Samstag, 17. Februar 2018

Warum ist das Eis so rutschig?

Bei der gegenwärtigen Winterolympiade mag sich mancher die Frage stellen, warum Schlittschuhe und Schier so gut gleiten. Und die Antwort scheint naheliegend: So wie Öl die Reibung des Autogetriebes verringert, so fördert eine dünne Wasserschicht auf der Eisoberfläche das Gleiten der Schier und der Schlittschuhe. Diese Antwort ist im Prinzip richtig, führt aber schon zur nächsten Frage:

Woher kommt diese Wasserschicht, welche das Gleiten ermöglicht?


Druckschmelzen

Eine Antwort auf diese Frage wird heute noch in manchen gymnasialen Physiklehrbüchern angeboten - ist aber falsch. Dort behauptet man zuweilen: Weil sich das Gewicht des Eisläufers nur durch die sehr schmalen Kufen auf das Eis überträgt, ist der Druck auf das Eis so hoch, dass es lokal aufschmilzt. Damit entsteht ein dünner Wasserfilm, auf dem die Kufen (bzw. Schier oder Schlitten) dann leicht zu gleiten vermögen. Diese Druckaufschmelzung ist auch bei Gletschern bekannt, welche durch ihr eigenes Gewicht eine Schmiere geschmolzenen Wassers auf dem darunter liegenden Felsgestein erzeugen, auf der sie dann ins Tal gleiten.

Was bei Gletschern funktioniert, muss aber auf das Eislaufen noch lange nicht zutreffen. An der Universität lernt man bei den Anfängervorlesungen in Physik, dass man bei diesem Problem die Gleichung von Clausius-Chapeyron anwenden sollte. Sie stellt den Zusammenhang zwischen dem Druck auf das Eis und der Verminderung des Schmelzpunktes her. Demnach erzeugt ein Eisläufer mit 75 Kilogramm Gewicht und dessen Schlittschuh-Kufen eine Auflagefläche von 6 Quadratzentimeter haben, auf dem Eis einen Druck von 12 bar. Dieser würde, gemäß Clausius-Chapeyron, den Schmelzpunkt des berührten Eises aber nur um knapp ein Zehntel Grad verringern. Das ist zur Herstellung einer Wasserschicht jedoch viel zu wenig, denn schon bei Eistemperaturen von wenigen Grad unter Null wäre Eislaufen dann nicht mehr möglich. (Selbst ein Pferd auf Kufen käme nicht ins Gleiten). Im Übrigen stünde man bei der Druckschmelzung schon bei Stillstehen nach kurzer Zeit in einer Wasserpfütze, was erfahrungsgemäß nicht der Fall ist.


Schmelzen durch Reibung

Heute weiß man, dass die Reibungswärme den wesentlichen Beitrag zur Bildung der Wasserschicht liefert. Die Schlittschuh- bzw. Rodelkufen erzeugen auf dem Eis Reibungswärme, bringen die Oberfläche des Eises zum Schmelzen und generieren dadurch einen dünnen Wasserfilm. In Experimenten konnte tatsächlich nachgewiesen werden, dass die Reibung an der Schnittstelle Kufe/Eis das überfahrene Eis zum Schmelzen bringt. Ein typischer Eisläufer verflüssigt mit der Reibungswärme bis zu 12 Kubikmillimeter Eis entlang seiner Kufe und erzeugt dadurch einen Wasserfilm von 0,04 Millimeter Dicke. Vermutlich ist dieser Film nach kurzer Zeit sogar noch dünner, weil das Schmelzwasser, wegen des Gewichts des Schlittschuhläufers, seitlich herausgedrückt wird und damit nicht zum Gleitprozess beiträgt.


Kunst auf Kufen

Oberflächenschmelzen

Druck und Reibung können jedoch nicht die einzige Erklärung für das rutschige Eis sein. Es muss noch einen dritten Beitrag geben. Das merkt man, wenn man sich beim ersten Betreten der Eisfläche auf den Hosenboden setzt:  die schmierende Schicht auf dem Eis scheint unabhängig von Gewicht, Temperatur und Bewegung zu sein. Denn das Eis ist - auch ohne äußere Einwirkungen, wie Kufen und Schier - von einem dünnen, flüssigen Film überzogen. Den darf man sich nicht wie eine Pfütze vorstellen, sondern es handelt sich um eine Wasserschicht, die nur wenige Moleküllagen dick ist.

Zur Erklärung sei folgendes gesagt: während die Wassermoleküle im Eisinneren regelmäßig angeordnet und gegeneinander fixiert sind, verlieren sie an der Oberfläche (also an der "Luft") ihren Zusammenhalt. Sie befinden sich zwar auf dem darunter liegenden Eiskristallgitter - sind aber beweglich. Dieser Wasserfilm ist also eine Phase mit ungeordneten, leicht verschiebbaren Molekülen. Er verleiht dem Eis seine Rutschigkeit. Mit komplizierten Apparaturen (Röntgendiffraktometer, Synchrotronstrahlenquellen etc.) haben die Physiker erst in den letzten Jahren diese Schicht erforscht. Sie ist nur wenige Nanometer (nm) dick, wobei 1 nm einem millionstel Millimeter entspricht. Ab minus 38 Grad verliert diese Oberflächenschicht allerdings ihre Beweglichkeit und hemmt damit das Schlittschuhlaufen.

Glücklicherweise ist es in Pyeonchang nur minus 20 Grad kalt.
Deshalb gilt die Prognose: Schi und Rodel gut!

Freitag, 9. Februar 2018

General Electric wird von Siemens überholt

Die beiden Konzerne General Electric (GE) und Siemens zählen zu den ältesten und renommiertesten Unternehmen im Industriebereich. Sie sind seit 126 Jahren (GE) bzw. 171 Jahren im Geschäft und an ihrem Anfang standen berühmte Erfinder. Im Falle von Siemens war es der Namensgeber Werner Siemens, bei GE Thomas Alva Edison, unter anderem der Erfinder der Glühbirne.

Inzwischen sind aus den anfänglichen Elektrofirmen Energieunternehmen geworden und nach der Diversifikation in Gebiete wie Medizin, Transport und Versicherungen bezeichnet man diese Unternehmen als Mischkonzerne bzw. Konglomerate. Im weltweiten Konkurrenzkampf hatte häufig GE die Nase vorn, jedoch in den letzten Jahren gelang es Siemens den ewigen Rivalen - gemessen am Jahresgewinn - zu überrunden. Die Firmengeschichte der vergangenen vier Jahrzehnte (insbesondere bei GE) ist Gegenstand dieses Blogs.


Aufstieg und Abstieg bei GE

Die beiden Unternehmen GE und Siemens waren von Anbeginn heftige Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Dessen ungeachtet verfolgten sie zumeist verschiedene Strategien, was auch mit den Persönlichkeiten an der Spitze zusammen hing. Bei GE waren dies in dem betrachteten Zeitbereich Jack Welch, Jeff Immelt und John Flannery.

Jack Welch,  ein Chemiker, war von 1981 bis 2001 als Chief Executive Officer (CEO) bei GE am Ruder und agierte dort als gnadenloser Antreiber und "Super-Kapitalist". Damit stand er im Einklang mit dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan, einem strammen Verfechter des Laissez-faire-Kapitalismus. In seiner Ägide ergänzte Welch die traditionellen Geschäftsbereiche Kraftwerke, Turbinen, Transport und Medizin um das Feld Finanzierung. Letzteres war im Positiven wie im Negativen schicksalhaft für die Firma, doch darüber später. Während der 20-jährigen Amtszeit von Welch stieg der Jahresumsatz von 27 Milliarden Dollar auf 130 Milliarden und der Börsenwert des Unternehmens von 13 auf 400 Milliarden. Gleichzeitig verringerte er den Personalstand des Konzerns von 400.000 auf 300.000 Beschäftigte. Die Maximierung des "Shareholder-Value", also des Nutzens für die Aktionäre, war seine vorrangige Unternehmensstrategie. Daraus resultierte der Spitzname von Welch als "Neutronen-Jack" - in Anspielung auf die Neutronenbombe, welche die Menschen auslöscht, aber Gebäude und Maschinen unversehrt lässt.


                                                             Jack Welch (1981 - 2001)

Eine von Welchs Geschäftsprinzipien war: fix it, sell it or close it. Wenn ein schwächelnder Geschäftsbereich innerhalb von zwei Jahren keine ausreichenden Gewinne machte, dann wurde er entweder verkauft oder geschlossen - und die Beschäftigten entlassen. Seine Mitarbeiter teilte er in drei Kategorien ein: die ersten 20 Prozent, die "Stars", erhielten Boni; die mittlere Schicht von 70 Prozent wurde "gefordert und gefördert"; die restlichen zehn Prozent, die Schlechten ("Lemons") wurden gnadenlos gefeuert. Im Jahr 1999 wählte das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" Jack Welch zum "Manager des Jahrhunderts". Nur sieben Jahre später, als sich auch in Amerika der Zeitgeist verändert hatte, titelte das gleiche Magazin: "Sorry Jack, wir haben uns getäuscht, dein Führungsstil hat ausgedient". Der Manager konnte dies ertragen, denn bei seinem Abgang nach 20 Jahren statteten ihn seine dankbaren Aktionäre mit einem Rentenpaket von 400 Millionen Dollar aus!

Jeff Immelt, ein studierter Mathematiker, dirigierte GE von 2001 bis 2017. Mit der von Welch gegründeten Unternehmenstochter "GE Capital" war ihm ein riskantes Erbe hinterlassen worden. Zuerst ging alles gut, denn in den ersten Jahren trug diese Tochter satte 60 Prozent zum Gesamtwachstum bei. GE besaß gewissermaßen eine firmeneigene Bank und konnten seinen Kunden für gekaufte Kernkraftwerke, Turbinen oder Waschmaschinen gleich eine passende - und für GE höchst rentable - Finanzierung anbieten. Bald kamen weitere Finanzdienstleistungen hinzu, wie Autokredite, Kreditkartenverkauf und Hypotheken, ja, sogar Pflegeversicherungen. Das Geld floss so reichlich, dass sich der CEO Immelt nun auch einige private Extravergünstigungen leisten konnte. So flog er nicht nur im eigenen Firmenjet zu diversen Veranstaltungen, sondern ließ nicht selten ein - leeres - Ersatzflugzeug hinterher fliegen. Bei der Wallstreet kam dieser Exzess allerdings weniger gut an.

