gewandeten Schlägertruppe und erledigt später Siegfried mit dem Basballschläger. Nach diesem Mord lässt Brünnhilde die ganze Szene in einem grossen Feuer aus gestapelten Ölfässern aufgehen. Die Rheintöchter schicken den toten Siegfried mit dem Ring auf einem Schlauchboot in die ewigen Rhein-Jagdgründe.
Musikalisch und sängerisch war das Bayreuther Premierenpublikum mit dem Ring weitgehend zufrieden. Vorsorglich hatten die beiden Wagnertöchter mit Casdorf vorher vereinbart, dass er keine Änderungen an den Texten oder gar an der Musik vornehmen dürfe. Als Dirigent fungierte der Russe Kirill Petrenko, der zum ersten Mal in Bayreuth auftrat und eine makellose Leistung ablieferte. So transparent und gleichzeitig so machtvoll war der Ring auf dem Hügel selten zu hören. Die Sänger waren, bis auf wenige Ausnahmen, durchweg gut bis sehr gut. Leider konnte Lance Ryan als Siegfried das "Bellen" in der Mittellage nicht ganz unterdrücken und der Koreaner Attila Jun als Hagen presste und drückte so stark, dass er mitunter schwer zu verstehen war. Geradezu fulminant aber sangen Anja Kampe als Sieglinde und Johan Bothe als Siegmund. Sie wurden zu Recht vom Publikum stürmisch gefeiert.
Publikumsbeschimpfung zum Schluss
Zusammenfassend muss man sagen, dass Frank Casdorf zu Wagners Jubiläumsjahr beileibe keinen Jahrhundertring abgeliefert hat, sondern eher einen bescheidenen Jahresring. Er machte zwar seinem Ruf als Werkzertrümmerer alle Ehre, dafür musste er aber allzu oft tief in die Klischee-Kiste greifen. Seiner Inszenierung fehlt die grosse durchgängige Idee, das angekündigte Ölthema wird nicht ausgearbeitet und wirkte zeitweise nur banal. Ein paar nette Gags, ein paar beeindruckende Videoperspektiven, aber kein ernst gemeintes einigendes Konzept. Das ist für Bayreuth zu wenig.
Zum Schluss kam es noch - zum ersehnten? - Eklat. Als Castorf nach der Götterdämmerung mit seinem Team zum ersten Mal vor das Publikum trat, wurde er mit vereinzelten Bravorufen, zumeist aber mit wütenden Buhrufen empfangen. Er blieb einige Momente fast regungslos stehen, was stilvoll anmutete. Aber dann begann er zu gestikulieren, tippte sich mit den Fingern ans Hirn und provozierte mit allerhand weiteren unartigen Gesten das Publikum. Schliesslich ging er, nach geschlagenen zehn Minuten, ohne Verbeugung ab.
Ob Castorfs Ring, wie eigentlich geplant, bis zum Jahr 2018 auf dem Bayreuther Spielplan bleiben wird, ist nach dieser Vorstellung zumindest fraglich.
Samstag, 27. Juli 2013
Durch wieviele Hände ging der Ring der Nibelungen?
Sommerzeit ist Festspielzeit, beispielsweise in Bayreuth. Jeweils von der letzten Juliwoche bis zur letzten Augustwoche werden dort Wagner-Opern en suite gespielt. Tickets sind schwer zu bekommen, die vier Opern des "Ring der Nibelungen" gibt es nur im Paket. Für einen Parterresitz in der 10. Reihe (5 Reihen hinter Merkel!) löhnt man die beträchtliche Geldsumme von rd. 1.000 Euro. Und wenn man die holde Gattin (oder die süsse Freundin) einlädt, dann sind es schon 2.000 Euro. Hinzu kommen noch locker 1.000 Euro an Hotelkosten. Demgegenüber ist allerdings im Restaurant des Festspielhauses ein Brötchen mit zwei schmackhaften fränkischen Bratwürsten schon für 2,50 Euro zu haben und das Pils kostet blosse 3 Euro.
Beträchtlich teurer ist schon wieder das buchförmige Theaterprogramm mit dem Inhalt der verschiedenen Stücke. Hier setzt meine Hilfestellung als Blogger ein. Quasi als Entschädigung dafür, dass meine Leser ein ganzes Jahr lang meine Blogs zu verschiedenen Themen ertragen haben, möchte ich mit diesem Post eine Kurzfassung des "Rings" anbieten. Die etwas verworrene Geschichte des Goldraubs wird verständlich dargestellt und die verschiedenen Gauner, welche sich des daraus geschmiedeten Rings bemächtigt haben, werden namentlich identifiziert. Ich empfehle Ihnen also, liebe Leser, auf das teure Programm der Katharina Wagner zu verzichten und einen print-out meines Kurzblogs in den Theatersaal zu schmuggeln.
Das Rheingold
Die Story beginnt in archaischer Zeit, als der Rhein noch nicht durch die Abwässer der Chemiefirmen Roche, BASF und Hoechst versaut war, sondern das Flussbett sich in purem Gold darbot. Dieser Schatz sollte durch die drei Rheintöchter bewacht werden, die aber ihre Pflichten nur liederlich wahrnahmen. Alberich, dem Anführer des Zwergenreiches, gelang es das Gold zu rauben, sein Bruder Mime schmiedete daraus einen Ring, mit dessen Hilfe man zu unbeschränkter Macht kommen konnte - sofern man der Liebe entsagte.
Alberich war also der erste Besitzer des Nibelungenrings, nennen wir ihn, nach mathematischer Logik, Alberich (1). Lange konnte er sich daran nicht erfreuen, denn Gottvater Wotan brauchte Geld für seine Burg Walhall und raubte ihm mit brachialer Gewalt den kurz vorher geschmiedeten Ring. Also: Wotan (2). Wotan reichte den Ring, gezwungenermassen, an den monströsen Bauunternehmer Fasolt weiter - Fasolt (3). Der allerdings, konnte sich nur kurze Zeit daran erfreuen, denn sein ähnlich ungeschlachter Bruder Fafner erschlug ihn, streifte sich den Ring über und entschwand als Fafner (4).
Die Walküre
Nach diesem turbulenten Auftakt liess es Wagner in der zweiten Ringoper, der Walküre, ruhiger angehen. Der Ring spielt darin keine Rolle, wir müssen annehmen, dass er noch am Finger des Brudermörders Fafner steckt. Stattdessen verwöhnt Wagner sein Publikum mit dem Walkürenritt, viel Hojotoho und mit einer drallen Dirn, namens Brünhilde.
Siegfried
In der dritten Oper, dem Siegfried, geht es wieder zur Sache. Wir begegnen erstmals diesem inzestiösen, aber kraftvollen Götterprodukt Siegfried beim Schmieden seines Schwertes Nothung. Er kann es brauchen, denn bald darauf trifft er im dunklen Tann auf einen schröcklichen Drachen, hinter dem sich niemand anders verbirgt als der Baumeisterriese Fafner, den wir schon aus dem Rheingold in schlechter Erinnerung haben. Mittels des ebenfalls geraubten Tarnhelms hat er sich in einen Drachen (beziehungsweise Lindwurm) verwandelt und bewacht nun, quasi als Fafner/Drache (4), das geraubte Gold samt Ring. Wie nicht anders zu erwarten, erschlägt Jungheld Siegfried mit seinem Superschwert Nothung den Drachen, und steckt sich - als Siegfried (5) - den Ring über, ohne allerdings seine mythologische Bedeutung zu erkennen. Unter ornithologischer Leitung des Waldvogels gelangt Siegfried zum Walkürefelsen, findet dort Brünhilde, wo aber ein Ringaustausch (noch nicht) stattfindet.
Götterdämmerung
Das geschieht im Vorspiel der vierten Ringoper, der Götterdämmerung. Noch während die Nornen am Weltfaden spinnen, und berauscht von der Liebesnacht mit Brünhilde, steckt Siegfried der Walküre den Ring an und verzichtet damit auf dessen Macht. Brünhilde (6) ist nun also Besitzerin des Nibelungenrings und Siegfried begibt sich auf eine längere Rheinfahrt.
Bei der Gibichungenhalle, einem Herrschersitz am Rhein, legt er einen Stopp ein und verliebt sich (dank eines Zaubertranks) in Gutrune, die Schwester des Burgherrn Gunther. Dieser möchte seinerseits Brünhilde heiraten und Siegfried sagt zu, bei diesem Unternehmen zu helfen. Mit dem Tarnhelm verwandelt er sich in Gunther, bezwingt Brünhilde und entreisst ihr den Ring. Siegfried wird dadurch zum zweiten Mal sein Besitzer als Siegfried (7).
Bald darauf fliegt die Chose auf, es kommt zu ernsthaften Zerwürfnissen im Hause der Gibichungen und der düstere Hagen tötet Siegfried mit seinem Speer hinterrücks bei einem Jagdausflug. Auf einem Scheiterhaufen verbrennt sich Brünhilde mit dem toten Siegfried, wobei die Flammen bald auf Gibichungen und sogar die Götterburg Walhall übergreifen. Schliesslich tritt der Rhein aus seinem Bett und überflutet die Reste. Die Rheintöchter tauchen wieder auf, holen sich aus der Asche den Nibelungenring zurück und bringen ihn wieder - als Rheintöchter (8) - zum Grunde des Stroms.
Alle, die den Ring unrechtmässigerweise besassen, sind zu Tode gekommen. Die Herrschaft der Götter ist ebenfalls zu Ende gekommen. Zurück bleiben die Menschen, die sich ein weiteres Mal um die freie und hehre Liebe bemühen können.
Aber, die Zukunft ist offen.
