Sonntag, 7. Oktober 2018

Exzellenz - made in Germany

Oktober ist die Zeit der Ernte. Im Allgemeinen  - und auch bei den Nobelpreisen, die in diesem Monat verkündet werden. Entsprechend meiner Ausbildung interessieren mich vor allem jene im Fachgebiet Physik. Leider wurde ich dieses Jahr (wiederum) enttäuscht, denn kein Deutscher war unter den Nominierten. Ausgezeichnet wurden zwei Physiker und eine Physikerin:  Donna Strickland aus Kanada, sowie der US-Amerikaner Arthur Ashkin und der Franzose Gérard Mourou. Für ihre Arbeiten auf de Lasergebiet, wo Deutschland durchaus Chancen zuzubilligen waren.


Eine lange Zeit der "Dürre"

Deutschland galt (vor der NS-Zeit und dem 2. Weltkrieg) als das Spitzenland der physikalischen Forschung. Seither wurden wir meilenweit überholt von den USA und seit vollen 11 Jahren fiel kein einziger Physikpreis mehr an Wissenschaftler unseres Landes. Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich war mit seiner Entdeckung des "Riesenmagnetowiderstandes" im Jahr 2007 der letzte Laureat. In dieser Zeitspanne von 2008 bis 2018, also in 11 Jahren, wurden 30 Physiknobelpreise vergeben,  wobei drei Preise pro Jahr nach den Statuten möglich sind. Sie gingen an:  USA (14 Mal), Großbritannien (5), Japan (5), Belgien (1), Frankreich (2), Kanada (2) und Russland (1). Kein Preis ging nach Deutschland; die physikalische Welt ist an uns vorbei gezogen.

Die heiss begehrte Nobelpreis-Medaille


Wie keine andere wissenschaftliche Dekoration genießen die Nobelpreise höchstes Ansehen und sind damit ein Marker für den wissenschaftlichen und kulturellen Status eines Landes. Dass auch zwischen 1933 bis 1953 kein einziger Physikpreis an deutsche Forscher vergeben wurde, hängt damit zusammen, dass von 1933 an die Quantenphysik und die Relativitätstheorie als "jüdische Physik" verdammt wurde. Stattdessen versuchte man die "deutsche Physik" zu etablieren, die weniger mathematisch war und mehr auf "Intuition" beruhte. Später stellte sich das als ziemlicher Humbug heraus und die Forschungsergebnisse der Deutschphysiker wurden vom Stockholmer Kommittee nicht als preiswürdig anerkannt.


Exzellenzinitiative, Cluster und Elite-Universitäten

Aber man kann Exzellenz - die einem durch nicht verliehene Nobelpreise entgeht - auch durch einen staatlich bzw. behördlichen Akt künstlich erzeugen. Das geschieht in Deutschland seit ca. 15 Jahren durch die sogenannte "Exzellenz-Initiative". Die etwa hundert deutschen Universitäten werden durch die Bundes- und Landesforschungsminister aufgefordert, bis zu einem gewissen Zeitpunkt Forschungsthemen (sog. "Cluster") vorzuschlagen und im Verlaufe von ca. fünf Jahren abzuarbeiten. Dafür erhalten die Unis im Falle des Zuschlags pro Jahr und Cluster ca. 6 Millionen zusätzliches Geld. Und, wenn sie besonders gut sind, den Titel "Elite-Universität" oben drauf. Insgesamt kommen etwa 50 Unis für Cluster infrage und ca. 10 für den Titel Elite-Uni.

Derzeit ist die dritte Exzellenzinitiative, beziehungsweise nach neuer Bezeichnung: Exzellenzstrategie, im Gange. Etwa 80 Cluster-Vorschläge wurden vor einem Jahr eingereicht, wovon die Gutachter ca. 60 zur weiteren Bearbeitung angenommen haben. Die endgültige Entscheidung ergeht im kommenden Sommer. Auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist mit zwei Clustern dabei, die sie allerdings nicht allein, sondern in kooperativer Hilfe mit den Unis in Heidelberg und Ulm abarbeiten wollen. (Eigentlich sind es also nur vier "halbe" Cluster). Die baden-württembergischen Unis in Tübingen (3 Cluster), Konstanz (2), Stuttgart (2) und Freiburg haben ihre Etappensiege übrigens aus eigener Kraft geschafft.

Ob es dem KIT gelingen wird, den Elite-Titel (nach 2006) zum zweiten Mal zu holen, ist bei dieser Konkurrenz also höchst fraglich. Im übrigen ist dieser Titel wissenschaftlich nur von marginaler Bedeutung. (Im Ausland zählt er rein gar nichts). Der schöne Titel "Elite" wärmt vorzugsweise die Herzen der Uni-Präsidenten und der Stadtoberen. Für die Forscher ist das Ansehen ihrer eigenen Arbeitsgruppe der einzig wichtige Gradmesser.


Fazit

Der Exzellenz-Wettbewerb mit 71 Juroren  (darunter 32 Bundes- und Landesminister) und einer mehrjährigen Vorlaufzeit ist ein hochkomplexes, bürokratisches Verfahren, das so nur in Deutschland zur Anwendung kommt. In den USA ergibt sich die Exzellenz der Elite-Universitäten, wie Harvard, MIT, Stanford und Caltech etc. schlicht aus der Anzahl ihrer Nobelpreisträger. Das MIT - Namensgeber des KIT - hat deren stolze 80!

Betrachtet man das bescheidene Abschneiden des KIT mit vier halben Clustern, dann stellt sich die Frage, ob sich der ganze Aufwand bei seiner Gründung im Jahr 2006 gelohnt hat. Damals wurde (insbesondere durch den Geschäftsführer Popp) ein ungeheurer publizistischer Hype erzeugt bei der Fusionierung der traditionsreichen Forschungsunternehmen KfK und TH zu KIT. Nun stellt sich heraus, dass dieser Riesenbetrieb von 9.000 wissenschaftlich-technischen Mitarbeiter bei der Exzellenzinitiative sogar von der kleinen, aber feinen Uni Tübingen überrundet wird.

Wie hat doch schon Goethe gesagt:
"Getretener Quark wird breit, nicht stark".








Sonntag, 30. September 2018

Gerhard Heusener +

Dr. Gerhard (Gerd) Heusener ist am 9. September 2018 im Alter von 78 Jahren nach längerer, schwerer Krankheit verstorben.