Die globale Finanzkrise 2008 traf den Konzern mit voller Wucht. GE hatte sich sein Geld für die Kundenkredite unter anderem bei der nun bankrotten Bank Lehman Bros über kurzfristige Schuldverschreibungen geliehen und war somit plötzlich illiquide. Jeff musste die Regierung in Washington dringend um Hilfe bitten und diese tat es nur unter teuren Auflagen. GE war fortan gezwungen, seine "cash-cow" GE Capital bis zur Unkenntlichkeit zu schrumpfen. "Tough luck" hatte Immelt auch mit dem Erwerb der französischen Gasturbinenfabrik Alstom, denn er schnappte sie Siemens zu einem viel zu hohen Preis weg. Und als 2014 auch noch der Ölpreis von 120 Dollar pro Barrel auf mickrige 30 Dollar absank, wurde auch der Firmenbereich "Öl und Gas" notleidend. Plötzlich fehlten 31 Milliarden Dollar in der firmeneigenen Pensionskasse und die Schieflage von GE wurde für jeden erkennbar. Die Aktionäre hatten nun genug von diesen CEO ohne Fortune und schickten ihn 2017 in den Ruhestand. Nicht ohne ihm 82 Millionen Dollar an Pensionsansprüchen und ein weiteres Aktienpaket von 39 Millionen Dollar in die Hand zu drücken. (Verglichen mit seinem Vorgänger Jack Welch war Jeff trotzdem als armer Rentner stigmatisiert).


John Flannery, ehemals für die Medizintechnik bei GE tätig und erfahren in Finanzdingen, wurde am 1. August 2017 als neuer CEO berufen und soll seine Firma nun aus dem tiefen Loch heraushelfen. Denn Eile tut not, die 6 Milliarden Dollar Verlust haben Aktienkurs und  Börsenwert um fast 50 Prozent in die Tiefe rauschen lassen. Die vielen Rentner der GE, welche ihren Ruhestand, wie in den USA üblich, insbesondere durch Aktienerträge finanzieren, stehen unter Schock. Einige Entscheidungen (mit Symbolwert) hat Flannery bereits getroffen: die Firmenjets und  Dienstlimousinen wurden abgeschafft. Von erheblich höherer Bedeutung ist jedoch die Restrukturierung des Unternehmens. Die General Electric der Zukunft soll schlanker werden, dafür müssen eine Reihe von Tochterfirmen verkauft werden, um Geld in die Kasse zu spülen. Beibehalten möchte Flannery auf alle Fälle die Flugzeugtriebwerke, die Medizintechnik und die Gasturbinen. Alles andere steht zum Verkauf.
Der Ikone General Electric droht der Zerfall! 


Siemens auf holpriger Überholspur

Die Entwicklung bei Siemens - ebenfalls seit den 1980er Jahren betrachtet - verlief weniger glamourös als beim Konkurrenten General Electric. Siemens war damals klarer Zweiter hinter seinem amerikanischen Rivalen, auch was die Entlohnung des Spitzenpersonals anlangt. Veröffentlichte Zahlen sind zwar selten, aber man schätzt, dass bis zum Jahr 2000 die Siemens-Chefs ein Jahresgehalt von 2 bis maximal 5 Millionen DM bezogen und mit einer Million (oder darunter) in den Ruhestand verabschiedet wurden. Geradezu "pea-nuts" im Vergleich zu den Super-Honoraren der GE-Kollegen Jack Welch und Jeff Immelt.

Karlheinz Kaske, Vorstandsvorsitzender von 1981 bis 1992, war Physiker und promovierte an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Der Konzernumsatz bei Siemens war 1986 auf 50 Milliarden DM angewachsen und durch den Ankauf verschiedener Elektronikfirmen (wie Nixdorf) mutierte das Unternehmen allmählich vom Elektro- zum Elektronikkonzern. Unter der Ägide Kaske lieferte Siemens/KWU seine grössten Kernkraftwerke (KKW) aus, nämlich Neckarwestheim, Emsland und Isar 2, welche allesamt eine Leistung von 1.3000 bis 1.450 Megawatt besaßen. Insgesamt baute Siemens in 6 Ländern mehr als 30 Kernkraftwerke, die alle eine ausgezeichnete Sicherheitsbilanz hatten. GE war mit weltweit 90 KKW zwar zahlenmäßig erfolgreicher, hat aber die berühmt-berüchtigten Atommeiler von Fukushima in seinem Portefeuille. (Wobei man vermerken muss, dass für die zu niedrigen Tsunami-Wälle in erster Linie der japanische Bauherr verantwortlich war.)


Heinrich von Pierer agierte als Siemens-Chef von 1992 bis 2005. Er war Jurist sowie Volkswirt und entstammte einer österreichischen Adelsfamilie; sein Langname lautet demgemäß:
Heinrich Karl Friedrich Eduard Pierer von Esch.
Pierer strukturierte das operative Geschäft bei Siemens in die fünf Hauptbereiche: Energie, Verkehr, Medizin, Beleuchtung sowie Automatisierung und Regelung. Bei den Halbleitern wurde die Infineon AG verselbstständigt; von den Dänen 2004 eine Windkraftfirma als Knowledgebasis übernommen.

                                                Heinrich von Pierer (1992 - 2005), 
                                                       Klaus Kleinfeld (2005 - 2007), li.

Leider war die ansonsten durchaus erfolgreiche Ära Pierer von einigen unerfreulichen Schmiergeldaffären überschattet. Im Jahr 1996 machte der Stadtstaat Singapur öffentlich, dass Siemens für die nächsten fünf Jahre keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten würde. Als Grund wurden Bestechungen in Millionenhöhe angegeben. Wesentlich schwerwiegender war der unten b
eschriebene sogenannte "Schmiergeldskandal", welcher 2005 bekannt wurde, als v. Pierer (altersbedingt) den Vorstandsvorsitz abgeben musste und sogleich - als Vorsitzender - in den Aufsichtsrat wechselte.


Klaus Kleinfeld leitete Siemens von 2005 bis 2007. Er entstammte einer Arbeiterfamilie und war studierter Diplomkaufmann. Er musste die volle Härte der polizeilichen und juristischen Aufarbeitung des Schmiergeldskandals erdulden. Denn am 15. November 2006 stürmten 200 Staatsanwälte, Polizeibeamte und Steuerfahnder in 30 Gebäude der Siemens AG und durchwühlten dort die Geschäftsunterlagen. Angeblich fanden sie verschlüsselte Beweise für die Handhabung geheimer Schmiergeldzahlungen an Geschäftskunden. So lautete die handschriftliche Randnotiz "Legen Sie das in Datei APP ab", dass Schmiergelder in Höhe von 2,55 Prozent des Lieferpreises genehmigt seien (A=2, P=5). Den zehn Buchstaben des Schlüsselworts MAKEPROFIT war der Ziffernfolge 123456789 zugeordnet. Das Landgericht München verurteilte Siemens zu einer Strafzahlung von 201 Millionen Euro, was die Firma umgehend akzeptierte.

Ex-Chef v. Pierer, in dessen Ägide die Bestechungen stattgefunden hatten, wusste angeblich von nix, ihm war nichts nachzuweisen. Trotzdem akzeptierte er eine Bußgeldzahlung von 5 Millionen Euro, galt damit aber nicht als vorbestraft. Später schrieb er ein Buch über diese stürmische Zeit unter dem bezeichnenden Titel "Gipfel-Stürme" (bei Econ). Schlimmer erging es einigen seiner Vorstandskollegen, die zeitweise im Gefängnis landeten und hohe Geldstrafen zu leisten hatten. So sollte der ehemalige Finanzvorstand Hans-Joachim Neubürger 15 Millionen Euro Strafe zahlen. Nach einer Aufsichtsratssitzung stürzte er sich in München-Harlaching von einer 30 Meter hohen Eisenbahnbrücke in den Tod.

Klaus Kleinfeld gefiel sein Job bei Siemens immer weniger. Er verkaufte - voreilig - die Handysparte "Siemens Mobil" an das taiwanische Unternehmen BenQ, welches ein Jahr später bankrott machte. Damit vernichtete er nicht nur tausende von Arbeitsplätzen in Deutschland, sondern gab auch ein strategisches Pfund aus der Hand. Nach gut zwei Jahren als Vorstandsvorsitzender von Siemens warf Kleinfeld das Handtuch und wanderte in die USA aus. Dort war er die nächsten zehn Jahre nicht ohne Erfolg als Chef des Aluminiumkonzerns Alcoa tätig.


Peter Löscher, (2007 - 2013) war der nächste Vorstandsvorsitzende bei Siemens und der erste, welcher nicht aus dem Unternehmen kam. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wollte jemanden, der garantiert nicht durch die Korruptionsvorgänge belastet war und der Österreich Löscher, welcher bislang fast nur im Pharmafirmen gearbeitet hatte, schien der Richtige zu sein. Er sollte (auch mit Hilfe der sündhaft teuren US-Anwälte) den Schmiergeldskandal aufarbeiten und ein wirksames Überwachungssystem einrichten. Dies gelang in den folgenden Jahren, wenn auch unter hohen Kosten. Es stellte sich heraus, dass unter den Vorgänger-Chefs v. Pierer/Kleinfeld ca. 1,5 Milliarden Euro an Bestechungsgelder geflossen waren; die daraus erwachsenen Kosten und Strafzahlungen, u. a.  an die Wall-Street-Börsenaufsicht, beliefen sich auf fast 3 Milliarden. Mit Hilfe des früheren Finanzministers Theo Waigel gelang es, ein modernes "Compliance"-System einzurichten, welches bis heute wirksam ist.

Löschers Ägide war durch zwei externe Ereignisse charakterisiert: die Finanzkrise 2008 sowie die Energiewende 2011. Bei der Finanzkrise konnte Siemens noch recht gut gegensteuern, da man -im Gegensatz zum Konkurrenten GE - kaum Kundenfinanzierung im Angebot hatte. Die Energiewende traf Siemens jedoch frontal, weil in der Kraftwerksbranche der Absatz der großen gewinnbringenden Turbogeneratoren dramatisch zurück ging. Löscher wollte dagegen halten, indem er das Thema "grüne Infrastruktur" aufnahm. Aber die Umsätze fielen weiter und als er 2013 innerhalb von drei Monaten zwei Gewinnwarnungen herausgeben musste, beschloss der Aufsichtsrat die sofortige Ablösung des glücklosen CEO. Da Löschers Vertrag noch bis 2017 lief, konnte der Österreicher eine (für damalige Verhältnisse) riesige Abfindung von 30 Millionen Euro heraushandeln, worunter 13 Millionen in Aktien bestand.


