Montag, 20. März 2017

Freihandel, Protektionismus und "Trumpismus"

Frau Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, befand sich am Montag vergangener Woche bereits in ihrem Auto zum Berliner Flughafen Tegel, als sie ein Eilanruf des US- Präsidenten erreichte. Donald Trump bat um Verschiebung des für den nächsten Tag anberaumten Gesprächstermins im Weißen Haus, weil die amerikanischen Meteorologen einen Schneesturm (Blizzard) vorher gesagt hatten, der die Landung von Flugzeugen an der Ostküste unmöglich machte. So blätterten die beiden Super-alpha-Tiere eigenhändig in ihren Terminkalendern und verschoben das Gespräch auf den Freitag in der gleichen Woche. Sicherlich zum Missfallen von Joachim Gauck, der am gleichen Tag vor Schloss Bellevue mit einem Zapfenstreich - im Beisein der Kanzlerin - verabschiedet werden sollte.

Für Merkel war das Treffen im Washington keine vergnügungssteuerpflichtige Angelegenheit. Donald war während des üblichen Fototermins erkennbar so grantig, dass er Angela sogar den  Handschlag verweigerte. (Später korrigierte sein Pressesprecher Sean Spicer diesen Fauxpas dahingehend, dass der Präsident die Bitte der Fotografen überhört habe. Na ja).


Gute Freunde im Gespräch

Praktisch zeitgleich mit dem Treffen in Washington fand in Baden-Baden eine Konferenz der G20-Finanzminister statt. Das Ergebnis war hüben wie drüben das Gleiche:
Die Amerikaner weigerten sich, ein klares Bekenntnis zum Freihandel und gegen den Protektionismus abzugeben. In Zukunft gelte für die USA die Trump-Doktrin: America First!
In der Kurstadt konnten sich die G20-Teilnehmer noch nicht einmal auf ein Abschlussprotokoll einigen. Der Welthandel steht damit vor einem Riesenproblem.

Der Freihandel - nicht nur positiv

Die Begriffe Freihandel und Protektionismus spielen eine große Rolle in der Volkswirtschaft und werden deshalb an den Universitäten intensiv gelehrt. Als Freihandel bezeichnet man den internationalen Handel, der nicht durch Hemmnisse, wie Zölle oder Importkontingente eingeschränkt ist. Die Reedervereinigung Hanse war ab dem 12. Jahrhundert der erste bedeutende Wirtschaftsbund Europas, bei dem die Grundlagen für einen freien Warenaustausch gelegt wurden. Im Jahr 1353 schlossen England und Portugal wechselseitige Verträge zur Handelsfreiheit für ihre Kaufleute ab. Der Deutsche Zollverein bewirkte in der Bismarck-Ära die Abschaffung der Zölle für viele industrielle Produkte im Deutschen Bund. Die sogenannte Globalisierung zielte nach dem 2. Weltkrieg auf die vollständige Liberalisierung des Welthandels und wurde in den (nur zum Teil realisierten) Abkommen NAFTA und TTIP weiter gedacht.

Die wirtschaftswissenschaftliche Begründung des Freihandels geschah i.w. durch Adam Smith und David Riccardo. Sie forderten, dass sich jedes Land auf die Produktion solcher Güter konzentrieren solle, die es relativ günstiger als ihre Nachbarn herstellen könne. Die Begriffe der absoluten und relativen Kostenvorteile geht auf diese frühen Nationalökonomen zurück. Die in der Nachkriegszeit gegründeten Welthandelsorganisationen WTO (früher GATT) haben in acht Verhandlungsrunden den heute erreichten Abbau der Zölle bewirkt.

Aber in einer Welt mit ca. 165 Ländern garantiert das System des Freihandels keine Stabilität. Die wirtschaftlich und politisch stärksten Ländern würden die Macht an sich reißen. Deshalb ist es notwendig Sperren einzubauen, sodass die Unterschiede Arm/ Reich nicht zementiert und perpetuiert werden. Im folgenden Abschnitt werden dafür Beispiele genannt.


Der Protektionismus - nicht immer schlecht

Will ein Staat (oder eine Freihandelszone, wie EU) seinen eigenen Binnenmarkt schützen, so kann er zu verschiedenen protektionistischen Maßnahmen greifen:

- er kann Zölle auf importierte Güter erheben, die wie eine Art Steuer wirken;
- er kann die Importmenge bestimmter Güter durch Kontingente begrenzen;
- er kann das Überleben bestimmter Branchen durch Gewähren von Subventionen sichern;
- er kann den Export durch Exportsubventionen steigern;
- er kann die sog. Konformitätsanforderungen verschärfen (Z.B. DIN, "deutsches Bier" etc.)

Anfällig für Protektion sind die Rüstungskonzerne, wo Sicherheitsinteressen zum Tragen kommen. Auch die Nahrungsmittelhilfen für die Bauern sind ein bekanntes Beispiel. Schließlich sind aufstrebende Unternehmen zu nennen, deren Produkte über eine gewisse Entwicklungszeit protegiert werden sollen. Protektionismus in Maßen, keine rigide Abschottung, kann also durchaus eine Weile Sinn machen.


Trump - gegen die Festung Europa

Der amerikanische Präsident, ein erfahrener Geschäftsmann, liebt die "Deals" mit kleineren und schwächeren Partnern. Der britische Brexit kam ihm dabei sehr gelegen; kein Wunder, dass er die  Premierministerin Theresa May schon bald nach seiner Ernennung zu Gesprächen ins Weiße Haus eingeladen hat. Zur Europäischen Union hat der Präsident ein distanziertes Verhältnis. Mit 500 Millionen Konsumenten, einer beachtlichen Wirtschaftskraft und sogar einer eigenen Währung ist diese Freihandelszone für ihn kein Partner mehr, sondern eher ein gleichrangiger Konkurrent. Deshalb animiert Trump - mehr oder weniger unverhohlen -  auch andere EU-Länder zum Austritt und bietet ihnen eigenständige Handelspartnerschaften an.

Deutschland, aufgrund seiner Einwohnerzahl und seiner wirtschaftlichen Potenz, ist ihm da ein besonderer Dorn im Auge. Und Angela Merkel, als derzeit wichtigste europäische Figur, versucht er klein zu reden - insbesondere wegen der nicht wegzudiskutierenden deutschen Handelsüberschüsse. Er droht mit Importzöllen, welche vor allem die deutschen Autohersteller belasten könnten. Dabei unterschlägt der amerikanische Präsident allerdings, dass deutsche Firmen in den USA eine Million Arbeitsplätze sichern und dort 250 Milliarden Euro investiert haben. Und deutsche Produkte in den USA häufig nachgefragt werden, weil sie einfach "besser" sind.

Aber Trump sitzt an einem langen Hebel. Die USA sind ein Riesenmarkt, auf dem jede Exportnation ihre Erzeugnisse verkaufen möchte. Was sollte den Präsidenten hindern, "unliebsame" deutsche Produkte, wie die vielbesagten BMWs, mit einer speziellen Mehrwertsteuer zu belegen? Mit den daraus generierten Einkünften könnte er sogar noch einen Teil seines beachtlichen Haushaltsdefizits vermindern. Hinzu kommt der immer wieder angemahnte sicherheitspolitische Lastenausgleich, sprich: die Erhöhung der NATO-Zahlungen.

Egal, wie lange Trump noch im Amt sein wird: die Welt wird sich verändern.
Und wahrscheinlich nicht zu Gunsten der Europäer und der Deutschen.





  

Sonntag, 5. März 2017

Der Rückbau im Kernforschungszentrum Karlsruhe - langsam und teuer

Der Rückbau der kerntechnischen Versuchsanlagen am ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) geschah bis zum Jahr 2009 in der Verantwortung des KfK durch den "Geschäftsbereich Stilllegung". Bei der Gründung des "Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)" ging dieser Geschäftsbereich in die "WAK GmbH" über, einem Tochterunternehmen der "Energiewerke Nord GmbH (EWN)". Im Februar 2017 wurde aus der WAK GmbH die Firma "Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe GmbH (KTE)". Die Finanzmittel zum Rückbau der Altanlagen stammen mehrheitlich vom Bund, mit einem geringen Landesanteil.

Gegenüber der Anfangszeit unter der Führung des Kernforschungszentrums hat das Tempo des Rückbaus stark abgenommen. Bei keinem Projekt wurde das Ziel Abriss bis zur "Grünen Wiese" erreicht. Stattdessen sind die Projekttermine ständig nach hinten verschoben worden und die Kosten haben sich dramatisch erhöht. Im Jahr 2015 hat der Bundesrechnungshof (BRH) eingegriffen und die Geschäftsführung der WAK GmbH dafür heftig kritisiert.

