Donnerstag, 27. Dezember 2012

Posts 2012


Hi friends,

für das anbrechende Jahr 2013 wünsche ich euch alles Gute, insbesondere Gesundheit und Zufriedenheit.
Nachfolgend die Liste der Themen welche mich im laufenden Jahr zu Posts angeregt haben.
Anklicken genügt.

Mit besten Grüssen
Euer Willy Marth, Blogger zu Karlsruhe



Sonntag, 9. Dezember 2012

Die lange (und teuere) Geschichte der Karlsruher Wiederaufarbeitungsanlage WAK

Vor rd. 50 Jahren, zu Anfang der sechziger Jahre, wurden in der Bundesrepublik Deutschland die ersten Atomreaktoren und Kernkraftwerke von den Reaktorbaufirmen AEG, Siemens und Interatom errichtet. Beispielhaft genannt seien Projekte wie das Versuchsatomkraftwerk Kahl VAK, der Mehrzweckforschungsreaktor MZFR und das Nuklearschiff Otto Hahn. Die Etablierung des Brennstoffkreislaufs hatte sich die chemische Industrie vorbehalten. Darin spielten zwei Firmen die bestimmende Rolle: die Farbwerke Hoechst und die Degussa. Die Verarbeitung des Urankonzentrats bis zum Brennelement lag in den Händen von Degussa, wofür sie am Stadtrand von Hanau umfangreiche Anlagen errichteten. Die Wiederaufarbeitung der bestrahlten Brennelemente dirigierten die Farbwerke Hoechst bei Frankfurt unter ihrem charismatischen Vorstandsvorsitzenden Professor Dr. Karl Winnacker.


Die Errichtung und der Betrieb der WAK

Kennzeichnend für den grossen Einfluss der Farbwerke Hoechst war das oftmals zu hörende Bonmot, nukleare Entscheidungen würden auf "Hoechster Ebene" getroffen. Dafür zuständig war das "Hoechster Dreieck", bestehend aus den Professoren Winnacker, Wengler und Küchler. Als es zur Festlegung des verfahrenstechnischen Konzepts für die Wiederaufarbeitung kam, favorisierten einige Chemiker im damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe die neuartigen Halogenid- bzw. pyrometallurgischen Methoden. Aber Winnacker und seinen Mannen war das zu riskant. Er drückte das wohlbekannte wässerige PUREX-Verfahren durch, welches bereits bei vergleichbaren Anlagen in den USA, England und Frankreich angewandt worden war. So wurde die WiederaufarbeitungsAnlage Karlsruhe - genannt WAK - insgeheim als "Winnackers Alte Klamotte" ironisiert, was diesen jedoch nicht anfocht.

Ohne weitere staatliche Einflussnahmen des noch jungen Bonner Atomministeriums liess Winnacker durch die Chemieverfahrensfirmen Leybold, Lurgi und Uhde einen ausschreibungsreifen Entwurf für die WAK erstellen, der im Sommer 1964 vorlag. Die Errichtungskosten, einschliesslich der Bauherrenleistungen, wurden zu 60 Millionen D-Mark abgeschätzt, für die Errichtungszeit veranschlagte man 4 Jahre. Nach einer Genehmigungsprozedur von 17 Monaten - was damals noch als exzessiv angesehen wurde - konnten die Bauarbeiten Anfang 1967 beginnen. Gut vier Jahre später, im August 1971, war die WAK fertiggestellt. Die avisierten Baukosten waren eingehalten worden.

Bei der Begleichung der Errichtungskosten zeigte sich Winnacker von seiner generösen Seite. Er überliess der Bundesregierung den Vortritt bei der Bezahlung der Rechnungen; von Hoechst kam kein Beitrag zur Kostendeckung. Darüberhinaus konnte die chemische Industrie sogar erreichen, dass die von ihr für den Betrieb gegründete Betreibergesellschaft GWK (zum allergrössten Teil) aus Staatsmitteln finanziert wurde. Das Bundesatomministerium bediente sich dabei der Trägergesellschaft GfK-Versuchsanlagen.