Joe Kaeser, (ab 2013),  ist geborener Niederbayer, wohnt in der Oberpfalz (Regen) und ist Betriebswirtschaftsabsolvent der Fachhochschule Regensburg. Seit 1980 bei Siemens, verbrachte er einige Jahre in ranghoher Position in den USA, war danach unter Löscher Finanzvorstand und hat dort sicherlich einiges abgenickt.

Als Vorstandsvorsitzender für den Siemenskonzern standen bei Kaeser stets Umsatz und Gewinn im Vordergrund. Diese beiden bilanzielle Hauptgrößen stiegen unter Kaeser sprunghaft an:
der Umsatz von 75 Milliarden Euro (2015) auf 80 Mrd. (2016) bis 83 Mrd. (2017) und
der Gewinn von 6 Milliarden Euro (2015) auf 7,4 Mrd. (2016) bis 8,1 Mrd. (2017).

Durch diesen Gewinn von 8,1 Milliarden Euro im Jahr 2017 hat Siemens seinen Dauerrivalen General Electric klar überholt, nachdem GE im gleichen Jahr  einen Verlust von 6 Milliarden Dollar eingefahren hat.

Quod erat demonstrandum!---Siehe Überschrift.

Samstag, 27. Januar 2018

"Erst das Land, dann die Partei"

Dieser altruistisch anmutende Spruch stammt von dem SPD-Politiker Willy Brandt. Als der ex-Kanzler 1992 von einem Journalisten gefragt wurde, ob er die ausladende Finanzierung der deutschen Wiedervereinigung durch Kanzler Helmut Kohl unterstützen würde, bejahte der Oppositionspolitiker dies und platzierte damit die parteitaktische Erwägungen hinter die damaligen Erfordernisse des Landes.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel verlängerte diese Sentenz, als er 1996 von einem Pressevertreter (ironisch) danach gefragt wurde, weshalb er bei der abermaligen Ernennung zum Landeschef durchgefallen sei, indem er trocken antwortete: "Erst kommt das Land, dann kommt die Partei und ganz zum Schluss erst die Person". Teufel gewann übrigens die zweite Auflage der MP-Wahl noch am gleichen Tag ganz locker und war bis zum Juni 2001 ein sehr erfolgreicher Ministerpräsident.


"Die Welt wartet nicht auf uns"

Mit Fassungslosigkeit blicken die deutschen Bürger derzeit nach Berlin, wo die Spitzenpolitiker von fünf Parteien seit mehr als vier Monaten darum ringen, eine Regierung zu bilden. Merkels Aufruf "Beeilt euch, die Welt wartet nicht auf uns" verhallte fast ungehört. Wenn es ab jetzt besser laufen sollte, dann kann man (vermutlich) ab Ostern 2018 mit einer neuen Regierung rechnen - vielleicht aber auch nicht, sodass es dann wohl Neuwahlen im Herbst diesen Jahres geben muss.

Viele Hoffnungen ruhten auf dem 4er-Bündnis "Jamaika". Aber nach fünf Wochen sogenannter "Sondierungen" beschloss der Jungspund Christian Lindner (FDP) - zur Überraschung aller -  auszusteigen. Seine Begründung hat nur wenige überzeugt, was auch am Absacken des FDP-Wahlergebnisses von 10,7 Prozent auf 8 % abzulesen ist.
Da waren Lindners berühmte Vorgänger Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher aus ganz anderem Holz geschnitzt. Mit bloßen 5,8 Prozent an Wählerstimmen bei der Bundestagswahl 1969 taten sie sich mit der SPD (42,7 %) zusammen und bildeten (vorbei an den Wahlgewinnern CDU/CSU mit 46,1 %) die erste sozialliberale Regierung, welche mit ihrer "Ostpolitik" historische Verdienste einheimste.

Nun sind auch die Sondierungen zwischen SPD und CDU/CSU zu Ende gegangen. Den Sozialdemokraten reichte das Ja des 45-köpfigen Bundesvorstands zum Verhandlungsergebnis noch nicht, ebenso wie die folgende Zustimmung der Bundestagsfraktion mit ihren 153 Mitgliedern. Weil in dieser Partei seit langem jeder jedem misstraut, bedurfte es eines 650-köpfigen Sonderparteitags, um das Sondierungsergebnis abzusegnen. Dies gelang am vergangenen Sonntag mit dem mageren Resultat von 56 Prozent Ja-Stimmen. Nun beginnen die mehrwöchigen Koalitionsverhandlungen mit unsicherem Ausgang. Ein Ja-Ergebnis muss von der Mehrheit der 450.000 SPD-Mitglieder bestätigt werden. (Ebenso, übrigens, wie vorher bei Jamaika: dort wären 64.000 FDP-Mitglieder aufgerufen worden, über 80 Millionen Deutsche zu entscheiden.)

Mit den Koalitionsverhandlungen entscheidet sich auch das Schicksal des gegenwärtigen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Erst am 19. März 2017 gewählt - aber mit sensationellen 100 Prozent!!! - könnte er binnen Jahresfrist schon wieder hart bei Null aufschlagen. Schulz wäre nicht der einzige Kurzfrist-Parteichef der SPD. Nach Willy Brandt hat die SPD bis jetzt bereits 11 Vorsitzende verbraucht: Vogel, Engholm, Rau, Scharping, Lafontaine, Schröder, Müntefering, Beck, Steinmeier, Müntefering, Gabriel. Martin Schulz würde das Dutzend voll machen.
Bei der CDU war man vergleichsweise sparsam. Im gleichen Zeitraum gab es nur drei Vorsitzende: Kohl, Schäuble, Merkel. Und von diesen ist Merkel noch im Amt!


Die Kosten der Bundestagsabgeordneten

Man darf sich fragen, weshalb unsere Politiker partout keine Regierung bilden wollen. Werden sie von uns Wahlvolk etwa zu schlecht entlohnt?  Nun, ich habe mich aus seriösen Quellen kundig gemacht und komme für den überwiegenden Teil der Bundestagsabgeordneten ("Hinterbänkler") zu folgenden

A. Monatlichen Bezügen:

9.542 Euro:  Entlohnung bzw. "Diät"; sie steigt jeweils automatisch zur Mitte des Jahres.

4.318 Euro:  Steuerfreie Kostenpauschale für Büroausstattung im Wahlkreis; steigt ebenfalls automatisch.

1.000 Euro:  Büroausstattung im Bundestag für Computer, Smartphone, Schreibmaterial etc; darf alles privat genutzt werden.

20.870 Euro:  für Gehaltszahlungen an Personal (Sekretärin, Referent etc)


B. Nebenleistungen an Bundestagsabgeordnete:

Büroausstattung:  Neben der Kostenpauschale haben alle Abgeordnete Anspruch auf ein eingerichtetes Büro im Reichstag in der Größe von 54 Quadratmetern für sich und ihre Mitarbeiter samt Möbelausstattung und Kommunikationsmitteln.

Reisekosten:  Bahncard 1. Klasse, auch für persönliche Urlaubsfahrten verwendbar; dazu Inlandsflüge 1. Klasse.

Übergangsgeld:  Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag gibt es bis zu 18 Monate Übergangsgeld.

Altersversorgung:  Abgeordnete zahlen keine Beiträge zu ihrer Altersversorgung; monatlich werden 5 bis 6.000 Euro in einen Fonds einbezahlt. Bereits nach einem halben "Arbeitsleben" erhält ein MdB den maximalen Pensionsanspruch von 67,5 Prozent der Diät, derzeit ca. 6.441 Euro pro Monat.


C. Verdeckte Nebenleistungen:

Funktionszulagen: für Vorsitzende der Fraktionen und Ausschüsse

Zuschuss an Fraktionen (sogenanntes "Kopfgeld" in fünfstelliger Höhe)

Dienstwagenflotte des Bundestags: Steht jedem MdB zur Verfügung.


Im Fazit bleibt festzustellen, dass man als Bundestagsabgeordneter zwar nicht zum Millionär wird,
aber von den Steuerzahlern doch ganz ordentlich entlohnt wird. Zu "Regierungsstreik", wie derzeit  beobachtbar, besteht also keine Veranlassung.


Das aufgeblähte Parlament

Regulär besteht der Bundestag aus 598 Abgeordneten. Davon werden 299 in den Wahlkreisen direkt gewählt, weitere 299 kommen über die Parteilisten der Länder hinzu. Dem gegenwärtigen Bundestag gehören jedoch 709 Abgeordnete an, also 111 mehr als es sein sollten. Schuld daran sind die sogenannten "Überhangsmandate" . Sie entstehen, wenn eine Partei bei der Wahl mehr Direktmandate über die Erststimmen erhält, als ihr Sitze im Bundestag gemäß der Anzahl der Zweitstimmen zustehen. Klingt kompliziert und wird auch nicht dadurch einfacher, dass es noch dazu die sogenannten "Ausgleichsmandate" gibt. Die 111 Überhangsmandate teilen sich alle sieben im Bundestag vertretenen Parteien nach folgendem Schlüssel:  CDU 36, SPD 22, FDP 15, AfD 11, Grüne 10, Linke 10 und CSU 7. Der Bund der Steuerzahler schätzt die Mehrkosten, welche in dieser Wahlperiode allein durch diese Zusatzpöstchen entstehen auf satte 300 Millionen Euro.


Das überfüllte Parlament


Das Bundesverfassungsgericht hat diese Aufblähung des Parlaments mehrfach gerügt und Reduktion verlangt. Ohne Erfolg! Alle Abgeordnete sind sich offensichtlich darin einig, es bei dem "XXL-Bundestag" zu belassen. Die Bürger werden nicht gefragt und haben keinen Einfluss. Das letzte Mal hat der scheidende Parlamentspräsident Norbert Lammert im Frühjahr 2017 - also noch vor der Wahl - auf reduzierende Maßnahmen gedrungen, kam aber mit seinen Vorschlägen nicht durch. Dabei wäre eine Änderung schon durch die Verringerung der Wahlkreise (z. B. auf 400) zu erreichen. Wahlrechtsexperten sagen voraus, dass der Bundestag (falls das Wahlrecht beibehalten wird) im Wahljahr 2021 auf mehr als 800 Abgeordnete anschwellen wird. In diesem Fall wird der zusätzliche Platz im Abgeordnetensaal nicht mehr allein durch Schreiner zu bewerkstelligen sein - sondern man wird Maurer benötigen!


