Sonntag, 4. Dezember 2016

Weltuntergangs-Szenarien

Die Furcht vor dem "Untergang der Welt" besorgt die Menschheit seit Anbeginn, wie in den Sagen und Mythen sowie den religiösen Schriften zu erkennen ist. Das Herabstürzen des Himmels (Universums) auf die Mutter Erde ist sicherlich ein apokalyptisches Szenario, aber dass dabei sie selbst - die Menschen - ausgelöscht werden könnten, ist die eigentliche Urangst. Bevor wir einige  risikoreiche Szenarien besprechen, welche den Bestand der Menschheit (in der Zukunft) gefährden könnten, sei die Bevölkerungsentwicklung in der Vergangenheit dargelegt, wobei ich mich auf Zahlen und Daten der UNO abstütze.


Abb 1.: Entwicklung der Weltbevölkerung (in Millionen Menschen)
Abb2.: Relativer Zuwachs und Abnahme der Weltbevölkerung pro Jahr (in Prozent)


Die Weltbevölkerung (Abb. 1) umfasste bei Beginn der Zeitrechnung, also vor etwa 2000 Jahren, ca. 300 Millionen Menschen. Davon sollen 60 Millionen im Römischen Reich, 75 Millionen in China und der Rest in anderen Erdteilen, wie Afrika und Amerika gelebt haben. Über annähernd tausend Jahre hinweg stieg die Menschheit kontinuierlich, aber nur ganz leicht an, wie aus den Abbildungen 1 und 2 zu ersehen ist.

Ab dem Jahr 1000 kam es zu größeren Schwankungen. Die Absenkungen resultierten vor allem aus Kriegen und Pandemien. Das waren u. a. die Eroberungszüge des Mongolenführers Dschingis Khan (1206 - 1227), der arabische Sklavenhandel (7. - 19. Jhd.), der Sturz der Ming-Dynastie in Japan (1635 - 1662) und die Ausrottung ganzer Ethnien, wie der Azteken, der Inkas und der Indianer durch die spanischen Konquistatoren sowie die Einwanderer in die spätere USA. Daneben kam es in Mitteleuropa immer wieder zu Kriegshandlungen (30-jähriger Krieg) sowie Seuchen, wie Pest, Pocken und Cholera.

Mit Beginn der Neuzeit stieg die Weltbevölkerung kontinuierlich an und erreichte um 1800 n.Chr. die Milliardengrenze. Von nun an, insbesondere ab dem 20. Jhd., explodierte die Menschheit geradezu. Die Einbrüche durch die zwei Weltkriege (ca. 100 Millionen Tote), sowie verschiedene Krankheiten, wie die Spanische Grippe um 1920 und die HIV-Epidemie (insgesamt 80 Millionen Tote) sind nur noch minore Dellen in der Wachstumskurve. Es scheint, als sei die Menschheit durch Kriege in Gänze nicht mehr "auszurotten" und gegen Krankheiten gibt es inzwischen wirksame medizinische und hygienische Vorkehrungen.


Gefahren aus dem Erdinnern

Obschon die Erde bereits 4.5000 Millionen Jahre durch den eiskalten Weltraum schwebt, ist sie im Innern nach wie vor höllisch heiß. Das macht sich bemerkbar durch immer wiederkehrende vulkanische Ausbrüche, welche viele Menschen in Todesgefahr bringen können. Bei der Eruption des Vesuv, am Golf von Neapel im Jahr 79 v. Chr. wurden mehr als drei Kubikkilometer Bims- und Felsengestein ausgeworfen, welches die anliegenden Ortschaften mit einer 20 Meter hohen Schicht bedeckten und darunter an die 5000 Menschen begruben. Die Überreste von 1150 Menschen sind allein in Pompeji ausgegraben worden.

Der vermutlich stärkste Vulkanausbruch ereignete sich vor ca. 75.000 Jahren auf der Insel Sumatra. Der Supervulkan Toba brach dort aus und gefährdete durch seine gigantischen Auswürfe sogar den Bestand der Gattung Homo. Vermutlich konnten sich nur 1000 bis 10.000 Menschen retten, die Sonne war jahrzehntelang abgedunkelt mit katastrophalen Auswirkungen auf Fauna und Flora. Nur durch die spätere Zuwanderung weiterer Menschen aus Afrika in dieses asiatische Gebiet, konnte die Bevölkerung sich dort langsam wieder erholen.

Als weiterer Supervulkan droht im US-amerikanischen Staat Wyoming der Yellowstone. Er ist ein sogenannter "hot spot", bei dem flüssigheißes Gestein unter der Erdkruste langsam aber stetig emporsteigt. Diese flüssige Magmaschicht ("mantle plume") hat eine Breite von 400 Kilometer und eine Höhr von 500 Meter; sie liegt ca. 60 km unter der Erdoberfläche. Geologisch gesehen ist der Yellowstone seit 17 Millionen Jahre aktiv. Mit einer Eruption ist im Abstand von ca. 600.000 Jahren zu rechnen; der letzte Ausbruch war vor 640.000 Jahren. Wegen der riesigen Magmamasse sind bei einem Ausbruch weite Teile des nordamerikanischen Kontinents gefährdet. Die Atmosphäre der gesamten Erde würde sich wahrscheinlich stark abkühlen und verdunkeln, sodass mit schlimmen Auswirkungen auf Mensch, Pflanze und Tier zu rechnen wäre.


Gefahren aus dem Weltraum

Große Gefahren drohen aus dem Weltall. Sie haben das Potential die gesamte Menschheit auszulöschen, zumindest würden sie auf lange Zeit Zivilisation und Kultur nachhaltig schädigen. Das Hauptrisiko besteht im Einschlag eines Asteroiden. Dies ist bekanntlich vor 60 Millionen Jahre bereits passiert und hat u. a. zur Auslöschung der Dinosaurier geführt. In unserem Sonnensystem kreisen Millionen von Asteroiden verschiedener Größe, zumeist auf geordneten Bahnen. Bei Zusammenstößen dieser Miniplaneten geschieht es jedoch immer wieder, dass ein Brocken in Richtung Erde gekickt wird. derzeit ist eine Projektgruppe aus den Weltraumorganisationen NASA und ESA damit beschäftigt, solche Gesteinstrümmer rechtzeitig zu orten und durch Krafteinwirkung von der Erde fernzuhalten.

Ein weiteres Risiko stellen die Supernovae dar. Bei solchen Sternexplosionen entstehen enorme Mengen an hochenergetischer Strahlung, die beim Auftreffen auf unseren Planeten alles Leben auslöschen würde. Aufgrund der verschiedenen Novae-Kategorien gibt es keinen festen Zahlenwert für einen sicheren Abstand. Einige Astronomen halten bereits eine Entfernung von 250 Lichtjahren für riskant. Um diesen Zahlenwert richtig einordnen zu können, muss man wissen, dass unseren Heimatgalaxie - die Milchstraße - einen Durchmesser von 90.000 Lichtjahren besitzt und die Erde am Rande positioniert ist, wo weniger Supernova-Ereignisse zu erwarten sind.

Noch gefährlicher als Supernovae sind Gammablitze. Würde ein solches Ereignis weniger als 3.000 Lichtjahre entfernt von unserem Sonnensystem sich ereignen, dann käme es auf der Erde mit Sicherheit zu einem Massensterben. Bei Gammablitzen entsteht pro Sekunde genau so viel Energie, wie unsere Sonne in einer Million Jahre abstrahlt! Glücklicherweise wird der Blitz nur in einem engen Kegel emittiert, sodass die Wahrscheinlichkeit die Erde zu treffen, relativ gering ist. Aufgrund der geringen Zeitdauer des  Gammablitzes (meist nur wenige Sekunden bis einige Minuten) wäre von der direkten Strahlenwirkung auch nur eine Seite der Erde betroffen.