Beträchtlich teurer ist schon wieder das buchförmige Theaterprogramm mit dem Inhalt der verschiedenen Stücke. Hier setzt meine Hilfestellung als Blogger ein. Quasi als Entschädigung dafür, dass meine Leser ein ganzes Jahr lang meine Blogs zu verschiedenen Themen ertragen haben, möchte ich mit diesem Post eine Kurzfassung des "Rings" anbieten. Die etwas verworrene Geschichte des Goldraubs wird verständlich dargestellt und die verschiedenen Gauner, welche sich des daraus geschmiedeten Rings bemächtigt haben, werden namentlich identifiziert. Ich empfehle Ihnen also, liebe Leser, auf das teure Programm der Katharina Wagner zu verzichten und einen print-out meines Kurzblogs in den Theatersaal zu schmuggeln.
Das Rheingold
Die Story beginnt in archaischer Zeit, als der Rhein noch nicht durch die Abwässer der Chemiefirmen Roche, BASF und Hoechst versaut war, sondern das Flussbett sich in purem Gold darbot. Dieser Schatz sollte durch die drei Rheintöchter bewacht werden, die aber ihre Pflichten nur liederlich wahrnahmen. Alberich, dem Anführer des Zwergenreiches, gelang es das Gold zu rauben, sein Bruder Mime schmiedete daraus einen Ring, mit dessen Hilfe man zu unbeschränkter Macht kommen konnte - sofern man der Liebe entsagte.
Alberich war also der erste Besitzer des Nibelungenrings, nennen wir ihn, nach mathematischer Logik, Alberich (1). Lange konnte er sich daran nicht erfreuen, denn Gottvater Wotan brauchte Geld für seine Burg Walhall und raubte ihm mit brachialer Gewalt den kurz vorher geschmiedeten Ring. Also: Wotan (2). Wotan reichte den Ring, gezwungenermassen, an den monströsen Bauunternehmer Fasolt weiter - Fasolt (3). Der allerdings, konnte sich nur kurze Zeit daran erfreuen, denn sein ähnlich ungeschlachter Bruder Fafner erschlug ihn, streifte sich den Ring über und entschwand als Fafner (4).
Die Walküre
Nach diesem turbulenten Auftakt liess es Wagner in der zweiten Ringoper, der Walküre, ruhiger angehen. Der Ring spielt darin keine Rolle, wir müssen annehmen, dass er noch am Finger des Brudermörders Fafner steckt. Stattdessen verwöhnt Wagner sein Publikum mit dem Walkürenritt, viel Hojotoho und mit einer drallen Dirn, namens Brünhilde.
Siegfried
In der dritten Oper, dem Siegfried, geht es wieder zur Sache. Wir begegnen erstmals diesem inzestiösen, aber kraftvollen Götterprodukt Siegfried beim Schmieden seines Schwertes Nothung. Er kann es brauchen, denn bald darauf trifft er im dunklen Tann auf einen schröcklichen Drachen, hinter dem sich niemand anders verbirgt als der Baumeisterriese Fafner, den wir schon aus dem Rheingold in schlechter Erinnerung haben. Mittels des ebenfalls geraubten Tarnhelms hat er sich in einen Drachen (beziehungsweise Lindwurm) verwandelt und bewacht nun, quasi als Fafner/Drache (4), das geraubte Gold samt Ring. Wie nicht anders zu erwarten, erschlägt Jungheld Siegfried mit seinem Superschwert Nothung den Drachen, und steckt sich - als Siegfried (5) - den Ring über, ohne allerdings seine mythologische Bedeutung zu erkennen. Unter ornithologischer Leitung des Waldvogels gelangt Siegfried zum Walkürefelsen, findet dort Brünhilde, wo aber ein Ringaustausch (noch nicht) stattfindet.
Götterdämmerung
Das geschieht im Vorspiel der vierten Ringoper, der Götterdämmerung. Noch während die Nornen am Weltfaden spinnen, und berauscht von der Liebesnacht mit Brünhilde, steckt Siegfried der Walküre den Ring an und verzichtet damit auf dessen Macht. Brünhilde (6) ist nun also Besitzerin des Nibelungenrings und Siegfried begibt sich auf eine längere Rheinfahrt.
Bei der Gibichungenhalle, einem Herrschersitz am Rhein, legt er einen Stopp ein und verliebt sich (dank eines Zaubertranks) in Gutrune, die Schwester des Burgherrn Gunther. Dieser möchte seinerseits Brünhilde heiraten und Siegfried sagt zu, bei diesem Unternehmen zu helfen. Mit dem Tarnhelm verwandelt er sich in Gunther, bezwingt Brünhilde und entreisst ihr den Ring. Siegfried wird dadurch zum zweiten Mal sein Besitzer als Siegfried (7).
Bald darauf fliegt die Chose auf, es kommt zu ernsthaften Zerwürfnissen im Hause der Gibichungen und der düstere Hagen tötet Siegfried mit seinem Speer hinterrücks bei einem Jagdausflug. Auf einem Scheiterhaufen verbrennt sich Brünhilde mit dem toten Siegfried, wobei die Flammen bald auf Gibichungen und sogar die Götterburg Walhall übergreifen. Schliesslich tritt der Rhein aus seinem Bett und überflutet die Reste. Die Rheintöchter tauchen wieder auf, holen sich aus der Asche den Nibelungenring zurück und bringen ihn wieder - als Rheintöchter (8) - zum Grunde des Stroms.
Alle, die den Ring unrechtmässigerweise besassen, sind zu Tode gekommen. Die Herrschaft der Götter ist ebenfalls zu Ende gekommen. Zurück bleiben die Menschen, die sich ein weiteres Mal um die freie und hehre Liebe bemühen können.
Aber, die Zukunft ist offen.
Sonntag, 21. Juli 2013
Wie Jean Paul zum Doktor promovierte
Als Johann Paul Friedrich Richter - alias Jean Paul - das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, siedelte er mit seiner Frau Karoline und seinen Kindern Emma und Max in die oberfränkische Stadt Bayreuth über. Dort blieb er, von verschiedenen Kurzreisen abgesehen, bis zu seinem Tod im Jahr 1822. Seine Romane Unsichtbare Loge (darin: Schulmeisterlein Wutz), Siebenkäs, Palingenesien und Titan fanden ein interessiertes Publikum, der Hesperus machte ihn berühmt und wohlhabend. Des weiteren sollten in Bayreuth noch die Werke Dr. Katzenbergers Badereise, Flegeljahre, Levana, Schmelzle und der Komet entstehen.
Die häusliche Arbeit in der Umgebung der Familie war nicht Jean Pauls Sache. Der Dichter erledigte die Romanschreiberei im Gasthaus "Rollwenzel" am Stadtrand von Bayreuth, wo ihm die Wirtin gleichen Namens im Obergeschoss ein Zimmer zur Verfügung stellte und dazu jede Menge von dem braunen, fränkischen Bier, das ihr Gast so liebte. Jeden Tag verliess (der schon etwas dicklich gewordene) Schriftsteller mit Knotenstock, Ranzen und Hund sein Haus und wanderte festen Schritts hinaus in seine Einsiedelei. Frau Karoline sah dies mit leichtem Unwillen, konnte aber "ihrem Hagestolz" diese Routine nicht abgewöhnen. Als sie sich einmal bei ihren Vater in Berlin darüber beklagte, schrieb ihr dieser trocken zurück, sie solle dem Schicksal dankbar sein, so einen berühmten Ehemann ergattert zu haben. Diese Bürgermoral der damaligen Zeit trifft Goethe ziemlich genau in seinen Roman Hermann und Dorothea, wenn er dort feststellt: Dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Bestimmung. Und in einem Bonmot von Jean Paul selbst heisst es: Wenn eine Frau liebt, dann liebt sie in einem fort; ein Mann jedoch hat dazwischen zu tun.
Promotion bei Palaver und Punsch
In den späteren Jahren pflegte Jean Paul während der Sommerzeit jeweils Reisen in benachbarte deutsche Städte zu unternehmen. So besuchte er Bamberg, Erlangen, Nürnberg und Frankfurt, wobei er seiner Ehefrau jeweils einen Zettel hinterliess, worauf vermerkt war, was sie in gewissen Gefahrensituationen zu tun habe. Punkt zwei dieser Aufzählung lautete: "Bei Feuer sind zuerst die schwarzeingebundenen Buchexzerpte zu retten".
Im Jahr 1818 führte ihn eine Reise nach Heidelberg, wo er den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel kennenlernte. Dieser war vorher Rektor am Nürnberger Egidien-Gymnasium gewesen, wo er Philosophie, Germanistik und Mathematik (!) unterrichtete. Inzwischen war er von der Universität Heidelberg auf deren Lehrstuhl für Philosophie berufen worden. Hegel gilt heute noch als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus. Seine Philosophie erhebt den Anspruch die gesamte Wirklichkeit zusammenhängend, systematisch und logisch zu deuten.
An einem lauschigen Sommerabend veranstaltete die Universität ein Treffen einiger ihrer Honoratioren, zu dem auch Hegel und der besuchsweise weilende Jean Paul geladen waren. Der gereichte Punsch lockerte die Stimmung auf und so wagte ein Pfarrer Hegel aufzufordern, seine philosophischen Vorstellungen einmal so zu artikulieren, dass sie auch für die Mädchen seiner Gemeinde verständlich seien. Hegel wand sich, brachte nichts Nennenswertes zustande und deutete schliesslich auf Jean Paul, wobei er sagte: "Der kann es." Und in der Tat, unser Schriftsteller explorierte die Gedanken Hegels so leichtfüssig und allgemeinverständlich, dass Hegel platt war. Spontan tat er den Ausspruch: "Jean Paul muss Doktor der Philosophie werden!"
Dabei beliess es Hegel allerdings nicht. Wenige Tage später berief er eine Fakultätssitzung ein, überzeugte seine Kollegen von den akademischen Qualitäten des Jean Paul und die Promotion (ehrenhalber) wurde einstimmig beschlossen. Die Urkunde, natürlich in Latein verfasst, erkannte dem Dichter den Titel, die Privilegien und die Rechte eines Doktors der Philosophie und der freien Künste zu. Versehen mit dem Siegel der Universität wurde das Diplom umgehend in Heidelberg der Öffentlichkeit bekanntgegeben.