Gerd wurde 1940 in Bochum geboren und studierte an der Technischen Hochschule Aachen Maschinenbau und Reaktortechnik. 1964 trat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter dem Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) bei, wo er bis zum Ende seiner beruflichen Laufbahn im Jahr 2002 verblieb.

Zu seinen ersten anspruchsvollen Aufgaben im KfK gehörte die erfolgreiche Analyse des Kernschmelzenstörfalls beim Brutreaktor SNR 300, wodurch 1973 dessen atomrechtliche Baugenehmigung erlangt werden konnte. Des weiteren leitete er die Blockadeexperimente an natriumgekühlten Brennelementen (Mol 7C) sowie als Projektführer die Transientenversuche an der französischen Reaktoranlage CABRI. Im Zuge dieser und weiterer komplexer Experimente und theoretischer Analysen stieg Dr. Heusener zum Projektbevollmächtigten und zum stellvertretenden Leiter des Großprojekts PSB auf. Auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit war Gerd ein international bekannter  und angesehener Wissenschaftler.

Am 20. September 2018 wurde Dr. Gerhard Heusener auf dem Friedhof Untergrombach im Kreise seiner Angehörigen und Bekannten verabschiedet und dort seine Urne beigesetzt.


Gerd Heusener (1940 – 2018)

Freitag, 14. September 2018

"Bankgeschäfte sind notwendig, Banken nicht"

Die beiden größten deutschen Geschäftsbanken - die Deutsche Bank und die Commerzbank - befinden sich weiterhin im Abstiegstrudel. Charakteristisch dafür ist das Ausscheiden der Deutschen Bank (DB) aus dem Eurozonen-Leitindex "Euro Stoxx 50". Die DB gehört damit nicht mehr zu den 50 wertvollsten Aktiengesellschaften der Eurozone. Allein seit Jahresbeginn hat der Börsenkurs der Bank um fast 40 Prozent nachgegeben. Wegen der hohen Bedeutung der Indexfonds (ETF) werden nun auch viele Fondswerte der DB aussortiert werden.

Fast zeitgleich ist die zweitgrößte deutsche Geschäftsbank, die Commerzbank, aus dem Register des Deutschen Aktienindex (DAX) geflogen. Die Kriterien für diesen Leitindex sind Börsenumsatz und Börsenwert. Daran hapert es bei der Commerzbank seit sie vor ca. zehn Jahren die Dresdner Bank einverleibte und sich ganz offensichtlich daran verschluckte.

International gesehen sind aus den einstigen zwei deutschen Großbanken inzwischen Zwerge geworden. An der Börse ist die Deutsche Bank mittlerweile nur noch 20 Milliarden Euro wert, die Commerzbank gar nur noch 10 Milliarden. Damit werden sie von ihren europäischen Konkurrenten, der französischen BNP Paribas (65 Milliarden) oder der spanischen Santander (71 Mrd) weit überholt. In geradezu kosmischer Entfernung befinden sich die amerikanischen Großbanken, wie JB Morgan, deren Wert auf 334 Milliarden veranschlagt wird. Vor der Währungskrise 2008 stand die Deutsche Bank noch auf Platz 10 weltweit! Der Grund für den dramatischen Abstieg der einstigen deutschen Großbanken: jahrelanges miserables Management - auch unter dem weit überschätzten DB-CEO Ackermann.


Die Aufsplitterung der Bankgeschäfte

Nun gibt es immer deutlicher unüberhörbare Stimmen, welche besagen, das in der zukünftigen Wirtschaft die Geschäftsbanken vom alten Zuschnitt gar nicht mehr so wichtig seien. Auf den Punkt brachte diese These der Begründer Microsoft, Bill Gates, der schon 1994 verkündet hat:"Banking is necessary, banks are not". Mit anderen Worten: die Bankgeschäfte der Zukunft kann man auch ohne die traditionelle Organisationsstruktur einer klassischen Großbank erledigen. Diese Sentenz ist nun schon ein Vierteljahrhundert alt, aber die großen Banken gibt es immer noch. Manches spricht also dafür, das sich Bill Gates - als Bankendilettant - mit dieser Prophezeihung geirrt haben könnte.  Doch gemach: Bill hat mit seinem weiten Blick in eine ferne Zukunft etwas ganz Wichtiges vorher gesagt, das in der Gegenwart - peu à peu - immer mehr zur Realität wird.


Bill Gates, Gründer von Microsoft und Prophet


Betrachten wir die typischen Geschäfte einer Bank, so ranken sich diese um wenige Bereiche: Einlagen, Kredit, Wertpapiere, sowie Zahlungsverkehr. Hinzu kommt bei den Investmentbanken noch die Unterstützung der Unternehmen bei Fusionen und Börsengängen. Die erstgenannten vier Geschäftsarten lassen sich durch Computer und entsprechende Rechenprogramme relativ leicht bewältigen. Hinzu kommt, dass durch diese "Digitalisierung" modernen Zuschnitts der Personalstand der Unternehmen drastisch reduziert werden kann. Die genannten deutschen Institute Deutsche Bank und Commerzbank wollen in den kommenden Jahren ihre Beschäftigten um 10 bis 20 Prozent, also je 10.000 Mann abbauen - allein auf Grund der Digitalisierung, also Verschlankung qua Computer.

Ein klassisches Beispiel für die Rationalisierung im Privatkundengeschäft ist die Abwicklung einer Überweisung. Sie wurde noch vor wenigen Jahren auf einem Papierformular eingereicht. Inzwischen läuft der ganze Prozess von der Eingabe bis zur Abwicklung voll digital ab, ohne, dass sich ein Mensch um den Vorgang kümmern muss. Mittlerweile gibt es auch einen neuen Bereich der Finanzindustrie, die sogenannten FinTech, welche angetrieben durch die Informationstechnologie viele innovative Finanzierungsprodukte anbieten und - insbesondere als Startups - große Teile des Zahlungsverkehr abwickeln.


Raketenartiger Aufstieg:  "Wirecard"

Man glaubt es kaum:  aber in diesem volatilen Markt - dem Zahlungsverkehr - ist ein deutsches Unternehmen zu einer ganz großen Nummer geworden. Das deutsche Finanzgenie Markus Braun hat es geschafft, die anfangs kleine Klitsche "Wirecard" innerhalb von 20 Jahren zu einen riesigen Finanzunternehmen aufzubauen. In Kürze wird es im imageträchtigen DAX registriert sein - an Stelle der altehrwürdigen Commerzbank. Damit gehört Wirecard zu den 30 größten Unternehmen der Industrienation Deutschland. Und ist der drittgrößte Finanzkonzern hinter Allianz und Munich Re. Im Münchener Vorort Aschau hat Brauns Dax-Aufsteiger seine Firmenzentrale - in einem unscheinbaren Betonbau. Dabei ist Wirecard mit seinen 4.500 Mitarbeitern an der Börse schon mehr als 23 Milliarden Euro wert. Mehr als die Deutsche Bank und mehr als doppelt so viel wie die Commerzbank, die zehn Mal so viel Personal beschäftigt!

