Sonntag, 11. August 2019

Schottergärten - Gärten des Grauens ?

Winfried Kretschmann, der ansonsten eher gelassene baden- württembergische Ministerpräsident, wurde fuchsteufelswild als er auf einem Kongress der Grünen auf die neuen, in Mode gekommenen Vorgärten aus Stein und Kies - aber praktisch ohne Rasen, Blumen und Stauden - angesprochen wurde. Der studierte Biologe und langjährige Gymnasiallehrer in diesem Fach bezeichnete diese "Schottergärten" als einen Irrweg, der Steinwüsten entstehen lässt, wo Grünpflanzen notwendig wären, um die CO2-Bilanz zu verbessern.

Trotzdem, wer mit offenen Augen an den Vorgärten, insbesondere am Stadtrand vorbei geht, kann nicht übersehen, dass eine neue Gartenkultur (des kleinen Mannes?) im Entstehen ist. Immer mehr der früheren biologischen Gartenfläche wird nun mit Steinen bedeckt als dem vorrangigen Gestaltungsmittel. Pflanzen kommen nicht mehr, oder nur noch in geringer Zahl, vor und sind zumeist noch durch einen strengen Formschnitt künstlich gestaltet. Als Steinmaterial beobachtet man vor allem gebrochene Steine mit scharfen Kanten und ohne Rundungen: eben Schotter. Für den gleichen Gartenstil könnte man auch Geröll, Kies oder Splitt verwenden. Kein Vergleich mehr mit den klassischen Steingärten, bei denen die Vegetation noch im Vordergrund stand.


Motivation und Umsetzung

Umfragen haben zutage gefördert, weshalb ökologisch tote Vorgärten so "beliebt" sind. Offensichtlich haben immer weniger Einfamilienhausbesitzer Zeit und Lust, Gartenarbeit zu verrichten. Was früher Freude bereitete, ist heute zur Last geworden - und das, obwohl die Vorgärten selten größer als hundert Quadratmeter sind und die Renommierfirmen Bosch und Gardena laufend neue Mähroboter und Sprinkleranlagen auf den Markt bringen. Hinzu kommt das Phänomen der Ansteckung: sobald der Nachbar einen angeblich pflegeleichten Schottergarten hat, scheint ein "Virus" alle anderen auch in diese Richtung zu befallen. Hinzu kommt eine neue Gartenästhetik, welche möglicherweise von der japanischen Zen-Kultur angeregt wird. Schließlich sind es natürlich auch die Gartenbaubetriebe, welche die neue Nische ausnutzen.


Drahtkörbe (Gabione) ersetzen Blumenrabatte und Gartenzäune

Und es ist so leicht, eine solche Steinöde anzulegen. Meist muss man nur die Humusschicht des Vorgartens abtragen und den verbleibenden Grund mit einer Plastikfolie abdecken. So kann kein Würmchen und kein Kräutlein von unten mehr durchdringen und der Boden ist auch gleich noch versiegelt. Im Ergebnis ist er so tot wie ein Stück Autobahn und heizt sich ähnlich schnell auf. Manche setzen noch, wie zum Hohn, eine einsame Krüppelkonifere in den Schotter, die dort jahrelang um ihr Leben ringt. Der Gipfel sind die mit Steinen gefüllten Drahtkörbe ("Gabione"), welche häufig Blumenrabatte und selbst Gartenzäune ersetzen. Sie kommen aus dem militärischen Bereich und wurden im Ersten Weltkrieg von den Soldaten als "Schanzkörbe" verwendet. Heute werden die Steine für unsere Hobbygärtner aus Indien und China herangekarrt.


Aber die Natur bricht sich Bahn

Es war der oben erwähnte Grünen-Politiker Kretschmann, der darauf verwies, dass diese neuartigen Schottergärten nicht pflegeleichter sind als normale begrünte Gärten. "Der Löwenzahn weiß sich schon einzunisten. Zudem ist "pflegeleicht" in der Umwelt nicht das entscheidende Kriterium; bei der Natur gilt Reichtum in jeder Beziehung". How! Der Biologielehrer hat gesprochen.

Aber der Herr Ministerpräsident könnte sich auch täuschen. Immer noch sind effiziente Unkrautvernichter und Insektenkiller (auch für Bienen!) auf dem Markt, die zwar ex lege nicht gespritzt werden dürfen - aber wer kann das schon kontrollieren? Deshalb bemühen sich Naturschutzverbände und ökologisch wohlmeinende Politiker darum, die Steingarteneuphorie wenigstens zu dämpfen. BUND und NABU sind an erster Stelle zu nennen, aber die meisten Kommunal- und Landespolitiker zögern noch. Da und dort werden zwar vereinzelt entsprechende Auflagen in die Bauanträge aufgenommen, aber in der Mehrzahl fürchtet man den Zorn der Bürger und ist entsprechend vorsichtig:

Schotterverbot und Pflichtbaum, so weit will man derzeit noch nicht gehen.



Gemütlich ist es im Kiesbett

Mittwoch, 31. Juli 2019

Die deutschen Elite-Universitäten: armer Adel

Im Grunde kann man an den 104 deutschen Universitäten ganz passabel studieren. Die Lehrpläne der einzelnen Fächer unterscheiden sich nicht dramatisch. Das gilt sogar für die mehr technisch ausgerichteten "Technischen Universitäten" (TU), früher allgemein als "Technische Hochschulen" (TH) bezeichnet. Ich kann das selbst für das Fach Physik bezeugen, welches ich (nacheinander) an der Uni München und der (damaligen) Technischen Hochschule München absolviert habe. An der Uni waren die Vorlesungen mehr abstrakt, an der TH mehr anwendungsbezogen. Das hatte unter anderem die Auswirkungen, dass bei den Klausuren an der TH die Lösungen der Differentialgleichungen streng numerisch verlangt wurden, während der Uni-Prof  Maak sich mit dem Existenzbeweis einer Lösung begnügte.

Es war in der Endphase der Schröder-Regierung, als die Ministerialen im Berliner Forschungsministerium im Jahr 2006 die Idee de "Exzellenzinitiative" kreierten. In einem Wettbewerb mit parallel ausgelobtem finanziellen Förderprogramm, sollte mehr Struktur in die deutsche Universitätslandschaft gebracht werden. In einer Art nationaler Wissenschaftsolympiade sollten die besten Universitäten von den nur guten geschieden werden. Die "Highflyer" sollten das Recht erhalten (auf begrenzte Zeit) sich "Elite-Universität" nennen zu dürfen. Ohne es direkt auszusprechen, dachte man an die amerikanischen, englischen und schweizer Hochschulen Stanford, Yale, MIT, und Harvard, ebenso wie an die englischen Oxford, Cambridge und Imperial College, sowie an die schweizer ETH in Zürich.


