Montag, 17. Juni 2019

Die Zeitung BNN korrigiert einen Fehler

"Lage, Lage, Lage" ist ein immerwährender Slogan im Immobilienbereich. Der Ort bestimmt weitgehend den Wert des Grundstücks, sowohl für Privatpersonen als auch für die  Gewerbetreibenden. Insoweit hat die Karlsruher Zeitung "Badische Neueste Nachrichten" (BNN) einen historischen Fehler korrigiert, der ihr vor 33 Jahren unterlaufen ist. Damals zog die gesamte Redaktion von der umtriebigen Karlsruher Innenstadt an die beschauliche Randsiedlung Neureut. Nun kommt - zumindest die Lokalredaktion - zurück an ihre Wurzeln; in Sichtweite des Rathauses,  der Büros der meisten Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie der Hohen Gerichte. Hier, nur wenige Schrittsekunden entfernt von der Pyramide, regieren nicht die Gesetze der grünen Wiese von Neureut mit abgeschotteten Büros, sondern man ist mittendrin bei den Zeitungslesern und den Informationsgebern. Kein Wunder, dass dieser Ortswechsel einhellig begrüßt wird, vom Oberbürgermeister Frank Mentrup bis zum Eventmanager Martin Wacker.


Die wechselvolle Geschichte der BNN

Die Geschichte der BNN ist typisch für viele Zeitungsgründungen nach dem 2. Weltkrieg, weist aber einige Besonderheiten auf, die durchaus berichtenswert sind. Im März 1946 erhielt das CDU-Mitglied Wilhelm Baur von der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz zur Herausgabe der BNN. Damals wurde auch das Verlagsgebäude in die Lammstraße verlegt. Nach dem Tod seines Onkels Wilhelm (1973) wurde Hans Wilhelm Baur (1926 - 2015) Verleger des Blattes. In diese Zeit fiel auch die Entscheidung zum Umzug nach Neureut. Ursächlich war der Platzbedarf für die riesige, kurz vorher beschaffte Rotationspresse. Der Umzug der gesamten Redaktion wurde zusätzlich getroffen.

Seit Mai 2005 ist der bisherige Chefredakteur Klaus Michael Willimek auch Herausgeber und Geschäftsführer der BNN. Willimek wurde kurz vorher von seinem Onkel, dem Verleger Hans Wilhelm Baur adoptiert. Gegenwärtig figuriert Klaus Michael Baur im Impressum der BNN als Verleger, Herausgeber und Chefredakteur. Mehr geht kaum!

Die BNN gehört einer Stiftung, die nach dem Zeitungsgründer Wilhelm Baur benannt ist. Sie soll die Unabhängigkeit des Blattes garantieren. Die Ausschüttungsbeträge dieser Stiftung fließen unter anderem einem Mehrgenerationenhaus zu, das den Namen der 2004 verstorbenen Verlegersgattin Brunhild Baur trägt. Das Haus ist Teil des Verlagsgebäude in Neureut und wird gut geführt.




Zeitung machen und verkaufen: ein mühsames Geschäft

Die BNN ist die einzige Tageszeitung im Stadt- und Landkreis Karlsruhe, weswegen sie manchmal, leicht ironisch, als Monopolzeitung bezeichnet wird. Die verkaufte Auflage beträgt rd. 100.000 Exemplare, die Redaktion besteht aus ca. 90 Mitarbeitern. Während der vergangenen 20 Jahren ist die Auflage um ca. 30 Prozent abgesunken. (Immer wenn ein älterer Leser stirbt, reduziert sich die Zahl der Abonnenten sozusagen um die gleiche Einheit.). Die Jugend bezieht ihre Informationen fast ausschließlich über Smartphone aus dem Internet. Am Impressum der BNN erkennt man, dass auch die Anzahl der Redakteure schwindet; Ruheständler werden kaum adäquat ersetzt. In den letzten Jahren ist das Blatt, dem Zeitgeist entsprechend, erkennbar nach links gerückt. Möglicherweise hat man dadurch einige (grün-rote) Leser hinzugewonnen, vermutlich aber auch fast eben so viele konservative verloren.

Die BNN betreibt neun Lokalausgaben. Der Mantel (und damit der überregionale politische Teil) ist identisch. Die Lokalausgaben erscheinen unter anderem in Baden-Baden, Pforzheim, Bühl und Bruchsal. Die Jagd nach exklusiven Geschichten, den sogenannten "Scoops", hat die BNN weitgehend aufgegeben. Früher berichtete sie (als Erste) über angeblich schlechte Arbeitsbedingungen beim Discounter "Lidl" und musste durch kostspielige Prozesse und rückgehende Werbeeinnahmen teures Lehrgeld bezahlen. Ein weiterer Scoop war zweifelsohne die Exklusivmeldung über eine "Steuerfahndung im Hause Steffi Graf". Leider geschah dies im zeitlichen Umfeld des French Open Tennisturniers, was der BNN wenig Sympathie bei den badischen  Tennisfreunden einbrachte. Inzwischen konzentriert sich die Redaktion auf Sondermeldungen bei den diversen Karlsruher Bauprojekten. Allerdings gehören dort Termin- und Kostenüberschreitungen zum Alltag und beunruhigen die Leserschaft kaum sonderlich.

Beim Promi-Empfang anlässlich der Rückkehr der Lokalredaktion schlug der Leiter des ZKM-Museums, Peter Weibel, vor, dass die Abkürzung BNN künftig für BürgerNahe Nachrichten stehen solle. Ein kleiner Gag, der beim Zeitungschef Klaus Michael Baur indes gut ankam.


Dienstag, 14. Mai 2019

Die EnBW: arm, aber grün

Die "Energie Baden Württemberg AG" - abgekürzt: EnBW - gehört zu den fünf größten deutschen Energieversorgungsunternehmen (EVU), nach den traditionellen Riesen RWE und Eon, sowie den Newcomern Uniper und Innogy. Die genaue Reihenfolge ist schwer festzulegen, da die thematische Auslegung dieser Unternehmen häufig wechselt. Was die EnBW von ihren Konkurrenten jedoch klar unterscheidet ist, dass dieses EVU praktisch in Gänze dem Land Baden-Württemberg und seinen Kommunen gehört - ausgenommen die 0,39 Prozent "freier Aktionäre", wozu sich der Schreiber dieses Blogs rechnen darf. Dies ist eine kleine und elitäre Schar, welche auf die Geschäftspolitik der AG indes nur marginalen Einfluss hat.

Denn die EnBW geriert sich gern als "grünes EVU", seit der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann als Ministerpräsident im "Ländle" das Sagen hat. Das sind immerhin (seit Mai 2011) schon acht Jahre, die sich bei der nächsten Landeswahl nochmals verlängern könnten. Kretschmann und seine Mannen (wie der Vorstandsvorsitzende Frank Mastiaux) sorgen schon dafür, dass nichts anbrennt und der eingeschlagene grüne Energiekurs beibehalten bleibt. Dies gilt insbesondere für die Fokussierung der Stromerzeugung auf Wind und Sonne - egal zu welchem Preis!