Die Aschheimer sind vom Geschäftsmodell her ein klassischer Dienstleister, der nur Zahlungen abwickelt. Wirecard garantiert, dass das Geld im schnellsten Tempo von A nach B gelangt und es dem Händler umgehend wieder zur Verfügung steht. Dafür kassiert es eine Risikoprämie um die 1,5 Prozent. Das Unternehmen bietet kein neues und revolutionäres Produkt an, im Gegenteil, es  nutzt bewährte Technik unter Einschluss der Digitalisierung. Die Konkurrenz kann man offensichtlich auch überflügeln, indem man Bekanntes perfektioniert. Ausdrücklich verzichtet Braun auch auf das volle Spektrum der Bankleistungen - obwohl er eine Banklizenz besitzt. Er möchte nur eine preisgünstige Plattform für den Zahlungsverkehr bereitstellen. Nichts weiter. Man wird erinnert an Airbnb, ein Unternehmen, das selbst keine einzige Wohnung besitzt und trotzdem zum weltgrößten Wohnungsvermittler wurde.

Aber die Konkurrenz schläft nicht. Die Autofirma Daimler, beispielsweise, betreibt die App "mytaxi", über die sich Taxis leicht ordern lassen. Typisch für Daimler und Wirecard ist das sogenannte "Whitelabelling": man bietet einen Service an, aber nicht unbedingt unter eigenem Namen. Deshalb ist auch Wirecard in der breiten Öffentlichkeit so relativ wenig bekannt. Dafür ist es im Online-Handel allgegenwärtig u. zw. ohne, dass es den Verbrauchern auffällt. Wirecard liefert die Schnittstellen und die Infrastruktur vom Glücksspiel bis zum Flugticket. Es kooperiert mit IT-Riesen wie Google und Apple, sowie dem chinesischen Großkonzern Alibaba.

Der Markt rund um die Digitalisierung von Zahlungsvorgängen ist ein klassischer Wachstumsmarkt. Nur 2 Prozent aller Transaktionen weltweit sind heute erst digitalisiert. In naher Zukunft wird sich dieser Wert verzehnfachen - vielleicht sogar verdreissigfachen.

Grandiose Aussichten für das noch junge Unternehmen Wirecard!

Freitag, 7. September 2018

Die Tristesse der Physiker

Die Astrophysik, sprich Kosmologie, befindet sich in der Krise. Und mit ihr die Teilchenphysik. Seit Jahrzehnten gibt es kaum nennenswerte Fortschritte. Und selbst das sogenannte Higgsteilchen - vor wenigen Jahren erst am Beschleuniger des CERN entdeckt - wird von manchem Kernphysiker mit Skepsis beäugt: wegen seiner unerwartet großen Masse passt es so gar nicht in das wohlproportionierte Tableau der 25 Kernteilchen und Kräfte in der Standardtheorie.

Das war von einem guten Jahrhundert noch ganz anders. Zu jener Zeit gab es am Berner Patentamt in der Schweiz noch einen hierarchisch ganz tief angesiedelten "Experten 3. Klasse", der - neben seiner Haupttätigkeit, der Prüfung eingereichter Patentanträge - in dem einzigen Jahr 1905 gleich zwei Entdeckungen (nebenher) machte, die man heute noch als "weltbewegend" bezeichnen darf. Albert Einstein hieß der 25-Jährige, welcher in diesem Wunderjahr der Physik den "Photoeffekt" entdeckte und noch dazu die "Spezielle Relativitätstheorie" (SRT) aufstellte. Für den erstgenannten Effekt erhielt er 1921 den Nobelpreis der Physik; die spezielle Relativitätstheorie postulierte richtig, dass die Insassen einer abfliegenden Rakete weniger schnell altern als die Zurückgebliebenen.

Aber damit hatte der junge Mann sein Pulver noch nicht verschossen. Nur zehn Jahre später, nun Professor (ohne Lehrverpflichtung) an der Universität Berlin, veröffentlichte Einstein dort sein Hauptwerk, die "Allgemeine Relativitätstheorie" (ART). Sie deutet die Schwerkraft als geometrische Eigenschaft des gekrümmten vierdimensionalen Raums und beschreibt das Wechselspiel zwischen Materie sowie Raum und Zeit. Beide Relativitätstheorien wurden bis heute mehr als hundert Mal experimentell bestätigt und bilden die Säulen der modernen Physik. Bemerkenswert ist, dass Einstein jede Unterstützung durch Doktoranden oder Assistenten ablehnte. Seine Theorien erarbeitete er selbstverständlich ohne Mithilfe von Computern, sondern nur durch Bleistift, Papier - und eigenem Grips.


Beispiel: Dunkle Materie

Diese Blütezeit der Physik hat nun ein Ende gefunden. Seit mehr als vierzig Jahren forschen tausende von Astrophysikern daran, beispielsweise die Struktur der Dunklen Materie aufzudecken. Ohne Erfolg. Dabei gibt es von dieser Art der Materie sechs Mal so viel wie von der uns bekannten sichtbaren Materie. Und sie muss existieren, denn sonst würden die Galaxien - wie unsere Milchstraße - infolge der Fliehkräfte auseinander gerissen werden. Schöne Theorien, wie die Supersymmetrie (wonach jedes bekannte Teilchen einen spiegelbildlichen Partner besitzt) haben sich bislang als nicht ergiebig erwiesen. Ebenso wie die Postulation der sogenannten "WIMP"-Teilchen, welche die beträchtliche Masse eines Goldatoms besitzen, aber beim Durchfliegen unseres Planeten Erde kaum einen einzigen Zusammenstoß erleiden sollen.

Die schiere Anzahl der Astrophysiker lässt jedes Jahr hunderte von Artikeln in den Zeitschriften Science, Nature und Physical Review entstehen. Jeder kleine Ausschlag in irgendwelchen Messdaten wird beäugt - und erweist sich bald darauf doch nur als Schwankung in der Statistik. Immer schneller wird publiziert und doch stellt sich alles später als "ambulance chasing" heraus: die konkurrierenden Kollegen jagen hinter dem "Rettungswagen" her wie Anwälte, die hoffen, dass es am "Unfallort" jemanden zu verklagen gibt. Publish or perish!


