Sonntag, 13. August 2017

Sonnenkönig Asbeck: Bankrotteur und Schloßbesitzer

Je älter man wird, desto öfter erfährt man, wie ungerecht es auf der Welt zugeht. Wenn ein Hungriger an einem Straßenkiosk ein leckeres Fischbrötchen klaut, dann muss er damit rechnen, von einem Polizisten belangt und ins Sünderregister eingetragen zu werden. Dem gegenüber gibt es Zeitgenossen, die tausende von Menschen um tausende von Euros betrügen und dafür von der Justiz nicht strafrechtlich verfolgt werden. Im Gegenteil, wenn sie es geschickt anstellen, können sie dabei noch weitere Millionen für sich absahnen. Einen solchen "Geschäftsmann" beschreibt dieser Blog. Ich würde dieses Individuum gerne einen "Gauner" nennen, aber aus Angst vor dessen Rechtsabteilung und aus Furcht durch eine Klage meine bescheidene Rente zu verkürzen, unterlasse ich diese Bezeichnung.

Frank H. Asbeck - von dem hier die Rede ist - war schon seit früher Jugend ein gewitztes Kerlchen. 1959 in Hagen (NRW) geboren, gründete er als erst Zwanzigjähriger (zusammen mit Petra Kelly) den ersten Landesverband der Partei der "Grünen" in Hersel und studierte dann im nahen Bonn passenderweise Landwirtschaft. Als 1998 der Sozialdemokrat Gerhard Schröder die Wahlen gewann, die erste rot-grüne Bundesregierung bildete und die "Energiewende" einläutete, gründete Asbeck die Firma Solarworld AG zum Bau von Solarkollektoren. Innerhalb kürzester Zeit stieg der junge Asbeck zum "Darling" der Bonner Ökofraktion auf.


Der subventionierte Aufstieg

Die ersten Jahre des Unternehmens Solarworld sind durchaus mit dem Goldrausch in den USA im 19. Jahrhundert zu vergleichen. Innerhalb von acht Jahren (1999 - 2007) stieg der Börsenkurs dieser Firma von Null auf  7.192 an und hatte damit den gigantischen Börsenwert von 4,7 Milliarden Euro. Frank Asbeck schwang sich zum Vorstandsvorsitzenden auf, ihm gehörten 26 Prozent, der Rest waren Kleinaktionäre, welche sich eine Aufstockung ihrer Rente erhofften, sowie einige Finanzinvestoren in Katar. Der Unternehmensberater Roland Berger prophezeite, dass die Ökoenergiebranche im Jahr 2030 so viele Beschäftigte ernähren würde, wie die deutsche Autoindustrie. Offensichtlich konnte man mit der Ökoenergie das ersehnte wirtschaftliche "Triple" erreichen, nämlich atomfreien Strom, Arbeitsplätze und Wachstum.

In Wirklichkeit war der solare Aufstieg erkauft durch das "Erneuerbare- Energien-Gesetz" (EEG) aus dem Jahr 2000, an den Asbeck fleißig mitgebastelt hatte. Mittels Milliarden an Subventionen beschloss die Regierung Schröder/Trittin vor allem  Sonnen- und Windenergie aufzupäppeln. Im Zentrum dieses Gesetzes stand die "Einspeisevergütung bzw. EEG-Umlage", ein unübertrefflich schönfärberischer Begriff, den nur die deutsche Bürokratie erfinden konnte. Bis zu 50 Cent pro Kilowattstunde und darüber wurden vom Staat - auf Kosten der Stromverbraucher - ausgelobt. Kein Wunder, dass sich viele Menschen diese Bonanza nicht entgehen lassen wollten und dem Unternehmen einige Jahre lang all ihre Solarkollektoren förmlich aus den Händen rissen.


Frank Asbeck preist sein Produkt an



Die erste (nahezu) Pleite

Aber die hohen staatlichen Subventionen offenbarten bald ihre Risiken. Die Chinesen, selbst Staatskapitalisten, traten als Wettbewerber auf. Sie boten ihre - technisch gleichwertigen - Solarmodule zum halben Preis und darunter an und bauten gigantische Fabriken zur Massenfertigung auf. De facto hatte Deutschland den Aufstieg der Kollektorindustrie in China finanziert. Und es kam noch schlimmer für Asbecks Sonnenreich: graduell senkte (die nun schwarz-gelbe) Bundesregierung die EEG-Umlage auf unter 20 Cent/kWh. Solarworld konnte aufgrund seiner üppigen Kostenstruktur nicht mit halten und musste nach 2007 für volle sieben Jahre die Dividende ausfallen lassen. Die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Solarindustrie schrumpfte von 115.000 (in 2012) auf 50.000 (2014). 

Anfang des Jahres 2013 kam es fast zum Zusammenbruch von Solarworld. Jahrelange Verluste bei gleichzeitig hohen Kosten hatten die Ressourcen des Unternehmens aufgezehrt. Eigentlich hätte Asbeck schon damals Konkurs anmelden müssen, aber die grüngläubigen Aktionäre waren mit einem drastischen Kapitalschnitt (150 alte Aktien für 1 neue) einverstanden und ließen ihren Vorstandschef weiter machen. Allerdings sollte Asbecks Anteil an der Firma von 26 Prozent auf 1 Prozent sinken.


Asbeck wird Schlossbesitzer

Wie ein Wunder erscheint es vor diesem tristen wirtschaftlichen Hintergrund, dass es Frank - ausgerechnet in der Phase des Niedergangs seiner Firma - gelang, zum zweifachen Schlossbesitzer aufzusteigen. Im Dezember 2008 kaufte er das Landschloss Calmuth in der Nähe von Remagen. Es hatte eine bewegte Vergangenheit: im sog. Dritten Reich diente es der Reichsjugendführung als repräsentativer Landsitz. Als passionierter Jäger erwarb unser Sonnenkönig gleich 20 Hektar Waldfläche dazu und schloss einen Kaufvertrag für weitere 100 Hektar ab. 

Aber das war erst der Anfang. Im Jahr 2013, als sein Unternehmer schon am Boden lag, erwarb der Maserati-Fahrer Frank das Rheinschloss Marienfels, womit er seinen Immobilienbesitz abrundete, denn beide Schlösser lagen nahe beieinander. Marienfels war vorher acht Jahre lang von dem Entertainer Thomas Gottschalk bewohnt worden. Seine Frau Thea hatte die Inneneinrichtung weitgehend selbst gestaltet und dafür Objekte aus der ganzen Welt angeschleppt. Das Schloss verfügte über 14 Zimmer und 800 Quadratmeter Wohnfläche sowie einen freskenverzierten Pool mit angrenzenden Wellness-Bereich. Sechs Mansardenzimmer hatte Thea zudem zu einem Groß-Schlafzimmer im Stil eines Beduinenzelts vereinigt. Zu dem Schloss gehörten 100.000 Quadratmeter Waldgelände und ein privater Badesee. Verkauft wurde die Immobilie - samt Theas Inneneinrichtung - für ca. 5 Millionen Euro. Das Ehepaar hat sich anschließend nach Berlin verändert, wo es im Stadtteil Prenzlauer Berg eine Wohnung bezog. 

Wie konnte der Vorstandsvorsitzende einer nahezu pleite gegangenen Firma diese pompösen Immobilien finanzieren? Nun, in überregionalen Zeitungen wird darüber berichtet, dass Asbeck (rechtzeitig vor dem Niedergang) einen Großteil seiner Aktien zu einem noch recht guten Preis verkaufte und dadurch um ca. hundert Millionen Euro reicher wurde. Ob dies mit der Ethik des Aktiengesetzes vereinbar ist, darüber darf spekuliert werden. In jedem Fall braucht man dafür einen gnädig gestimmten Aufsichtsrat. Asbeck findet seine verdeckten Verkäufe jedenfalls in Ordnung, denn er habe in seiner  Zeit als CEO  ohnehin "nur" neun Millionen Euro an Gehalt bezogen



                                                           Asbecks Rheinschloss


Die zweite (wirkliche) Pleite

Aber der Abstieg der Firma Solarworld ging weiter. Regelmäßig überstiegen die Kosten (für Mitarbeiter und Material) die Erträge und im Frühjahr 2017 war die Kasse endgültig leer. Am 11. Mai 2017 musste Asbeck den Insolvenzantrag stellen. Seitdem herrscht bei Solarworld der Konkursverwalter Horst Piepenburg, ein erfahrener Sanierer. Rund 2.600 Beschäftigte im sächsischen Freiberg und im thüringischen Arnstadt fürchten um ihren Lohn, zuzüglich einiger Hundertschaften in Hillboro, Oregon. 