Jean Paul war darauf so stolz, dass er von da an nur noch nur noch mit der Nennung seines Dr.-Titels unterschrieb. Seine Frau wies er an, die pergamentene Urkunde, welche in einer roten Kapsel steckte, in der Bayreuther Bekanntschaft fleissig herumzuzeigen.
Dichter sind eben auch nur Menschen.
Die häusliche Arbeit in der Umgebung der Familie war nicht Jean Pauls Sache. Der Dichter erledigte die Romanschreiberei im Gasthaus "Rollwenzel" am Stadtrand von Bayreuth, wo ihm die Wirtin gleichen Namens im Obergeschoss ein Zimmer zur Verfügung stellte und dazu jede Menge von dem braunen, fränkischen Bier, das ihr Gast so liebte. Jeden Tag verliess (der schon etwas dicklich gewordene) Schriftsteller mit Knotenstock, Ranzen und Hund sein Haus und wanderte festen Schritts hinaus in seine Einsiedelei. Frau Karoline sah dies mit leichtem Unwillen, konnte aber "ihrem Hagestolz" diese Routine nicht abgewöhnen. Als sie sich einmal bei ihren Vater in Berlin darüber beklagte, schrieb ihr dieser trocken zurück, sie solle dem Schicksal dankbar sein, so einen berühmten Ehemann ergattert zu haben. Diese Bürgermoral der damaligen Zeit trifft Goethe ziemlich genau in seinen Roman Hermann und Dorothea, wenn er dort feststellt: Dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Bestimmung. Und in einem Bonmot von Jean Paul selbst heisst es: Wenn eine Frau liebt, dann liebt sie in einem fort; ein Mann jedoch hat dazwischen zu tun.
Promotion bei Palaver und Punsch
In den späteren Jahren pflegte Jean Paul während der Sommerzeit jeweils Reisen in benachbarte deutsche Städte zu unternehmen. So besuchte er Bamberg, Erlangen, Nürnberg und Frankfurt, wobei er seiner Ehefrau jeweils einen Zettel hinterliess, worauf vermerkt war, was sie in gewissen Gefahrensituationen zu tun habe. Punkt zwei dieser Aufzählung lautete: "Bei Feuer sind zuerst die schwarzeingebundenen Buchexzerpte zu retten".
Im Jahr 1818 führte ihn eine Reise nach Heidelberg, wo er den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel kennenlernte. Dieser war vorher Rektor am Nürnberger Egidien-Gymnasium gewesen, wo er Philosophie, Germanistik und Mathematik (!) unterrichtete. Inzwischen war er von der Universität Heidelberg auf deren Lehrstuhl für Philosophie berufen worden. Hegel gilt heute noch als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus. Seine Philosophie erhebt den Anspruch die gesamte Wirklichkeit zusammenhängend, systematisch und logisch zu deuten.
An einem lauschigen Sommerabend veranstaltete die Universität ein Treffen einiger ihrer Honoratioren, zu dem auch Hegel und der besuchsweise weilende Jean Paul geladen waren. Der gereichte Punsch lockerte die Stimmung auf und so wagte ein Pfarrer Hegel aufzufordern, seine philosophischen Vorstellungen einmal so zu artikulieren, dass sie auch für die Mädchen seiner Gemeinde verständlich seien. Hegel wand sich, brachte nichts Nennenswertes zustande und deutete schliesslich auf Jean Paul, wobei er sagte: "Der kann es." Und in der Tat, unser Schriftsteller explorierte die Gedanken Hegels so leichtfüssig und allgemeinverständlich, dass Hegel platt war. Spontan tat er den Ausspruch: "Jean Paul muss Doktor der Philosophie werden!"
Dabei beliess es Hegel allerdings nicht. Wenige Tage später berief er eine Fakultätssitzung ein, überzeugte seine Kollegen von den akademischen Qualitäten des Jean Paul und die Promotion (ehrenhalber) wurde einstimmig beschlossen. Die Urkunde, natürlich in Latein verfasst, erkannte dem Dichter den Titel, die Privilegien und die Rechte eines Doktors der Philosophie und der freien Künste zu. Versehen mit dem Siegel der Universität wurde das Diplom umgehend in Heidelberg der Öffentlichkeit bekanntgegeben.
Jean Paul war darauf so stolz, dass er von da an nur noch nur noch mit der Nennung seines Dr.-Titels unterschrieb. Seine Frau wies er an, die pergamentene Urkunde, welche in einer roten Kapsel steckte, in der Bayreuther Bekanntschaft fleissig herumzuzeigen.
Dichter sind eben auch nur Menschen.
Mittwoch, 10. Juli 2013
KIT: Warten auf Hanselka
Hanselka ante portas
Die Verweildauer der Präsidenten beim KIT - dem Zusammenschluss zwischen der Technischen Universität und dem Forschungszentrum - ist erstaunlich kurz. Seit der offiziellen Gründung des KIT sind noch nicht einmal vier Jahre vergangen; in dieser kurzen Zeitspanne wurden jedoch bereits zwei Präsidenten "verbraucht". Im Vorjahr, nach dem allseits bedauerten Verlust des Elitestatus, verliess der Gründungspräsident Horst Hippler das schwankende Schiff. Vor einigen Monaten hat sein zeitweiliger Co-Präsident, Eberhard Umbach, seinen Abgang in den Ruhestand angekündigt. Die Diskussionen im Aufsichtsrat, insbesondere mit dem Daimler-Boss Dieter Zetsche, sollen nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen sein. Turnusgemäss laufen auch die Verträge der beiden Vizepräsidenten (Löhe, Fritz) für die Forschung aus, die aber gegen ihre Wiederberufung nicht intervenieren würden.
Den obersten Chef, den neuen Präsidenten, scheint man jetzt gefunden zu haben - auch wenn noch nicht alle Gremien zugestimmt haben. Es ist Professor Dr. Holger Hanselka und gerüchteweise wurde bekannt, dass er der einzige ernsthafte Kandidat war. Die regionale Monopolzeitung hatte sich "einen Nobelpreisträger mit Managererfahrung" gewünscht, damit aber wohl etwas zu hoch gegriffen. Immerhin ist Hanselka, 51 Jahre alt, derzeit Vizepräsident der Technischen Universität Darmstadt und gleichzeitig Direktor des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit. Hier dirigiert er etwa 300 Mitarbeiter; beim KIT wird er 9.000 Mitarbeiter und 24.000 Studenten vorfinden. Die Aufsichtsrätin Renate Schubert erwartet vom Kandidaten, "dass er das KIT für die nächsten Jahrzehnte national und international hervorragend positionieren wird".
Hanselka ist Maschinenbauer und im Falle seiner Berufung würden ihm Vizepräsident Wanner und die beiden vorgenannten VP aus der gleichen Fakultät zur Seite stehen. Die Kernbereiche Lehre und Forschung werden zukünftig bei KIT also von vier Maschinenbauern wahrgenommen. Das frühere Übergewicht der Physiker im Vorstand ist damit gebrochen. Mit einer Ausnahme: VP Dr. Ulrich Breuer ist Physiker, steht aber im KIT dem Ressort Wirtschaft und Finanzen vor. Und um keine Genderprobleme aufkommen zu lassen, versieht Frau Dr. Elke Luise Barnstedt den Bereich Personal und Recht.
Unsichere Finanzen
Seit dem Wegfall der Zuschussgelder aus der Exzellenzinitiative plagen das KIT heftige Geldsorgen. Sie scheinen an der früheren Uni (Campus Süd) prekärer zu sein, als am Forschungszentrum FZK (Campus Nord). Insgeheim monieren die Zentrumsleute, "dass die Uni das KIT finanziell herunterzieht". An der Uni meinen manche, "dass die FZK das Geld nachgeworfen bekommt". Problematisch für die Buchhaltung ist, dass die Geldströme für die beiden Partner immer noch nicht vermengt werden dürfen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Uni eigentlich "pleite" sei und deshalb "verschlankt" werden musste. Das wird vom zuständigen Finanzchef Breuer zurückgewiesen. Er definiert als sein Finanzziel "die rote Null". Zugeben muss er allerdings, das die Uni seit Jahren ein Minus von zehn Millionen Euro mitschleppt. So passiert es leider, dass Studierende oft erst nach einem halben Jahr ihr Zeugnis bekommen, weil die Verwaltung "magersüchtig" geworden ist.
Beim Campus Nord, der über ein Jahresbasisbudget von 270 Millionen Euro verfügt und zu 90 Prozent aus Bundesmitteln finanziert wird, ist im kommenden Jahr eine umfassende Überprüfung angesagt. Alle 13 Grossforschungsprogramme, von der Astrophysik über die Klimaforschung bis zur Technikfolgenabschätzung stehen auf dem Prüfstand. Als Ergebnis dieser Evaluierungen kann sich ein Einnahmeplus von 3 Prozent ergeben - aber auch ein Minus von 5 Prozent (entsprechend 13,5 Millionen Euro) ist drin.
Von Seiten des Wissenschaftsministeriums in Stuttgart wird kritisiert, das zu wenige Forscher des FZK an der Uni Vorlesungen und Übungen halten. Dies will man zukünftig verbessern, indem man als Anreiz den "KIT-Professor" einführt. Die Verleihung dieses internen Titels soll der Kooperation zwischen Nord und Süd mehr Schwung verleihen. Vorläufig sind 30 KIT-Professuren vorgesehen, die der Uni kapazitätsneutral nicht auf den üblichen Dozenten-Studenten-Schlüssel angerechnet werden. Ein Ansturm von Kandidaten ist bei dieser Initiative nicht zu erwarten, da diesem (betriebsinternen) Professortitel ein Hauch von "Schmalspurigkeit" anhängt.