Um den sachlichen Hintergrund besser einschätzen zu können, wird in den zwei folgenden Kurzabschnitten  der jetzige Stand der Projektabwicklung, und die Kritik des BRH beschrieben.


Der terminliche Stand der wichtigsten Entsorgungsprojekte

Die "Lebenszeit" eines Kernkraftwerks (KKW) oder eines anderen nuklearen Projekts teilt man üblicherweise in drei Phasen ein: Bau, Betrieb und Rückbau (bis zur sog. "Grünen Wiese"). Technisch weit anspruchsvoller sind in der Regel Bau und Betrieb. Dort hat man es mit der Planung und dem Bau neuartiger Anlagen zu tun; der Betrieb erfolgt zumeist unter hohem Atmosphärendruck oder unter Nutzung neuartiger Kühlmittel, wie Natrium. Der Rückbau ist eher "Pathologie", unter Zersägen der Baukörper (häufig durch Roboter) und Beachtung einfacher Strahlenschutzvorschriften.
Bei den jetzigen Nuklearprojekten der KTE gilt folgende Phaseneinteilung:

KKW-MZFR: Bau: 4 Jahre; Betrieb: 19 Jahre; Rückbau: seit 33 Jahren
KKW-KNK I+II: Bau: 8 Jahre; Betrieb: 17 Jahre; Rückbau: seit 26 Jahren
Reaktor FR 2: Bau: 4 Jahre; Betrieb: 20 Jahre; Rückbau: seit 36 Jahren
WAK: Bau: 5 Jahre; Betrieb: 19 Jahre; Rückbau: seit 26 Jahren

Keine dieser Anlagen ist bislang zur Grünen Wiese rückgebaut!

Vorher wurden durch den Stilllegungsbereich der KfK folgende Kernkraftwerke (allerdings nach kurzer Laufzeit) bis zur Grünen Wiese rückgebaut:

KKW- Niederaichbach: Grüne Wiese 1995
KKW - HDR: Grüne Wiese 1998


Die Kritik des Bundesrechnungshof (BRH)

Der Bundesrechnungshof hat im April 2015 einen Bericht veröffentlicht, in dem er zu den Mängeln beim Management des Rückbaus der staatlichen Karlsruher Nuklearanlagen Stellung nimmt. Die Langfassung dieses Reports umfasst 52 Seiten, sodass er im Folgenden nur partiell wiedergegeben werden kann.

Gleich zu Beginn weisen die Kontrolleure auf drastisch unterschiedliche Kosten- und Terminschätzungen hin. Für WAK (jetzt KTE) wurde noch vor wenigen Jahren ein Finanzbedarf von 2,6 Milliarden Euro ermittelt, dieser soll inzwischen auf 4,2 Milliarden angestiegen sein, in einem FAZ-Interview sogar auf über 5 Milliarden.  Im gleichen Zeitraum hat sich der Endtermin für den Abschluss aller Rückbauarbeiten vom Jahr 2035 auf 2063 drastisch nach hinten verschoben.

Konsequenterweise bemängelt der BRH erhebliche Defizite in der Projektorganisation, außerdem vermisst er die Anreize für eine wirtschaftliche Projektverwaltung, was besonders in Richtung der Geschäftsführung zielt. Auch die Dachgesellschaft EWN kommt nicht gut weg. Hier wünschte man sich eine stärkere Nutzung von Synergieeffekten, welche sich beim Rückbau vieler gleichartiger Projekte ergeben sollte. Offensichtlich sei die Zusammenarbeit der Beteiligten nicht optimal organisiert worden.

Auch das Controlling ist mit Mängeln behaftet. Die Projektkostenschätzungen sind häufig nicht aktuell und z. T. fehlerhaft. Durch immer wieder auftretende Verzögerungen ergäben sich erhebliche Mehrkosten. Darunter leide auch die Transparenz des Gesamtvorhabens, was zu signifikanten Mehrkosten und Terminverzögerungen führe.


Zügiger Rückbau in der Anfangszeit

Der Rückbau der nuklearen Altanlagen wurde vom ehemaligen Kernforschungszentrum bereits in den neunziger Jahren betrieben. Welcher Stand dabei erreicht wurde, kann man in alten Fortschrittsberichten nachlesen. Für die beiden Kernkraftwerke MZFR und KNK ist der Rückbaustatus um die Jahrhundertwende gut dokumentiert. (Ähnliches gilt für die Wiederaufarbeitungsanlage WAK). Er wird im Folgenden kurz wiedergegeben:

Beim Kernkraftwerk MZFR waren schon bald nach der Abschaltung (1984) der Reaktorkern entladen, sowie das mit Tritium kontaminierte Schwerwasser abgepumpt und entsorgt. Im Jahr 1995 hatte man schon 5 atomrechtliche Teilgenehmigungen (TG) für den Abriss erlangt, womit alle Anlagenteile außerhalb des Primärsystems rückgebaut werden konnten. Bald waren die Kühltürme, die D2O-Anreicherungsanlage und das Notstromsystem abgerissen. Die Dekontamination des Primärsystem erfolgte durch externe Kleinunternehmen. Eine weitere TG ermöglichte den Abtransport der Großkomponenten durch eine Materialschleuse. Für die Zerlegung des Reaktortanks erhielt man 1998 nicht weniger als 15 Angebote von Subfirmen, u. a. von der Firma DETEC. Der Abschluss dieser Arbeiten war für das Jahr 2001 geplant. Die Betriebsmannschaft war inzwischen von ursprünglich 115 auf 20 Personen zurückgefahren und auf andere Kernkraftwerke, wie Philippsburg, verteilt worden.

Beim Kernkraftwerk KNK wurde schon bald nach der Abschaltung (1991) mit dem Rückbau begonnen. Die Brennelemente und der Plutoniummischoxidkern waren schon 1994 entladen und entsorgt; die 70 Tonnen radioaktives Natrium zur Gänze im Jahr 1998. Zwischenzeitlich wurde das Tertiärsystem und das Sekundärsystem samt Wärmetauscher und Luftkühler ausgebaut. Der Turbogenerator erhielt einen neuen Eigentümer - in Indien. Das Betriebspersonal wurde (ohne Entlassungen!) von 120 auf 22 reduziert. Die weitere Planung sah die Einbindung eines Subunternehmers für die Zerlegung des Reaktortanks vor. Mit dem Abriss der Gesamtanlage rechnete man damals bis zum Jahr 2003.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Rückbau der Anlagen MZFR und KNK (sowie der WAK) in der Anfangszeit recht zügig verlaufen ist. Danach sind jedoch, gerechnet von 1997 bis 2017, volle zwanzig Jahre vergangen, ohne, dass auch nur eine einzige Anlage bis zur Grünen Wiese abgeräumt worden wäre. Was ist in diesen abgelaufenen zwei Jahrzehnten eigentlich geschehen?


Mangelhafte Transparenz

Die Dokumentation über die Firma KTE, ihre Tätigkeiten und Ressourcen ist spärlich. In den Bibliotheken des nahen KIT gibt es darüber praktisch nichts Aktuelles. Das ist um so erstaunlicher, als die KTE zwei hauptamtliche  Referenten für ihre Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt (wohingegen  beim früheren Stilllegungsbereich der KfK dafür nur eine halbe, nebenamtliche Stelle vorgesehen war). Dieses KTE-Duo hat in den letzten vier Jahren ganze vier Presseinformationen veröffentlicht, also im Schnitt eine Info pro Jahr. Zwecks weitergehender Informationen für diesen Blog wandte ich mich vor wenigen Tagen an Herrn Peter Schira (den Boss der Öffentlichkeitsarbeit) mit der Bitte um Unterlagen, wie Jahresberichte, Organigramme, Termin- und Kostenpläne etc. In einem knappen 4-Zeilen-Mail verwies dieser auf den Internetauftritt der KTE; weitere  Informationen gäbe es für mich nicht. Basta.

Im Internet konnte ich bei KTE.de viele bunte Bildchen entdecken, nebst pauschalen Erläuterungsversuchen in Halbsätzen. Wer sich über die Finanzierung des Unternehmens KTE schlau machen möchte, der kann im Abschnitt EWN-Gruppe folgendes erfahren: "Die Finanzierung erfolgt durch die öffentliche Hand" Weiter nichts, nur dieser einzige Satz. Keine ergänzende Angabe zur Höhe der Zuwendungen. Das Geld fällt bei KTE offensichtlich wie Manna vom Himmel. Kein steter Kampf um Drittmittel, wie beim benachbarten KIT.