Dr. Frank Mastiaux (55), CEO bei EnBW seit 2012


Fragile Finanzsituation

Die Finanzzahlen, welche im EnBW-Geschäftsbericht 2018 und bei der kürzlichen Hauptversammlung präsentiert wurden, waren nicht berauschend. Der Außenumsatz des Konzerns  ging zwischen 2018 und dem Vorjahr um 6,2 Prozent zurück. Das beeinträchtigte den betrieblichen Rohgewinn EBIT (englisch: Earnings bevor Interest and Taxes), der um satte 65 Prozent im Berichtsjahr 2018 absackte. Auch der Cashflow, die Geldmenge, welche dem Unternehmen für Dividenden und zur Tilgung von Fremdkapital zur Verfügung steht, schrumpfte in Jahresfrist um 67 Prozent. Entsprechend erhöhten sich die Nettoschulden um 28 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro. Der Konzernüberschuss ging um 83 Prozent auf 334 Millionen Euro zurück;  daraus wurde noch eine Mager- Dividende von 65 Cent bezahlt.

Kein Wunder, dass der Finanzchef Thomas Kusterer (pardon, heißt bei EnBW: Chief Financial Officer) frisches Geld beschaffen musste. Dank der guten Finanzlage des Großaktionärs Baden-Württemberg war dies kein großes Problem. Kusterer platzierte die Anleihe als sogenannte "Grüne Anleihe" und versprach, sie fast ausschließlich zur Finanzierung von Projekten im Bereich der Erneuerbaren Energien zu verwenden. Der Landesvater war (vermutlich) zufrieden.

Kritischer wird die Situation wohl werden, wenn alle Kernkraftwerke der EnBW aus (politischen Gründen) abgeschaltet sein werden. Für KWO, KKP 1 und GKN I ist dies bereits der Fall; die großen "Gelddruckmaschinen" KKP 2 und GKN II mit einer Gesamtleistung von fast 3.000 Megawatt müssen Ende 2019 beziehungsweise 2022 stillgelegt werden. Das wird den Stromerzeugungsmix der EnBW stark negativ beeinflussen, insbesondere, weil dann auch noch die Braunkohle und Steinkohle (mit 4.366 MW) partiell zur Abschaltung anstehen. Denn: Wind und Sonne trägt bislang erst mit knapp 1.200 MW zum Erzeugungsportfolio bei.


Ladestationen für Elektroautos

Die EnBW beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Bau von Ladestationen für die E-Mobile. Im Berichtsjahr 2018 beschleunigte sich diese Tätigkeit, weil das Unternehmen zum Konsortialführer für das Landesförderprogramm SAFE ausgewählt wurde. SAFE ist ein Verbund von 74 Stadtwerken und drei Kommunen, die dem Elektroauto durch Verbesserung der Infrastruktur zum Durchbruch verhelfen soll. Bis September 2019 sollen "flächendeckend" 154 moderne Ladestationen entstehen, wobei in einem Raster von 10 mal 10 Kilometer mindestens eine Tankstelle mit einer Leistung von 22 Kilowatt zu finden sein soll. Und in einem Raster von 20 mal 20 Kilometern soll mindestens eine "Schnelladesäule" gebaut werden. Das Nachladen für 100 Kilometer soll dort nur sieben Minuten dauern. Gleichzeitig will man das immer noch chaotische Steckersystem vereinfachen, welches derzeit unter so eingängigen Namen wie Combo (CCS), Menekes (Typ 2) oder CHAdeMO anzutreffen ist. Schließlich will man sich um die Vereinheitlichung der Bezahlungssysteme bemühen, von denen fast jeder Ladesäulenbetreiber sein eigenes hat.

Das größte Problem ist die Standortsuche für die geplanten Schnellladesäulen. Momentan bevorzugt man zentrale Orte, die man ohnehin ein Mal pro Woche aufsucht. Das sind unter anderem Fitnesstudios und Supermärkte. Wegen der großen Zahl der Bauaufträge kommt es immer wieder zu Engpässen bei den Tiefbauunternehmen und den Handwerkern. Ein weiteres Problem stellen die Miethäuser dar, welche nicht auf hohe Stromentnahmen eingerichtet sind. Derzeit gibt es in ganz Deutschland 17.400 E-Tankstellen aller Art, davon befinden sich 2.560 in Baden-Württemberg. Fast zu viele für die 83.000 Elektroautos in Deutschland und den 16.400 im Land B-W. Befragungen ergaben allerdings immer wieder, dass die "Angst liegen zu bleiben", also die sogenannte "Reichweitenangst"das Hauptargument der Menschen gegen den Kauf von E.Mobilen ist. Nicht problematisch wäre der von der Bundesregierung geplante Betrieb von einer Million Elektroautos im Jahr 2022. Der zusätzliche Strombedarf läge nur bei 0,5 Prozent und wäre von den EVU locker zu bewerkstelligen.


Die Beschaffung der Kohle.

Die Kohle für ihre Steinkohlekraftwerke (insgesamt ca. 4,5 Millionen Tonnen) bezog die EnBW im wesentlichen aus Russland (2,7 Mio t), USA (0,76) und Kolumbien (0,92). Im vergangenen Jahr 2018 verzichtete die EnBW auf den Lieferanten Kolumbien. Damit gab es auch keinen Anlass mehr zum Auftritt von farbenfroh gekleideten Angehörigen der indigenen Völker ("Südamerika-Indianer"), die in den Vorjahren oft bewegte Klage über die miserablen Arbeitsbedingungen in den Bergbauminen führten. Allerdings hörte man bei der Hauptversammlung in den Gängen, dass diese Bergleute nun zum Teil ihren Job verloren haben, weil die Minenbesitzer ihre schmutzige Kohle jetzt zu den Chinesen liefern, die bezüglich Umweltschutz viel weniger nerven als die Deutschen.

Die US-amerikanische Kohle stammt fast ausschließlich aus Untertagebauen im Illinois Basin und den nördlichen Appelachen. "Mountaintop Removal Mining" heißt diese brutalste Technik zum Kohleabbau. In den Appelachen roden die Grubenbesitzer ganze Berggipfel. Dabei sprengen sie die Kuppen ab, bis sie an die darunter liegenden Flöze gelangen. Diese Methode ist billiger, als der aufwendigere Abbau unter Tage; 500 Berggipfel sind in den Appelachen bereits weggesprengt. Dafür werden intakte Ökosysteme in Mondlandschaften verwandelt.

Die meiste Kohle, die russische Bergbauunternehmen nach Deutschland liefern, hat einen sehr weiten Weg hinter sich. Sie stammt zumeist aus dem sibirischen Kusnezkow Becken und wird mit Güterzügen mehr als 4.000 Kilometer weit bis in die Nähe von Sankt Petersburg gefahren. Von dort gelangt sie per Schiff in den Hamburger Hafen. Berücksichtigt man die langen Transportwege von Sibirien zu den deutschen Kohlekraftwerken, so ist die (integrierte) CO2-Emission für die Russenkohle wohl kaum geringer als bei einem deutschen Braunkohlekraftwerk dessen Tagebau direkt in der Nähe liegt.


Die Managergehälter

Die Aufsichtsräte und Vorstandsmitglieder werden bei der EnBW zwar nicht direkt zu Millionären, müssen aber auch nicht hungern. So löhnt der Vorsitzende des elitären Aufsichtsgremiums, der Unternehmensberater Lutz Feldmann, für seine Teilzeitbetätigung immerhin noch 110.750 Euro pro anno; seine ihm zuarbeitende Rätin Gunda Röstel 64.000. Für Frau Röstel aus Flöhe ist dies gewissermaßen ein Zubrot, denn in ihrem Hauptberuf ist sie noch Kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH und Prokuristin der Gelsenwasser AG. Außerdem versieht Gunda noch vier weitere Aufsichtsmandate, hoffentlich nicht gratis. Das alles schafft ein gewisses Grundeinkommen für die frühere Vorsitzende der Partei der Grünen, als sie sich für die Segnungen des Kapitalismus kaum erkennbar eingesetzt hat.