Die Gründe für den Niedergang sind eindeutig: Solarworld hat zu lange am Massenprodukt der multikristallinen Zellen festgehalten. Die staatlichen Subventionen waren zu verlockend. Aber inzwischen werden diese Art von Zellen nicht nur massenhaft in China gefertigt, sondern sogar im Low-Tec-Land Vietnam. Und zwar zu unschlagbar niedrigen Preisen! Die PERC-Technologie, welche mit verspiegelten Zellenrückwänden höhere Energieausbeuten ermöglicht, hat man in Deutschland nie auf den Markt bringen können.


Phönix aus der Asche

Aber damit ist die Story von Frank Asbeck und seiner Solarworld noch nicht zu Ende. Am vergangenen Freitag (11. August) hatte Konkursverwalter Piepenburg die Gläubiger ins Bonner Landgericht geladen. Es ging um Resteverwertung. Eine erst kürzlich gegründete Firma, die Solarworld Industries GmbH hatte Interesse bezeugt an den beiden Kollektorfabriken in Freiberg und Arnstadt. Tatsächlich erhielt sie den Zuschlag für ca. 96 Millionen Euro, wie man danach aus Teilnehmerkreisen hörte. 

Und nun kommt der Knaller. Hinter der genannten neuen Firma steckt niemand anderer als Frank Asbeck, der damit Teile seines insolventen Konzerns relativ preiswert zurückgekauft hat. Direkt und indirekt soll er mit 51 Prozent an diesem Unternehmen beteiligt sein. Mit im Boot ist die Katar-Foundation, mit deren Hilfe der schillernde Unternehmer Solarworld schon 2013 vor der Pleite bewahrt hat. Auf diese Weise werden angeblich 475 Arbeitsplätze "gerettet", die übrigen Mitarbeiter sollen in eine Transfergesellschaft verfrachtet werden. Die Gläubiger haben dem Ganzen zugstimmt; die Aktionäre können ihren Besitz in den Wind schreiben.

Fettauge Frank bleibt oben.

Samstag, 5. August 2017

Die "documenta 14" auf Abwegen

Die "documenta" ist die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre statt (früher alle vier Jahre) und dauert jeweils 100 Tage, weswegen sie auch als das Museum der 100 Tage bezeichnet wird. Die erste documenta, die documenta 1, wurde 1955 veranstaltet und ging auf die Initiative des Kunsthistorikers Arnold Bode zurück. Der Standort aller documenta-Ausstellungen war bisher stets die hessische Stadt Kassel. Die diesjährige documenta 14 wurde am 10. Juni 2017 in Kassel eröffnet; gleichberechtigter Standort ist erstmals die griechische Hauptstadt Athen, wo die Eröffnung schon früher, nämlich am 8. April 2017 erfolgte.

Mit meiner Familie und Freunden habe ich alle zehn documenta-Ausstellungen seit 1968 in Kassel jeweils mehrere Tage besucht und die vielen Objekte, Skulpturen und Installationen zumeist sehr genossen. In Erinnerung bleibt mir die Honigpumpe des Künstlers Joseph Beuys im Museum Fridericianeum. Dabei ließ Beuys drei Zentner Honig durch ein System von 170 Metern Schläuchen bis hinauf zur Lichtkuppel pumpen und behauptete, damit ein Modell der menschlichen Gesellschaft gefunden zu haben. Im Detail konnte man seine Philosophie wortreich in einem Begleitbuch von Klaus Staeck nachlesen. Beuys stellte sich auch den Kommentaren der Besucher und ließ meine kritischen Physikereinwendungen zur Thermohydraulik seines Systems gelassen abtropfen.

Auf die documenta 14 habe ich mich eigentlich seit Jahren gefreut und der Besuch im August war fest eingeplant. Nun, da die Ausstellung begonnen hat und zögere ich mit meiner traditionellen Wallfahrt nach Kassel. Einige Dinge, die ich über die Medien erfahren habe, dämpfen meine Reiselust. In diesem Blog möchte ich meine daraus abgeleitete Skepsis begründen.


"Von Athen lernen"?

Dass die Filmstadt Cannes oder der Biennale-Ort Venedig sich mit einer weitaus größeren Stadt (wie etwa Bukarest oder Warschau) verbünden und damit ihre weltweite Identität aufgeben, ist schlechterdings undenkbar. Aber der documenta-Metropole Kassel ist dies mit Athen gelungen. Die griechische Hauptstadt hatte sogar die Ehre, die D14 im April zu eröffnen. Der polnische Chefkurator Adam Szymczyk  lancierte schon bald nach seiner Ernennung im Jahr 2013 die Idee einer "Doppel-Documenta" und der D14-Aufsichtsrat ließ dies fahrlässigerweise zu. Gleichsam als "Kunst-Airbnb" flogen wöchentlich zwei Flugzeuge von Kassel nach Athen und zurück. Inwieweit Adams in Athen wohnende Gattin Alexandra hinter dem ganzen Unternehmen steckt, ist Stoff für mediale Spekulationen; im Internet wird jedenfalls über "polono-hellenischen-Nepotismus" gemunkelt.

Gewiss, von Athen konnte man Vieles lernen - aber das ist 2.500 Jahre her, in der kurzen Periode der Geistesgrößen Platon, Perikles und Aristoteles. Danach regierte das Römische Imperium und noch später kam das dunkle halbe Jahrtausend des Osmanischen Reiches hinzu, wodurch das "klassische Griechenland" vollends unterging. Der mythisch schillernde Ruf von Hellas als "Wiege der Demokratie und Philosophie" war damit vorbei. Heute ist Athen die wirtschaftlich etwas herunter gekommene Kapitale eines verarmten Landes, das unter Finanzproblemen und dem Flüchtlingszustrom leidet. Dagegen war Kassel stets eine geruhsame Residenz-und Beamtenstadt mit bedeutenden eigenen Kunstschätzen.

Eine Ausstellung lebt auch vom Ort, an dem sie stattfindet - und die Orte, die das Kuratorenteam in Athen zur Präsentation ihrer Kunstwerke gefunden hat, sind außergewöhnlich. Es sind Hochschulen, Wohnungen, Gassen, Bars, Friedhöfe, Läden, Plätze etc. Die Kunst bespielt sozusagen die ganze 4-Millionen-Einwohner-Stadt und ist trotzdem schwer zu entdecken. Einer der Hauptorte der D14-Athen, das Nationale Museum für Gegenwartskunst (EMST), lag bis vor kurzem in einem Dornröschenschlaf. Es ist - aus Geldgründen - nie eröffnet worden; die meisten Künstler, deren Werke dort gezeigt werden, sind selbst den Fachleuten nicht bekannt. Da gab die Performance von Ross Birrell schon mehr her: er ließ einen Athener Reiterverein nach Kassel reiten, mehr oder minder auf der Route, welche auch 2015 die Flüchtlinge nach Deutschland nahmen.


Ab nach Kassel

Als der Hengst Hermes mit vier Wanderreitern in Kassel einrückte, war der zentrale Friedrichsplatz gefüllt mit Zuschauern. 20 Hobbyreiter hatten den Tross auf dem letzten Streckenabschnitt begleitet. Nach 3.000 zurückgelegten Kilometern endete so eine der meistbeachteten Aktionen der documenta Athen-Kassel. Eine Frau und drei Männer waren auf ihren  Pferden 100 Tage unterwegs gewesen.

Den Ursitz aller documenta-Ausstellungen, das Fridericianeum, hat der schüchtern erscheinende D14-Macher, Adam Szymczyk, den Griechen gleich ganz überlassen. Depotkunst aus dem EMST, jahrzehntelang aus guten Gründen versteckt, macht sich nun im Kasselaner Parademuseum breit. Viele Werke mit Stacheldraht, Nationalfahnen aus Glas und weitere schöne Belanglosigkeiten
zieren deren Räume. Künstler von heute tauchen nur vereinzelt auf, dafür jede Menge Veteranen. Offenbar zählten für den Kurator und sein Team allein die Geste: Wir öffnen euch unser Haus.