Die technische Kapazität der WAK entsprach 175 Kilogramm Uran pro Tag, wobei man mit 200 Betriebstagen pro Jahr rechnete. Bis zu ihrer endgültigen Abschaltung im Jahr 1990 wurden an der WAK 207 Tonnen Uranbrennstoff aufgearbeitet. Damit war der angepeilte Jahresdurchsatz von 35 Tonnen doch beträchtlich unterschritten, wenn man die 23 Betriebsjahre zugrunde legt. Zu einem gravierenden Störfall kam es Anfang der achziger Jahre, als die Auflöserkomponente undicht wurde und eine heftige Kontamination der Eingangszelle verursachte. Die WAK lag einige Jahre still, da ein Reserveauflöser nicht unmittelbar zur Verfügung stand. Bundeskanzler Helmut Schmidt war darüber sehr verärgert und konnte sich bei einem Besuch des Kernforschungszentrums nicht enthalten, diesen Mangel gegenüber der GWK-Leitung zu rügen. Der Störfall bei der WAK hatte den Gegnern der in der Planung befindlichen Grossanlage Wackersdorf viel publizistische Munition geliefert.

Das technische Konzept der WAK hatte leider eine folgenreiche Schwachstelle: es gab keine Anlage zur Verfestigung der hochradioaktiven, salpetersauren Abfalllösung. Zwar wurden einige Anläufe gemacht (Vera,Hova) den sogenannten HAWC (=High Active Waste Concentrate) in den soliden Zustand zu überführen, aber sie waren nicht erfolgreich. Schliesslich errichtete man neben dem Prozessgebäude die Lagereinrichtung LAVA. Sie bestand aus zwei Lagertanks zu je 63 Kubikmetern Fassungsvermögen; der eingepumpte HAWC musste darin permanent gekühlt werden. Im Zuge der gestiegenen Genehmigungsanforderungen kosteten diese Tanks satte 100 Millionen DM. Auch dafür bezahlte die Industrie keinen Pfennig.

In den folgenden Jahren fand bei der GWK ein Gesellschafterwechsel statt. Die Chemiefirmen zogen sich zurück und überliessen das Feld den grossen Energieversorgungsunternehmen, die sich unter der Bezeichnung DWK formierten. Die einst so mächtigen Farbwerke Hoechst (jahrelang die grösste Pharmafirma der Welt)  fanden ein schmähliches Ende. Um den Schikanen des hessischen Umweltministers Joschka Fischer zu entgehen, verbündeten sie sich mit der Strassburger Firma Aventis um bald darauf in dem französischen Chemiekonzern Sanofi aufzugehen. Der Name Hoechst ist seit den neunziger Jahren nur noch Geschichte.

Auch dem Wiederaufarbeitungskonzern DWK blieb der ganz grosse Durchbruch verwehrt. Als der VEBA-Chef Rudolf v. Bennigsen Foerder im Frühjahr 1989 das Grossprojekt Wackersdorf kippte, war auch das Ende für die kleine WAK gekommen. Nach der letzten Auflösungskampagne wurde am 18. Dezember 1990 der Betrieb eingestellt und der Rückbau der Anlage beschlossen.


Der Rückbau der WAK

Gleich zu Beginn des Jahres 1991 machte sich eine Expertenkommission daran, die voraussichtlichen Kosten des WAK-Rückbaus abzuschätzen. Sie kam auf die gigantische Geldsumme von 2.000 Millionen DM. In 10 bis 15 Jahren sollte der Abriss vollzogen sein. Die hohen Schätzkosten resultierten im wesentlichen aus drei Ursachen heraus: Die Komponenten und Bunker der WAK waren hochgradig mit plutoniumhaltigen Nukliden kontaminiert, die Verfestigung der Abfalllösung (im Volksmund "Atomsuppe" genannt) war extrem kostenaufwendig und die rd. 500 Beschäftigte der WAK-Betriebsgesellschaft - welche zukünftig für den Rückbau eingesetzt werden sollten - stellten eine beträchtliche Kostenposition dar.

Zur Finanzierung des Rückbaus verwies das Kernforschungszentrum (im Auftrag des Bonner bzw. Berliner Forschungsministeriums) auf die Industrie, weil sie der alleinige Nutzer der WAK war und damit grossen technologischen Know-how für sich und ihre Gesellschafter generieren konnte. Umgekehrt betrachtete die DWK die Finanzierung des Abrisses als alleinige Aufgabe des Eigentümers, also des Zentrums. Schliesslich einigte man sich darauf, die zwei Milliarden je hälftig zu stemmen. Der DWK gelang es allerdings im Rückbauvertrag eine Klausel unterzubringen, wonach ihre Milliarde eine absolute Obergrenze darstellt; etwa anfallende Mehrkosten verblieben damit beim Bund bzw. dem deutschen Steuerzahler. (Später erklärte sich die Industrie - nach heftigen Pressionen - bereit, bei der Entsorgung des radioaktiven Abfalls noch einen weiteren kleinen Obulus zu bezahlen).

