Mittwoch, 27. April 2016

Italiens Flüchtlingspolitik: winke, winke gen Norden

Das politische Rom befindet sich seit Wochen im Aufruhr. Seit nämlich der nördliche Nachbarstaat Österreich angekündigt hat, am Brennerpass - welcher beide Länder verbindet - wieder Personenkontrollen einzuführen. Schon im Mai soll dies geschehen und derzeit werden riesige Betonfundamente gegossen um große Parkplätze für den zu erwartenden Stopp- und Go-Verkehr zu schaffen.

Italiens zwiespältige Flüchtlingspolitik

Italien befindet sich im Schockzustand, weil seine dubiose Flüchtlingspolitik, die bislang von Doppeldeutigkeit und Scheinheiligkeit geprägt war, nun offenkundig werden könnte. Das Land Italien ist das Ziel gleich mehrerer Fluchtrouten über das Mittelmeer, ausgehend von Tunesien und Libyen, sowie von Ägypten und Griechenland nach Apulien und Kalabrien. Schmuggler und Schleuser schicken die Flüchtlinge zumeist von Libyen aus in kaum hochseetüchtigen, überfüllten Booten auf das Meer und setzen Notrufe aus, sobald die Boote die internationalen Gewässer erreicht haben. - Für die apulisch-kalabrische Route nutzen die Menschenschmuggler inzwischen größere "Mutterschiffe", an denen wiederum kleine Fischerboote befestigt sind. In der Nähe der kalabrischen Küste werden die Flüchtlinge auf diese Boote verladen, während das große Schiff mit den Schleusern zurückkehrt. Für diese Überfahrt müssen die Syrer und Afrikaner in der Regel 2.000 Dollar pro Person zahlen.

Im italienischen abendlichen Fernsehen kann man regelmäßig die mutigen nationalen Marinesoldaten sehen, die erschöpfte Flüchtlinge aus Afrika oder Nahost aus ihren maroden Boote bergen und in ihre seetüchtigen Fregatten übernehmen, mit denen sie nach Lampedusa oder Sizilien gebracht werden. Dort verliert sich eigenartigerweise die Spur dieser Menschen, aber es wird der Eindruck vermittelt, alle geretteten Migranten befänden sich in gutgeführten italienischen Sammellägern. Die offizielle italienische Politik verstärkt diese Vermutung wenn sie - wie der Senatspräsident Pietro Grasso - öffentlich verkündet: "Italien ist in der Flüchtlingspolitik ein Vorbild für die Welt"

Das ist mitnichten der Fall. Tatsächlich gibt es in Italien bei weitem nicht genug Auffangläger für die große Zahl der Flüchtlinge aus Schwarzafrika. Stattdessen werden diese nach ihrer Rettung schlicht und schlitzohrigerweise einfach gen Norden weiter geschickt. In Bussen und speziellen Eisenbahnzügen zu österreichischen und deutschen Städte, wo "Gutmenschen" bereits auf sie warten. In diesem Frühjahr sind zeitweise täglich 2.500 bis 3.000 Migranten dort angekommen und haben um Asyl gebeten. Die italienischen Flüchtlingsbetreuer schwärmen von den guten sozialen Bedingungen in den genannten zwei Nordländern. Kein Wunder, dass kaum einer der geretteten Flüchtlinge in den sparsam eingerichteten Lägern von bella Italia bleiben möchte.


Der Brennerpass zwischen Italien und Österreich

Seit Österreich angekündigt hat, dass es nur noch bereit ist (maximal !) hundert Flüchtlinge pro Tag aufzunehmen, muss damit gerechnet werden, dass von 3.000 am Brennerpass ankommenden Asylanten 2.900 von den österreichischen Behörden zurückgewiesen werden. Damit würde sich innerhalb weniger Tage auf der italienischen Seite ein Rückstau ergeben, der mit dem  mazedonischen Idomeni oder dem französischen Calais vergleichbar ist. Kein Wunder, dass die italienische Regierung nun in Panik gerät. Ihre Politik des "winke, winke" funktioniert demnächst nicht mehr und die ganze Welt wird erkennen, dass Italien ein Riesenproblem hat, welches bislang nur durch Schläue und gehörige Chuzpe verdeckt wurde.

"Dublin" wird schlichtweg ignoriert

Die "Dublin-Verträge" wurden vor gut zwanzig Jahren von den EU-Staaten ratifiziert, als auch die Freizügigkeit des "Schengen-Raums" eingeführt worden war. Demnach waren die Südstaaten Griechenland, Italien und Spanien für die Asylverfahren der bei ihnen anlandenden Migranten verantwortlich. Daran haben sich diese Länder - mit einer gewissen Ausnahme von Spanien - aber nie gehalten. Sie gewährten den Zuwanderer bewusst nur ganz niedrige Sozialleistungen und schickten sie weiter nach Österreich, Deutschland und Schweden, wo diese vergleichsweise ein Paradies vorfanden. Darüberhinaus kümmerte sich Griechenland kaum um die ordnungsgemäße Registrierung der Flüchtlinge. Inzwischen ist deutlich geworden, dass Griechenland ein "gescheiterter Staat" ist, der weder organisatorisch noch wirtschaftlich, ja auch nicht willens ist, seine Verpflichtungen aus den Dublin-Verträgen zu erfüllen. Die politisch hochriskante Einbeziehung der Türkei ist die direkte Folge dieser Verweigerungshaltung.

Die Dublin-Verträge müssen also dringend modifiziert werden. Entweder dadurch, dass man - via Quoten - die in Griechenland und Italien ankommenden Flüchtlinge auf die übrigen EU-Staaten verteilt, was aber politisch sehr schwierig werden dürfte und kurzfristig nicht zu machen ist. Alternativ könnte man die Sozialleistungen "harmonisieren", sprich absenken, was aber insbesondere in Deutschland heftige Diskussionen hervorrufen würde.

Oder dadurch, dass man an der Südgrenze von Österreich/Deutschland Zäune aufbaut - siehe Brenner!

Samstag, 9. April 2016

Die Nachfahren von Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz, geboren 1646 in Leipzig und gestorben 1716 in Hannover war Philosoph, Mathematiker, Historiker und Diplomat. Er gilt als der letzte deutsche Universalgelehrte, der die Wissenschaft als Einheit betrachtete. Leibniz war (zusammen mit Newton) der Entdecker der Differential- und Integralrechnung, in der Philosophie kreisten seine Gedanken um die Metaphysik und die Monadentheorie. Außerdem war er, noch vor Voltaire, der Vordenker der Aufklärung.