Stringtheoretiker unter sich

Die unterhaltsamsten (und billigsten) unter den theoretischen Kosmologen sind die "String"-Physiker. Nach ihren Vorstellung besteht das Universum nur aus winzigen schwingenden Fädchen. Ihren Rechnungen zufolge haben diese aber nicht nur drei Dimensionen, sondern neun oder zehn. Da unsere sichtbare Welt aber nun mal nur drei Raumdimensionen hat, haben die String- Rechenkünstler damit ein Problem. Um aus dem Dilemma herauszukommen,  behaupten sie kühn, dass die überschüssigen Dimensionen "eingerollt" seien, ähnlich wie bei den japanischen Papierfiguren Origami.--- Besonders beeindruckend für Laien ist ihr Weltmodell "Multiversum". Die Stringleute postulieren nicht nur ein einziges Universum- nämlich das Unsrige - sondern deren viele. Mehr als unser Weltall Atome besitzt. Wow! Mit solchen Theorien kann man den physikalischen Amateuren besonders imponieren; leider lassen sie sich experimentell nicht verifizieren. Aber: man kann damit Preise gewinnen, wie den "Breakthrough"-Preis, den ein reicher Sponsor gestiftet hat. In der Höhe von drei Millionen Dollar, also etwa dem Dreifachen des Physik-Nobelpreises.


Beispiel: KATRIN

Auch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erlitt man schmerzhafte Erfahrungen beim Einstieg in die (experimentelle) Astrophysik. Der damalige Geschäftsführer Dr. Popp (nach einer verlorenen Hessenwahl als ehemaliger Ministerialbeamter ins Kernforschungszentrum Karlsruhe entsandt) machte dort eine Reihe erfolgreicher kerntechnischer Projekte (wie KNK II) platt und betrieb den Programmwechsel auf Nanotechnik und Astrophysik. Mit dem Experiment KATRIN wollte man die Ruhemasse des elektronischen Neutrinos messen. Der Experimentablauf wurde schon um das Jahr 2000 konzipiert und in einem "letter of intent" war der Sachaufwand auf 17 Millionen Euro beziffert. Die Bauphase sollte 2005 beendet sein; die Inbetriebnahme und erste Messungen waren für 2006 angesetzt. Just in diesem Jahr verließ der Initiator des Vorhabens, der genannte Dr. Popp, das Forschungszentrum und begab sich in den Ruhestand. Der abrupte Abgang überraschte einige Beobachter, nicht aber die Kenner der Situation.

Der Bau des 75 Meter langen Experiments erwies sich als komplizierter und zeitaufwendiger als vorbedacht. Er besteht aus einer hochintensiven und fensterlosen Tritiumquelle, einer Tritiumpumpstrecke sowie zwei Spektrometern. Eine wesentliche technische Herausforderung war das hohe Vakuum von 10 hoch minus11 Millibar. Im Jahr 2009 musste der Industriehersteller für den Kryostaten das Handtuch werfen und den Auftrag zurückgeben. Mit "Bordmitteln" d. h. einer Vielzahl von Diplom- und Doktorarbeiten wurde diese Klippe schließlich in Eigenregie überwunden. Logischerweise hatte sich die Inbetriebnahme des Experiments, die für 2012 angesetzt war, wieder mal entsprechend verzögert.

Nun ist der Beginn der Messungen für 2019 anberaumt; das Ende ist für 2023 geplant. Voraussetzung ist, dass der beschriebene 4-stufige Versuchsaufbau über diesen langen Zeitraum auch fehlerfrei funktioniert. Zur Energieanalyse werden in dem kleinen Spektrometer zunächst alle langsamen Elektronen aussortiert; im Hauptspektrometer wird dann die Energie nahe am Endpunkt präzise bestimmt. Dafür ist das genannte Ultrahochvakuum erforderlich und die Stabilität der Gegenspannung von 18,6 kV darf nur um weniger als ein Millionstel schwanken. Hohe Anforderungen!


Tiefe Skepsis beim Physiker-Nachwuchs

Vier Jahrzehnte permanenter Misserfolge hinterlassen ihre Spuren auch beim Physikernachwuchs. Die jungen Physikerinnen und Physiker, welche lange Zeit vom Gebiet der Astrophysik fasziniert waren (gemäß "Faust": Sehen was die Welt im Innersten zusammenhält) sind tief verunsichert. Für sie stellt sich die Frage, ob sie auf diesem nebulösem Gebiet promovieren oder eine Postdoc-Tätigkeit aufnehmen sollen. Oder ob sie gar ihr ganzes Leben auf der Uni damit zubringen wollen - um schließlich im schlecht bezahlten akademischen "Mittelbau" zu enden.

Mehr und mehr nehmen davon Abstand, insbesondere seit vor wenigen Monaten der negative Ausgang des "Xenon Dark Matter Projekt" bekannt wurde. Dort wollte man mit 1.300 Kilogramm flüssigem Xenon die Wechselwirkung der WIMPs bestimmen - und fand nichts. Mittlerweile gibt es gewichtige Stimmen, welche die Dunkle Materie (und die Dunkle Energie) für ein Phantom halten, das in Wirklichkeit gar nicht existiert. Diese Annahme würde jedoch ein alternatives kosmologisches Modell erzwingen, das bereits unter dem Namen MOND (=Modifizierte Newtonsche Mechanik) heftig diskutiert wird. Darin wäre der Gravitationswert ortsabhängig und auch Teile der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie würden ihr zum Opfer fallen. Für viele Physiker ein grauenhafter Gedanke, weshalb sie sich bislang scheuen, den "Reset"-Knopf zu drücken.

Auch die schiere Länge einzelner astrophysikalischer Experimente lässt die jungen Physiker nachdenklich werden. Beispiel: KATRIN.  Falls dieses Vorhaben, optimistisch gerechnet, in fünf Jahren mit der Messphase zu Ende gehen sollte, dann hat es sich fast über ein Vierteljahrhundert hingezogen.Und dem Projektleiter Professor Guido Drexlin muss man das Beste wünschen, damit er das Ergebnis seiner langen Bemühungen noch in der Berufsphase erleben darf.

Denn:  im Jahr 2023 geht der Professor in den Ruhestand.