Der Exzellenzwettbewerb 2019 - Sieger und Verlierer

Inzwischen sind zwei Exzellenzwettbewerbe - in den Jahren 2006 und 2012 - Geschichte. Die Ergebnisse der dritten Wettbewerbs wurden am 19. Juli 2019 bekanntgegeben. Das Verfahren bestand aus zwei Stufen. Zunächst konnten sich die Universitäten im Jahr 2016 für Forschungskooperationen - sogenannte "Exzellenzcluster" - bewerben. Aus den eingereichten 195 Projektanträgen waren Ende 2018 lediglich 57 ausgewählt worden. Um ausgezeichnet zu werden mussten die Universitätsverbünde mindestens drei Cluster vorweisen, Einzeluniversitäten mindestens zwei. Darüber hinaus war eine schlüssige Gesamtstrategie zu präsentieren, die Internationalisierung, forschungsbasierte Lehre etc. erkennen ließ.

Zu den Siegern in 2019 zählen die Universitäten Aachen, Bonn, Dresden, LMU München, TU München, Tübingen, Konstanz, Hamburg, Heidelberg, der Verbund der drei Berliner Unis (Humboldt, Freie, TU), sowie das KIT in Karlsruhe. Die zwei Münchener Unis sind, im Gegensatz zu den drei Berlinern, getrennt angetreten, weil sich die Rektorate "eine Kooperation nicht verstellen können" Selbstbewusstsein pur! Wer Exzellenzuniversität wird, bleibt es für sieben Jahre und bei erfolgreicher Verteidigung zweier Exzellenzcluster auf Dauer. Als Preisgeld stellen Bund und Land den Siegern insgesamt 148 Millionen Euro zur Verfügung.

Leer ausgegangen sind die Universitäten Freiburg, Kiel, Braunschweig, Stuttgart, Bochum, Köln, Münster und der Verbund der Universität Hannover mit der dortigen Medizinischen Hochschule. Die Uni Kiel hat bereits angekündigt, dass sie beim nächsten Wettbewerb im Jahr 2026 wieder am Start sein werde.


Das KIT:  adabei

Das KIT hatte bei dem Exzellenzwettbewerb 2019 Glück. Ob es das Glück des Tüchtigen war, bleibt offen. Jedenfalls griff die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek höchstpersönlich ein und erhöhte  sozusagen per "Ordre de Mufti", die Anzahl der finalberechtigten Cluster von 46 auf 57. Ohne diese beachtliche Aufweitung wäre das KIT (ebenso wie die Uni Heidelberg) nicht in den Endwettbewerb gekommen. Ob das Wiedergutmachung für die Nichtberücksichtigung des Südwestens beim vorlaufenden Batteriewettbewerb war, wo die Uni Münster siegte, bleibt Spekulation.


Präsident Holger Hanselka (vorne links) feiert mit seiner Entourage 
den Sieg des KIT           Foto:Breig/KIT

Die Geschichte des KIT bei den früheren beiden Exzellenzwettbewerben ist gescheckt. Beim ersten Wettbewerb 2006 siegte das KIT (zusammen mit den beiden Münchener Unis) überraschend als dritte Universität - und musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Das benachbarte Großforschungszentrum KfK in Leopoldshafen wurde auf Betreiben des damaligen Geschäftsführers Popp - ohne sonderliche Mitarbeiterbefragung - schlicht per Quasifusion zum KIT eingemeindet, was der Hauptgrund für die elitäre Wahl war. Auch heute noch sind viele ehemalige Mitarbeiter des KfK der Ansicht, dass der Verlust der Selbstständigkeit dafür ein viel zu hoher Preis war. Egal, im unkontrollierten Überschwang ließ Popp in ganz Karlsruhe Plakate mit der Aufschrift "Wir sind Elite" anbringen. Kurze Zeit darauf ging er, aus sicherlich triftigen Gründen, in den Ruhestand. Beim zweiten Wettbewerb 2012 fiel das KIT durch, obwohl Präsident Hippler vorher lauthals verkündet hatte: "An uns kommt keiner vorbei".


Einige kritische Anmerkungen

International betrachtet, hat die Exzellenzinitiative nur wenig Aufsehen erregt. Sie wird als eine rein deutsche "Turnübung" katalogisiert. Nach wie vor sind in den allermeisten internationalen Rankinglisten nur zwei bis drei deutsche Universitäten auf den ersten 50 Plätzen zu finden - zumeist die beiden Münchener Unis und Heidelberg. Unter den TOP 10 wurde m. W. noch nie eine deutsche Universität registriert. Der (insgeheime) Wunsch manch deutscher Politiker, einen deutschen akademischen Leuchtturm à la Harvard aufzubauen, hat sich also bislang nicht erfüllt.

Apropos Harvard: das Standing dieser Universität und die Konditionen, unter denen sie betrieben wird, unterscheiden sich um Lichtjahre von den deutschen Unis. Harvard verfügt über ein Stiftungsvermögen von 50 Milliarden Dollar, über das die Hochschule frei verfügen kann. Dieses vermehrt sich jährlich um die Einschreibegebühren ("Tuition") der 21.000 Studenten, welche bis zu 50.000 Dollar erreichen können. Demgegenüber wird den deutschen Unis jährlich über Bund und Land die sogenannte Grundfinanzierung in der Höhe von einigen hundert Millionen Euros zugewiesen, zuweilen vermehrt um selbst eingeworbene Drittmittel. Die Studiengebühren sind praktisch abgeschafft.

Die jährlichen Preisgelder aus der Exzellenzinitiative belaufen sich (je nach Anzahl der Cluster) auf rd. 5 bis 15 Millionen Euro und machen in der Regel nicht mehr als ein Prozent der Grundfinanzierung aus, und spielen damit kaum die Abwicklungskosten ein Der Titel "Elite" streichelt also mehr die Seele der Präsidenten und Stadtoberen. Die allermeisten Studenten lässt er kalt, ausgenommen jene, die in den Instituten arbeiten, in denen an den Clustern geforscht wird.