Verlängerung der Legislaturperiode

Kurz vor der letzten Bundestagswahl haben sich die Fraktionsspitzen aller Bundesparteien für eine Verlängerung der Wahlperiode von vier auf fünf Jahre ausgesprochen. Inzwischen stimmten auch die Neuparteien AfD und FDP in diesen Chor ein. Die Führungen der SPD und CDU begründeten eine solche Reform wie folgt: "Die Verlängerung würde der Komplexität vieler Gesetze gerecht und sinnvolle Nachsteuerungen wären noch vor der nächsten Wahl möglich. Hinzu käme, dass nach einer Bundeswahl mehr Zeit für Koalitionsverhandlungen verbliebe und diese nicht zu Lasten der Regierungszeit ginge". Gleichzeitig wurde vorgeschlagen, die Regierungszeit der Kanzler - wie in den USA - auf  (maximal) zwei Legislaturperioden zu begrenzen.

Sicherlich würde die Verlängerung der Legislaturperiode mehr Kontinuität bei der Parlamentsarbeit bringen. Aber man sollte sie nicht zu früh (und nicht unkonditioniert) zulassen. Sie wird nämlich von den gleichen Politikern gefordert, welche seit Jahren die überfällige personelle Deckelung des Bundestags verhindern und keine Anstalten machen, die unsäglichen Überhangmandate abzuschaffen. Das Parlament muss kleiner werden - erst dann sollte man über längere Legislaturperioden nachdenken. Wünschenswert wäre auch die Schaffung der Möglichkeit durch gezielte Abgabe der Zweitstimme die Parteilisten durcheinander wirbeln zu können, welche häufig in geheimen Hinterzimmern aufgestellt wurden.


Anderswo läuft´s anders

Beim deutschen Parlamentswesen läuft vieles schief. Wenden wir, zum Vergleich, den Blick nach draußen - zum Beispiel in die USA.

Das dortige Repräsentantenhaus, vergleichbar mit unserem Bundestag, umfasst (konstant!) 435 Abgeordnete. Überhangs- oder Ausgleichsmandate gibt es dort nicht. Aber diese Abgeordneten tragen die politische Verantwortung für ein Land, welches - mit 350 Millionen(!) - fast vier Mal so viele Einwohner hat wie die Bundesrepublik Deutschland.
Und die Bezüge dieser Politiker?
Sind mit (umgerechnet) 11.000 Euro nahezu gleich groß wie bei uns.

Mittwoch, 10. Januar 2018

BITCOIN? - Was ist das eigentlich?

Wer frühzeitig auf die virtuelle Währung BITCOIN gesetzt hat, konnte ohne Mühe Millionär werden. Inzwischen herrscht weltweit Goldgräberstimmung. Der Bitcoin ist zum Spekulationsobjekt geworden. Neue virtuelle Währungen entstehen, welche diesen Erfolg kopieren wollen. Hinter den mit Computern generierten Kryptowährungen steht eine Technologie namens BLOCKCHAIN. Experten glauben, dass die Blockchain viel mehr kann. Mit ihr kann man offensichtlich nicht nur Finanzprodukte kreieren, sondern auch die Banken, Finanzinstitute und Versicherungen samt der öffentlichen Verwaltung umfassend verschlanken und umorganisieren - bis hin zu deren (eventueller) Abschaffung.


Der ominöse Mr. Satoshi Nakamato

Bitcoin ist gewissermaßen die "Mutter" aller Kryptowährungen, das heißt von Geld, welches - in verschlüsselter Weise -  mit Computern erzeugt wird. Die Idee wurde vor zehn Jahren in einem wissenschaftlichen Journal (siehe Faksimile-Abbildung) von jemandem unter dem japanisch anmutenden Namen Satoshi Nakamoto vorgestellt. Damals, im Jahr 2008, befand sich die Welt wegen der globalen Finanzkrise in Aufruhr und den klassischen "FIAT-Währungen" (also Dollar, Euro, Yen etc.) wurde nur noch wenig Vertrauen entgegengebracht. Inzwischen stellte sich heraus, dass es den Autor namens Satoshi Nakamoto so nicht gibt. Er hat offensichtlich unter einem Pseudonym publiziert; seine wahre Identität ist, trotz großer Anstrengungen, bis heute nicht aufgedeckt.

Über den Bitcoin gibt es Veröffentlichungen und Bücher in großer Zahl, die allerdings zumeist in der englischen Sprache verfasst sind. Demzufolge haben sich fast für alle Fachbegriffe die englischen Bezeichnungen durchgesetzt. In diesem Blog sind dies - neben bitcoin - die Begriffe peer to peer, wallet, miner, blockchain und ledger, wofür ich an den jeweiligen Stellen (inoffizielle) deutsche Übersetzungen benutze.



Der Anfang von Satoshi Nakamotos Veröffentlichung


Zielsetzung und Grundlagen der Bitcoin-Technologie

Der Erfinder des Bitcoin - nennen wir ihn weiter Nakamoto - wollte mit seinem künstlichen Geld erreichen, dass Weltfinanzkrisen künftig nicht mehr möglich sein sollten. Den nationalen Notenbanken sollte ihr Monopol zur "Geldschöpfung" entrissen werden und die Regierungen sollten nicht mehr in die Lage versetzt werden (bei selbstverschuldeten Krisen) die Banken auf Kosten der Steuerzahler, also des "kleinen Mannes", zu retten.

Dafür begründete Nakamoto eine neue Währungseinheit, den Bitcoin. Er ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine anfassbare Münze ("coin"), sondern der Bitcoin existiert nur "kryptisch", also in verschlüsselter Form, auf unserem Computern. Nakamoto definierte ihn als: 
digitale Geldeinheit in einem weltweiten dezentralen Zahlungssystem.
Das Regelwerk für dieses Währungssystem, also der Computer-Code, liegt offen und für jeden Nutzer einsehbar als "open source" vor. Jeder, der einen PC oder ein Smartphone besitzt, kann sich kundig machen und sich an der Bitcoin-Technologie beteiligen. Dass dies nicht so ganz einfach ist, sei nur am Rande erwähnt.

Damit der Bitcoin nicht (wie die allermeisten FIAT- und Papiergeldwährungen) durch Inflation seinen Wert verliert, oder von den Noten- und Geschäftsbanken "missbraucht" wird, hat N. in sein virtuelles System einige Sperren eingebaut. So dürfen bis zum Jahr 2041 maximal 21 Millionen Bitcoins ausgegeben werden, wobei heute - angesichts des Zulaufs dieser Währung - allerdings bereits 16 Millionen im Umlauf sind. Des weiteren sollte der Bitcoin jedem Computerbesitzer für Zahlungen und Überweisungen zur Verfügung stehen. Aber: nicht durch Einspeisung der jeweiligen Summe in das globale (und undurchsichtige) Bankensystem sondern als Überweisung von Person zu Person, englisch: peer to peer, bzw. p2p.


Die Wallets

Will man an Bitcoin-Finanzgeschäften teilnehmen - etwa zum Zwecke von Geldüberweisungen oder um Anlagespekulationen zu tätigen - dann benötigt man ein Konto, welches im virtuellen Raum als "wallet" bezeichnet wird. Dieses Wallet ist eine Art Geldbörse und wird nur auf dem eigenen PC oder Smartphone gespeichert. Das hat u. a. den Vorteil, dass kein Externer (also auch keine Bank!) darauf zugreifen kann. Auch andere Einschränkungen, wie die Limitierung der Überweisungshöhe, welche bei einem Girokonto durchaus üblich ist, kennt das Wallet nicht. Jeder Teilnehmer im Bitcoingeschäft ist sozusagen Herr seines eigenen Geldbeutels und kann problemlos Bitcoins in beliebiger Anzahl in die entferntesten Gegenden von Afrika oder Australien senden - sofern der Empfänger einen internetfähigen Computer mit Wallet besitzt.

Die Eröffnung eines Wallets geschieht in der Regel online nach bekannten Regularien. Das Konto wird nicht unter dem Klarnamen geführt, sondern ist extrem gut verschlüsselt, jedenfalls besser als die einst in der Schweiz und Lichtenstein üblichen Nummernkonten.  Früher konnte diese Geldbörse auch mit Bitcoins gefüllt werden, die man am eigenen Computer erzeugte. Das ist nun nicht mehr möglich, da diese Aufgabe jetzt von den Großrechenanlagen "übernommen" wurde, deren Stromaufnahme nicht selten die Leistung von Atomkraftwerken übertrifft. Deshalb wird der durchschnittliche Kleinanleger heute gezwungen, sich an einer (zumeist) asiatischen Börse mit Bitcoins einzudecken. Nicht selten entstehen dabei allerlei Wechselkurs- und Transaktionskosten, welche die Rentabilität erheblich schmälern können.


Zentrale Begriffe:   Block, Blockchain, Miner, Ledger

Kommen wir nun zur technischen Umsetzung beim Bitcoin.
Dazu muss man wissen, dass weltweit zu jeder Sekunde viele Bitcoin-Überweisungen (auch "Transaktionen" genannt), zwischen den im Netzwerk beteiligten Personen getätigt werden. Diese Transaktionen werden in sogenannten "blocks"  (deutsch: Blöcke) zu einer "blockchain" (Blockkette) zusammengefasst. Bevor sie zur Zahlung angewiesen werden, müssen sie jedoch zuerst auf ihre Gültigkeit und Fehlerfreiheit überprüft werden. Diese Aufgabe zur Validierung der Blöcke obliegt dem sogenannten "miner" (Schürfer) wofür diese (Plural!) - im Wettbewerb - eine Entlohnung in Bitcoins erhalten.  Der Begriff Miner ist vom Goldbergbau hergeleitet, wo die (Gold-) Schürfer für ihre mühevolle Tätigkeit ebenfalls (oftmals in Gold-Nuggets) bezahlt werden.