Der Hauptverdiener im Vorstand ist - wie es richtigerweise sein soll - der Vorsitzende Frank Mastiaux. Er verdiente im Jahr 2018 insgesamt 3.008.608 Euro,  seine (derzeit noch) vier Vorstandsmitglieder Beck, Kusterer und Zimmer zwischen ca. 1,6 und 1,8 Mio Euro. Es fällt auf, dass dem CEO Mastiaux im Vergleich zu 2017 das Gehalt um fast 300.000 Euro gekürzt wurde, während die genannten Kollegen im Schnitt einen Zuschlag von 200.000 Euro erhielten. Da stellt sich doch die Frage, was der Chef im vergangenen Jahr "verbockt" hat. Aus dem Geschäftsbericht ist dies für den Laien nicht erkennbar. Es gibt dort zwar eine Grafik für die Zielvergütung der Vorstände, aber diese ist hochkomplex, da sie aus nicht weniger als 11 Parametern besteht. Welche Einflussgrößen dem Chef zum Verhängnis wurde, ist nicht erkennbar.

Nun, Dr. Frank Mastiaux wird, bei einiger Einschränkung, auch mit 3 Millionen auskommen. Er steht damit in einer Reihe mit seinem Kollegen , dem RWE-Vorstandsvorsitzenden Rolf Martin Schmitz, den die Gesellschafter (vermutlich) für das ungeschickte Management um die Tumulte beim Hambacher Forst abstraften.

Da hat es der Chef-Kollege von E.ON, Johannes Teyssen, schon besser getroffen. Er dirigierte 2018  sein Unternehmen sorgsam durch alle Untiefen und wurde dafür mit einem Salär von 6,7 Millionen Euro belohnt.

Montag, 13. Mai 2019

Das Ende der Kaderschmiede ENA

Wer in Frankreich eine Karriere anstrebt, die ihm eine ranghohe Position in Politik, Verwaltung oder Wirtschaft (nahezu) garantiert, für den (oder: die) gibt es einen Ausbildungskanon. Idealerweise besucht man die Gymnasien Louis le Grand oder Henri IV in Paris, studiert anschließend Sciences Po oder an der Ecole Polytechnique und qualifiziert sich dann im Wettbewerb für die Aufnahme an der Verwaltungshochschule École National d´Administration, bekannt unter dem Akronym ENA. Zwar schaffen nur zwei Prozent der ENA-Absolventen eine politische Karriere, aber:
darunter ist die Hälfte der französischen Präsidenten der V. Republik.


Die ENA - ein Fahrstuhl nach oben

Die École National d´Administration (deutsch: Nationale Hochschule für Verwaltung) ist eine Grande École, die traditionell die Elite der französischen Verwaltungsbeamten ausbildet. Sie wurde am 9. Oktober 1945 von Charles de Gaulle ins Leben gerufen, um den Aufbau einer von der Vichy-Vergangenheit unbelasteten Verwaltung zu ermöglichen. Der Standort der Hochschule war zunächst Paris; 1992 wurde sie teilweise, 2005 in Gänze nach Straßburg in das ehemalige Kloster Sainte Marguerite verlegt. In einem strengen Auswahlverfahren werden jährlich ca. 100 bis 120 Kandidaten zum zweijährigen Studium an der ENA zugelassen, wovon allerdings nur 6 Prozent der Arbeiterklasse entstammen. Im Verlaufe des gut 70-jährigen Bestehens der Schule hat die ENA ca. 7.000 Absolventen hervorgebracht. Das Curriculum sieht unter anderem Vorlesungen in Recht und Wirtschaft vor, sowie die Vermittlung von Verwaltungs- und Verhandlungstechniken.


Prominente ENA-Absolventen

Die besten ENA-Absolventen werden anschließend Inspecteur des Finances bevor sie in Spitzenpositionen der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung wechseln. An der Spitze der großen französischen Wirtschaftsunternehmen stehen fast ausschließlich ENA-Absolventen. Das unterscheidet sie von deutschen Unternehmen, wo die Unterschiede zwischen dem Vorstandssprecher meist ähnlich gering sind, wie die zur nächsten oder übernächsten Führungsebene. Der wesentliche Auswahlprozess findet bei diesem "Fahrstuhl in die oberste Führungsetage" schon bei der oben genannten Zulassung statt. Wer einmal diesen Numerus Clausus geschafft hat und innerhalb seines Jahrgangs nicht allzu schlecht abschneidet, dessen berufliche Zukunft ist für die nächsten Jahrzehnte gesichert.

Unter den Enarchen, (ein Spottwort für die ENA-Absolventen im Anklang an die Monarchen früherer Zeiten)) ist "Netzwerken", also das gegenseitige Hochhieven in Führungspositionen, angesagt und wird auch mit Inbrunst betrieben. Ein gutes Beispiel dafür ist der aktuelle französische Staatspräsident Emmanuel Macron. Er war ENA-Absolvent des Jahrgangs 2004, nach der ENA-Klassifikation in der "Promotion Léopold Senghor". Nach seiner Ernennung hat er umgehend die beiden Enarchen Éduard Philippe und Bruno le Maire zum Premierminister bzw. zum Finanzminister befördert.  Weitere einflussreiche Enarchen im Umfeld von Macron sind der Gouverneur der Banque de France, die Direktorin des Radiosenders Radio France, der Präsident des Verfassungsrats und der Chef der Großbank Société Generale. In keinem anderen europäischen Land lässt sich die Führungselite in Politik, Wirtschaft und Verwaltung so einfach mit drei Buchstaben beschreiben.

Historisch interessant ist, dass fast zeitgleich mit der Gründung  der ENA in Paris, im Sommer 1946 die französische Militärregierung in ihren Besatzungsgebiet die Entscheidung zu Gründung einer "École Supérieure d ´Administration" in Speyer traf. Die Besatzungsmacht betrachteten dies als Teil eines "Umerziehungsprozesses", der vor allem gegen das Land "Preußen" gerichtet war. Ostelbische Beamte, besonders die Juristen, galten als Hauptstützen von Hitlers Nationalsozialismus. Die 1:1-Übernahme der ENA-Kriterien gestaltete sich jedoch schwierig bis unmöglich, sodass es erst am 11. Januar 1947 zur offiziellen Gründung die Hochschule kam - unter der (jetzigen) Bezeichnung "Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer". Auch im Lehrplan gingen die Speyerer ihren eigenen Weg. Sie wollten keine "kleine ENA" sein, sondern in der Tradition der deutschen Universitäten stehen. Typisch dafür waren Vorlesungen im öffentlichen Rechnungswesen, wo der spätere Rektor Klaus Lüder innovative Wege zu ihrer Reform auf kommunaler Ebene aufzeigte.