Über dem Eingang des Fridericianum prangt die Giebelüberschrift : beingsafeisscary. Viele reiben sich die Augen - bis jemand zur (partiellen) Entschlüsselung beiträgt. Gemeint ist: Being Safe is Scary. Aber noch bleibt die Botschaft rätselhaft. Schließlich einigen sich die Kunstzeitschriften darauf, dass  damit ein Gruß an bedrohte Minderheiten gemeint ist. Na ja., klingt irgendwie nach Poesiealbum.

Ein Publikumsmagnet ist offenbar der Parthenon der verbotenen Bücher, ein stattlicher griechischer Tempel auf dem Friedrichsplatz, 70 mal 30 Meter im Grundriss. Die Kinder lieben ihn, da er auf erstem Blick wie eine Hüpfburg erscheint. Aber in seiner Plastkhaut sind eine große Anzahl Bücher eingeschweißt, die angeblich - irgend wann mal und irgendwo auf der Welt - verboten waren. Natürlich ist man nicht überrascht, dort die Satanischen Verse von Salman Ruschdi zu sehen, aber über die Schlümpfe und den Winnetou staunt man doch gehörig. Nicht vertreten ist Mein Kampf von Adolf Hitler, dessen Verbot jahrzehntelang in Deutschland diskutiert wurde. Etwas enttäuscht ist man, wenn man erfährt, dass der gleiche Parthenon schon 1983 in Buenos Aires von der Künstlerin Marta Minujin "uraufgeführt" wurde, anlässlich des Endes der argentinischen Militärherrschaft. Ein Beispiel für das erfolgreiche Recyceln von Kunstwerken!



Parthenon der verbotenen Bücher
mit einer Kunst-Prozession im Vordergrund



Kritik an der Documenta 14

Bei jeder Documenta gibt es vielfältige Kritik an der Ausstellung. Bei der D14 konzentrierten sich die Einwendungen auf die Wahl des Ortes, der Künstler und des Kuratoren-Teams.

1. Enttäuschendes Athen, überladenes Kassel:
Von Anfang an war die Wahl der griechischen Hauptstadt Athen als - gleichberechtigter (!) - Ausstellungsort umstritten. Man befürchtete einen Verlust der traditionellen Kasselaner Aura. Außerdem verlängerte sich dadurch das "Museum der 100 Tage" auf satte 163 Tage. Im Nachhinein gesehen waren diese Sorgen wohl unberechtigt. Viele Athener haben (angesichts ihrer viel wichtigeren wirtschaftlichen Sorgen) die D14 gar nicht erst wahrgenommen. Jedenfalls haben Szymczyk & Co die Publikumswirkung der Ausstellung in Griechenland anfangs viel höher eingeschätzt. ---
Kritisch wurde auch die Aufblähung der documenta in Kassel selbst gesehen. An nicht weniger als 35 Plätzen im Stadtgebiet waren Kunstwerke zu betrachten - wenn auch manchmal sehr versteckt. Um sich hier einen Überblick zu verschaffen, müsste man schon mindestens drei volle Tage in Kassel verweilen, was sicherlich den wenigsten Kunstfreunden möglich ist. Sehr bedauert haben viele Besucher, dass im wundervollen Park Karlsaue nur zwei Installationen zu sehen sind.

2. Die Künstler:
Auf der D14 sind die Werke von 160 Künstlern zu sehen. Ihnen wurde vom Kuratoren-Team auferlegt, mindestens je ein Werk für Athen und Kassel bereitzustellen. Nicht alle konnten dies selbst bewerkstelligen, denn bei Ausstellungsbeginn war schon fast die Hälfte der Künstler verstorben. Bedenkt man, dass die documenta den Anspruch erhebt, zeitgenössische Werke zu präsentieren, so ist der Anteil der bereits Verblichenen erstaunlich hoch.

Teilnehmende Künstler (Auswahl):
Akinbode Akinbiyi, Peter Friedl, Katalin Ladik, R.H. Quaytman, Zafos Xagorias

Verstorbene Künstler, deren Werke ausgestellt wurden (Auswahl):
Arseny Avraamov (1886-1944), Carl Friedrich Echtermeier (1840-1919), Krzysztof Niemczyk (1938-1994), Benjamin Patterson (1934-2016), August Spies (1855-1887)

3. Kuratoren und Kommunikation:
Der 1970 in Polen geborene Documenta-Leiter Adam Szymczyk hat leider nicht die Ausstrahlung und die Souveränität seiner Vorgängerin, der Amerikanerin Carolyn Christov-Bagargiev. Sozialisiert in der Warschauer Kunstszene leitete er einige Jahre die Kunsthalle in Basel. Adam S. liegt nicht das bestimmende Auftreten, er neigt mehr zur Rolle des Conférenciers, der Ideen einbringt und deren Vertiefung und Ausführung seinen Mitarbeitern überlässt. Das war sein Kuratoren-Team, erstaunliche 15 Personen an der Zahl, welche sich aber nie zu einer "kohärenten Mannschaft" zusammen finden konnten.
Trotzdem, die Idee der Doppel-documenta geht auf Szymczyks Kappe, ebenso wie der Ersatz der beim Publikum beliebten Führungen durch einen sterilen "Chor" und die Abschaffung der früher handlichen Kurzführer in Buchform, worin die Künstler und ihre Werke knapp und verständlich dargestellt wurden. Stattdessen wird ein "Daybook" angeboten, 700 Seiten stark und 35 Euro teuer, worin der Chef-Kurator Adam S. - in bestem Kunsthistoriker-Deutsch -  sein eigenes apokalyptisches Weltbild ausbreitet.

Arte Povera








Sonntag, 30. Juli 2017

Volkskrankheit Entzündungen: Antibiotika ein Thema für den G20-Gipfel

Manchmal findet man etwas, wonach man gar nicht gesucht hat. So erging es dem schottischen Biochemiker Alexander Fleming, der das Wunderheilmittel Penicillin entdeckte. Er hatte in einigen Petrischalen (flachen Glasschalen) Bakterienkulturen angezüchtet und - bevor er in den Urlaub ging - vergessen, diese Gefäße zu entsorgen. Nach seiner Rückkehr hatte sich ein blaugrüner Schimmel auf den Schalen angesiedelt. An sich nichts Ungewöhnliches, aber der Forscher Fleming erkannte, dass es rings um den Schimmel keine Bakterien mehr gab. Offensichtlich hatten die Schimmelpilze die Bakterien abgetötet. Das Antibiotikum Penicillin war entdeckt!




Der Entdecker des Penicillins, Alexander Fleming, 1952 in seinem Labor (AP)


Es dauerte noch bis zum Beginn des 2. Weltkriegs, bis die Amerikaner die ersten Fabriken zur großtechnischen Produktion des Penicillins errichteten. Die Todesrate in den Sanitätszentren der Alliierten sank von diesem Zeitpunkt an weit unter jene der deutschen verwundeten Soldaten. 1945 durfte Alexander Fleming den Nobelpreis für Medizin entgegennehmen. Ein Jahr später landeten die ersten US-Flugzeuge mit (gespendetem) Penicillin in Berlin-Tempelhof für das Krankenhaus Charité. Am 11. März 1955 starb Fleming an den Folgen eines Herzinfarkts.

Entzündungen und Antibiotika

Entzündungen sind im menschlichen Leben gang und gäbe. Fast jeder Gewebeteil kann sich entzünden, weswegen wir von Lungenentzündung, Blutvergiftung oder Blinddarmreizung sprechen. Entzündungen können auch Krankheiten wie Typhus, Cholera, Tuberkulose oder Keuchhusten hervorrufen. Ausgelöst werden Entzündungen von Bakterien oder Viren. Viele Bakterien leben im menschlichen Körper (Beispiel E.coli) und werden von einem gut funktionierenden Immunsystem in Schach gehalten, beispielsweise im Darm. Wenn bakterielle Erreger eine Krankheit hervorrufen, dann sprechen die Ärzte von einer "Infektion". Bei ihnen ist die Anwendung von "Antibiotika" , früher als Penicillin bezeichnet, auf alle Fälle geboten. Bei Viren sind die Antibiotika wirkungslos.

Seit einiger Zeit hat sich eine "schleichende Katastrophe" entwickelt, wie der deutsche Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe dies bezeichnet. Die Antibiotika helfen nicht mehr im früher gewohnten Umfang, ja sie sind zuweilen ganz wirkungslos. Schon eine Harnwegsinfektion oder eine entzündete Wunde kann in solchen Fällen zum Tod führen. Jeden Tag sterben, weltweit gerechnet, 2.000 Menschen an Entzündungen, weil die Antibiotika ihre frühere Heilwirkung verloren haben. Die Bakterien sind gegen diese Medikamente "resistent" geworden, zum Teil, weil sie sich in andere Stämme umgewandelt haben. Das schlägt sich dramatisch in den Kosten der Heilbehandlung nieder: wo früher ein Patient für wenige hundert Euro und kurzer Liegezeit im Krankenhaus geheilt werden konnte, da fallen heute Kosten von zuweilen hunderttausend Euro an und der Kranke muss Monate im Hospital verbringen.