Über die Termine und Budgets der einzelnen Rückbauprojekte kann man unter dem Abschnitt Unternehmenspolitik folgendes nachlesen: "Die KTE hält vorgegebene Termine und Budgets ein". Hoppla, das las sich doch im o. g. Bericht des Bundesrechnungshof ganz anders. Eigentlich haben die KTE (und ihr Vorläufer WAK GmbH) ihre Termine und Budgets doch recht selten bis nie eingehalten. Kurzum: der Internetauftritt des Millionenunternehmens KTE ist für Steuerzahler wie mich - Pardon - eine reine Verarsche.

Die Defizite in der Öffentlichkeitsarbeit der KTE sind endlos. Eine Firma, die - nach meiner persönlichen Schätzung - jährlich um die 150 Millionen Euro an Steuergeldern verbrät, kann noch nicht einmal einen Jahresbericht vorweisen, aus dem detailliert die Tätigkeiten und die finanziellen Ressourcen hervorgehen. Für die ca. 600 Mitarbeiter (nebst einigen gutbezahlten externen "Beratern") gibt es kein vorweisbares Organigramm, keine Aufteilung in befristete und unbefristete Arbeitsverträge. Das Unternehmen KTE ist eine "Black Box" im Dunkel des nahen Hardtwalds, wo man aber, abgeschirmt von der Öffentlichkeit,  bis zum Jahr 2063 weiterwursteln möchte. Eine Firma mit Bestandssicherung über Generationen hinweg. Wo anderwärts gibt es das heute noch?


Strategiefehler?

Analysiert man die Projektstrategie der KTE resp. WAK beim Rückbau der Nuklearanlagen, so erscheinen einige Entscheidungen des Managements unlogisch, möglicherweise sogar als falsch - mit der Folge, dass sich dadurch die Gesamtkosten beträchtlich erhöht und die Endtermine signifikant verzögert haben. Zwei Entscheidungen der Geschäftsführung seien herausgegriffen: der starke Aufbau des Eigenpersonals und die verzögerte Inangriffnahme der neuen Abfallläger.

Die Personalpolitik in den neunziger Jahren, als die KfK noch die Projektleitung inne hatte, sah nach der Stilllegung den sukzessiven Abbau der Betriebsmannschaft vor bis zu einer Stammmannschaft von 15 bis 20 Personen pro Projekt. Diese sollte die Generalplanung, das atomrechtliche Genehmigungsverfahren, sowie die Finanzierung und Kostenkontrolle betreiben. Das überschüssige Betriebspersonal wurde bei den Kernkraftwerken der Umgebung untergebracht. Die Detailplanung und der Abriss - das ist wichtig - wurde an kleine, aber zuverlässige Fremdfirmen in der Umgebung vergeben. Dieses Schema hatte den Vorteil, dass in "flauen Zeiten", wenn etwa eine Genehmigung nicht rechtzeitig eintraf, die Fremdverträge ausgesetzt werden konnten und die Projektkosten im Rahmen blieben.

Als die EWN-Muttergesellschaft im Jahr 2009 das Ruder übernahm, wurde diese Strategie verlassen. Stattdessen wurde das Eigenpersonal bis zur heutigen Stärke von ca. 600 Mann aufgestockt und die Fremdfirmen entsprechend reduziert. Das führte beispielsweise in den Jahren 2013/14, als der Geldgeber Bund etwas "klamm" war und die Zuwendungen entsprechend kürzte, dazu, dass die große Eigenpersonalmannschaft nicht ausgelastet war. "Design to Budget" war angesagt. Die Flexibilität war verloren gegangen.

Dubios erscheint auch die verspätete Inangriffnahme der beiden zusätzlichen Abfallläger. Dieser Engpass zeichnete sich für den Fachmann doch schon seit langem ab. Nun ist man in eine Drucksituation gekommen, weil manche Projekte nur noch "mit gebremsten Schaum" rückgebaut werden können, da die Lagerung der radioaktiven Abfallstoffe logistische Probleme bereitet.


Die Geschäftsführer und der Faktor Pi

Die beiden Geschäftsführer (Gf) der KTE GmbH werden für ihre Dienste um die Firma durchaus stattlich bezahlt. Wie man dem letzten verfügbaren Governance Bericht für 2015 entnehmen kann, erhielt der damals gerade erst angeheuerte Kaufmännische Gf Daniel Beutel ein Jahresgehalt von (hochgerechnet) ca. 200.000 Euro, der Technische Gf  Professor Manfred Urban sogar 220. 000 E, womit er beinahe schon an das Salär der Bundeskanzlerin herankommt.

Möglicherweise wohnt dieser Entlohnung sogar eine mathematische Gesetzmäßigkeit inne. Denn: der Leiter eines großen Instituts im benachbarten KIT erhält im Schnitt ein Jahresgehalt von 70.000 E; multipliziert man es mit der Kreiszahl Pi=3,14 so kommt man just auf 220.000 E, also das Jahresgehalt des Technik-Gf. Man mag einwenden, dass die beiden Positionen eines Institutsleiters (Il) und eines Gf verschieden sind. Das ist wohl wahr, aber der Il muss sich in seinem Institut praktisch um alles selbst kümmern, während der Gf bei KTE die Unterstützung eines Kaufmännischen Gf und vielen sonstigen administrativen Helfern hat.

Es scheint, dass der Abriss einer kerntechnischen Anlage besser bezahlt wird als deren Aufbau. Dies kann man gedanklich übertragen auf die hochkomplexe Neutrinoversuchsanlage KATRIN, wo der Projektchef G.D. (vermutlich) für ein W3-Gehalt, also um ca. 70.000 E schafft. Landet diese Anlage nach Beendigung der Messungen im Jahr 2025 und wegen ihrer Kontamination mit Tritium im Rückbaubereich, so könnte der dortige Technik-Chef eher mit einer Entlohnung von 220.000 E rechnen. Voìla, das 3,14-fache, entsprechend dem Gesetz der Zahl Pi beim Abriss!

Doch Spaß beiseite.
Bei der Entlohnung der KTE-Chefs fällt auf, dass sie neuerdings feste Bezüge erhalten, also ohne erfolgsabhängigen Anteil. Beim Vorgänger von Gf Beutel, dem Kaufmännischen Gf Hollman, betrug die erfolgsabhängige Komponente - gemäß o.g. Bericht - noch fast die Hälfte der Gesamtvergütung. Was hat sich seitdem verändert? Warum bezahlt man die aktuellen KTE-Gf so risikolos, fast wie Beamte? Nuklearbeamte sozusagen! Niemand weiß es, im gesamten Governance Bericht gibt es dafür keine Erklärung.

Da beim Abriss der Nuklearanlagen aber bisher immer wieder Termine und Plankosten verfehlt wurden, wie im Bericht des Bundesrechnungshof deutlich nachzulesen ist, wäre bei KTE eine erfolgsabhängige Entlohnung durchaus bedenkenswert. Man sollte dabei nicht zu radikal vorgehen, sondern wiederum das Gesetz der Zahl Pi zugrunde legen. Demnach wäre dem Strahlenschutzprofessor Dr. Urban vielleicht das stattliche Gehalt eines (ordentlichen) deutschen Universitätsprofessor zuzubilligen - nämlich ca. 70.000 E. Die zweite, erfolgsabhängige Komponente in Höhe bis zu 150.000 E,  wäre dann bei kosten- und termingerechter Abwicklung seiner Projekte fällig.
Der Aufsichtsrat und die Gesellschafter sollten darüber nachdenken.


Der Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat soll die Geschäftsführung der KTE GmbH überwachen, insbesondere die Unternehmensstrategie und das Risikomanagement. Er besteht aus 6 Personen, die für ihre Tätigkeit keine Vergütung erhalten. Stattdessen rühmt man sich, dass angesichts zweier Mitgliederinnen, der Frauenanteil bei 14 Prozent liegt; in Zukunft wird eine Quote von 33 Prozent angestrebt. Ansonsten rekrutiert sich dieses Gremium aus drei Mitgliedern der Bundes- und Landesministerien und drei Angestellten der KTE, wobei Henry Cordes, der Geschäftsführer der Energiewerke Nord, als Vorsitzender des Aufsichtsrats agiert.