Wer gehofft hatte, nach diesem Vertragsgeplänkel würde unverzüglich mit dem Abriss der Anlage begonnen werden, der hatte sich geirrt. Die Stuttgarter Genehmigungsbehörden verlangten zuerst die sogenannte "Deregulierung" der WAK. Hinter diesem Bürokratenwort verbirgt sich die Aufhebung aller vorausgehenden Regulierungen, also der überflüssig gewordenen Genehmigungen und Auflagen. Über, sage und schreibe, fünf Jahre hinweg wurden die 1.400 Auflagen und alle Betriebsgenehmigungen mit Nachträgen und Anordnungen peinlichst genau evaluiert und bewertet. Parallel dazu lief das Unternehmen "Gesamtdokumentation" der WAK nach aktuellen atomrechtlichen Vorgaben. Es dauerte bis zum Jahr 1996, als schliesslich mit dem eigentlichen Rückbau begonnen werden konnte.

Vordringlich war die Verfestigung der rd. 80 Kubikmeter plutoniumhaltigen Abfalllösung, welche in den LAVA-Tanks lagerten. Die sollte bei der belgischen Verglasungsanlage "Pamela" geschehen, wozu mehr als 25 Transporte in einem Spezialbehälter quer durch Deutschland notwendig gewesen wären. Vor dem Hintergrund der allseits heftigen Castortransporte war bald klar, dass dieser Entsorgungsweg nicht gangbar war. Man beschloss deshalb am Standort der WAK eine eigene Verglasungsanlage zu bauen, die VEK genannt wurde. Überraschenderweise legten sich zwei einflussreiche baden-württembergische Landesminister quer und verweigerten dafür die atomrechtliche Genehmigung. Der Wirtschaftsminister Spöri und der Umweltminister Schäfer (beide der SPD angehörend) wollten keine weitere nukleare Anlage im Ländle genehmigen. Nach einigen Jahren des Hickhacks löste sich die politische Situation dadurch, dass eine schwarz-gelbe Regierung ans Ruder kam, welche dem Vorhaben der heimischen Verglasung keine weiteren Steine mehr in den Weg legte. Im Jahr 2009 wurde die VEK fertiggestellt und bereits ein Jahr später war die berüchtigte Atomsuppe in 140 Glaskokillen umgewandelt, welche seitdem in 5 Spezialcastorbehälter in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) lagern.

Zur Kategorie "besondere Vorkommnisse mit Folgen" gehört der sogenannte "Plutoniumdiebstahl" im Jahr 2001. Einem Arbeiter in der WAK war es gelungen, radioaktives Material, leicht kontaminiert mit Plutonium, vorbei an den Sicherheitsschleusen aus den Zellen heraus zu schmuggeln und nach Hause mitzunehmen. Er wurde gefasst und zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Richter am Karlsruher Landgericht hielt es für möglich, dass der Angeklagte damit seine ehemalige Lebensgefährtin vergiften wollte. Die Folgen dieses Vorfalls waren immens: die Sicherheitskontrollen und Zugangsbarrieren wurden per Auflage enorm verschärft, der Rückbau der WAK war de facto für einige Jahre unterbrochen.

Im Zuge der Fusion des Kernforschungszentrums mit der Universität Karlsruhe zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT), kam es im Jahr 2006 auch zu einer Umorganisation des WAK-Projekts. Das ehemalige Kernforschungszentrum gab seine nuklearen Rückbauunternehmungen an die Energiewerke Nord (EWN) und die WAK GmbH ab, welche seitdem auch die Abfallkonditionierung und die Läger betreiben. Im Zuge einer Projektevaluierung konnte man in den Zeitungen lesen, dass die gesamten Schätzkosten für den Abriss der WAK nunmehr auf 2.500 Millionen Euro angestiegen waren. Als Endtermin für den Rückbau bis zur Grünen Wiese wurde das Jahr 2023 angegeben. Die wesentlichen Gewerke, welche noch zum Abriss anstehen, sind die (stark kontaminierte) Verglasungsanlage samt dem umgebenden Containment, die Bunker des Prozessgebäudes sowie eine Reihe von Infrastruktureinrichtungen.