Ursächlich für das Resistenzproblem ist die Tatsache, dass in der Vergangenheit Antibiotika zu vorschnell verschrieben und in zu großem Umfang eingesetzt wurden. Das geschah nicht nur in der Humanmedizin, sondern auch im Agrarbereich, insbesondere der Tierproduktion. Bei Schweinen und Hühnern waren Beigaben von Antibiotika praktisch ein Bestandteil des Futters. So bildeten sich in großer Zahl resistente Mutationen heraus, die sozusagen über das Schnitzel zu den Menschen gelangten. Hinzu kommt, dass in Indien, dem Land das die meisten Antibiotika produziert, große Mengen dieses Medikaments bei der Erzeugung in die Umwelt gelangen und dort resistente Bakterien generieren.

Die Antibiotika- Initiative der G20

Dass Medikamente im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Wirksamkeit verlieren, ist in der Medizin nichts Neues. Die Pharmaindustrie beobachtet dieses Phänomen recht genau und reagiert darauf (zeitgerecht) mit der Entwicklung neuer Medikamente für die gleiche Krankheit. Man kann sich also fragen, warum dies augenscheinlich in dem so wichtigen Bereich der Antibiotika nicht der Fall ist.

Dafür gibt es einen speziellen Grund:  weil die Antibiotika sehr schnell wirken, werden sie nur kurze Zeit, etwa eine Woche, bei einem Patienten appliziert. Demgegenüber benötigt ein chronisch kranker Patient sein Herzmedikament in der Regel zehn Jahr oder länger, je nach Lebenszeit. Ähnlich ist die Situation im Diabetes-Bereich. Nun sind aber die Zeitdauer für die Entwicklung eines neuen Meikaments und die damit verbundenen Kosten nahezu gleich: ein neues Medikament wird in der Regel innerhalb von zehn Jahren entwickelt sowie für den Markt zugelassen und kostet jeweils ca. 1 Milliarde Euro an Forschungsgeldern. Somit ist es - aus kommerzieller Sicht - verständlich, wenn sich die Pharmafirmen auf solche Medikamente konzentrieren, bei denen der Absatz und damit die Refinanzierung ihrer Forschungsaufwendungen gesichert ist. Das ist leider im Antibiotika-Bereich (wegen der hervorragenden Wirkung des Medikaments) nicht der Fall.

In dieser vertrackten Lage kommt die Gruppe G20 ins Spiel, jener Zusammenschluss der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Beim kürzlichen Jahrestreffen in Hamburg standen - auf Veranlassung von Bundeskanzlerin Merkel - erstmals Gesundheitsthemen auf der Agenda, darunter die Problematik der Antibiotikaresistenzen. Die Mitglieder der G20 einigte sich auf eine sogenannte "Anschubfinanzierung" für die (zumeist) kleinen Firmen, welche sich mit der Erforschung resistenzfreier Arzneien auf dem Infektgebiet befassen. Die interstaatliche Finanzierung soll aber nicht über klassische Subventionen geschehen, sondern nur jenem Unternehmen zukommen, welches als Erstes mit einem brauchbaren Medikament auf den Markt kommt. Also: einmalige Erstattung nur im Erfolgsfall! Für die G20-Gruppe bedeutet dies eine Bereitstellung von 100 Millionen Euro über 10 Jahre. Sicherlich kein zu hoher Betrag, wenn man dafür jährlich (!) die Leben von 700.000 Menschen retten kann, deren  Entzündungen sonst tötlich verlaufen würden.

Es ist jammerschade, dass diese wichtige Initiative von Merkel und Gröhe beim G20-Gipfel in den Medien nicht die ihr gebührende Aufmerksamnkeit gefunden hat. Sie wurde überdeckt von den höherpolitischen Themen, wie Klimawandel, Freihandel, Terror u.a.m. Besonders aber durch ein Übermaß an Berichterstattung zu den Krawallen in Hamburg.

Dieser Blog soll dem ein bisschen entgegenwirken.



Freitag, 21. Juli 2017

Whistleblowing bei KIT - keine Erfolgsgeschichte

Jemanden "verpfeifen", also Übles nachreden, neudeutsch: sich als "Whistleblower" betätigen - nein, das tut man nicht. So ist die Einstellung der meisten Menschen. Und der Verfasser unserer Nationalhymne, der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, brachte es in seinen Aphorismen auf den Punkt: "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant". Hoffmann hatte diesbezügliche Erfahrungen. Als Germanistikprofessor verfasste er die sogenannten "Unpolitischen Lieder" - welche aber alles andere als unpolitisch waren. Ihretwegen wurde er immer wieder verpfiffen und von den diversen Landesherren sanktioniert. Bis zum Verlust seines Breslauer Lehrstuhls.

Gut hundert Jahre später hatte sich in der fast gleichen Landesgegend die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ausgebreitet. Unter der dortigen Regierung (Ulbricht, Honecker) kam das Spitzelwesen zu voller Blüte. Der Cheforganisator Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit (Stasi), engagierte nicht weniger als 200.000 sogenannte "Informelle Mitarbeiter" (IM) welche die restlichen 16 Millionen Staatsbürger zu observieren und zu denunzieren hatten. Die Folgen sind bekannt: die DDR kollabierte 1989, nicht zuletzt aufgrund der internen Pressionen.

Der Dieselskandal: wo sind die Schuldigen?

Welche Probleme entstehen können, wenn es kein - offenes oder geheimes - Überwachungssystem gibt, kann man an dem gegenwärtigen Dieselskandal erkennen. Die Autofirmen VW und Audi, (vielleicht auch Mercedes und Bosch) hatten offensichtlich Schwierigkeiten bei der Einhaltung der weltweiten Abgasvorschriften. Dies muss zu den Ingenieuren, tief unten in der Motorenabteilung, durchgedrungen sein. Flugs entwickelten diese Experten - ohne Auftrag von oben, natürlich! - eine "Schummel-Software", welche verhinderte, dass der TÜV bei seinen Überwachungen auf dem Rollenprüfstand dieses Abgasmanko erkennen konnte.

Das war den Konzernchefs, insbesondere dem sonst genau hinschauenden Martin Winterkorn,  nicht bekannt. Sonst hätte er - nach eigenen Aussagen - diese Manipulation sofort unterbunden und entsprechend bestraft. Dessen ungeachtet musste Winterkorn die Verantwortung tragen, weswegen er als Vorstandschef bei VW entlassen wurde. Natürlich bei standesüblicher Abfindung und auskömmlichem Ruhestandshonorar. Was aus den illoyalen Entwicklungsingenieuren wurde, ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Wären sie besser überwacht (vielleicht sogar bespitzelt) worden, dann könnte der bislang unbescholtene Topmanager heute noch seinen Job zum Nutzen der VW-Konzernfamilie ausüben.

Das 3-gestufte Informationssystem des KIT

Beim "Karlsruher Institut für Technologie" (KIT) steht jedem, der einen Sachverhalt aufdecken oder eine Person anschwärzen möchte, eine gesonderte Organisationseinheit zu Diensten. Es ist die OE "Compliance", kurz genannt "COMP", welche über die Einhaltung der Gesetze und die ethischen Standards wacht. Dafür zuständig ist die Juristin Margarita Bourlá, zusammen mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen, welche insgesamt der Vizepräsidentin  Christine von Vangerow berichten.

Die Stabsstelle COMP berät die Mitarbeiter des KIT in allen Fragen der Compliance und der Korruptionspräventation. Sie können Frau Bourlá auf drei verschiedenen Wegen erreichen:

1. Auf direktem schriftlichen oder telefonischen Weg, an die Adresse der Stabsstelle COMP.

2. Anonym über einen Vertrauensanwalt in Schorndorf
(wo es kürzlich bei einer Sommerparty zu Krawallen kam.)

3. Über ein elektronisches Hinweisgeberportal. Hierbei handelt es sich um ein anonymes Medium bei dem das System keine IP-Adresse protokolliert und die Datenbank mit einem 1024bit-Schlüssel sowie ein Nutzerpasswort gesichert ist.