Gottfried Wilhelm Leibniz, Universalgelehrter und Frühaufklärer (1646 - 17169)

Über sich selbst sagte Leibniz: "Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben".

Die Leibniz-Gemeinschaft

So ist es nicht verwunderlich, dass Leibniz zum Namensgeber einer Wissenschaftsgesellschaft unserer Tage wurde. Diese Leibniz-Gemeinschaft ist der Zusammenschluss von (derzeit) 89 deutschen Forschungsinstituten verschiedener Fachrichtungen mit Sitz in Berlin. Die Ausrichtung dieser Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Es handelt sich durchweg um außeruniversitäre Forschungsinstitute und Serviceeinrichtungen.

Hervorgegangen ist die Leibniz-Gemeinschaft aus den Einrichtungen der sogenannten Blauen Liste, wobei dieser etwas seltsame Name von den blauen Aktendeckeln im Bundeshaushaltsplan herrührt. Nach der Wiedervereinigung wurden die förderungswürdigen Institutionen der ehemaligen DDR angeschlossen. Heute beschäftigt die Leibniz-Gemeinschaft ca. 18.000 Mitarbeiter und verfügt über einen Jahresetat von knapp 1,7 Milliarden Euro. Die Gemeinschaft wird hälftig von Bund und den Standortländern finanziert.

Ein Präsident macht Karriere

Derzeitiger Präsident der Leibniz-Gemeinschaft ist der 61-jährige Matthias Kleiner. Er studierte Maschinenbau an der Technischen Universität Dortmund, promovierte dort in Umformtechnik und wurde zum Oberingenieur ernannt. Nach einer Zwischenstation an der Universität Cottbus ist er heute (beurlaubter) Professor in Dortmund. Eine seiner wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten trägt den Titel: Dynamisches Beulverhalten neuartiger Feinblechwerkstoffe.

An Kleiners Karriere war die Bundeskanzlerin nicht unbeteiligt. Als Angela Merkel im März 2011, unmittelbar nach den Reaktorunfällen im japanischen Fukushima, per Dekret die Hälfte der deutschen Kernkraftwerke spontan stilllegte, war technische Unterstützung gefragt. Die darin kompetente Reaktorsicherheitskommission mit mehr als hundert ausgewiesenen Experten gab jedoch nach mehrmonatiger Beratung ein Gutachten ab, worin sie die deutschen Kernkraftwerke nach wie vor für sicher erachtete und die geologische Situation in Deutschland (fehlende Starkerdbeben und Tsunamis)  nicht für vergleichbar  mit der japanischen hielt.

Die Physikochemikerin Merkel geriet in Argumentationsschwierigkeiten und "erfand" daraufhin die sogenannte Ethikkommission. Sie etablierte ein Gutachtergremium, welches den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke unter "ethischen Gesichtspunkten" bewerten sollte. Zu Mitgliedern dieser Kommission berief sie eine Reihe von Politologen, Soziologen und Philosophen. Auch die Repräsentanten der Kirchen waren reichhaltig vertreten, wie etwa Kardinal Marx, Landesbischof Ulrich Fischer und Alois Glück, damals Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Auf Reaktorexperten und Vertreter der Stromkonzerne - um deren Anlagen es eigentlich ging - wurde verzichtet. Zum Leiter dieser Ethikkommission benannte Merkel den Oberingenieur  Matthias Kleiner, nebst dem Volkswirt Klaus Töpfer.

Und tatsächlich, nach wenigen Wochen konnte Kleiner, der Fachmann für zerbeulte Bleche, Vollzug melden. Seine Kommission urteilte, dass der Ausstieg aus der Kernenergie ethisch geboten sei und innerhalb von 10 Jahren - also bis 2021 - technisch auch möglich ist. Hilfreich war dabei sicherlich ein Statement von Kardinal Marx, der im Vorfeld dieser Entscheidung schon mal die Kernenergie als "Teufelszeug" bezeichnete. Wer hätte diesem Experten für überirdische Dinge auf seinem Fachgebiet schon widersprechen wollen! Kurze Zeit darauf, am 30. Juni 2011, ließ Frau Merkel die von ihr initiierte "Energiewende" vom Deutschen Bundestag absegnen. Und wie es sich so schickte, wurde Kleiner am 1. Juli 2014 zum Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft berufen.

Der Präsident und sein Stab

Inzwischen dirigiert Professor Kleiner bei der Leibniz-Gemeinschaft ein Milliarden schweres Unternehmen. Die Öffentlichkeit erfährt vergleichsweise wenig davon, obschon - mehr als gendergerecht - die Damen in seinem Stab überproportional vertreten sind. Aus dem Internet kann man das Organigramm seines Leitungsstabes entnehmen, welches hiermit abgedruckt sei. Interessant ist insbesondere die obere Hälfte dieses Diagramms mit seinen verschiedenen Pfaden der "Entscheidung" und der "Zuarbeit".


Das Organigramm der Leibniz-Gemeinschaft 

Ich bin beeindruckt und möchte spontan 1 Euro ausloben für denjenigen, welcher mir darin den Managementfluss und die Verantwortungsbereiche aufdecken kann.
(IBAN-Nummer zur Überweisung bitte angeben.)

Sonntag, 3. April 2016

Die Malaise der französischen Nuklearindustrie

Die beiden einst so stolzen Flaggschiffe der französischen Nuklearindustrie - der Reaktorbauer AREVA und der Reaktorbetreiber Electricité de France (EdF) - bewegen sich in rauer See. Areva hat erkennbar Schlagseite, EdF hält sich nur noch mit Mühe über Wasser. Wie konnten diese global agierenden Konzerne in so eine schlimme Situation geraten?

Die aktuellen Probleme gehen von der Areva aus. Bei dem weltweit größten Reaktorbauer bleiben seit den Unfällen von Fukushima die Aufträge aus. Zudem kommt man mit den beiden Kernkraftwerksprojekten im finnischen Olkiluoto und im heimischen Flamanville nicht zurande. Die innovativen EPR-3-Vorhaben übersteigen offenbar die technischen Kräfte der Areva, die (zusammen mit den Vorläuferfirmen) immerhin fast hundert Reaktorprojekte erfolgreich gestemmt haben. Dazu kommen wirtschaftliche Probleme: Areva hat die beiden genannten Projekte zu 3 Milliarden Euro in die Bücher genommen, inzwischen sind die Kosten allerdings auf 9 Milliarden angestiegen, welche möglicherweise zum größten Teil beim Reaktorbauer verbleiben werden. Außerdem hat sich der sehr stark diversifizierte Konzern auch noch beim Kauf von Uranminen finanziell  verhoben.