Die Abschaffung der "Enarchie"

Die ENA sollte ehedem den Filz und die Seilschaften in der Staatselite beenden. Denn zuvor entschied jedes Ministerium selbst, wen es einstellen wollte. Das führte dazu, dass Franzosen ohne "Beziehungen" fast chancenlos waren, einen hohen Verwaltungsposten zu besetzen. Mit dem - formal - allen zugänglichen Auswahlverfahren der ENA sollte eine Art demokratisch legitimierter "Staatsadel" herangebildet werden. Damit war man in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg ziemlich erfolgreich. Später jedoch degenerierte die ENA zur Brutstätte einer abgehobenen politischen Führungskaste. Ihre Vertreter mussten Schmähungen wie "Mandarine der Republik" hinnehmen.

Und das keineswegs zu Unrecht. Denn die Enarchen benahmen sich - insbesondere in der Provinz - oftmals wie kleine Könige, um nicht zu sagen wie "Sonnenkönige". So stand nicht selten schon beim offiziellen Besuch eines bloßen Staatssekretärs der Präfekt der Region in Uniform am Flughafen oder Bahnhof stramm zur Abholung des "hohen Gastes" bereit und begleitete diesen mit einer laut lärmenden Motorradkavalkade zur Provinzkapitale. Alle Straßenkreuzungen waren gesperrt und die "Normalsterblichen" mussten in ihren Autos warten.

Es war deshalb kein Wunder, dass man in den "Beschwerdebüchern", die Macron zur Vorbereitung seiner Rede an die Nation in allen Rathäusern auslegen ließ,  überall die Forderung "ENA abschaffen" lesen konnte. Insbesondere die "Gelbwesten" hatten sich auf dieses Thema kapriziert und der Präsident konnte nicht umhin, eine harte Entscheidung zu treffen. In dieser Zwangslage entschloss er sich, die Elitehochschule in Straßburg zu schließen - gegen den heftigen Widerstand fast aller Betroffenen.
Ob die Abschaffung der ENA die französische Verwaltung und Wirtschaft stärken oder schwächen wird, bleibt abzuwarten. Verändern wird sie sie auf jedem Fall. 

Montag, 22. April 2019

Deutschlands Spitzenmanager - oh Jammer!


Mit der deutschen Wirtschaft geht es derzeit steil bergab. Vor einem Jahr lag unser Wirtschaftswachstum noch bei 2,5 Prozent, nun ist es auf 0,5 Prozent abgesackt - mit Tendenz nach unten, vielleicht sogar in die Rezession. Demgegenüber liegt der gleiche Koeffizient in den USA bei nahezu 3 Prozent. Einer der Gründe dafür ist, dass in Amerika in den letzten zehn Jahren eine neue technologiegetriebene Industriebranche entstanden ist, die Arbeitsplätze, Umsatz und Gewinne in reichem Maße generiert. Dafür stehen die Namen Apple, Amazon, Google, Facebook, Microsoft, Tesla, Uber, Airbnb,  Netflix und viele weitere. Allein die Unternehmen Apple und Amazon produzieren jährlich einen Umsatz von je ca. 250 Milliarden Dollar, bei mindestens 10 Prozent Gewinn, der dank weltweiter Steueroasen weitgehend in die USA zurückfließt.

Demgegenüber hat Deutschland auf diesem modernem Technologiebereich wenig vorzuweisen. Die Zeiten von Zuse, Nixdorf und Steinbuch sind lange her. Diese Vorkämpfer der Informationstechnologie haben kaum Nachfolger gefunden. Stattdessen verharrt Deutschland noch weitgehend in der Tonnentechnologie (Chemie!), im Sparkassendenken (Banken) und im klassischen Maschinenbau (Autos). Leider kommen unsere Spitzenmanager auch damit oft nicht zurecht, wie im folgenden Blog beschrieben wird.


Am Beispiel Bayer AG


Werner Baumann, (56), gebürtiger Krefelder und studierter Betriebswirt, wurde am 1. Mai 2016 Vorstandsvorsitzender der deutschen Vorzeigefirma Bayer AG. Sein Ziehvater, der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning, beförderte diese Karriere, weil Baumann als Finanzchef des Bayer-Konzerns zu erkennen gab, dass er den Kauf des US-Unternehmens und Herbizidherstellers Monsanto auf die Hörner nehmen würde. (Dafür musste Baumanns Vorgänger, der Holländer Marijn Deckers (61) zwei Jahre früher in Rente gehen.). Baumann lieferte prompt im Sinn seines Chefs indem er die Monsanto-Akquisition am 7, Juni 2016 zum Preis von 56 Milliarden Euro vollzog. Nur fünf Wochen später verurteilten zwei US-Gerichte in Kalifornien die Firma Bayer und ihre neue Tochter Monsanto zur Zahlung von 289 Millionen Dollar. Zwei Kläger, die an Krebs erkrankt waren - angeblich weil sie jahrelang das Unkrautvernichtungsmittel "Glyphosat" (in den USA vertrieben unter dem Namen "Roundup") nutzten - erstritten diese gigantische Summe. Mehr als weitere 11.000 ähnliche Fälle, oft angetrieben von klagegierigen Anwaltskanzleien, liegen derzeit noch bei US-Gerichten. Im Gefolge dieser Gerichtsprozesse fiel der Börsenkurs der Bayer-Aktie von 99 Euro (am 7. Juni 2016) auf 61 Euro (21. März 2919), also um fast 40 Prozent.

Hat sich Bayer mit Monsanto den Tod ins Haus geholt? Vernichtet das Glyphosat am Ende die eigentlich kerngesunde Bayer AG? Mit jedem weiteren finanziellen Rückschlag wächst die Gefahr, dass agile Aktienfonds Unternehmensteile von Bayer aufkaufen und damit den Traditionskonzern zerschlagen, um seine Einzelteile mit Gewinn zu verkaufen. Bei der turnusmäßigen Aktionärsversammlung am 26. April 2019 ist viel Turbulenz zu erwarten. Sogenannte kritische Aktionäre werfen Baumann vor, dass er die Risiken des Monsanto-Deals nicht richtig eingeschätzt habe und auch zu geringe Prozessrückstellungen getroffen habe. Deshalb müssten in einer plötzlichen "Sparaktion" in Deutschland 4.500 Personalstellen gestrichen werden, global sogar 12.000. Auch habe Baumann die negativen Gutachten der Weltgesundheitsorganisation weitgehend ignoriert. Und - ganz wichtig - habe er übersehen, dass die "Gesellschaft" in der großen Mehrheit dem Herbizit Glyphosat/Roundup sehr negativ gegenüberstehe. Man denke nur an das kürzliche Volksbegehren in Bayern, wo 1,7 Millionen Menschen den Aufruf "Rettet die Bienen" unterschrieben hätten.


Am Beispiel Deutsche Bank AG

Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank (DB) von 2002 bis 2012 war ein Charmeur und Blender gleichermaßen. Unter dem Victory-Zeichen verkündete er ein Renditeziel von 25 Prozent, fuhr aber meist nur Milliardenverluste ein. Die Investmentabteilung residierte nicht in Frankfurt, sondern in der weitaus kostspieligeren  Londoner City, wo die Manager gerne Hotels für mehrere Tausend Euro pro Nacht buchten. Eine einzige Abteilung verprasste dort in einem Jahr 22 Millionen Euro an Spesen! Ein angestellter Banker (Christian Bittar) manipulierte sogar den Referenzzinssatz "Libor". Zusammen mit windigen Hypothekengeschäften in den USA verschob die Deutsche Bank illegalerweise hohe Summen in allerlei Steueroasen. Die amerikanischen Aufsichtsbehörden sanktionierten diese "Geschäfte" mit milliardenhohen Strafzahlungen. Ackermanns Vorgänger, Rolf Breuer, äußerte sich sogar öffentlich kritisch zur Kreditwürdigkeit des Bankkunden und Medienzar Leo Kirch. Der Unternehmer klagte und die Deutsche Bank musste 975 Millionen Strafe zahlen für eine Untat, die keinem Banklehrling hätte unterlaufen dürfen.