Unterschiedlich ist auch die wissenschaftliche Qualität der Studienanfänger. Harvard darf sich seine Erstsemester selbst aussuchen und nimmt im Schnitt nicht mehr als fünf Prozent der Applikanten. Den deutschen Unis werden die Abiturienten zumeist "zugewiesen". Oft müssen sie in Förderkursen nachgeschult werden, weil ihr präsentes Gymnasialwissen eigentlich nicht zum Studium ausreicht. So darf es kaum verwundern, wenn die Liste der Nobelpreisträger an deutschen Unis kurz ist. Harvard verfügt derzeit über 39 Nobelpreisträger, das Massachussetts Institute of Technology (MIT) - insgeheim der Namensgeber des KIT - über deren 20.

Viele deutsche Universitäten sind sogenannte Massenuniversitäten mit 50.000 Studierende oder gar darüber. Die Uni Köln ist dafür ein Beispiel. Ihre 800 Millionen Grundfinanzierung gehen zum großen Teil in die Lehre, für die Forschung bleibt da wenig übrig. So erklärt sich auch das sang- und klanglose Ausscheiden dieser Universität aus der diesjährigen Exzellenzinitiative. Nix mit "Elite" für die Großstadt Köln. Auf mittlere Sicht wird sich daran wohl wenig ändern.
Denn die deutsche Exzellenzinitiative wird noch auf lange Zeit ein Fest bleiben für:

große Gefühle und geringe Erträge.


Donnerstag, 11. Juli 2019

Zetsches Erbe

Seinen Abgang von Daimler hat sich der ehemalige Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche sicherlich anders vorgestellt. Dem Nachfolger, den Schweden  Ola Källenius muss er ein schweres Erbe hinterlassen. Dieser ist seit 22. Mai 2019 neuer Vorstandschef und muss nun ein schlimmes Problem verwalten: Daimler steht (wieder einmal) knietief im Dieselskandal. Das Unternehmen soll die Abgasreinigung von Dieselautos widerrechtlich manipuliert haben, damit die Behörden getäuscht und die Autokäufer betrogen haben.


Der berühmte Stern

Immer wieder Rückrufe


Die aktuellen Rückrufe, welches das Kraftfahrtbundesamt (KBA) vor ca. einem Monat angeordnet hat, beziehen sich auf 60.000 Geländewagen vom Typ Mercedes-Benz GLK 220. Manche Autoanalysten schwadronieren bereits von noch viel größeren Stückzahlen für andere Typen. Denn schon im Sommer 2018 wurde von den Behörden ein Rückruf in Europa von 690.000 Dieselautos des Unternehmens angeordnet. Betroffen waren Varianten der C-, E-, und S-Klasse, sowie verschiedene SUVs. Daimler wies bislang jedoch alle Vorwürfe zurück.


Schummeleien bei der Software?

Das KBA will herausgefunden haben, dass in den Autos eine illegale Abschalteinrichtung zur Abgas- Manipulation verbaut wurde. Diese Software soll den Ausstoß von Stickoxiden auf dem Prüfstand künstlich niedrig gehalten haben. Im täglichen Verkehr hätten die Autos jedoch erheblich mehr Stickoxide ausgestoßen. Eine spezielle Software hielt die Temperatur des Kühlmittelkreislaufes entsprechend niedriger. Allerdings stellte das KBA fest, dass die vorher entdeckte Funktion bei späteren Softwareupdates entfernt worden war. Auf die Frage, welche Verantwortung der heutige Daimler-Vorstandschef für diese Situation habe, sagte ein Werkssprecher: "Herr Källenius gibt persönlich keine Software frei". Trotzdem stellt sich die Frage, wer die ganzen Schummeleien veranlasst hat, als Källenius vorher jahrelang Entwicklungschef bei Daimler war?


Effizienzprogramme sind notwendig

Die Anwürfe auf der technischen Seite haben auch finanzielle Auswirkungen. Daimler musste in diesem Jahr bereits die dritte Gewinnwarnung herausgeben, was die Aktionäre an der Börse sicherlich nicht freut. Auch das von Zetsche noch initiierte Effizienzprogramm "Move" muss nun beschleunigt umgesetzt werden. Für die 60.000 Beschäftigten in der Verwaltung und der Entwicklung gibt es bis 2021 noch keine Kündigungen; danach ist alles offen.

Es ist fast tragisch, dass der charismatische Daimler-Chef Zetsche nach 13 Jahren so einen schwachen Abgang hat. Aber vielleicht werden ihn die 42 Millionen Euro Pensionszusage (deutscher Rekord!) versöhnlich stimmen.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Deutschlands Konzerne werden "grün" - und fordern Staatsknete

Der Zeitgeist in Deutschland ist "grün" geworden - kein Zweifel, wenn man die Ergebnisse der letzten Wahlen zugrunde legt. Dass dieser "Wind of Change" auch die Wirtschaftsunternehmen, ja sogar die DAX-Konzerne , erfasst hat, ist noch nicht allseits bekannt, soll aber in diesem Blog beispielhaft dargestellt werden. Viele Firmen orientieren ihre Produktlinien und Investitionen neu, ein Vorgang, welcher einem Paradigmenwechsel gleichkommt.

Und mit beträchtlichen Risiken verbunden ist, denn der neue Markt ist noch keineswegs überschaubar. Deshalb richten sich die Augen nicht weniger Unternehmenschefs nach Berlin: die dortige Regierung hat die "Wende" initiiert und soll deshalb mit Gesetzesänderungen und Subventionen an die Wirtschaft zur Beherrschung ihrer Risiken beitragen. An den Unternehmen VW, RWE und BASF soll diese Metamorphose exemplarisch beschrieben werden.


VW setzt auf das Elektromobil

Ausgerechnet VW, wird mancher gequält aufstöhnen. Jene Firma, die hauptverantwortlich für den größten Betrugsskandal in der deutschen Industriegeschichte ist. Die (bislang) fast 30 Milliarden Euro für Sanktionen an die amerikanischen Finanzbehörden zahlen musste und von der sich Millionen deutscher Dieselbesitzer immer noch betrogen fühlen. Dieses Unternehmen, welches seinem allmächtigen, aber total unwissenden Chef Martin Winterkorn mit 30 Millionen Euro Abfindung in die Rente schickte und der sich jetzt hoffentlich vor Gericht verantworten muss.