Die Kernforschung wird ausgehungert
Im Zeichen des Atomausstiegs geht es der Kernforschung im FZK schlecht. Immer weniger wird in diesem Bereich investiert und während der letzten eineinhalb Jahren mussten auf Betreiben der grün-roten Landesregierung sogar 22 Planstellen gestrichen werden. Diese Mitarbeiter sind nun bei anderen Forschungsgebieten eingesetzt und kommen wohl nicht mehr zurück. Derzeit sind am KIT noch 120 Wissenschaftler in der Kernforschung tätig, davon 90 im Bereich der Entsorgung und 30 bei der Reaktorsicherheit. Das wissenschaftlich hochinteressante Thema Transmutation wird - wegen seiner Nähe zu den Generation IV-Reaktoren - von den Kernenergiegegnern kritisch beäugt und ist der Öffentlichkeit kaum noch zu vermitteln.
Auch die deutschen Energieversorger haben ihr Interesse an der Kernforschung verloren, was wegen der Ausstiegsvorgaben der Politik nicht verwundern sollte. Damit entfallen aber gleichzeitig erhebliche Drittmittel. Auch vor der Bewertung ausländischer Kernkraftwerke (wie Fessenheim) schreckt man aus diplomatischen Gründen zurück. Lediglich auf den Gebieten des Rückbaus nuklearer Anlagen sowie der Entsorgung werden in Zukunft in Deutschland noch (Strahlenschutz-) Wissenschaftler und Techniker benötigt. Ihre Zahl ist jedoch überschaubar und so verwundert es nicht, dass die Anzahl der Studierenden an den deutschen Hochschulen mit Schwerpunkt Kerntechnik von Jahr zu Jahr absinkt.
Lage, Lage, Lage...
...heisst es im Immobiliensektor. An diese alte Spruchweisheit hat man sich wohl nicht erinnert, als der Bau der Kantine Nord vor Jahren beschlossen wurde. Dieser Neubau liegt wie ein Riegel vor dem (immer noch) attraktiven Verwaltungshochhaus und nimmt diesem viel von seiner architektonischen Wirkung. Darüber hinaus musste das kleine anliegende Wäldchen arg dezimiert werden, und lädt so kaum mehr zum Schlendern ein. Wenn die Kantine einmal in Betrieb ist, werden ihre Essensdüfte die Bewohner des Zentralgebäudes schon Stunden vorher über die jeweilige Speisenkarte des Küchenchefs informieren. Als grosses Problem wird auch die Parkplatzsituation gesehen; zum Glück ist hier das Präsidium mit gleich zehn Stellplätzen komfortabel ausgestattet.
Ein Problem sieht der Personalrat herankommen, wenn demnächst die neuen Zutrittsvorschriften zum FZK für Externe und Rentner in Kraft gesetzt werden. Um diesen das Essen im Zentrumsbereich zu ermöglichen, werden derzeit verschiedene Varianten diskutiert. Eine Variante verlegt den Aussenzaun um die neue Kantine herum, sodass sich diese ausserhalb des Geländes befindet. In einer anderen Variante erhält die alte Kantine einen Gästeraum, zu dem das Essen aus der neuen Kantine angefahren wird. Das bedeutet zwar zusätzliche Arbeitskräfte, aber der Nachteil der neuen Kantine- sie hat weniger(!) Essensplätze als die alte - könnte damit ausgeglichen werden.
Ahnenforschung
Jahrzehntelang war die Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen sehr stolz auf ihr Wappen. Es zeigt ein Hufeisen und das Atomsymbol auf einem Schild und repräsentiert damit die alte und die neue Zeit. Nun haben 800 Bürger in einer Unterschriftsliste verlangt, das Atomsymbol - im Zeichen der Energiewende - wieder durch das alte Wappensymbol "Ruderer mit Ruderboot" zu ersetzen. In einer Gemeinderatssitzung wurde darüber temperamentvoll diskutiert. Man kam zu keinem Beschluss, aber das Thema ist damit noch nicht ad acta gelegt.
Auch das KIT lässt seine Geschichte aufarbeiten. Vorläufig aber nur die des ehemaligen Kernforschungszentrums. Der Archivleiter des Forschungszentrums Jülich, Bernd Rusinek, erhielt den Auftrag, die eventuellen NS-Verstrickungen von Personen im FZK aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Geschäftsführer Rudolf Greifeld, der während des 2. Weltkriegs in der Kommandatur des besetzten Paris tätig war. Für seine Verdienste um die Zusammenarbeit mit der ehemaligen Technischen Hochschule Karlsruhe erhielt er die Ehrensenatorwürde. Greifeld ist 1984 verstorben.
Die genannte Recherche soll bis Oktober 2014 vorliegen. Es steht zu hoffen, dass anschliessend auch einige Koryphäen des Uni-Bereichs unter die Lupe genommen werden. Zum Beispiel der Ehrensenator Carl Wurster mit seinen Verbindungen zu der Zyklon B-Firma Degesch/ Auschwitz sowie Professor Fritz Haber, der sich im 1. Weltkrieg gerne als "Vater des Giftgases" bezeichnen liess.
Die Verweildauer der Präsidenten beim KIT - dem Zusammenschluss zwischen der Technischen Universität und dem Forschungszentrum - ist erstaunlich kurz. Seit der offiziellen Gründung des KIT sind noch nicht einmal vier Jahre vergangen; in dieser kurzen Zeitspanne wurden jedoch bereits zwei Präsidenten "verbraucht". Im Vorjahr, nach dem allseits bedauerten Verlust des Elitestatus, verliess der Gründungspräsident Horst Hippler das schwankende Schiff. Vor einigen Monaten hat sein zeitweiliger Co-Präsident, Eberhard Umbach, seinen Abgang in den Ruhestand angekündigt. Die Diskussionen im Aufsichtsrat, insbesondere mit dem Daimler-Boss Dieter Zetsche, sollen nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen sein. Turnusgemäss laufen auch die Verträge der beiden Vizepräsidenten (Löhe, Fritz) für die Forschung aus, die aber gegen ihre Wiederberufung nicht intervenieren würden.
Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka
Den obersten Chef, den neuen Präsidenten, scheint man jetzt gefunden zu haben - auch wenn noch nicht alle Gremien zugestimmt haben. Es ist Professor Dr. Holger Hanselka und gerüchteweise wurde bekannt, dass er der einzige ernsthafte Kandidat war. Die regionale Monopolzeitung hatte sich "einen Nobelpreisträger mit Managererfahrung" gewünscht, damit aber wohl etwas zu hoch gegriffen. Immerhin ist Hanselka, 51 Jahre alt, derzeit Vizepräsident der Technischen Universität Darmstadt und gleichzeitig Direktor des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit. Hier dirigiert er etwa 300 Mitarbeiter; beim KIT wird er 9.000 Mitarbeiter und 24.000 Studenten vorfinden. Die Aufsichtsrätin Renate Schubert erwartet vom Kandidaten, "dass er das KIT für die nächsten Jahrzehnte national und international hervorragend positionieren wird".
Hanselka ist Maschinenbauer und im Falle seiner Berufung würden ihm Vizepräsident Wanner und die beiden vorgenannten VP aus der gleichen Fakultät zur Seite stehen. Die Kernbereiche Lehre und Forschung werden zukünftig bei KIT also von vier Maschinenbauern wahrgenommen. Das frühere Übergewicht der Physiker im Vorstand ist damit gebrochen. Mit einer Ausnahme: VP Dr. Ulrich Breuer ist Physiker, steht aber im KIT dem Ressort Wirtschaft und Finanzen vor. Und um keine Genderprobleme aufkommen zu lassen, versieht Frau Dr. Elke Luise Barnstedt den Bereich Personal und Recht.
Unsichere Finanzen
Seit dem Wegfall der Zuschussgelder aus der Exzellenzinitiative plagen das KIT heftige Geldsorgen. Sie scheinen an der früheren Uni (Campus Süd) prekärer zu sein, als am Forschungszentrum FZK (Campus Nord). Insgeheim monieren die Zentrumsleute, "dass die Uni das KIT finanziell herunterzieht". An der Uni meinen manche, "dass die FZK das Geld nachgeworfen bekommt". Problematisch für die Buchhaltung ist, dass die Geldströme für die beiden Partner immer noch nicht vermengt werden dürfen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Uni eigentlich "pleite" sei und deshalb "verschlankt" werden musste. Das wird vom zuständigen Finanzchef Breuer zurückgewiesen. Er definiert als sein Finanzziel "die rote Null". Zugeben muss er allerdings, das die Uni seit Jahren ein Minus von zehn Millionen Euro mitschleppt. So passiert es leider, dass Studierende oft erst nach einem halben Jahr ihr Zeugnis bekommen, weil die Verwaltung "magersüchtig" geworden ist.
Beim Campus Nord, der über ein Jahresbasisbudget von 270 Millionen Euro verfügt und zu 90 Prozent aus Bundesmitteln finanziert wird, ist im kommenden Jahr eine umfassende Überprüfung angesagt. Alle 13 Grossforschungsprogramme, von der Astrophysik über die Klimaforschung bis zur Technikfolgenabschätzung stehen auf dem Prüfstand. Als Ergebnis dieser Evaluierungen kann sich ein Einnahmeplus von 3 Prozent ergeben - aber auch ein Minus von 5 Prozent (entsprechend 13,5 Millionen Euro) ist drin.
Von Seiten des Wissenschaftsministeriums in Stuttgart wird kritisiert, das zu wenige Forscher des FZK an der Uni Vorlesungen und Übungen halten. Dies will man zukünftig verbessern, indem man als Anreiz den "KIT-Professor" einführt. Die Verleihung dieses internen Titels soll der Kooperation zwischen Nord und Süd mehr Schwung verleihen. Vorläufig sind 30 KIT-Professuren vorgesehen, die der Uni kapazitätsneutral nicht auf den üblichen Dozenten-Studenten-Schlüssel angerechnet werden. Ein Ansturm von Kandidaten ist bei dieser Initiative nicht zu erwarten, da diesem (betriebsinternen) Professortitel ein Hauch von "Schmalspurigkeit" anhängt.