Am 8. April 2018 wurde der in Bünde (NRW) geborene Christian Sewing für ein Jahresgehalt von 7 Millionen Euro zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank ernannt. Sewing absolvierte nach dem Abitur 1989 eine duale Berufsausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank, die er 1991 mit einem Abschluss bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) beendete. Auch er konnte den Niedergang der einstigen deutschen Vorzeigebank nicht aufhalten. Unter ihm und seinen Vorgängern fiel der Aktienkurs der DB von 100 auf (derzeit) 7,5 Euro. Der Börsenwert reduzierte sich analog. Aus einem globalen Player ist die Deutsche Bank zu einem  Regionalinstitut geworden, das zu den Kleineren in Europa zählt und mit dem Aufkauf rechnen müsste, wenn sie nicht zur Abschreckung noch einige kostenträchtige Leichen im Keller hätte. Diese triste Lage bringt einige deutsche Politiker auf die Idee, die Deutsche Bank mit der ähnlich finanzschwachen Commerzbank zu fusionieren. Ein Lahmer soll also einen Blinden stützen. Allerdings: selten war das Verhältnis der Börsenwerte so günstig für einen Zusammenschluss. Die DB bringt 15 Milliarden Euro auf die Waage, die Commerzbank 9 Milliarden. Momentan wird - unter strenger Geheimhaltung - über eine Fusion verhandelt. Alles ist noch im Fluss, allerdings würde es wohl zur Entlassung mehrerer zehntausend Beschäftigter kommen. Wait and see!


Am Beispiel VW AG

Martin Winterkorn, promovierter Metallphysiker, Ehrenprofessor und vielfacher Ehrendoktor war vom Januar 2007 bis zum September 2015 Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG - wusste aber von nix. Vor allem war ihm die in seine Amtszeit fallende Dieselaffäre völlig unbekannt geblieben. Kein Wunder, beschäftigte er sich doch vorwiegend mit der Überprüfung der Spaltmaße an seinen VW-Modellen. Das Sollmaß von 3,5 Millimeter zwischen Karosserie und Autotür war gewissermaßen ein Gesetz, dessen Einhaltung er eisern verfolgte. Was tief unten, in der Motorenentwicklung geschah, interessierte ihn wenig bis gar nicht. Insbesondere, dass dort irgendwelche verantwortungslose Gesellen eine Schummel-Software entwickelten und einbauten, welche die Abgaswerte auf den TÜV-Prüfständen verminderten, kam ihm nie zu Ohren. Trotzdem trat Winterkorn, Ehrenmann der er war, am 23. September - als die cleveren Amerikaner diesen Abgasschwindel längst entdeckt hatten -  "freiwillig" als CEO der Volkswagen  AG zurück und schaut seitdem in seiner Villa in München-Bogenhausen den Bäumen beim Wachsen zu. Als Topmanager, der früher in einer Woche drei Kontinente abflog, fürchtet er nun bei Auslandsreisen
den längst ergangenen US-Haftbefehl. Nicht einmal nach Österreich getraut er sich zu fahren, denn man weiß ja nie was diese Austro-Schlawiner... Freilich die dreißig Millionen Euro Abfindung bei seinem Ausscheiden nahm er noch mit.



Martin Winterkorn: bald im Knast?

In Wolfsburg ging das Leben weiter, wenn auch in anderer Weise und mit anderem Personal. Winterkorns Nachfolger wurde der Maschinenbauer Dr. Herbert Diess, der bis dato den Einkauf bei BMW verwaltete. Diess merkte bald, dass er gegen die rigiden Schadensersatzforderungen der amerikanischen Justiz- und Umweltbehörden nicht ankam und erklärte sich zwischen 2015 und 2017 bereit, die gigantische Summe von 28 Milliarden Euro (nicht: Millionen!) als Schadensersatz an die dortigen Dieselbesitzer und Behörden zu zahlen. Aber das war noch nicht alles. VW musste auch einen "Aufpasser" akzeptieren, der als sogenannter Monitor ein Ethik- und Compliance-Programm
beim Konzern einrichtet, das in Zukunft Betrug und Verstöße gegen die Umweltgesetze verhindern soll. Chef ist der ranghohe ehemalige US-Vizejustizminister Larry Thompson, der für (mindestens) drei Jahre bei VW ein- und ausgehen darf und das Recht hat alle Unterlagen einzusehen. In einem Autoreich mit 600.000 Beschäftigten und zwölf Marken, die in 153 Ländern verkauft werden!

Inzwischen wachten auch die deutschen Justizbehörden auf, denen lange Zeit Saumseligkeit vorgeworfen worden war. Nach mehr als dreijährigen Ermittlungen im Dieselskandal muss sich Martin Winterkorn demnächst vor Gericht verantworten. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft legte dem Landgericht Braunschweig neben einer fast 700-seitigen Klageschrift rund 300 Aktenordner mit weiteren 75.000 Seiten vor, die jetzt durch die 6. Wirtschaftskammer zu prüfen sind. Mit einem Prozess ist frühestens im Jahr 2020 zu rechnen. Für Winterkorn kann dieses Verfahren hochgefährlich werden. Denn in Unterlagen aus dem Jahr 2014 - als er noch im Amt war - geht eindeutig hervor, dass ihn seine Mitarbeiter auf den Abgasschwindel aufmerksam gemacht haben. Sollte das Gericht diesen Nachweis anerkennen, dann drohen dem ehemaligen Topmanager (maximal) 11 Millionen Euro Geldstrafe und 10 Jahre Haft. Was das Unternehmen VW betrifft, so ist eine Äußerung des Aufpassers Larry Thompson interessant. In einen Spiegel-Interview sagte er ungeschminkt:
Einen weiteren Dieselskandal wird Volkswagen nicht überleben".


Nachschlag

In den letzten Wochen kommen besorgniserregende Meldungen aus Stuttgart. Der Premiumhersteller Daimler AG steht im Verdacht, bei seinem Geländewagen GLK 220 eine verbotene Abschalteinrichtung eingebaut zu haben, die für saubere Werte auf dem Prüfstand, aber dreckige Luft in der Stadt sorgt. Daimler hat auf diesem Gebiet immer eine "weiße Weste" reklamiert, aber wer von den Außenstehenden will das heute noch beschwören? Schönreden gehört in der Automobilbranche seit langem zum Geschäftsmodell. Angaben zum Spritverbrauch, beispielsweise, glaubt schon lange niemand mehr.