Auch ein Schwarzes Loch oder ein Neutronenstern könnte die Erde bei Annäherung "verschlucken". Wie oben bereits gesagt, ist wegen unserer Randposition in der Milchstraße ein solches Risiko niedriger einzuschätzen, das diese Gravitationsmonster mehr im Zentrum unserer Galaxie vermutet werden.

Das Ende unserer Erde ist jedoch unweigerlich gekommen, wenn sich unsere Sonne dereinst zu einem Roten Riesen aufbläht. Dies wird in ca. 4.000 Millionen Jahre der Fall sein. Neuere Rechnungen der Astrophysiker legen nahe, dass aber bereits in 900 Millionen Jahren, wegen der zunehmenden Hitze, menschliches Leben auf der Erde nicht mehr möglich sein wird.


Ausblick

Es gibt auch noch weitere Phänomene, die das Leben auf der Erde ernsthaft gefährden könnten. Das sind beispielsweise die Eiszeiten, die bislang etwa 500 Mal auftraten und welche Mitteleuropa bis in eine Höhe von tausend Metern vergletschern können. Die letzte Kaltzeit endete vor ca. 20.000 Jahren; die nächste könnte, nach Meinung einiger Glazialforscher, unmittelbar vor der Tür stehen. Die gegenwärtige Sorge um die Erderwärmung relativiert sich vor diesem Hintergrund.

Ob der Homo Sapiens noch eine weitere Million Jahre die Erde bevölkern wird, ist zumindest unsicher. Es gibt renommierte Forscher, die ihm schon viel früher den Untergang prophezeihen. Zu diesen gehört der englische Astrophysiker Stephen Hawkings. Er warnt eindringlich vor den Gefahren des technischen Fortschritts und glaubt, dass die Menschheit bereits in 1000 bis spätestens 10.000 Jahren aussterben wird. Er glaubt ganz generell, dass die Menschen mit ihren diversen Erfindungen (Genetik, Nuklear, Nano, Computer etc.) überfordert sind und damit ihren eigenen Untergang heraufbeschwören werden.

Vielleicht ist das Ende sogar schon näher - nämlich in diesem Jahrhundert.
Lesen Sie meinen nächsten und letzten Blog dazu in diesem Jahr!









Mittwoch, 23. November 2016

"Small is beautiful" - die Mini-Reaktoren sind im Kommen

Groß, größer, am größten 
ist ein Slogan, der in der Industrie häufig anzutreffen ist,
beispielsweise bei den deutschen Kernkraftwerken.

Es fing ganz klein und bescheiden an, als die Stromfirma RWE im Jahr 1958 das Kernkraftwerk VAK in Kahl mit einer Leistung von nur 15 Megawatt in Betrieb nahm. Aber schon in den siebziger Jahren bestellte das gleiche Unternehmen von Siemens/KWU ein Atomkraftwerk mit einer elektrischen (Brutto-) Leistung von über 1.000 Megawatt (MW) für den Standort Biblis. Inzwischen sind dieses, sowie neun weitere große Kernkraftwerke (KKW), im Zuge der sogenannten Energiewende, zwangsweise stillgelegt worden. Übrig geblieben sind nur noch die acht KKW Gundremmingen B und C (mit je 1.345 MW), Emsland und Neckarwestheim II (mit 1.400 MW), Grohnde und Philippsburg 2 (mit je 1.450 MW) sowie Brockdorf und Isar 2 (mit je 1.480 MW).

Die letztgenannten  acht Großkraftwerke sollen - gestaffelt - bis zum Jahr 2022 ebenfalls endgültig abgeschaltet werden. Ihr Wegfall wird eine riesige Stromlücke im Grundlastbereich hinterlassen, welche durch die unsteten Wind- und Sonnenkraftwerke nicht annähernd ausgeglichen werden kann. Hinzu kommt, dass die großen Gleichstromtrassen von der deutschen Küste in die Industriegebiete Bayerns und Baden-Württembergs frühestens 2025 zur Verfügung stehen werden.

Im internationalen Bereich geht aber der Bau immer noch größerer Kernkraftwerke ungebremst weiter: in Finnland, Frankreich China und England entstehen derzeit sieben weitere KKW, welche inzwischen für eine Bruttoleistung von 1.650 bis 1.750 MW ausgelegt sind.

Indes, es gibt auch eine zweite Bauphilosophie:
weitgehend unbemerkt von diesem Streben nach Rekordgröße wird immer häufiger über kleine Kernkraftwerke - zwischen 30 und 300 MW - nachgedacht, für die sich offenbar ein zweiter Markt auftut.
Über diese Spezialreaktoren soll im Folgenden berichtet werden.


Wirtschaftliche und technische Gründe

Das Interesse an kleinen Kernkraftwerken (und Reaktoren zu Heizzwecken) besteht schon lange. Es sind vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer, welche das Milliardenkapital für große Kernkraftwerke nicht aufbringen können und in deren kleines nationales Stromnetz Nuklearkraftwerke jenseits von 300 Megawatt elektrisch (MWe) nicht einzupassen sind.
Es ist bekannt, dass einige Aufträge für große Leichtwasserkernkraftwerke in früheren Jahren aus finanziellen Gründen zurück genommen werden mussten; einige Abbestellungen fanden sogar zu jenen Zeitpunkten statt, in denen das Kraftwerk bereits zu 70 Prozent oder mehr gefertigt war. Beim Großblock wird der Bau typischerweise über zehn Jahre abgewickelt, während die zugeordneten Anlagekosten von 6 bis 8 Milliarden Euro anfallen. Die Amortisation dieser Investitionen findet während der folgenden 30 Jahre statt, sodass die gesamte Unternehmung etwa 40 Jahre dauert. Da können kleine Stromfirmen häufig nicht mithalten. Bei kleinen Kraftwerken jedoch verkürzt sich die Bauzeit auf lediglich 5 Jahre, da u. a. die Infrastrukturleistungen am Standort bereits erbracht sind.

Besonders kostensparend wirkt sich die Modulbauweise aus. Während bei einer Großanlage umfangreiche Komponenten auf der Baustelle - in speziell errichteten (Einmal-) Werkstätten - gefertigt werden müssen, ist dies bei kleinen Moduln nicht der Fall. Diese können in der Fabrik gefertigt und zusammengebaut werden und - wegen ihrer Kleinheit - auf Fahrzeugen zum Standort gebracht werden. Im wesentlichen handelt es sich dabei um kleine Reaktortanks, sowie Kühlmittelpumpen und Dampferzeugereinheiten. Daraus ergibt sich ein Kostenvorteil von 30 bis 40 Prozent, welcher den Eskalierungskosten wegen Mehrfachfertigung entgegen wirkt.

Ein weiterer Vorteil der modularen Bauweise liegt in der höheren Sicherheit. Bei kleinen Reaktoren ist häufig eine verbesserte nukleare Sicherheit gegeben, weil gewisse Reaktorkoeffizienten (beispielsweise Natriumvoid bei Brutreaktoren) einfacher zu beherrschen sind. Auch die passive Nachwärmeabfuhr bei Ausfall der Kühlkreise ist zumeist gesichert und bedarf nicht des manuellen Eingriffs. Insgesamt erleichtert dies das atomrechtliche Genehmigungsverfahren, was wiederum die Planungs- und Bauzeit reduziert.