Im Geschäftsjahr 2014 kam es zur Krise. Areva hatte einen Verlust von 5 Milliarden Euro angehäuft - bei einem Jahresumsatz von nur knapp 10 Milliarden! Der Aktienkurs brach um 20 Prozent ein, die Beschäftigung der 45.000 Mitarbeiter weltweit war gefährdet; in Deutschland standen die Arbeitsplätze an den Standorten Erlangen, Offenbach und Karlstein auf der Kippe. Der französische Staat war gefordert, immerhin gehören ihm 85 Prozent des Aktienkapitals der Areva.

Die EdF soll´s richten

Die wichtigsten Entscheidungen zur Sanierung der französischen Nuklearindustrie wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2015 getroffen - unter Mitwirkung des Präsidenten Francois Hollande und des Ministerpräsidenten Manuel Valls. Der direkteste Weg zur Konsolidierung der Areva wäre eine Geldspritze der Regierung in der Höhe von einigen Milliarden Euro gewesen. Dafür gab es jedoch nie eine Chance, denn Frankreich ist seit Jahren hoch verschuldet und muss deshalb alle Anstrengungen unternehmen, um mittelfristig wieder die Maastrichtkriterien zu erfüllen. Eine weitere Möglichkeit, an frisches Geld zu kommen, wäre die (ganze oder teilweise) Privatisierung der Areva gewesen. Dies hielt die Regierung jedoch für ausgeschlossen, weil Areva auf dem militärischen Sektor (Kernwaffen!) hoheitliche Aufgaben erfüllt, welche aus Geheimhaltungsgründen privaten Investoren nicht zugänglich gemacht werden dürfen. So blieb zum Schluss nur noch die Option übrig, die Reaktorsparte der Areva mit dem anderen (ebenfalls 85-prozentigen) Staatsbetrieb Electricité de France zu vereinigen und die EdF mit der Führerschaft zu beauftragen.

Beide Partner, die sich bisher stets in "herzlicher Abneigung" gegenüber standen, wehrten sich intensiv gegen diese Auflage zur Fusion. Aber die Regierung drückte natürlich ihren Willen durch. Trotzdem: es ist weltweit einzigartig, dass der größte Reaktorbauer und der größte Reaktorbetreiber in einer einzigen Superfirma vereinigt sind. Der Zusammenschluss von Lieferant und Kunde ist organisatorisch grundsätzlich kritisch zu bewerten. Außerdem: wenn es Areva nicht gelingt, die besagten Probleme bei den Kernkraftwerken Olkiluoto und Flamanville zu lösen, warum sollte der Betreiber EdF dies schaffen, der doch viel weniger tief in der technischen Materie steckt?


Landkarte der französischen Kernkraftwerke

Hinzu kommt, dass die EdF auf ihrem ureigenen Betreibersektor Probleme en masse hat. Die EdF muss mehr als 50 heimische Reaktorstandorte sanieren, um die atomrechtliche Genehmigung zum Weiterbetrieb der Reaktoren über 40 Jahre hinaus zu erlangen. (Der Investitionsbedarf für die Sanierung der Kraftwerke und der Netze sowie für die drastische Aufstockung des Entsorgungsetats wird auf über hundert Milliarden Euro abgeschätzt und bei ihrer Realisierung den Strompreis gewaltig in die Höhe treiben). Hinzu kommt die Stilllegung der beiden Reaktoren in Fessenheim, welche Deutschland regierungsseitig zugesichert wurden. Daneben soll die EdF, nach Pariser Wunsch, künftig mehr in erneuerbare Energien investieren und, bei alle dem, den Franzosen die derzeit günstigen Strompreise auch weiterhin erhalten. An den üppigen Personalkosten soll der Konzern aber, auf Forderung der starken Gewerkschaften, nur dann feilen, wenn der Stellenabbau freiwillig erfolgt - sprich bei Gewährung saftiger Abfindungen.

Das Super-Risiko Hinkley Point C

Als seien diese Probleme noch nicht ausreichend, zerrt ein Großprojekt ganz besonders an den Nerven des Topmanagements der EdF: das Riesenvorhaben Hinkley Point C. Dessen Lieferverträge sollen im April, also in den nächsten Tagen, unterschrieben werden. Bei Hinkley Point C handelt es sich um den Bau von zwei 1.600 MW Druckwasserkernkraftwerke der gefürchteten Klasse EPR-3 für den Kunden British Energy im Südwesten Englands. EdF/Areva sollen darüber hinaus auch 35 Jahre lang den Betrieb dieser Reaktoren garantieren. Das alles zu einem - aus heutiger Sicht! - auskömmlichen Preis und zusammen mit einer chinesischen Reaktorbaufirma als Minderheitspartner.

Das Vertragskonvolut ist so verschachtelt und komplex, dass der frühere deutsche EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, welcher mit der Prüfung beauftragt war, es als "sowjetisch" bezeichnete.

Im Vorstand der EdF sind die Meinungen über Hinkley Point gespalten. Logischerweise steht der Vorsitzende Jean-Bernard Lévy entschlossen dahinter. Er betrachtet es als eine Chance, die EdF langfristig von ihren Schulden (man spricht von fast 40 Milliarden Euro!) zu befreien. Die konträre Ansicht vertritt Thomas Piquemal, seit sechs Jahren geachteter Finanzvorstand der EdF. Er fürchtet die angesichts von Olkiluoto und Flamanville sichtbar gewordenen technischen Risiken und glaubt, dass dieses Projekt den Riesenkonzern EdF in den finanziellen Abgrund reißen könnte. Die beiden Herren konnten sich nicht einigen und nach der Regel der Ober sticht den Unter trat Thomas Piquemal vor einigen Wochen vom Amt des obersten Finanzaufsehers bei EdF zurück. Als Nachfolger wurde Xavier Girre nominiert, der vor einem Jahr - von der französischen Post! - zur EdF gewechselt war.

Die Aktienanleger  haben ihr Urteil über Hinkley Point C längst gesprochen. Seit einem Jahr fällt der Kurs der EdF-Aktie rasant, von 25 Euro auf derzeit 9 Euro. Die dadurch reduzierte Marktkapitalisierung hatte für EdF gravierende Folgen: zum Jahresende 2015 nahm die Börsenleitung in Paris das Unternehmen Electricité de France aus dem französischen Leitindex CAC 40 (vergleichbar mit dem deutschen DAX 30).