Sonntag, 26. August 2018

Diese Inschenöre! Bei VW und den Nibelungen

"Eltern haften für ihre Kinder", so heißt es gemeinhin. Und man könnte hinzufügen: "Manager für ihre Ingenieure".So war es jedenfalls im Zuge des sogenannten "Diesel-Skandals". Die "Inschenöre" bei VW - und den anderen Premiummarken - hatten sich ein schlaues Computerprogramm ausgedacht. Es täuschte auf den Prüfständen des TÜV eine niedrige Abgasrate vor, war ansonsten im Straßenbetrieb aber völlig wirkungslos. Dort wurde die volle Menge an NOx rausgepustet. 

Die Folgen sind bekannt. Der VW-Chef Martin Winterkorn, der (nach eigenen Aussagen) absolut nichts von diesen Vorgängen wusste, verlor seinen Job und musste gehen. Dabei hatte er sich während des größten Teils seiner Arbeitszeit bei VW nur mit den Spaltmassen seiner Autokarossen beschäftigt. Die Sauereien der hierarchisch tief unten in der Motorenabteilung angesiedelten Inschenöre - welche für diese wundersame Reduktion der Abgase verantwortlich waren - konnte er nicht ahnen. Gleichwohl musste seine Firma in den USA milliardenhohe Strafzahlungen leisten.

Noch sind die Folgen des Dieselskandals nicht aufgearbeitet. Viele Vorstandsvorsitzende (CEO) der beteiligten Autofirmen (der Zulieferer Bosch eingeschlossen) getrauen sich seit Jahren keine Dienstreise mehr in die USA zu unternehmen - aus Furcht, sie könnten dort eingelocht werden. Glücklicherweise sind sie wenigstens in Deutschland einigermaßen sicher, was allerdings nicht für den Audi-Chef Rupert Stadler gilt, denn er sitzt bereits seit einigen Monaten in Untersuchungshaft. Fairerweise hat man dem ranghöchsten Auto-CEO, nämlich Martin Winterkorn, davon ausgenommen und ihm eine finanzielle Abfindung von 30 Millionen Euro zugebilligt. Das sollte dem 71-jährigen  eine Zeitlang von der Armut fernhalten.


Schlechtes Vorbild: die Nibelungen

Die Kaste der Inschenöre hat schon in fernen mythologischen Zeiten eine zuweilen unheilvolle Rolle gespielt. Der Komponist und Textdichter Richard Wagner nahm dies zum Anlass, um dazu ein Opus Magnum, bestehend aus vier Opern, zu verfassen. Es wird jedes Jahr unter dem Titel "Der Ring der Nibelungen" in Bayreuth, meiner oberfränkischen Heimat, aufgeführt. Auf angemessenen Plätzen - fünf Reihen hinter Angela M. - und zum Preis von 800 Euro kann man die 18-stündige Aufführung im nichtklimatisierten Festspielhaus an vier Wochentagen bei Augusttemperaturen genießen.

Die Story spielt zu jener Zeit, da Göttervater Wotan noch Herrscher der Welt war - nicht zuletzt deshalb, weil er sich ein großes Waffenarsenal leisten konnte. Dafür zuständig war das Zwergengeschlecht der Nibelungen. In geologischen Tiefen waren sie für die Beschaffung der Erze und Materialien sowie die Waffenherstellung verantwortlich. Der Chef-Inschenör dieser Truppe war der Gnom Alberich, seinem Bruder Mime oblag das Schmieden der Schwerter und Lanzen. Leider waren diese Gesellen keine sonderlich vertrauenswürdigen Personen, sondern machten nebenbei und zu eigenem Nutzen noch allerhand Privatgeschäfte, die vom Göttervater zwar nicht genehmigt waren, ihm aber letztlich doch (über Loge, seinem Geheimdienstchef) zugetragen wurden.


Die vier Opern

In der ersten Oper, "Das Rheingold", erleben wir, wie der Zwerg und Chef-Inschenör Alberich versucht, mit den Rheintöchtern zu flirten - weitergehende Avancen nicht ausgeschlossen. Aber er wird von den schmucken Wassergeschöpfen nur ausgelacht und zurückgewiesen. Aus Rache raubt Alberich das Gold am Grunde des Rheinstroms. Sein Bruder Mime fertigt daraus einen Tarnhelm sowie einen Ring, welcher die Eigenschaft hatte, dass man durch ihn zu unbeschränkter Macht kommen konnte. --- In etwa zur gleichen Zeit ließ sich Göttervater Wotan seine neue Burg Walhall bauen. Die beiden hochgewachsenen Architekten, namens Fafner und Fasolt, standen vor der Tür und erwarteten ihren Lohn. Leider war der Weltenherrscher damals wieder einmal ziemlich klamm. Zur Hilfe kam ihm sein enger Berater Loge, ein gewitzter Halbgott, der vorschlug, die Baumeister mit dem Ring und dem Tarnhelm des Nibelungen Alberich zu bezahlen. Dies geschah denn auch, allerdings unter heftigen Sträuben des Chef-Inschenörs. Zum Schluss ließ dieser noch einen folgenreichen Fluch los: "Tod dem, der ihn trägt". Und tatsächlich wechselte der Ring in der Folge noch acht mal seinen Besitzer und allen Trägern brachte er den Tod. Der erste war Fasolt, den sein Kompagnon Fafner -aus Gier - schon bei der Ringübergabe erschlug.

Die zweite Oper, Die Walküre,  ist für viele die Lieblingsoper in Wagners Quartett. Vor allem wegen des Walkürenritts im dritten Aufzug, wo Wotans Tochter Brünhilde unter "Hojotoho"-Rufen mit ihren Amazonen einen bemerkenswerten Pferdegalopp hinlegt. Der Ring wechselt in dieser Oper seinen Träger nicht, sondern verbleibt beim Totschläger Fafner.--- Ansonsten kommt es in den ersten beiden Aufzügen zu einigen, weniger appetitlichen, inzestuösen Szenen. Aber was sein muss, muss sein: der Held Siegfried wird dabei gezeugt. Und dazu noch der Ritter Hagen von Tronje, welcher in der Schlussoper eine sehr bedeutsame und tragische Rolle spielt. Sein Vater ist, kaum zu glauben: der Zwerg Alberich. Die Glückliche ist nicht bekannt.