Die Hauptlast im Aufsichtsrat trägt vermutlich die Abgesandte des Bundesforschungsministeriums, Frau Dr. Beatrix Vierkorn-Rudolph, Unterabteilungsleiterin im BMBF. Sie muss (aus dem Finanzministerium) die Hauptmasse des Budgets heranschaffen und trägt damit auch die Verantwortung für dessen Verwendung. Dass sie sich dabei von externen Firmen, wie GRS (früher auch Fichtner), beraten und wohl auch "munitionieren" lässt, geht in Ordnung. Trotzdem: dem Aufsichtsrat der KTE fehlt es an Neutralität und Expertise. Das wird deutlich, wenn man sich das analoge Gremium im benachbarten KIT vor Augen hält. Dort ist die Vorsitzende eine Professorin der renommierten ETH Zürich und als "Experte" steht kein Geringerer als Dieter Zetsche, der Chef der Daimler AG, zur Verfügung.

Man sollte den Aufsichtsrat bei KTE durch einige Fachleute für den Rückbau aufstocken. Diese gibt es in genügender Anzahl, z. B. bei den Energieversorgungsunternehmen. In Frage käme je ein Experte von RWE, Eon und EnBW. Die Vorläuferfirma der EnBW, die vormalige Badenwerk AG, hat beim Aufbau der oben genannten Kernkraftwerke MZFR und KNK mitgewirkt und jahrzehntelang den Betrieb geführt. Ein Fachmann der EnBW wäre sicherlich qualifiziert, auch den Vorsitz im KTE-Aufsichtsrat zu übernehmen.

Henry Cordes könnte dann seiner Lieblingssportart (Paddeln im Greifswalder Bodden) nachgehen.


Epilog

Wie das Rückbauprojekt in Karlsruhe bei Fortführung des bisherigen Managements ausufern könnte, zeigt folgende genealogische Betrachtung:

Als die Kernkraftwerke MZFR und KNK 1963 geplant wurden, war der jetzige Geschäftsführer Urban noch im Kindergarten. Inzwischen bewegt er sich nahe am Ruhestand. Die im Jahr 2063 vorgesehene Beendigung des Rückbaus könnte auf einen seiner Nachfolger zukommen, der  - falls er diese Aufgabe als 45-jähriger schuldert - heute noch nicht geboren ist!

Der Rückbau bei KTE/WAK:  eine Jahrhundertaufgabe.
Deutschlands sicherster Arbeitsplatz.





















Sonntag, 19. Februar 2017

German Pellets in der Pleite

Ökologisch orientierte Investoren sind oft gefühlsmäßig ihrem Produkt innig verbunden und lassen dabei die kühle Ratio außen vor. Wie sonst sind die großen Insolvenzen des Windparkbetreibers Prokon, von Biogas Nord und Solar Millenium zu begreifen. In allen Fällen hatten gutgläubige Privatpersonen manchmal ihr gesamtes Sparvermögen an windige Projektentwickler im Bereich Erneuerbare Energien gegeben - und dabei alles verloren. Ein gegenwärtig noch andauerndes Desaster spielt sich bei dem Holzpellethersteller German Pellets ab, mit geringen Chancen auf einen guten Ausgang.

Am Anfang: blanke Euphorie

Es war der Medienunternehmer Peter Leibold, der vor einem dutzend Jahren - noch unter  Bundesumweltminister Jürgen Trittin - die Firma "German Pellets" gründete. In Wismar, nicht weit entfernt vom Ostseehafen, ragten seine Silos in die Höhe mit der Aufschrift: "Energie, die nachwächst". In den Sägewerken pressten Maschinen Abfallholz, wie Sägemehl, Hobelspäne und Schleifstaub zu Pellets. Das waren kleine zylinderförmige Stäbchen, die aussahen wie Trockenfutter für Hunde. Zwei Tonnen dieser Pellets sollten den Brennwert von einer Tonne Öl besitzen; zur Lagerung benötigte man drei Kubikmeter Raum für eine Tonne Öläquivalent. Für eine Kilowattstunde Energie aus diesen Pellets musste man 3,5 Cent aufwenden.

Der vormalige Medienmanager war ein Alphamensch. Jemand also, der vorgibt, wo es langgeht, und andere dazu bringt, ihm zu folgen. Zur Eröffnung des Abhollagers in Wismar ließ er sich den Gag einfallen, dass die Kunden - innerhalb von 100 Sekunden - kostenfrei so viele Säcke mitnehmen durften, wie sie tragen konnten. Bald breiteten sich im Hafenviertel (neben German Pellets) viele weitere Unternehmen aus, wie: German Pellets Logistics, German Pellets Supply, German Horse Pellets, German Pellets Service, German Pellets Genussrechte und so weiter. Und all diese Firmen gehörten den Leibolds - nämlich Peter Leibold zu 60 Prozent und seiner Ehefrau Anne Kathrin zu 40 Prozent. Zwei riesige Fabriken haben die Leibolds in den amerikanischen Bundesstaaten Texas und Louisiana errichten lassen. Beide wurden von der Ehefrau geführt, die deutschen Firmen in Wismar mussten Pacht - und Lizenzzahlungen entrichten.



Eine Hand voll Pellets

Zwischen den etwa 20 Firmen wurde ein reger Handel betrieben. Immer wieder verkaufte beispielsweise die Mutterfirma German Pellets an die Tochter Supply Rohstoffe und Pellets im Wert von Millionen - und kaufte diese Güter alsbald wieder zurück. Ein betriebswirtschaftlicher Sinn war in diesem Karussell nicht zu erkennen, aber der Papier-Umsatz des Konzerns ging steil nach oben. Bald wurden private Anleger auf das Unternehmen aufmerksam und kauften begierig Anteilsscheine in Form von Anleihen oder (noch schlimmer) als Genussscheine. Im Jahr 2014 waren die Leibolds mit 540 Millionen Euro am Kapitalmarkt aktiv. 


Von Asche zu Asche

Es kam, wie es kommen musste: die Leibolds konnten ihre "Schuldscheine" nicht mehr bedienen und mussten im Februar 2016, also vor genau einem Jahr, Insolvenz anmelden. Der sinkende Ölpreis hat sicherlich dazu beigetragen. Seitdem versucht ein Heer von Anwaltskanzleien unter hohen Kosten das Firmendickicht zu durchdringen und restliche Vermögenswerte aufzuspüren. Das ist bislang nur ansatzweise gelungen. Offensichtlich ist ein Großteil des Geldes in die USA abgesickert, wo es (wegen der komplexen Rechtslage) nicht direkt greifbar ist. Ein anderer Teil befindet sich in Form einer "Stiftung" in Österreich. Der Stiftungssinn ist nicht ohne weiteres zu erkennen, aber die Begünstigte ist Frau Leibold. Es wird vermutet, dass die verschachtelte Firmenstruktur absichtlich gewählt worden ist, um das Geld der Anleger unter private Kontrolle zu bringen.

Die bisherigen Recherchen ergeben, dass German Pellets mit mindestens 250 Millionen Euro (ohne direkte Gegenwerte) verschuldet ist. Die etwa 15.000 Anleger werden von ihrem Geld wenig bis nichts mehr sehen. Etwa 650 Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz verloren. Zur Zeit wird der Geschäftsbetrieb von einer Insolvenzverwalterin halbwegs aufrecht erhalten, welche vom Gericht bestellt wurde. Auch zunächst konzernfremde Unternehmen, wie der oberfränkische Ofenhersteller Kago wurden von der Pleite betroffen; die genannte Firma musste Konkurs anmelden. Bis das weit verzweigte Firmengeflecht durchleuchtet ist, wird noch einige Zeit andauern.

Ein Phönix aus der Asche

Inzwischen hat der amerikanische Investor Metropolitan Equity Partners (MEP) Teile von German Pellets gekauft und in "Wismar Pellets" umgetauft. Ein Teil der früheren Beschäftigten steht wieder in Lohn und Brot. Wegen des lang andauernden Winters und der gestiegenen Ölpreise sind die beiden Pellet-Produktionslinien in Wismar voll ausgelastet. Pro Woche könnten 5 bis 6.000 Tonnen Pellets verkauft werden.
Gegen den früheren Eigentümer Peter Leibold wird wegen Verdacht auf Insolvenzverschleppung  ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Rostock hat ihn jedoch nicht in Untersuchungshaft genommen, da "auch für ihn die Unschuldsvermutung gelte und er sich für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt habe".

Noch irgendwelche Fragen?

Werden unsere Abiturienten immer schlauer?

Gute Kunde erreicht uns aus den Gymnasien. Die Zahl der Schüler mit Abitur steigt und steigt. Anfang der 50er Jahre waren es erst 5 Prozent, jetzt bestehen schon bald 50 Prozent eines Schülerjahrgangs die Abiturprüfung und erlangen damit die Hochschulreife.