Eine Blamage sondergleichen.
In etwa so, wie wenn Bayern München in die Regionalliga absteigen müsste.

Sonntag, 27. März 2016

Das Märchen von der Glättung des Windstroms

In der Physik und der Mathematik gibt es Phänomene, deren naturwissenschaftliche Gültigkeit zu hundert Prozent erwiesen ist. Trotzdem werden diese immer wieder von technisch engagierten Laien (gemeinhin als "Dilettanten" bezeichnet) recht öffentlichkeitswirksam in Frage gestellt. Beispielhaft dafür ist das energetische Perpetuum Mobile oder die Quadratur des Kreises, an deren Unmöglichkeit diese dilettierenden Entdecker einfach nicht glauben wollen.

Mit der Einführung der sogenannten Energiewende ist ein weiteres Phänomen hinzu gekommen, über das sich trefflich streiten lässt:  die Glättung des Windstroms. Bei den Bürgerversammlungen zur Durchsetzung von Windkraftprojekten taucht dieses Argument immer wieder auf. Bekanntlich produzieren Windmühlen keinen grundlastfähigen Konstantstrom sondern nur volatilen "Zappelstrom", der die Netzstabilität gefährdet und welcher ohne Subventionierung und gesetzlich erzwungene Einspeisung kaum Käufer finden würde. Von den Windkraftfreaks wird deshalb gerne auf die grundsätzlich mögliche Glättung bzw. Verstetigung dieses Stroms durch Pumpspeicher oder Methangasspeicherung hingewiesen - ohne allerdings hinzuzufügen, dass man zur Absicherung einer nur dreiwöchigen Flaute in Deutschland den gesamten Bodensee um satte 300 Meter hochpumpen müsste.  Und, dass bei der Methangasspeicherung die Hälfte der ursprünglichen Energie im Prozess verloren geht.


Lastganglinie (=zeitabhängige Einspeiseleistung) aller deutschen Windenergieanlagen
ab 2010 mit aktuell 30.000 MW Nennleistung

Bei den genannten Werbeveranstaltungen werden die anfänglichen Bedenken des Anlegerpublikums  - nach meiner Erfahrung! - in etwa mit folgender "Begründung" zerstreut:  Es ist zwar richtig, dass ein einzelnes Windrad nur unsteten Zappelstrom erzeugt - aber, wenn mehrere davon, also ein ganzer Park, in Betrieb sind, dann sieht die Sache ganz anders aus. Denn dann füllen sich, wegen der unregelmäßigen Einspeisung, die Stromtäler immer mehr auf und es entsteht schließlich aus dem Zappelstrom ein wertvoller Konstantstrom. Ergänzend wird noch kurz auf die Expertise von Fraunhofer-Professoren hingewiesen, was die Besucher solcher Veranstaltungen zumeist beruhigt und ihre Investitionsbereitschaft anfacht.

Der Streit der Experten

Ein besonders prominenter Vertreter der Glättungshypothese bei Windstrom ist das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel. In ihrem Windenergie Report Deutschland 2012 behauptete das IWES, dass "man nur durch eine gleichmäßige geografische Verteilung über eine große Fläche eine Glättung der Netzeinspeisung erreicht". Diese frohe Botschaft wurde von vielen Windkraftplanern aufgegriffen, aber auch von den Umweltministern aus fünf rot-grün regierten Bundesländern, darunter Franz Untersteller aus Baden-Württemberg. In deren Positionspapier  kann man folgendes nachlesen: "Eine ausreichende räumliche Verteilung reduziert die Volatilität der Windkrafteinspeisung und erhöht damit die Versorgungssicherheit".

Diese Tatarenmeldung forderte kritische Bürgerinitiativen, wie die in Hessen und Rheinland-Pfalz sehr aktive Vernunftkraft heraus. Sie hat ein "förmliches Beschwerdeverfahren" gegen das IWES wegen "wissenschaftlichen Fehlverhaltens" eingereicht und dabei ihre eigene These gegenüber gestellt: "Durch den Zubau an Windkraftanlagen wachsen die Schwankungen des erzeugten Stroms immer weiter an. Das Problem der Volatilität wird mit jeder zusätzlichen Windkraftanlage verschärft".

Der technische Experte der Bürgerinitiative Vernunftkraft, Dr.-Ing. Detlef Ahlborn, hat kürzlich in einem wissenschaftlichen Artikel in den Energiewirtschaftlichen Tagesfragen (Heft 12, 2015), aufgrund mathematisch-statistischer Überlegungen, diese Theorien untermauert. Ahlborn kommt zu dem Schluss, dass die Windeispeisungen der verschiedenen Windräder untereinander korreliert sind und zusätzliche Einspeisungen - also der Bau weiterer Windmühlen - die Varianz der Summeneinspeisung nur vergrößern würde. Dabei bemüht er den fundamentalen Zentralen Grenzwertsatz der Statistik. Die Beschwerde der BI Vernunftkraft ging an den Präsidenten der Fraunhofer Gesellschaft, sowie die beiden Ombudsmänner der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Universität Kassel. Auf deren Erwiderungen darf man gespannt sein.

Man kann nicht bei jedem Menschen vertiefte Kenntnisse in mathematischer Statistik voraussetzen, deshalb sei eine Überlegung, die dem "gesunden Menschenverstand" entspricht, nachgeschoben. Die Windräder werden bekanntlich durch meteorologische Tiefdruckgebiete angetrieben. Diese erstrecken sich in Europa über große Flächen. Die Windverhältnisse in Südhessen sind nahezu identisch mit jenen in Nordhessen. Ja, das Gleiche gilt meist auch für Deutschland und das zentrale Europa. Experimentell lässt sich das beweisen, indem man die Windeinspeisung der Länder Deutschland, Schweden, Polen, Finnland, Frankreich, Spanien, Dänemark, Tschechien und Österreich addiert und in einem Diagramm - wie unten dargestellt - übereinander legt.


Kumulierte Stromerzeugung durch Windkraft, ausgewählte Länder, 1. Quartal 2015

Wer hier eine "Glättung der Netzeinspeisung" erkennt, der sollte einen Facharzt für Augenheilkunde konsultieren.