Inzwischen hat die Errichtung von Mini-Reaktoren an verschiedenen geografischen Lokationen der Erde begonnen. In Argentinien wird unter der Bezeichnung CAREM-25 bereits ein Modul mit 27 MWe gebaut. In Russland ist die Doppeleinheit KLT-40S mit je zwei 35 MWe-Reaktoren im Bau. In Korea erhielt der SMART-Reaktor (90 MWe) kürzlich seine atomrechtliche Genehmigung. Bei der chinesischen Einheit ACPR50S gibt es noch einige diplomatische Verwicklungen. Die Chinesen wollen einen kleinen Reaktor mit einer Leistung von 200 MW bzw. 60MWe auf einer schwimmenden Plattform errichten. Er soll auf verschiedenen Inseln des Chinesisch-Pazifischen Meeres Wärme und Elektrizität bereitstellen. Dagegen wehren sich die USA und Japan mit dem Argument, dass die Eigentümerschaft dieser kleinen, unbewohnten Inseln nicht geklärt sei.

Reminiszenz an die siebziger Jahre

Das (erneute) Aufkommen der Mini-Reaktoren erinnert an die Schlagwortdebatte der 1970er Jahre, als das Prinzip "Small is beautiful" fast zwei Jahrzehnte lang eine beherrschende Rolle spielte. Es wurde 1973 in einem Buch gleichen Titels von dem in Deutschland geborenen britischen Ökonomen  Ernst Friedrich Schumacher aufgebracht, der sich dabei von der frugalen Lebensweise der buddhistischen Inder inspirieren ließ. Schumacher wurde argumentativ unterstützt von zwei weiteren Slogan-Verbreitern, nämlich Lovins und Traube. Der US-Amerikaner Amory B. Lovins machte sich in seinem Bestsellerbuch stark für die "Sanfte Energie", wobei er in seinen Vorträgen besonders (kleine) Windräder propagierte. Und der kürzlich verstorbene Kernenergiekritiker Klaus Traube kritisierte die Großtechnik der damals verbreiteten Reaktoren und forderte stattdessen 1978 in seinem Buch "Müssen wir umschalten?" den Kollektor auf  jedem Hausdach.


Schumacher und sein Buch

Inzwischen bedecken Freiflächenkollektoren von Fußballfeldgröße die bäuerlichen Landschaften. Die neueste Windkraftanlage der Firma Enercon erreicht die stattlichen Höhe von 230 Metern. Und die Verbindung der alternativen Energiesysteme geschieht über monströse Gleichspannungsleitungen.
Ob E. F. Schumacher diese Technologie jetzt noch als "small" und "beautiful" bezeichnet würde?

PS.: Eines sollte nicht vergessen werden:
die Europäische Energiebehörde NEA schätzt in einen fast hundertseitigem Bericht ab, dass der Anteil der Mini-Reaktoren im gesamten Ausbau der Kernenergie kaum über drei Prozent hinauskommen wird.

Montag, 14. November 2016

Vor 40 Jahren: der Karlsruher Münzskandal

Geldfälschen ist eine uralte Profession, aber technisch durchaus anspruchsvoll. Mit dem Aufkommen des Papiergeldes schien es leichter zu werden und der "falsche Fuffziger" war in aller Munde. Aber inzwischen hat die Geldbehörde Bundesbank die Latte höher gelegt und das Papier mit allerlei Wasserzeichen und sogar Hologrammen versehen, an denen die schweren Jungs sich auch mit Farbkopierern die Zähne ausbeißen.

Mancher geht deshalb reumütig wieder zum Münzgeld zurück, wo man mit Rohlingen aus Kupferblech, handziseliertem Prägestempel sowie Hammer und Amboss - also einer gewöhnlichen "Bauhaus"-Ausstattung - Falschmünzerei im eigenen Schuppen betreiben kann. Aber diese Arbeit ist kaum lohnenswert, denn der Geldwert der Pfennige beziehungsweise Cents ist eben niedrig und an 2-Euro-Münzen traut sich kaum einer heran.

Doch in dieser Denkweise liegt ein Fehler verborgen. Vor gut 40 Jahren ist es drei Karlsruhern gelungen, durch Prägen weniger  Münzen an ein kleines Vermögen zu kommen. Unter anderem deshalb, weil sie das Problem von der "Quelle" aus angegangen haben. Natürlich sind auch sie letztlich gescheitert. Aber die Geschichte ihres schlitzohrigen Vorgehens ist wert nacherzählt zu werden. Wobei auf das Nachmachen aber tunlichst verzichtet werden sollte.

"An der Quelle saß der Knabe..."

In unserer Geschichte ist die Quelle die altehrwürdige Karlsruher Münzstätte und der Knabe ist der Herr Direktor O.. Die Staatliche Münze Karlsruhe ist ein ansehnlicher Bau des bekannten Architekten Friedrich Weinbrenner und wurde vom Badischen Großherzog im Jahr 1827 mit der Prägung der ersten Zehnguldenmünze ihrer Bestimmung übergeben. Seitdem werden dort jährlich bis zu 250 Millionen Münzen aller Art hergestellt.


Die Karlsruher Münze

Die beiden anderen Darsteller in unserem 3-Personen-Stück sind der Stellvertretende Direktor H. und, der zwar untergeordnete, aber dennoch sehr wichtige Prägevorarbeiter F. Von den dreien war nur der Direktor O. ein "Karrierebeamter", der es vom Fachschulingenieur schnell zum Leiter der Staatlichen Münze brachte. Die beiden anderen hatten eine eher gebrochene Berufslaufbahn, wie es in der Nachkriegszeit nicht unüblich war. So war der Stellvertreter H. in der Slowakei Aushilfslehrer und diente danach eine Zeitlang als Koch bei der US-Army, bevor er in der Münze vom einfachen Arbeiter bis zum Regierungsamtmann hochstieg. Der Facharbeiter F. war gelernter Zimmermann und kletterte in der Münze rasch vom Hilfsarbeiter zum Vorarbeiter der Medaillenabteilung empor.

Das Delikt

Die Falschmünzerei in der Staatlichen Münze Karlsruhe nahm ihren Anfang in den 1970er Jahren und ging vom Chef, also dem Direktor O. aus. Dieser hatte gerüchteweise gehört, dass die Politiker sich mit dem Gedanken trugen, die beiden Münzstätten Karlsruhe und Stuttgart zusammenzulegen. Direktor O. fiel darob in panische Angst, denn bei dieser Fusion mit der größeren Münze in der Landeshauptstadt drohte ihm der Verlust seiner schönen Karlsruher Position. Schließlich kam ihm ein Gedanke, wie er das Unheil wenden konnte: er plante  die jährliche "Tagung der deutschen Münzstättenleiter" zu besuchen, um dort (auf seine Art)  Lobbyarbeit für das Weiterbestehen der Karlsruher Münze zu betreiben. Die Konferenz wurde üblicherweise auch von wichtigen Beamten des Bundesfinanzministerium und der Bundesbank besucht, an welche sich Direktor O. wandte, indem er den Referatsleitern und Abteilungsleitern dieser Oberbehörden ein "kleines Präsent" zusteckte. Dies war in der Regel ein Satz seltener Münzen aus seiner eigenen Prägeanstalt.

Eigentlich hätte er diese Münzen ohne den speziellen Auftrag des Bonner Finanzministerium gar nicht herstellen dürfen, aber Direktor O. erteilte sich diesen Auftrag quasi selbst. Seinem Stellvertreter H. kam die Aufgabe zu, den Tresor, wo die alten Prägestempel lagerten, zu öffnen und der Vorarbeiter F. erledigte schließlich die Stanzarbeit. Die Auswahl der Nachprägungungen war wohl überlegt. In der Regel stanzten sie die unter Sammlern sehr begehrte 50-Pfennig-Münze mit der Aufschrift "Bank Deutscher Länder" und die 2-Pfennig-Münze von 1967 mit dem Eisenkern. Der Sammlerpreis für diese Objekte lag damals bereits bei 1.000 bis 2.000 DM. Direktor O. ließ auch großzügig seine beiden Gehilfen an dem "Geschäft" teilhaben. Sein Vertreter H. finanzierte mit diesen Einkünften die standesgemäße Heirat seiner Tochter und der Vorarbeiter F. den Bau seines Hauses in Karlsruhe-Spöck. Später fand man heraus, dass die drei Falschmünzer in drei Jahren etwa 6.000 bis 10.000  50-Pfennig-Münzen und ca. 1.000  2-Pfennig-Münzen hergestellt und in den Sammlerkreislauf gebracht hatten.



