Dienstag, 11. Dezember 2018

Darwins Evolutionstheorie in der Kritik

Einsteins Relativitätstheorie und Darwins Evolutionstheorie sind die weitreichendsten Denkmodelle der Menschheit. Während die Relativitätstheorie das Universum beschreibt sowie die Relation zwischen Masse und Energie, soll die Evolutionstheorie von Charles Darwin die Entwicklung ("Evolution") der Lebewesen auf unserer Erde nachvollziehen, von den Einzellern bis zum Menschen.

Kein Wunder, dass beide Gedankengebäude unter ständiger kritischer Beobachtung stehen, denn sie sind so revolutionär und so konsequenzenreich, dass man ihre Gültigkeit nicht oft genug nachprüfen kann. Bei der Relativitätstheorie ist dies in den vergangenen hundert Jahren oftmals geschehen und bis dato gibt es keinen Grund an ihrer "Richtigkeit" zu zweifeln. Anders ist dies bei der Evolutionstheorie. Seit sie vor knapp 160 Jahren unter dem Titel "The origin of species" von (dem Theologen) Charles Darwin veröffentlicht wurde, war sie - praktisch vom Anbeginn - ständig böswilligen Anfeindungen, aber auch substantieller Kritik ausgesetzt. Slogans wie "der Mensch stammt vom Affen ab", haben das ihre dazu beigetragen.


Charles Darwin (1809–1882)


Darwins Theorie besteht aus folgenden Annahmen:
Reproduktion: Die Individuen einer Population erzeugen immer mehr Nachkommen, als zu ihrer Arterhaltung eigentlich notwendig wäre.
Variation/Mutation: Die einzelnen Individuen einer Population sind nie gleich. Sie unterscheiden sich in mehreren Merkmalen.
Selektion: Diejenigen Individuen, die zufällig für die vorhandenen Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere, haben einen Selektionsvorteil und überleben häufiger.
Vererbung: Die Variationen in den Merkmalen sind zu einem gewissen Teil vererbbar.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es durch die Selektion langfristig zu einer natürlichen Auslese der Individuen einer Art kommt, die durch Zufall besser angepasst sind als ihre Artgenossen.



Das Problem der unterschiedlichen Zeitspannen

Ein Problem, das die Kritiker der Darwinschen Lehre immer wieder vorbringen, ist das Phänomen der krass unterschiedlichen Zeitspannen. Es gibt in der Erdgeschichte Phasen, in denen lange Zeit - oberflächlich betrachtet - (fast) nichts geschah und dann wiederum kurze Zeitperioden in denen sich außerordentlich viele Veränderungen zeigten. Drei solcher Phasen seien stellvertretend kurz skizziert.

Im Kambrium, einem erdgeschichtlichen Zeitalter, das vor ca. 500 Millionen Jahren ablief und etwa 50 Millionen Jahre andauerte, geschah die sogenannte kambrische Artenexplosion. Innerhalb der geologisch kurzen Zeitspanne von 5 bis 10 Millionen Jahren tauchten, wie aus dem Nichts, die Vertreter fast aller heutigen Tierstämme auf. Die grundlegenden Körperbaupläne vieler mehrzelliger Tierstämme, die seitdem die Erde bevölkern, sind in den Gesteinen dieser Epoche erstmals eindeutig überliefert. Auch Tiere mit harter Schale, ja sogar Skeletten befinden sich darunter. Dies durch Zufall oder Selektion zu erklären, greift nach Ansicht kritischer Biologen zu kurz.

Die Dinosaurier, gewaltige Echsen und Wirbeltiere, , dominierten die Landschaft im Mesozoikum (Erdmittelalter) vor 235 Millionen Jahre bis zur Kreidezeit vor etwa 65 Millionen. Es wird angenommen, dass sie damals durch einen Asteroideneinschlag (bis auf die Vögel) ausgerottet wurden. Über 170 Millionen Jahre waren sie auf allen heutigen Kontinenten präsent - einschließlich der Antarktis, da damals alles Festland noch im Superkontinent Pangäa vereinigt war. 170 Millionen Jahre sind eine sehr lange Zeit, sodass immer wieder die Frage auftaucht, weshalb diese Tiere nicht in der Lage waren eine höhere Intelligenz, sprich ein größeres Gehirn, auszubilden. Aber vielleicht konnten sie schon Werkzeuge herstellen, die man aber nach so langer Zeit nicht mehr auffinden kann, da sie im Sand verrottet sind. (Sicherlich waren sie nicht auf dem Mond; dort wäre ihre Hinterlassenschaft - mangels Atmosphäre - heute noch sichtbar, wie die US-Flagge von Armstrong für noch sehr lange Zeit.)

Demgegenüber erstaunt, ja fasziniert das Tempo, mit dem sich der moderne Mensch, der sogenannte homo sapiens, entwickelt hat. Von einer Schimpansenart abstammend, stieg unser Vorfahr von den Bäumen herab, begab sich in die grasbewachsenen Savanne und erlernte dort den aufrechten Gang. Vom homo erectus bis zum homo sapiens vergingen dann nur noch ein bis zwei Millionen Jahre. Das hochkomplizierte Gehirn muss sich mit rasenden Schnelligkeit entwickelt haben. Wie das in einer solch kurzen Zeitspanne möglich war, ist heute noch für viele ein Rätsel. Die spärlichen Fossilienfunde werden immer intensiver mit genetischen Methoden untersucht, aber die rasante Entwicklung zum Menschen und die schnelle Ausbildung des Zentralcomputers, sprich Gehirn, sind von den Paläontologen noch nicht überzeugend dargelegt.


Alles nur Zufall?

Die Amerikaner Stanley Miller und Harold Urey simulierten 1953 in einem Gasgemisch, das der Uratmosphäre entsprechen sollte, mit elektrischen Entladungen die künstliche Entstehung von Aminosäuren. Diese gehören zu den elementaren Substanzen der Evolution, sind aber beileibe nicht die einzigen. Heute weiß man, dass eine Zelle nur dann lebensfähig ist, wenn mindestens drei verschiedene Arten komplexer Moleküle zusammen arbeiten: DNA ( eine Nukleinsäure), RNA (Ribonukleinsäure) und Proteine (Eiweißstoffe). Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese hochkomplexen Substanzen "von sich aus" gebildet haben konnten und damit die Entstehung einer Zelle bewirkten? Die Antwort ist: verschwindend gering, denn ein Protein allein enthält zwischen 50 und mehreren tausend Aminosäuren, die in einer sehr komplizierten Anordnung miteinander verbunden sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf der Erde nur ein einziges Protein mit gerade Mal hundert Aminosäuren von selbst zusammen setzen  könnte, berechnen Statistiker auf 1 zu einer Billiarde!

Deshalb kam der Gedanke auf, dass sich diese Ursubstanzen "irgendwo im Universum" gebildet haben könnten und per Asteroiden zu unserer Erde gekommen sind. Aber dieser Transport könnte Tausende bis Millionen Jahre in Anspruch genommen haben, währenddessen die aggressive Weltraumstrahlung die Proteine längst zerstört hätte. Darüber hinaus: für die Bildung der Proteine ist RNA nötig und umgekehrt entsteht RNA nur unter Mitwirkung von Proteinen. Dass RNA und Proteine zur gleichen Zeit am gleichen Ort entstehen ist - siehe oben - aber sehr, sehr unwahrscheinlich.