Die Kernforschung wird ausgehungert
Im Zeichen des Atomausstiegs geht es der Kernforschung im FZK schlecht. Immer weniger wird in diesem Bereich investiert und während der letzten eineinhalb Jahren mussten auf Betreiben der grün-roten Landesregierung sogar 22 Planstellen gestrichen werden. Diese Mitarbeiter sind nun bei anderen Forschungsgebieten eingesetzt und kommen wohl nicht mehr zurück. Derzeit sind am KIT noch 120 Wissenschaftler in der Kernforschung tätig, davon 90 im Bereich der Entsorgung und 30 bei der Reaktorsicherheit. Das wissenschaftlich hochinteressante Thema Transmutation wird - wegen seiner Nähe zu den Generation IV-Reaktoren - von den Kernenergiegegnern kritisch beäugt und ist der Öffentlichkeit kaum noch zu vermitteln.
Auch die deutschen Energieversorger haben ihr Interesse an der Kernforschung verloren, was wegen der Ausstiegsvorgaben der Politik nicht verwundern sollte. Damit entfallen aber gleichzeitig erhebliche Drittmittel. Auch vor der Bewertung ausländischer Kernkraftwerke (wie Fessenheim) schreckt man aus diplomatischen Gründen zurück. Lediglich auf den Gebieten des Rückbaus nuklearer Anlagen sowie der Entsorgung werden in Zukunft in Deutschland noch (Strahlenschutz-) Wissenschaftler und Techniker benötigt. Ihre Zahl ist jedoch überschaubar und so verwundert es nicht, dass die Anzahl der Studierenden an den deutschen Hochschulen mit Schwerpunkt Kerntechnik von Jahr zu Jahr absinkt.
Lage, Lage, Lage...
...heisst es im Immobiliensektor. An diese alte Spruchweisheit hat man sich wohl nicht erinnert, als der Bau der Kantine Nord vor Jahren beschlossen wurde. Dieser Neubau liegt wie ein Riegel vor dem (immer noch) attraktiven Verwaltungshochhaus und nimmt diesem viel von seiner architektonischen Wirkung. Darüber hinaus musste das kleine anliegende Wäldchen arg dezimiert werden, und lädt so kaum mehr zum Schlendern ein. Wenn die Kantine einmal in Betrieb ist, werden ihre Essensdüfte die Bewohner des Zentralgebäudes schon Stunden vorher über die jeweilige Speisenkarte des Küchenchefs informieren. Als grosses Problem wird auch die Parkplatzsituation gesehen; zum Glück ist hier das Präsidium mit gleich zehn Stellplätzen komfortabel ausgestattet.
Ein Problem sieht der Personalrat herankommen, wenn demnächst die neuen Zutrittsvorschriften zum FZK für Externe und Rentner in Kraft gesetzt werden. Um diesen das Essen im Zentrumsbereich zu ermöglichen, werden derzeit verschiedene Varianten diskutiert. Eine Variante verlegt den Aussenzaun um die neue Kantine herum, sodass sich diese ausserhalb des Geländes befindet. In einer anderen Variante erhält die alte Kantine einen Gästeraum, zu dem das Essen aus der neuen Kantine angefahren wird. Das bedeutet zwar zusätzliche Arbeitskräfte, aber der Nachteil der neuen Kantine- sie hat weniger(!) Essensplätze als die alte - könnte damit ausgeglichen werden.
Ahnenforschung
Jahrzehntelang war die Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen sehr stolz auf ihr Wappen. Es zeigt ein Hufeisen und das Atomsymbol auf einem Schild und repräsentiert damit die alte und die neue Zeit. Nun haben 800 Bürger in einer Unterschriftsliste verlangt, das Atomsymbol - im Zeichen der Energiewende - wieder durch das alte Wappensymbol "Ruderer mit Ruderboot" zu ersetzen. In einer Gemeinderatssitzung wurde darüber temperamentvoll diskutiert. Man kam zu keinem Beschluss, aber das Thema ist damit noch nicht ad acta gelegt.
Das derzeitige Wappen der Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen
Auch das KIT lässt seine Geschichte aufarbeiten. Vorläufig aber nur die des ehemaligen Kernforschungszentrums. Der Archivleiter des Forschungszentrums Jülich, Bernd Rusinek, erhielt den Auftrag, die eventuellen NS-Verstrickungen von Personen im FZK aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Geschäftsführer Rudolf Greifeld, der während des 2. Weltkriegs in der Kommandatur des besetzten Paris tätig war. Für seine Verdienste um die Zusammenarbeit mit der ehemaligen Technischen Hochschule Karlsruhe erhielt er die Ehrensenatorwürde. Greifeld ist 1984 verstorben.
Die genannte Recherche soll bis Oktober 2014 vorliegen. Es steht zu hoffen, dass anschliessend auch einige Koryphäen des Uni-Bereichs unter die Lupe genommen werden. Zum Beispiel der Ehrensenator Carl Wurster mit seinen Verbindungen zu der Zyklon B-Firma Degesch/ Auschwitz sowie Professor Fritz Haber, der sich im 1. Weltkrieg gerne als "Vater des Giftgases" bezeichnen liess.
Sonntag, 7. Juli 2013
Schlechte Nachrichten aus Fukushima
Das Unglück von Fukushima geschah vor gut zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke 9 sowie die anschliessende Flutwelle kostete 20.000 Menschen das Leben. Im Gefolge - und wegen zu niedriger Dämme - verunfallten vier japanische Kernkraftwerke, wobei es wegen Kernschmelzen und Wasserstoffexplosionen zum Austritt radioaktiver Gase und Substanzen kam. Die Betreiberfirma TEPCO müht sich seitdem, die Schäden zu beheben. Langfristig ist an den Rückbau aller zerstörter Kernkraftwerke gedacht. Die Fortschritte, welche bislang bei den Aufräumarbeiten erzielt wurden, sind allerdings bescheiden.
Zu viel Wasser
Das Problem Nr. 1 sind derzeit die radioaktiven Wässer. Die Reaktoren 1 bis 3 müssen immer noch gekühlt werden. Dies geschieht mit Meerwasser, von dem jeden Tag ca. 400 Kubikmeter (cbm) auf die heissen Komponenten, insbesondere die Reaktortanks und die teilweise geschmolzenen Reaktorkerne gespritzt werden. Dieses Wasser muss natürlich wieder aufgefangen werden, da es nunmehr mit den radioaktiven Nukliden Cäsium und Strontium kontaminiert ist.
Weitere 400 cbm fliessen täglich als Grundwasser in die Reaktoranlagen und werden dort ebenfalls radioaktiv verschmutzt. Tepco möchte dieses Grundwasser mit Wällen aufhalten und ins Meer leiten. Dies verhindern jedoch die örtlichen Fischer, weil sie um die Reinheit ihrer Fischbestände fürchten. Mittlerweile ist das kontaminierte Grundwasser sogar bis zum einige Kilometer entfernten zweiten Reaktorkomplex Dai-ni vorgedrungen, dessen Reaktoren ansonsten keine Schäden aufweisen.
Die Kühlwässer und das aufgefangene Grundwasser lagern zur Zeit in mächtigen zylindrischen Tanks ausserhalb der Kernkraftwerke. Bislang hat man 300.000 cbm radioaktiv belastetes Wasser gesammelt. In den kommenden Jahren soll die Lagerkapazität auf 700.000 cbm erweitert werden. Um dafür die Fläche zu schaffen, musste ein Wald abgeholzt werden. Das Dekontaminieren der Wässer scheint ein Problem zu sein. Die Reinigungsfaktoren der bestehenden Verdampferanlagen sind offensichtlich nicht ausreichend. Eine japanische Expertendelegation ist derzeit weltweit unterwegs um entsprechenden know how zu sammeln.
Zu viel Radioaktivität
Die Aufräumarbeiten an den beschädigten Reaktoren kommen nicht so recht voran, weil die Radioaktivität in den Anlageräumen zum Teil noch recht hoch ist. Dies gilt insbesondere für den Reaktor 3, wo man noch eine Dosisleistung von 1,2 Millisievert pro Stunde misst. Die Dosisgrenzwerte sind international auf 1 Millisievert pro Jahr für die Normalbevölkerung und 20 Millisievert pro Jahr für beruflich strahlenexponierte Personen festgelegt. Legt man die oben genannte und gemessene stündliche Dosisleistung von 1,2 Millisievert zugrunde, so bedeutet dies, dass ein Normalmensch beim Zutritt zu diesen zerstörten Reaktor seine Jahresdosis in ca. 50 Minuten erhält, ein am Kernkraftwerk Beschäftigter immerhin bereits in 16 Stunden. Logischerweise sind an solchen hochverstrahlten Orten fernbedienbare Roboter unabdingbar. Diese müssen jedoch erst mühsam und zweckgerecht entwickelt werden. Mittlerweile geht man davon aus, dass zumindest in Reaktor 3 das Core stark geschmolzen ist. Teile der Brennelemente werden auf dem Boden des Reaktortanks, wahrscheinlich sogar auf dem Boden des Containments liegen. Die gängigen Lademaschinen sind für das Bergen dieser Brennelemente ungeeignet. Auch hierfür müssen Roboter entwickelt werden.
Grosser Aufwand wird auch beim Reaktor 4 getrieben, der ein obenliegendes Lager für 1.500 abgebrannte Brennelemente beherbergt. Hier besteht das Risiko, dass bei einem abermaligen Beben das wassergekühlte Lager undicht wird oder sogar auseinanderbricht. Mit riesigen, aus der Ferne dirigierten Stahlkonstruktionen versucht man derzeit das morbide Lager zu stützen um anschliessend die stark radioaktiven Brennelemente entladen zu können.