An der Validierung der Blocks arbeiten immer viele Miner gleichzeitig - aber nur einem einzigen gelingt diese Aufgabe. Dafür müssen die Miner den Block "knacken", d. h. entschlüsseln. Dies ist nach dem Algorithmus des Bitcoin-Begründers Nakamoto eine sehr aufwendige Angelegenheit, wofür aber nur der erste, dem dies gelingt, entlohnt wird. Dafür erhält er aus dem oben genannten 21-Millionen-Bitcoin-Depot für seine Leistung eine gewisse Anzahl von Bitcoins auf seinem Wallet gut geschrieben. Alle anderen gehen leer aus! Vor zehn Jahren, zur Entstehungszeit der Bitcointechnologie, konnte sich noch jeder Besitzer eines Microsoft-PC  mit Erfolg am Miningprozess beteiligen und sein Wallet mit Bitcoins füllen. Heute haben nur noch die gigantischen Serverzentren in China und anderswo eine wirkliche Chance.

Alle Zahlungen, die jemals im Bitcoinsystem getätigt wurden, sind im sogenannten "ledger" gespeichert, was in etwa mit "Zahlungs- oder Kassenbuch" zu übersetzen ist. Dieses besteht aus drei Kolonnen: der Gesamtheit der Absender und Empfänger der Transaktionen sowie der Höhe der Bitcoinüberweisungen. Das Ledger ist von allen Beteiligten weltweit einzusehbar, allerdings sind die Wallets der Sender und Empfänger verschlüsselt, also nicht mit Klarnamen identifizierbar. Durch kunstvolle Verschlüsselung der Zahlungsblöcke können die Bitcoinzahlungen stets und auf Dauer nachgewiesen werden. Diese ist einer der Gründe, warum  man beim Bitcoin von einer "Kryptowährung" spricht.


Inhärente Probleme des Bitcoin

Volatilität:  Die Kursschwankungen des Bitcoin sind beträchtlich und laden zur Spekulation ein. Wer in den sechs Wochen um Weihnachten 2017 einen Betrag von 100.000 US-Dollar in Bitcoin angelegt hat, der konnte in wenigen Wochen sein Portefeuille auf 200.000 $ vergrößern - um in weiteren wenigen Wochen wieder auf 100.000 $ zurückzufallen.
Bitcoin ist die ideale Geldform für Spekulanten und Zocker. Menschen, die ihr Geld langfristig anlegen wollen, sollten dies keinesfalls in Bitcoin tun.

Verlustrisiko:  Im Vergleich zu Aktien und sonstigen Anlageformen hat der Bitcoin ein wesentlich erhöhtes Verlustrisiko: der Wert eines Bitcoin-Wallet kann (theoretisch) bis auf Null absinken. Bei der Anlage in Aktien verbleibt (selbst bei Insolvenz des Unternehmens) immer noch ein Restwert der Firma; bei einem Festgeldkonto garantieren die Banken über die gesetzliche Einlagensicherung, einen Restwert von mindestens 100.000 Euro, die es beim Bitcoin nicht gibt.

Cyperkriminalität:  Der Verzicht auf jegliche staatliche Überwachung und Regulierung des Bitcoin lädt zur Cyperkriminalität im Internet ein. Illegaler Waffenkauf, Drogenhandel, Geldwäsche bis hin zum Terror können noch risikoloser abgewickelt werden, als dies bisher bereits im sogenannten "Dark Net" der Fall ist.
Hinzu kommen Sicherheitslücken bei Computern und Chips, wovon derzeit die amerikanischen Unternehmen Apple und Intel betroffen sind. Durch sie kann (zumindest zeitweise) das ganze Bitcoin-Netzwerk zusammenbrechen.

Kleinrechner versus Großrechner:  Die ursprüngliche Idee des Bitcoin-Begründers Satoshi Nakamoto ist weitgehend abhanden gekommen. Wegen des hohen Rechenaufwands (Operationen pro Sekunde) ist die Erzeugung von Bitcoins am "heimischen PC" nur noch eine Mär. Die Blocks können nur noch von Großrechner innerhalb von Minuten entschlüsselt werden, welche sich derzeit an so unzugänglichen Standorten wie der Inneren Mongolei und den Schweizer Alpenhöhlen befinden. Ca. 20 Prozent der bislang erzeugten Bitcoins im Wert von 4o Milliarden Dollar befinden sich angeblich im Besitze von wenigen (unbekannten) Personen. Sie werden clever auf den Markt gebracht, um - antizyklisch -  die Spekulation anzuheizen.
Und die technische Aufrüstung der Großrechner geht weiter. Inzwischen arbeiten renommierte IT-Firmen wie Apple und Google am sogenannten Quantencomputer. Er würde, vermöge seiner gigantischen Rechenkraft, jedes private Wallet in Kürze leeren - und auf die Besitzer der Großrechner umleiten.

Keine globale Finanzkrise durch Bitcoin:  Die immer wieder geäußerte Vermutung, dass durch die Verbreitung des Bitcoin eine neue Weltwirtschaftskrise (ähnlich wie 2008) ausgelöst werden könnte, ist, zumindest jetzt und in naher Zukunft unberechtigt. Der Börsenwert des Bitcoin schwankt - je nach Kurs - zwischen 200 und 400 Milliarden Dollar. Er liegt damit "nur" beim halben Jahresumsatz der weltweit größten Firma Apple. Aber selbst beim plötzlichen Totaluntergang dieses renommierten Unternehmens wäre man noch meilenweit von einer globalen Finanzkrise wie im Jahr 2008 entfernt.

Ist das Ende des Bitcoin nahe?  Eher nicht! Für einen Abgesang des Bitcoin ist es noch zu früh. Dieser Hype wird noch eine geraume Zeit andauern. Denn: Die Idee des Begründers Satoshi Nakamoto war schlichtweg genial. Ohne Einflussnahme der nationalen Notenbanken, der Geschäftsbanken und der Regierungen gestattet das Bitcoin-System große Mengen an Geld zu geringen Kosten von A nach B zu transferieren. Platt gesprochen: ein Gauner in Kasachstan kann einem anderen Gauner in Simbabwe - für krumme Zwecke - riesige Geldbeträge zukommen lassen. Und zwar ohne, dass die jeweiligen Regierungen - und die Finanzämter! -  dies verhindern könnten. Vorausgesetzt: beide besitzen ein Smartphone, wovon man heute aber ausgehen kann.
Und die Kursschwankungen? Sind die nicht abschreckend? Ganz im Gegenteil! Jeder Kursverfall animiert neue Spekulanten zum Kauf von Bitcoin, weil diese der Meinung sind, sie würden es besser machen als die "armen looser", indem sie rechtzeitig von der Kurswelle abspringen. (Was ihnen natürlich nur höchst selten gelingt). Deshalb: keine Sorge, der Bitcoin wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben - zusammen mit vielen anderen virtuellen Währungen.


Konkurrierende Digitalwährungen

Die ganze Welt redet über Bitcoin. Klar, denn ein Plus von 1.318 Prozent Wertzunahme - allein im Jahr 2017 - lässt Anlagen im deutschen DAX mit 13 % Jahresgewinn recht mickrig erscheinen. Trotzdem, Bitcoin war im Jahresschnitt nicht die erfolgreichste Digitalwährung. Das war Ripple mit sagenhaften 36.018 %, vor  anderen, wie Dash, Ethereum, Litecoin etc. Derzeit gibt es (fast) 1.400 Kryptowährungen!

Anders als Bitcoin basiert Ripple nicht auf der Blockchain und wird nicht "gemint", also nicht durch Computer erzeugt. Ripple versucht das bestehende Geldsystem auf die Online-Währung zu übertragen. Die Verbindlichkeiten werden in einem öffentlichen Register aufgezeichnet, welches auf allen Computern des Ripple-Netzwerkes gespeichert ist. Erst wenn zwei Leute sich ausreichend vertrauen, kann Geld überwiesen werden. Vertrauen sich zwei Personen nicht genügend, so versucht das Netzwerk eine "Vertrauenskette" zu bilden. Beispiel: Person 1 vertraut Person 2 nicht ausreichend, will ihr aber Geld überweisen. Vertrauen beide Personen aber einer Person 3, dann wird die Transaktion über diese Person 3 abgewickelt. Auf diese Weise sickern die Zahlungen (englisch "to ripple") durch das Netzwerk hindurch. Die interne Währung XRP gilt dabei als Brückenwährung und somit als interne Verechnungseinheit.

Getragen wird die Kryptowährung Ripple von mehreren Investoren, darunter Google.
Als Berater wirkt der ehemalige CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg.











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Die Verhunzung der Residenzstadt Karlsruhe

Karlsruhe ist eine der letzten großen europäischen Stadtgründungen auf dem Reißbrett. Der Legende nach träumte Markgraf Karl Wilhelm 1715 im Hardtwald bei Durlach von einem prachtvollen Schloss, das sonnengleich im Zentrum seiner neuen Residenz liegen sollte. Er realisierte seine Vision und die Stadtanlage ist glücklicherweise bis heute erhalten. Das Barock-Schloss liegt im Zentrum eines Vollkreises, von dem aus 32 Straßen und Alleen in alle Himmelsrichtungen verlaufen. Das südliche Viertel des Kreises bildete das bebaute Stadtgebiet und erstreckte sich bis zur heutigen Kaiserstraße. Der Grundriss erinnert an einen Fächer, weswegen Karlsruhe den Beinamen "Fächerstadt" führt. Ab 1771 war Karlsruhe die Residenz der gesamten Markgrafschaft Baden.

Mit Friedrich Weinbrenner konnte man 1797 einen genialen Architekten gewinnen, der das klassizistische Karlsruhe über ein Vierteljahrhundert prägte. Der Marktplatz mit der evangelischen Stadtkirche sowie dem Rathaus und der zur "Via Triumphalis" ausgebauten Nord-Süd-Mittelachse zählt zu den markantesten klassizistischen Platzanlagen in Europa. Weinbrenner wandelte die kleine markgräfliche Stadt Karlsruhe in die großherzogliche Residenzstadt für Baden um.