In der dritten Oper, Siegfried, lernen wir den jungen Helden kennen, wie er in der Schmiede (seines Ziehvaters) Mime das Wunderschwert Notung fertigt. Um diese Waffe zu testen, zertrümmert der ungestüme Jüngling den Amboss  mit einem Streich. Nun schlägt Alberich vor, damit der Drachen Fafner zu töten. Siegfried tritt dem Untier tapfer entgegen, erledigt es durch einen gezielten Stich in das Herz und badet in dessen Blut. Ring und Tarnhelm entnimmt er aus der Höhle. Als Mime seinen Pflegesohn durch einen Gifttrunk aus dem Weg räumen will um an diese wertvollen Requisiten zu gelangen, muss der illoyale Nibelung dies mit seinem Leben bezahlen. Ein Inschenör weniger! --- Frohgemut tritt Siegfried in die Welt hinaus und begegnet (inkognito) Göttervater Wotan, der als Wanderer umherstreift. Gelangweilt von Wotans lästigem Gerede zerbricht er dessen Speer. Damit ist der Weltenherrscher machtlos geworden, da mit dem Speer auch die darauf verzeichneten Verträge und Wotans überlegenes Wissen vernichtet wurden. --- Schließlich gelangt Siegfried zum Walkürenfelsen, durchschreitet furchtlos das Feuer, welches Brünhilde schützen soll und weckt die Tochter Wotans durch einen langen Kuss. Dadurch lernt Siegfried ein neues Gefühl kennen: die Liebe. "Leuchtende Liebe, lachender Tod", erklingt als finales Leitmotiv in Wagners Komposition.



In der vierten Oper, Götterdämmerung, wechselt der Ring mehrfach zwischen  Brünhilde und Siegfried hin und her. Für Verwirrung sorgt ein Vergessenheitstrunk, mit dem Gutrune an Siegfried und Brünhilde an Gunter gebunden werden soll. Vergeblich! Ritter Hagen von Tronje will den Ring für sich gewinnen und stößt Siegfried den Speer in den Rücken. Brünhilde verbrennt sich mit der Leiche von Siegfried. Die Götterwelt und die Burg Walhall gehen in Flammen auf. Hagen ertrinkt in den Fluten des nahen Strom; Alberich taucht ab in die geologischen Unterwelt, sein Fluch ist wirkungslos geworden. --- Die Rheintöchter holen den Ring und das Gold aus der Asche zurück.


Zurück in die Gegenwart

Auch heute noch sind - bei einigem Glück - die Restbestände göttlicher und irdischer Allmacht zuweilen noch zu besichtigen. Der Schwarzwald ist angefüllt mit Wanderern, von denen mancher mit einem geknickten Stab umhergeht. Es könnte der rastlose, aber machtlose Wotan sein. Man sollte es wagen, ihn darauf anzusprechen. Er könnte darüber sogar erfreut sein.

Und der irdische Allvater Martin Winterkorn wird in einer seiner Immobilien sitzen und über die Vermehrung seiner doch recht bescheidenen Abfindung nachdenken. Nur so kann man verstehen, dass er (wie den Medien zu entnehmen) ernsthaft versuchte, 500.000 Euro  - an der Steuer vorbei - nach Zürich zur renommierten Bank Vontobel zu leiten. Sein Duzfreund Uli Hoeneß war da mutiger.
Dieser probierte es gleich mit 28,5 Millionen und reservierte sich dadurch eine mehrjährige Staatslogis.

Sonntag, 29. Juli 2018

Japan: Wohin mit dem Plutonium?

Japan:  Wohin mit dem Plutonium?

Japan besitzt 47 Tonnen Plutonium.
Nach herkömmlicher Rechnung reicht dieser Bestand aus für den Bau von 6. 000 Atombomben. Japan will jedoch nicht dem derzeitigen Club von (vermutlich?) 12 Bombenstaaten beitreten. Dafür lässt es sich von der Wiener Atombehörde IAEO peinlichst genau und in kurzen Zeitabschnitten kontrollieren. Bislang wurde noch kein Fehlverhalten – auch nicht im Ansatz – nachgewiesen. 

Da mit dem Reaktorunfall von Fukushima im Jahr 2011 die meisten japanischen Kernkraftwerke stillgelegt sind, stellt sich um so dringender die Frage:  Was will Japan eigentlich mit dieser riesigen Menge an Plutonium anstellen? Wie war seine ursprüngliche Strategie im Umgang mit diesem Nuklearbrennstoff und was hat sich seit Fukushima daran geändert? Im Folgenden soll dies in seinem historischen Ablauf dargestellt werden.


Ein wohlgeplanter Plutonium-Kreislauf

Das chemische Element Plutonium (abgekürzt: Pu) kommt in der Natur praktisch nicht vor, es kann aber in Kernreaktoren künstlich erzeugt werden. Einige seiner Isotopen (=Atomsorten) sind spaltbar, sodass dieses Pu – ähnlich wie das Uranisotop 235 – zur Kernspaltung geeignet ist. Gängige Kernkraftwerke (KKW) erzeugen pro Jahr etwa 200 Kilogramm Pu in ihren Brennelementen. In Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) wird dieses Pu abgetrennt und zum Bau neuer Mischoxid-Brennelemente (MOX) wiederverwendet. Dieser sogenannte Brennstoffkreislauf ist besonders effizient, wenn man als Reaktoren Schnelle Brüter zugrunde legt. 

Japan hat mit dem Bau von Leichtwasserkernkraftwerken (LWR) in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen und besitzt inzwischen eine stattliche Flotte von 55 Kernkraftwerken. Mitte der siebziger Jahre kam die Entwicklung der Schnellen Brüter hinzu. Aus sämtlichen LWR-Brennelementen wurde das generierte Pu abgetrennt, zumeist in europäischen Aufarbeitungsanlagen. Von den genannten 47 Tonnen Plutonium befinden sich derzeit 17 Tonnen in England und 20 Tonnen in Frankreich – jeweils an den dortigen WAA Sellafield und La Hague. Weitere 10 Tonnen wurden an kleineren Anlagen in Japan selbst rezykliert. 

Das strategische Ziel der japanischen Regierung war, dieses abgetrennte Pu zum größten Teil in Schnellen Brütern zu verwenden. Solche natriumgekühlte Kernkraftwerke nutzen das „Abfallprodukt“ Pu besonders wirkungsvoll, benötigen aber für die Erstbeladung und den äußeren Brennstoffkreislauf erhebliche Mengen an Pu. Ein Schneller Forschungsreaktor „Joyo“ ist für diesem Zweck seit ca. 20. Jahren in Betrieb; ein 300 Megawatt Brüterkraftwerk (vergleichbar mit dem SNR 300 in Kalkar) wurde unter dem Namen „Monju“ in den neunziger Jahren mit erheblichen Schwierigkeiten angefahren. 