Die Frage nach dem Schöpfer

In religiösen Kreisen stieß Darwins Evolutionstheorie von Anbeginn auf heftigen Widerstand. Man verwies auf die Bibel, die (in Mose 1:11,21,24) ausdrücklich sagt, dass das Leben von Gott sei und, dass alle Lebewesen "nach ihren Arten" geschaffen seien. Insbesondere in den USA bildeten sich zahlreiche Gemeinden heraus, die sich als "Kreationisten" bezeichneten und vor allem in Privatschulen diesem Glauben huldigten.

Als quasi wissenschaftliche Abart des Kreationismus bildete sich der "Intelligent Design" (ID)  heraus, der behauptete, dass sich das Leben auf der Erde nur durch einen "intelligenten Urheber" erklären lasse, also nicht durch Mutation und Selektion, wie von Darwin dargestellt. Die Theorie des "intelligenten Entwurfs" war die Folge eines Urteils des amerikanischen Supreme Court im Jahr 1987, bei dem es um die Trennung von Staat und Kirche ging. Bald darauf erschien ein Biologieschulbuch, in dem die kreationistische Lehre als wissenschaftliche Theorie und nicht mehr als bloßer Glaube dargestellt wurde. Seitdem tobt - vor allem in den Süd- und Midwest-Staaten - ein heftiger Glaubenskrieg, wobei sich besonders die Gymnasien nach den zumeist erzkonservativen Schulkuratorien ausrichten.

Die Astrobiologen und Astrophysiker beteiligen sich an diesem Streit nur selten. Eine Ausnahme bildete der kürzlich verstorbene englische Physiker Stephen Hawking. Er behauptete steif und fest, dass es -aus physikalischen Gründen - "keinen Gott" geben könne und bringt dafür folgenden "Beweis" vor:
Reisen wir in der Zeit bis zum Augenblicks des Urknalls rückwärts, so wird das Universum immer kleiner, bis es schließlich zu einem hochdichten Schwarzen Loch wird. An diesem Ort ist unsere Reise aber auch schon zu Ende, da es jenseits des Urknalls keine Zeit mehr gibt, in der eine Ursache (zur Schöpfung) hätte existieren können. Somit, so schließt Hawking messerscharf, kann es dort auch keinen Gott geben, weil es keine Zeit für die Existenz eines Schöpfers gibt.

Bleibt nur noch die Frage zu beantworten:

Und wie ist all der Krempel in uns und um uns herum eigentlich entstanden?

Postskriptum: Nach 32 Blogs im Jahr 2018 bin ich rechtschaffen müde
und wünsche meinen treuen Lesern frohe Festtage und Gesundheit in 2019!



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Sonntag, 2. Dezember 2018

Der Buchdruck und sein Einfluss auf Christentum und Islam.

Zu den fünf großen Weltreligionen  zählt man üblicherweise: das Christentum, den Islam, den Hinduismus, den Buddhismus sowie das Judentum. Gemessen an der Zahl der Anhänger gibt es (nach Wikipedia) weltweit 2,3 Milliarden Christen und 1,6 Milliarden Muslime; eine Mittelposition nehmen die Hindus (940 Millionen) und Buddhisten (460 Mio) ein, gefolgt von den Juden mit 15 Millionen Anhängern. Diese Zahlen sind jedoch stark abhängig von der Zählweise. Am klarsten ist dies bei den Christen: dort wird man Christ nicht durch die Geburt, sondern durch die Taufe und die Mitgliedschaft in einer Kirche. Und man kann nach 14 Jahren jederzeit aus dieser Kirchengemeinschaft wieder austreten, womit man aufhört Christ im Sinne der Statistik zu sein.

Anders ist dies beim Islam. Muslim (bzw. Muslima) wird man qua Geburt; es gibt keine Verpflichtung irgend einer religiösen Gemeinschaft beizutreten. Hingegen erwartet man von einem Muslim das fünfmalige Praktizieren des täglichen Pflichtgebets, das zu den "fünf Säulen des Islams" gehört. Die wenigsten Muslims tun dies; der Religionswissenschaftler Michael Blume schätzt sie auf bloße 20 Prozent. Das bedeutet, dass von den ca. fünf Millionen Muslims in Deutschland nur etwa eine Million regelmäßig eine Moschee besuchen. Viele essen, übrigens, mit Genuss Schweinefleisch
und Leberwürste - insbesondere wenn sie von ihren (numerischen) Glaubensgenossen nicht gesehen werden.

Im Zuge der Jahrtausende langen Geschichte hat sich das Zahlenverhältnis zwischen Christen und Muslims immer wieder verändert. Ursächlich waren zumeist die häufigen Kriege, bei denen der Eroberer dem Unterlegenen seine Religion aufzwang - gemäß dem Wahlspruch: "Cuius regio, eius et religio". Aber es gibt auch ein technisches Phänomen, welches die Entwicklung der beiden Hauptreligionen maßgeblich beeinflusste: die Erfindung des Buchdrucks. Dieses Ereignis wurde von Christen und Muslims in unterschiedlicher Intensität genutzt und hat damit zum Abstieg des Islams beigetragen, wie in diesem Blog dargestellt werden soll.


Eine Jahrtausend-Erfindung und ihre Konsequenzen

Im 15. Jahrhundert nach Chr. erreichte der türkisch-osmanische Islam seine größte Ausdehnung und stärkste politische Bedeutung.  Am 29. Mai 1453 eroberten die Osmanen gar Konstantinopel, die einst so mächtige Hauptstadt des oströmischen Reiches. Der regierende Sultan Mehmet II (1432 - 1481) nahm mit der Hagia Sophia eine der größten und ältesten Kirchen der Christenheit für die Muslime in Besitz. --- Demgegenüber waren die deutschen Provinzen zersplittert, politisch nahezu machtlos und standen unter den römischen und vatikanischen Kuratel. Die Machtkämpfe zwischen den Katholiken und den protestantischen Reformern trugen darüber hinaus zur Lähmung des öffentlichen Lebens bei.

Da trat um 1450 n. Chr. der Mainzer Handwerker Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, auf die Bühne. Seine Erfindung des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern und der Druckerpresse revolutionierte die herkömmliche Buchproduktion des Abschreibens per Hand und löste eine Medienrevolution aus. Noch 1997 wurde Gutenbergs Buchdruck vom US-Magazin Time-Life zur bedeutendsten Erfindung des zweiten Jahrtausends gewählt.


Johannes Gutenberg (1400–1468)

Kein Wunder, dass die deutschen Kaufleute die Mainzer Druckerpresse auch den reichen Osmanen in Istanbul verkaufen wollten. Dort regierte inzwischen ein Sohn des Eroberers, der Sultan Bayasid II.(1447 - 1512). Aber die mächtigen Schriftgelehrten ("Ulama") brachten gewichtige Einwände gegen diese seltsame Maschine vor. Seit der Niederschrift des Korans galt das sorgfältige Abschreiben und die lesende Rezitation arabischer Texte nämlich als geheiligte Tätigkeit, welche eine jahrelange Ausbildung voraussetzte. Die massenhafte Vervielfältigung gedruckter Texte hätte nach Auffassung der Schriftgelehrten ihre traditionelle Tätigkeit entwertet und sie letztlich brotlos gemacht. So kam es 1485 n. Chr. zu einer der verhängnisvollsten Fehlentscheidungen der Weltgeschichte: 
Sultan Bayasid II. (und seine späteren Nachfolger) verboten - bei Todesstrafe! - den mechanischen Druck arabischer Lettern.