Architektonische Sünden - einst und jetzt

Im vergangenen Jahrhundert hat sich Karlsruhe stark verändert. Natürliches Wachstum, aber auch die beiden Weltkriege und Zeiten mit wenig sensiblem Bewusstsein für die Vergangenheit, haben deutliche Spuren im Gesicht der Stadt hinterlassen. Gerade in den 1960er Jahren wurde viel erhaltenswürdige Bausubstanz ohne allzu große Rücksicht auf die Historie vernichtet. In Deutschland fielen in jenen Jahren mehr Gebäude der Spitzhacke zum Opfer als in den beiden Kriegen zusammen!

Hoch bedauerlich war die Zerstörung der Altstadt. Das sogenannte "Karlsruher Dörfle" entstand als Siedlung für die am Schlossbau beteiligten Handwerker und Tagelöhner. Die Bausubstanz entsprach nie den Vorstellungen der Obrigkeit - ging doch seit jeher in den Straßen des Dörfles auch das "älteste Gewerbe der Welt" seiner Arbeit nach. Im Zuge der Altstadtsanierung (dem größten Projekt seiner Art) wurde in den 1960er Jahren konsequent fast das ganze Dörfle dem Erdboden gleich gemacht. Neue, ziemlich seelenlose, Gebäude und Straßen stehen jetzt auf dem Grund des ehemaligen Dörfles, an dessen verlorenen Charme sich manch einer der Älteren noch gerne erinnert.

Auch die Verbreiterung mancher Straßen - um Karlsruhe "autoverkehrsfähig" zu machen - hat viel historische Bausubstanz gefordert. Zu nennen ist die Kriegsstraße, wo der wuchtige Bau der Heinrich-Hübsch-Schule (1983 bis 1985 von Heinz Mohl im Rahmen der Altstadtsanierung gebaut), den Platz einstiger Wohnhäuser eingenommen hat. Die zur Kriegsstraße senkrecht verlaufende Fritz-Erler-Straße wurde anfangs fast autobahnähnlich ausgebaut und musste später, durch allerhand bautechnische Tricks, wieder künstlich verengt werden.

Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, welche das Karlsruhe Stadtbild schon jetzt und auch in Zukunft sehr negativ beeinflussen wird, wurde Anfang der 1990er Jahre getroffen. Um den innerstädtischen Autoverkehr zu reduzieren, beschloss die Stadtverwaltung den verstärkten Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV). Obschon im Prinzip richtig, wurden damals eine Reihe fehlerhafter Maßnahmen eingeleitet, welche heute noch nachwirken. Unter dem 1. Bürgermeister Heinz Fenrich und seinem Straßenbahnchef  Dieter Ludwig wurde nämlich beschlossen, nicht nur die städtischen Tramlinien, sondern auch die regionalen S-Bahnen vorzugsweise durch die Karlsruher Einkaufs- und Flaniermeile, die Kaiserstraße zu führen.

Als Folge kam es zu permanenten Staus in der Innenstadt zwischen Marktplatz und Europaplatz, wozu auch die eigens angeschafften monströsen S-Bahn-Waggons beitrugen. Statt die Fahrrouten der S-Linien mehr zum Süden hin aufzufächern, beging das genannte Duo einen weiteren Fehler, indem sie die Planung einer Unterpflasterbahn durch die Kaiserstraße in Angriff nahm. Nach einer gescheiterten und einer (halbwegs) erfolgreichen Bürgerbefragung wurde im Jahr 2010 mit dem Bau der sogenannten "Kombilösung" begonnen. Sie beinhaltet im Wesentlichen eine 2,4 Kilometer lange U-Bahn unter der Kaiserstraße zwischen Durlacher Tor und Mühlburger Tor mit einem kurzen Südabgang, sowie einen Autotunnel unter der benachbarten Kriegsstraße und eine darüber liegende Trambahntrasse.


Bestandteile und Lage der Kombilösung

Mächtige Rampen, riesige Bahnhöfe

Bei einer U-Bahn (und sei sie die Kleinste der Welt, wie in KA gespöttelt wird) mag sich das Meiste zwar unterirdisch abspielen, aber die monströsen Bauten tun der Stadt auch an der Oberfläche Gewalt an und verändern ihr Gesicht und ihren Charakter. Während der Errichtung sowieso (siehe nächsten Abschnitt), aber auch nach der Fertigstellung. Da sind die tief einschneidenden Rampen zu nennen auf denen die Straßenbahnen unter die Erde rollen beziehungsweise aus ihr hervorkommen. In der Ettlinger Allee trennen sie die Südstadt vom Stadtgarten, in der Durlacher Allee entstellen sie den Stadtraum zwischen Bernhardus- und Lutherkirche und hinter dem Mühlburger Tor wird die Tunnelöffnung zu einem langen sperrigen Graben. Auch in der Kriegsstraße braucht man für den unterirdischen Autoverkehr weithin sichtbare Rampen und die darüber liegende Bahntrasse mit den mächtigen Oberleitungen sind auch kein ästhetischer Anblick.

Auch der Marktplatz, das Herz der Stadt, wird in seiner Symmetrie durch die Aufbauten der U-Bahn zerstört. Vor dem Portikus der Evangelischen Stadtkirche wird ein Eingang mit massiven Brüstungen aus dem Boden auftauchen und vor dem gegenüber liegenden Rathaus ist ein Kubus für einen Fahrstuhl vorgesehen, der die Pyramide des Stadtgründers recht klein erscheinen lässt. Schließlich soll der Marktplatz nicht mehr mit rotem Sandstein, sondern mit grauem Granit gepflastert werden, um den Schwerlasttransport zu ertragen. Am Durlacher Tor werden die Masten der Oberleitungen den freien Blick auf die Bernharduskirche und den Turmberg verstellen. Bei der Universität KIT fällt das einladende Entree weg, wodurch der Campus eng und verwinkelt erscheint.



Wie groß die imposanten Untergrundbauwerke sind, hat eine kürzliche Ausstellung des Architekturfotografen Dirk Altenkirch erkennen lassen und ein FAZ-Artikel von Andreas Rossmann. Generalthema: Die Stadt Karlsruhe als Gesamtkunstwerk - Wird sie es bleiben, nach all diesen Bauten? Nun, der "Malerfürst" Markus Lüpertz, von 1974 bis 1986 Professor an der hiesigen Kunstakademie, will dabei mithelfen. Ungefragt hat er der Stadtverwaltung für die sieben U-Bahnhöfe je zwei Keramiktafeln angedient, auf denen er die Schöpfungsgeschichte "Genesis - Die sieben Tage des Herrn" darstellen möchte. Darüber wurde von Kunstbeflissenen und Laien in der Stadt monatelang heftig gestritten, bis der Gemeinderat mit 28 zu 17 Stimmen die Aufstellung genehmigte. Für erst Mal sechs Jahr - und angeblich ohne Bezahlung. Die Tafeln, etwa zwei auf gut vier Meter groß, werden in den riesigen Bahnhofshallen mit den vielen blinkenden Werbeinstallationen vermutlich so wahrgenommen werden, wie zwei aufgehängte Briefmarken in einem Saal der Kunsthalle.


Versprochen - gebrochen

Bei den Bürgerbefragungen der Jahre 1996/2002 und unmittelbar vor Baubeginn 2009 wurden von der Stadtverwaltung (Fenrich/Ludwig) und der Planungsgesellschaft KASIG zu wesentlichen Punkten des Projekts - nämlich: Belästigung der Bürger und Geschäfte durch Baustellen sowie Kosten und Zeitplan - in zahlreichen Informationsschriften Stellung genommen. All diese Versprechen haben sich mittlerweile als grob falsch herausgestellt, wie nachstehend zusammengefasst wird.

1.Belästigung durch Baustellen:
Die Projektverantwortlichen behaupteten: "Beim Bauverfahren Schildvortrieb ist an der Oberfläche der Kaiserstraße nichts zu bemerken". Oder: "Ein Großteil der Baumaßnahmen in der Kaiserstraße findet unterirdisch so gut wie unbemerkt von der Öffentlichkeit statt". Oder: "Beeinträchtigungen durch Erschütterungen und Lärm sind nicht zu erwarten". Oder: "Eine Beeinträchtigung für Anwohner, Einzelhandel und Fußgängerzone wird es definitiv nicht geben".

Tatsache ist, dass die Bürger seit Jahren unter dem Lärm und Dreck der Baustellen leiden. Die Innenstadt ist praktisch eine Kraterlandschaft, der den Einkaufsbummel zum Hindernislauf macht. Die Kaiserstraße blutet aus, viele Geschäfte mussten schließen. Vor allem die östliche Kaiserstraße ist zur Ramschmeile verkommen, wo Ein-Euro- und Handy-Läden, Spielhöllen und Imbissbuden dominieren. Postkarten mit Baustellenfotos bezeugen dies.

2. Baukosten:
Die Projektverantwortlichen haben im Jahr 2002 (vor dem Bürgerentscheid!) die Gesamkosten der Kombilösung mit 500 Millionen Euro veranschlagt. Die U-Strab allein sollte 380 Mio kosten; der Umbau der Kriegsstraße war auf 120 bis 150 Mio kalkuliert.

Tatsache ist, dass dieser Kostenplan längst überzogen wurde. Schon im April 2013 sprach der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup von 750 bis 800 Millionen Euro Gesamtkosten. Inzwischen geht man von rund 900 Millionen aus; für den Umbau der Kriegsstraße sind bereits 225 Mio kalkuliert. In den Medien kann man lesen, dass das Projekt inzwischen wohl die Milliardengrenze überschritten hat.

3. Zeitplan:
Die Projektverantwortlichen haben im Vorfeld zum Bürgerentscheid 2002 angekündigt, dass die Kombilösung zum 300-jährigen Stadtgeburtstag fertig sein würde ("City 2015"). Im Okober 2009 erklärte die Kasig, dass der Tunnelbau im Juli 2016 und die Kriegsstraße zwei Jahre später frei von Baustellen sein würde.

Tatsache ist, dass der U-Bahn-Betrieb unter der Kaiserstraße (irgendwann) zwischen den Jahren 2020 und 2025 aufgenommen werden wird; über die spätere Fertigstellung der Kriegsstraße gibt es derzeit keine verbindliche terminliche Bekanntmachungen.


Schlussbemerkungen

Der Bau der Kombilösung hat den Karlsruher Bürgern bisher schon sehr viel Nerven, Geld und Zeit gekostet - und ist dennoch überflüssig wie ein Kropf.

