Dienstag, 10. September 2019

Weltmacht USA: Lage, Lage, Lage

Von dem US-amerikanischen Hotel-König Conrad Hilton ist überliefert, dass er auf die Frage nach den drei wichtigsten Kriterien für den Wert einer Immobilie antwortete:
Lage, Lage, Lage.
Tatsächlich ist der Standort (=Lage) das prinzipiell Einzige, welches sich bei einer Immobilie nicht verändern lässt. In der Regel besitzt ein Hotel im Touristenstaat Florida, wegen der Besucherfrequenz, per se einen weitaus höheren Wert, als ein gleichartiges Hotel im abgelegenen, ländlichen Staat Alabama.

Den gleichen Maßstab kann man auch an ganze Ländereien anlegen. Die USA, welche als gewaltiger "Brocken" zwischen den beiden Weltmeeren Atlantik und Pazifik liegt, ist strategisch viel besser plaziert als beispielsweise Deutschland in seiner europäischen Mittellage. (Der Ausgang zweier Weltkriege mag als Beweis dienen). Aber bei dieser Bilanzierung sollte man nicht vergessen, dass den Amerikanern ihr jetziges Heimatland nicht vom Himmel geschenkt worden ist. Stattdessen wurde es im Laufe von fast vier Jahrhunderten den damals regierenden Weltmächten (Briten, Franzosen, Spanier) in harten Kämpfen abgerungen, zum Teil auch durch eine kluge Ankaufspolitik (siehe Alaska) preiswert erweitert oder durch kaltblütige Annektionen (Hawaii) ganz einfach in Besitz genommen. Der zielstrebige Aufbau des Landes USA ist einzigartig in der neueren Geschichte der Menschheit und soll - da damit ein Jubiläum verbunden ist - in geraffter Form und im Rahmen dieses Blogs gewürdigt werden.


Erste Besiedelung Amerikas und die "Mayflower"

Die ersten Europäer kamen zu Anfang des 17. Jahrhunderts an der Ostküste der heutigen USA an. Geplagt durch heimische Religionskriege und Hungersnöte, merkten die Siedler bald, dass sie in ein Schlaraffenland gekommen waren. Die Böden strotzten vor Fruchtbarkeit und überall gab es natürliche Häfen um Schifffahrt zu betreiben. Als besonderes historisches Highlight wird - aus heutiger Sicht - die Ankunft des Schiffes Mayflower auf Cape Cod am 21. November 1620 im Rahmen der amerikanischen Folklore gefeiert. Den Amerikanern steht also nächstes Jahr ein bedeutsames 400er-Jubiläum ins Haus. Die Passagiere der Mayflower (zwei verstarben während der Überfahrt aus England, ein Kind wurde geboren) waren die sogenannten "Pilgerväter" (=Pilgrim Fathers), eine streng religiöse Sekte, welche dem Calvinismus nahe stand.

Der Kapitän des Schiffes nannte sich Christopher Jones und auch viele Passagiere hörten auf typisch englische Namen, wie Smith, Miller, Ferguson etc. So konnte es nicht ausbleiben, dass zahlreiche traditionsbewusste heute lebende Amerikaner (insbesondere aus vornehmen Familien) ihre Abstammung auf einen Passagier der Mayflower zurückführen möchten. Doch diese genealogischen Bemühungen sind nicht schlüssig, denn die Mayflower müsste, angesichts der zahlreichen Namensbewerber die Größe eins mittleren modernen Kreuzfahrtschiffs gehabt haben. Stattdessen war sie nur ein mittelgroßes Segelboot, das gerade mal 102 Passagiere beherbergen konnte.


Der Unabhängigkeitskrieg und die Vertreibung der Briten

Die Besiedlung der amerikanischen Ostküste erstreckte sich über ein knappes halbes Jahrhundert hinweg und geschah unter der politischen Aufsicht des britischen Königsreichs. London strukturierte die 1.600 Kilometer lange Landfläche mit ca. 2,5 Millionen Menschen in 13 sogenannte Kronkolonien, wovon die letzte, Georgia im Süden, 1732 gegründet wurde. Allmählich jedoch wuchs unter den Siedlern der Wunsch nach Unabhängigkeit von Großbritannien, was die Briten aber nur dazu ermuterte, ihren amerikanischen Kronkolonien die Steuern und Zölle zu erhöhen. Die Forderung der Siedler nach angemessener Repräsentation im englischen Unterhaus ("no taxation without representation") überhörte London geflissentlich, denn es benötigte diese Einnahmen um seine Kriege gegen Frankreich zu finanzieren. So kam es im Dezember 1673 zu einem revolutionären Akt, der als die "Bostoner Tea Party" in die amerikanische Geschichte einging: als Indianer verkleidet enterten einige Siedler ein britisches Frachtschiff und kippten einige Tonnen Tee schlicht ins Meer.

London konnte diesen "Aufruhr" nicht zulassen und so kam es zum sogenannten "Unabhängigkeitskrieg" (1775 - 83). Die kampferprobten englischen Krieger waren anfangs in der Übermacht, aber die (heimliche) Unterstützung der Franzosen und das strategische Können des (ehemaligen) preußischen Offiziers Friedrich Wilhelm von Steuben führte 1681 zur Schlacht von Yorktown in Virginia, wo die Briten kapitulieren mussten. Im Frieden von Paris (1683) erkannte Großbritannien die Unabhängigkeit ihrer ehemaligen Kronkolonien an und räumte das Feld.


Der Louisiana-Deal und die Vertreibung der Franzosen

Jetzt waren die Franzosen die unmittelbaren Nachbarn der Vereinigten Staaten. Die Weltmacht Frankreich beherrschte ungefähr das Gebiet, welches heute der "Mittlere Westen" genannt wird. Insbesondere war es der westliche Mississippi bis hinunter nach New Orleans. Damit beherrschte Frankreich den amerikanischen Handel, der über den Golf von Mexiko in die Alte Welt ging, sowie das riesige Gebiet westlich des heutigen amerikanischen Kernlands. Der Präsident Thomas Jefferson schrieb 1802: "Auf diesem Erdball gibt es nur einen einzigen Punkt, dessen Besitzer unser  natürlicher und dauerhafter Feind ist. Das ist New Orleans". Üblicherweise wäre die "Lösung" ein Krieg zwischen Amerika und Frankreich gewesen. Aber die Geschichte meinte es anders. In Europa war Napoleon Bonaparte in arge Geldnot geraten, wegen seiner vielen Kriege gegen die Nachbarländer. Er sanktionierte den Verkauf der gesamten Kolonie Louisiana (viel größer als der heutige Bundesstaat Louisiana!) für den Preis von 15 Millionen Dollar. Nie mehr vorher noch nachher haben die Vereinigten Staaten so viel Land für so wenig Geld bekommen.