Sonntag, 13. März 2016

Die Kunstmuseen zwischen Glamour und Armut

Die Bildende Kunst gibt es schon seit mehr als 20.000 Jahren - man denke nur an die Höhlenmalereien der Steinzeit. Die Kunstmuseen in Deutschland sind jedoch allerjüngsten Datums: die Alte Pinakothek in München konnte in diesem Jahr erst ihren 180. Geburtstag feiern, die Berliner Nationalgalerie den 155. und das Kölner Wallraf-Richartz-Museum das 30-jährige Jubiläum. Natürlich gab es auch schon vorher bedeutsame Ölgemälde, aber diese waren in der Regel nur in den Kirchen oder versteckt in den Schlössern der Adeligen und für den Normalbürger öffentlich kaum zugänglich. Mittlerweile ist in Deutschland die Zahl der Museen und Kunstausstellungen auf über 4.000 angestiegen. Anfangs gab es weltweit nur eine einzige Biennale - die von Venedig - , während der vergangenen 25 Jahre sind weitere 105 dazu gekommen. Die modernen Museen haben das Fach Kunstgeschichte erst ins Leben gerufen; ohne Museen gäbe es keine Kunsthistoriker.

Parallel zu der wachsenden Zahl öffentlicher Museen gibt es noch die Privatmuseen, welche insbesondere in Baden-Württemberg wie Pilze aus der Erde schießen. Man denke nur an die Museen des Schraubenfabrikanten Reinhold Würth in Künzelsau und anderswo und das des Zeitungshändlers Frieder Burda in Baden-Baden. Beide verweisen gerne darauf, dass sie sämtliche Kosten ihrer Einrichtungen selbst tragen. Der guten Ordnung halber sollte man jedoch anmerken, dass die deutschen Finanzgesetze es zulassen diese Kosten gewinnmindernd von der Steuer abzusetzen, womit sich auch der Altruismus dieser Fabrikanten in Grenzen hält.


Das Guggenheim Museum in New York

Große Museen, in moderner Bauweise, entstanden nach dem 2. Weltkrieg in reicher Zahl. Sie sind gewissermaßen die Kathedralen der Neuzeit. Den Anfang machte 1959 das Guggenheim Museum in New York. Dieses Gebäude des Architekten Frank Lloyd Wright hat die Grundform einer Rotunde. Entlang einer sich windenden Rampe mit einer Steigung von drei Prozent sind die Kunstwerke ausgestellt. In der Folge entstanden in vielen Metropolen spektakuläre Museumsbauten, unter anderem durch die Architekten Renzo Piano und Daniel Libeskind. Die zeitgenössischen Künstler waren begeistert von diesem neuartigen Ambiente ihrer Werke. Bezeichnend dafür ist der Ausspruch von Pablo Picasso: "Gebt mir ein Museum, ich werde es füllen".

In permanenter Geldnot

Auf den ersten Blick erscheint es wie eine Erfolgsgeschichte: die deutschen Museen (insgesamt!) haben jährlich konstant über hundert Millionen Besucher. Bei genauerem Hinsehen stellt man jedoch immer wieder fest, dass - insbesondere bei den Kunstmuseen - die meisten Besucher nur zur Eröffnung der Ausstellungen kommen. Bei der Vernissage, bei Wein und Schnittchen, lässt sich eben angenehm mit den zumeist anwesenden Größen der Stadt parlieren. Danach ist jedoch in Bezug auf Besucher meist tote Hose. Was bleibt zu tun: Wechselausstellungen für die Happy Few. Aber das geht ins Geld und wird nur in seltenen Fällen über die Eintrittsgebühren wieder hereingeholt. Garanten für andauernd hohe Besucherzahlen sind nur die "Popstars", wie Gerhard Richter und Damien Hirst, wobei letzterer inzwischen in London sein eigenes Museum bauen ließ. 

Viel zu leicht lassen sich die Stadtoberen zu Museumsprojekten verführen. Der gefeierte Neubau des Essener Folkwang-Museums kostete 55 Millionen Euro, bezahlt wurde er komplett von der Krupp-Stiftung als privatem Schenker. Nun muss die (wegen RWE) inzwischen arme Stadt  Essen für die exorbitant gestiegenen Unterhalts- und Betriebskosten aufkommen. Die klassische museale Trias Sammeln, Bewahren, Erforschen wird nunmehr ersetzt durch Wasser, Strom, Heizung. Selbst für die Sicherheit fehlt häufig das Geld, weshalb es nicht selten zu spektakulären Gemäldediebstählen kommt. So gesehen wird immer stärker für eine Selbstverpflichtung der Kommunen plädiert: Museumsneubauten sollten nur noch zugelassen werden, wenn vorher alle Folgekosten finanziell geregelt sind.

Über die Eintrittspreise der Besucher generieren die Museen im Schnitt 10 bis 20 Prozent ihrer Einnahmen. Das ist nicht sehr viel, sodass die Museumsmanager immer wieder den Gedanken erwägen, den Eintritt in ihre Häuser kostenfrei zu machen. Am ZKM in Karlsruhe gibt es einen eintrittsfreien Freitagnachmittag, das Folkwang Museum in Essen darf man neuerdings sogar jeden Tag kostenfrei besuchen. Den Einnahmeausfall erstattet die Krupp-Stiftung für zunächst fünf Jahre. Die Besucherfrequenz in Essen hat sich durch diesen Verzicht rapide erhöht: von 1.500 auf 7.500 Personen im Monat. Über die Cafeteria, die Shops sowie durch die Vermietung attraktiver Konferenzräume gelingt es manchen Häusern nicht selten, die Einnahmeausfälle zu kompensieren. Außer dem schafft man es, junge Menschen für das Museum zu interessieren und generell ist damit ein Imagegewinn verbunden.

Magere Ankaufetats

Die reiche deutsche Museumslandschaft war seit langem das Resultat einer glücklichen Verbindung zwischen öffentlichen und privaten Engagements. Beim Ankauf neuer Kunstwerke hält sich die öffentliche Hand seit einiger Zeit allerdings sehr zurück. So verfügte die Berliner Nationalgalerie mit ihren sechs Häusern im Jahr 2011 über gerade mal 65.000 Euro - das sind 1,2 Prozent der betrieblichen Sachkosten. Der Alten und Neuen Pinakothek in München standen 49.050 Euro staatliche Gelder zur Verfügung. Die Städtischen Museen in Freiburg - fünf an der Zahl - müssen sich einen Ankaufsetat von gerade mal 10.000 Euro im Jahr teilen. Bemerkbar macht sich diese Geldklemme auch bei Sonderausstellungen, weil die Versicherungssummen für entliehene Werke anderer Museen immer mehr ansteigen.