Betroffene Münzen
(oben: 50-Pfennig-Stück; unten: 2-Pfennig-Stück)

Das plötzliche vermehrte Auftreten wertvoller Münzen aus der Nachkriegszeit wurde von den Sammlern sehr wohl registriert. Es war der Münzexperte K., Herausgeber der Fachzeitschrift "Der Münzensammler und der Münzmarkt", welcher aktiv wurde. Im November 1974 sandte er einen Satz Münzen des Jahrgangs 1967 (G) zur Echtheitsprüfung an die zuständige Bundesbank in Frankfurt. Bereits zwei Wochen später bestätigten ihm die Fachleute der Bank, das es sich um "echte Münzen" handelt, die jedoch "nachträglich hergestellt" wurden, u. zw. mit einer "Werkzeugkombination", wie sie 1967 noch nicht verfügbar war. (Der Karlsruher Prägevorarbeiter F. hatte da wohl nicht sorgfältig genug gearbeitet). Anfang 1975 nahmen die staatsanwaltlichen Ermittlungen ihren Lauf.

Der Prozess

Die "Drei von der Münze" waren durchaus geständig, insbesondere nachdem man sie einige Wochen im Untersuchungsgefängnis hatte schmoren lassen. Für die Strafkammer des Karlsruher Landgerichts schien der Prozess eine einfache Sache zu sein. Sie konnte sich bei der Anklage direkt auf einen Paragraphen des Strafgesetzbuches beziehen,  den §146 StGB. Sein Wortlaut stand früher noch auf jedem Geldschein, nämlich: "Wer Geld nachmacht, oder nachgemachtes Geld in den Verkehr bringt, wird...bestraft". Die Staatsanwaltschaft plädierte also auf Falschmünzerei und in den Verkehr bringen von Falschgeld.

Zur großen Überraschung fiel sie jedoch mit beiden Anschuldigungen durch. Die gewitzten Verteidiger argumentierten nämlich, dass in einer Staatlichen Münze niemals Falschgeld geprägt werden könne - selbst wenn es keinen Auftrag des Bundesfinanzministerium gäbe. Außerdem seien die dort geprägten Münzen (wegen ihres hohen Sammlerwertes) nicht in den öffentlichen Geldverkehr gebracht worden, sondern nur in den Sammlerkreislauf, wo sie gewissermaßen gehortet wurden. Im Übrigen, behaupteten die Angeklagten, hätten sie für jede nachgeprägte Münze eine andere (neue, also praktisch wertlose) Münze "verwalzt", und somit unbrauchbar gemacht. Letzteres konnte ihnen nicht widerlegt werden.

Die Anklage fiel vollends in sich zusammen, als der angerufene Bundesgerichtshof (BGH) diese Rechtsauffassung bestätigte. Plötzlich stand die Strafkammer ohne anwendbares Gesetz da und nach dem alten römischen Rechtsgrundsatz "nulla poena sine lege" (keine Strafe ohne Gesetz), hätte sie die drei Übeltäter freisprechen müssen. Aber das wäre gegen die Ehre der Karlsruher Elitejuristen (mit oder ohne doctor iuris utriusque) gegangen. Über zwei Jahre hinweg wurde die Causa zwischen drei Kammern des Landgerichts und zwei Mal zur Revision an den BGH geschickt. Schließlich fand man doch noch einige Paragraphen um die Drei zu verurteilen. Direktor O. wurde wegen Unterschlagung belangt, sein Vertreter H. wegen Diebstahls, Betrugs und Beihilfe zur Unterschlagung und Vorarbeiter F. wegen Diebstahls und versuchten Betrugs in zwei Fällen. Schadensersatzklagen wurden vom Gericht immer mal wieder ins Gespräch gebracht, aber dagegen wehrten sich die Sammler mit allen Kräften. Sie fanden sich nicht geschädigt; kein Wunder war der Sammlerwert ihrer Münzen doch inzwischen  auf 10.000 DM gestiegen und die Sammler wollten ihre Objekte auf keinen Fall mehr herausgeben.

Die Sanktionen

Die Strafen waren maßvoll. Die drei Übeltäter wurden zu Gefängnisstrafen von unter einem Jahr verurteilt. Da sie nicht vorbestraft waren, wurde diese sogar zur Bewährung erlassen. Den schönen Job in der Münze waren sie allerdings los. Einige hohe Beamte im Bundesfinanzministerium und bei der Bundesbank wurden  zwar wegen Mithilfe angezeigt, aber es fand kein Verfahren und damit auch keine Verurteilung statt. Wer denkt da nicht an George Orwells Fabel von der "Farm der Tiere": Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher. Der Paragraph 146 im Strafgesetzbuch wurde verschärft. In Zukunft müssen "Innentäter" für ähnliche Delikte mit Gefängnisstrafen von fünf bis zehn Jahren rechnen.

Bei der Münzstätte geht es jetzt viel rigider zu. Neu entwickelte Geldzählmaschinen erlauben nicht nur die Münzen sondern auch die Rohlinge zu zählen, welche früher nur (ungenau) gewogen wurden. Die Tresore dürfen nur von zwei Mitarbeitern gleichzeitig geöffnet und geschlossen werden. Beim Ein- und Ausgang werden alle Beschäftigte mit Spezialdetektoren kontrolliert. Außerdem wurde für die Mitarbeiter Plastikgeld eingeführt. Dies ist die betriebseigene "Währung" für die Angestellten zum Zahlen in der Kantine. Echtgeld darf nicht mitgeführt werden.

Schließlich wurde 1998, im Vorfeld der Euro-Einführung, auch die frühe Befürchtung des ex-Direktor O. zur bitteren Realität:
die beiden Münzstätten Karlsruhe und Stuttgart wurden zur baden-württembergischen Münze zusammengelegt.

Sonntag, 6. November 2016

Das Fusionsprojekt ITER wieder in Geldnot

Der Fusionsreaktor ITER (=Internationaler Thermonuklearer Experimentalreaktor) an dem seit ca. zehn Jahren im südfranzösischen Cadarache gebaut wird, gilt als die komplizierteste Maschine der Welt. Komplizierter als ein Jumbojet oder ein Kernreaktor. Außerdem ist er viel voluminöser und verursacht dadurch horrende Materialkosten. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen:  Jede der 18 D-förmigen Toroidalfeldspulen besitzt ein Gewicht von 360 Tonnen und wiegt damit so viel wie eine vollbesetzte Boeing 747. Der sogenannte Tokomak, das Herzstück des ITER soll aus einer Million Einzelteilen zusammen gebaut werden und wird damit das Gewicht des Eiffelturms um das Doppelte übertreffen. Schließlich: allein zur seismischen Isolierung gegen Erdbeben sind 360.000 Tonnen Beton einzubringen, was dem Gewicht des Empire State Building in New York entspricht.