Im westlichen Europa löste der Buchdruck eine Bildungsoffensive aus. Ausgehend von Martin Luther entstanden Bibelversionen in der jeweiligen Landessprache, was dazu führte, dass viel mehr Menschen das Bedürfnis empfanden, lesen und schreiben zu lernen. Der "Dialekt" um Hannover wurde zur deutschen Hochsprache, deren sich später auch die Dichterfürsten Goethe und Schiller bedienten. Der Konfessionsstreit katholisch/protestantisch in der Reformation führte zwar zum 30-jährigen Krieg, wurde aber im westfälischen Vertrag zum dauerhaften Frieden umgemünzt.

Demgegenüber fielen die Muslime zurück. Erstaunlicherweise sogar im Kriegshandwerk: zwei Belagerungen von Wien  durch die Osmanen (1529 und 1683 n. Chr.) blieben erfolglos. In der Folge driftete auch die arabische Sprache auseinander. So sprechen die Muslime heute in Marokko ein ganz anderes Arabisch als im Irak. Und das Hocharabisch im Koran können aktuell nur noch ganz wenige sehr gebildete Menschen lesen, mit der Folge, dass koranisches Wissen - also Bibelwissen - dem Normalaraber verborgen bleibt. In den sogenannten Koranschulen wird praktisch nur noch auswendig gelernt - wobei Wortsinn und Auslegung der Suren verloren gehen.


Große Lücken in Bildung und Wissenschaft

Als im Jahr 1727 in Istanbul der Druck auch arabischer (nichtreligiöser!) Bücher erlaubt wurde, war es bereits zu spät. Die Tabus hatten sich tief eingeprägt und es gab kaum eine lesekundige Öffentlichkeit. Nach nur 24 Büchern musste diese erste Druckerei schon wieder schließen. Um 1800 waren erst zwei Prozent der osmanischen Bevölkerung lesekundig, zumeist bestehend aus Armeniern und Juden. In Deutschland beherrschte damals schon die Hälfte der Bevölkerung Lesen und Schreiben. Nach Äußerungen des tunesischen Predigers Abdelfattal Mourou 2016 in New York liest ein Araber durchschnittlich 0,79 Bücher pro Jahr - ein Japaner hingegen 40!

Die mangelhafte Beschäftigung mit gedruckten Texten hat auch einen unheilvollen Einfluss auf Technik und Naturwissenschaft. Ägypten, die größte arabische Nation, verzeichnete im Jahr 2013 bloße 129 Patentanmeldungen; Deutschland, zum Vergleich, 82.000. Immerhin hat der arabische Raum einen Nobelpreisträger auf dem so exotischen Gebiet der Quantenphysik hervorgebracht. Es ist Abdus Salam (1926 - 1996), der in früher Jugend von seiner Heimat Pakistan nach England kam und dort die Gelegenheit hatte, seine physikalische Begabung einzubringen. In Oxford befasste er sich Elementarteilchenphysik und Quantenfeldtheorie, womit er ein Pionier des sogenannten Standardmodells der Kernphysik wurde. Dafür erhielt er 1979 (zusammen mit Steven Weinberg und Lee Glashow) den Nobelpreis der Physik.

Nach dem Tod wurde Salam in seine arabische Heimat überführt und bestattet. Dort ließ die pakistanische Regierung auf der Inschrift seines Grabsteins das Wort "muslimisch" übermalen, sodass heute anstelle "erster muslimischer Nobelpreisträger" nur noch "erster Nobelpreisträger" zu lesen ist.

Samstag, 17. November 2018

Ausgetrickst ?

Unter Jogi Löw als Trainer begann die Talfahrt des Karlsruher Sportclubs (KSC). In seiner kurzen Ägide vom Oktober 1999 bis zum März 2000 konnte er von 18 Spielen nur ein einziges gewinnen, worauf der Verein unrettbar der 3. Liga entgegen trudelte. Allerdings muss man dem späteren National-Coach zugute halten, dass der KSC zur damaligen Zeit nur noch über einen Rumpfcader verfügte. Folgende Auswahlspieler hatte das Präsidium in den vorausgehenden erfolgreichen Jahren bereits (zum Teil viel zu billig) verkauft: Thomas Häßler, Michael Tarnat, Dirk Schuster, Sean Dundee, Thorsten Fink, Oliver Kahn, Oliver Kreuzer, Jens Nowotny, Mehmet Scholl, Michael Sternkopf, Guido Buchwald und Bruno Labbadia.

Die meisten Spieler entstammten der "Goldenen Ära" des KSC unter dem Trainer Winfried Schäfer (1986 - 1998) und dem Präsidenten Roland Schmider (1974 - 2000). In diesem Zeitraum war der KSC über 11 Jahre lang ohne Unterbrechung in der obersten Spielklasse, also der Bundesliga und gewann unter anderem sensationell ein UEFA-Pokal-Spiel gegen den FC Valencia mit 7:0 auf dessen Platz.

Das alte Stadion taugt nicht mehr

Keine Klasse, kein Geld

Nach der Jahrtausendwende fing das Elend beim KSC an. Bis heute, also fast über zwei Jahrzehnte hinweg, war der KSC nur noch in zwei Spielzeiten (2007/08 und 2008/09) in der 1. Liga, als der unvergessliche "Ede" Becker Betreuer der Mannschaft war. Die längste Zeit (13 Saisons) torkelte der Club im Mittelfeld der 2. Bundesliga herum und vier Mal (wie derzeit) musste er sich sogar mit der 3. Liga bescheiden. --- Der Verbrauch an Trainern war entsprechend: von der Jahrtausendwende bis heute versuchten 20 Spielleiter ihr Glück im Wildparkstadion, durchschnittlich also nur jeweils ein halbes Jahr lang. Den absoluten, heute noch gültigen Ligarekord, stellte der Coach Reinhold Fanz auf. Er durfte nur sieben Tage bleiben, weil Utz Claassen, der Chef des damaligen Hauptsponsors EnBW mit ihm nicht einverstanden war. --- Entsprechend kurz waren auch die Amtszeiten der damaligen Vereinspräsidenten. Von 2000 bis 2010 agierten Detlef Dietrich, Hubert H. Raase und Paul Metzger. Gerhard Seiler, der frühere Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe, musste 2002 sogar für nur neun Monate als "Notpräsident" einspringen und konnte damit den Verein vor der Insolvenz retten. Ab 2010 kam etwas Ruhe in die Vorstandschaft. Seitdem agiert Ingo Wellenreuther, ehemals Richter am Landgericht und seit vier Legislaturperioden CDU-Bundestagsabgeordneter für Karlsruhe.

Wo keine spielerische Klasse ist, da ist bald auch die Geldkasse leer. Für den Spielercader stehen derzeit kaum mehr als 5 bis 6 Millionen Euro pro Saison zur Verfügung, die TV-Gelder liegen bei bescheidenen 1, 2 Mio Euro. Seit Jahren muss der Verein durch Zuwendungen privater Gönner ( Kölmel, Pilarsky) über Wasser gehalten werden. Trotzdem plagen ihn Altschulden in der ungefähren Höhe von 20 Mio Euro. In der vergangenen Saison hat der KSC ein "negatives Ergebnis" von 86.000 Euro erwirtschaftet.--- Auch beim Einwerben von Drittmitteln hat der KSC kein glückliches Händchen. Das Trikot zierte früher den Schriftzug der großen Karlsruher Lebensversicherung AG (Karlsruher Leben), später war der Stromkonzern EnBW der Hauptsponsor. Beide sind ausgestiegen, nun wurde ein Vertrag mit der Firma Klaiber gemacht, einem mäßig bekannten Markisenhersteller aus dem Karlsruhe Umland. Als Ausrüster der KSC-Mannschaften figuriert das regionale Unternehmen JAKO. Seine Autos (Marke: Volvo) bezieht der Verein von der dem Karlsruher Autohaus Geisser.