"Louisiana Purchase" 1803 (dunkelgrünes Gebiet)
Territorien bis 1810 (hellblau)
Gebietsansprüche (hellgrün)

Das Territorium Louisiana war ein Gebiet so groß wie die modernen Länder Spanien, Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland zusammen. Im Großraum des Mississippibeckens gibt es mehr schiffbare Flusskilometer als im Rest der Welt zusammen. Nirgendwo sonst gibt es so viele Flüsse, die nicht im Hochland entspringen und deren Wasser über so weite Entfernungen (bis zu 3.000 km!) ruhig bis zum Meer fließen. Somit sind diese Flüsse der natürliche Kanal für den ständig wachsenden Handel, führen im Süden zum großen Hafen New Orleans und ermöglichen allen Anliegern die Nutzung von Wasserwegen, was um ein Vielfaches billiger ist als der Transport auf Straßen. Und: die Franzosen waren de facto aus dem Land getrieben.


"Go west, young man" und die Vertreibung der Spanier

Nachdem 1814 die Briten abgezogen waren und die Franzosen Louisiana aufgegeben hatten, war die amerikanische Politik darauf ausgerichtet auch die Spanier - das letzte verbliebene Weltreich - zum Gehen zu bewegen. Im ersten Schritt kaufte man ihnen Florida ab, ein ziemlich großes Territorium. Dann erlaubten die Spanier den USA den teilweisen Zugang zum fernen Westen nördlich des 42. Breitengrads. Ein Problem war Mexiko. Hier ermunterte man die Neuankömmlinge sich in Texas niederzulassen, wodurch schließlich in der Texanischen Revolution 1835/36 die Mexikaner aus diesem Gebiet vertrieben wurden. Im nachfolgenden Krieg gegen Mexico 1846-48 überwältigte man den südlichen Nachbarn, der nun akzeptieren musste, dass sein Staatsgebiet am Südufer des Rio Grande endete.

Mit Kalifornien, New Mexico und der Region, die heute Arizona, Nevada, Utah und einen Teil von Colorado umfasst, handelt es sich in vieler Hinsicht um natürliche Grenzen. Im Süden fließt der Rio Grande durch eine Wüste, im Norden liegen große Seen und Felsengebirge, wo vor allem in der Ostküste des Kontinents wenige Menschen dicht an der Grenze leben. Und im Westen und Osten gibt es große Ozeane. Nichts mehr bedroht diese USA. Der Goldrausch 1848/49 (nachzulesen bei Jack London) war hilfreich, aber die Einwanderer zog es ohnehin in den Westen. "Go west, young man, go west" war der Schlachtruf. 1867 kaufte man dem klammen Russenzar Alaska für 7,2 Millionen Dollar ab. Zehn Jahre später nahm die transkontinentale Eisenbahn den Betrieb auf. Nun konnte man das ganze Land in einer Woche durchqueren. In weiteren Kriegen beziehungsweise Scharmützeln erlangte man den (zeitweiligen) Besitz der Inselgebiete Puerto Rico, Guam,Kuba und die Philippinen. Die Hawaii-Inseln wurden einfach annektiert und 1903 unterschrieben die USA einen Vertrag mit Exklusivrechten am Panamakanal. Die Vereinigten Staaten waren als Großmacht auf der Weltbühne angekommen.


Grönland - das Tüpferl aufs i

Immobiliengeschäfte, insbesondere wenn es um ganze Ländereien geht, sind heute viel schwieriger abzuwickeln, als noch vor fünfzig oder hundert Jahren. Das musste selbst der weltweit prominenteste Immo-Händler, der US-Präsident Donald Trump, erkennen. Er wollte den Dänen, am Rande des kürzlichen G7-Treffens in Biarritz die Felsen- und Eisinsel Grönland abschwatzen - und blitzte dabei ab. Die Dänenkönigin Margarete und ihre Ministerpräsidentin Mette Frederiksen lehnten bereits im Vorfeld glatt ab, sodass Donald, deutlich verschnupft, den Abstecher nach Kopenhagen erst gar nicht antrat. Dieses Eiland, nahe am Nordpol gelegen, wäre für die USA als "Blocker" gegen Russland von strategischer Bedeutung gewesen und außerdem vermutet man dort allerhand wertvolle Mineralien vom Erdöl bis zu Seltenen Erden.

Aber die Messe um Grönland ist noch lange nicht gelesen. Die 50.000 Ureinwohner, welche zum Teil die Politik mitbestimmen, könnten in 10 oder 20 oder 30 Jahren sehr wohl für die Angliederung an die mächtige USA stimmen - und das Mutterland Dänemark stünde mehr oder minder nur noch als Zaungast daneben. Dänemark dürfte sich allerdings wohl auf einen (einstelligen?) Milliardenbetrag freuen und könnte fortan die jährlich 600 Millionen Euro Hilfsgelder für die ferne Insel sparen. Einen Fuß haben die Amerikaner bereits in der Tür mit einer mächtigen Raketenstation, die seit Jahren auf Grönland platziert ist. Da kann in Zukunft noch manches hinzu kommen.
Wait and see!


Grönland und USA (nach Google Maps)
Fläche Grönland: ca. 2 Mio Quadratkilometer
Fläche USA: ca 10 Mio Quadratkilometer

Montag, 19. August 2019

Braucht CERN wirklich eine Riesenschleuder ?

In den letzten Jahren ist es vergleichsweise still geworden um das Forschungszentrum CERN bei Genf. Die letzte , weltweit registrierte Hurra-Meldung, ist schon sieben Jahre her, als 2012 der experimentelle Nachweis für das sogenannte Higgs-Teilchen gelang. Die beiden Theoretiker Peter Higgs (Schottland) und Francois Englert (Belgien) hatten dieses Kernteilchen schon Jahrzehnte vorher postuliert, aber erst mit dem damals weltweit leistungsfähigsten Beschleuniger LHC (= Large Hadron Collider) konnte es nachgewiesen werden, was den beiden Forschern 2013 den Nobelpreis für Physik einbrachte. Seitdem gab es keinen Anlass mehr für Champagnerparties mit der Marke Veuve Cliquot.