Ich bin anonym

Zwei anonyme Beschuldigungen

Wie oben dargestellt, beruht das Überwachungssystem des KIT weitgehend auf Anonymität. Dass dies nicht der Weisheit letzter Schluss ist, lässt sich an zwei Vorfällen in der noch kurzen KIT-Vergangenheit belegen, wo diese Methodik schrecklich schief gelaufen ist. Dabei kam es zu einer Vielzahl von negativen Berichterstattungen in den überregionalen Medien, worunter das Ansehen des KIT sehr gelitten hat.

1. Die Causa Axel Weis

Jemand musste - in fast kafkaesker Manier - den Projektmanager Axel Weis verleumdet haben. Denn am Morgen des 12. Februar 2008 durchsuchten zahlreiche LKA-Beamte sein Haus und sein Büro. Computer, Ordner und Finanzunterlagen wurden dabei beschlagnahmt. Selbst im gemeinsamen Ehe-Tagebuch lasen die Ermittler. Aus dem Durchsuchungsbeschluss ging hervor: Korruptionsverdacht bei der milliardenschweren Stilllegung der Karlsruher Atomanlagen. Die folgende Anklage endete im Dezember 2013 mit einem lupenreinen Freispruch. Aber seit der Razzia waren Axel´s Autorität und Ehre irreparabel vernichtet. Seinen gutdotierten Job war er ohnehin los. Fast eine Viertel Million Euro für entgangenes Gehalt, Rente und Gerichtskosten kamen obendrein.

Wie hätte es besser laufen können für Weis und das KIT? Nun, der Vorgesetzte des Beklagten, das Vorstandsmitglied Dr. Peter Fritz, hätte nicht gleich die Kriminalbehörde einschalten, sondern sich erst selbst umfassend mit dem Fall befassen sollen. Weis war sein langjähriger, ihm direkt unterstellter Mitarbeiter, den er in dienstlichen (und auch persönlichen!)  Dingen jahrelang nutzte und voll vertraut hatte. Von da her hatte Fritz eine hohe moralische Verpflichtung gegenüber Weis. Aber er wurde ihr nicht gerecht, der Chef zog sich zurück womit die Dinge ihren Lauf nahmen. Axel Weis ist im August 2016 an einem Herzinfarkt gestorben, sicherlich auch aus Frust und Gram über seine Situation.

Die Causa der Professorin Britta Nestler

Ein anderes Ereignis - ebenfalls ausgelöst durch eine anonyme Anzeige - betraf die KIT-Forscherin Britta Nestler. Für Ihre Forschungsergebnisse im Bereich der Materialwissenschaften sollte ihr am 15. März 2017 der Leibniz-Preis zuerkannt werden. Aber nur Stunden zuvor wurde das Preiskommittee anonym darüber informiert, dass mit den Publikationen der Preiskandidatin "etwas nicht stimme". Die Verleihung wurde deshalb aufgeschoben, stattdessen beauftragte man eine Expertengruppe mit der Begutachtung der inkriminierten Arbeiten.

Weder dem KIT noch dem Leibniz-Gremium ist wegen dieser Maßnahme ein Vorwurf zu machen. Glücklicherweise stellte sich nach (langen) vier Monaten heraus, dass die Vorwürfe unberechtigt waren und die Preisverteilung wurde mit allen Ehren im Juli nachgeholt. Ein Umstand bleibt jedoch noch dubios und wird immer noch im KIT heftig diskutiert: wie gelingt es Frau Nestler - fast im Monatstakt - Arbeiten aus ihren komplexen Fachgebiet zu veröffentlichen, wo andere froh sind, wenn sie es schaffen, bloß eine oder zwei Publikationen (pro Jahr!) zu erreichen? Wie schafft Frau Nestler (neben ihren Verpflichtungen als vierfache Mutter) dieses Quantum?  Ein wissenschaftlicher Vortrag der Professorin im Senat mit anschließender Diskussion könnte da Aufschluss geben. Und für die restlichen 9.000 Mitarbeiter ein Interview in der Hauszeitschrift "Dialog".

Was tun?

Die Tatsache, dass die beiden negativsten Vorfälle in der kurzen Geschichte des KIT auf anonyme Anzeigen zurückgehen - welche sich beides Mal als falsch erwiesen - sollte zu denken geben. Von daher gesehen ist es völlig unverständlich, dass dieser Informationsweg von der Abteilung Compliance so propagiert wird. Anonyme Denunziationen kann man zwar nicht verhindern, aber man muss sie auch nicht exzessiv fördern. Warum eröffnet COMP dafür verschiedene Wege, noch dazu ein Internetportal? Jeder Griesgram, der schlecht geschlafen, oder sich mit seiner Frau am Frühstückstisch gestritten hat, könnte sich dadurch - mit geringstem Aufwand - ermuntert sehen, am PC in seinem Büro, anonym und ungerechtfertigterweise, Dampf abzulassen.

Der umgekehrte Weg ist richtig: man sollte die Mitarbeiter ermuntern, eventuelle Probleme oder Beschwerden mündlich vorzutragen oder schriftlich bei Nennung des Namens. Und die Vorgesetzten - bis hinauf zum Präsidium - sollten sich verpflichtet fühlen, diesen Nöten ihrer Mitarbeiter eine angemessene Zeit zu widmen, auch wenn ihnen deren Probleme manchmal nicht so wichtig erscheinen mögen. Und man sollte nicht vergessen, dass es im KIT m. E. einen durchaus kompetenten Personalrat gibt, dessen Pflicht es ist, den Mitarbeitern bei ihren Nöten zu helfen und als Mediator zur Seite zu stehen.

Sonntag, 16. Juli 2017

KSC, oh weh!

Bereits drei Spiele vor Saisonende war im Mai 2017 das Schicksal des Karlsruher Fußballclubs KSC besiegelt: von 31 Spielen hatte der badische Zweitligist nur vier gewonnen, dafür 17 verloren. Dabei gelangen lediglich 22 Treffer. Immer wurden die Matches mit den "Big Points" verloren, immer wenn es doppelt zählte, versagten der Mannschaft die Nerven. Die Statistik zeigt es deutlich: Karlsruhe hat von allen Zweitligavereinen die schlechteste Offensive und die schlechteste Defensive. Der letzte Platz in der Tabelle ist also "verdient".

Nach dem Abstieg in die 3. Liga muss der Busfahrer des KSC ab August neue Fahrziele in sein Navi einprogrammieren. Denn die Gegner heißen dann Aalen, Wehen, Lotte und Unterhaching - statt wie bislang Hannover, Lautern, Stuttgart und Nürnberg. Und der KSC muss sich auf eine neue Gangart einstellen; die 3. Liga ist nämlich stärker geworden, allein schon durch die Ost-Vereine. Mit Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei ist da nichts zu machen. Es geht dort sehr robust zu. Man hat kaum Zeit dafür den Ball anzunehmen, schon wird man vom Gegner heftig attackiert.


Traditionsverein und Fahrstuhlmannschaft

Der KSC bezeichnet sich gerne als "Traditionsverein", Im Gegensatz zu solchen von der Wirtschaft gesponserten Vereinen wie Leverkusen oder gar Wolfsburg. Schon 1894 gründeten einige Mitglieder der Karlsruher Turngemeinde (denen der Wunsch nach einer eigenen Fußballabteilung versagt worden war) den Verein Karlsruher FC Phönix. Aus ihm ging nach einigen Fusionen, u. a. mit dem VfB Mühlburg, im Jahr 1952 der Karlsruher Sport Club KSC hervor, welcher heute ca. 7.300 Mitglieder besitzt. Die Erfolge konnten sich sehen lassen: der FC Phönix wurde 1909 Deutscher Fußballmeister und der KSC errang 1955 und 1956 zwei Mal den Deutschen Pokal - gegen Schalke 04 und den Hamburger SV! Und mit Horst Szymaniak stellte der KSC Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre erstmals einen auch heute noch bekannten Spieler für die deutsche Nationalmannschaft.