"Ein neues Stadion muss her"

Die Spielstätte des KSC ist das Wildparkstadion, mit ca. 35.000 Plätzen idyllisch im stadtnahen Hardwald gelegen. Die Stadt Karlsruhe als Eigentümerin hat diese Immobilie immer wieder den Erfordernissen angepasst, etwa durch den Einbau von Flutlichtanlagen, Videowänden und einer imposanten Zuschauertribüne. Die geringen Mietzahlungen hielten das KSC-Präsidiums und seine verschiedenen Fan-Clubs nicht davon ab, immer wieder aufs Neue weitere Modernisierungen zu verlangen. Eine solche Kampagne lief um das Jahr 2007, als durch einen massiven Umbau ein Großteil der Zuschauerplätze überdacht werden sollte. Der damalige Oberbürgermeister Reinhard Fenrich ließ sich auf diese Umbauwünsche ein und kalkulierte einen Investitionsbedarf von 60 Millionen Euro, woran sich der Club mit 10 bis 20 Prozent beteiligen sollte. Der KSC winkte jedoch ab und verwies auf seine angeblich desolate Finanzlage. Damit war das Gemeinschaftsprojekt zunächst gestorben.

Ein neues "Spiel" ergab sich ab 2013 mit neuem Spitzenpersonal, nämlich dem SPD-Oberbürgermeister Frank Mentrup und dem damaligen KSC-Präsidenten Ingo Wellenreuther. Obwohl sich die Finanzlage des Vereins kaum nennenswert gebessert hatte, ging Wellenreuther aufs Ganze und forderte den Neubau eines Stadions - entweder an der gleichen Stelle oder an alternativen Standorten. Ein halbes Dutzend solcher Bauplätze wurden im Stadtrat diskutiert und kalkuliert; sie beliefen sich allesamt auf über hundert Millionen Euro und schienen damit unfinanzierbar zu sein.

In dieser verfahrenen Situation kam dem KSC und seinen Anhängern ein anderes öffentliches Projekt zur Hilfe: das Staatstheater. Es meldete einen Sanierungsbedarf in der gigantischen Höhe von 350 Millionen Euro an und war damit drei Mal so teuer wie das Fußballstadion. In der Folge entwickelte sich eine muntere mediale Debatte in Leserbriefen und Internetblogs. Sie führte zu dem Ergebnis, dass die Öffentlichkeit bald davon überzeugt war, dass für das sportliche Image der Stadt mindestens genau so viel getan werden müsse, wie für das kulturelle - auch wenn die Finanzierung aus verschiedenen Quellen erfolgt. Aus dieser argumentativen Zwickmühle konnten sich die Stadtoberen in der Folge nicht mehr befreien, sodass am 18. November 2016 die Verträge für das neue Stadion am Wildpark unterzeichnet wurden: von der Stadt Karlsruhe als Bauherrin und dem KSC als zukünftigen Mieter. Die Stadtverwaltung war ausgetrickst.


Endlich! Das neue Stadion

Mittlerweile wurde Ende Oktober 2018 der Nutzervertrag für das neue Stadion zwischen der Stadt Karlsruhe und dem KSC notariell abgesegnet. Nach dem anschließenden "ersten Baggerbiss" durften die Fans die Plastikschale ihres geliebten Sitzes abmontieren und kostenlos nach Hause abschleppen. Durch ausladende Business- und Logenplätze auf der Haupttribüne versucht der KSC künftig viel Geld "nebenher" zu verdienen. Das ist auch notwendig, denn das neue Stadion kostet insgesamt satte 123 Mio Euro.  Während der vertraglich vereinbarten Pachtdauer von 35 Jahren will der KSC davon der Stadt 74,5 Mio zurückzahlen. Dieser Kalkulation liegt zugrunde, dass der Club in einem Betrachtungszeitraum von 10 Jahren ein Jahr in der 3. Liga spielt, sieben Jahre in der 2. Liga und zwei Jahre in der 1. Bundesliga. Na, ja!

Die Bauarbeiten sollen im Frühjahr 2022 abgeschlossen sein. Währenddessen wird der Spielbetrieb stets aufrecht erhalten. Zwei Hilfstribünen hinter den Toren sollen dies gewährleisten und 15. 000 Plätze zur Verfügung stellen.

Hip, hip, hurra!

Sonntag, 11. November 2018

Ausgemerzt?

Friedrich Merz wird nicht begeistert gewesen sein, als am Dienstag vergangener Woche zahlreiche Staatsanwälte und Finanzbeamte in seiner feudalen Münchener Residenz Lenbachplatz 1 anrückten um eine Razzia durchzuführen. Für den Aufsichtsratschef des deutschen Ablegers der weltweit größten Fondsgesellschaft BlackRock war die Durchsuchung und Beschlagnahme vieler Akten und Computer sicherlich mehr als peinlich, obwohl die veranlassende Justizbehörde Köln gleichzeitig kund tat, dass gegen Merz selbst "kein Verdacht einer Straftat" vorläge. Stattdessen stünde die Aktion im Zusammenhang mit illegaler Finanztransaktionen der Jahre 2007 bis 2011, die Experten unter den Kürzeln Cum-Cum und Cum-Ex bekannt seien. Merz konnte zu seiner Entlastung immerhin vorbringen, dass er erst seit 2016 den Posten eines Aufsichtsratschef bei BlackRock inne habe.

Aber die Vorwürfe gegen seine Firma wiegen schwer: der Vermögenverwalter BlackRock soll viele Jahre lang dubiose Aktiengeschäfte betrieben haben, wodurch der deutsche Fiskus um Milliardenbeträge geschädigt wurde. Was dieser Durchsuchung ihre besondere Publizität verleiht, ist die Tatsache, dass Friedrich Merz, erst wenige Tage vorher seine Kandidatur als Nachfolger von Angela Merkel bekannt gegeben hat. Mithin muss er nun seine "Unschuld" nicht nur gegenüber der Justiz, sondern auch gegenüber den tausend Delegierten beweisen, welche ihm in vier Wochen zum CDU-Chef wählen sollen.



Betrügereien bei Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäften

Die Betrügereien im Wertpapierhandel entstehen dadurch, dass große Aktienpakete im Wert von über hundert Millionen Euro von Finanzinvestoren über Banken erworben werden und (an gewissen Stichtagen) oftmals über "Strohmänner" zwischen Deutschland und beispielsweise Panama verliehen und hin und her transferiert werden. Dabei verlieren die deutschen Finanzämter nicht selten den Überblick und erstatten die Körperschaftssteuer nicht nur einmal - was legitim ist - sondern zweimal, ja sogar oftmals - was zum Betrug im deutschen Steuersystem in Milliardenhöhe führte. Skrupellose Geschäftemacher schicken ihre Aktienpakete wie wild über den Globus, einmal mit Dividendenberechtigung ("cum"), einmal ohne ("ex), tricksen dabei die simplen Computer des Fiskus aus und machen fette Rendite auf Kosten der deutschen Steuergemeinschaft. Die wichtigsten Betrugsmaschen laufen unter den Bezeichnungen Cum-Cum und Cum-Ex, aber in der Zwischenzeit gibt es schon eine Vielfalt von Modellen dazwischen.