Fragt man die Experten in Genf, so ist die Ursache für diese forscherische Flaute die zu geringe Leistung des Kreisbeschleunigers  LHC. Kein Wunder, dass man bei Cern inzwischen an einem noch größeren Protonenbeschleuniger plant. Der LHC soll - samt einem upgrade - zwar noch 20 Jahre im Betrieb bleiben, aber inzwischen soll an seiner Seite die Riesenmaschine FCC (= Future Circular Collider) entstehen. Im französisch-schweizerischen Grenzgebiet soll ein 100 Kilometer langer Tunnel mit entsprechend starken Magneten ausgestattet werden. Zum Vergleich: der bestehende Teilchenbeschleuniger LHC besitzt "nur" einen 27 km langen Tunnel. Ersten Planungen zufolge wäre der FCC bis zu 100.000 mal leistungsfähiger als bisherige Anlagen am Cern. Der geringe Krümmungsradius des FCC hat den Vorteil, dass viel höhere Strahlgeschwindigkeiten  erreicht werden - ohne befürchten zu müssen, dass die Kernteilchen zur Seite davonfliegen. Der Beschleuniger FCC soll in den fünfziger Jahren in Betrieb gehen und (voraussichtlich) 25 Milliarden kosten. Deutschland wäre mit ca. 20 Prozent unter den Financiers.


Ziele und Konkurrenten

Das Ziel der Experimente am FCC ist - ganz allgemein gesprochen - Licht in das Dunkle Universum zu bringen. Etwa 95 Prozent des Kosmos bestehen aus Dunkler Materie (zu ca 25 %) und Dunkler Energie (ca. 70 %). Zahlreiche Forscherteams haben nach Teilchen und Feldern gesucht, aus denen sie bestehen könnten - ohne Erfolg. Die Dunkle Materie (DM) bewirkt den Zusammenhalt der Galaxien, die Dunkle Energie (DE) sorgt für die Expansion des Kosmos.




Das Arsenal der Beschleuniger am CERN


Ein wichtiges Modellkonzept der Theoretischen Physik ist die Supersymmetrie (SUSY). Dabei werden Teilchen mit ganzzahligen Spin (Bosonen) und solche mit halbzahligen (Fermionen) ineinander umgewandelt. Allerdings konnte bislang nicht der Nachweis erbracht werden, dass diese Supersymmetrie in der Natur tatsächlich existiert. Insbesondere wurden noch keine Superpartner bekannter Teilchen beobachtet. Seit fast 50 Jahren wird diese Theorie sowie die mit ihr verwandte Stringtheorie von klugen theoretischen Physikern beackert - ohne Erfolg. Auch hier soll der FCC experimentelle Ergebnisse - womöglich neue Kernteilchen - liefern.

Das Projekt FCC hat Konkurrenz in China und Japan. Chinas Super-Mathematiker Yau, der im Land großen Einfluss besitzt. steht an der Spitze der Promotoren. "Von der Großen Mauer zum Großen Beschleuniger" lautet der Titel des Buches, in dem er seine Visionen der Öffentlichkeit präsentiert. Die Politiker, welche in China allein die Entscheidungen treffen, halten sich bisher noch bedeckt. ---
Auch in Japan gibt es Pläne für einen (linearen) Teilchenbeschleuniger, der unter dem Namen CLIC bekannt ist. Als Standortland müsste Japan den Großteil der Baukosten selbst übernehmen, was seine Nutzung für Ausländer billiger macht. Deutschland hat bereits sein Interesse bekundet und somit den FCC an die zweite Stelle gerückt. Ist es nur Poker oder eine wirkliche Strategie, das vermag derzeit niemand zu sagen.


Kritik:  Erst Higgs, dann nix?

Bei Cern sonnen sich immer noch viele im Erfolg der Higgs-Versuche vor sieben Jahren, als man mit dem umgebauten Beschleuniger LHC eine Punktlandung erzielte: Erst identifizierte man das  Higgs-Boson und bereits ein Jahr später kam der Nobelpreis aus Stockholm. Aber nicht wenige altgediente Physiker warnen vor solcher Euphorie in der jetzigen Situation, indem sie sagen: "Wir können nicht erwarten, dass die Natur uns solche Schätze, wie das Higgs, wie reife Äpfel in den Schoß legt. Trotz der viel höheren Kollisionsenergie beim FCC könnte in den avisierten Energiebereich nichts zu finden sein, weil die Versuchsparameter möglicherweise nicht genügend angepasst sind". Dann hieße es also: "Erst Higgs, dann nix" und eine Generation von Astrophysikern würde vergeblich auf den nächsten Nobelpreis warten.

Die Situation beim Higgs-Teilchen und den gegenwärtig gesuchten SUSY-Teilchen in der DM unterscheiden sich nämlich dramatisch. Higgs war gewissermaßen eine "win-win-Situation". Das Boson war seit 50 Jahren bekannt und durch die theoretischen Physiker Higgs und Englert hinreichend spezifiziert. Der Beschleuniger LHC konnte auf die Eigenschaften des Higgs-Teilchen optimiert werden. Wäre das Teilchen nicht gefunden worden, dann hätte das Standardmodell zur Diskussion gestanden und damit für neue, interessante Aufgaben gesorgt. Ein solches "no-lose-theorem"  gibt es bei SUSY nicht. Es kann dort durchaus die Situation eintreten, dass man an der vollkommen falschen Stelle sucht und nichts findet, vielleicht weil Beschleuniger und Detektoren dies verhindern.

Es gibt schon ExpertInnen, die in der Investition für den FCC ein "25-Milliarden-Euro-Grab" sehen. Eine solche Wissenschaftlerin ist die theoretische Physikern Sabine Hossenfelder am Frankfurter Institute for  Advanced Studies. Sie wirft die Frage auf, ob es nicht sinnvoller wäre, das Projekt FCC in Gänze aufzugeben und das Geld in andere Forschungsgeräte zu investieren, die mehr Erkenntnisse erwarten lassen und billiger sind. Sabine hat sogar ein Buch darüber geschrieben mit dem provokanten Titel "Das hässliche Universum", worin sie zu der apodiktischen Feststellung gelangt: "Der FCC ist die 25 Milliarden Euro nicht wert". Kein Wunder, dass solche Empfehlungen in Genf nicht gut ankommen, wo  die Nerven blank liegen. Jemand schrieb ihr (anonym) einen derben Brief zurück, der mit der Aufforderung endete:

"Fuck you"

Sonntag, 11. August 2019

Schottergärten - Gärten des Grauens ?