Zu wenig Personal
Für die Aufräumarbeiten an den vier Kernkraftwerken hat die Firma Tepco ca. 2.500 Leih- bzw. Vertragsarbeiter angeheuert. Sie werden von 500 Tepco-eigenem Personal in ihre Arbeiten vor Ort eingewiesen. Die Umkleidung in Strahlenschutzanzüge beginnt im ehemaligen Trainingszentrum der japanischen Nationalmannschaft, etwa 20 km südlich des Reaktorareals. Neben der üblichen Kleidung ist das permanente Anlegen von Atemschutzmasken Pflicht. Wegen der grossen sommerlichen Hitze in Japan, tragen die Arbeiter unter ihren Schutzanzügen Westen mit Kühltaschen. Da sie sich an manchen Stellen nur wenige Minuten betätigen dürfen, um ihre Dosisgrenzwerte nicht zu überschreiten, ist die tägliche Arbeitsleistung dieser Kolonnen relativ gering.
Immer mehr wird es zu einem Problem, überhaupt Arbeiter für diese - relativ gut bezahlten - Tätigkeiten zu finden. Das gilt vor allem für die Dekontamination der Wohnhäuser ausserhalb des eigentlichen Reaktorgeländes. Hier sind gerade mal zehn Prozent der Stellen besetzt, weswegen die Hauseigentümer selbst versuchen, ihre Gebäude abzuspritzen. Es scheint schwierig zu sein, mit den Stundendosiswerten unter 1 Mikrosievert zu gelangen. Dies ist jedoch erforderlich, um ganzjährig (8760 Stunden) in einem solchen Haus wohnen zu dürfen. Die meisten Bewohner der Region halten sich deshalb nur tagsüber in ihren Häusern auf und verlassen am Abend die Sperrzone.
Zu hohe Kosten
Die Kosten für die Aufräumarbeiten an den vier havarierten Kernkraftwerken sind gigantisch. Allein für die geordnete Stilllegung der Reaktoren werden zwischen (umgerechnet) 8 bis 40 Milliarden Euro veranschlagt - je nachdem wen man fragt. Das belastet in erster Linie die Bilanz des Stromerzeugers Tepco. Hinzu kommen noch 50 bis 100 Milliarden Euro an Schadensersatzforderungen der Umlandgemeinden und der Fischer. Es ist evident, dass diese Summen das Energieunternehmen nicht allein wird schultern können, sondern, dass auch der japanische Steuerzahler belastet werden wird.
Inzwischen hat in Japan der heisse Sommer eingesetzt und alle Klimaanlagen schnurren auf Hochtouren. Tepco benötigt dringend seine 12 intakten Kernkraftwerke, die seit zwei Jahren auf behördliche Anordnung still liegen. Der Antrag zur Wiederaufnahme des Betriebs ist gestellt; man wird sehen, wie der neue Premierminister Shinzo Abe darüber demnächst entscheiden wird.
Zu viel Wasser
Das Problem Nr. 1 sind derzeit die radioaktiven Wässer. Die Reaktoren 1 bis 3 müssen immer noch gekühlt werden. Dies geschieht mit Meerwasser, von dem jeden Tag ca. 400 Kubikmeter (cbm) auf die heissen Komponenten, insbesondere die Reaktortanks und die teilweise geschmolzenen Reaktorkerne gespritzt werden. Dieses Wasser muss natürlich wieder aufgefangen werden, da es nunmehr mit den radioaktiven Nukliden Cäsium und Strontium kontaminiert ist.
Weitere 400 cbm fliessen täglich als Grundwasser in die Reaktoranlagen und werden dort ebenfalls radioaktiv verschmutzt. Tepco möchte dieses Grundwasser mit Wällen aufhalten und ins Meer leiten. Dies verhindern jedoch die örtlichen Fischer, weil sie um die Reinheit ihrer Fischbestände fürchten. Mittlerweile ist das kontaminierte Grundwasser sogar bis zum einige Kilometer entfernten zweiten Reaktorkomplex Dai-ni vorgedrungen, dessen Reaktoren ansonsten keine Schäden aufweisen.
Die Kühlwässer und das aufgefangene Grundwasser lagern zur Zeit in mächtigen zylindrischen Tanks ausserhalb der Kernkraftwerke. Bislang hat man 300.000 cbm radioaktiv belastetes Wasser gesammelt. In den kommenden Jahren soll die Lagerkapazität auf 700.000 cbm erweitert werden. Um dafür die Fläche zu schaffen, musste ein Wald abgeholzt werden. Das Dekontaminieren der Wässer scheint ein Problem zu sein. Die Reinigungsfaktoren der bestehenden Verdampferanlagen sind offensichtlich nicht ausreichend. Eine japanische Expertendelegation ist derzeit weltweit unterwegs um entsprechenden know how zu sammeln.
Zu viel Radioaktivität
Die Aufräumarbeiten an den beschädigten Reaktoren kommen nicht so recht voran, weil die Radioaktivität in den Anlageräumen zum Teil noch recht hoch ist. Dies gilt insbesondere für den Reaktor 3, wo man noch eine Dosisleistung von 1,2 Millisievert pro Stunde misst. Die Dosisgrenzwerte sind international auf 1 Millisievert pro Jahr für die Normalbevölkerung und 20 Millisievert pro Jahr für beruflich strahlenexponierte Personen festgelegt. Legt man die oben genannte und gemessene stündliche Dosisleistung von 1,2 Millisievert zugrunde, so bedeutet dies, dass ein Normalmensch beim Zutritt zu diesen zerstörten Reaktor seine Jahresdosis in ca. 50 Minuten erhält, ein am Kernkraftwerk Beschäftigter immerhin bereits in 16 Stunden. Logischerweise sind an solchen hochverstrahlten Orten fernbedienbare Roboter unabdingbar. Diese müssen jedoch erst mühsam und zweckgerecht entwickelt werden. Mittlerweile geht man davon aus, dass zumindest in Reaktor 3 das Core stark geschmolzen ist. Teile der Brennelemente werden auf dem Boden des Reaktortanks, wahrscheinlich sogar auf dem Boden des Containments liegen. Die gängigen Lademaschinen sind für das Bergen dieser Brennelemente ungeeignet. Auch hierfür müssen Roboter entwickelt werden.
Vermutete Lokationen für das geschmolzene Reaktor-Core (nach Tepco)
Grosser Aufwand wird auch beim Reaktor 4 getrieben, der ein obenliegendes Lager für 1.500 abgebrannte Brennelemente beherbergt. Hier besteht das Risiko, dass bei einem abermaligen Beben das wassergekühlte Lager undicht wird oder sogar auseinanderbricht. Mit riesigen, aus der Ferne dirigierten Stahlkonstruktionen versucht man derzeit das morbide Lager zu stützen um anschliessend die stark radioaktiven Brennelemente entladen zu können.
Zu wenig Personal
Für die Aufräumarbeiten an den vier Kernkraftwerken hat die Firma Tepco ca. 2.500 Leih- bzw. Vertragsarbeiter angeheuert. Sie werden von 500 Tepco-eigenem Personal in ihre Arbeiten vor Ort eingewiesen. Die Umkleidung in Strahlenschutzanzüge beginnt im ehemaligen Trainingszentrum der japanischen Nationalmannschaft, etwa 20 km südlich des Reaktorareals. Neben der üblichen Kleidung ist das permanente Anlegen von Atemschutzmasken Pflicht. Wegen der grossen sommerlichen Hitze in Japan, tragen die Arbeiter unter ihren Schutzanzügen Westen mit Kühltaschen. Da sie sich an manchen Stellen nur wenige Minuten betätigen dürfen, um ihre Dosisgrenzwerte nicht zu überschreiten, ist die tägliche Arbeitsleistung dieser Kolonnen relativ gering.
Immer mehr wird es zu einem Problem, überhaupt Arbeiter für diese - relativ gut bezahlten - Tätigkeiten zu finden. Das gilt vor allem für die Dekontamination der Wohnhäuser ausserhalb des eigentlichen Reaktorgeländes. Hier sind gerade mal zehn Prozent der Stellen besetzt, weswegen die Hauseigentümer selbst versuchen, ihre Gebäude abzuspritzen. Es scheint schwierig zu sein, mit den Stundendosiswerten unter 1 Mikrosievert zu gelangen. Dies ist jedoch erforderlich, um ganzjährig (8760 Stunden) in einem solchen Haus wohnen zu dürfen. Die meisten Bewohner der Region halten sich deshalb nur tagsüber in ihren Häusern auf und verlassen am Abend die Sperrzone.
Zu hohe Kosten
Die Kosten für die Aufräumarbeiten an den vier havarierten Kernkraftwerken sind gigantisch. Allein für die geordnete Stilllegung der Reaktoren werden zwischen (umgerechnet) 8 bis 40 Milliarden Euro veranschlagt - je nachdem wen man fragt. Das belastet in erster Linie die Bilanz des Stromerzeugers Tepco. Hinzu kommen noch 50 bis 100 Milliarden Euro an Schadensersatzforderungen der Umlandgemeinden und der Fischer. Es ist evident, dass diese Summen das Energieunternehmen nicht allein wird schultern können, sondern, dass auch der japanische Steuerzahler belastet werden wird.
Inzwischen hat in Japan der heisse Sommer eingesetzt und alle Klimaanlagen schnurren auf Hochtouren. Tepco benötigt dringend seine 12 intakten Kernkraftwerke, die seit zwei Jahren auf behördliche Anordnung still liegen. Der Antrag zur Wiederaufnahme des Betriebs ist gestellt; man wird sehen, wie der neue Premierminister Shinzo Abe darüber demnächst entscheiden wird.