Der neue VW-Chef, Herbert Diess, bisher vor allem bekannt als leidenschaftlicher Ferrarifahrer, will seinen Kunden zukünftig keine  Autos mehr mit Verbrennermotoren verkaufen, sondern nur noch Elektromobile. Zwischendurch hält er Lobreden auf die schwedische Autistin Greta Thunberg und preist die deutschen Schüler für ihre freitäglichen Wut-Demos. Allerdings, wer heute als ehemaliger Polo- oder Golfbesitzer eines der von Diess propagierten E-Mobile kauft, muss sich an kurze Reichweiten, lange Ladezeiten und karge Ausstattung gewöhnen - darüber hinaus aber auch an hohe Kaufpreise. Die E-Renner sollen, dem Vernehmen nach, nicht unter 18.000 Euro zu haben sein; demgegenüber beginnt die VW-Preisliste für gängige Verbrenner bei rd. 12.000 Euro. Wie soll der "kleine Mann", der traditionell für den Großteil des VW-Umsatzes sorgt, dies finanziell packen?

Nun, Sportfahrer Diess hat auch dafür eine Lösung. Die Bundesregierung in Berlin muss ran, schließlich hat sie - mit ihren überzogenen Abgasgrenzwerten - für diese Malaise gesorgt. Diess´ Ausweg: wenn künftige VW-Kunden schon mehr beim Erwerb ihres Fahrzeugs zahlen müssen, dann sollen sie wenigstens über geringere Betriebskosten entschädigt werden. Also: der Benzinpreis, pardon der Strompreis, muss runter. Dafür soll die Bundesregierung die Atomkraftwerke länger laufen lassen, welche demnächst (spätestens 2022) vom Netz gehen müssen. Aufgrund eines Gesetzes, das vor acht Jahren fast einstimmig im Bundestag beschlossen wurde. Das wäre für Diess ein probates Mittel, denn bekanntlich sorgen Kernkraftwerke für preiswerten Grundlaststrom ohne Emissionen von CO2. Dass der Weiterbetrieb dieser Kraftwerke zu einen Aufschrei in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung führen würde, stört Diess nicht. Für dieses Problem sind, aus seiner Sicht, die Politiker verantwortlich.


RWE mit Lust auf erneuerbare Energien

Bei der Hauptversammlung im Mai 2019 hat der RWE-Chef mit dem passenden rheinischen Namen (Rolf Martin)  Schmitz den Takt für sein Unternehmen vorgegeben: der einstige Stromriese RWE will nicht mehr in neue Kohlekraftwerke investieren. Stattdessen habe er "Lust auf erneuerbare Energien", verkündete Schmitz in überregionalen Zeitungen. In den letzten sechs Jahren habe das Unternehmen den CO2-Ausstoß um 60 Millionen Tonnen reduziert, entsprechend einem Anteil von 34 Prozent. Noch in diesem Jahr sollen die Transaktionen mit E.ON abgeschlossen werden, mit dem Ergebnis, dass RWE (weltweit) der zweitgrößte Produzent von Offshore-Wind sein wird. In jedem folgenden Jahr sollen 1,5 Milliarden Euro netto zusätzlich in erneuerbare Projekte investiert werden. Bis 2022 sollen alle fünf großen Kernkraftwerke abgeschaltet sein; an deren Stelle wird jedes Jahr 2 bis 3 Gigawatt an "Grünstrom"-Kapazität hinzu kommen. Allerdings: gegenwärtig gewinnt RWE noch mehr als die Hälfte seines Stroms aus Steinkohle und Braunkohle. Der Weg in eine "kohlefreie Ära" ist noch lang.

Auf diesem steinigen Geläuf erwartet der RWE-Chef Schmitz die Unterstützung der Bundes- und Landesregierung. So veranschlagt er die Entschädigung für den Braunkohleausstieg auf 1,5 Milliarden Euro  je Gigawatt Kraftwerksleistung. Ob die Politiker darauf eingehen werden ist noch offen, denn die gesamte Summe liegt um 100 Prozent über den Zahlungen aus dem Topf der Sicherheitsreserve. Weiterhin schlug Schmitz - "Dinosaurier des Jahres"- den Stopp der Umsiedlungen im Braunkohlegebiet Garzweiler kategorisch aus. Die dortige Kohle würde schon in den frühen 2020er Jahren als Brennstoff für die verbleibenden Kraftwerke gebraucht. Für zwei Drittel der Häuser und Anwesen hat sich RWE außerdem bereits mit den Eigentümern zum Umzug verständigt. Für die zu erwartenden Widerstände sei allerdings die Unterstützung der Regierungen unbedingt erforderlich.


BASF:  eine Chemiefabrik wird grün

Erst ein Jahr im Amt, ist der neue Vorstandsvorsitzende Martin Brudermüller dabei, die BASF ökologisch umzukrempeln. So kündigte er an, die Energiezufuhr für Kernbestandteile der Produktion von Gas auf Ökostrom umzustellen. Dadurch will sich die BASF von der Emission von Treibhausgasen abkoppeln - als erstes Unternehmen der Chemiebranche. Das Herzstück der neuen grünen Produktion sollen strombetriebene "Cracker" werden. Das sind große chemische Anlagen, in denen Rohbenzin bei 850 Grad Celsius in wichtige Grundchemikalien, wie Ethylen und Propylen aufgespalten werden. Dabei sind noch einige Fragen zu klären, unter anderem wie die grüne Energie (z. B. aus Wind) gespeichert wird, damit die Produktion unterbrechungsfrei laufen kann. Der Schwenk hin zur E-Chemie ähnelt dem der E-Mobilität. Das macht sich aber noch bei den Börsendaten bemerkbar. Momentan geht der Aktienkurs der BASF nach unten, Das Wachstum lahmt und die Rendite stagniert.

Im vergangenen Jahr ist Brudermüller - zum Erstaunen seiner Chemikerkollegen - dem Wirtschaftsbeirat der Partei der Grünen beigetreten. Er sei an offenen Diskussionen interessiert, sagt er. Seine dort geäußerte Idee, wegen des Niedrigwassers im Rhein, neue Staustufen zu bauen, sei bei den grünen Beiratsmitgliedern allerdings auf wenig Gegenliebe gestoßen.