Bei den Cum-Cum-Geschäften wollen Ausländer den Abzug der Kapitalertragssteuer vermeiden und sich - gegenüber den Finanzbehörden - wie (deutsche) Inländer gerieren. Dazu wird die Aktie des Ausländers an einen Inländer (zumeist eine Bank) mit Dividendenanspruch (lateinisch: cum) verkauft. Der Inländer vereinnahmt die Dividende, holt sich die Kapitalertragssteuer vom Finanzamt ab und gibt die Aktie samt Dividende (abzüglich einer Provision) zurück an den Ausländer.

Bei den Cum-Ex-Geschäften wird eine Lücke im Abwicklungssystem der Deutschen Wertpapiersammelbank ausgenutzt, um eine einmal abgeführte Kapitalertragssteuer mehrfach erstattet zu bekommen. Die daran beteiligten Banken behaupten einfach, sie könnten nicht erkennen, wer bei solchen Vielfachtransaktionen dividendenberechtigt ist und somit Anspruch auf Rückerstattung der Kapitalertragssteuer habe. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob ein komplettes Aktienpaket gleichzeitig mehrere Eigentümer haben kann, was natürlich Unsinn ist.

Zu den Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäften gibt es viele juristische Gutachten hinsichtlich ihrer Legalität. Aber am Ende gilt jedoch der einfache gesunde Menschenverstand, nämlich, dass es nicht legal sein kann, sich eine Steuer, die man nur einmal gezahlt hat, vom Fiskus mehrfach zurückerstatten zu lassen.--- Zum Schluss noch ein Hinweis: die oben beschriebenen "Geschäfte" können nur von sehr, sehr reichen Finanzleuten getätigt werden. Der normale Privatmann, der unter Aufbietung all seiner finanziellen Ressourcen gelegentlich fünf Daimler-Aktien kauft, ist aus diesem elitären Kreis ausgeschlossen. Dieser kleine Mann bekommt vom zuständigen Finanzamt auch seinen 25-prozentigen Dividendenabschlag nicht zurückerstattet!


BlackRock und Friedrich Merz

Die Firma "BlackRock Incorporated" (deutsch: schwarzer Fels) ist die größte Vermögensgesellschaft der Welt. Sie verwaltet Aktien im Wert von 6.000 Milliarden Euro, darunter auch 5 Prozent aller DAX-Papiere. Mehr als jedes Konkurrenzunternehmen ist BlackRock in der Lage, große Mengen  Wertpapiere an Dritte, also Finanzinvestoren, auszuleihen. Im Prospekt ihrer Indexfirma Ishares ist deshalb auch folgendes nachzulesen: Der gesamte Bestand des Fonds an Wertpapieren kann auf unbestimmte Zeit als Wertpapier-Darlehen an Dritte übertragen werden. Im Gegenzug streicht Ishares Gebühren ein; vom Juli bis September 2018 waren das immerhin 160 Millionen Euro.

Was die Investoren mit den geliehenen Papieren tun, bleibt weitgehend im Dunkeln. Nicht selten werden sie für Geschäfte verwendet, die in der Öffentlichkeit als "Schmuddelkram" gelten. So nutzen die "Heuschrecken" Hedgefonds sie beispielsweise für Leerverkäufe, wo auf fallende Kurse gewettet wird. Sollte sich zeigen, dass mit den entliehenen Aktien im großen Stil auch Cum-Ex-Geschäfte gemacht wurden, dann könnte BlackRock/Ishares - und mit ihnen auch Friedrich Merz - in Erklärungsnot geraten, denn man könnte ihnen vorwerfen, dass sie ihren Geschäftspartnern nicht genau genug auf die Finger gesehen haben.

Fraglich ist aber, ob Merz als Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Ablegers von BlackRock überhaupt die "Macht" hat, an jahrelang eingelaufenen und lukrativen Geschäftsvorgängen etwas zu ändern. Denn der wirkliche Chef von BlackRock sitzt in New York und heißt Larry Fink. Er hat die Firma 1988 gegründet und gilt als beinharter "Kapitalist". Von ihm ist nicht bekannt, dass er übermäßig "moralische Maßstäbe" an sein Tun anlegt. Vielleicht hatte Merz in seinem täglichen Wirken in der Münchener Lenbachstraße 1 also gar nicht den operativen Spielraum, den man hinter dem imposanten Titel "Aufsichtsratsvorsitzender" vermuten könnte.

Egal, wie es wirklich ist: Friedrich Merz trägt bei BlackRock jedoch formal eine hohe Verantwortung und wird seine Tätigkeiten auf den kommenden acht Regionalkonferenzen erklären müssen, bevor er sich in vier Wochen als Merkel-Nachfolger zur Wahl stellt. Die wahlberechtigten Delegierten werden genau hinhören, denn eines darf keinesfalls passieren: dass sich einige Monate später herausstellt, dass Friedrich Merz tatsächlich in betrügerische Finanztransaktionen verwickelt war.

Es wäre der politische Super-Gau für die CDU.


Montag, 5. November 2018

Ausgemerkelt

Es geschehen noch Zeichen und Wunder!
Am Tag nach der (für die CDU) ziemlich vergeigten Hessen-Wahl, erklärte die Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass sie für die Wahl zur Parteivorsitzenden anfangs Dezember nicht mehr antreten werde. Also kein "Weiter so", wie praktisch allseits erwartet, stattdessen ein "Danke, das war´s". In Bezug auf die Kanzlerschaft tat sie kund, dass sie "bereit" sei, die Regierungsgeschäfte bis zum Jahr 2021 fortzuführen. Dass sie darum "kämpfen" würde, hat sie nicht gesagt. Ihre Rede klang wie der große Einstieg zum großen Ausstieg: die Ära Merkel kommt zum Ende. Aber es ist ein Rücktritt in Raten. Angela ist noch nicht weg, aber sie hat sich schon mal verabschiedet. Und ihr Wahlvolk staunt, denn (fast) nach Hermann Hesse gilt:
Jedem Ende wohnt ein Zauber inne!




Das Ende von Merkels Kanzlerschaft könnte schon am 26. Mai 2019 kommen, am Doppelwahltag mit der Europawahl und der Bürgerschaftswahl in Bremen. Oder, noch wahrscheinlicher, im zeitlichen Umfeld des 1. September 2019. Das ist der Doppelwahltag mit Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Die Augen richten sich besonders auf Sachsen, wo die AfD die CDU als stärkste Partei überholen könnte. Und am 27. Oktober 2019 sind noch dazu die Landtagswahlen in Thüringen, ebenfalls ein Bundesland mit starker AfD.

Die prominenten Kandidaten, welche sich beim Delegierten-Parteitag im Dezember um das "Fell der Bärin" streiten werden, haben sich schon gezeigt. Es sind die lange schon vermuteten "Verdächtigen": Annegret Kramp-Karrenbauer (kurz: AKK); Jens Spahn und Friedrich Merz. Die Jüngeren unter uns werden sich kaum erinnern können, dass Merkel  dem Letztgenannten im Jahr 2002 das Amt des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU verweigerte, was Merz sichtlich übel nahm. Ein gutes Dutzend weiterer Kandidaten - deren Namen insbesondere ihnen selbst bekannt ist - werden wohl demnächst auftauchen.