Spitzenwerte gibt es auch bei der Notengebung. Eigentlich müssten die Durchschnittsnoten sinken, wenn die Alterskohorte größer wird - aber das Gegenteil ist der Fall. Die Noten im Bereich 1 und 2 haben sich dramatisch vermehrt. In Bayern hat sich, während der vergangenen 6 Jahre, die Anzahl der 1er-Abiturienten glatt verdoppelt. Und in Berlin - bitte die Luft anhalten - ist sie sogar um den Faktor fünf angestiegen. Sind die Schüler heute klüger als zu früheren Zeiten oder sind die Prüfungen zu leicht? Sind wirklich alle Schüler, die ein Abi-Zeugnis vorweisen können, reif für ein Studium?

Tricksereien bei der Notengebung

Das Abitur moderner Prägung wurde erst um 1900 eingeführt. Vorher gab es vereinzelt Matura-Prüfungen als Zulassung für die Staatsexamina in den Geisteswissenschaften und der Jurisprudenz. Selbstverständlich hat sich im Laufe eines guten Jahrhunderts der Bildungsstand der Gymnasialabsolventen deutlich erhöht, insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften. Aber die Inflation an Bestnoten während der vergangenen ein bis zwei Jahrzehnte wird damit noch nicht erklärt. Früher war ein 1er-Abitur der Ausweis besonderer Befähigung. Heute schaffen diese Note - beispielsweise im Bundesland Thüringen - bereits 18,5 Prozent des Schülerjahrgangs.


Glückwunsch auch von mir

Der Grund für diese Supernoten ist, dass an allen Ecken und Kanten getrickst wird. Das geschieht im vollen Einverständnis mit der Politik, denn jeder der 16 Kultusminister will, dass in seinem Bundesland die Abiturientenquote hoch ist und die Abiturienten mit guten bis sehr guten Noten entlassen werden. Dann hat er am wenigsten Streit mit den Eltern. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen.

Lange hat es gedauert, bis die 15 Bundesländer (außer Rheinland-Pfalz) das "Zentralabitur" endlich eingeführt haben. Um nicht gegenüber den Südländern Bayern und Baden-Württemberg zu schlecht auszusehen, haben Berlin,  Hamburg und NRW vorher durchgesetzt, dass die Aufgaben erleichtert wurden, was insgesamt die Abiturnoten deutlich "verbesserte". Auch bei der überstürzten Einführung der "Turbostufe G8" hat man die Bedingungen "liberalisiert"; Sitzenbleiber gab es kaum noch. Beim "Ablegen von Fächern" sind in Bayern eines von vieren erlaubt, in Hamburg zwei von vieren. Bei den "Referaten zur mündlichen Prüfung" gilt in Bayern eine Vorbereitungszeit von 30 Minuten, in Hamburg werden die Themen 2 Wochen(!) vorher mitgeteilt. Außerdem hat man in fast allen Bundesländern den Wert der mündlichen Prüfung" (im Verhältnis zur schriftlichen) von 1:2 auf 1:1 erhöht, was die Gesamtprüfung natürlich leichter macht. Schließlich: in die Abiturnote gehen zusätzlich die Noten der vier letzten Schulhalbjahre ein; durchfallen beim Abitur ist da schon fast ein Kunststück.

Fragwürdige Hochschulreife : Additur statt Abitur?

Die rund hundert deutschen Hochschulen kommen mit den vielen Abiturienten, die zum Studium strömen und mit ihren "fabelhaften" Noten nicht mehr zurecht. Sie wehren sich teilweise durch die Anwendung des Numerus Clausus (NC), insbesondere in der Medizin und den geisteswissenschaftlichen Fächern. Mittlerweile ist fast die Hälfte der Uni-Institute von der Zugangsbeschränkung durch den NC "bedroht". Das Abiturzeugnis wird nicht mehr als hinreichende sondern allenfalls als ergänzende Voraussetzung zum Studium - unter mehreren anderen - angesehen.

Einige Hochschulen stemmen sich gegen den Abiturientenzulauf, indem sie eigene Zugangsprüfungen einführen. Dagegen gibt es massiven Widerstand aus den Reihen der Gymnasien, die sich in ihrem ureigenen Bereich bedroht fühlen, wenn das klassischen Abitur von den Universitäten nicht mehr solo akzeptiert wird. "Diese Uniprüfungen schlagen den Gymnasien den Kopf ab; das bedeutet Additur gegen Abitur", klagte kürzlich ihr eloquenter Verbandsfunktionär  Josef  Kraus in einem Radiointerview. Aber der Bayer kann gelassen bleiben, denn die ständig unterfinanzierten deutschen Hochschulen haben weder die Finanzmittel noch die personelle Ausstattung für einen solchen permanenten Kraftakt, den die Zugangsprüfungen darstellen.

Stattdessen richten manche Hochschulen sogenannte Brückenkurse ein, in denen Studienbewerber für Volks- und Betriebswirtschaft, welche fälschlicherweise glauben, dort ohne sonderliche Mathematikkenntnisse auszukommen, in genau diesem Fach nachgeschult werden. Auch einsemestrige Schnupperkurse sollen den künftigen Studenten angeboten werden, um ihnen eine Orientierung im akademischen Leben zu verschaffen. Schließlich fordert Horst Hippler, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, von den Gymnasien immer wieder die Einführung der relativen Noten an. Darunter versteht er einen Notenspiegel, zusätzlich zu dem üblichen Abiturzeugnis. Bei dieser Zusatzinformation stünde beispielsweise hinter jeder 1 in einem Fach die Anzahl der Klassenschüler (z. B. 50) und wieviel davon ebenfalls eine 1 erhalten haben. Wären es zum Beispiel 25 Schüler (wie vielleicht in manch thüringschen Gymnasium), dann stünde für den Professor fest, dass eine solche 1 nur begrenzten Wert hat.

Magnifizenz Hippler und seine Kollegen sitzen allerdings im Glashaus. Denn auch an den Hochschule und insbesondere den Universitäten, wird milde geurteilt. Besonders bei den Master- und Doktorzeugnissen wimmelt es geradezu von Einsen und Zweiern. Die Professoren wollen sich eben keinen Prozessen aussetzen, zu denen die Eltern heute allzu leicht bereit sind.

Ungeachtet der manchmal etwas fragwürdigen Notengebung, scheint es beim Lehrstoff an den Gymnasien aber durchaus Fortschritte zu geben. Insbesondere auf dem Gebiet der Physik, welches ich in etwa überblicken kann. Dort kam man früher - vor 30 bis 40 Jahren - noch mit der Newton´schen Mechanik aus, heute muss man schon Kenntnisse auf dem Gebiet der Einstein´schen Relativitätstheorie vorweisen.
Dies scheint nicht für das Fach Deutsch/Germanistik zu gelten. Laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 11. Februar 2017 wurde eine Studentin an der Düsseldorfer Universität nach Goethe befragt. Ihre Antwort:

"Keine Ahnung, irgend so´n Toter".

Sonntag, 12. Februar 2017

Die Mondlandung - ein "Fake"?

Wer glaubt, dass unsere Gegenwart von Realität und Tatsachen geprägt ist, der irrt. Wie sonst hätte die Duden-Gesellschaft das Wort "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016 wählen können? Womit (nach Merkel) zum Ausdruck kommt, dass sich die Menschen derzeit weniger an den "Fakten" als an ihren "Gefühlen" orientieren. Noch einen Schritt weiter ging Kelly Conway, die Beraterin des amerikanischen Präsidenten, welche in Verbindung mit der Einreise von Muslimen bei einer faustdicken Lüge ertappt wurde und daraufhin ihr Statement keck in "alternatives Faktum" umtaufte.

Im Bereich der Substantive hat Donald Trump den Begriff "Fake" oder "Fake News" in die Wörterbücher gebracht, worunter man jede Art von Schwindel bis hin zur dreisten "Lüge" subsummieren kann - einschließlich mancher seiner nächtlichen Twitterbotschaften. Früher waren solche Falschnachrichten unter (dem Zauberspruch) "Hokuspokus" eingeordnet, ein altes Wort, das die Amerikaner zu "Hoax" verkürzt haben. Inzwischen werden auch historisch verbürgte Ereignisse dem Fake-Bereich zugeordnet. Zum Beispiel die erste Mondlandung am 21. Juli 1969 sowie die fünf folgenden bis 1972.

Der Moon Fake

Es war in den achziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als (vornehmlich in den USA) die ersten Zweifel an der Echtheit der Mondlandungen aufkamen. Die NASA hatte, vor allem aus Geldgründen, die Reisen zum Mond aufgegeben und für eine Unternehmung zum Mars lagen die technischen Hürden noch viel zu hoch. Ein ehemaliger Mitarbeiter der südkalifornischen Raketenfirma "Rocketdyne Research", Bill Kaysing, der von 1956 bis 1963 für die technischen Publikationen dieses NASA-Zulieferanten verantwortlich war, säte die ersten Zweifel.