Sonntag, 30. Juni 2013
Die Kroaten kommen
Vorbemerkung: Das äusserliche Format meiner Posts hat sich etwas verändert. Dafür können nun alle Blogs ausgedruckt werden.
Am 1. Juli 2013 wird Kroatien der 28. Mitgliedsstaat der Europäischen Union (EU) werden. Es ist ein Beitritt ohne Begeisterung - auf beiden Seiten. Die ohnehin schon kränkelnde Gemeinschaft fürchtet ein neues Problemkind aufgehalst zu bekommen; Bundestagspräsident Norbert Lammers sprach es sogar öffentlich aus: "Kroatien ist noch nicht beitrittsreif". Aber auch die Kroaten selbst bekunden eine erstaunliche Zurückhaltung: nur schlappe 21 Prozent der Bevölkerung beteiligten sich im vergangenen April an der Wahl ihrer Abgeordneten zum Europaparlament. Warum lässt die EU dann eigentlich die Kroaten in ihre Gemeinschaft? Nun, man will damit das Pulverfass Balkan langfristig entschärfen. Kroatien soll der Stabilitätsanker für die restlichen Balkanstaaten werden und Kriege früherer Art verhindern. Weitere Länder dieser Provenienz (Serbien, Bosnien-Herzegowina) werden folgen. Aber die Brüsseler Kommission sollte die Integrationsfähigkeit der EU nicht überschätzen. Eine grosse EU ist nicht unbedingt eine starke EU.
Desolate Wirtschaftslage, blühende Korruption
Die Wirtschaftslage im Beitrittsland Kroatien ist miserabel. Die maroden Werften haben in den letzten Jahren nur Verluste eingefahren, nun will man sie privatisieren und hofft auf zahlungskräftige Investoren. Ähnliches gilt für die Chemieanlagen und die Raffinerien südlich von Rijeka. Ihnen wurden die hohen Gaspreise und die fehlenden Genehmigungen zum Verhängnis. Seit fünf Jahren befindet sich das Land in einer Rezession. Hoffnungsträger sind allein die Landwirtschaft (Wein, Tabak) und vor allem der Tourismus, der 20 Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Das glasklare Wasser der Adria und die vielen Inseln locken seit eh und je die deutschen Urlauber.
Die Korruption ist in Kroatien eine alltägliche Plage. Im vergangenen Jahr wurde sogar der langjährige Premierminister Ivo Sanader wegen dieses Delikts zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er soll für Millionenbeträge österreichischen und ungarischen Firmen den illegalen Zutritt zum kroatischen Markt verholfen haben. Noch unheilvoller ist im Alltag die sogenannte Schalterkorruption. Auf Grundbucheintragungen muss man schon mal fünf Jahre warten, wenn man nicht bereit ist Schmiergeld zu entrichten. Die Organisation Transparency International hat festgestellt, dass auf den Sektoren Gesundheit, Polizei, Gerichte und Behörden Kroatien zu den korruptesten Ländern in Europa gehört. Inzwischen gibt es zwar Gesetze gegen Bestechung und Vorteilsnahme, aber in praxi werden sie nur mangelhaft umgesetzt. 50 Prozent der kroatischen Bevölkerung sind Rentner. Dies ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dort das Rentenalter mit 51 Jahren beginnt. Da muss sich nach dem EU-Beitritt einiges verändern und die Kroaten werden darüber kaum begeistert sein.
Subventionen am Horizont
Subventionen aus den EU-Fonds sollen der kroatischen Wirtschaft auf die Beine bringen. Noch in diesem Jahr fliessen 650 Millionen Euro, gewissermassen als "Mitgift", von Brüssel nach Zagreb. Zwischen 2014 und 2020 sind weitere 14 Milliarden an Subventionsgelder eingeplant, die zur Finanzierung von "Anpassungsmassnahmen" vorgesehen sind. Darunter versteht man u. a. die Umrüstung der Werften für höherwertige Spezialschiffe. Auch ins ehemalige Kriegsgebiet um Vukovar soll investiert werden. Dort stehen jetzt noch in jedem Ort abgebrannte Häuser mit umgestürzten Dachstühlen, als wäre der serbische Krieg erst gestern beendet worden.
Eines der grössten Projekte ist eine Brücke bei Dubrovnik. Diese Stadt ist zur Zeit praktisch nur mit dem Schiff erreichbar, da die kroatische Landzunge im Zuge der Friedensverhandlungen mit Bosnien-Herzegowina abgetrennt wurde. (Man wollte diesem Binnenstaat den Zugang zur Adria ermöglichen). Die EU soll nun eine Brücke - vielleicht auch einen Tunnel - finanzieren, die von der Enklave zur kroatischen Halbinsel Peljisac führt. Das zweimalige Überqueren der EU-Aussengrenze mit entsprechenden Zollformalitäten wäre dann nicht mehr notwendig.
Als "Schwabe" in Kroatien
Die deutschen Touristen nennen die Kroaten Svabo, also Schwaben. Im Sommer fliegen diese in grosser Anzahl in Split an der Adriaküste ein (eine Stunde Flugzeit von Stuttgart), bevölkern an der Riva die Cafés und trinken ihren Kava. Die Riva ist das Herz der Stadt und, wenn man am Ufer entlang spaziert, muss man nicht einmal auf den Verkehr achten, denn diese Promenade gehört allein den Fussgängern. Gleich in der Nähe befindet sich die Altstadt mit dem Diokletian-Palast. Er zählt seit 1979 zum Weltkulturerbe der Unesco. Diokletian, der einzige römische Kaiser der Geschichte, der vorzeitig in den Ruhestand trat, hatte sich den Ort um das Jahr 300 n. Chr. als Alterssitz erwählt und in einer Rekordzeit von zehn Jahren einen Palast direkt ans Meer bauen lassen. Von Split aus legen die Fähren ab zu den vielen kroatischen Inseln, z. B. Hvar und Korcula. Nach Hvar fährt man etwa eine Stunde, es ist ein wunderschönes langgestrecktes Eiland mit einem mondänen Hafen und dazugehöriger Flaniermeile. Trotzdem kann man dort, wenn man etwas sucht, noch eine Privatwohnung zum Tagespreis von 200 Kuna, entsprechend etwa 30 Euro anmieten. (Ich hab´s ausprobiert.)
Mehr Gedränge gibt es zur Sommerzeit in Dubrovnik. Auch dort kann man eine mittelalterliche Altstadt bewundern. Sie verkraftet eigentlich nur 7.000 Touristen, aber meistens tummeln sich dort 25.000. Das hängt vor allem mit den vielen Kreuzfahrtschiffen zusammen, die dort anlegen und ihre Gäste entladen. Dubrovnik ist im Sommer regelrecht besetzt, der angestrebte Qualitätstourismus ist in Massentourismus umgekippt. Deswegen werden - durch Spekulation und Korruption - immer mehr Hotelbauten hochgezogen, die man groesstenteils, leider, als "architektonische Verbrechen" bezeichnen muss. Kroatien besitzt etwa tausend Inseln mit unzähligen Badestränden. Leider sind sie zumeist sehr steinig, Sandstrände sind Mangelware. Ebenfalls bedauerlich ist, dass so wenige Stege ins glasklare Wasser ragen.
Weitere EU-Kandidaten ante portas
Kroatien wird nicht das letzte Land sein, welches der EU beitritt. Es gibt noch etwa zwei Dutzend Staaten, die aufgrund ihrer geografischen Lage und ihrer Geschichte in weiterer Zukunft der Europäischen Union beitreten könnten. Der Artikel 49 des EU-Vertrags räumt jedem europäischen Land das Recht ein, einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft zu stellen. "Europäisch" wird dabei in einem diffusen politisch-kulturellen Sinne verstanden.
Derzeit führt die EU-Kommission Beitrittsverhandlungen mit drei Ländern: Island, Montenegro und der Türkei. Relativ unproblematisch verlaufen die Gespräche mit Island, von den Fischfangrechten in den dortigen Gewässern mal abgesehen. Die Staatsbürger von Montenegro dürfen bereits seit 2009 ohne Visum in die EU einreisen; grössere Problem für die Aufnahme dieses Landes sind nicht bekannt. Schwierig gestalten sich die Verhandlungen mit der Türkei, das schon seit 1999 offizieller Beitritttskandidat ist. Die Bundesrepublik und weitere Länder lehnen die türkische EU-Vollmitgliedschaft aus verschiedenen Gründen ab. Sie führen u. a. an, dass der Grossteil des Staatsgebiets der Türkei nicht in Europa, sondern in Asien liegt. Zudem sei die Türkei als vornehmliches muslimisches Land kulturell nicht zum christlichen Europa gehörig. Schliesslich werden auch Menschenrechtsfragen ins Feld geführt.
Weitere Beitrittskandidaten sind die Balkanländer Mazedonien, Serbien, Albanien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo.
Mögliche zukünftige Beitrittskandidaten sind Lichtenstein, Norwegen und die Schweiz, welche aber bislang keinen Aufnahmeantrag gestellt haben.
Im östlichen Bereich kämen Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien und Kasachstan infrage. Problematischer ist die Situation für die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Weissrussland. Beide sind derzeit noch so eng an Russland gebunden, dass man sich einen Beitritt zur EU nicht vorstellen kann.
Für die Zwergstaaten Andorra, Monaco, San Marino und Vatikanstaat ist ein EU-Beitritt kaum denkbar. Einige sind Steueroasen und deshalb für vermögende Ausländer als Wohnsitz sehr interessant. Der Vatikanstaat stellt in mehrfacher Hinsicht einen Sonderfall dar. Er ist eine absolute Monarchie bzw. Theokratie, was die Mitgliedschaft in der EU von vornherein ausschliesst.
Bleibt noch Russland. Dieser Staat ist zwar Mitglied des Europarats, wird aber kaum je der EU beitreten. Russland betrachtet sich nach wie vor als Weltmacht und allenfalls pari mit Ganz-Europa.