Winfried Kretschmann, der ansonsten eher gelassene baden- württembergische Ministerpräsident, wurde fuchsteufelswild als er auf einem Kongress der Grünen auf die neuen, in Mode gekommenen Vorgärten aus Stein und Kies - aber praktisch ohne Rasen, Blumen und Stauden - angesprochen wurde. Der studierte Biologe und langjährige Gymnasiallehrer in diesem Fach bezeichnete diese "Schottergärten" als einen Irrweg, der Steinwüsten entstehen lässt, wo Grünpflanzen notwendig wären, um die CO2-Bilanz zu verbessern.

Trotzdem, wer mit offenen Augen an den Vorgärten, insbesondere am Stadtrand vorbei geht, kann nicht übersehen, dass eine neue Gartenkultur (des kleinen Mannes?) im Entstehen ist. Immer mehr der früheren biologischen Gartenfläche wird nun mit Steinen bedeckt als dem vorrangigen Gestaltungsmittel. Pflanzen kommen nicht mehr, oder nur noch in geringer Zahl, vor und sind zumeist noch durch einen strengen Formschnitt künstlich gestaltet. Als Steinmaterial beobachtet man vor allem gebrochene Steine mit scharfen Kanten und ohne Rundungen: eben Schotter. Für den gleichen Gartenstil könnte man auch Geröll, Kies oder Splitt verwenden. Kein Vergleich mehr mit den klassischen Steingärten, bei denen die Vegetation noch im Vordergrund stand.


Motivation und Umsetzung

Umfragen haben zutage gefördert, weshalb ökologisch tote Vorgärten so "beliebt" sind. Offensichtlich haben immer weniger Einfamilienhausbesitzer Zeit und Lust, Gartenarbeit zu verrichten. Was früher Freude bereitete, ist heute zur Last geworden - und das, obwohl die Vorgärten selten größer als hundert Quadratmeter sind und die Renommierfirmen Bosch und Gardena laufend neue Mähroboter und Sprinkleranlagen auf den Markt bringen. Hinzu kommt das Phänomen der Ansteckung: sobald der Nachbar einen angeblich pflegeleichten Schottergarten hat, scheint ein "Virus" alle anderen auch in diese Richtung zu befallen. Hinzu kommt eine neue Gartenästhetik, welche möglicherweise von der japanischen Zen-Kultur angeregt wird. Schließlich sind es natürlich auch die Gartenbaubetriebe, welche die neue Nische ausnutzen.


Drahtkörbe (Gabione) ersetzen Blumenrabatte und Gartenzäune

Und es ist so leicht, eine solche Steinöde anzulegen. Meist muss man nur die Humusschicht des Vorgartens abtragen und den verbleibenden Grund mit einer Plastikfolie abdecken. So kann kein Würmchen und kein Kräutlein von unten mehr durchdringen und der Boden ist auch gleich noch versiegelt. Im Ergebnis ist er so tot wie ein Stück Autobahn und heizt sich ähnlich schnell auf. Manche setzen noch, wie zum Hohn, eine einsame Krüppelkonifere in den Schotter, die dort jahrelang um ihr Leben ringt. Der Gipfel sind die mit Steinen gefüllten Drahtkörbe ("Gabione"), welche häufig Blumenrabatte und selbst Gartenzäune ersetzen. Sie kommen aus dem militärischen Bereich und wurden im Ersten Weltkrieg von den Soldaten als "Schanzkörbe" verwendet. Heute werden die Steine für unsere Hobbygärtner aus Indien und China herangekarrt.


Aber die Natur bricht sich Bahn

Es war der oben erwähnte Grünen-Politiker Kretschmann, der darauf verwies, dass diese neuartigen Schottergärten nicht pflegeleichter sind als normale begrünte Gärten. "Der Löwenzahn weiß sich schon einzunisten. Zudem ist "pflegeleicht" in der Umwelt nicht das entscheidende Kriterium; bei der Natur gilt Reichtum in jeder Beziehung". How! Der Biologielehrer hat gesprochen.

Aber der Herr Ministerpräsident könnte sich auch täuschen. Immer noch sind effiziente Unkrautvernichter und Insektenkiller (auch für Bienen!) auf dem Markt, die zwar ex lege nicht gespritzt werden dürfen - aber wer kann das schon kontrollieren? Deshalb bemühen sich Naturschutzverbände und ökologisch wohlmeinende Politiker darum, die Steingarteneuphorie wenigstens zu dämpfen. BUND und NABU sind an erster Stelle zu nennen, aber die meisten Kommunal- und Landespolitiker zögern noch. Da und dort werden zwar vereinzelt entsprechende Auflagen in die Bauanträge aufgenommen, aber in der Mehrzahl fürchtet man den Zorn der Bürger und ist entsprechend vorsichtig:

Schotterverbot und Pflichtbaum, so weit will man derzeit noch nicht gehen.



Gemütlich ist es im Kiesbett

Mittwoch, 31. Juli 2019

Die deutschen Elite-Universitäten: armer Adel

Im Grunde kann man an den 104 deutschen Universitäten ganz passabel studieren. Die Lehrpläne der einzelnen Fächer unterscheiden sich nicht dramatisch. Das gilt sogar für die mehr technisch ausgerichteten "Technischen Universitäten" (TU), früher allgemein als "Technische Hochschulen" (TH) bezeichnet. Ich kann das selbst für das Fach Physik bezeugen, welches ich (nacheinander) an der Uni München und der (damaligen) Technischen Hochschule München absolviert habe. An der Uni waren die Vorlesungen mehr abstrakt, an der TH mehr anwendungsbezogen. Das hatte unter anderem die Auswirkungen, dass bei den Klausuren an der TH die Lösungen der Differentialgleichungen streng numerisch verlangt wurden, während der Uni-Prof  Maak sich mit dem Existenzbeweis einer Lösung begnügte.

Es war in der Endphase der Schröder-Regierung, als die Ministerialen im Berliner Forschungsministerium im Jahr 2006 die Idee de "Exzellenzinitiative" kreierten. In einem Wettbewerb mit parallel ausgelobtem finanziellen Förderprogramm, sollte mehr Struktur in die deutsche Universitätslandschaft gebracht werden. In einer Art nationaler Wissenschaftsolympiade sollten die besten Universitäten von den nur guten geschieden werden. Die "Highflyer" sollten das Recht erhalten (auf begrenzte Zeit) sich "Elite-Universität" nennen zu dürfen. Ohne es direkt auszusprechen, dachte man an die amerikanischen, englischen und schweizer Hochschulen Stanford, Yale, MIT, und Harvard, ebenso wie an die englischen Oxford, Cambridge und Imperial College, sowie an die schweizer ETH in Zürich.