Zum Glück gibt es noch die privaten Donatoren, denn viele Kunstwerke gelangen an die Museen - wie die Amerikaner sagen - über Death, Debts and Divorce. Aber nichts ist umsonst, denn große Privatsammler verlangen von den Museen häufig einen eigenen Anbau oder Flügel, wo ihre Sammelleidenschaft eins zu eins für die Ewigkeit weitergeführt werden soll. Beispielhaft dafür ist die Sammlung von Udo und Anette Brandhorst in München, wo der Freistaat Bayern - für 120 Millionen Stiftungsvermögen - einen spektakulären Neubau für 48 Millionen Euro spendieren musste. Alternativ bauen manche Privatsammler gleich ihre eigenen Museen, als wollten sie sagen: Ich zeige euch, wie es geht, ich kann es sowieso besser.

Ein hohes Risiko beim Ankauf neuer Kunstwerke ist die Provenienz (Herkunft), welche oft nicht ausreichend dokumentiert und nachweisbar ist. Das Freiburger Museum für Neue Kunst bekam das vor einigen Jahren zu spüren: die in New York lebende Erbin eines jüdischen Kunstsammlers aus Dresden, der von den Nationalsozialisten verfolgt und zum Verkauf seiner Sammlung gezwungen wurde, beanspruchte ein wertvolles Gemälde von Otto Dix für sich. Am Ende stimmte die Stadt Freiburg zu und kaufte mit Hilfe mehrerer Stiftungen des Bundes dieses wichtige Werk der Kunstgeschichte für knapp eine Million Euro zurück. Inzwischen lassen die Freiburger Museen mit Hilfe eigens engagierter Provenienzforscher ihre Bestände überprüfen. Besonders bei Werken der Klassischen Moderne ist die Provenienz häufig lückenhaft und damit risikobehaftet.

Schlussendlich: 
Fast alle Museen in Deutschland und anderswo haben Finanzprobleme. Ausgenommen sind nur das gute Dutzend internationaler Großmuseen mit einer spektakulären Architektur, bei dem der Bau sich nahezu selbst genügt. Die Exponate sind hier eigentlich nur noch Zugabe.

Und ein Museum in Köln, das jährlich von 650.000 Besuchern frequentiert wird, damit das beliebteste Museum der Domstadt ist und keinerlei staatliche Unterstützung benötigt:
das Schokolademuseum der Firma Stollwerck AG.

Samstag, 12. März 2016

Nobelpreis für die Chronistin des Grauens

Wenn zur Herbstzeit, während der Frankfurter Buchmesse, die Nobelpreise für Literatur vergeben werden, dann ist meist eine Überraschung angesagt. Selbst die cleveren Londoner Buchmacher liegen häufig mit ihren Wetten schief - sonst wären die "ewigen Favoriten" wie Philipp Roth (USA), Haruki Murakami (Japan), Salman Rushdie (Indien) und Peter Handke (Deutschland) längst nobiliert worden. Ein weiterer auf dieser short list, der Italiener Umberto Eco, hat kürzlich das Zeitliche gesegnet.

Am 10. Oktober des Vorjahres war es nicht anders, als die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch zur Nobelpreisträgerin für Literatur ausgerufen wurde. Gemunkelt wird, es sei hilfreich gewesen, dass das 6-köpfige Stockholmer Preiskomittee kurz zuvor eine Frau, nämlich Sara Danius, zur Vorsitzenden bekam. Danius soll sich angeblich für ihr erstes Dienstjahr eine Frau als Preisträgerin gewünscht haben und möglicherweise wollten sich ihre fünf Akademikerkollegen nicht gleich zu Beginn bei ihrer Chefin unbeliebt machen.


Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch (geb.1968)

Die geborene Sowjetrussin Swetlana Alexijewitsch steht damit in einer Reihe mit drei berühmten Vorgängern aus ihrem Land, den Romanschriftstellern Boris Pasternak (Preis 1958 verliehen), Michail Scholochow (1965) und Alexander Solschenizyn (1970). Aber nur vordergründig gehört Swetlana in die Liste dieser Romanciers. Sie hat eine eigenständige Form von Literatur geschaffen, die durchaus gewöhnungsbedürftig ist und an die sich das Schwedische Komitee erst gewöhnen musste - obwohl die derzeit in Minsk lebende Weißrussin dafür bereits 2013 mit dem Preis der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet wurde.

Eine Archivarin der russischen Geschichte

Svetlana A. hat in vierzig Jahren ein halbes Dutzend Bücher geschrieben, welche die fast hundertjährige Geschichte der Sowjetunion und Russlands abdecken. Es sind keine Fiktionen, sondern allesamt "Tatsachen"-Romane. Sie entstanden in ihrer vollgestellten Küche, wo sie sich mit Soldatenmüttern unterhielt und mit Kriegskindern, mit Rotarmisten und den Opfern der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Das Gesagte wurde in Hunderten von Tonbandprotokollen festgehalten; die Gespräche und Interviews erstreckten sich über Stunden,Tage und manchmal auch über Wochen bis Monate. Zum Schluss, aber erst zum Schluss, fasste die Schriftstellerin ihre Gespräche collagenartig zusammen. Nach dieser aufwendigen Vorbereitung erscheinen ihre Bücher wie große "Chorwerke". Sie selbst nennt ihre Werke "Romane der Stimmen". Es sind  "Dokumentarromane", welche es in dieser Form bisher nicht gab, weswegen Svetlana auch zu Recht den Nobelpreis der Literatur erhalten hat.

In dem Roman "Zinkjungen" erzählen Soldaten und ihre Mütter vom Morden und Sterben in dem sinnlosen Afghanistan-Krieg. Am Ende waren es 15.000 Soldaten, die in dem zehnjährigen Inferno ihre Leben lassen mussten. Ihre Leichen durften den Angehörigen nur in kurzen, zugeschweißten Zinksärgen übergeben werden, was den Titel des Werks reflektiert. Der O-Ton einer Mutter im Buch: Ich weiß noch, der Sarg wurde ins Zimmer gebracht, ich habe mich darauf geworfen und wollte immer messen, messen...ein Meter, zwei Meter... mein Sohn ist doch fast zwei Meter lang...Wie eine Irre habe ich mit dem Sarg geredet: "Wer ist da drin, bist du da drin mein Sohn?"...