Nach Fukushima ist alles anders

Freitag, der 11. März 2011, war für die japanische Kernenergiepolitik eine Zeitenwende. Durch ein Erdbeben der Stärke 9 sowie einem nachfolgenden Tsunami kam es in der Präfektur Fukushima bei drei älteren Kernkraftwerken zu einer Kernschmelze. Die Regierung unter Premierminister Naoto Kan ließ alle Atomreaktoren abfahren und beschloss bis zum Jahr 2040 zur Ganze aus der Kernreaktortechnologie auszusteigen. Unter dem nachfolgenden Premier Yoshihiko Noda wurden bereits wieder zwei Blöcke wegen regionaler Stromknappheit hochgefahren. Die nächste Regierung unter Shinzo Abe beschloss 2012 die Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Kernkraftwerke nach einer technischen Überprüfung. Seither wurden 15 ältere Kernkraftwerke endgültig stillgelegt, aber 8 wieder in Betrieb genommen.  Davon sind 4 in der Lage MOX, also Plutonium zu verbrennen, was den Bestand von 47 Tonnen allerdings kaum nennenswert mindert. 



Luftbildaufnahme des Brüterkraftwerks „Monju“

Dies gilt vor allem deswegen, weil die drei genannten Regierungen beschlossen haben, aus dem Schnellen Brüter auszusteigen. Der Forschungsreaktor Joyo und das Brüterkraftwerk Monju wurden bereits stillgelegt und werden derzeit rückgebaut. Sie waren die eigentlichen Nutzer der hohen Pu-Bestände. Aus dieser Sicht wäre es logisch, auch den Bau der großen japanischen WAA Rokkasho in der Nordprovinz Amori zu beenden, welche allerdings (nach vielen Verzögerungen) in zwei Jahren den Betrieb aufnehmen soll. Wegen der wirtschaftlichen Bedeutung dieser Anlage in der armen Präfektur ist die Regierung Abe jedoch nicht mutig genug, diese Entscheidung zu treffen. So tritt eine offensichtliche Unlogik in der japanischen Pu-Strategie zutage: durch die Beendigung der Brüterprogramme und dem baldigen Betrieb der WAA Rokkasho werden sich die japanischen Pu-Bestände auch in der Zukunft weiter erhöhen. 


Trump macht Druck

Dies fiel auch in Washington auf, wo ganze Heerscharen von Politikern und Wissenschaftlern die Transporte und Bestände von Pu und angereichertem Uran beobachten und registrieren. Praktischerweise endete vor wenigen Wochen ein vor 30 Jahren zwischen Japan und den USA abgeschlossenes Kooperationsabkommen , wonach dem Inselstaat das Recht zur Pu-Erzeugung wegen seiner Brüterprogramme ausdrücklich eingeräumt  wurde. Einen ähnlichen Vertrag gibt es übrigens auch mit der Europäischen Union, wobei die Brütertechnologie in Deutschland ausschlaggebend war. Die Vereinigten Staaten nutzen jetzt die Gunst der Stunde und üben Druck auf Japan aus, um deren Pu-Bestände zu verringern, womit sie gleichzeitig die Denuklearisierung von Nordkorea im Blick haben. 

Im Laufe der jüngsten Verhandlungen einigten sich Japan und die USA darauf, in Nippon die Erzeugung der Pu-Bestände zu „deckeln“, um damit den weiteren Zuwachs zu verhindern. Zusätzlich sollen die Waffenstaaten Frankreich und Großbritannien die dort lagernden 37 Tonnen Pu übernehmen, also Japan abkaufen. Zur allgemeinen Überraschung beschlossen die USA und Japan das ausgelaufene Kooperationsabkommen zu verlängern. Allerdings unter einer wesentlichen Prämisse: jede Seite kann den Vertragstermin innerhalb von nur sechs Monaten kündigen. Aus dieser relativ kurzen Zeitspanne wird von mancher Seite auf die technologische Nähe der japanischen Seite zu nichtzivilen Anwendungen geschlossen. Aber das sind bisher nur Vermutungen, die nicht durch Fakten gedeckt sind.

Sonntag, 22. Juli 2018

Klimaschutz: Deutschland rettet (wieder einmal) die Welt

Im Klimaschutz glauben die Deutschen - anders als bei der WM-Fußball 2018 - ganz vorn zu sein. Mit Stolz verweist man auf die 30.000 Windräder, welche viele Gegenden, sogar die windstillen, in unübersehbarer Weise zieren und verunstalten. Und auf die, ach so schrecklichen, Kernkraftwerke, welche, Gottseidank, nunmehr zu 90 Prozent stillgelegt sind. So war man denn auch hoch erfreut, als die "Klimapäpste" der UN die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn als Ausrichtungsort ihrer nächsten Klimakonferenz, der COP 23, auswählten. Etwa 25.000 Teilnehmer aus 197 Ländern reisten an, dazu 500 Nichtregierungsorganisationen, sowie der Experte Arnold Schwarzenegger. Deutschland fungierte brav als "technischer Gastgeber", die Bundesregierung steuerte 115 Millionen bei und die Bonner Hoteliers waren zufrieden. Die "Hohe Präsidentschaft" dieser Weltkonferenz übte der mächtige Inselstaat Fidschi aus.

Der Ablauf der COP 23 entsprach allerdings nicht den Erwartungen der deutschen Delegation: man war auf Lob eingestellt, aber statt Liebe gab es Hiebe für den Gastgeber. Kritisiert wurde vor allem die Kohlepolitik der Bundesrepublik und die daraus erwachsenden viel zu hohen CO2-Emissionen. Das früher verabredete Ziel der 40 prozentigen Minderung dieser Abgase war offensichtlich nicht einzuhalten. Das mussten die Bonner Gastgeber kleinlaut zugeben.


Blick zurück im Zorn

Wie konnte es zu dieser blamablen Situation bei den CO2-Emissionen kommen? Nun, der (erste) Fehler wurde bereits 2007, also vor gut zwanzig Jahren, bei der Klimakonferenz COP 13 im exotischen Bali gemacht. Dort wurde als internationales Ziel die 25-prozentige Reduktion der emittierten Klimagase bis zum Jahr 2020 beschlossen - bezogen auf das Ausgangsjahr 1990. Die deutschen Unterhändler boten, im nationalen Überschwang, nicht 25 sondern gleich 40 Prozent an, wobei sie auf die Schließung der unwirtschaftlichen Betriebe in Ostdeutschland hofften.