Stattdessen: 
hätte man die innerstädtischen (schmalen) Strassenbahnen oberirdisch durch die Kaiserstrasse dirigieren sollen - zur Freude der Nutzer, die während einer bequemen Fahrt die Auslagen der Geschäfte hätten studieren können.

Und die voluminösen regionalen S-Bahnen hätte man teils über den Kongressplatz, teils über den Hauptbahnhof leiten sollen. Ein Nord-Süd-Pendelbus vom Hauptbahnhof zum Marktplatz hätte die Kauflustigen der Umgebung zu den Geschäften der Kaiserstraße gebracht.

Dieses Modell hätte unter anderem den Charme gehabt, dass es innerhalb einer Woche umsetzbar gewesen wäre - zum Nulltarif!

Zur nervlichen Beruhigung der Karlsruher Bürger trägt ein Oberbürgermeister bei, der in seinem Normalberuf nicht etwa Bauingenieur, sondern ausgebildeter Psychiater ist. Und ein 1. Bürgermeister für die Sicherheit in den U-Bahn-Schächten, der ein studierter Theologe ist.

Nichts geht über Professionalität!




Sonntag, 10. Dezember 2017

Sind Bücher aus der Mode?

Vielleicht täusche ich mich: aber wenn man in dieser Adventszeit durch die Buchhandlungen schlendert, hat man den Eindruck, dass die Menschenschlangen an den Kassen (im Vergleich zu  früher) kürzer geworden sind. Und auch die jungen Mädchen, welche mit flinken Fingern die Bücher zu attraktiven Geschenken verpacken, haben jetzt weniger zu tun. Das Geschäft mit dem Buch brummt nicht mehr so wie ehedem. Über die Gründe dafür möchte ich in diesem Blog etwas spekulieren.


Weniger Buchhandlungen

Es ist eine statistische Tatsache, dass die gesamte Buchbranche - Händler und Verlage - seit Jahren bei einem Umsatz von 9 Milliarden Euro stagniert. Die Online-Versender, an allererster Stelle Amazon, vermögen noch leicht zuzulegen und machen damit wett, was der stationäre Buchhandel verliert. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, als Ausrichter der Deutschen Buchmesse, hat kürzlich bekannt gegeben, dass er in den vergangenen zehn Jahren ein Drittel seiner einst 7.000 Buchhandlungen und Verlage als Mitglieder verloren hat. Tendenz: weiterhin fallend. Weltweit ist die Situation ähnlich. In den USA werden von einem Debüt-Roman noch nicht einmal 2.000 Exemplare verkauft - und das in einem Land mit 325 Millionen Einwohnern.



Bücher, Bücher, Bücher

In Deutschland sind die führenden Buchhandlungen Hugendubel, Thalia und Weltbild. Hugendubel hat sein Flaggschiff auf dem Münchener Marienplatz von einst 3.600 Quadratmeter auf ein Drittel reduziert. Früher hatte das Unternehmen 100.000 Bücher im Bestand, heute nur noch die Hälfte. Auch Thalia hat Platzangebot und Sortiment restrukturiert. Und Weltbild musste im Jahr 2014 sogar Insolvenz anmelden; die Firma ging auf neue Eigentümer über. In Karlsruhe wurde kürzlich die altrenommierte Universitätsbuchhandlung geschlossen und - höchst profitabel - in eine Bäckereifiliale der "Badischen Backstub´" mit angeschlossener Café-Lounge umgewandelt. Die baubedingte rückläufige Kundenfrequenz in der Innenstadt macht vor allem dem stationären Buchhandel zu schaffen. Nicht wenige Kleingeschäfte um die Ecke sehen im Buchhandel nur noch ein nostalgisches Geschäftsmodell und geben frustriert auf. 


Weniger Bestseller

Die deutschen Buchhändler sehen dem Weihnachtsgeschäft mit Sorge entgegen. Überragende Bestseller gibt es in diesem Jahr nicht, auch wenn die angelsächsischen Autoren Dan Brown und Ken Follet durchaus das Zeug haben, den Absatz etwas zu beleben. Aber bestenfalls gleichen sie den Wegfall der Harry-Potter-Bücher vom Vorjahr aus. Das Abebben der Potter-Konjunktur ist wohl mitverantwortlich dafür, dass der Umsatz bei den Jugendbüchern in den vergangenen Wochen so abgesackt ist.--- Ganz auf Null zurück gegangen ist der Verkauf der Enzyklopädien, z. B. des 20-bändigen Brockhaus, einst der Stolz jedes deutschen Studienrats. Hier haben das Internetlexikon Wikipedia und die Suchmaschinen von Google ganze Arbeit geleistet.

Der vor Jahren beschriebene E-Book-Boom ist zur Ruhe gekommen. Etwa 5 Prozent der Deutschen laden sich solche Bücher auf Ihr Lesegerät Tolino oder Kindle herunter. Von Wachstum ist nichts zu spüren, woran auch der nur geringe Preisunterschied von gedrucktem und elektronischem Buch verantwortlich sein könnte. Auf dem anderen Teilmarkt der Hörbücher ist der Anteil noch geringer als bei den elektronischen Büchern. Positiv wird sich in Zukunft wohl die zunehmende Verbreitung der Abspielgeräte auswirken. Mit dem neuen Smartphones hat inzwischen fast jeder ein solches Gerät in der Hosentasche.


Die Smartphone Generation

Apropos Smartphone: wenn man heute durch die Straßen geht, oder mit der der Bahn fährt, kann man dauernd Jugendliche beobachten - aber selten ohne Smartphone in der Hand. Wie manisch gucken sie  permanent auf dieses flache Ding, "checken" ihre Nachrichten oder tippen selbst Mails, SMS oder Chats ein. Am Strand ein Buch zu lesen - gar eine Tageszeitung - ist für diese Generation praktisch out.

Kein Wunder, dass die neueste internationale IGLU-Studie festgestellt hat, dass es mit der Lesefähigkeit der deutschen Schüler schlecht bestellt ist. Jeder vierte Jugendliche verlässt die Grundschule, ohne richtig lesen zu können, ganz zu schweigen von der Fähigkeit zur Interpretation und Analyse von Texten. Ein Buch von hundert oder gar zweihundert Seiten wird von diesen Heranwachsenden gar nicht mehr in die Hand genommen. Wenn das vormals so gelobte deutsche Bildungssystem es nicht mehr schafft, allen Kindern das Lesen beizubringen,  wie sollen diese Menschen als Erwachsene im verschärften internationalen Wettbewerb bestehen?

Dass die Sucht zum Smartphone noch vor wenigen Jahren deutlich weniger ausgeprägt war und sich erst in letzter Zeit geradezu exponentiell entwickelt hat, zeigt sich an einer PR-Aktion, welche der bekannte Schweizer Verlag "Diogenes" noch vor fünf Jahren ungestraft veranstalten durfte. Die Verlagsmanager hatten sich vor Weihnachten eine Werbekampagne mit Karten, Postern und Tüten ausgedacht, in der sie mit einfachen Sätzen den Zeitgeist und das Lesen kommentierten. Ein Beispiel: "Während Sie dieses Buch lesen, finden Sie keine Freunde bei Facebook". Der Markt hat - damals - noch durchaus positiv und mit Amusement auf diese "Warnung" reagiert.


Einige Buchempfehlungen 

Trotz aller oben geäußerten Bedenken, ist ein gutes (und schön verpacktes) Buch als Mitbringsel immer noch das Geschenk der Wahl. Es wird allenfalls überboten von einer Flasche Champagner, die in etwa gleich viel kostet. Diese bleibt allerdings nur selten unentkorkt, während das Buch schon mal ungelesen weiter verschenkt wird.

Da wir vor dem Weihnachtsfest stehen, möchte ich es wagen, drei Bücher zu empfehlen, wovon ich die beiden ersten (keine Neuerscheinungen!) wirklich - und mit großem Genuss - gelesen habe. Da ist zunächst der 640-Seiten-Roman "Unterleuten" von Juli Zeh. (btb-Verlag, als TB 12 Euro). Es ist ein Gesellschaftsroman, der das Dorf Unterleuten im heutigen Brandenburg beschreibt. Dort gibt es (nach der Wende) viele Originale, welche anfangs gut zusammenleben, aber schließlich in heftige Streitereien geraten. Auch die Idylle kann zur Hölle werden. Fantastisch - wirklich unglaublich fantastisch -  ist der Schluss dieses Romans. Er schlägt jeden Thriller, obwohl das Buch nicht zum Genre der Krimis gehört.

Der zweite Roman, den ich empfehlen möchte, zählt nicht zur großen Literatur, aber er ist sehr spannend. Man kann ihn auf der Couch lesen und zwischendurch Glühwein und Weihnachtsplätzchen genießen. Es ist ein Thriller vom englischen Starautor Robert Harris und führt den Titel "Konklave". (Heyne-Verlag, 350 Seiten, als TB 10 Euro). Er beschreibt die Wahl eines Papstes im Vatikan, nach dem Tod des gegenwärtigen Papstes, in dem man unschwer Franziskus erkennen kann. Aus aller Herren Länder reisen die 117 Kardinäle an und begeben sich zum Konklave in die Sixtinische Kapelle. Es beginnt ein Machtpoker, bei dem viele anfängliche Favoriten scheitern und bei dem schließlich ein nahezu unbekannter Kardinal zum neuen Papst gewählt wird. Spannende Lektüre!

Auch ich lasse mir zu Weihnachten ein Buch schenken: den Tyll von Daniel Kehlmann. (Rowohlt, 474 Seiten, 23 Euro). Es ist die alte Geschichte vom Eulenspiegel", aber in neuer Aufmachung und zeitversetzt in den Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648). Tyll reist darin als Vagant, Schausteller und Provokateur durch die vom Krieg verwüsteten deutschen Lande und begegnet dabei allerlei Jongleuren, Henkern und Fürsten, also vielen sogenannten kleinen und großen Leuten. Ihre Schicksale verbinden sich in dem Roman zu einem Zeitgewebe und damit zum Epos dieser deutschen Urkatastrophe im beginnenden Mittelalter.
Warum mich das interessiert? Nun, im nächsten Jahr jährt sich der Beginn dieses Kriegs zum 400. Mal und ich möchte darüber bloggen.