Zwischen 1975 und 1986 festigte der KSC seinen Ruf als "Fahrstuhlmannschaft". In dieser Zeitspanne spielte der KSC jeweils sechs Jahre in der 1. Bundesliga und sechs Jahre in der 2. Liga, wobei der Verein nicht weniger als neun Trainer "verschliss". Mit der Verpflichtung von Coach Winfried Schäfer begann die "Goldene Epoche" des KSC von 1986 bis 1998. Mit den jungen Spielern Oliver Kahn, Mehmet Scholl, Oliver Kreuzer, Thorsten Fink und anderen mehr kickte man durchgehend volle 11 Jahre lang in der 1. Bundesliga. Ein Höhepunkt war das UEFA-Cup-Spiel gegen den spanischen Verein FC Valencia, das (nach einem 1:3 im Hinspiel) beim Rückspiel wie im Rausch mit 7:0 gewonnen wurde. Nach dem Abgang des Erfolgstrainers Schäfer stürzte der KSC - unter Joachim Löw (!) - in die damalige drittklassige Regionalliga ab. Das viele Geld, welches der Verein durch den Verkauf der oben genannten Klassespieler an den FC Bayern München eingenommen hatte, wurde zum Ankauf inferiorer Kicker verplempert, wodurch der Verein (bis heute) in finanzielle Schräglage geriet.

Zwischen der Saison 1999/00 und 2016/17 spielte der KSC zwei Jahre in der 1.Bundesliga, 14 Jahre in der 2. Liga und zwei Jahre in der 3. Liga. Dabei beschäftigte er 14 verschiedene Trainer. 


Spieler und Trainer

Zur wichtigsten Personalkategorie eines Fußballvereins gehören die Spieler und die Trainer. Bei deren Auswahl hatte der KSC in der vergangenen Saison - womit wir uns jetzt beschäftigen wollen - keine glücklich Hand. Es fing schon damit an, dass der Club einen Spielerkader im Umfang von 35(!) Kickern aufbot, was für einen Zweitligaverein sehr üppig ist, insbesondere angesichts seiner ständigen Finanznöte. Darunter befanden sich leider auch keine Führungsspieler vom Kaliber eines Hakan Calanoglu, des türkischstämmigen Freistoßspezialisten, welcher früher den KSC stark machte und der jetzt beim AC Mailand spielt.

Stattdessen war die KSC-Truppe in der Saison 2016/17 ein buntes Völkchen mit schwer zu merkenden Namen, wie: Dimitris Diamantakos, Jordi Figueras, Ylli Salahi, Boubacar Barry, Valentino Vujinovic, Malik Kaarameht, Florent Muslija, Nataniel Amamoo, Hiriki Yamada und anderen mehr. Etwa 85 Prozent dieser Spieler werden den KSC in die Drittklassigkeit nicht begleiten. Auf die denkbar krasseste Weise schied der häufig verletzte Spanier Manuel Torres aus. Er befand schlicht: "Ich habe die 3. Liga nicht verdient" und absentierte sich ohne Ablöse. Ein gewisses Mitgefühl kann man mit dem ex-Paderborner Moritz Stoppelkamp empfinden, der etwas Einmaliges im deutschen Profifußball zustande brachte: für ihn endete die dritte Spielzeit (in Folge!) mit dem Abstieg!

Auch bei den Trainern mangelte es beim KSC in der abgelaufenen Saison nicht. Es waren vier an der Zahl, die gleichwohl allesamt den Abstieg  nicht verhindern konnten. Markus Kauczinski, mit dem der Verein in der Saison 2014/15 den dritten Tabellenplatz erreicht hatte und im Relegationsspiel gegen den HSV nur ganz unglücklich verlor, machte den Anfang. Seine Ankündigung, den auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen, verbreitete große Unsicherheit im Club. An seine Stelle rückte der Magath-Schüler Tomas Oral. Der Präsident charakterisierte ihn später in einem Interview als "verbissen, total ehrgeizig und extrem"; die Berufung schob er dem Sportdirektor Jens Todt in die Schuhe, der bald darauf zum HSV wechseln musste.

Von dort kam Oliver Kreuzer als Nachfolger zurück, der Mirko Slomka als Trainer Nr. 3 holte. Von Mirko, oftmals geheuert und genau so oft gefeuert, erzählt man sich folgende Story: Als er in Karlsruhe ankam und den Vereinsbossen vorgestellt wurde, reichte ihm einer der anwesenden Manager aus Höflichkeit seine Visitenkarte. Der Trainer nahm sie nur widerwillig an und sagte platt: "Glauben Sie, dass ich Sie anrufen werde"? Später stellte sich schnell heraus, dass Slomka offensichtlich die Charaktereigenschaft hatte mit niemanden zu reden - außer gelegentlich mit dem Präsidenten. Er blieb in Karlsruhe während seine ganzen Amtszeit ein Fremdling. Als er aus zehn Spielen nur 8 Punkte holte (anstatt der erstrebten 30) wurde er schnell wegen Erfolgslosigkeit in die Wüste geschickt. Seine Stelle nimmt nun  Marc-Patrick Meister ein, früher Coach der U-19 bei Borussia Dortmund. Mit ihm wagt der KSC  das Abenteuer der 3. Liga.



Präsidenten und Stadien

An Präsidenten herrschte beim KSC nie Mangel. Nach dem Abgang des legendären Roland Schmieder im Jahr 2000 haben sich folgende Herren in dieser Position versucht: Detlef Dietrich, Gerhard Seiler, Hubert H. Raase, und Paul Metzger. Im September 2010 erklomm Ingo Wellenreuther diese Stufe. Er ist zwar Jurist, betätigt sich aber zumeist in der Politik. Seit 2002 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages, wo er - kein Freund der Bundeskanzlerin (!) - eher den Hinterbänklern zuzurechnen ist. Dazwischen versuchte er mehrmals sein Glück bei diversen Oberbürgermeisterwahlen, wo er aber jeweils (2007 in Mannheim und 2012 in Karlsruhe) mit deutlichem Abstand verlor.

Noch wichtiger als der Präsident ist beim KSC der Vizepräsident Günter Pilarsky, denn dieser bringt das Geld. Pilarsky ist (Edelstahl-) Schrotthändler und seine Geschäfte laufen offensichtlich bestens, denn er figuriert unter den hundert reichsten Deutschen. Der Milliardär schießt (ähnlich wie der Reeder Kühne beim HSV) immer wieder die fehlenden Millionen Euro zu, um vom Deutschen Fußball Bund (DFB) die notwendige Spiellizenz zu ergattern. Er und Wellenreuther sind offensichtlich nur als "Doppelpack" zu haben, was eine Erklärung für Ingos schon relativ lang andauernde Präsidentschaft sein könnte.




Das derzeitige Stadion des KSC;
immer noch proper



Als langjähriges Mitglied des Karlsruher Gemeinderats gelang es Wellenreuther, dieses Gremium von der Notwendigkeit eines neuen Fußballstadions zu überzeugen - obwohl die derzeitige Arena, ausgelegt für 30.000 Besucher, immer noch relativ brauchbar erscheint. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn der OB Mentrup und seine Crew waren damit beschäftigt für eine (der weltweit kürzesten) U-Bahnen mehr als eine Milliarde Euro auszugeben. So gesehen, spielten die 120 Millionen Kosten für eine brandneues Stadion keine große Rolle mehr. Auch die Tatsache, dass vergleichbare Erstligavereine für ihre Stadien weitaus weniger bezahlen, wurden nur in den Leserbriefen der regionalen Zeitung zur Kenntnis genommen. So zum Beispiel Ingolstadt (20 Millionen Euro), Mainz (55 Mio) und Hoffenheim/Sinsheim (60 Mio). Die Verträge für das KSC-Stadion sehen eine Rückzahlung der Investition in 33 Jahren (if ever) vor - sofern der Verein hinreichend lange in der 1. Bundesliga spielt.

In wenigen Wochen beginnt der KSC seine Saison in der 3. Liga. Für den Spielbetrieb konnte nur ein Etat von 5 Millionen Euro aufgebracht werden. Zum Vergleich: der Erstligist Werden Bremen kann über ein Budget von 40 Millionen verfügen und der absolute Krösus FC Bayern München über 250 Millionen Euro.

Pro Jahr!





Samstag, 8. Juli 2017

Hilfe! Was tun mit meinem alten Diesel?

Jahrelang wurde uns der Diesel als das non-plus-ultra der deutschen PKW-Antriebstechnik verkauft. Die Hersteller verwiesen auf den geringen Kraftstoffverbrauch, die Umweltverbände auf den niedrigen CO2-Ausstoß und die Politiker setzten noch eins drauf, indem sie die Mineralölsteuer asymmetrisch anhoben - zugunsten des Diesels. Kein Wunder, dass die Verkaufszahlen anstiegen. Im Jahr 1980 lag der Marktanteil des Diesels noch bei bloßen 8 Prozent, 1999 bereits bei 22 Prozent und im Jahr 2015 kletterte er auf über 49 Prozent. Das heißt: fast jeder zweite Neuwagen war ein Diesel!