Ewiges Russland


Wenig bekannt ist, dass Millionen sowjetrussischer Frauen im 2. Weltkrieg an der Front waren, bereit für ihr Vaterland als Schütze, Infanterist, ja sogar als Panzerfahrer zu sterben. Insbesondere ab 1943, als es kaum mehr Männer zu rekrutieren gab, wurden ganze Güterzüge von Frauen in die vordersten Kampflinien geschickt - ohne sonderliche militärische Grundausbildung. Nach dem Krieg waren sie vergessen. Die Orden und Ehrenzeichen erhielten die feisten Generäle, welche sich zumeist in den rückwärtigen Etappen aufgehalten hatten.  Swetlana Alexijewitsch setzt diesen unbekannten tapferen Sowjetfrauen ein Denkmal mit Ihren Buch: "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht."


Der anschließende Kalte Krieg ist seit über zwanzig Jahren vorbei, doch das postsowjetische Russland sucht noch immer nach einer neuen Identität. In ihrem Buch: "Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus" lässt die Schriftstellerin diese Zeitperioden Revue passieren. Während man im Westen immer noch von der Gorbatschow-Zeit schwärmt, will man sie in Russland am liebsten vergessen. Inzwischen gilt sogar Stalin vielen  - auch unter den Jüngeren - wieder als der große Staatsmann. Für Swetlana leben die Russen gleichsam in einer Zeit des "secondhand", der gebrauchten Ideen und Werte.


Wladimir Putin kommt bei der Nobelpreisträgerin nicht gut weg. Für ihn ist das Ende der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Er hat seine Politik darauf ausgerichtet, die Schmach des Auseinanderbrechens vergessen zu machen: Russland soll wieder eine Weltmacht werden. Deshalb will er alles dem Begriff der "Größe" unterordnen: Das Zarenreich war groß, die Sowjetunion war groß und heute ist Russland (immer noch) groß.


In der Sowjetunion haben die Menschen nichts als Furcht und Autorität gekannt. Die heutigen Russen haben - nach Swetlana - "nicht die geringste vage Vorstellung darüber, was eine Zivilgesellschaft sein könnte". Sie akzeptieren die neuen Kriege in der Ukraine, der Krim und in Syrien als den direkten Weg zur Wiederauferstehung des großen russischen Weltreiches.

Sonntag, 28. Februar 2016

Eine Reise zum Schwarzen Loch

Die Deutschen sind Reiseweltmeister. Mancher Abiturient, mit einem 3,1 Examen, bekommt von seinen freudig erregten Eltern, zum Dank für seine Leistungen, nicht selten eine Reise nach Neuseeland geschenkt. Im anschließenden Berufsleben, etwa als Schraubenvertreter, hat er schon bald den ganzen Globus bereist. Es fehlt erkennbar an neuen Reisezielen, unsere gute alte Erde ist uns einfach zu eng geworden - auch wenn wir (kostenfrei!) jedes Jahr mit ihr um die Sonne schippern. Immerhin eine Reise von ca. einer Milliarde Kilometern durch den Weltraum, die in der Regel ohne  Unfälle verläuft und viel zu wenig geschätzt wird.

Neue Reiseziele müssen also her. Unsere Nachfahren in einigen hundert Jahren werden dies noch dringlicher empfinden als wir heutzutage. Vermutlich wird man im Jahr 2516 Ausflüge ins äußere Sonnensystem oder gar in die Tiefen des Universums anbieten. Dort kann man beispielsweise neue Planeten ansteuern. Leider sind diese Exoplaneten zumeist reine Gaskörpern, in die man einsinken und ersticken kann. Oder sie bestehen aus langweiligem Gestein ohne Fauna und Flora, die wegen  fehlender Atmosphäre nur schwer zu bewohnen sind. Nein - ich empfehle unseren Nachgeborenen etwas viel spannenderes: eine Reise zu einem Schwarzen Loch.

Schwarze Löcher können entstehen, wenn ein leuchtender Stern seinen Energievorrat aufgebraucht hat und anschließend implodiert, also aufgrund seines restlichen Gewichts in sich zusammenkracht. (Wie die abgebrannten Holzscheite in einem Kamin). Es entsteht eine Art "kosmisches Abflussrohr": alles was in seine Nähe kommt - ob Materie oder Licht - wird von dem Schwarzen Loch einfach verschluckt. Im Falle unserer Sonne hätte das - vermutlich erst in fünf Milliarden Jahren - entstehende Schwarze Loch einen Restdurchmesser von nur ca. sechs Kilometern; würde man die Erde zu einem Schwarzen Loch verpressen, so kämen sogar nur zwei Zentimeter heraus. Im Innern unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, befindet sich ein geradezu monströses Loch, das die Masse von ursprünglich vier Millionen (!) Sonnen auf die Größe unseres derzeitigen Sonnensystems zusammen presst.


 Schwarzes Loch mit Ereignishorizont
(-sofern man es mit den Augen sehen könnte)

Was genau sich in einem Schwarzen Loch befindet, das weiß niemand wirklich, da man - einmal angezogen - ihm nicht mehr entkommen kann. Allgemein wird dort eine Art "hochverdichtete Energie" vermutet, die eine gigantische Gravitationskraft auf ihre Umgebung ausübt.

Für interstellare Reisen, insbesondere wenn man sie (fast) mit Lichtgeschwindigkeit durchführen möchte, braucht man viel Energie. Mutig unterstellen wir mal, dass in fünfhundert Jahren der Raketenantrieb mit sogenannter Antimaterie zur Verfügung steht. Man kann diese (negativ geladene) Materie heute schon - in geringen Mengen - in Teilchenbeschleunigern wie dem LHC in CERN erzeugen. Im Kontakt mit gewöhnlicher Materie wird die Antimaterie sofort "vernichtet". Es entstehen bei diesem Kernprozess allerdings "Strahlen", die man, zumindest theoretisch, als "Treibgas" für Raumschiffe verwenden könnte.

Noch im Sonnensystem

Wenn unser Raumschiff in 500 Jahren startet, dann ist für die auf der Erde zurückbleibenden Menschen sicher, dass sie dessen Rückkehr nicht mehr erleben werden. Nehmen wir an, dass das Raumschiff eine Geschwindigkeit von 99,9 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht und 10 Jahre unterwegs ist (nach Wahrnehmung der Insassen!), so sind für die Menschen auf der Erde mittlerweile mehr als 10.000 Jahre vergangen. Kaum jemand wird sich noch an diese Mission erinnern. Diese Zeitdifferenz errechnet sich aus der Speziellen Relativitätstheorie, welche der Physiker Albert Einstein 1905 herausgeknobelt hat und die inzwischen vielfach experimentell bewiesen ist.