Seit etwa einem Jahr ist bekannt, dass das derzeitige Zwischenlager nicht ausreicht, um die noch zu erwartenden Abfallstoffe aus der WAK aufzunehmen. Es ist deshalb der Bau eines weiteren nuklearen Zwischenlagers für schwach- und mittelradioaktive Materialien nötig - sofern man nicht den Rückbau der WAK auf unbegrenzte Zeit unterbrechen will und die Anlage (versiegelt) stehen lassen möchte. Der Bau eines solchen  Zwischenlagers ist nur nach den derzeitigen strengen atomrechtlichen Bestimmungen gestattet; immerhin bewegen sich rd. 4.000 Forscher des KIT in nächster Umgebung. Ab dem Jahr 2020 soll der Abtransport der Fässer zur Endlagerstätte Konrad in Niedersachsen erfolgen. Er wird etwa 40 Jahre in Anspruch nehmen.


In blanken Zahlen

Abschliessend sollen einige der oben genannten Zahlen nochmals wiederholt und ins Verhältnis gesetzt werden. Damit wird klar, dass es sich beim Rückbau der WAK um ein riesiges - und generationenübergreifendes - Projekt handelt, das in dieser Weise in der nichtnuklearen Technikwelt nicht vorkommt. Inwieweit zu den exzessiven Kosten und Terminverzögerungen auch suboptimale Projektführung oder überzogene Genehmigungsanforderungen beigetragen haben, kann von aussen kaum beurteilt werden.

Betrachten wir als erstes die Kosten. Die Errichtungskosten für die WAK betrugen 60 Millionen DM bzw. (nominell) 30 Millionen Euro. Die Rückbaukosten wurden vor einigen Jahren mit 2.500 Millionen Euro veranschlagt. Dass sie, vorallem wegen des neuen Zwischenlagers noch weiter ansteigen werden, ist fast sicher. Aber auch bei gegenwärtiger Kostenlage zeigt das Verhältnis beider Kostenwerte, dass die Abrisskosten der WAK um den Faktor 83 höher liegen als die Errichtungskosten.

Ähnlich ist die Situation bei den Terminen. Für die Errichtung benötigte man 4 Jahre, der Rückbau wird nach frühestens 32 Jahre (2023 - 1991 = 32) beendet sein. Der Abriss der Anlage erfordert also mindestens 8 mal mehr Zeit als sein Aufbau.

Sollte das WAK-Gelände, wie prognosziert, im Jahr 2023 in eine Grüne Wiese konvertiert sein, dann ist das Gesamtprojekt aber noch nicht beendet. Der radioaktive Abfall, welcher sich in den verschiedenen Zwischenlägern befindet, muss noch im niedersächsischen Endlager Konrad verstaut werden. Das kann frühestens ab 2020 beginnen und soll 40 Jahre, also bis zum Jahr 2060 dauern. Vor dem Hintergrund der Endlosdiskussionen um Gorleben und Asse II darf man aber an dem relativ optimistischen Termin für die Bereitstellung von Konrad durchaus zweifeln. Trotzdem: legen wir die derzeitigen offiziellen Projekttermine zugrunde, was bedeutet das für die 500-köpfige Rückbaumannschaft der WAK?

Es bedeutet folgendes: Kein Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin in der gegenwärtigen Rückbaumannschaft wird das wirkliche Ende des Projekts WAK noch während der ca. 45-jährigen Berufszeit erleben.

Weder der Aufsichtsratsvorsitzende noch der jüngste Azubi!
























Sonntag, 2. Dezember 2012

Abitur für Cyber-Krieger

Im Nahen Osten sprechen wieder die Waffen. Die Israelis fühlen sich durch die (relativ kruden) Raketen der arabischen Nachbarn bedroht und lassen ihre Soldaten am Boden, in der Luft - und im "Cyber-Space" - dagegenhalten. Dabei ist der Cyber-Space jener virtuelle Raum, der durch die Vernetzung der Computer rund um die Erde entsteht. Im Zeitalter der Cybernetik finden Auseinandersetzungen auch im cybernetischen Raum - sprich Datenraum - statt. Auch die Strategen im Pentagon, in der NATO  (und in der Bundeswehr!) sehen das Internet als Medium an, für das sie ihre Viren, Trojaner und sonstige Schadprogramme entwickeln. Der Cyberkrieg hat bereits begonnen.