Nun zündet der Diesel plötzlich nicht mehr. Die Verkaufszahlen gehen drastisch zurück, sodass sich mancher bange Fragen stellt, wie: Hat es sich "ausgedieselt"? Wenn ja, warum? Krieg ich mein altes Dieselfahrzeug noch los? Wer hat denn da gepennt?

Das verflixte Stickoxid

Die Euphorie um den "clean Diesel" hat eine Delle bekommen, seit bekannt wurde, dass er zwar wenig CO2 ausstößt, aber umso mehr von einem anderen Schadstoff, dem Stickoxid - chemisch meist als NOx bezeichnet. Das Umweltbundesamt behauptet sogar, dass die Emissionen des Diesels im Jahr 2015 in Deutschland (exakt) 1.836 Tode verursacht habe. Das mag man glauben oder nicht; die 1.271 Menschen, welche im gleichen Zeitraum durch Treppenstürze ums Leben gekommen sind, kann man jedenfalls sicherer nachweisen.

Dass sich der NOx-Gehalt in den letzten Jahren, insbesondere in den Städten, erhöht hat, darüber besteht kein Zweifel. 40 Mikrogramm pro Kubikmeter sollten es maximal sein; am Stuttgarter Neckartor misst man - im Jahresdurchschnitt - die doppelte Menge. Da die ersten besorgten Bürger bereits Klage einreichen, wird in Stuttgart, Berlin, München (und weiteren 15 Städten) darüber nachgedacht, ältere Dieselfahrzeuge von den Innenstädten fern zu halten.

Reichlich spät, möchte man dazu sagen. Denn schon um 2008, also vor neun Jahren, hat die EU-Kommission in Brüssel den oben genannten Grenzwert für NOx vorgeschrieben. Er wurde wohl in Deutschland weitgehend ignoriert und auch im Land Baden-Württemberg,wo ein Umweltminister und ein Verkehrsminister regieren, welche beide der Partei der Grünen angehören. Auch der grüne Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn, seit 2013 am Ruder, hat sich nicht veranlasst gesehen, durch bessere Ampelschaltungen, Tempo-30-Zonen und dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs die Luftreinheit an den neuralgischen Punkten seiner Stadt zu verbessern. Nein, jetzt schwören alle drei genannten Politiker auf die Brutalomethode Fahrverbot.




Nur für Diesel Euro 6


Technische Nachrüstungen und Verkaufsüberlegungen

Die rund 15 Millionen Dieselfahrzeuge, welche derzeit auf Deutschlands Straßen bewegt werden, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Abgasemissionen sehr deutlich. Glücklich kann sich schätzen, wer ein Auto der sogenannten Euro-6-Norm besitzt; er ist nicht von Fahrverboten betroffen. Erkenntlich ist dies im Fahrzeugschein, wo im Feld 14.1 die Buchstaben NO bis YO eingetragen sind. Ab September 2017 kommt die Norm 6d hinzu, welche noch etwas höherwertig sein soll. Rund 40 Prozent aller Diesel, also ca. 5 Millionen Fahrzeuge, erfüllen nur die Norm 5, stoßen also mehr Abgase aus und sind nachrüstungsbedürftig. Ca. 4,5 Prozent erfüllen lediglich die Norm 4; hier wird die Nachrüstung teurer als bei der Norm 5.

Die deutschen Automobilhersteller wollen Diesel-Fahrzeuge mit der Norm 5 mit hohem NOx-Ausstoß nachrüsten, um generelle Fahrverbote in den Städten zu vermeiden. Beim Upgrade eines solchen Diesels soll zukünftig eine neue Software aufgespielt werden. Dies müsste eigentlich kostenlos geschehen. Sind die Hersteller oder Werkstätten dazu aber nicht bereit, so sollten die Kosten für eine solche Nachrüstung nicht mehr als 100 Euro betragen, wodurch sich die Emissionen bereits um 25 Prozent absenken. Bei der Kategorie 4 können beim Upgrade für Filter und Katalysator dagegen schon Beträge bis zu 2.500 Euro auflaufen. Für noch ältere Fahrzeuge lohnt sich die noch kostspieligere Nachrüstung meist gar nicht mehr, da in diesen Fällen wohl auch die Werksgarantie schon abgelaufen ist. (Derzeit ist die Rede von einem Finanzierungsfonds für Nachrüstarbeiten, in den Bund und Hersteller je eine halbe Milliarde einzahlen sollen. Experten sehen in der neuen Software ein langfristiges Risiko für den Motor!)

Der Verkauf von Dieselneuwagen ist im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent zurück gegangen und ist weiterhin im Fallen. Der Eigentümer eines Fahrzeugs der Kategorie 5 oder 4 oder gar darunter sollte sich deshalb gut überlegen, ob er sein Auto zum Verkauf anbietet. "Greife nicht in ein fallendes Messer", ist eine erprobte Regel aus dem Aktienmarkt, wenn die Kurse fallen. Das gilt derzeit auch für den Diesel-Gebrauchsmarkt. Man sollte stattdessen in Erwägung ziehen, den alten Wagen nicht zu verkaufen, sondern ihn noch etwas länger zu fahren, als ursprünglich vorgesehen. An sich ist der Diesel ja ein technisch erprobtes und zuverlässiges Fahrzeug; daran hat auch die gegenwärtige leidige Diskussion nicht viel geändert. Ohne den Diesel würde sich Deutschland noch viel weiter von den Klimaschutzzielen entfernen, egal wie sinnvoll diese sein mögen. Im übrigen wird in einigen Jahren 50 Prozent der gesamten Diesel-PKW-Flotte aus modernen Euro-6-Dieseln bestehen. Das heißt: In absehbarer Zeit wird die Stickoxidfrage aller Voraussicht so "gelöst" sein, dass Fahrverbote in Städten nicht mehr nötig sind.

Versagen der Elite

VW und Audi haben den Diesel in Verruf gebracht. Die Ingenieure dieser Unternehmen haben jene illegale Abschalteinrichtung in die Motorensteuerung eingebaut, um die amerikanischen Abgasnormen zu umgehen und offensichtlich auch die Prüfer in Deutschland auszutricksen. Die Folge sind Strafzahlungen im zweistelligen Milliardenbereich. Die deutsche Automobilbranche, auf die man (angeblich) so stolz sein konnte, ist damit ins Abseits geraden. Diese industrielle Schande, ermöglicht durch das Versagen eine Manager-Elite, wird auf immer in die Geschichtsbücher eingehen.

Versagt haben auch die Aufsichtsorgane bei VW und Audi, sowie vermutlich weitere Firmen, wie eventuell Bosch. Martin Winterkorn, der VW-Chef, wurde zwar geschasst, aber der Vertrag für Rupert Stadler, dem Audi-Chef, wurde unverständlicherweise um weitere fünf Jahre verlängert.

Und geradezu unfassbar sind die Bonuszahlungen an die gescheiterten Manager. Das gesamte Vorstandsteam bei VW bekam in dem Jahr mit dem Rekordverlust satte 35 Millionen Euro an Boni überwiesen. Die Vorstandsfrau Christine Hohmann-Dennhardt erhielt für 13 Monate im Amt eine Abfindung von 12,5 Millionen Euro samt einer Rente von 8.000 Euro monatlich. Demgegenüber muss sich der Hauptverantwortliche Martin Winterkorn mit einer Rente von bloß 3.100 Euro zufrieden geben. Pro Tag!

Freitag, 30. Juni 2017

Die Schnellen Brüter im Kommen?

Das russische zivile Nuklearprogramm ist beeindruckend. Neben 36 "konventionellen" Kernkraftwerken (zumeist auf Druckwasserbasis) leistet sich Russland auch eine stattliche Flotte an sogenannten "fortgeschrittenen" Kernkraftwerken, welche zum Typus der "Schnellen Brüter" gehören. Aufbauend auf einem halben Dutzend kleinerer Versuchskraftwerke bis zu 350 MW Leistung betreibt man im Ural, nahe der Stadt Beloyarsk, seit nunmehr 30 Jahren das Brüterkraftwerk BN-600 mit einer Leistung von 600 Megawatt elektrisch - durchaus erfolgreich und ohne besondere Störungen.