Ihm fiel auf, dass die US-Flagge auf dem Mond eine Zeitlang hin und her wehte, obwohl es dort doch keinen Wind geben soll. Außerdem wunderte er sich öffentlich, dass auf den NASA-Photos der Mondhimmel pechschwarz war und man keine Sterne sehen konnte - obwohl es auf dem Mond keine "Lichtverschmutzung" wie auf der Erde geben konnte. Die Experten der NASA reagierten postwendend und erklärten das Fahnenproblem, indem sie darauf verwiesen, dass der Flaggenstock von Astronaut Neil Armstrong in die Mondoberfläche gerammt werden musste, wodurch die Fahne (ähnlich wie ein Pendel) noch eine Zeitlang hin und her schwang. Die fehlenden Sterne am Mondhimmel erläuterten sie damit, dass Verschlusszeit und Blende der benutzten Hasselbladkamera so klein waren, dass die Dynamik des Films nicht ausreichte, um die schwachen Sternbilder in eine Filmschwärzung umzusetzen.



Astronaut Neil Armstrong mit Mondfähre und Flagge

Aber das war nur der Anfang, die ersten Zweifel waren gesät. Die NASA glaubte damals noch, diese Diskussionen dadurch beenden zu können, indem sie den renommierten Raumfahrthistoriker James Oberg damit beauftragte (für 15.000 Dollar) ein Buch zu schreiben, welches beweisen sollte, dass die Astronauten doch auf dem Mond gelandet waren. Die Diskussion jedoch ging weiter, insbesondere als der amerikanische Fernsehsender "Fox News Networks" im Februar 2001 die Sendung "Did we really land on the moon"? ausstrahlte, welche im gleichen Jahr von "Spiegel TV" übernommen wurde. Hier wurde erstmals der Verdacht ausgesprochen, dass die sogenannten Mondlandungen in Filmstudios gedreht worden waren, die Funksprüche von bestochenen Amateurfunkern kamen und allen Beteiligten von der NASA ein Schweigegebot auferlegt worden war.

Bei Meinungsumfragen in den USA waren bereits im Jahr 2002 volle 36 Prozent der Befragten der festen Überzeugung, dass die NASA die Mondlandungen "gefaked" habe. Die Raumfahrtbehörde war darob so erschüttert, dass sie den Buchauftrag an Oberg zurückzog. Offensichtlich sah sie keine Möglichkeit mehr, das amerikanische Publikum von der Legitimität ihres Tuns zu überzeugen. Bei einer erneuten Umfrage Mitte 2013 stieg der Anteil der Zweifler sogar auf 47 Prozent an, entsprechend einer Steigerung um 30 %!

Der Kern des Problems

Wenn die NASA den unwiderlegbaren Nachweis liefern könnte, dass ihre Behauptung - die Astronauten waren auf dem Mond - den Tatsachen entsprechen würde, dann wäre das Problem vom Tisch. Leider ist dies nach den Gesetzen der Logik nicht möglich, denn die Tatsachen liegen nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit. Und:
Es gibt aber keinen hundertprozentigen, zweifelsfreien Beweis für Tatsachen,
die in der Vergangenheit liegen.
Dass Frau Merkel wirklich existiert, dafür gibt es in der Gegenwart viele Zeitzeugen; Gleiches ist nicht der Fall für Karl den Großen. Die Dokumente  über ihn sind in der Vergangenheit entstanden und können gefälscht sein.

Ein anderes Beispiel: dass in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts am Kernforschungszentrum Karlsruhe Brüterforschung betrieben wurde, ist eine oft geäußerte Vermutung - bleibt aber Hypothese bis zum endgültigen Nachweis. Dieser kann heute nicht mehr strikt gelingen, denn die wenigen Projektberichte, die in der Folge der Vernichtung entgangen sind, können gefälscht sein. Weiterhin: das Brüterkraftwerk SNR 300 in Kalkar ist zur Zeit, wie leicht zu besichtigen, ein Rummelplatz. Und: die wenigen noch lebenden und dahinvegetierenden Brüterforscher (bis hin zum Projektleiter) könnten geneigt sein - zur Aufbesserung ihrer kargen Rente - gegen eine kleine Geldzahlung zu behaupten, dass sie im fraglichen Zeitraum nicht am Schnellen Brüter gearbeitet haben, sondern im Abwasserbereich unter Diplomingenieur (FH) Jürgen Amend. (Wobei auch noch für den Letztgenannten eine kleine Zahlung fällig werden würde).

Sic Transit Gloria Mundi.

Die Rettung:  Ockhams Rasiermesser

Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Denn man kann doch nicht das gesamte Fachgebiet der Geschichtswissenschaft abschaffen, die sich ja ausschließlich mit der Vergangenheit beschäftigt. Die Lösung bringt das sogenannte "Ockham´sche Rasiermesser". Es ist benannt nach dem mittelalterlichen Philosophen und Scholastiker Wilhelm von Ockham (1288 - 1347), der sich viel mit wissenschaftlicher Methodik beschäftigte und dabei auf ähnliche Probleme der Logik stieß. Im Sinne höchstmöglicher Sparsamkeit bei der Nutzung von Hypothesen und Theorien stellte er folgendes Prinzip auf:
1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
2. Die metaphorische Bezeichnung "Rasiermesser" ergibt sich daraus, dass alle anderen Erklärungen eines Phänomens - wie durch ein Rasiermesser - entfernt werden sollten.

Die NASA nutzt das Ockham´sche Prinzip und argumentiert folgendermaßen:
"Millionen sahen live die Saturnrakete, als sie ins All abhob. Die Funksprüche kamen aus der Richtung des Mondes; selbst die argwöhnischen Sowjets bezeugten das. Noch heute werden Laserstrahlen durch einen auf dem Mond aufgestellten Reflektor zur Erde zurück reflektiert. Das  zurück gebrachte Mondgestein (382 kg) enthält Helium-3-Atome, die es auf der Erde nicht gibt. Alles wurde auf Compact Discs dokumentiert.
Die Schlussfolgerung ist: "Unsere Astronauten waren auf dem Mond".

Demgegenüber behaupten die Zweifler, dass etwa 100.000 der am Mondprojekt beteiligten Menschen bestochen waren und lebenslänglich zum Schweigen verurteilt worden sind. Einschließlich der russischen Beobachter! Das mit Helium-3 versehene Mondgestein wurde von "Aliens" zur Erde gebracht, etc.etc.

Kein Zweifel: Die Behauptungen der NASA sind einfacher und glaubwürdiger als die kruden Hypothesen ihrer Gegner. Die Folge nach Ockham:
Die NASA war auf dem Mond.


Der Praktiker

Manche Anhänger der Verschwörungstheorie sind besonders hartnäckig. Einer von ihnen stellte Edwin Aldrin, der am 20. Juli 1969, zusammen mit Neil Armstrong, erstmals den Mond betrat. Auf offener Straße beschimpfte dieser Unbekannte im Dezember 2002 den Astronauten als Lügner, hielt ihm eine Bibel vor die Nase und verlangte, dass Aldrin die Hand auf die Heilige Schrift lege und bei Gott beschwöre, dass er wirklich auf dem Mond gewesen sei. Der damals schon 72-jährige Astronaut ließ sich auf keine weitere Diskussion ein, sondern versetzte dem Mann einen kräftigen Kinnhaken.

Ein umwerfendes Argument für die Mondlandung!

Sonntag, 5. Februar 2017

KIT: Wirbel im Vize-Präsidium

Der Präsident des KIT, Professor Holger Hanselka, braucht ein gutes Gedächtnis für Namen und Gesichter. Denn: innerhalb Jahresfrist kam es in seinem "Kabinett", dem fünfköpfigen Vizepräsidium, zu zwei Neuzugängen und (de facto) zu zwei Abgängen. Ruhender Pol ist lediglich Alexander Wanner, der Vizepräsident (VP) für die Lehre, der schon seit Mitte 2013 - und damit drei Monate länger als Hanselka - diesem Gremium angehört.

Neu hinzu gekommen  (Anfang 2016)  sind die VP Oliver Kraft für Forschung sowie Thomas Hirth für Innovation und Internationales. VP Kraft hat offensichtlich den Projektleiter für KATRIN, Guido Drexlin, zur verstärkten Öffentlichkeitsarbeit für das etwas dahindämmernde Großexperiment bewegen können, wobei das Ereignis "first light" gerade recht kam. Das Ressort von VP Hirth erscheint mit lediglich zwei Dienstleistungseinheiten (DE) noch ausbaufähig. Abgegangen sind  Ende 2016 Frau Elke-Luise Barnstedt; nicht wiederberufen wurde Ulrich Breuer, der Vizepräsident für Wirtschaft und Finanzen.