Niedrigwasser im Rhein 2018

Zur strategischen Neuausrichtung des Konzerns erwartet der CEO Brudermüller Hilfe von außen; deshalb richten sich seine Blicke nach Berlin. Ohne ausreichende und verlässlich verfügbare Energien zu wettbewerbsfähigen Preisen bleiben die neuen Technologien nutzlos. Die Politiker, wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier, sollen dafür sorgen, dass der Strom aus Wind und Sonne besser verfügbar wird. Das ist einfacher gesagt als getan in einem Umfeld, wo schon eine Klage den Bau einer Stromtrasse blockieren kann. Außerdem schlägt Brudermüller vor, nicht die Energie (wie jetzt) zu bepreisen, sondern nur das emittierte CO2. Sein Motto: Jeder soll so viel Energie verbrauchen dürfen, wie er möchte; wenn er allerdings die "falsche" verwendet, dann soll er zahlen. Die Bundesregierung soll also die Reduktion von Treibhausgasen steuerlich begünstigen durch die Einführung eines globalen CO2-Preises.

Abschließend sei daran erinnert, dass die die Manager der BASF schon in der Frühzeit eine Schwäche für erneuerbare Energien hatten - zu Lasten der Kernenergie. Zum Beispiel Jürgen Hambrecht, der Vor-Vorgänger (2003 - 2011) von Martin Brudermüller als CEO des Ludwigshafener Konzerns. Hambrecht war im Frühjahr 2011 Mitglied der berühmt-berüchtigten Ethikkommission, welche über den Weiterbetrieb der deutschen Kernkraftwerke (nach den Unfällen von Fukushima) zu befinden hatte. Gemeinsam mit einer Gruppe von Bischöfen und Kardinälen, für welche die Kernenergie ohnehin "des Teufels" war (lt. Münchener Kardinal Reinhard Marx).

Zum Erstaunen bis Entsetzen der Kernenergie-Community stimmte Hambrecht für den Ausstieg.




Montag, 17. Juni 2019

Die Zeitung BNN korrigiert einen Fehler

"Lage, Lage, Lage" ist ein immerwährender Slogan im Immobilienbereich. Der Ort bestimmt weitgehend den Wert des Grundstücks, sowohl für Privatpersonen als auch für die  Gewerbetreibenden. Insoweit hat die Karlsruher Zeitung "Badische Neueste Nachrichten" (BNN) einen historischen Fehler korrigiert, der ihr vor 33 Jahren unterlaufen ist. Damals zog die gesamte Redaktion von der umtriebigen Karlsruher Innenstadt an die beschauliche Randsiedlung Neureut. Nun kommt - zumindest die Lokalredaktion - zurück an ihre Wurzeln; in Sichtweite des Rathauses,  der Büros der meisten Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie der Hohen Gerichte. Hier, nur wenige Schrittsekunden entfernt von der Pyramide, regieren nicht die Gesetze der grünen Wiese von Neureut mit abgeschotteten Büros, sondern man ist mittendrin bei den Zeitungslesern und den Informationsgebern. Kein Wunder, dass dieser Ortswechsel einhellig begrüßt wird, vom Oberbürgermeister Frank Mentrup bis zum Eventmanager Martin Wacker.


Die wechselvolle Geschichte der BNN

Die Geschichte der BNN ist typisch für viele Zeitungsgründungen nach dem 2. Weltkrieg, weist aber einige Besonderheiten auf, die durchaus berichtenswert sind. Im März 1946 erhielt das CDU-Mitglied Wilhelm Baur von der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz zur Herausgabe der BNN. Damals wurde auch das Verlagsgebäude in die Lammstraße verlegt. Nach dem Tod seines Onkels Wilhelm (1973) wurde Hans Wilhelm Baur (1926 - 2015) Verleger des Blattes. In diese Zeit fiel auch die Entscheidung zum Umzug nach Neureut. Ursächlich war der Platzbedarf für die riesige, kurz vorher beschaffte Rotationspresse. Der Umzug der gesamten Redaktion wurde zusätzlich getroffen.

Seit Mai 2005 ist der bisherige Chefredakteur Klaus Michael Willimek auch Herausgeber und Geschäftsführer der BNN. Willimek wurde kurz vorher von seinem Onkel, dem Verleger Hans Wilhelm Baur adoptiert. Gegenwärtig figuriert Klaus Michael Baur im Impressum der BNN als Verleger, Herausgeber und Chefredakteur. Mehr geht kaum!

Die BNN gehört einer Stiftung, die nach dem Zeitungsgründer Wilhelm Baur benannt ist. Sie soll die Unabhängigkeit des Blattes garantieren. Die Ausschüttungsbeträge dieser Stiftung fließen unter anderem einem Mehrgenerationenhaus zu, das den Namen der 2004 verstorbenen Verlegersgattin Brunhild Baur trägt. Das Haus ist Teil des Verlagsgebäude in Neureut und wird gut geführt.




Zeitung machen und verkaufen: ein mühsames Geschäft

Die BNN ist die einzige Tageszeitung im Stadt- und Landkreis Karlsruhe, weswegen sie manchmal, leicht ironisch, als Monopolzeitung bezeichnet wird. Die verkaufte Auflage beträgt rd. 100.000 Exemplare, die Redaktion besteht aus ca. 90 Mitarbeitern. Während der vergangenen 20 Jahren ist die Auflage um ca. 30 Prozent abgesunken. (Immer wenn ein älterer Leser stirbt, reduziert sich die Zahl der Abonnenten sozusagen um die gleiche Einheit.). Die Jugend bezieht ihre Informationen fast ausschließlich über Smartphone aus dem Internet. Am Impressum der BNN erkennt man, dass auch die Anzahl der Redakteure schwindet; Ruheständler werden kaum adäquat ersetzt. In den letzten Jahren ist das Blatt, dem Zeitgeist entsprechend, erkennbar nach links gerückt. Möglicherweise hat man dadurch einige (grün-rote) Leser hinzugewonnen, vermutlich aber auch fast eben so viele konservative verloren.

Die BNN betreibt neun Lokalausgaben. Der Mantel (und damit der überregionale politische Teil) ist identisch. Die Lokalausgaben erscheinen unter anderem in Baden-Baden, Pforzheim, Bühl und Bruchsal. Die Jagd nach exklusiven Geschichten, den sogenannten "Scoops", hat die BNN weitgehend aufgegeben. Früher berichtete sie (als Erste) über angeblich schlechte Arbeitsbedingungen beim Discounter "Lidl" und musste durch kostspielige Prozesse und rückgehende Werbeeinnahmen teures Lehrgeld bezahlen. Ein weiterer Scoop war zweifelsohne die Exklusivmeldung über eine "Steuerfahndung im Hause Steffi Graf". Leider geschah dies im zeitlichen Umfeld des French Open Tennisturniers, was der BNN wenig Sympathie bei den badischen  Tennisfreunden einbrachte. Inzwischen konzentriert sich die Redaktion auf Sondermeldungen bei den diversen Karlsruher Bauprojekten. Allerdings gehören dort Termin- und Kostenüberschreitungen zum Alltag und beunruhigen die Leserschaft kaum sonderlich.