Enorm sind die Anforderungen an die Projektleitung. Die am Bau beteiligten Länder China, Indien, Japan, Korea, Russland und USA, sowie die Europäische Union (EU), worin Deutschland eingebunden ist, tragen sowohl mit Sachmitteln als auch mit Geld zum Projekt bei. Die Spezifizierung aller Komponenten, sodass daraus ein funktionsfähiges Gesamtwerk entsteht, ist eine Riesenaufgabe. In der Vergangenheit war das Top-Management mit der Bewältigung der vielen Probleme offenbar überfordert, sodass es innerhalb von zehn Jahren zu drei Umbesetzungen an der Spitze - dem Amt des Generaldirektors (GD) - gekommen ist. Im Nachgang kann man von zwei Epochen, einer japanischen und einer französischen, sprechen, die nun kurz beschrieben seien.


Die japanische Epoche

Die Position des ITER-Generaldirektors war von Beginn an einem Japaner zugedacht, da die japanische Regierung bei der Endverhandlung des Liefervertrags auf Japan als Standort des Projekts verzichtet hatte. Dementsprechend trat der Japaner Kaname Ikeda im Jahr 2005 sein Amt als Chef in Cadarache an. Ikeda war von seiner Ausbildung her kein Fusionswissenschaftler, sondern ein Karriere-Diplomat; vorher hatte er sein Land als Botschafter in Kroatien vertreten. Die englische Sprache beherrschte er nur rudimentär. Seine holprigen, in "broken-english" vorgetragenen Projektpräsentationen, verursachten beim Fachpublikum regelmäßig Bauchgrimmen. Nicht zuletzt deshalb wurde ihm bald der Deutsche Norbert Holtkamp als Vertreter zur Seite gestellt, was die französische  Zeitung La Provence zu der kecken Phrase veranlasste: "Nun ist der wahre Chef gekommen".

Im Jahr 2010, also schon nach fünf Jahren, war die Phase Ikeda zu Ende. Die Japaner schlugen als Nachfolger für den offensichtlich überforderten Ikeda den Professor Osamu Motojima vor. Er war zeitweise in einem Fusionslabor seines Landes tätig, hatte also gewisse technische Kenntnisse. Die erste Amtshandlung des neuen Generals war, dass er seinen Vertreter Holtkamp feuerte, für den man in Kalifornien einen neuen Job fand. Aber auch Motojima bekam das Projekt ITER nicht in den Griff. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens Vorlesungen an verschiedenen Universitäten des Landes gehalten, dafür reihenweise Ehrendoktorate erhalten, indes, die Managementerfahrungen für Großprojekte fehlte ihm. Nach nur einer Periode gab er im Jahr 2015 sein Amt auf. Die Japaner, erkennbar gefrustet, erklärten anschließend, dass sie in Zukunft auf Besetzung des GD-Postens verzichten würden. 

Während dieser japanischen Epoche waren die Baukosten des ITER von 5 Milliarden Euro (bei Vertragsabschluss) auf 15 Milliarden angestiegen.
Der Inbetriebnahmezeitpunkt war von 2015 auf 2026, also um 11 Jahre nach hinten gerückt.


Die französische Epoche

Nach dem Abgang der beiden Japaner Ikeda und Motojima einigte sich das internationale ITER-Konsortium auf einen Franzosen als nächsten Generaldirektor. Er war schwer zu finden. Schließlich gelang es, den 65-jährigen  Monsieur Bernard Bigot vom Ruhestand zurückzuhalten und für die Spitzenposition beim ITER zu gewinnen. Bigot ist Physikochemiker und war über viele Jahre für die französische Atombehörde CEA auf dem Gebiet der Alternativen Energien tätig. Von da her ist er mit den staatlichen und ministeriellen Stellen in Frankreich gut vernetzt.

Inzwischen hat sich Bigot in sein neues Feld gut eingearbeitet, sodass er vor einigen Wochen eine neue Kosten- und Terminschätzung vorlegen konnte.

Demnach werden weitere 5 Milliarden Euro an Kosten für den Bau des ITER anfallen, sodass die Gesamtkosten nunmehr auf 20 Milliarden klettern.
Der Volllastbetrieb des ITER wird um weitere 10 Jahre auf 2036 aufgeschoben.
Das Vakuumgefäß, vergeben an ein italienisches Dreierkonsortium, scheint auf dem kritischen Pfad zu liegen.
(Da Deutschland mit 10 Prozent der Gesamtkosten am ITER beteiligt ist, entfallen auf die Bundesrepublik somit ca. 2 Milliarden Euro an Baukosten).

Die neuen Kosten- und Termindaten werden derzeit von den Mitgliedsländern evaluiert. Scharfe Kritik kommt von den Grünen in Deutschland. Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, bei der Grünen-Partei zuständig für Fusion und Reaktorsicherheit, hält die Mehrkosten bei ITER für nicht akzeptabel. Sie fordert den Abbruch des Projekts und den Übergang zu den Erneuerbaren Energien in Europa. Kotting-Uhl kann auf eine beträchtliche Expertise verweisen, nämlich ein Kunstgeschichtestudium in Saragossa und ein Fernstudium in Psychologie. Im Übrigen: die Gesamtkosten des ITER mögen mit 20 Milliarden recht hoch sein; sie reichen jedoch bei weitem nicht an die Kosten der Erneuerbaren Energien heran, welche derzeit in Deutschland 27 Milliarden pro Jahr betragen.


Ausblick

Entgegen landläufiger Meinung wird der ITER, sollte er einmal betriebstüchtig sein, keinen elektrischen Strom liefern, sondern allenfalls Wasserdampf von 150 Grad Celsius. Um die Baukosten "niedrig" zu halten, hat man schon in der Frühphase des Projekts das Brutblanket weitgehend weggelassen. In seiner jetzigen Konzeption ist der ITER  im wesentlichen eine (notwendige) Experimentiermaschine für Physiker und Ingenieure.

Sofern die Experimente des ITER erfolgreich verlaufen, kann man sich danach an die Planung eines stromerzeugenden Demonstrationskraftwerks - genannt DEMO -  heranwagen. Das soll ein wirklicher Fusionsreaktor mit einer Leistung von 1.000 Megawatt sein, also einem mittelgroßen Kernkraftwerk, bzw. einem großen Kohlekraftwerk entsprechen. Dieses Projekt wird von dem bisherigen 7er-Staatenbund nicht mehr zu stemmen sein - aus finanziellen und politischen Gründen. Spätestens dann benötigt man die Partizipation der europäischen Stromkonzerne, der sogenannten EVU. Ein organisatorisches Vorbild könnte der European Fast Breeder (EFR) sein, wo in den neunziger Jahren eine Reihe deutscher, französischer und britischer EVU kooperierten und die Planungskosten trugen. Das begleitende Forschungs-und Entwicklungsprogramm wurde von den F+E-Organisationen der genannten Staaten geschultert.

Setzt man ab 2036 (dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme des ITER) je 10 Jahre für Planung, Bau und Inbetriebnahme des DEMO an, so befinden wir uns nach diesen 30 Jahren im Jahr 2066.
Das sind 50 Jahre von heute.


Voilà,
die berühmte Prophezeihung, 
wonach die Fusion in 50 Jahren kommen wird,
ist nach wie vor gültig!


Sonntag, 30. Oktober 2016

Was KIT von RWE und E.ON lernen kann.

Am KIT rumort es.

Die Mitarbeiter sind unzufrieden mit der Führung des Unternehmens. Seit Wochen berichtet die örtliche Presse BNN in großen Schlagzeilen darüber. Vor kurzem kam es deshalb zu einer einzigartigen Demonstration: etwa zwei Dutzend Mitarbeiter, unter der Führung des Personalrats, stürmte in eine Sitzung des Präsidiums und verlas dort eine geharnischte Erklärung über die angebliche Verletzung der Mitbestimmungsrechte bei der geplanten Umorganisation der Dienstleistungseinheiten. Gleichzeitig wurde eine Klage vor dem Arbeitsgericht angekündigt.