Der zweite Fehler war die sofortige Abschaltung von acht deutschen Kernkraftwerken im Nachgang zu Fukushima; bis heute sind zwei weitere Großkraftwerke dazu gekommen. Das führte dazu, dass der Treibhausgasausstoß in Deutschland seit 2011 bei ca. 900 Millionen Tonnen stagniert. Der flatterhafte Wind- und Sonnenstrom konnte da nichts Gegenteiliges bewirken. Im übrigen wurden die Reduktionen praktisch nur von der Energiewirtschaft erbracht, die anderen Sektoren, insbesondere der Verkehr, haben praktisch Null beigetragen. Der dritte Fehler war die terminliche Abkopplung der KKW-Stilllegung von der Inbetriebnahme der leistungsstarken Nord-Süd-Transportnetze. Letztere werden wohl erst ab 2025 operativ, die letzten, derzeit noch laufenden Kernkraftwerke werden hingegen bereits 2022 abgeschaltet.

Kaum thematisiert wird, dass die deutschen CO"-Emissionen nur 160 Millionen Tonnen über dem 40 Prozent-Zielwert liegen. Die globalen Emissionen betragen demgegenüber 36.000 Millionen Tonnen. Der deutsche "Fehlbetrag" liegt also nur bei mickrigen 0,5 Prozent dieser riesigen Abgasmenge. Und dafür wurden wir von den großmäuligen Klimaschützern der Bonner Konferenz beschimpft - welche im übrigen fast alle per Flugzeug anreisten. Und dafür haben unsere Vertreter öffentlich Reue und Buße gelobt, nach dem Motto:
"Deutschland muss die Welt retten".
Und in China wird jede Woche ein neues, großes Kohlekraftwerk in Betrieb genommen!


Die Kohle-Kommission soll´s richten

Es  ist offenkundig, dass die vermehrten CO2-Emissionen in Deutschland mit der Verbrennung der Steinkohle und insbesondere der Braunkohle zusammen hängen. Beide werden gebraucht, um die Regelenergie bereitzustellen und die herbstliche Dunkelflaute zu überwinden. Indes, die deutschen Abgasziele (gegenüber 1990) sind bekannt und praktisch schon festgeschrieben: 60 Prozent bis zum Jahr 2030 sowie unglaubliche 95 Prozent bis 2050. Der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sah sich in der Klemme und in solchen Situationen bilden Politiker gerne eine Kommission - in diesem Fall die Kohlekommission. Damit das Ziel - nämlich die Reduktion des Kohleabbaus und damit der Arbeitsplätze - aber dem Publikum nicht sofort sauer aufstößt, wurde ein umfänglicher und unauffälliger Name gewählt: Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung. Im Kern geht es jedoch um die Reduktion des Abbaus in den deutschen Kohleregionen: die rheinische, die mitteldeutschen sowie die Lausitz.

Die wichtigsten deutschen Kohlevorkommen 


Anfangs wollte Altmaier einen effizienten Kader von 10 Kommissionsmitgliedern zusammenstellen. Dies gelang ihm jedoch nicht; möglicherweise weil er sich auch nach mehr als 100 Tagen nach Regierungsantritt immer noch nicht auf einen Staatssekretär für Energiefragen abstützen kann. (Der bisherige, Rainer Baake, hat gekündigt, was man auch durchaus positiv sehen kann). Nun hat die Kohlekommission 24 Mitglieder, 4 Vorsitzende, 3 Bundestagsabgeordnete ohne Stimmrecht sowie eine Steuerungsgruppe mit 8 Staatssekretären aus 8 beteiligten Bundesministerien. Ein Gremienmonster! In der Rekordzeit von einem halben Jahr soll der Pfad ins kohlenstoffdioxidfreie Energiezeitalter festgelegt werden.--- Ein Mitglied der Kommission ist die flamboyante Marie-Luise Wolff, Leiterin eines kommunalen Mini-EVU und ehemalige Studentin der Anglistik und Musikwissenschaften. Sie soll sie gut Geige und Klavier spielen können. Und die Energiewende samt Atomausstieg hält sie auch für richtig. Man fühlt sich an die legendäre Ethikkommission erinnert mit Kardinal Marx als Experten. ("Die Atomenergie ist des Teufels")

Die Kommission begann ihr Beratungen im vorigen Juni und hat sich einen strammen Zeitplan auferlegt. Die Eröffnungssitzung leitete der Bahn-Vorstand und frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, wobei er einen Bericht des Essener RWI- Instituts entgegen nahm. Diese Experten hatten ermittelt, dass in Deutschland rd. 56.000 Beschäftigte direkt oder indirekt von der Braunkohle abhängig sind und deren Anteil an der Stromerzeugung 22,6 Prozent beträgt (Steinkohle 14,4 Prozent). Anfang Oktober 2018 wird das Gremium das Lausitzer Braunkohlebecken in Augenschein nehmen und schon zum Ende dieses Monats soll ihr schriftlicher Zwischenbericht vorliegen. Rechtzeitig zum Start des nächsten Weltklimagipfels COP 24 in Kattowitz! Am 11. Dezember soll die Kommission in einer siebten und letzten Vollsitzung ihre Arbeit beenden. Das gesetzte Ziel: "Wir wollen niemand zurücklassen auf dem Weg des Umbaus der deutschen Energieindustrie". Great!


Ausblick

Der geplante Ausstieg aus der Kohle ist der zweite energiepolitische Ausstieg, den die Bundeskanzlerin Angela Merkel einläutet: 2011 war es der Ausstieg aus der Atomkraft, 2018 ist es jener aus der Kohle. Der Terminplan für die Kohlekommission ist so eng, dass man bezweifeln muss, ob sie belastbare Ergebnisse zutage fördern kann. Es sollen - auf die Schnelle - Lösungen gefunden werden, an denen sich Fachleute und Politiker seit Jahren die Zähne ausgebissen haben. Nur ein Faktum sei stellvertretend dafür genannt.:
Um gegen die Dunkelflaute gewappnet zu sein, braucht Deutschland einen Kraftwerkspark, der (permanent) etwa 70 Gigawatt Leistung liefern kann oder rund 30 Terawattstunden Speicherkapazität. Die gesamten vorhandenen Pumpspeicherkraftwerke liefern aber nur 40 Gigawattstunden Speicherkapazität. Wie soll so die Stromversorgung in einem Industrieland, wie Deutschland, unterbrechungslos funktionieren?

Unter dem gegenwärtigen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier werden diese Probleme nicht mehr gelöst werden. Altmaier wird glaubhaft nachgesagt, dass er (Ende 2019) in Brüssel einen Kommissarposten anstrebt.

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