Ein lohnendes erstes Ziel wäre für unsere Raumfahrer sicherlich der Planet Saturn, welcher ungefähr zehn Mal so weit von uns entfernt ist, wie die Sonne. Der Saturn ist nicht nur ein Gasplanet, sondern ein wahres Kunstwerk am Himmel. Er ist von tausenden schmalen Ringen umgeben, die - wie eine Hutkrempe - den Planeten umschließen. Steuert unser Raumschiff zu diesem attraktiven Ringsystem, so stellt die Besatzung bald fest, dass es vergleichsweise sehr dünn ist. An den meisten Stellen ist es nur wenige Meter dick und die kubikmetergroßen Bruchstücke bestehen in der Regel aus Wassereis mit Silikatbeimengungen. Das Durchqueren der Ringe ist also kein Problem, zumal die Trümmer kilometerweit auseinander liegen.

Jenseits vom äußersten Planeten Neptun, etwa fünfzig Sonnenabstände von der Erde, erstreckt sich der sogenannte Kuiper-Gürtel. Diese ringförmige Region ist gewissermaßen der Schrottplatz aus der früheren Planetenbildung. Schätzungsweise 70.000 Objekte, einige mehr als hundert Kilometer im Durchmesser, kreisen dort und kommen gelegentlich auch in Erdnähe. Dort werden sie als Kometen wahrgenommen. Der berühmteste unter ihnen ist der Halleysche Komet, welcher im Mittel alle 76 Jahre der Erde einen Besuch abstattet. Seine nächste Wiederkehr ist für das Jahr 2061 berechnet.

Eine weitere Trümmeransammlung, die sogenannte Oortsche Wolke, befindet sich noch weiter außen und bildet sozusagen die Begrenzung unseres Sonnensystems. Mehr als eine Milliarde von kleinen Himmelskörpern tummelt sich dort und wird - trotz der riesigen Entfernung - von der Gravitationskraft unserer Sonne in der Spur gehalten. Noch ist die Oortsche Wolke nur über Berechnungen nachgewiesen; unser Raumschiff würde ihre Existenz erstmalig verifizieren.

Am Schwarzen Loch

Allmählich verlässt unser Raumschiff das Sonnensystem. Unsere Sonne ist nur noch als kleines leuchtendes Pünktchen zu sehen. Die Raumfahrer begreifen, dass das Universum zum allergrößten Teil aus "Nichts" besteht. Die Abstände zu den Sternen und Planeten sind gigantisch. Es dauert fast vier Jahre, bis das Raumschiff in die Nähe der nächsten Sonnen gerät, des Doppelsterns Alpha Centauri. Er besitzt nur einen Planeten, der aus Gas besteht und demnach unbewohnbar ist. Nach weiteren vier Jahren taucht der hell leuchtende Stern Sirius auf. Er gehört zu den jungen Sonnen mit einem geschätzten Alter von nur 240 Millionen Jahren. Und weiter geht die Reise. Die Mannschaft an Bord (einige tausend Menschen) beginnt sich zu reproduzieren. Die ersten Kinder werden geboren und in der Bordschule in den Zweck der Mission eingeweiht. Sie haben nie etwas anderes gesehen als das dunkle Weltall und finden sich damit ab.

Endlich, nach vielen Jahren, nähern sich die Raumfahrer dem Ziel ihrer Reise. Die Gravitationswellen deuten an, dass ein mittelgroßes Schwarzes Loch bestehend aus ehemals 30 Sonnen am Horizont sein muss. Die Analyse dieser Wellen ergibt jedoch, dass man noch weit vom sogenannten "Ereignishorizont" entfernt ist. Man spricht auch vom "Schwarzschild-Kreis", benannt nach dem deutschen Mathematiker Karl Schwarzschild. Als Artillerieleutnant an der russischen Front 1916 löste dieser die Grundgleichungen der ein Jahr zuvor von Einstein entdeckten Allgemeinen Relativitätstheorie und kam zu der Erkenntnis, dass ein Schwarzes Loch ab einer gewissen Entfernung (nämlich dem Schwarzschild-Radius) alles in sich aufsaugt. Es gibt kein Entkommen mehr für nahe Himmelskörper, ja sogar Lichtstrahlen werden absorbiert. Die gilt natürlich auch für Raumfahrer, welche sich einem Schwarzen Loch bis zum Schwarzschild-Radius (ca. 100 Kilometer vor dem Loch) nähern sollten. Vergleichbar ist dies mit dem Zulauf zu einem Wasserfall. Wer als Paddler auf dem kanadischen Niagarafluss sich den berühmten Wasserfällen nähert, sollte rechtzeitig umkehren, um nicht von den abstürzenden Fluten mitgerissen zu werden.


Die Niagara-Wasserfälle
(oben rechts der zufliessende Niagarafluß)

Und was würden unsere Raumfahrerkolonie in der Nähe des Ereignishorizonts sehen? Enttäuschenderweise fast gar nichts, denn da selbst die Lichtstrahlen darin verschluckt werden, könnten sie nicht auf die Augen der Raumfahrer treffen. Also: mit Vollgas zurück Richtung Erde, um nicht in diesen Schlund hineingerissen zu werden.

Doch man darf annehmen, dass es zumindest einen mutigen jungen Raumfahrer gäbe, der damit nicht zufrieden wäre. Mit einem kleinen Beiboot würde er sich aussetzen lassen, um in Richtung des Loches zu steuern.  Angenommen die Beine des Astronauten wären auf das Loch ausgerichtet, dann würde er dort - anders als an Kopf und Schultern - bald ein gewisses "Ziehen", ähnlich wie bei einer mittelalterlichen Streckbank, spüren. Recht schnell würde der Schmerz den ganzen Körper erfassen und zum Tod des jungen Mannes führen. Bei einem rotierenden Loch würde er sogar noch zu einem "Spaghetti" verdrillt. Seine Schmerzensschreie kämen beim Mutterschiff  glücklicherweise nicht an, denn sie würden vom Schwarzen Loch verschluckt. Schließlich werden auch noch die Körperatome und -elektronen unseres mutigen Raumfahrers zerlegt werden und von ihm wäre nichts weiter übrig

als ein bisschen Energie - allerdings für den Rest der Ewigkeit.

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