Der Exzellenzwettbewerb 2019 - Sieger und Verlierer

Inzwischen sind zwei Exzellenzwettbewerbe - in den Jahren 2006 und 2012 - Geschichte. Die Ergebnisse der dritten Wettbewerbs wurden am 19. Juli 2019 bekanntgegeben. Das Verfahren bestand aus zwei Stufen. Zunächst konnten sich die Universitäten im Jahr 2016 für Forschungskooperationen - sogenannte "Exzellenzcluster" - bewerben. Aus den eingereichten 195 Projektanträgen waren Ende 2018 lediglich 57 ausgewählt worden. Um ausgezeichnet zu werden mussten die Universitätsverbünde mindestens drei Cluster vorweisen, Einzeluniversitäten mindestens zwei. Darüber hinaus war eine schlüssige Gesamtstrategie zu präsentieren, die Internationalisierung, forschungsbasierte Lehre etc. erkennen ließ.

Zu den Siegern in 2019 zählen die Universitäten Aachen, Bonn, Dresden, LMU München, TU München, Tübingen, Konstanz, Hamburg, Heidelberg, der Verbund der drei Berliner Unis (Humboldt, Freie, TU), sowie das KIT in Karlsruhe. Die zwei Münchener Unis sind, im Gegensatz zu den drei Berlinern, getrennt angetreten, weil sich die Rektorate "eine Kooperation nicht verstellen können" Selbstbewusstsein pur! Wer Exzellenzuniversität wird, bleibt es für sieben Jahre und bei erfolgreicher Verteidigung zweier Exzellenzcluster auf Dauer. Als Preisgeld stellen Bund und Land den Siegern insgesamt 148 Millionen Euro zur Verfügung.

Leer ausgegangen sind die Universitäten Freiburg, Kiel, Braunschweig, Stuttgart, Bochum, Köln, Münster und der Verbund der Universität Hannover mit der dortigen Medizinischen Hochschule. Die Uni Kiel hat bereits angekündigt, dass sie beim nächsten Wettbewerb im Jahr 2026 wieder am Start sein werde.


Das KIT:  adabei

Das KIT hatte bei dem Exzellenzwettbewerb 2019 Glück. Ob es das Glück des Tüchtigen war, bleibt offen. Jedenfalls griff die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek höchstpersönlich ein und erhöhte  sozusagen per "Ordre de Mufti", die Anzahl der finalberechtigten Cluster von 46 auf 57. Ohne diese beachtliche Aufweitung wäre das KIT (ebenso wie die Uni Heidelberg) nicht in den Endwettbewerb gekommen. Ob das Wiedergutmachung für die Nichtberücksichtigung des Südwestens beim vorlaufenden Batteriewettbewerb war, wo die Uni Münster siegte, bleibt Spekulation.


Präsident Holger Hanselka (vorne links) feiert mit seiner Entourage 
den Sieg des KIT           Foto:Breig/KIT

Die Geschichte des KIT bei den früheren beiden Exzellenzwettbewerben ist gescheckt. Beim ersten Wettbewerb 2006 siegte das KIT (zusammen mit den beiden Münchener Unis) überraschend als dritte Universität - und musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Das benachbarte Großforschungszentrum KfK in Leopoldshafen wurde auf Betreiben des damaligen Geschäftsführers Popp - ohne sonderliche Mitarbeiterbefragung - schlicht per Quasifusion zum KIT eingemeindet, was der Hauptgrund für die elitäre Wahl war. Auch heute noch sind viele ehemalige Mitarbeiter des KfK der Ansicht, dass der Verlust der Selbstständigkeit dafür ein viel zu hoher Preis war. Egal, im unkontrollierten Überschwang ließ Popp in ganz Karlsruhe Plakate mit der Aufschrift "Wir sind Elite" anbringen. Kurze Zeit darauf ging er, aus sicherlich triftigen Gründen, in den Ruhestand. Beim zweiten Wettbewerb 2012 fiel das KIT durch, obwohl Präsident Hippler vorher lauthals verkündet hatte: "An uns kommt keiner vorbei".


Einige kritische Anmerkungen

International betrachtet, hat die Exzellenzinitiative nur wenig Aufsehen erregt. Sie wird als eine rein deutsche "Turnübung" katalogisiert. Nach wie vor sind in den allermeisten internationalen Rankinglisten nur zwei bis drei deutsche Universitäten auf den ersten 50 Plätzen zu finden - zumeist die beiden Münchener Unis und Heidelberg. Unter den TOP 10 wurde m. W. noch nie eine deutsche Universität registriert. Der (insgeheime) Wunsch manch deutscher Politiker, einen deutschen akademischen Leuchtturm à la Harvard aufzubauen, hat sich also bislang nicht erfüllt.

Apropos Harvard: das Standing dieser Universität und die Konditionen, unter denen sie betrieben wird, unterscheiden sich um Lichtjahre von den deutschen Unis. Harvard verfügt über ein Stiftungsvermögen von 50 Milliarden Dollar, über das die Hochschule frei verfügen kann. Dieses vermehrt sich jährlich um die Einschreibegebühren ("Tuition") der 21.000 Studenten, welche bis zu 50.000 Dollar erreichen können. Demgegenüber wird den deutschen Unis jährlich über Bund und Land die sogenannte Grundfinanzierung in der Höhe von einigen hundert Millionen Euros zugewiesen, zuweilen vermehrt um selbst eingeworbene Drittmittel. Die Studiengebühren sind praktisch abgeschafft.

Die jährlichen Preisgelder aus der Exzellenzinitiative belaufen sich (je nach Anzahl der Cluster) auf rd. 5 bis 15 Millionen Euro und machen in der Regel nicht mehr als ein Prozent der Grundfinanzierung aus, und spielen damit kaum die Abwicklungskosten ein Der Titel "Elite" streichelt also mehr die Seele der Präsidenten und Stadtoberen. Die allermeisten Studenten lässt er kalt, ausgenommen jene, die in den Instituten arbeiten, in denen an den Clustern geforscht wird.

Unterschiedlich ist auch die wissenschaftliche Qualität der Studienanfänger. Harvard darf sich seine Erstsemester selbst aussuchen und nimmt im Schnitt nicht mehr als fünf Prozent der Applikanten. Den deutschen Unis werden die Abiturienten zumeist "zugewiesen". Oft müssen sie in Förderkursen nachgeschult werden, weil ihr präsentes Gymnasialwissen eigentlich nicht zum Studium ausreicht. So darf es kaum verwundern, wenn die Liste der Nobelpreisträger an deutschen Unis kurz ist. Harvard verfügt derzeit über 39 Nobelpreisträger, das Massachussetts Institute of Technology (MIT) - insgeheim der Namensgeber des KIT - über deren 20.