Auch bei Bosch, weltweit der größte Zulieferer für Autoelektronik, rumort es. Volkmar Denner, der Geschäftsführer der Bosch GmbH, vermeidet es seit Jahren in die USA zu fahren, obwohl dort, im Silicon Valley, eine seiner größten Fabriken platziert ist. Hat er Angst, mit dem Dieselskandal in Verbindung gebracht und dort eingelocht zu werden?---Nach Medienberichten (ZEIT 15/2019) hat einer der Boschingenieure im Abgasbereich, namens Karsten von Bruch, bereits 2015 hausintern vor dem Schwindel in der Dieselabgasreinigung gewarnt. Und damit gegen ein ehernes Gesetz bei Bosch verstoßen, das da heißt:
"Halt dei Gosch, i schaff bei Bosch"
Der Mitarbeiter wurde für sein Verhalten sanktioniert und erhielt die Kündigung seiner Firma.
Heute arbeitet er als Rettungssanitäter beim Malteser Hilfsdienst. Womit sich die Gültigkeit des zweiten Bosch-Gesetzes erwies, das lautet:
"Hädsch dei Gosch ghalda,
hädd di dr Bosch bhalda"

Sonntag, 14. April 2019

Die Neue Chinesische Seidenstraße - ein Trojanisches Pferd ?

Es ist noch keine vier Wochen her, da präsentierte sich die Stadt Rom in ungewohnter Weise aufgeräumt und proper wie seit Jahren nicht mehr. Keine Abfallberge waren in den Straßen zu sehen und um die weltberühmten Bauten floss der Verkehr ungehemmt und zügig, da er von den Behörden entsprechend ausgedünnt war. Der Grund:  Xi Jinping, der mächtige Präsident von China (samt seiner liebreizenden Gattin Peng Liyuan) hatten sich zum Staatsbesuch in der römischen Hauptstadt angesagt, um weitreichende Wirtschaftsverträge zu unterzeichnen, welche das EU-Mitglied Italien auch zum Mitglied der sogenannten Neuen Chinesischen Seidenstraße machen sollte.

"Elegantissima" war auch im römischen Quirinalspalast angesagt, dem Amtssitz des italienischen Präsidenten. Der Hausherr Matarella empfing die weitgereisten Gäste mit vollem protokollarischem Zeremoniell, einschließlich der Ehrengarde zu Pferd, die gewöhnlich nur zu Königsbesuchen und zuletzt 2010 aus Anlass des Besuchs des damaligen Papstes Benedikt XVI zum Einsatz kam. (Der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde diese Ehre nie zuteil). Beim abendlichen Empfang der mitgereisten 300 Wirtschaftsgrößen trat der Startenor Andrea Bocelli auf und unterhielt die Gäste mit Bravourarien wie Schuberts "Ave Maria" und Puccinis "Nessun Dorma". Unter ihnen befand sich der 27-jährige Milliardär Zhang Kangyang, seit drei Jahren Eigentümer des traditionsreichen italienischen Fußballclubs Inter Mailand.


Italien und China spalten die Europäische Union

Derzeit findet die sogenannte 16+1 - Wirtschaftskonferenz in Dubrovnik statt. Für das kleine Land Kroatien ist dies ein herausragendes Ereignis. Über 1.000 Unternehmer aus China und 16 weiteren mittel- und osteuropäischen Staaten sind unter der Führung des chinesischen Ministerpräsidenten Li Kepiang zusammengekommen, um vor allem Infrastrukturprojekte, wie Straßen, Brücken und Häfen, zu besprechen. In Kroatien geht es beispielsweise um die Peljesac-Brücke im Süden des Landes, ein Vorhaben, das insgesamt mehr als eine halbe Milliarde Euro kostet und zum Teil von den Chinesen finanziert werden soll. Aber nicht umsonst: diese Kredite müssen ( nicht wie zumeist aus Brüssel) haarklein zurückbezahlt werden.  Außerdem werden die Bauarbeiter zu Tausenden aus China eingeflogen und schaffen dadurch keine regionalen Arbeitsplätze. Beschäftigt werden fast nur chinesische Firmen mit eigenen Arbeitern. Die Schuldenfalle ist vorprogrammiert. Ohnehin verschuldete Staaten geraten so in noch größere Abhängigkeit. Die vorherige Erkundigung bei einigen asiatischen und afrikanischen Staaten wäre lohnend.
Fazit:  der 16+1 - Prozess ist ein Spalterformat nach dem Motto:  teile und herrsche.

Noch kritischer ist der Beitritt Italiens zur Seidenstraße zu bewerten. Hier handelt es sich erstmals um ein G7- Mitglied, also um ein (vormals!) wirtschaftsstarkes Land. Inzwischen haben teure Wahlgeschenke, wie Bürgergeld, Frührente und Einheitssteuersatz (ohne jegliche Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen) das Land Italien an den Rand der Pleite gebracht. Beim oben beschriebenen Besuch bot Italien den Chinesen nicht nur wirtschaftliche Gelegenheiten im eigenen Land, sondern sogar (indirekt) in ganz Europa. Nur mit italienischen Offerten für Investitionen und Exporte nach China wäre Peking sicherlich nicht zufrieden gewesen. Stattdessen will China in Italien eine logistische Plattform schaffen, um von dort aus günstig gelegene Häfen in ganz Europa mit chinesischen Produkten zu versorgen. Gemessen an diesem strategischen Interesse haben die Italiener allerdings sich selbst und damit auch Europa viel zu billig verkauft.
Aber:  die beiden maßgeblichen Parteichefs Di Maio (Fünfsterne) und Salvini (Lega) wünschen sich ohnehin ein anderes Europa. Nämlich: mit Freibrief für unbegrenzte Defizite und bedingungslose Schulden.


Konfuzius-Institute und Universitäten

Im Jahr 2004 begann die chinesische Regierung mit einer weltweiten Propaganda-Offensive. Sprache und Kultur sollten der Bevölkerung in anderen Ländern nahe gebracht werden. Für die Sprachkurse wurden vereinfachte Kurzzeichen kreiert; auf dem Lehrplan standen anfangs Literatur, Philosophie, Kalligraphie, Medizin und chinesische Küche. Organisiert wurde dies über die sogenannten Konfuzius-Institute, benannt nach dem auch im Westen bekannten Philosophen Konfuzius (551 - 479 v. Chr.). Interessant ist, dass der Namensgeber Konfuzius während des gesamten 20. Jahrhunderts von der damaligen chinesischen kommunistischen Partei als Vertreter des "feudalen Chinas" diskreditiert worden war. Aber offensichtlich fanden politisch passendere Persönlichkeiten, wie Mao Zedong, außerhalb Chinas keinen Anklang.

In Deutschland gibt es derzeit 19 Konfuzius-Institute. Sie sind fast ausschließlich bei Universitäten, wie der Freien Universität Berlin oder der Universität Bonn, angegliedert. Die jüngste Gründung erfolgte im Mai 2017 an der Technischen Hochschule Ingolstadt. Nicht im Einklang mit der akademischen Freiheit hierzulande ist die Tatsache, dass an den Konfuzius-Instituten Themen, wie Tibet, Uiguren, Taiwan etc. weitgehend ausgeblendet werden. Auch die Finanzierung der Institute ist alles andere als transparent. In den USA wird deshalb vermutet, dass sie über die kommunistische Partei in China erfolgt. Deshalb werden diese Institute dort als ein Versuch der Volksrepublik China angesehen, politisch "Soft Power" - Ziele weltweit zu verbreiten.


Ausländische Studierende nach Ländern (Top 20 von 117)

Bemerkenswert ist der große Zulauf chinesischer Studenten an deutschen Universitäten. Beispielhaft genannt sei die frühere Technische Hochschule Karlsruhe (TH), seit ca. zehn Jahren bekannt unter ihren offiziellen Namen "Karlsruher Institut für Technologie" (KIT). Am KIT, einer mit ca. 25.000 Studierenden allenfalls mittelgroßen Universität, waren im Jahr 2017 nicht weniger als 2065 Studenten der VR China eingeschrieben. Unter den Top 20 Studierenden befand sich kein einziger Student aus den USA oder Großbritannien. Dies erstaunt vor allen deswegen, weil die frühere TH bei ihrer Umgründung zum KIT eine Namensanleihe bei dem berühmten "Massachussetts Institute of Technology" machte - abgekürzt MIT.