Das zeigt deutlich, dass die vor mehr als zehn Jahren vollzogene Verschmelzung des ehemaligen Forschungszentrums (FZK) mit der Technischen Universität (TU) zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) nicht gelungen ist. Der Grund liegt darin, dass die beiden Fusionspartner von der Struktur und der Aufgabenstellung her fundamental unterschiedlich sind, sodass die im April 2006 von den damaligen Chefs Popp und Hippler weitgehend erzwungene Vereinigung nicht gelingen konnte. Mit KIT ist kein unternehmerischer Mehrwert sondern nur eine permanente Belastung der Mitarbeiter durch eine mehr und mehr überbordende Bürokratie entstanden.

Man sollte deshalb - so schrecklich es für manchen klingen mag - die beiden ungleichen Partner wieder trennen und verselbstständigen. Die vertrauensvolle Kooperation zwischen FZK und TU sollte beibehalten werden, wie sie vorher schon fünfzig Jahre lang bestanden und gut funktioniert hat.

Das Separieren der Fusionspartner mag als eine gigantische Aufgabe erscheinen. Das ist aber nicht der Fall. Am Beispiel der beiden DAX-Unternehmen RWE und E.ON, die kürzlich ( in viel höherem Maßstab) eine Aufspaltung ihrer Firmen - erfolgreich(!) - vollzogen haben, soll dies dargestellt werden.


RWE und E.ON spalten sich auf

Für die beiden größten deutschen Energie- und Stromversorger, nämlich RWE und E.ON sah es noch vor einem Jahr düster aus. Das altehrwürdige RWE stand vor dem finanziellen Abgrund: der Aktienkurs war seit der Energiewende im Jahr 2011 von 55 auf 10 abgestürzt. Die Essener konnten nicht mehr als "Witwen- und Waisen-Papier" empfohlen werden. -- Ähnlich erging es E.ON. Deutschlands größter Energiekonzern hatte im gleichen Zeitraum 60 Prozent seines Börsenwerts verloren. Der Aktienkurs war von 25 auf 7 gefallen. Beiden Unternehmen drohte die Insolvenz.

In dieser höchsten Gefahr beschlossen die beiden Konzernchefs Johannes Teyssen (E.ON) und Peter Terium (RWE) ihre Unternehmen für die Investoren, also die potentiellen Aktienkäufer, transparent und attraktiv zu machen - und zwar durch geschickte Aufspaltung der Altfirmen. E.ON gliederte das Geschäft mit dem fossilen Kraftwerken in die neue Firma Uniper aus und beließ in der Mutterfirma den Ökostrom, den Netzbetrieb und die Atomkraftwerke. Der Konkurrent RWE gründete die Tochtergesellschaft Innogy, welche u. a. die Neuen Energien betreute.

Die Aufteilung der Unternehmen war ein voller Erfolg. Die "grüne" RWE-Tochter Innogy reüssierte glänzend an der Börse und ist inzwischen 20 Milliarden Euro wert - natürlich vor allem, weil sie den sicher subventionierten Sonnen-und Windstrom vertreibt. ( Zum Vergleich: RWE-alt kommt nur auf einen Börsenwert von 8,5 Milliarden). Ähnlich ist es bei E.ON, wo die teuren Erneuerbaren Energien bei der Alt-Firma verbleiben. Aber auch die abgespaltene Tochter Uniper profitiert davon, da sie zukünftig bei herbstlicher Sonnen- und Windflaute sogenannte "Engpasspreise" verlangen darf.


Die Möglichkeiten des KIT-Gesetzes

Die Aufspaltung von RWE und E.ON in vier, nun erfolgreiche, Firmen innerhalb von weniger als zwei Jahren ist eine Meisterleistung der daran beteiligten Manager und Juristen. Immerhin handelte es sich um riesige Unternehmen mit je ca. hundert Milliarden Euro Jahresumsatz, die geschickt aufgeteilt werden mussten, sodass daraus profitable Entitäten entstehen konnten. Bei den Vermögensteilen, die neuen Eigentümern anzugliedern waren, handelte es sich unter anderem um milliardenteure Kernkraftwerke und jeweils ca. 50.000 Mitarbeiter mussten mit neuen Anstellungsverträgen ausgestattet werden.

Damit verglichen wäre die oben angesprochene Trennung des KIT in die ursprünglichen Partner Forschungszentrum (FZK) und Technische Universität (TU) fast nur ein Klacks, der innerhalb eines Jahres zu bewerkstelligen wäre - sofern die beteiligten Politiker zustimmen würden. Dafür müsste lediglich das sogenannte KIT-Gesetz geändert bzw. aufgehoben werden, ein Gesetz des Landes Baden-Württemberg, welches seit 25. Juli 2009 gültig ist. Es regelt die Zusammenarbeit der TU Karlsruhe mit der Großforschungseinrichtung FZK. Beide Organisationen wären dann - wie früher - wieder selbstständig, dürften jedoch punktuell im Forschungsbereich kooperieren.



Das ehemalige Forschungszentrum Karlsruhe
(Der Hardtwald kommt bedrohlich näher)

Von einer Auftrennung könnte man erwarten, dass FZK und TU wieder in "ruhiges Fahrwasser" gelangen würden. Das war während der vergangenen zehn Jahre KIT nicht der Fall. Allein schon die lange Strecke der amtierenden KIT-Chefs während einer einzigen Dekade - Popp, Hippler, Maschuw, Umbach, Hanselka - ist dafür Beweis genug. Und, dass kürzlich der Präsident Hanselka sogar in einem persönlichen Rundschreiben (Nr. 23/2016) am Schwarzen Brett von internen gegensätzlichen Diskussionen bei der Vertragsverlängerung eines Vizepräsidenten (Dr. Breuer) berichten musste, lässt tief blicken.


Was macht das KIT mit seinem vielen Geld?

Das KIT erscheint finanziell opulent ausgestattet. Jedes Jahr fließt fast eine Milliarde Euro in diese Institution, gespeist aus Mitteln des Bundes, des Landes und aus Drittmitteln. Im Jahr 2015 waren es, präzise zitiert, insgesamt 860,8 Millionen Euro, wovon 428,4 Mio an den Universitätsbereich und 432,4 Mio an den Großforschungsbereich gingen. Was macht das KIT mit dem vielen Geld? Einigermaßen transparent ist, von außen gesehen, nur der Bereich der Uni. Dort werden ca. 25.000 Studenten ausgebildet, die von etwa 400 Professoren betreut werden.

Schwierig ist der Durchblick  beim sogenannten Großforschungsbereich, dem ehemaligen Forschungszentrum. Dort soll nach dem KIT-Gesetz Großforschung betrieben werden, wobei unter § 2 deutlich der Aufbau von Forschungsanlagen gefordert wird. Aber wo sind diese? Sicherlich, es existieren im FZK die Großprojekte "Katrin" und "bioliq" sowie "Anka"- aber diese wurden längst vor der Gründung des KIT aufgebaut. Inzwischen sind die beiden Erstgenannten zeitlich um ein Jahrzehnt verzögert und die Strahlenquelle Anka wurde (angeblich aus Budgetgründen) im vorigen Jahr drastisch dezimiert. Neue, auch äußerlich sichtbare Großprojekte scheinen nicht hinzugekommen zu sein. Jedenfalls nicht von jenem Kaliber, welche kürzlich im Mitarbeitermagazin "Dialog 3. 2016" auf gruselige Weise abgebildet wurden. (Hat VP Breuer bereits die Photoredaktion wegrationalisiert?). Die dort gezeigten fünf großen Forschungsanlagen waren weltweit bekannt. Von den Mitarbeitern des früheren Kernforschungszentrum wurden sie für weniger als 900 Millionen DM errichtet. Das ist - fiktiv gerechnet - ziemlich genau ein Jahresetat des gegenwärtigen Großforschungsbereich.
Wo bleiben die äquivalenten KIT - "Leuchttürme"? 
Where is the beef, Professor Hanselka?