Viele deutsche Universitäten sind sogenannte Massenuniversitäten mit 50.000 Studierende oder gar darüber. Die Uni Köln ist dafür ein Beispiel. Ihre 800 Millionen Grundfinanzierung gehen zum großen Teil in die Lehre, für die Forschung bleibt da wenig übrig. So erklärt sich auch das sang- und klanglose Ausscheiden dieser Universität aus der diesjährigen Exzellenzinitiative. Nix mit "Elite" für die Großstadt Köln. Auf mittlere Sicht wird sich daran wohl wenig ändern.
Denn die deutsche Exzellenzinitiative wird noch auf lange Zeit ein Fest bleiben für:

große Gefühle und geringe Erträge.


Donnerstag, 11. Juli 2019

Zetsches Erbe

Seinen Abgang von Daimler hat sich der ehemalige Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche sicherlich anders vorgestellt. Dem Nachfolger, den Schweden  Ola Källenius muss er ein schweres Erbe hinterlassen. Dieser ist seit 22. Mai 2019 neuer Vorstandschef und muss nun ein schlimmes Problem verwalten: Daimler steht (wieder einmal) knietief im Dieselskandal. Das Unternehmen soll die Abgasreinigung von Dieselautos widerrechtlich manipuliert haben, damit die Behörden getäuscht und die Autokäufer betrogen haben.


Der berühmte Stern

Immer wieder Rückrufe


Die aktuellen Rückrufe, welches das Kraftfahrtbundesamt (KBA) vor ca. einem Monat angeordnet hat, beziehen sich auf 60.000 Geländewagen vom Typ Mercedes-Benz GLK 220. Manche Autoanalysten schwadronieren bereits von noch viel größeren Stückzahlen für andere Typen. Denn schon im Sommer 2018 wurde von den Behörden ein Rückruf in Europa von 690.000 Dieselautos des Unternehmens angeordnet. Betroffen waren Varianten der C-, E-, und S-Klasse, sowie verschiedene SUVs. Daimler wies bislang jedoch alle Vorwürfe zurück.


Schummeleien bei der Software?

Das KBA will herausgefunden haben, dass in den Autos eine illegale Abschalteinrichtung zur Abgas- Manipulation verbaut wurde. Diese Software soll den Ausstoß von Stickoxiden auf dem Prüfstand künstlich niedrig gehalten haben. Im täglichen Verkehr hätten die Autos jedoch erheblich mehr Stickoxide ausgestoßen. Eine spezielle Software hielt die Temperatur des Kühlmittelkreislaufes entsprechend niedriger. Allerdings stellte das KBA fest, dass die vorher entdeckte Funktion bei späteren Softwareupdates entfernt worden war. Auf die Frage, welche Verantwortung der heutige Daimler-Vorstandschef für diese Situation habe, sagte ein Werkssprecher: "Herr Källenius gibt persönlich keine Software frei". Trotzdem stellt sich die Frage, wer die ganzen Schummeleien veranlasst hat, als Källenius vorher jahrelang Entwicklungschef bei Daimler war?


Effizienzprogramme sind notwendig

Die Anwürfe auf der technischen Seite haben auch finanzielle Auswirkungen. Daimler musste in diesem Jahr bereits die dritte Gewinnwarnung herausgeben, was die Aktionäre an der Börse sicherlich nicht freut. Auch das von Zetsche noch initiierte Effizienzprogramm "Move" muss nun beschleunigt umgesetzt werden. Für die 60.000 Beschäftigten in der Verwaltung und der Entwicklung gibt es bis 2021 noch keine Kündigungen; danach ist alles offen.

Es ist fast tragisch, dass der charismatische Daimler-Chef Zetsche nach 13 Jahren so einen schwachen Abgang hat. Aber vielleicht werden ihn die 42 Millionen Euro Pensionszusage (deutscher Rekord!) versöhnlich stimmen.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Deutschlands Konzerne werden "grün" - und fordern Staatsknete

Der Zeitgeist in Deutschland ist "grün" geworden - kein Zweifel, wenn man die Ergebnisse der letzten Wahlen zugrunde legt. Dass dieser "Wind of Change" auch die Wirtschaftsunternehmen, ja sogar die DAX-Konzerne , erfasst hat, ist noch nicht allseits bekannt, soll aber in diesem Blog beispielhaft dargestellt werden. Viele Firmen orientieren ihre Produktlinien und Investitionen neu, ein Vorgang, welcher einem Paradigmenwechsel gleichkommt.

Und mit beträchtlichen Risiken verbunden ist, denn der neue Markt ist noch keineswegs überschaubar. Deshalb richten sich die Augen nicht weniger Unternehmenschefs nach Berlin: die dortige Regierung hat die "Wende" initiiert und soll deshalb mit Gesetzesänderungen und Subventionen an die Wirtschaft zur Beherrschung ihrer Risiken beitragen. An den Unternehmen VW, RWE und BASF soll diese Metamorphose exemplarisch beschrieben werden.


VW setzt auf das Elektromobil

Ausgerechnet VW, wird mancher gequält aufstöhnen. Jene Firma, die hauptverantwortlich für den größten Betrugsskandal in der deutschen Industriegeschichte ist. Die (bislang) fast 30 Milliarden Euro für Sanktionen an die amerikanischen Finanzbehörden zahlen musste und von der sich Millionen deutscher Dieselbesitzer immer noch betrogen fühlen. Dieses Unternehmen, welches seinem allmächtigen, aber total unwissenden Chef Martin Winterkorn mit 30 Millionen Euro Abfindung in die Rente schickte und der sich jetzt hoffentlich vor Gericht verantworten muss.

Der neue VW-Chef, Herbert Diess, bisher vor allem bekannt als leidenschaftlicher Ferrarifahrer, will seinen Kunden zukünftig keine  Autos mehr mit Verbrennermotoren verkaufen, sondern nur noch Elektromobile. Zwischendurch hält er Lobreden auf die schwedische Autistin Greta Thunberg und preist die deutschen Schüler für ihre freitäglichen Wut-Demos. Allerdings, wer heute als ehemaliger Polo- oder Golfbesitzer eines der von Diess propagierten E-Mobile kauft, muss sich an kurze Reichweiten, lange Ladezeiten und karge Ausstattung gewöhnen - darüber hinaus aber auch an hohe Kaufpreise. Die E-Renner sollen, dem Vernehmen nach, nicht unter 18.000 Euro zu haben sein; demgegenüber beginnt die VW-Preisliste für gängige Verbrenner bei rd. 12.000 Euro. Wie soll der "kleine Mann", der traditionell für den Großteil des VW-Umsatzes sorgt, dies finanziell packen?