Sonntag, 3. Dezember 2017

Zocken verboten

Geld anlegen, bis hin zu wetten, spekulieren, ja zocken, scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein. Wie sonst könnte man sich die Existenz der vielen Toto- und Lottostellen, bis hin zu den riesigen Casinostädten wie Las Vegas erklären. Im privaten Bereich findet die Wettleidenschaft meist ein natürliches Ende, wenn die eigenen finanziellen Ressourcen erschöpft sind. Und fast immer stellt man fest, dass die Gesetze der Wahrscheinlichkeit den Wettanbieter favorisieren. Ganz anders ist die Situation, wenn man die Möglichkeit hat mit fremden Geld zu spekulieren, beispielsweise mit Mitteln aus dem  staatlichen Bereich. Da kann man mutiger sein und höhere Einsätze riskieren. Das Ende ist aber auch hier das Gleiche: fast immer endet die Zockerei mit einem hohen Verlust.

Dies musste auch die vormalige Pforzheimer Oberbürgermeisterin Christel Augenstein und ihre Stadtkämmerin leidvoll erfahren. Vor gut zehn Jahren, als die Börsenkurse nach dem Platzen der sogenannten Internetblase wieder anstiegen, versuchten die beiden Damen, die Finanzen der Goldstadt Pforzheim durch spekulative Geschäfte aufzubessern. Dabei "geholfen" haben die beiden einst renommierten Geldinstitute Deutsche Bank und J. P. Morgan. Sie dienten ihre (hochriskanten) Finanzprodukte, wie Derivate, Swaps, Futures und Optionen an, welche große Gewinne in die Stadtkassen schleusen sollten. Das Gegenteil war der Fall. Am Ende stand ein Verlust von 57 Millionen Euro, wofür die beiden Beamtinnen kürzlich (in erster Instanz) zu Gefängnisstrafen mit Bewährung verurteilt wurden. Einen Teil ihrer Pensionen werden sie sicherlich los sein. Die Mannheimer Wirtschaftsstrafkammer bewertete das Finanzmanagement der beiden nämlich als "verbotene Spekulation", auch wenn keine persönliche Bereicherung stattgefunden hatte.

Ich warne davor, über die beiden verurteilten Amtsträgerinnen voreilig den Stab zu brechen. Was man beim Agieren mit Großbanken alles erleben kann, darüber habe ich eine eigene Geschichte zu erzählen.



Viel Geld

Es war anfangs der neunziger Jahre, als ich beim ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe zum Finanzchef für die nukleare Stilllegung ernannt wurde. Diesem eigenständigen Geschäftsbereich oblag die Aufgabe, die vier Kernkraftwerke KNK II, MZFR, KKN und HDR sowie die Wiederaufarbeitungsanlage WAK bis zur Grünen Wiese rückzubauen. Meine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, das erforderliche Geld heranzuschaffen, für die ordentliche Verwendung zu sorgen und mit den Investoren zum Jahresende abzurechnen.

Das Geld für den Abriss der Kernkraftwerke kam i. W. von Bund und Land und war jährlich anzufordern. Für die Wiederaufarbeitungsanlage WAK leistete die Chemische Industrie eine einmalige Zahlung von 1.000 Millionen D-Mark, womit die vorherige 20-jährige betriebliche Nutzung abgegolten war. Unter Abzug der Anlaufkosten ergab sich eine restliche Summe von ca. 800 Millionen DM - der sogenannte WAK-Fonds - über den ich zu wachen hatte. Diese Summe legte ich in etwa zu gleichen Teilen bei den damaligen vier Großbanken an, nämlich der Deutschen Bank, der Dresdner Bank, der Commerzbank und der Baden-Württembergischen Bank. Nach den Bestimmungen des öffentlichen Dienstes hatte dies mündelsicher zu geschehen, also durch den Kauf von Bundesanleihen und Pfandbriefen.


Allerlei Verlockungen

Meine konservative Anlegerpolitik gefiel den genannten Großbanken nicht, denn außer über Kauf- und Depotgebühren verdienten sie an der beträchtlichen Summe von 800 Millionen DM praktisch nichts. So war es kein Wunder, dass sie mich immer wieder zu Gesprächen einluden, um mir "rentablere Anlageschemen" vorzuschlagen. Zumal die Börsenkurse damals im Steigen waren und die Renditen der Festverzinslichen eher stagnierten.

Häufig vorgebracht wurde der Vorschlag zur Auflegung eines "Spezialfonds" für die WAK-Gelder. Alle großen Banken hatten seit Jahren Spezialfonds zur Vermögensverwaltung von Großkunden eingerichtet. Dies waren beispielsweise Stiftungen, Kirchen, Pensionskassen oder Versicherungen. So hatte die Deutsche Bank 1995 nicht weniger als 32 Spezialfonds etabliert, welche 3,2 Milliarden an Kundengeldern verwalteten. Dies waren im Mittel hundert Millionen DM pro Fonds, d. h. die 800 Millionen WAK-Gelder hätten für das Auflegen eines Spezialfonds dicke ausgereicht. Im Endeffekt konnten wir uns nicht zur Einbringung der WAK-Gelder in einen Spezialfonds entschließen. Meine eigene, zugegebenermaßen etwas simple Meinung zur Vermögensverwaltung durch Fremde hatte ich von meinem Vater, einem erfolgreichen Unternehmer, übernommen. Er pflegte zu sagen: "Willy, ein intelligenter Mensch gibt sein Geld nicht aus der Hand".


Explodierende Aktienkurse

Mitte der neunziger Jahre setzte ein Börsen-Boom ein, bei dem die Aktienkurse konstant in die Höhe gingen. Besonders zu beobachten war das bei Kleinunternehmen (sogenannten "start-ups") aus dem Internet, der Biochemie und dem Bankgewerbe. Sie wurden anfangs von risikobereiten privaten Kapitalgebern finanziert, aber bald von den Großbanken "unter die Fittiche genommen" und zu Aktiengesellschaften umgewandelt. Die Deutsche Börse richtete ein eigenes Börsensegment, den "Neuen Markt" (NEMAX) ein, der noch mehr in die Höhe schoss, als der konkurrierende und relativ konservative DAX 30. (Heute ist der Nemax längst eingedampft).



Der DAX 30 im historischen Verlauf von 1985 bis heute

Die Volkswirtschaftler verkauften der staunenden und gutgläubigen Käuferwelt flugs eine neue Theorie: die "New Economy". Derzufolge waren Gewinn und Umsatz dieser Minifirmen nachrangig. Es genügte, dass sie auf einem Gebiet arbeiteten, das "sexy" war und, dass sie viele Mitarbeiter hatten, die in flachen Hierarchien angesiedelt waren und sich allesamt, bis hinauf zum Chef, duzten. Beispielhaft dafür waren die Firmen Pixelpark, Intershop und Consors. Sie besaßen einen Börsenwert von, sage und schreibe, 30 Milliarden Mark, womit sie den Volkswagenkonzern mühelos übertrafen. Dabei machte VW damals einen Jahresumsatz von 147 Milliarden Mark, die drei Zwerge noch nicht einmal eine halbe. Und VW gehörten weltweit viele Dutzend Fabriken und Immobilien, während das Vermögen der drei Kleinfirmen aus ca. 2.000 PC bestand, vergleichbar mit einem Call-Center.

Zwischen den Jahren 1999 und 2000 explodierten die Börsenkurse der Internetfirmen geradezu. Die BILD-Zeitung berichtete fast täglich über neue deutsche Jungmilliardäre und viele Menschen  -bislang dem Börsenhandel fern - plünderten ihre Sparbücher, um damit Internetaktien zu kaufen. Sogar Stammtische wandelten sich spontan in Aktienvereine um und statt "contra" und "re" hieß es jetzt "kaufen" bzw. "halten". Der Aktienhandel war zum Volkssport geworden. In dieser Goldgräberstimmung verscherbelte Siemens clever die gewinnarme Halbleiterfertigung Infineon und Telekom brachte eine weitere Tranche ihrer "Volksaktien" unter die Leute, was viele Unbedarfte um viel Geld brachte.


Der Crash

Am 13. März 2000 war die Party zu Ende.
Als die Internetfirmen in ihren Bilanzen nur Verluste meldeten, wollten plötzlich alle verkaufen und die Kurse krachten nach unten. Der Kurs der Pixelpark-Aktie, der nach der Ausgabe 1999 innerhalb eines Monats von 5 auf 60 DM gestiegen war und dann innerhalb weniger Monate bis auf 338 DM, fiel wieder auf 5 DM zurück. Aus vielen, vorher heißbegehrten Aktien, waren "penny-stocks" geworden, deren Wert sich jetzt im Pfennigbereich bewegte. Die Internetfirmen mussten den Großteil ihre Personals entlassen. Und die Mitarbeiter, die "Pixels", richteten zum Verdruss ihres Chefs Paulus Neef, aber zur Freude der Gewerkschaften, sogar einen Betriebsrat ein.

Die Deutsche Börse beschloss, ihr vorher hochgeschätztes Technologiesegment NEMAX aufzulösen. Viele Menschen hatten viel Geld verloren und waren zum Teil sehr arm geworden. Auch der Wert des DAX fiel von 8.000 im Jahr 2000 auf 2.400 im Jahr 2003. Den ursprünglichen Wert von 8.000 erreichte er erst vier Jahre später - und da befanden wir uns bereits (ohne es zu ahnen) in der nächsten Krise, der amerikanischen Immobilienkrise. --- Ohne signifikante Beschädigung kamen nur die genannten drei deutschen Großbanken aus dieser Malaise. Sie hatten rechtzeitig "Kasse gemacht" und außerdem fette Provisionen bei den Börsengängen der Internetfirmen bezogen. Dass sie dabei sehr fahrlässig bei der Bewertung dieser Jungfirmen waren, wurde von der Börsenaufsicht leider nicht bemängelt und schon gar nicht sanktioniert.


Nachschrift

Es gelang mir (auch durch Unterstützung des Vorstands H.-H. H) den WAK-Fonds mit seinen 800 Millionen DM Inhalt von diesem turbulenten Börsengeschehen fernzuhalten. Er vermehrte sich nur spartanisch - aber mündelsicher - über die marginalen Zinserträge der Staatsanleihen und Pfandbriefe.

Nicht selten wurde ich damals ob meiner "Naivität" belächelt.
Indes, meine (kärgliche) Pension
wurde nach dem Eintritt in den Ruhestand, nicht reduziert.


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