Beim Promi-Empfang anlässlich der Rückkehr der Lokalredaktion schlug der Leiter des ZKM-Museums, Peter Weibel, vor, dass die Abkürzung BNN künftig für BürgerNahe Nachrichten stehen solle. Ein kleiner Gag, der beim Zeitungschef Klaus Michael Baur indes gut ankam.


Dienstag, 14. Mai 2019

Die EnBW: arm, aber grün

Die "Energie Baden Württemberg AG" - abgekürzt: EnBW - gehört zu den fünf größten deutschen Energieversorgungsunternehmen (EVU), nach den traditionellen Riesen RWE und Eon, sowie den Newcomern Uniper und Innogy. Die genaue Reihenfolge ist schwer festzulegen, da die thematische Auslegung dieser Unternehmen häufig wechselt. Was die EnBW von ihren Konkurrenten jedoch klar unterscheidet ist, dass dieses EVU praktisch in Gänze dem Land Baden-Württemberg und seinen Kommunen gehört - ausgenommen die 0,39 Prozent "freier Aktionäre", wozu sich der Schreiber dieses Blogs rechnen darf. Dies ist eine kleine und elitäre Schar, welche auf die Geschäftspolitik der AG indes nur marginalen Einfluss hat.

Denn die EnBW geriert sich gern als "grünes EVU", seit der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann als Ministerpräsident im "Ländle" das Sagen hat. Das sind immerhin (seit Mai 2011) schon acht Jahre, die sich bei der nächsten Landeswahl nochmals verlängern könnten. Kretschmann und seine Mannen (wie der Vorstandsvorsitzende Frank Mastiaux) sorgen schon dafür, dass nichts anbrennt und der eingeschlagene grüne Energiekurs beibehalten bleibt. Dies gilt insbesondere für die Fokussierung der Stromerzeugung auf Wind und Sonne - egal zu welchem Preis!


Dr. Frank Mastiaux (55), CEO bei EnBW seit 2012


Fragile Finanzsituation

Die Finanzzahlen, welche im EnBW-Geschäftsbericht 2018 und bei der kürzlichen Hauptversammlung präsentiert wurden, waren nicht berauschend. Der Außenumsatz des Konzerns  ging zwischen 2018 und dem Vorjahr um 6,2 Prozent zurück. Das beeinträchtigte den betrieblichen Rohgewinn EBIT (englisch: Earnings bevor Interest and Taxes), der um satte 65 Prozent im Berichtsjahr 2018 absackte. Auch der Cashflow, die Geldmenge, welche dem Unternehmen für Dividenden und zur Tilgung von Fremdkapital zur Verfügung steht, schrumpfte in Jahresfrist um 67 Prozent. Entsprechend erhöhten sich die Nettoschulden um 28 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro. Der Konzernüberschuss ging um 83 Prozent auf 334 Millionen Euro zurück;  daraus wurde noch eine Mager- Dividende von 65 Cent bezahlt.

Kein Wunder, dass der Finanzchef Thomas Kusterer (pardon, heißt bei EnBW: Chief Financial Officer) frisches Geld beschaffen musste. Dank der guten Finanzlage des Großaktionärs Baden-Württemberg war dies kein großes Problem. Kusterer platzierte die Anleihe als sogenannte "Grüne Anleihe" und versprach, sie fast ausschließlich zur Finanzierung von Projekten im Bereich der Erneuerbaren Energien zu verwenden. Der Landesvater war (vermutlich) zufrieden.

Kritischer wird die Situation wohl werden, wenn alle Kernkraftwerke der EnBW aus (politischen Gründen) abgeschaltet sein werden. Für KWO, KKP 1 und GKN I ist dies bereits der Fall; die großen "Gelddruckmaschinen" KKP 2 und GKN II mit einer Gesamtleistung von fast 3.000 Megawatt müssen Ende 2019 beziehungsweise 2022 stillgelegt werden. Das wird den Stromerzeugungsmix der EnBW stark negativ beeinflussen, insbesondere, weil dann auch noch die Braunkohle und Steinkohle (mit 4.366 MW) partiell zur Abschaltung anstehen. Denn: Wind und Sonne trägt bislang erst mit knapp 1.200 MW zum Erzeugungsportfolio bei.


Ladestationen für Elektroautos

Die EnBW beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Bau von Ladestationen für die E-Mobile. Im Berichtsjahr 2018 beschleunigte sich diese Tätigkeit, weil das Unternehmen zum Konsortialführer für das Landesförderprogramm SAFE ausgewählt wurde. SAFE ist ein Verbund von 74 Stadtwerken und drei Kommunen, die dem Elektroauto durch Verbesserung der Infrastruktur zum Durchbruch verhelfen soll. Bis September 2019 sollen "flächendeckend" 154 moderne Ladestationen entstehen, wobei in einem Raster von 10 mal 10 Kilometer mindestens eine Tankstelle mit einer Leistung von 22 Kilowatt zu finden sein soll. Und in einem Raster von 20 mal 20 Kilometern soll mindestens eine "Schnelladesäule" gebaut werden. Das Nachladen für 100 Kilometer soll dort nur sieben Minuten dauern. Gleichzeitig will man das immer noch chaotische Steckersystem vereinfachen, welches derzeit unter so eingängigen Namen wie Combo (CCS), Menekes (Typ 2) oder CHAdeMO anzutreffen ist. Schließlich will man sich um die Vereinheitlichung der Bezahlungssysteme bemühen, von denen fast jeder Ladesäulenbetreiber sein eigenes hat.