Seit August 2016 ist an benachbarter Stelle der noch leistungsstärkere Brüter BN-800 (entspr. 800 MWe) hinzu gekommen, der inzwischen unter Volllast betrieben wird. Aber das ist noch nicht das Ende der russischen Brüterambitionen. Ein weiteres Kraftwerk, der BN-1200 (also 1200 MWe) ist in der Planung und der BN-1600 soll demnächst folgen und mit 1600 MWe zu den leistungsstärksten Kernkraftwerken der Welt zählen.

Vor dem Hintergrund, dass im Westen (und insbesondere in Deutschland) die Brüterentwicklung, zumeist aus politischen Gründen, beendet wurde, ist das russische Voranschreiten durchaus erstaunlich. Vor allem auch deswegen, weil ein Brüterkraftwerk etwa 10 bis 20 Prozent höhere Baukosten verursacht als ein Leichtwasserkraftwerk vergleichbarer Größe.



   
                                                   Der russische Schnellbrüter BN-800


Der Brüter:  Alleskönner und Allesfresser

Die besagten Mehrkosten rentieren sich letztlich, weil der Schnelle Brüter vielfältiger einsetzbar ist als konventionelle Kernkraftwerke.

1. Stromerzeugung:
Beim Brüter wird der elektrische Strom in gleicher Weise erzeugt wie bei den konventionellen Leichtwasserkernkraftwerken: eine Turbine wird mit ca. 500 Grad heißem Wasserdampf angetrieben und der damit gekoppelte Generator erzeugt den Strom.

2. Nutzung des abgereicherten Urans:
Da der Brüter mit schnellen Neutronen betrieben wird, kann er (aus kernphysikalischen Gründen) abgereichertes Natururan des Isotops 238 zur Umwandlung in spaltbares Plutonium nutzen. Dieses Uran 238 gibt es auf Abraumhalden zuhauf und fast kostenlos. Es ist ein Abfallprodukt bei der Urananreicherung für die konventionellen Reaktoren. Damit erhöhen sich die strategischen nuklearen Uranvorräte fast um einen Faktor von 100 und die bergmännische Gewinnung von Natururan unter Strahlenbelastung entfällt.

3. Verbrennung von Bombenplutonium:
Im Zuge der West-Ost-Abrüstungsverhandlungen wurden beidseitig eine Vielzahl von Atombomben "ausgemustert". Der Schnelle Brüter ist in der Lage, dieses "Altplutonium", dessen Isotopenvektor sich durch interne Bestrahlung erheblich verändert hat, im Reaktorkern zu "knacken" und daraus Energie zu erzeugen. Somit entsteht letztlich das Edelprodukt Strom, während bei Nichtnutzung der Brütertechnologie nur erhebliche Bewachungskosten für das Pu anfallen würden.

4. Verbrennung langlebiger Transuran-Abfälle:
Beim Betrieb konventioneller Reaktoren entstehen bekanntlich radioaktive Alphastrahler mit der Ordnungszahl über 92. Die Abfälle - i. w. Neptunium, Americium, Curium, Berkelium und Californinum - sind für den Großteil der Hitze- und Strahlenentwicklung im abgebrannten Kernbrennstoff über einen Zeitraum von bis zu 100.000 Jahren verantwortlich.

Auch diese Aktiniden können in Spezialbrennelementen im Schnellen Brüter gespalten werden. Die entstehenden Spalttrümmer haben in der Regel nur noch eine Halbwertszeit von einigen hundert Jahren und erleichtern damit die Entsorgung dieser Abfallkategorie enorm. Forschungen zu diesem Thema werden überall auf der Welt betrieben; in Deutschland wurden sie allerdings seit der Energiewende drastisch zuück gefahren. Russland beabsichtigt mit seinen beschriebenen Brütern der BN-Klasse alle seine bislang generierten Aktinidenabfälle zu verbrennen und diese Technologie später auch im Westen zu verkaufen.


Einige technische Merkmale des Brüters

Charakteristisch für den Brutreaktor ist die Verwendung schneller Neutronen. Nur sie ermöglichen den Prozess des Brennstoffbrütens vom Uran 238 zum Plutonium. Damit verbietet sich auch die Verwendung von Wasser als Kühlmittel, denn die Wasserstoffatome würden die schnell fliegenden Neutronen schon nach wenigen Stößen abbremsen, also moderieren. Das Kühlmittel der Wahl ist deshalb beim Schnellen Brüter das (atomar leichte) Flüssigmetall Natrium. Es ist allerdings mit Vorsicht zu handhaben, denn beim Zutritt von Luft oder Wasser - im Falle eines Lecks an den Rohrleitungen - fängt Natrium an zu brennen.

Aber die Vorteile von Natrium überwiegen seine Nachteile bei weitem. So behält dieses Metall seinen flüssigen Aggregatszustand in dem weiten Bereich zwischen 100 und 1000 Grad Celsius bei und kann bei 500 Grad sicher betrieben werden. Des weiteren leitet es die Wärme hervorragend ab - viel besser als Wasser bzw. Dampf - sodass sich Temperaturspitzen im Kühlsystem kaum aufbauen können. Und es muss nicht (wie das Wasserdampfsystem beim LWR) unter mehr als hundert Atmosphärendruck gesetzt werden. Der Reaktortank beim Brüter ist kein dicker Stahlbehälter, sondern gleicht eher einem "Fass", in dem sich das Natrium nahezu drucklos bewegt.

Sicherheitstechnisch besonders vorteilhaft ist der Umstand, dass man mit Natrium (z. B. beim Ausfall der Pumpen) die Wärme passiv, via Naturumlauf, abführen kann. Bei gewissen Notsituationen ist also der Eingriff des Betriebspersonals überhaupt nicht erforderlich, sondern der Reaktor geht selbsttätig in den sicheren Zustand über.


Historisches zum SNR 300

Das deutsche Brüterkraftwerk SNR 300 wurde 1972 vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt auf den Weg gebracht. Seine Begründung dafür ist heute noch gültig: Der Schnelle Brüter soll das in den Leichtwasserreaktoren erzeugte Abfallprodukt Plutonium sinnvoll wiederverwenden. Zudem soll der Brüter die knappen Uranvorräte wirtschaftlich nutzen. Zur Realisierung wurde das damalige Kernforschungszentrum Karlsruhe mit der Beistellung der F+E-Leistungen beauftragt, Interatom/Siemens sollte die Anlage in Kalkar errichten, Alkem die Pu-Brennstäbe beistellen und RWE den Brüter betreiben. In Holland und Belgien konnten dafür Kooperationspartner gewonnen werden. Nach vielen Widerständen (zumeist politischer Art) war die Anlage unter der Kanzlerschaft Helmut Kohl im Jahr 1985 fertiggestellt.

Just zu diesem Zeitpunkt wurde der SPD-Genosse Johannes Rau zum Ministerpräsidenten des Sitzlandes Nordrhein-Westfalen gewählt. Er beschloss die "Kohle-Vorrang-Politik" und verkündete offen, dass NRW notfalls so lange gegen den Brüter prozessieren wird, bis dessen sanfter Tod eingetreten ist. Da NRW für die Genehmigung de SNR 300 zuständig war, konnte er dies in die Tat umsetzen. Die anschließenden Prozesse gingen bis vor das Bundesverfassungsgericht; die für den Betreiber positiven Urteile konnten allerdings nicht realisiert werden.

Mittlerweile eröffnete Rau den 50 Quadratkilometer großen Braunkohletagebau Garzweiler II. Für die Subventionierung der Steinkohle wurden (via "Kohlepfennig") insgesamt mehr als - umgerechnet - 150 Milliarden Euro aufgebracht. Demgegenüber hat der SNR 300 dem deutschen Steuerzahler insgesamt 2 Milliarden Euro gekostet.

Als absehbar war, dass Rau und seine Genossen der Inbetriebnahme des SNR 300 nicht mehr zustimmen würden, beschloss die Bundesregierung das Projekt zu beenden. In der Presserklärung des Forschungsministers Heinz Riesenhuber vom 21. März 1991 wird knapp vermerkt: "Die Verantwortung für das Ende von Kalkar liegt eindeutig beim Land Nordrhein-Westfalen".

Vier Jahre später wurde das Brüterkernkraftwerk Kalkar samt Gelände für 5 Millionen DM an einen holländischen Unternehmer verkauft, der es zu einem Rummelplatz á la Disneyland umbaute. Der Kühlturm wird seitdem für Kletterübungen benutzt.


Der bemalte Kühlturm des SNR 300 in Kalkar als Klettergerüst

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