Na, ja.
Am 1. Juli 2013 wird Kroatien der 28. Mitgliedsstaat der Europäischen Union (EU) werden. Es ist ein Beitritt ohne Begeisterung - auf beiden Seiten. Die ohnehin schon kränkelnde Gemeinschaft fürchtet ein neues Problemkind aufgehalst zu bekommen; Bundestagspräsident Norbert Lammers sprach es sogar öffentlich aus: "Kroatien ist noch nicht beitrittsreif". Aber auch die Kroaten selbst bekunden eine erstaunliche Zurückhaltung: nur schlappe 21 Prozent der Bevölkerung beteiligten sich im vergangenen April an der Wahl ihrer Abgeordneten zum Europaparlament. Warum lässt die EU dann eigentlich die Kroaten in ihre Gemeinschaft? Nun, man will damit das Pulverfass Balkan langfristig entschärfen. Kroatien soll der Stabilitätsanker für die restlichen Balkanstaaten werden und Kriege früherer Art verhindern. Weitere Länder dieser Provenienz (Serbien, Bosnien-Herzegowina) werden folgen. Aber die Brüsseler Kommission sollte die Integrationsfähigkeit der EU nicht überschätzen. Eine grosse EU ist nicht unbedingt eine starke EU.
Desolate Wirtschaftslage, blühende Korruption
Die Wirtschaftslage im Beitrittsland Kroatien ist miserabel. Die maroden Werften haben in den letzten Jahren nur Verluste eingefahren, nun will man sie privatisieren und hofft auf zahlungskräftige Investoren. Ähnliches gilt für die Chemieanlagen und die Raffinerien südlich von Rijeka. Ihnen wurden die hohen Gaspreise und die fehlenden Genehmigungen zum Verhängnis. Seit fünf Jahren befindet sich das Land in einer Rezession. Hoffnungsträger sind allein die Landwirtschaft (Wein, Tabak) und vor allem der Tourismus, der 20 Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Das glasklare Wasser der Adria und die vielen Inseln locken seit eh und je die deutschen Urlauber.
Kroatien im Überblick
Die Korruption ist in Kroatien eine alltägliche Plage. Im vergangenen Jahr wurde sogar der langjährige Premierminister Ivo Sanader wegen dieses Delikts zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er soll für Millionenbeträge österreichischen und ungarischen Firmen den illegalen Zutritt zum kroatischen Markt verholfen haben. Noch unheilvoller ist im Alltag die sogenannte Schalterkorruption. Auf Grundbucheintragungen muss man schon mal fünf Jahre warten, wenn man nicht bereit ist Schmiergeld zu entrichten. Die Organisation Transparency International hat festgestellt, dass auf den Sektoren Gesundheit, Polizei, Gerichte und Behörden Kroatien zu den korruptesten Ländern in Europa gehört. Inzwischen gibt es zwar Gesetze gegen Bestechung und Vorteilsnahme, aber in praxi werden sie nur mangelhaft umgesetzt. 50 Prozent der kroatischen Bevölkerung sind Rentner. Dies ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dort das Rentenalter mit 51 Jahren beginnt. Da muss sich nach dem EU-Beitritt einiges verändern und die Kroaten werden darüber kaum begeistert sein.
Subventionen am Horizont
Subventionen aus den EU-Fonds sollen der kroatischen Wirtschaft auf die Beine bringen. Noch in diesem Jahr fliessen 650 Millionen Euro, gewissermassen als "Mitgift", von Brüssel nach Zagreb. Zwischen 2014 und 2020 sind weitere 14 Milliarden an Subventionsgelder eingeplant, die zur Finanzierung von "Anpassungsmassnahmen" vorgesehen sind. Darunter versteht man u. a. die Umrüstung der Werften für höherwertige Spezialschiffe. Auch ins ehemalige Kriegsgebiet um Vukovar soll investiert werden. Dort stehen jetzt noch in jedem Ort abgebrannte Häuser mit umgestürzten Dachstühlen, als wäre der serbische Krieg erst gestern beendet worden.
Eines der grössten Projekte ist eine Brücke bei Dubrovnik. Diese Stadt ist zur Zeit praktisch nur mit dem Schiff erreichbar, da die kroatische Landzunge im Zuge der Friedensverhandlungen mit Bosnien-Herzegowina abgetrennt wurde. (Man wollte diesem Binnenstaat den Zugang zur Adria ermöglichen). Die EU soll nun eine Brücke - vielleicht auch einen Tunnel - finanzieren, die von der Enklave zur kroatischen Halbinsel Peljisac führt. Das zweimalige Überqueren der EU-Aussengrenze mit entsprechenden Zollformalitäten wäre dann nicht mehr notwendig.
Als "Schwabe" in Kroatien
Die deutschen Touristen nennen die Kroaten Svabo, also Schwaben. Im Sommer fliegen diese in grosser Anzahl in Split an der Adriaküste ein (eine Stunde Flugzeit von Stuttgart), bevölkern an der Riva die Cafés und trinken ihren Kava. Die Riva ist das Herz der Stadt und, wenn man am Ufer entlang spaziert, muss man nicht einmal auf den Verkehr achten, denn diese Promenade gehört allein den Fussgängern. Gleich in der Nähe befindet sich die Altstadt mit dem Diokletian-Palast. Er zählt seit 1979 zum Weltkulturerbe der Unesco. Diokletian, der einzige römische Kaiser der Geschichte, der vorzeitig in den Ruhestand trat, hatte sich den Ort um das Jahr 300 n. Chr. als Alterssitz erwählt und in einer Rekordzeit von zehn Jahren einen Palast direkt ans Meer bauen lassen. Von Split aus legen die Fähren ab zu den vielen kroatischen Inseln, z. B. Hvar und Korcula. Nach Hvar fährt man etwa eine Stunde, es ist ein wunderschönes langgestrecktes Eiland mit einem mondänen Hafen und dazugehöriger Flaniermeile. Trotzdem kann man dort, wenn man etwas sucht, noch eine Privatwohnung zum Tagespreis von 200 Kuna, entsprechend etwa 30 Euro anmieten. (Ich hab´s ausprobiert.)
Mehr Gedränge gibt es zur Sommerzeit in Dubrovnik. Auch dort kann man eine mittelalterliche Altstadt bewundern. Sie verkraftet eigentlich nur 7.000 Touristen, aber meistens tummeln sich dort 25.000. Das hängt vor allem mit den vielen Kreuzfahrtschiffen zusammen, die dort anlegen und ihre Gäste entladen. Dubrovnik ist im Sommer regelrecht besetzt, der angestrebte Qualitätstourismus ist in Massentourismus umgekippt. Deswegen werden - durch Spekulation und Korruption - immer mehr Hotelbauten hochgezogen, die man groesstenteils, leider, als "architektonische Verbrechen" bezeichnen muss. Kroatien besitzt etwa tausend Inseln mit unzähligen Badestränden. Leider sind sie zumeist sehr steinig, Sandstrände sind Mangelware. Ebenfalls bedauerlich ist, dass so wenige Stege ins glasklare Wasser ragen.
Weitere EU-Kandidaten ante portas
Kroatien wird nicht das letzte Land sein, welches der EU beitritt. Es gibt noch etwa zwei Dutzend Staaten, die aufgrund ihrer geografischen Lage und ihrer Geschichte in weiterer Zukunft der Europäischen Union beitreten könnten. Der Artikel 49 des EU-Vertrags räumt jedem europäischen Land das Recht ein, einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft zu stellen. "Europäisch" wird dabei in einem diffusen politisch-kulturellen Sinne verstanden.
Derzeit führt die EU-Kommission Beitrittsverhandlungen mit drei Ländern: Island, Montenegro und der Türkei. Relativ unproblematisch verlaufen die Gespräche mit Island, von den Fischfangrechten in den dortigen Gewässern mal abgesehen. Die Staatsbürger von Montenegro dürfen bereits seit 2009 ohne Visum in die EU einreisen; grössere Problem für die Aufnahme dieses Landes sind nicht bekannt. Schwierig gestalten sich die Verhandlungen mit der Türkei, das schon seit 1999 offizieller Beitritttskandidat ist. Die Bundesrepublik und weitere Länder lehnen die türkische EU-Vollmitgliedschaft aus verschiedenen Gründen ab. Sie führen u. a. an, dass der Grossteil des Staatsgebiets der Türkei nicht in Europa, sondern in Asien liegt. Zudem sei die Türkei als vornehmliches muslimisches Land kulturell nicht zum christlichen Europa gehörig. Schliesslich werden auch Menschenrechtsfragen ins Feld geführt.
Weitere Beitrittskandidaten sind die Balkanländer Mazedonien, Serbien, Albanien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo.
Mögliche zukünftige Beitrittskandidaten sind Lichtenstein, Norwegen und die Schweiz, welche aber bislang keinen Aufnahmeantrag gestellt haben.
Im östlichen Bereich kämen Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien und Kasachstan infrage. Problematischer ist die Situation für die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Weissrussland. Beide sind derzeit noch so eng an Russland gebunden, dass man sich einen Beitritt zur EU nicht vorstellen kann.
Für die Zwergstaaten Andorra, Monaco, San Marino und Vatikanstaat ist ein EU-Beitritt kaum denkbar. Einige sind Steueroasen und deshalb für vermögende Ausländer als Wohnsitz sehr interessant. Der Vatikanstaat stellt in mehrfacher Hinsicht einen Sonderfall dar. Er ist eine absolute Monarchie bzw. Theokratie, was die Mitgliedschaft in der EU von vornherein ausschliesst.
Bleibt noch Russland. Dieser Staat ist zwar Mitglied des Europarats, wird aber kaum je der EU beitreten. Russland betrachtet sich nach wie vor als Weltmacht und allenfalls pari mit Ganz-Europa.
Na, ja.
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