Man möchte das Präsidium des KIT fragen, worauf dieser Andrang chinesischer Studenten beruht und ob der know how-Austausch noch einigermaßen balanciert ist.


Freitag, 22. März 2019

"Gendern" Sie schon - oder sind Sie noch "konservativ"?

Wieder einmal, am 8. März, wurde der Weltfrauentag begangen, den die Vereinten Nationen im Jahr 1975 eingerichtet hatten. Anfangs stand die Gleichberechtigung der Frauen und ihr Wahlrecht auf der Agenda; nun sind diese Themen, zumindest in der westlichen Welt, weitgehend abgearbeitet, sodass man nach anderen Topics Ausschau hält. In Deutschland steht seit einiger Zeit die sogenannte Genderpolitik ganz hoch auf der Tagesordnung. Durch die Einführung einer "gendergerechten" Sprache und Schreibweise soll die Gleichstellung der Geschlechter (englisch: gender) zum Ausdruck gebracht werden.

Von den (zumeist weiblichen) Promotoren werden verschiedene Formen der Sichtbarmachung des Geschlechts vorgeschlagen. Zum Beispiel der Gender-Stern (wie in Zuschauer*innen), oder der Gender-Gap (Abteilungsleiter_innen), oder das Binnen-I (MigrantInnen). Eher selten im Gebrauch sind der Punkt (Dachdecker.innen) und der Doppelpunkt (Schauspieler:innen). Knifflig ist die Aufsplittung des Wortes "Eltern". Vorgeschlagen wurden "Elter 1" und "Elter 2"; offen bleibt bis jetzt, wer sich Elter1 bzw. Elter 2 nennen darf.


Der Duden zögert noch

In Deutschland gibt es nicht - wie in Frankreich - ein Sprachakademie, welche verbindlich die Regeln der Nationalsprache vorgibt. Stattdessen hat der sogenannte "Rat der deutschen Rechtschreibung" (zusammen mit dem Duden-Verlag) die Vollmacht, in regelmäßigen Abständen Vorschläge zur Rechtschreibung zu machen. Bei der kürzlichen Tagung dieses Gremiums am 16. November 2018 in Passau stand die Genderschreibweise auf der Agenda, vorgebracht von einer lautstarken Lobby - und der Bundesjustizministerin Katarina Barley. Nun, es kam zu keiner Entscheidung pro Genderstern, noch nicht einmal zu einer Empfehlung. Alles bleibt somit beim Alten. Stattdessen definierte der Rat (samt Duden) einige Kriterien, die für gendergerechte Texte gelten sollen. Sie sollten demnach sachlich korrekt sein, verständlich sowie lesbar und vorlesbar sein, Darüber hinaus muss die Rechtschreibsicherheit und Eindeutigkeit gewährleistet sein.

Schließlich müssten die Genderregeln auch von den anderen deutschsprachigen Ländern, mit zum Teil mehreren Amtssprachen, akzeptiert werden. Dies sind (die im Rat vertretenen) Länder Österreich, Schweiz, Lichtenstein, Südtirol und Belgien. Sie hätten zuzustimmen,  was bislang nicht der Fall ist. Im Übrigen rührte das Zögern von Rat und Duden wohl auch noch von der total verkorksten sog. Rechtschreibreform im Jahr 1996 her, die weder von den Schulen noch von den Medien angenommen wurde. Auch gegen den "Gender-Sprech" kam neuerdings lautstarke Opposition aus. Mehr als hundert Prominente starteten einen Aufruf gegen die "Verhunzung der deutschen Sprache". In drei Tagen wurden gegen den sog. Genderwahn 14.000 Unterschriften geleistet, unter anderen von der Schriftstellerin Monika Maron, dem "Sprachpapst" Wolf Schneider und dem Kabarettisten Dieter Nuhr.


Die Hochschulen gehen voran

Schrittmacher in der Verbreitung der Genderpolitik sind die Hochschulen. Derzeit gibt es an Deutschlands Universitäten und Hochschulen 150 Professuren für Genderforschung. Das ist erstaunlich viel, auch wenn nicht alle Lehrstühle in Vollzeit ausgestattet sind. An vielen Unis wird gefordert, überwiegend die weibliche Form oder zumindest geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden. In zahlreichen Satzungen und Verwaltungsvorschriften ist dies bereits verankert. In Mannheim wurde beispielsweise ein gestifteter Hörsaal kurzerhand vom "Bürgersaal" zum "Bürgerinnensaal" umbenannt. Die Begründung: auch Frauen hätten schließlich gespendet. Die Vermeidung des Wortes "Studenten" ist praktisch bereits akzeptiert. Man spricht in der Partizipform von "Studierenden" oder (noch plumper) von der "Studierendenschaft". An der Ummodelung des Wortes "Wissenschaftler" wird noch gearbeitet. Die vorgeschlagene Alternative "Wissenschaffenden" geht noch nicht jedem leicht von der Zunge.

Geradezu skurril muten die Funktionsbezeichnungen an, welche die Lehrstuhlinhaberinnen für sich beanspruchen. Zum Beispiel bei Lann Hornscheidt (geboren als Antje Hornscheidt), welche eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität in Berlin inne hat. Sie hat darum gebeten, geschlechtsneutral bezeichnet zu werden und zwar als "Professx" statt Professor oder Professorin. In der Anrede möchte sie keinesfalls als Frau oder Mann identifizierbar sein. Logischerweise überträgt sie dieses Gebahren auch auf ihre Studenten und Studentinnen, welche sie als "Studierx" bezeichnet. Übrigens: das "x" am Ende von Professx (oder Studierx) schlägt Frau Hornscheidt vor wie "ix" auszusprechen, Was zu der Anrede führt: Professix Hornscheidt. Keinesfalls Frau Hornscheidt!

Auch an dem eher technisch orientierten "Karlsruher Institut für Technologie" (KIT) wird Genderpolitik betrieben. Zum Beispiel durch Xenia Hartmann an der Fachschaft GeistSoz. Sie beklagt allerdings in einer überregionalen Zeitung, dass immer wieder ein Bild entstünde, wonach die Genderforschung weniger wert sei als die naturwissenschaftliche Forschung. Sie habe noch nie erlebt, dass jemand Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften so massiv anzweifle, wie das bei der Genderforschung passiere. Derzeit setzt sich Xenia dafür ein, dass jeder den Vornamen, der ihm lieb ist, auf seinen Studierendenausweis schreiben darf. Das sei vor allem denen ein Anliegen, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren können.


Unisex und Multisex

Die Frauen müssen aufpassen, dass ihnen der Weltfrauentag nicht entgleitet. Denn neuerdings gibt es nicht nur Frauen sondern auch Lesben, nichtbinäre, trans und inter Personen, sprich: die Genderpolitik ist nur noch ein Punkt unter vielen. Statt um Gerechtigkeit allein, geht es nun um Gendergerechtigkeit. Nach Schätzungen von Experten gibt es in Deutschland ca. 160.000 Personen, die eine "Variante in der Geschlechtsentwicklung" haben, wie es das Bundesverfassungsgericht vornehm ausdrückt.