Aufbauorganisation KIT (Stand Januar 2017)

VP Barnstedt verließ das KIT (offiziell) freiwillig und nutzte damit die Chance des Vorruhestands. Gerüchteweise hatten sich jedoch bereits einige Mitglieder des Senats "in Stellung gebracht", die mit der Personalpolitik der Vizepräsidentin nicht einverstanden waren. Ihr wurde besonders vorgeworfen, die zeitlich befristeten Verträge am KIT übermäßig ausgeweitet zu haben.  Das Phänomen der "Permadocs", die sich von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln, ist ab einem gewissen Lebensalter nicht mehr eine Frage der Wahl, sondern oftmals die einzige noch verbleibende Option. Barnstedts Nachfolgerin ist - gendergerecht - Frau Christine von Vangerow (56), vermutlich dem pommersch-märkischen Landadel entstammend. Sie ist Juristin und war zuletzt 23 Jahre am Bundesamt für Materialforschung (BAM) wo sie sich vornehmlich im Dienstleistungsbereich betätigte. Manchen erscheint die BAM als "kuscheliges Biotop", im Vergleich zum "wilden Dschungel" des KIT, in den sie jetzt geraten ist.

Finanzchef gesucht

Zum Eklat kam es bei der Wiederberufung des Vizepräsidenten für Wirtschaft und Finanzen. Der Stelleninhaber Dr. Ulrich Breuer, gelernter Physiker, fiel überraschend beim Senat durch. Breuer hatte seine Position noch unter Horst Hippler, dem Vorgänger von Hanselka zu Anfang 2012 angetreten. Hippler verließ schon drei Monate später seinen Chefposten, als absehbar war, dass der Elitestatus des KIT verloren gehen würde. Er hinterließ Breuer einen Schuldenberg - sich selbst besorgte er den lukrativen und (nahezu überflüssigen ) Posten eines Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz. Breuer konnte in der Folge zeitweise die akademischen Hilfskräfte und Sekretärinnen nicht zeitgerecht bezahlen, was ihm verständlicherweise keine Freunde einbrachte. Als er auch einige Dienstleistungseinheiten im Bereich der Infrastruktur schließen bzw. auslagern wollte, kam es zu einem sogenannten "go-in" des Personalrats bei einer Präsidiumssitzung - ein Ereignis das  singulär in der Geschichte des KIT ist und heute noch der prozessualen Aufarbeitung harrt. Finanzchefs machen sich eben selten Freunde, Breuer war jedoch von Anfang an mit einer "mission impossible" konfrontiert.

Aber Hanselka schätzt offenbar seinen Vizepräsidenten, denn er schlug den KIT-Gremien vor, Breuer für weitere sechs Jahre in seiner gegenwärtigen Position zu bestätigen. Der Aufsichtsrat gab, (ohne Gegenstimme) sein ok, aber beim Senat, einem Club von ca. 50 Professoren, klemmte es. Dort hatte sich im Lauf der vergangenen fünf "dürren" Jahre unter Breuer erheblicher Frust angesammelt, sodass sich dieses Gremium (auch nach mehrfacher Abstimmung) nicht erweichen und den Vizepräsidenten glatt durchfallen ließ. Spätestens an dieser Stelle würde ein außenstehender Steuerzahler (wie ich) gerne etwas mehr über diesen mächtigen Senat erfahren, beispielsweise über seine Zusammensetzung und Organisationsstruktur. Leider ist das nicht möglich, da dieses Gremium - anders als Aufsichtsrat und Präsidium - sich sehr bedeckt hält, indem es im Internet nicht auftritt, sondern nur im geschlossenen "Darknet" des Intranets.

Dass es Präsident Hanselka nicht gelungen ist, den Senat umzustimmen, kann man aus seinen Rundschreiben Nr. 23 und 31 entnehmen, wo jeder am Schwarzen Brett lesen konnte, dass Breuer zum Jahresende 2017 gehen muss. Leider konnte Hanselka auch nicht verhindern, dass die regionale Zeitung BNN genüsslich und ausführlich in Wort und Bild darüber berichtete ("Ulrich Breuer muss Ende 2017 gehen", "Heftiger Streit im KIT",  "Die Wut trifft den Vizepräsidenten" etc.). Das Jahr 2017 wird also von einer zeitweiligen Vakanz im wichtigen Finanzsektor geprägt sein, denn Breuer (Jahrgang 61) muss sich verständlicherweise um einen neuen Job umsehen. (Gerüchteweise wurde er bereits in München, im Umfeld der dortigen Universitäten LMU und TUM, gesichtet). Währenddessen wird das KIT versuchen, einen Ersatz für Breuer anzuheuern. Das wird nicht leicht sein, denn Finanzchefs, die in der Lage sind, einen nahezu-ein-Milliarden-Etat zur Zufriedenheit der Zuwendungsgeber und der Rechnungshöfe zu managen, wachsen nicht auf den Bäumen. Die Newcomerin von Vangerow (und Hanselka selbst?) werden wohl unterstützend eingreifen müssen, wenn Breuer wieder mal absent ist.

Öffentlichkeitsarbeit gevierteilt

Schon seit Monaten pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass die einst so mächtige Dienstleistungseinheit PKM (=Presse, Komunikation und Marketing) aufgelöst und restrukturiert werden würde. Mit dem Rundschreiben Nr. 3 des Präsidenten vom 23. Januar 2017 ist dies nun geschehen. Die Umorganisation kommt der Höchststrafe nahe und gleicht einer Vierteilung, denn die vormaligen Aufgaben des PKM wurden auf vier verschiedene DE aufgeteilt. Der Hauptbrocken, die Strategische Entwicklung und Kommunikation, verbleibt im Ressort des Präsidenten und wird künftig von der (smarten) Frau Alexandra-Gwyn Paetz (SEK) verwaltet, deren Präsidialstab sechs Abteilungen umfasst und die sich kein x für ein u vormachen lässt. Für Innovations- und Relationsmanagement sowie für Allgemeine Services sind ab jetzt die Herren Fahrenberg und Dullenkopf zuständig. Der frühere langjährige Leiter des PKM, Dr. Thomas Windmann, wird zum Ressort von Frau von Vangerow geschlagen. Er soll dort (als Einzelkämpfer) die neugegründete Stabsstelle "Mediation" übernehmen.

Im KIT gehen die wildesten Gerüchte darüber um, was den Präsidenten zu diesem Kahlschlag bewogen haben könnte. Es muss etwas Triftiges vorgefallen sein, welches das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinen Pressechef zerstört hat. Einige der zirkulierenden "Vermutungen" sind so krass, dass sie wiederum nicht "blogreif" sind. Egal, jedenfalls hat Dr. W. in seiner neuen Position reichlich Gelegenheit, die Instrumente der Mediation (=Vermittlung im Konfliktfall) an sich selbst zu erproben.

Zwei Kulturen

In seinen Zeitungsinterviews räumt Präsident Hanselka ein, dass am KIT - auch nach fast zehn Jahren  - immer noch "zwei Kulturen" bestünden. Zum einen wegen der räumlichen Trennung von Campus Nord und Campus Süd, zum anderen wegen der Finanzierung aus verschiedenen Geldquellen. Die Universität erhält ihre Forschungsmittel vornehmlich vom Land, das Forschungszentrum vom Bund. Beide Finanzströme dürfen qua Auflage nicht vermengt werden. Hanselka sagt öffentlich, dass es sein Ziel bis zum Ende seiner Amtszeit (2019) sei, dieses Mischungsverbot aufzuheben.

Das wird nicht leicht sein, denn die ministeriellen Vorschriften zur Trennung der verschiedenen Geldströme gab es auch schon früher am sogenannten Kernforschungszentrum. Selbst innerhalb des gleichen Projekts, z. B. beim Schnellen Brüter, wurde die Forschung aus anderen Geldquellen finanziert als der Bau der Brüterkraftwerke, obwohl häufig die gleichen Wissenschaftler damit beschäftigt waren. Und am Jahresende haben die Zuwendungsgeber und Rechnungshöfe die Projektleitungen genau dahingehend überprüft, ob sie diese Finanzvorgaben auch eingehalten haben.