Jeder dieser Kandidaten sollte dazu bereit und fähig sein, Frau Merkel gegebenenfalls in der Kanzlerschaft auch vorzeitig abzulösen. Dafür sollte er bzw. sie das geeignete thematische Profil besitzen - zum Beispiel bei der zukünftigen Handhabung der Energiewende. Dort werden große Entscheidungen fällig werden, sofern man bis zum Jahr 2022 tatsächlich alle restliche Kernkraftwerke abschalten möchte:
10 Gigawatt an konstanter Grundlast müssen in kurzer Zeit zu ersetzt werden.
Frage: Wodurch?

Samstag, 27. Oktober 2018

Die schlimmsten Fehler und Irrtümer bei der Energiewende

Die sogenannte Energiewende ist das mit Abstand teuerste deutsche Projekt seit der Wiedervereinigung. Die Kosten der Eingliederung der ehemaligen DDR-Gebiete betrugen ca. 1.500 Milliarden Euro; für die Energiewende veranschlagt man rund das Doppelte. Inzwischen sind ca. 40 Prozent der vorgesehenen Investitionen und Desinvestitionen (Kernkraftwerke!) erledigt; die kostenträchtigen Nord-Süd-Gleichstromleitungen sind stark in Verzug.

In einer Zwischenbilanz lassen sich die schlimmsten Fehler und Irrtümer dieses Großprojekts bereits jetzt benennen. Dies soll im Folgenden für die Vergangenheit, die Gegenwart und die (absehbare) Zukunft geschehen. Es muss befürchtet werden, dass die Energiewende im kommenden Jahrzehnt - insbesondere aus technischen und energiewirtschaftlichen Gründen - vor die Wand läuft. Unter Hinterlassung gigantischer nichtrentierlicher Kosten!


Die Vergangenheit

Im Folgenden werden die wichtigsten  politischen und gesetzgeberischen Entscheidungen bei der Energiewende benannt und kurz analysiert.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG):

An diesem grundlegenden Gesetz, das - kein Aprilscherz! - am 1. April 2000 von der Regierung Schröder/Trittin beschlossen wurde, ist bereits der Name falsch. Der Öko-Begriff "erneuerbare Energien" ist physikalisch schlicht unsinnig, denn nach dem Energieerhaltungssatz  kann man Energie weder erschaffen noch vernichten, sondern lediglich in verschiedene Formen umwandeln. Ein weiterer beliebter Öko-Spruch "Wind und Sonne schicken keine Rechnung" stimmt zwar formal, aber diese Naturphänomene schicken auch keinen Strom.

Eine strukturelle Schwäche des EEG beruht darin, dass es bestimmte Energietechniken, wie Wind- und Solarstrom vorgibt und finanziell exzessiv fördert. Sinnvoller wäre es gewesen, die Stromeinsparziele vorzugeben und die Wahl der dafür notwendigen Techniken dem Wettbewerb zu überlassen. Außerdem zielt das EEG praktisch nur auf die Stromwirtschaft, die übrigen Sektoren Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft kommen darin praktisch nicht vor.

Auch die Vorrang-Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom in das Netz widerspricht den elementaren Regeln des Wettbewerbs. Bei diesem System spielen die Fixkosten der erneuerbaren Energien quasi keine Rolle. Stattdessen werden die variablen Kosten zu Null eingesetzt, eben "weil Wind und Sonne keine Rechnung stellen". Auch die betrieblichen Wartungskosten fallen bei dieser seltsamen Kalkulation unter den Tisch. So war es kein Wunder, dass die Betreiber von Photovoltaik- und Windkraftanlagen immer bevorzugt ins Netz einspeisen durften, denn sie waren politisch praktisch "gesetzt".

Auch die EEG-Umlage, die garantierte Vergütung nach den Fördersätzen des EEG, stieg rasant an. Zu Beginn, im Jahr 2003, waren es noch bescheidene 0,41 Cent pro Kilowattstunde, zehn Jahre später war die Umlage auf satte 6,28 Cent/kWh gestiegen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin prognoszierte im Jahr 2004, dass die Umlage in einem privaten Haushalt "nicht mehr als eine Kugel Eis pro Monat" kosten sollte; inzwischen kann man damit locker die Eiskarte rauf und runter essen. Parallel dazu stiegen die Zahlungsverpflichtungen inzwischen auf 20 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr an. Kein Wunder, dass die Strompreis in Deutschland damit von 15 auf 30 Cent/kWh gestiegen ist, womit wir internationaler Spitzenreiter geworden sind.

Die hohen Subventionen bei Sonnen- und Windstrom hat in der Folge die internationale Konkurrenz angelockt und die deutsche Komponentenindustrie wirtschaftlich zerstört. Ein Beispiel dafür sind die Solarkollektoren. Ab 2010 drängte die chinesische Firma Suntec Power auf den Markt und trieb auch die prominenten deutschen Solarunternehmen in den Ruin. Die Firma Bosch musste im Frühjahr 2013 seine Kollektorwerke in Ostdeutschland schließen und alle 3.000 Mitarbeiter entlassen - inklusive Chef Franz Fehrenbach. Ähnliches geschah wenige Monate später bei Siemens. Der Konzern gab seine gesamte Solarbranche auf und setzte den Oberpfälzer Joe Kaeser (anstelle von Peter Löscher) an die Spitze.


Die Stilllegung der Kernkraftwerke

Den ersten Schlag gegen die deutschen Kernkraftwerke (KKW) führte im Dezember 2001 der Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Mit seinem "Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergienutzung" reduzierte er die Gesamtlaufzeit der KKW auf 30 bis 35 Volllastjahre (VLJ). (International waren damals bereits 40 bis 50 VLJ üblich.) Außerdem zwang Trittin die Energieversorgungsunternehmen (EVU) die kleineren KKW Stade und Obrigheim sofort stillzulegen.

Die EVU leisteten damals nur geringen Widerstand. Offensichtlich hofften sie auf eine zukünftige konservative Regierung, welche die Laufzeitlimitierung in ihrem Sinne wieder aufheben würde. Dies geschah tatsächlich im Herbst 2009, als die Christdemokraten und Liberalen eine schwarz-gelbe Koalitionsregierung bilden konnten. Trittins Laufzeitlimit wurde für die noch betriebenen 17 KKW auf 40 Jahre angehoben. In den USA wurden inzwischen atomrechtliche Genehmigungen für eine Laufzeit von 40 Jahren erteilt - mit ein zusätzlichen Option für weitere 20 Jahre. In Schweden hob der Reichstag im Juni 2010 ein früheres Gesetz zum Ausstieg aus der Kernenergie komplett auf..

Das änderte sich radikal, als es am 11. März 2011 in der japanischen Region Fukushima zu einem Monstererdbeben mit einem nachfolgenden Tsunami kam. An den vier dortigen zerstörten Kernkraftwerken gab es zwar keine strahlenbedingte Todesfälle, aber die anschließende Wasserwelle forderte 20.000 Tote. In Deutschland war Angela Merkel, die frühere Befürworterin der Kernenergie zu einer strikten Gegnerin geworden. Als Bundeskanzlerin ordnete sie die sofortige Stilllegung der acht Kernkraftwerke Biblis A+B, Neckarwestheim I, Brunsbüttel, Isar I, Krümmel, Philippsburg 1 und Unterweser an. Die restlichen neun KKW sollten nach Stufenplan bis zum Jahr 2022 ebenfalls abgeschaltet werden. Am 30. Juli 2011 wurden die sogenannten Ausstiegsgesetze im Bundestag - mit nur wenigen Gegenstimmen - beschlossen.