In München kann man sich schon als "divers" in das Geburtenregister eintragen lassen und die Behörden überlegen dort, ob man weitere Toiletten für Trans- und Intersexuelle einrichten soll. Zusätzliche Toiletten  und Umkleidekabinen in Schulen, Turnhallen und Schwimmbädern sind mit beträchtlichen Kosten verbunden, die sich nicht jede Gemeinde leisten kann. Außerdem warnen Psychologen bereits davor, dass es für die Kinder einem "Zwangsouting" gleichkomme, wenn sie in ihre "diverse" Toilette oder Kabine gehen sollen.

Dieses Problem sollen die sog. "Unisextoiletten" lösen, die von allen (Jungen und Mädchen) genutzt werden können. Aber da das weibliche Geschlecht die Angewohnheit hat, sich im Vorraum ihrer Toilette "schön" zu machen, wollen sie bei dieser Prozedur keinen Jungen in ihrer Nähe haben. Die Toilette ist gewissermaßen ihr Rückzugs- und Schutzraum. Also ist wiederum eine Trennung nach Geschlechtern vonnöten. Aber wie definiert man bei den Diversen diese Trennung?

Probleme über Probleme und alle sind mit ziemlichen Kosten verbunden. 

Freitag, 8. März 2019

Brexit: Pleite bei der britischen Nuklearindustrie

Seit fast drei Jahren ist die Regierungstätigkeit in Großbritannien praktisch nur noch auf ein einziges Thema konzentriert: den Brexit. Den Anstoß gab das Referendum am 23. Juni 2016, bei dem 52 Prozent des Wahlvolks für den Austritt aus der EU stimmten. Wenige Wochen später trat der Premierminister David Cameron zurück und Theresa May übernahm die Regierungsgeschäfte. Seitdem wurde der 660 Seiten umfassende Ausstiegsvertrag erarbeitet, den das britische Unterhaus allerdings am 15. Januar 2019 mit großer Mehrheit ablehnte. Weitere Abstimmungen sollen in Bälde folgen.

Seitdem scheint sich das Regierungswirken im Vereinigten Königreich nur noch um das Großthema Brexit zu drehen. Die Verbesserung des Gesundheitswesens, welche vorher im Fokus stand, spielt kaum noch eine Rolle. Aber auch die staatliche Begleitung wirtschaftlicher Großprojekte ist der Regierung May entglitten. Als Negativbeispiele seien in diesem Blog mehrere internationale Investitionen auf dem Nukleargebiet beschrieben, die durch nachlässiges Regierungshandeln in Notlage gerieten und welche praktisch unter hohen Kosten aufgegeben werden mussten.


Die Kernkraftwerke Hinkley Point C und Moorside

Historisch betrachtet war Großbritannien in Europa lange Zeit führend im Bau und Betrieb von Kernkraftwerken zur Stromerzeugung. Das erste Atomkraftwerk mit einer Leistung von 50 Megawatt nahm bereits 1956 den Betrieb in Calder Hall auf. Danach folgten etwa fünfzig weitere, fast alle grafitmoderiert und gasgekühlt. Inzwischen muss bei den großen Kraftwerke über 1000 MW das Land internationale Hilfe in Anspruch nehmen, insbesondere aus Japan und Frankreich.

Noch unter der Regierung Cameron (2010 - 2016) wurde der Bau des Doppelkraftwerks Hinkley Point C auf der Insel Anglesey in Wales beschlossen. Die technische Grundlage bildete das deutsch-französische EPR-Projekt. Der französische Lieferant EdF sollte die Kosten übernehmen und sich über den Verkauf des Stroms selbst finanzieren. Die Verträge waren unterschriftsreif, als Theresa May 2016 ins Amt kam. Zur allgemeinen Überraschung ordnete sie nochmals eine Überprüfung des Projekts an, die sich über volle drei Jahre hinzog. Inzwischen hatte die japanische Firma Hitachi die Projektführerschaft übernommen, die mit diesem zögerlichen Ablauf und der unkompetenten staatlichen Einflussnahme nicht einverstanden war. Hitachi kündigte deshalb am 17. Januar 2019 alle Lieferverträge und seitdem ist das Projekt Hinkley Point C praktisch tot, da kein weiterer Reaktorbauer an der Übernahme interessiert war. Noch in diesem Jahr sollte die 4.500 Tonnen Bodenplatte auf der Baustelle gegossen werden.

Einige Monate früher hatte der japanische Projektführer Toshiba Corp. "hingeworfen". Er sollte in Moorside  drei Kernkraftwerke auf der Westinghousebasis AP 1000 errichten. Auch Toshiba klagte öffentlich über die zögerliche Kooperation der britischen Regierung, welche durch den Brexit von diesem Reaktorprojekt abgelenkt war und keine termingerechten Entscheidungen treffen konnte. Kurzzeitig erwog man in London sogar die Einbeziehung chinesischer Reaktorbaufirmen, was jedoch schließlich als zu riskant verworfen wurde. Derzeit stehen ein halbes Dutzend Kernkraftwerke in verschiedenen Bauphasen praktisch still, was Milliarden von Regressforderungen zur Folge haben dürfte.


Keine Verwendung für die Wiederaufarbeitungsanlage THORP

Die Wiederaufarbeitungsanlage THORP (=Thermal Oxide Reprocessing Plant) in Sellafield zur Rezyklierung bestrahlter Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren war 1994 betriebsbereit. Seitdem verarbeitete sie 9.000 Tonnen Brennstoff für 30 Kernkraftwerke in 9 Ländern, u. a. für Deutschland. Über Einkünfte von (umgerechnet) 10 Milliarden Euro wird (inoffiziell) berichtet. Bei einem Störfall im Jahr 2005 kam es zum Austritt von 83 Kubikmetern Auflöserflüssigkeit aufgrund einer schadhaften Rohrleitung. Ab 2012 ging das Betriebsvolumen deutlich zurück, insbesondere weil Deutschland im Jahr zuvor die "Energiewende" verkündete und eine Reihe von Kernkraftwerke stilllegte. Im Jahr 2015 wurde der Betrieb bei Thorp zur Gänze eingestellt.


               
                              Wiederaufarbeitungsanlage THORP

Nun wäre es an der Zeit gewesen, einen Generalplan für Thorp zu erarbeiten, insbesondere im Hinblick auf die Reduzierung der Stillstandskosten. Bis dato gibt es allerdings noch keine sinnvollen Vorschläge. Stattdessen müssen jedes Jahr 40 Millionen Euro zur Bewachung von 50 Tonnen Plutonium aufgewendet werde, dessen Marktwert nahe bei Null liegt. Hinzu kommen noch die Kosten für die Bewachung des Magnox-Plutonium (140 Tonnen) aus den oben genannten Grafitreaktoren. Die Rückführung des Pu in Mischoxidbrennelemente läuft auch nur zögerlich; statt, wie geplant 120 Tonnen im Jahr, leistet die Fertigungsanlage nur 13,8 Tonnen. Die früheren Kunden, allen voran Deutschland, belassen offensichtlich ihre Abfälle in Sellafield - zu einen geheim gehaltenen Preis. Darüber hinaus verzichten viele Länder auch noch auf ihr Eigentum an den wiederaufgearbeiteten Materialien. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wird Thorp im Jahr 2095 rückgebaut sein.
Zum satten Preis von 5 Milliarden Euro!

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