Ungeachtet der Gesamtverantwortung des KIT-Chefs H., gibt es aber noch zwei Vizepräsidenten, in deren Ressort der Aufbau von neuen Forschungsanlagen direkt fällt. Dies sind die Professoren Oliver Kraft und Thomas Hirth, einschließlich der ihnen zugeordneten Bereichsleiter. Gewiss, die Erstgenannten sind erst seit Jahresbeginn im Amt, aber die 100-Tage-Frist ist längst abgelaufen. Bis dato hört man aus ihrem Umfeld nichts zur Planung neuer Großprojekte.

Stattdessen wird in den Regionalzeitungen großräumig über die künftige Einsparung etlicher Dienstleistungseinheiten berichtet, was auch zu dem eingangs beschriebenen "Go-in"  im Stil der 70er Jahre geführt hat. Doch schon eine überschlägige Finanzabschätzung lässt erkennen, dass selbst die vollständige Eliminierung dieser Kleingruppen dem KIT allenfalls eine (Sachmittel-) Einsparung von wenigen hunderttausend Euro pro Jahr erbringen würde. Bei einem Jahresetat von 860 Mio wären das "pea nuts" - um im Jargon des ehemaligen Deutsche Bank Manager Hilmar Kopper zu sprechen.

Im Jahresbericht 2015 des KIT kann man viele der oben geschilderten Sachverhalte nachlesen. Der Bericht ist im letzten Teil (Zahlen und Fakten) durchaus informativ, ansonsten (im Bildbereich) recht "kopflastig". Was den Hauptteil (Lehre und Forschung) angeht, erscheint er mir zu "soft" -  um nicht zu sagen: technophob.
Wurde er von einem Germanisten geschrieben?


Fazit

Bilanziert man die zehnjährige Geschichte des KIT, so muss man leider feststellen, dass das Forschungszentrum (jetzt KIT Campus Nord) immer mehr zu einem bloßen Anhängsel der Universität (Campus Süd) geworden ist. Manche sprechen sogar von einer "verlängerten Werkbank".

Metaphorisch gesprochen: früher ähnelten die Partner FZK und TU wendigen Schnellbooten, die sich in ihrem Forschungsambiente sicher bewegten und eine weltweite Identität besaßen. Daraus ist ein träger Dampfer geworden, der auf dem Weltmeeren umher irrt und sich nicht mehr schnell genug auf die forscherischen Erfordernisse einstellen kann.

KIT ist eine monströse Super-Struktur, die leider auch eine lähmende Bürokratie zur Folge hat.

Die Absicht der Gründerväter des KIT, eine Forschungseinrichtung wie die 80-fache amerikanische  Nobelpreisuniversität MIT zu schaffen, wird nicht gelingen. Die Wahl des Namens KIT wirkt aus dieser Sicht eher anmaßend, ja geradezu peinlich.

Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe hat auch für diese Situation einen Spruch parat:

Getretener Quark wird breit, nicht stark.

Sonntag, 23. Oktober 2016

Klaus Traube verstorben

Dr. Klaus Traube, der ehemalige Atommanager, ist am 4. September 2016 im Alter von 88 Jahren verstorben.


"Alles wandelt sich.
Neu beginnen kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen.
Und das Wasser, das du in den Wein gossest,
kannst du nicht mehr herausschütten.

Was geschehen ist, ist geschehen.
Das Wasser, das du in den Wein gossest,
kannst du nicht mehr herausschütten,
aber alles wandelt sich."

                                 Bertold Brecht


(Vorspruch auf der Todesanzeige seiner Familie)



Klaus Traube (1928 - 2016)


De mortuis nil nisi bene

Dienstag, 11. Oktober 2016

David und Goliath

Den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen - kurz gesagt: den Freihandel zwischen verschiedenen Ländern - gibt es erst seit knapp hundert Jahren. Der Wegfall der Zölle an den Landesgrenzen und die Vereinheitlichung der Produktstandards wird im allgemeinen positiv gesehen. Aber diese "Globalisierung" birgt auch unübersehbar ihre Risiken. Sind die Geschäftspartner unterschiedlich groß, dann kann der Mächtigere dem Unterlegenen sehr leicht seine Bedingungen diktieren und ihn, unter fadenscheinigem Vorwand, sogar zum Kadi zwingen. Dies geschieht derzeit zwischen US-amerikanischen und deutschen bzw. europäischen Firmen und ist deshalb so bedeutungsvoll, weil eine weitere Ausbaustufe des Freihandels - das sogenannte TTIP-Abkommen - unmittelbar vor der Ratifizierung steht.


Schwache deutsche Unternehmen

Wie riskant das unternehmerische Agieren auf dem internationalen Parkett sein kann, wird am Beispiel von drei deutschen Unternehmen beschrieben, nämlich den Firmen Volkswagen, Deutsche Bank und der ehemaligen Baufirma Bilfinger. Ein viertes Unternehmen, Vattenfall, ist in Schweden beheimatet und nutzt die US-amerikanische Gerichtsbarkeit, um die Bundesrepublik Deutschland auf eine Milliardensumme zu verklagen.

Das Unternehmen Volkswagen AG hat jahrelang Dieselautos so manipuliert, dass sie nur auf dem Prüfstand die Abgasgrenzwerte einhalten, auf der Straße aber erheblich mehr Schadstoffe ausstoßen. Der Betrug flog im September 2015 in den USA auf und Volkswagen gestand die Manipulation ein. Weltweit sind 11 Millionen Fahrzeuge betroffen, die meisten davon in Europa. Seit Bekanntwerden dieses Fehlverhaltens ist der Börsenwert von VW um zehn Prozent abgesunken. Die Behörden in den USA verlangten von VW die exorbitante Summe von 13 Milliarden Euro als Wiedergutmachung, insbesondere wegen zu erwartender Umweltschäden.  Die US-Großkanzlei Jones Day durchleuchtet derzeit das Unternehmen minutiös und befragt zahlreiche VW-Mitarbeiter. Die Verdächtigungen reichen bereits bis zu Audi und Porsche, ja, sogar Bosch wurde seit kurzem in das Verfahren einbezogen. Vieles spricht dafür, dass man von US-Seite die Gelegenheit nutzen möchte, die gesamte deutsche Autoindustrie über massive Schadensersatzforderungen klein zu halten.
Uncle Sam: "I shall get you"




In einer noch schlimmeren Situation befindet sich die Deutsche Bank, einstmals die Bank Nr. 1 in Deutschland und eine der größten Banken weltweit. Sie hat seit der "Blütezeit" unter Josef Ackermann 90 Prozent ihres Aktienwertes verloren und ist praktisch ein Übernahmekandidat für ausländische Institute - sofern diese überhaupt wollen. Ein Großteil ihres Vermögens wurde durch hochriskante Investmentgeschäfte verloren, zumeist an der Wall Street und in London. In letzter Zeit wird die Deutsche Bank von den US-Behörden beschuldigt, illegale Hypothekengeschäfte ausgeführt zu haben, wodurch es angeblich vor knapp zehn Jahren zur Weltfinanzkrise gekommen ist. Darüber hinaus wird ihr die Mitwirkung an Geldwäschegeschäften vorgeworfen. Dafür hat die US-Justiz eine Strafe von 14 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Wie und ob die Bank diese horrende Summe aufbringen kann, ist derzeit in der Diskussion. Es ginge wohl nicht ohne den Verkauf des "Tafelsilbers", worunter die Postbank und die DWS Fondsgesellschaft verstanden wird. Auch eine Insolvenz wird nicht zur Gänze ausgeschlossen, was die gesamte deutsche Wirtschaft hart treffen könnte. "Die deutsche Industrie als Exportweltmeister braucht die Deutsche Bank, die uns bei unseren Geschäften in die Welt hinaus begleitet", sagte kürzlich der BASF-Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Hambrecht.