Es nützte wenig, dass die hundert Experten der Reaktorsicherheitskommission (RSK) nach zweimonatiger Beratung im April 2011 einen 115-seitigen Bericht zu den Vorgängen in Fukushima vorlegten. Darin kamen sie zu der Feststellung, dass ein ähnlich schwerer Unfall an deutschen Reaktoren nicht möglich sei. Zum einen, weil die geologischen Verhältnisse dies nicht zulassen würden, zum anderen, weil die deutschen KKW gegen Störfälle viel besser ausgelegt seien. Diese Prüfergebnisse wurden von den politischen Entscheidungsträgern und den Medien jedoch weitgehend ignoriert.

Stattdessen setzte die Bundeskanzlerin eine sogenannte "Ethikkommission" ein, um ihren Ausstiegsplänen eine argumentative Basis zu verleihen. Dieser Kommission gehörten keine Fachleute der Kernkraftwerksbetreiber an, wohl aber hohe Würdenträger aus der katholischen und evangelischen Kirche. Der Münchener Kardinal Reinhard Marx gab den Ton vor, indem er schlicht die Kernkraft zum "Teufelszeug" erklärte. Im Mai 2011 legte die Ethikkommission ihren Abschlussbericht vor und die Bundeskanzlerin konnte zufrieden sein. Darin stand zu lesen: "Der schnellstmögliche Ausstieg aus der Kernenergie ist ethisch gut begründet; im besten Fall kann der Zeitraum für den Ausstieg sogar noch verkürzt werden."

Die Energieerzeuger hätten es in der Hand gehabt, den politisch gewollten Ausstieg aus der Kernenergie zu verhindern, oder zumindest zu verzögern. Dafür hätte eine einfache Klage gegen die Stilllegungsanordnung der Länder genügt. Juristisch wäre es den EVU dann gestattet gewesen, ihre Anlagen weiter zu betreiben. Um dies zu verhindern, hätten die Behörden ihre Stilllegungsverfügungen mit Sofortvollzug ausstatten müssen. Dafür hätten sie aber eine saubere sicherheitstechnische Begründung beilegen müssen. Angesichts des seriösen RSK-Gutachtens (siehe oben) wäre ihnen das aber kaum gelungen. Nun, die EVU wagten in dieser turbulenten Zeit nicht die Konfrontation mit den Ministerien, vermutlich auch mit Rücksicht auf die kerntechnikfeindliche Stimmungslage in der Bevölkerung.


Die Gegenwart

Massiver Verzug bei den Stromleitungen

Das derzeit drängendste Problem bei der Energiewende ist der Ausbau der Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland. Vier Trassen sind dafür vorgesehen; von West nach Ost sind dies: der Korridor A von Emden nach Philippsburg, der Südlink von Brunsbüttel nach Stuttgart (bestehend aus zwei parallelen Leitungen) sowie der Südostlink von Magdeburg nach Landshut. Von diesen insgesamt 7.700 Kilometern Neubau oder Netzverstärkung sind aktuell 1.750 km genehmigt, aber erst 750 km wirklich gebaut. Nicht ganz schuldlos an dieser Misere  sind die vier Netzbetreiber Amprion, TransnetBW, Tennet und 50Hertz. Sie arbeiten - vertragsgemäß! - auf der Basis cost plus fee und machen immer ihren Gewinn, egal wie lange das Projekt sich hinzieht. Deswegen werden sie demnächst bei schuldhaften Verzögerungen mit einem Strafgeld bis zu 10 Millionen Euro belegt; bislang waren es nur schlappe 100.000 Euro.

Die Kosten für die genannten Stromautobahnen werden auf 20 Milliarden abgeschätzt. Mit ihrer Fertigstellung rechnet man frühestens im Jahr 2025. Inzwischen legen sich die (zumeist betroffenen) Landwirte nicht nur bei den Freileitungen, sondern auch bei der Erdkabelverlegung quer, welche 5- bis 10-fach höhere Kosten verursacht. Die Bauern sind mit der üblichen einmaligen Entschädigung für die Nutzung ihrer Grundstücke nicht mehr einverstanden, sondern verlangen eine jährliche Summe auf ihr Konto. Bei den Netzbetreibern hat man dafür den schönen Namen "Bauernmaut" erfunden.


Der Streit um die Braunkohle

Seit Monaten tobt ein Streit um den Hambacher Forst. REW möchte dort ein Wäldchen roden, wurde aber - quasi in letzter Minute - vom Verwaltungsgericht gestoppt. In der Essener Zentrale ist man trotzdem zuversichtlich, dass der Konzern schließlich obsiegen wird. Denn die Argumente der Baumschützer sind dünn. Wo waren sie, als in den deutschen Mittelgebirgen (Schwarzwald, Fichtelgebirge) ein vielfach größerer Baumbestand geschlagen wurde, um Zufahrtstraßen und Standorte für die dort geplanten Windmühlen bereit zu stellen?

Eine vom Bundesumweltminister Peter Altmaier eingerichtete "Kohlekommission" soll den Streit nun schlichten. Innerhalb von nur sechs Monaten soll dies Gremium bis Weihnachten einen Endbericht vorlegen, aus dem unter anderem hervorgeht, wie lange man in Deutschland noch Braunkohle baggern will und welche Nachfolge-Beschäftigung es für die 10 bis 20.000 freigesetzten Kumpels gibt. Bereits jetzt werden Jahreszahlen für die Beendigung der deutschen Kohleförderung durchgestochen. Die Grünen und Greenpeace wollen dies bereits 2030 erreichen, der Co-Vorstand der Kohlekommission, Ronald Pofalla, tendiert eher zu 2040. Die RWE hält das alles für Zahlenspielerei, so lange keine belastbaren Ergebnisse der Energiewende (Netz, Grundlast) vorliegen. Der Gewerkschaftsvorsitzende Michael Vassiliadis unkt sogar, dass südlich der Main-Linie noch viele Jahre lang kein Steinkohlekraftwerke abgeschaltet werden kann. ---
Und das in Kretschmann´s own country!


Die Zukunft

Die Stilllegung der restlichen Kernkraftwerke

Man braucht kein Prophet zu sein, um die nahe Zukunft der deutschen Stromversorgung vorherzusagen. Die kommenden 5 bis 7 Jahre sind durch frühere (Fehl-) Entscheidungen bereits "eingetütet". Zum Beispiel die endgültige Stilllegung der restlichen neun Kernkraftwerke durch die von Merkel veranlassten Ausstiegsgesetze im Sommer 2011. Dies sind die KKW: Grafenrheinfeld (1.354 Megawatt - endgültige Abschaltung 2015), Gundremmingen B (1.344 MW - 2017), Philippsburg 2 (1.468 MW - 2019), Gundremmingen C (1.344 MW - 2021), Grohnde (1.430 MW - 2021), Brockdorf (1.480 MW - 2021), Isar 2 (1.485 MW - 2022), Emsland (1.400 MW - 2022), und Neckarwestheim II (1.400 MW - 2022).

In den kommenden vier Jahren bis 2022 werden also weitere rd. 10.000 MW Grundlast - politisch gewollt - vom Netz gehen. Wo ist der Ersatz? Sicherlich nicht bei Photovoltaik und Windkraft, denn diese liefern nur Zappelstrom und das noch nicht einmal zu planbaren Zeiten. Außerdem stehen die großen Nord-Süd-Gleichstromtrassen frühestens im Jahr 2025 zur Verfügung. Bleibt nur die Kohle. Aber sie soll im Moment durch die Kohlekommission "frühestmöglich" aus dem Netz genommen werden. Und die 10 bis 15 Kohlekraftwerke, welche man zur Produktion von 10 Gigawatt benötigen würde, sind längst nicht mehr vorhanden, sondern stillgelegt und abgerissen.