Nun, Sportfahrer Diess hat auch dafür eine Lösung. Die Bundesregierung in Berlin muss ran, schließlich hat sie - mit ihren überzogenen Abgasgrenzwerten - für diese Malaise gesorgt. Diess´ Ausweg: wenn künftige VW-Kunden schon mehr beim Erwerb ihres Fahrzeugs zahlen müssen, dann sollen sie wenigstens über geringere Betriebskosten entschädigt werden. Also: der Benzinpreis, pardon der Strompreis, muss runter. Dafür soll die Bundesregierung die Atomkraftwerke länger laufen lassen, welche demnächst (spätestens 2022) vom Netz gehen müssen. Aufgrund eines Gesetzes, das vor acht Jahren fast einstimmig im Bundestag beschlossen wurde. Das wäre für Diess ein probates Mittel, denn bekanntlich sorgen Kernkraftwerke für preiswerten Grundlaststrom ohne Emissionen von CO2. Dass der Weiterbetrieb dieser Kraftwerke zu einen Aufschrei in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung führen würde, stört Diess nicht. Für dieses Problem sind, aus seiner Sicht, die Politiker verantwortlich.


RWE mit Lust auf erneuerbare Energien

Bei der Hauptversammlung im Mai 2019 hat der RWE-Chef mit dem passenden rheinischen Namen (Rolf Martin)  Schmitz den Takt für sein Unternehmen vorgegeben: der einstige Stromriese RWE will nicht mehr in neue Kohlekraftwerke investieren. Stattdessen habe er "Lust auf erneuerbare Energien", verkündete Schmitz in überregionalen Zeitungen. In den letzten sechs Jahren habe das Unternehmen den CO2-Ausstoß um 60 Millionen Tonnen reduziert, entsprechend einem Anteil von 34 Prozent. Noch in diesem Jahr sollen die Transaktionen mit E.ON abgeschlossen werden, mit dem Ergebnis, dass RWE (weltweit) der zweitgrößte Produzent von Offshore-Wind sein wird. In jedem folgenden Jahr sollen 1,5 Milliarden Euro netto zusätzlich in erneuerbare Projekte investiert werden. Bis 2022 sollen alle fünf großen Kernkraftwerke abgeschaltet sein; an deren Stelle wird jedes Jahr 2 bis 3 Gigawatt an "Grünstrom"-Kapazität hinzu kommen. Allerdings: gegenwärtig gewinnt RWE noch mehr als die Hälfte seines Stroms aus Steinkohle und Braunkohle. Der Weg in eine "kohlefreie Ära" ist noch lang.

Auf diesem steinigen Geläuf erwartet der RWE-Chef Schmitz die Unterstützung der Bundes- und Landesregierung. So veranschlagt er die Entschädigung für den Braunkohleausstieg auf 1,5 Milliarden Euro  je Gigawatt Kraftwerksleistung. Ob die Politiker darauf eingehen werden ist noch offen, denn die gesamte Summe liegt um 100 Prozent über den Zahlungen aus dem Topf der Sicherheitsreserve. Weiterhin schlug Schmitz - "Dinosaurier des Jahres"- den Stopp der Umsiedlungen im Braunkohlegebiet Garzweiler kategorisch aus. Die dortige Kohle würde schon in den frühen 2020er Jahren als Brennstoff für die verbleibenden Kraftwerke gebraucht. Für zwei Drittel der Häuser und Anwesen hat sich RWE außerdem bereits mit den Eigentümern zum Umzug verständigt. Für die zu erwartenden Widerstände sei allerdings die Unterstützung der Regierungen unbedingt erforderlich.


BASF:  eine Chemiefabrik wird grün

Erst ein Jahr im Amt, ist der neue Vorstandsvorsitzende Martin Brudermüller dabei, die BASF ökologisch umzukrempeln. So kündigte er an, die Energiezufuhr für Kernbestandteile der Produktion von Gas auf Ökostrom umzustellen. Dadurch will sich die BASF von der Emission von Treibhausgasen abkoppeln - als erstes Unternehmen der Chemiebranche. Das Herzstück der neuen grünen Produktion sollen strombetriebene "Cracker" werden. Das sind große chemische Anlagen, in denen Rohbenzin bei 850 Grad Celsius in wichtige Grundchemikalien, wie Ethylen und Propylen aufgespalten werden. Dabei sind noch einige Fragen zu klären, unter anderem wie die grüne Energie (z. B. aus Wind) gespeichert wird, damit die Produktion unterbrechungsfrei laufen kann. Der Schwenk hin zur E-Chemie ähnelt dem der E-Mobilität. Das macht sich aber noch bei den Börsendaten bemerkbar. Momentan geht der Aktienkurs der BASF nach unten, Das Wachstum lahmt und die Rendite stagniert.

Im vergangenen Jahr ist Brudermüller - zum Erstaunen seiner Chemikerkollegen - dem Wirtschaftsbeirat der Partei der Grünen beigetreten. Er sei an offenen Diskussionen interessiert, sagt er. Seine dort geäußerte Idee, wegen des Niedrigwassers im Rhein, neue Staustufen zu bauen, sei bei den grünen Beiratsmitgliedern allerdings auf wenig Gegenliebe gestoßen.




Niedrigwasser im Rhein 2018

Zur strategischen Neuausrichtung des Konzerns erwartet der CEO Brudermüller Hilfe von außen; deshalb richten sich seine Blicke nach Berlin. Ohne ausreichende und verlässlich verfügbare Energien zu wettbewerbsfähigen Preisen bleiben die neuen Technologien nutzlos. Die Politiker, wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier, sollen dafür sorgen, dass der Strom aus Wind und Sonne besser verfügbar wird. Das ist einfacher gesagt als getan in einem Umfeld, wo schon eine Klage den Bau einer Stromtrasse blockieren kann. Außerdem schlägt Brudermüller vor, nicht die Energie (wie jetzt) zu bepreisen, sondern nur das emittierte CO2. Sein Motto: Jeder soll so viel Energie verbrauchen dürfen, wie er möchte; wenn er allerdings die "falsche" verwendet, dann soll er zahlen. Die Bundesregierung soll also die Reduktion von Treibhausgasen steuerlich begünstigen durch die Einführung eines globalen CO2-Preises.