Da das KIT eine eigene gesetzliche Grundlage hat, ließe sich dieses Mischungsverbot dort natürlich leichter aufheben. Aber bei der Bundesregierung scheut man offensichtlich die Schaffung eines Präzendenzfalles. Denn in der deutschen Forschungslandschaft gibt es noch weitere Institutionen, welche eng miteinander kooperieren - und aus verschiedenen Quellen finanziert werden.

Diese könnten dann vermutlich alsbald in Berlin vor der Tür stehen mit dem Ansinnen, auch ihnen das Trennungsgebot zu erlassen.

Freitag, 27. Januar 2017

Daten zur deutschen Stromversorgung 2016

Nach Ablauf des Jahres 2016 erscheint es mir opportun, einige aktuelle Daten zur deutschen Stromversorgung (nebst knapper Kommentierung) vorzulegen, nachdem in dieser Blogreihe zumeist technische und politische Probleme der Stromwirtschaft den Vorrang hatten.

Zur Übersicht: die Nettostromerzeugung im Jahr 2016 betrug in Deutschland ca. 550 Terawattstunden (TWh). Das ist der Strommix, welcher tatsächlich aus der Steckdose kommt. Bei der Bruttostromerzeugung - ca. 650 TWh - berücksichtigt man auch die Eigenerzeugung der Industrie, beispielsweise im Bergbau und in der Chemie; diese hat in den folgenden grafischen Darstellungen keinen Eingang gefunden. Bei den Daten stütze ich mich vor allem auf Erhebungen des Fraunhoferinstituts ISE in Freiburg, auf die Plattform Agora Energiewende in Berlin sowie auf Veröffentlichungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

In Europa ist Deutschland der größte Stromerzeuger. Die jetzt verfügbaren Zahlen der Nettoproduktionen für das Jahr 2014 ergibt folgende Reihung: Deutschland (592 TWh), Frankreich (539), Großbritannien (322),  Italien (269), Spanien (268), Schweden (150), Polen (145). Die in diesem Blog zitierten Zahlen der verschiedenen Quellen sind (im niedrigen Prozentbereich) leicht different, ohne dass dafür ein Grund angegeben werden kann.

Merke:  1 TWh =1 Terawattstunde
                          =1000 Gigawattstunden (GWh)
                          =1 Million Megawattstunden (MWh)
                          =1 Milliarde Kilowattstunden (KWh)

Einige Grafiken zur Stromwirtschaft



Abb.1: Verteilung der Nettostromerzeugung auf die verschiedenen Energieträger (ISE)
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Die Grafik zeigt die acht wichtigsten deutschen Energieträger. Kernenergie, Braunkohle, Steinkohle und Gas werden den konventionellen Energien zugerechnet und liefern insbesondere Konstantstrom im Bereich der Mittel-und Grundlast. Wasserkraft, Biomasse, Wind und Solar gehören zu den erneuerbaren Energien; ihr Beitrag zur gesamten Stromversorgung ist unstetig und u. a. abhängig von Wetter und Standort.


Abb. 2: Veränderung der Nettostromerzeugung 2016 gegenüber Vorjahr 2015 (ISE)
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Die Stromproduktion aus Kernkraft ging 2016 - im Vergleich zu 2015 - um 7,8 % zurück; ursächlich war die Abschaltung des KKW Grafenrheinfeld im Juni 2015.
Die Gaskraftwerke haben 2016  ca. 44 TWh netto für die öffentliche Stromversorgung produziert. Dieser markante Aufwärtstrend von 46 % resultiert hauptsächlich aus den niedrigen Gaspreisen. Die Energieeinspeisung aus Braunkohle. Steinkohle, Wind und Solar ging entsprechend zurück.


Abb. 3: Anteile der verschiedenen Stromerzeuger im Jahr 2016 (ISE)
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Die wichtigsten Energieträger in Kreisdarstellung.
Merke: im Jahr 2016 haben die erneuerbaren Energien mit ca. einem Drittel zur deutschen Stromversorgung beigetragen.



Abb. 4: Stromexportsaldo 2010 bis 2016 (ISE)
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Im Jahr 2016 wurde bei Strom ein Exportüberschuss von ca. 50 TWh erzielt. Dieser Wert stellt nach den alten Rekordjahren 2012 bis 2015 wieder einen neuen Spitzenwert dar und liegt um etwa 2 TWh bzw. 4% über dem Niveau von 2015. Der Großteil der Exporte floss in die Niederlande, die einen Teil nach Belgien und Großbritannien weiter leiteten. Auf Rang zwei folgt die Schweiz, die hauptsächlich als Transitland nach Italien dient. An dritter Stelle liegt Frankreich, wo einige Kernkraftwerke aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden mussten. Rang vier belegt Polen, das einen Teil des Stroms aus den neuen Bundesländern über Tschechien nach Süddeutschland transportiert.
Eingeführter Strom kostet durchschnittlich 37, ausgeführter 35 Euro/MWh. Der durchschnittliche (day-ahead) Börsenstrompreis ist auf 28 Euro/MWh gefallen und liegt inflationsbereinigt ungefähr auf dem Niveau von 2002.


Abb. 5: Stromerzeugung im ersten Quartal 2016 (Agora)
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Die Stromerzeugung im ersten Quartal 2016:
hohe Last und Winterstürme zu Beginn des Jahres.


Abb. 6: Stromerzeugung im dritten Quartal 2016 (Agora)
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Die Stromerzeugung im dritten Quartal 2016:
ein sonniger Sommer mit wenig Wind


Abb. 7: Haushaltsstrompreise 2007 bis 2017 (Agora)
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Die Haushaltsstrompreise werden im Jahr 2017 erstmals die 30-Cent-Marke überschreiten.
Die Ursachen sind gestiegene Netzentgelte, gestiegene EEG-Umlage und hohe Vertriebsmargen.

Ausblick

Die Zukunft der deutschen Stromwirtschaft - für die kommenden 10 bis 15 Jahre - ist schwer einzuschätzen. Relativ gesichert ist die Abschaltung der noch laufenden 8 Kernkraftwerke bis 2022; dafür wurde im Sommer 2011 eigens ein Bundesgesetz erlassen. Demnach wird noch in diesem Jahr  das Kernkraftwerk Gundremmingen B vom Netz genommen werden. Ob man es wagen wird  (im Jahr 2022!) auf einem Schlag die drei leistungsstarken  KKW Isar 2, Emsland und Neckarwestheim II abzuschalten, hängt vom Ausbau der großen Nord-Süd-Gleichstromleitungen ab. Die Inbetriebnahme dieser Trassenprojekte hat sich von 2019 auf 2021/22 verzögert. Außerdem werden sie, wegen des Übergangs auf Erdverkabelung, um den Faktor 5 bis 10 teurer. Damit steigen auch weiterhin die Stromkosten für die Privathaushalte.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien (EE), insbesondere für Wind und Solar wird sich wohl verlangsamen, weil künftige Genehmigungen dem Wettbewerb via Auktionen unterliegen. Die gesteckten Ziele - 2030:50 %,  2040:65 % und 2050: 80 % - sind sehr ambitioniert; man darf zweifeln, ob sie erreicht werden. Die Klimaziele, wie in Paris vereinbart, werden sicherlich verfehlt werden, da die Grundversorgung mit Strom (in Abwesenheit von Kernkraftwerken und Großspeichern) und die Stabilhaltung der Netze nur über die CO2-haltigen Energieträger Braunkohle, Steinkohle und Erdgas geschehen kann. Wobei das Zertifikatesystem der Europäischen Union keinen Beitrag zum Klimaschutz liefert, weil es die CO2-Freisetzungen nur räumlich verlagert.

Entscheidend für den Fortgang der Energiewende sind unter anderem die hohen, sich abzeichnenden Kosten. Bei der Einführung des EEG im Jahr 1990 versprach der damalige Umweltminister Jürgen Trittin "Mehrkosten von gerade mal  1 Euro pro Familie und Monat, etwa so viel wie eine Kugel Eis". Heute beträgt die EEG-Umlage für eine Durchschnittsfamilie allein das 20fache, nämlich ca. 20 Euro pro Monat. Die jährlichen Kosten für die Einspeisevergütung liegen bei 25 Milliarden Euro - die 2 Milliarden für die eingesparten Brennstoffkosten bereits gegen gerechnet. Tendenz: stark steigend! Die Gesamtkosten der Energiewende bezifferte der heutige Kanzleramtsminister Peter Altmeier in seiner früheren Funktion als Umweltminister auf 1 Billion Euro.

Fazit: Eines fernen Tages könnten die Menschen vielleicht nicht mehr bereit (oder in der Lage) sein, diese hohen Kosten zu tragen.
Die deutsche Energiewende würde auf halbem Wege stecken bleiben.

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