Vor diesem Hintergrund ist es denkbar, dass die Bundesregierung - ähnlich wie vor zehn Jahren die Schweden - zurückrudert und ihren Ausstiegsbeschluss für die noch produzierenden sieben KKW kassieren muss. Dafür wäre Eile geboten, denn für den Weiterbetrieb dieser KKW über 2022 hinaus benötigen die EVU einen zeitlichen Vorlauf von mindestens zwei Jahren. In diesem Zeitraum müssten die Lieferverträge für den Urankauf, die Anreicherung und die Brennelementfertigung abgeschlossen und exekutiert werden. Das begleitende Geschrei der Kernenergiegegner könnte man sich leicht vorstellen.


Fazit

Die Planung der deutschen Energiewende wurde von der Politik nicht seriös vorbedacht. Zu vieles wurde "aus dem Bauch heraus" entschieden, um einem gewissen, lautstarken Klientel zu gefallen. Dabei hatte man die sichere Stromversorgung des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu wenig im Auge. In allernächster Zeit wird man korrigierend eingreifen müssen, um black-outs zu verhindern.














Sonntag, 7. Oktober 2018

Exzellenz - made in Germany

Oktober ist die Zeit der Ernte. Im Allgemeinen  - und auch bei den Nobelpreisen, die in diesem Monat verkündet werden. Entsprechend meiner Ausbildung interessieren mich vor allem jene im Fachgebiet Physik. Leider wurde ich dieses Jahr (wiederum) enttäuscht, denn kein Deutscher war unter den Nominierten. Ausgezeichnet wurden zwei Physiker und eine Physikerin:  Donna Strickland aus Kanada, sowie der US-Amerikaner Arthur Ashkin und der Franzose Gérard Mourou. Für ihre Arbeiten auf de Lasergebiet, wo Deutschland durchaus Chancen zuzubilligen waren.


Eine lange Zeit der "Dürre"

Deutschland galt (vor der NS-Zeit und dem 2. Weltkrieg) als das Spitzenland der physikalischen Forschung. Seither wurden wir meilenweit überholt von den USA und seit vollen 11 Jahren fiel kein einziger Physikpreis mehr an Wissenschaftler unseres Landes. Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich war mit seiner Entdeckung des "Riesenmagnetowiderstandes" im Jahr 2007 der letzte Laureat. In dieser Zeitspanne von 2008 bis 2018, also in 11 Jahren, wurden 30 Physiknobelpreise vergeben,  wobei drei Preise pro Jahr nach den Statuten möglich sind. Sie gingen an:  USA (14 Mal), Großbritannien (5), Japan (5), Belgien (1), Frankreich (2), Kanada (2) und Russland (1). Kein Preis ging nach Deutschland; die physikalische Welt ist an uns vorbei gezogen.

Die heiss begehrte Nobelpreis-Medaille


Wie keine andere wissenschaftliche Dekoration genießen die Nobelpreise höchstes Ansehen und sind damit ein Marker für den wissenschaftlichen und kulturellen Status eines Landes. Dass auch zwischen 1933 bis 1953 kein einziger Physikpreis an deutsche Forscher vergeben wurde, hängt damit zusammen, dass von 1933 an die Quantenphysik und die Relativitätstheorie als "jüdische Physik" verdammt wurde. Stattdessen versuchte man die "deutsche Physik" zu etablieren, die weniger mathematisch war und mehr auf "Intuition" beruhte. Später stellte sich das als ziemlicher Humbug heraus und die Forschungsergebnisse der Deutschphysiker wurden vom Stockholmer Kommittee nicht als preiswürdig anerkannt.


Exzellenzinitiative, Cluster und Elite-Universitäten

Aber man kann Exzellenz - die einem durch nicht verliehene Nobelpreise entgeht - auch durch einen staatlich bzw. behördlichen Akt künstlich erzeugen. Das geschieht in Deutschland seit ca. 15 Jahren durch die sogenannte "Exzellenz-Initiative". Die etwa hundert deutschen Universitäten werden durch die Bundes- und Landesforschungsminister aufgefordert, bis zu einem gewissen Zeitpunkt Forschungsthemen (sog. "Cluster") vorzuschlagen und im Verlaufe von ca. fünf Jahren abzuarbeiten. Dafür erhalten die Unis im Falle des Zuschlags pro Jahr und Cluster ca. 6 Millionen zusätzliches Geld. Und, wenn sie besonders gut sind, den Titel "Elite-Universität" oben drauf. Insgesamt kommen etwa 50 Unis für Cluster infrage und ca. 10 für den Titel Elite-Uni.

Derzeit ist die dritte Exzellenzinitiative, beziehungsweise nach neuer Bezeichnung: Exzellenzstrategie, im Gange. Etwa 80 Cluster-Vorschläge wurden vor einem Jahr eingereicht, wovon die Gutachter ca. 60 zur weiteren Bearbeitung angenommen haben. Die endgültige Entscheidung ergeht im kommenden Sommer. Auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist mit zwei Clustern dabei, die sie allerdings nicht allein, sondern in kooperativer Hilfe mit den Unis in Heidelberg und Ulm abarbeiten wollen. (Eigentlich sind es also nur vier "halbe" Cluster). Die baden-württembergischen Unis in Tübingen (3 Cluster), Konstanz (2), Stuttgart (2) und Freiburg haben ihre Etappensiege übrigens aus eigener Kraft geschafft.

Ob es dem KIT gelingen wird, den Elite-Titel (nach 2006) zum zweiten Mal zu holen, ist bei dieser Konkurrenz also höchst fraglich. Im übrigen ist dieser Titel wissenschaftlich nur von marginaler Bedeutung. (Im Ausland zählt er rein gar nichts). Der schöne Titel "Elite" wärmt vorzugsweise die Herzen der Uni-Präsidenten und der Stadtoberen. Für die Forscher ist das Ansehen ihrer eigenen Arbeitsgruppe der einzig wichtige Gradmesser.


Fazit

Der Exzellenz-Wettbewerb mit 71 Juroren  (darunter 32 Bundes- und Landesminister) und einer mehrjährigen Vorlaufzeit ist ein hochkomplexes, bürokratisches Verfahren, das so nur in Deutschland zur Anwendung kommt. In den USA ergibt sich die Exzellenz der Elite-Universitäten, wie Harvard, MIT, Stanford und Caltech etc. schlicht aus der Anzahl ihrer Nobelpreisträger. Das MIT - Namensgeber des KIT - hat deren stolze 80!

Betrachtet man das bescheidene Abschneiden des KIT mit vier halben Clustern, dann stellt sich die Frage, ob sich der ganze Aufwand bei seiner Gründung im Jahr 2006 gelohnt hat. Damals wurde (insbesondere durch den Geschäftsführer Popp) ein ungeheurer publizistischer Hype erzeugt bei der Fusionierung der traditionsreichen Forschungsunternehmen KfK und TH zu KIT. Nun stellt sich heraus, dass dieser Riesenbetrieb von 9.000 wissenschaftlich-technischen Mitarbeiter bei der Exzellenzinitiative sogar von der kleinen, aber feinen Uni Tübingen überrundet wird.

Wie hat doch schon Goethe gesagt:
"Getretener Quark wird breit, nicht stark".








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