Abschließend sei daran erinnert, dass die die Manager der BASF schon in der Frühzeit eine Schwäche für erneuerbare Energien hatten - zu Lasten der Kernenergie. Zum Beispiel Jürgen Hambrecht, der Vor-Vorgänger (2003 - 2011) von Martin Brudermüller als CEO des Ludwigshafener Konzerns. Hambrecht war im Frühjahr 2011 Mitglied der berühmt-berüchtigten Ethikkommission, welche über den Weiterbetrieb der deutschen Kernkraftwerke (nach den Unfällen von Fukushima) zu befinden hatte. Gemeinsam mit einer Gruppe von Bischöfen und Kardinälen, für welche die Kernenergie ohnehin "des Teufels" war (lt. Münchener Kardinal Reinhard Marx).

Zum Erstaunen bis Entsetzen der Kernenergie-Community stimmte Hambrecht für den Ausstieg.




Montag, 17. Juni 2019

Die Zeitung BNN korrigiert einen Fehler

"Lage, Lage, Lage" ist ein immerwährender Slogan im Immobilienbereich. Der Ort bestimmt weitgehend den Wert des Grundstücks, sowohl für Privatpersonen als auch für die  Gewerbetreibenden. Insoweit hat die Karlsruher Zeitung "Badische Neueste Nachrichten" (BNN) einen historischen Fehler korrigiert, der ihr vor 33 Jahren unterlaufen ist. Damals zog die gesamte Redaktion von der umtriebigen Karlsruher Innenstadt an die beschauliche Randsiedlung Neureut. Nun kommt - zumindest die Lokalredaktion - zurück an ihre Wurzeln; in Sichtweite des Rathauses,  der Büros der meisten Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie der Hohen Gerichte. Hier, nur wenige Schrittsekunden entfernt von der Pyramide, regieren nicht die Gesetze der grünen Wiese von Neureut mit abgeschotteten Büros, sondern man ist mittendrin bei den Zeitungslesern und den Informationsgebern. Kein Wunder, dass dieser Ortswechsel einhellig begrüßt wird, vom Oberbürgermeister Frank Mentrup bis zum Eventmanager Martin Wacker.


Die wechselvolle Geschichte der BNN

Die Geschichte der BNN ist typisch für viele Zeitungsgründungen nach dem 2. Weltkrieg, weist aber einige Besonderheiten auf, die durchaus berichtenswert sind. Im März 1946 erhielt das CDU-Mitglied Wilhelm Baur von der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz zur Herausgabe der BNN. Damals wurde auch das Verlagsgebäude in die Lammstraße verlegt. Nach dem Tod seines Onkels Wilhelm (1973) wurde Hans Wilhelm Baur (1926 - 2015) Verleger des Blattes. In diese Zeit fiel auch die Entscheidung zum Umzug nach Neureut. Ursächlich war der Platzbedarf für die riesige, kurz vorher beschaffte Rotationspresse. Der Umzug der gesamten Redaktion wurde zusätzlich getroffen.

Seit Mai 2005 ist der bisherige Chefredakteur Klaus Michael Willimek auch Herausgeber und Geschäftsführer der BNN. Willimek wurde kurz vorher von seinem Onkel, dem Verleger Hans Wilhelm Baur adoptiert. Gegenwärtig figuriert Klaus Michael Baur im Impressum der BNN als Verleger, Herausgeber und Chefredakteur. Mehr geht kaum!

Die BNN gehört einer Stiftung, die nach dem Zeitungsgründer Wilhelm Baur benannt ist. Sie soll die Unabhängigkeit des Blattes garantieren. Die Ausschüttungsbeträge dieser Stiftung fließen unter anderem einem Mehrgenerationenhaus zu, das den Namen der 2004 verstorbenen Verlegersgattin Brunhild Baur trägt. Das Haus ist Teil des Verlagsgebäude in Neureut und wird gut geführt.




Zeitung machen und verkaufen: ein mühsames Geschäft

Die BNN ist die einzige Tageszeitung im Stadt- und Landkreis Karlsruhe, weswegen sie manchmal, leicht ironisch, als Monopolzeitung bezeichnet wird. Die verkaufte Auflage beträgt rd. 100.000 Exemplare, die Redaktion besteht aus ca. 90 Mitarbeitern. Während der vergangenen 20 Jahren ist die Auflage um ca. 30 Prozent abgesunken. (Immer wenn ein älterer Leser stirbt, reduziert sich die Zahl der Abonnenten sozusagen um die gleiche Einheit.). Die Jugend bezieht ihre Informationen fast ausschließlich über Smartphone aus dem Internet. Am Impressum der BNN erkennt man, dass auch die Anzahl der Redakteure schwindet; Ruheständler werden kaum adäquat ersetzt. In den letzten Jahren ist das Blatt, dem Zeitgeist entsprechend, erkennbar nach links gerückt. Möglicherweise hat man dadurch einige (grün-rote) Leser hinzugewonnen, vermutlich aber auch fast eben so viele konservative verloren.

Die BNN betreibt neun Lokalausgaben. Der Mantel (und damit der überregionale politische Teil) ist identisch. Die Lokalausgaben erscheinen unter anderem in Baden-Baden, Pforzheim, Bühl und Bruchsal. Die Jagd nach exklusiven Geschichten, den sogenannten "Scoops", hat die BNN weitgehend aufgegeben. Früher berichtete sie (als Erste) über angeblich schlechte Arbeitsbedingungen beim Discounter "Lidl" und musste durch kostspielige Prozesse und rückgehende Werbeeinnahmen teures Lehrgeld bezahlen. Ein weiterer Scoop war zweifelsohne die Exklusivmeldung über eine "Steuerfahndung im Hause Steffi Graf". Leider geschah dies im zeitlichen Umfeld des French Open Tennisturniers, was der BNN wenig Sympathie bei den badischen  Tennisfreunden einbrachte. Inzwischen konzentriert sich die Redaktion auf Sondermeldungen bei den diversen Karlsruher Bauprojekten. Allerdings gehören dort Termin- und Kostenüberschreitungen zum Alltag und beunruhigen die Leserschaft kaum sonderlich.

Beim Promi-Empfang anlässlich der Rückkehr der Lokalredaktion schlug der Leiter des ZKM-Museums, Peter Weibel, vor, dass die Abkürzung BNN künftig für BürgerNahe Nachrichten stehen solle. Ein kleiner Gag, der beim Zeitungschef Klaus Michael Baur indes gut ankam.


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