Das größte Problem ist die Standortsuche für die geplanten Schnellladesäulen. Momentan bevorzugt man zentrale Orte, die man ohnehin ein Mal pro Woche aufsucht. Das sind unter anderem Fitnesstudios und Supermärkte. Wegen der großen Zahl der Bauaufträge kommt es immer wieder zu Engpässen bei den Tiefbauunternehmen und den Handwerkern. Ein weiteres Problem stellen die Miethäuser dar, welche nicht auf hohe Stromentnahmen eingerichtet sind. Derzeit gibt es in ganz Deutschland 17.400 E-Tankstellen aller Art, davon befinden sich 2.560 in Baden-Württemberg. Fast zu viele für die 83.000 Elektroautos in Deutschland und den 16.400 im Land B-W. Befragungen ergaben allerdings immer wieder, dass die "Angst liegen zu bleiben", also die sogenannte "Reichweitenangst"das Hauptargument der Menschen gegen den Kauf von E.Mobilen ist. Nicht problematisch wäre der von der Bundesregierung geplante Betrieb von einer Million Elektroautos im Jahr 2022. Der zusätzliche Strombedarf läge nur bei 0,5 Prozent und wäre von den EVU locker zu bewerkstelligen.


Die Beschaffung der Kohle.

Die Kohle für ihre Steinkohlekraftwerke (insgesamt ca. 4,5 Millionen Tonnen) bezog die EnBW im wesentlichen aus Russland (2,7 Mio t), USA (0,76) und Kolumbien (0,92). Im vergangenen Jahr 2018 verzichtete die EnBW auf den Lieferanten Kolumbien. Damit gab es auch keinen Anlass mehr zum Auftritt von farbenfroh gekleideten Angehörigen der indigenen Völker ("Südamerika-Indianer"), die in den Vorjahren oft bewegte Klage über die miserablen Arbeitsbedingungen in den Bergbauminen führten. Allerdings hörte man bei der Hauptversammlung in den Gängen, dass diese Bergleute nun zum Teil ihren Job verloren haben, weil die Minenbesitzer ihre schmutzige Kohle jetzt zu den Chinesen liefern, die bezüglich Umweltschutz viel weniger nerven als die Deutschen.

Die US-amerikanische Kohle stammt fast ausschließlich aus Untertagebauen im Illinois Basin und den nördlichen Appelachen. "Mountaintop Removal Mining" heißt diese brutalste Technik zum Kohleabbau. In den Appelachen roden die Grubenbesitzer ganze Berggipfel. Dabei sprengen sie die Kuppen ab, bis sie an die darunter liegenden Flöze gelangen. Diese Methode ist billiger, als der aufwendigere Abbau unter Tage; 500 Berggipfel sind in den Appelachen bereits weggesprengt. Dafür werden intakte Ökosysteme in Mondlandschaften verwandelt.

Die meiste Kohle, die russische Bergbauunternehmen nach Deutschland liefern, hat einen sehr weiten Weg hinter sich. Sie stammt zumeist aus dem sibirischen Kusnezkow Becken und wird mit Güterzügen mehr als 4.000 Kilometer weit bis in die Nähe von Sankt Petersburg gefahren. Von dort gelangt sie per Schiff in den Hamburger Hafen. Berücksichtigt man die langen Transportwege von Sibirien zu den deutschen Kohlekraftwerken, so ist die (integrierte) CO2-Emission für die Russenkohle wohl kaum geringer als bei einem deutschen Braunkohlekraftwerk dessen Tagebau direkt in der Nähe liegt.


Die Managergehälter

Die Aufsichtsräte und Vorstandsmitglieder werden bei der EnBW zwar nicht direkt zu Millionären, müssen aber auch nicht hungern. So löhnt der Vorsitzende des elitären Aufsichtsgremiums, der Unternehmensberater Lutz Feldmann, für seine Teilzeitbetätigung immerhin noch 110.750 Euro pro anno; seine ihm zuarbeitende Rätin Gunda Röstel 64.000. Für Frau Röstel aus Flöhe ist dies gewissermaßen ein Zubrot, denn in ihrem Hauptberuf ist sie noch Kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH und Prokuristin der Gelsenwasser AG. Außerdem versieht Gunda noch vier weitere Aufsichtsmandate, hoffentlich nicht gratis. Das alles schafft ein gewisses Grundeinkommen für die frühere Vorsitzende der Partei der Grünen, als sie sich für die Segnungen des Kapitalismus kaum erkennbar eingesetzt hat.

Der Hauptverdiener im Vorstand ist - wie es richtigerweise sein soll - der Vorsitzende Frank Mastiaux. Er verdiente im Jahr 2018 insgesamt 3.008.608 Euro,  seine (derzeit noch) vier Vorstandsmitglieder Beck, Kusterer und Zimmer zwischen ca. 1,6 und 1,8 Mio Euro. Es fällt auf, dass dem CEO Mastiaux im Vergleich zu 2017 das Gehalt um fast 300.000 Euro gekürzt wurde, während die genannten Kollegen im Schnitt einen Zuschlag von 200.000 Euro erhielten. Da stellt sich doch die Frage, was der Chef im vergangenen Jahr "verbockt" hat. Aus dem Geschäftsbericht ist dies für den Laien nicht erkennbar. Es gibt dort zwar eine Grafik für die Zielvergütung der Vorstände, aber diese ist hochkomplex, da sie aus nicht weniger als 11 Parametern besteht. Welche Einflussgrößen dem Chef zum Verhängnis wurde, ist nicht erkennbar.

Nun, Dr. Frank Mastiaux wird, bei einiger Einschränkung, auch mit 3 Millionen auskommen. Er steht damit in einer Reihe mit seinem Kollegen , dem RWE-Vorstandsvorsitzenden Rolf Martin Schmitz, den die Gesellschafter (vermutlich) für das ungeschickte Management um die Tumulte beim Hambacher Forst abstraften.

Da hat es der Chef-Kollege von E.ON, Johannes Teyssen, schon besser getroffen. Er dirigierte 2018  sein Unternehmen sorgsam durch alle Untiefen und wurde dafür mit einem Salär von 6,7 Millionen Euro belohnt.

Montag, 13. Mai 2019

Das Ende der Kaderschmiede ENA

Wer in Frankreich eine Karriere anstrebt, die ihm eine ranghohe Position in Politik, Verwaltung oder Wirtschaft (nahezu) garantiert, für den (oder: die) gibt es einen Ausbildungskanon. Idealerweise besucht man die Gymnasien Louis le Grand oder Henri IV in Paris, studiert anschließend Sciences Po oder an der Ecole Polytechnique und qualifiziert sich dann im Wettbewerb für die Aufnahme an der Verwaltungshochschule École National d´Administration, bekannt unter dem Akronym ENA. Zwar schaffen nur zwei Prozent der ENA-Absolventen eine politische Karriere, aber:
darunter ist die Hälfte der französischen Präsidenten der V. Republik.