 Die frühere Baufirma Bilfinger, welche einst ganze Stadtviertel in der katarischen Hauptstadt Doha errichtet hat, kam schon unter dem einstigen Vorstandvorsitzenden Roland Koch ins Visier der US-Behörden. Im afrikanischen Ölland Nigeria soll dieses Unternehmen beim Bau von Pipe-Lines nigerianische Regierungsvertreter bestochen haben. Seither hat Bilfinger Abgesandte des FBI und Anwälte von verschiedenen US-Kanzleien in seinen Büros - zum Stundensatz von bis zu tausend Dollar. Zur bereits gezahlten Strafe von 32 Millionen Dollar sollen weitere 50 Millionen kommen. Noch zusätzliche zwei Jahre wollen die US-Kontrolleure in den Dokumenten der Mannheimer Zentrale herumwühlen. Tom Blades, der nunmehrige Bilfinger-Chef tat kürzlich den bezeichnenden Ausspruch: "Das ist wie Hygiene in einem Krankenhaus; man kann das Thema nie zu den Akten legen".

Ein besonderer Coup ist dem schwedischen Energieversorger Vattenfall gelungen, der eine Zeitlang in Deutschland die beiden Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel betrieben hat. Als die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2011 - im Nachgang zu Fukushima - die vorzeitige Stilllegung dieser Atomkraftwerke anordnete, reichte Vattenfall eine Schadensersatzklage bei einem Schiedsgericht in Washington, USA, ein. Die Anspruchsgrundlage für die Kläger ist die sogenannte "Energie-Charta", welche einstmals von der Bundesrepublik unterzeichnet wurde und welche "stets eine faire und gerechte Behandlung von Investoren" vorsieht. Die Klage erfolgte vor einem US-Gericht, weil Vattenfall dort wesentlich höhere Entschädigungszahlungen erwartet.


Starke amerikanische Unternehmen

Fehlverhalten bei großen Unternehmen gibt es auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans. Nachstehend werden einige US-Konzerne herausgegriffen, gegen die Sanktionen der EU-Kommission unternommen oder in Erwägung gezogen wurden.

Apple, dem größten Wirtschaftsunternehmen der Welt wird von der EU vorgeworfen, dass es seine Gewinne in den europäischen Staaten von Anbeginn nach Irland transferiert hat, dort aber keine Steuern bezahlt. Inzwischen soll, einschließlich Zinsen, eine Steuerschuld von 20 Milliarden EURO aufgelaufen sein. Das vergleichsweise arme Irland verzichtet gezwungenermaßen auf die Eintreibung dieser Schuld, weil nur unter dieser Bedingung Apple weiterhin seine Geschäfte von diesem Inselstaat aus betreiben will. Apple weigert sich, trotz EU-Androhungen, in Europa Steuern zu bezahlen und hat stattdessen seine Betriebsgewinne in die USA verlagert, um dort - steuerfreie - Wertpapiere zu kaufen. Der Ausgang dieses Streits ist offen, insbesondere wegen der ängstlichen Haltung des Sitzlandes Irland. Inzwischen nutzen auch Google und Facebook das Steuerschlupfloch Dublin.

Dem Unternehmen Google werfen die EU-Kartellwächter unfairen Wettbewerb in seinem Kerngeschäft mit den Suchmaschinen vor. Im Umfeld dieser Internet-Suche macht Google einen Jahresumsatz vom 75 Milliarden Euro in Europa, wobei die Werbeanzeigen das meiste Geld einbringen. Die EU-Kommission bemängelt, dass konkurrierende Suchmaschinen, wie Bing und Yahoo, keinen adäquaten Platz in der Werbung haben. Stattdessen ist Google mit 95 Prozent Verbreitung nahezu Monopolist. Dies stößt, ebenso wie die Vorinstallierung des Web-Browsers Google Chrome auf allen möglichen Internetgeräten, auf heftige Kritik bei der EU-Kommission. Bei dem anhängigen Wettbewerbsverfahren droht Google eine Strafe von zehn Prozent des Jahresumsatz. Der mächtige Konzern Google ist bislang aber keineswegs eingeknickt, obwohl das Sanktionierungsverfahren sich bereits einige Jahre hinzieht.

Den allergrössten Schaden hat die US-Investment-Bank Goldman Sachs  der EU zugefügt, indem es Griechenland einen gigantischen Betrug zu Lasten der Euroländer ermöglichte. Vor der Jahrtausendwende befand sich Griechenland in der misslichen Lage, ein zu hohes Haushaltsdefizit für den Eintritt in die Eurozone zu besitzen. Daher beauftragte die griechische Regierung die US-Bank Goldman Sachs, dieses Problem zu "lösen" um den Maastricht-Kriterien zu genügen. Gesagt, getan: Goldman Sachs bot den Griechen eine verdeckte Finanzierung in Form eines hochspekulativen Derivategeschäfts an. Im Jahr 2001 wurde Griechenland, unter der Regierung Schröder/Fischer in die Eurozone aufgenommen, nachdem auch der deutsche Finanzminister Eichel diesen Deal nicht durchschaut hatte. Seitdem musste Griechenland - aus dem Steuersäckel - mit insgesamt 240 Milliarden Euro gestützt werden. Goldman Sachs wurde bislang von der EU-Kommission juristisch nicht belangt.


Schlussbetrachtung

Vergleicht man die Geschäftsverbindungen zwischen USA und Europa (bzw. Deutschland), so wird offenbar, dass die Europäer - und noch mehr die Deutschen - nahezu in allen Facetten die schwächeren  Partner sind. Nachstehend werden einige Parameter aufgezählt, bei denen dieses Missverhältnis besonders deutlich wird:

1.  Die amerikanischen Unternehmen sind wesentlich größer und können im Bedarfsfall mehr Macht ausüben (Siehe Irland). Insbesondere die US-Internetfirmen, wie Apple und Google, besitzen den riesigen Marktwert von über 500 Milliarden Euro, während die größten deutschen Konzerne um den Faktor 5 bis 10 darunter liegen.

2.  Der Verbrauchermarkt ist in den USA (mit ca. 350 Mio Einwohnern) und Europa (mit ca. 500 Mio) in etwa gleich groß. Allerdings wird Großbritannien (50 Mio) nach seinem Brexit Probleme haben, als internationaler Marktplatz Ernst genommen zu werden.

3.  Die Gerichte und Schiedsgerichte sind in den USA wesentlich rigider als in Europa. VW wird dort als "Umweltsünder" mit 13 Milliarden pönalisiert; demgegenüber gelingt es Europa nicht, die Stadt New York wegen andauernder Versenkung von Plastikmüll in den Atlantischen Ozean vor Gericht zu zwingen.

4.  Die USA dürfen auf die Bankdaten der Europäer seit 2009 im Rahmen des sogenannten Swift-Abkommens ungehindert zugreifen und decken dabei so manches Schmiergeldgeschäft konkurrierender Firmen in Europa auf. Umgekehrt wird der EU keine Kontrolle der zuweilen dubiosen Finanzströme in den USA zugebilligt.

All diese Diskrepanzen werden hoffentlich bei der Endverhandlung des neuen Freihandelsabkommens TTIP noch zur Sprache kommen. Falls nicht - dann hat George Orwell mit seiner Sentenz in "Farm der Tiere" (1945) recht:

Alle Tiere sind gleich,
aber manche sind gleicher.




 







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