Die ENA - ein Fahrstuhl nach oben

Die École National d´Administration (deutsch: Nationale Hochschule für Verwaltung) ist eine Grande École, die traditionell die Elite der französischen Verwaltungsbeamten ausbildet. Sie wurde am 9. Oktober 1945 von Charles de Gaulle ins Leben gerufen, um den Aufbau einer von der Vichy-Vergangenheit unbelasteten Verwaltung zu ermöglichen. Der Standort der Hochschule war zunächst Paris; 1992 wurde sie teilweise, 2005 in Gänze nach Straßburg in das ehemalige Kloster Sainte Marguerite verlegt. In einem strengen Auswahlverfahren werden jährlich ca. 100 bis 120 Kandidaten zum zweijährigen Studium an der ENA zugelassen, wovon allerdings nur 6 Prozent der Arbeiterklasse entstammen. Im Verlaufe des gut 70-jährigen Bestehens der Schule hat die ENA ca. 7.000 Absolventen hervorgebracht. Das Curriculum sieht unter anderem Vorlesungen in Recht und Wirtschaft vor, sowie die Vermittlung von Verwaltungs- und Verhandlungstechniken.


Prominente ENA-Absolventen

Die besten ENA-Absolventen werden anschließend Inspecteur des Finances bevor sie in Spitzenpositionen der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung wechseln. An der Spitze der großen französischen Wirtschaftsunternehmen stehen fast ausschließlich ENA-Absolventen. Das unterscheidet sie von deutschen Unternehmen, wo die Unterschiede zwischen dem Vorstandssprecher meist ähnlich gering sind, wie die zur nächsten oder übernächsten Führungsebene. Der wesentliche Auswahlprozess findet bei diesem "Fahrstuhl in die oberste Führungsetage" schon bei der oben genannten Zulassung statt. Wer einmal diesen Numerus Clausus geschafft hat und innerhalb seines Jahrgangs nicht allzu schlecht abschneidet, dessen berufliche Zukunft ist für die nächsten Jahrzehnte gesichert.

Unter den Enarchen, (ein Spottwort für die ENA-Absolventen im Anklang an die Monarchen früherer Zeiten)) ist "Netzwerken", also das gegenseitige Hochhieven in Führungspositionen, angesagt und wird auch mit Inbrunst betrieben. Ein gutes Beispiel dafür ist der aktuelle französische Staatspräsident Emmanuel Macron. Er war ENA-Absolvent des Jahrgangs 2004, nach der ENA-Klassifikation in der "Promotion Léopold Senghor". Nach seiner Ernennung hat er umgehend die beiden Enarchen Éduard Philippe und Bruno le Maire zum Premierminister bzw. zum Finanzminister befördert.  Weitere einflussreiche Enarchen im Umfeld von Macron sind der Gouverneur der Banque de France, die Direktorin des Radiosenders Radio France, der Präsident des Verfassungsrats und der Chef der Großbank Société Generale. In keinem anderen europäischen Land lässt sich die Führungselite in Politik, Wirtschaft und Verwaltung so einfach mit drei Buchstaben beschreiben.

Historisch interessant ist, dass fast zeitgleich mit der Gründung  der ENA in Paris, im Sommer 1946 die französische Militärregierung in ihren Besatzungsgebiet die Entscheidung zu Gründung einer "École Supérieure d ´Administration" in Speyer traf. Die Besatzungsmacht betrachteten dies als Teil eines "Umerziehungsprozesses", der vor allem gegen das Land "Preußen" gerichtet war. Ostelbische Beamte, besonders die Juristen, galten als Hauptstützen von Hitlers Nationalsozialismus. Die 1:1-Übernahme der ENA-Kriterien gestaltete sich jedoch schwierig bis unmöglich, sodass es erst am 11. Januar 1947 zur offiziellen Gründung die Hochschule kam - unter der (jetzigen) Bezeichnung "Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer". Auch im Lehrplan gingen die Speyerer ihren eigenen Weg. Sie wollten keine "kleine ENA" sein, sondern in der Tradition der deutschen Universitäten stehen. Typisch dafür waren Vorlesungen im öffentlichen Rechnungswesen, wo der spätere Rektor Klaus Lüder innovative Wege zu ihrer Reform auf kommunaler Ebene aufzeigte.


Die Abschaffung der "Enarchie"

Die ENA sollte ehedem den Filz und die Seilschaften in der Staatselite beenden. Denn zuvor entschied jedes Ministerium selbst, wen es einstellen wollte. Das führte dazu, dass Franzosen ohne "Beziehungen" fast chancenlos waren, einen hohen Verwaltungsposten zu besetzen. Mit dem - formal - allen zugänglichen Auswahlverfahren der ENA sollte eine Art demokratisch legitimierter "Staatsadel" herangebildet werden. Damit war man in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg ziemlich erfolgreich. Später jedoch degenerierte die ENA zur Brutstätte einer abgehobenen politischen Führungskaste. Ihre Vertreter mussten Schmähungen wie "Mandarine der Republik" hinnehmen.

Und das keineswegs zu Unrecht. Denn die Enarchen benahmen sich - insbesondere in der Provinz - oftmals wie kleine Könige, um nicht zu sagen wie "Sonnenkönige". So stand nicht selten schon beim offiziellen Besuch eines bloßen Staatssekretärs der Präfekt der Region in Uniform am Flughafen oder Bahnhof stramm zur Abholung des "hohen Gastes" bereit und begleitete diesen mit einer laut lärmenden Motorradkavalkade zur Provinzkapitale. Alle Straßenkreuzungen waren gesperrt und die "Normalsterblichen" mussten in ihren Autos warten.

Es war deshalb kein Wunder, dass man in den "Beschwerdebüchern", die Macron zur Vorbereitung seiner Rede an die Nation in allen Rathäusern auslegen ließ,  überall die Forderung "ENA abschaffen" lesen konnte. Insbesondere die "Gelbwesten" hatten sich auf dieses Thema kapriziert und der Präsident konnte nicht umhin, eine harte Entscheidung zu treffen. In dieser Zwangslage entschloss er sich, die Elitehochschule in Straßburg zu schließen - gegen den heftigen Widerstand fast aller Betroffenen.
Ob die Abschaffung der ENA die französische Verwaltung und Wirtschaft stärken oder schwächen wird, bleibt abzuwarten. Verändern wird sie sie auf jedem Fall. 

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