Die Schule der Hacker

Die Israelis machen kein Hehl daraus, das sie den Cyberraum für militärische Zwecke maximal nutzen wollen. In der Zeitung "Haaretz" wird ganz offen darüber berichtet, dass die militärische Führung "Cyber-Verteidiger" ausbildet und sie in die traditionellen Funkereinheiten integriert. Aber es scheint nicht leicht zu sein, dafür Experten zu finden. Die sogenannten "Nerds", die schon mit 12 Jahren fit im Programmieren sind und mit 17 bereits die Netztechnologien beherrschen, sind dünn gesät. Und nicht alle sind willens, sich in den Dienst der Armee zu stellen.

Mit Beginn des neuen Schuljahres bieten die Informationsexperten der israelischen Armee in sieben Gymnasien des Landes spezielle Cyber-Intensivkurse an. Beim Abitur kann eine eigene Prüfung im Fach "Cyber" abgelegt werden. Durch dieses "Abi für Hacker" versucht die Militärführung den einen oder anderen Computer-Freak die Militärlaufbahn als Cyber-Elitekampfsoldat schmackhaft zu machen. Daneben gibt es alljährliche Hackerwettbewerbe unter dem Titel "CodeGuru", bei denen Jugendliche ihre Kenntnisse in der Informationstechnik spielerische präsentieren können. Vor einigen Monaten ist es einem Cyber-Aktivisten gelungen, beim iranischen Staatsrundfunk eine Falschmeldung über den (angeblichen) Tod des Präsidenten Ahmadineschad bei einem Flugzeugabsturz einzuschleusen. Zwar erfolgte bald darauf ein offizielles iranisches Dementi, aber für eine kurzzeitige Verwirrung hat diese Meldung dennoch gesorgt.


Erfolge und Misserfolge durch Schadprogramme

Vieles in der Cyber-Kriegsführung vollzieht sich im Nebel der Geheimhaltung. Bekannt geworden sind sind jedoch die Auswirkungen der Spionagesoftwareprogramme "Stuxnet" und "Flame". Das Schadprogramm Stuxnet wurde schon im Jahr 2007 unter der Präsidentschaft von George W. Bush im Bundesstaat Iowa (unter Mitwirkung der Isrealis) entwickelt. Das Virus sollte die Uranzentrifugen den den iranischen Atomanlagen zerstören.

Die amerikanisch-isrealischen Computerexperten hatten eine Sicherheitslücke in der Steuerung dieser Zentrifugen ausgemacht. Sie konzipierten daraufhin die Angriffssoftware Stuxnet, welche sie (über das Internet) in die Steuereinheit des Maschinenleitstandes implantierten. Dadurch brachte sie es fertig, die Dieselgeneratoren über den zulässigen Umdrehungsgrenzwert hochzusteuern und die Zentrifugen durch die Fliehkräfte zur Explosion zu bringen. Als Folge wurden mehr als tausend Ultrazentrifugen - quasi fernbedient - zerstört, welche im Verdacht standen, Material für Atombomben zu produzieren.

Leider war dieser Erfolg mit einem Schönheitsfehler verkoppelt. Die Experten hatten nicht bedacht, dass es solche Industriesteuerungen in grosser Anzahl gab. Das Virus Stuxnet brach regelrecht aus und infizierte 70.000 dieser Steuerungen in aller Herren Länder - auch in den USA selbst. Der Schaden war riesig und das Programm war eine Zeitlang nicht mehr zu kontrollieren. Später entschlossen sich die Stuxnet-Entwickler ihre digitale Granate mit einem USB-Stick direkt auf die Rechner der Maschinenleitstände aufspielen zu lassen. Dafür musste allerdings ein lebender Spion in die iranischen Atomanlagen eingeschleust werden, was nicht trivial war.

Nach diesen eher durchwachsenen Erfahrungen mit Stuxnet entwickelten die Amerikaner das Spionageprogramm "Flame". Es liefert dem Angreifer sämtliche technische Details über das Zielsystem, worauf er mit hoher Präzision seine digitalen Angriffswaffen entwickeln kann. Statt unkontrollierter Ausbreitung sollen nur die ausgesuchten Industrieaggregate des Gegners manipuliert werden, also keinesfalls die eigenen oder die von befreundeten Staaten. "Kollateralschäden" zu verhindern, war das Entwicklungsziel. Das Flame-Virus wurde Ende Mai 2012 von den Iranern auf ihrem Ölterminal auf der Insel Khark entdeckt. Welche Schäden daraus erwachsen sind, ist nicht veröffentlicht.


Gefährdete Infrastrukturanlagen

Industrielle Infrastuktureinrichtungen, wie Wasserwerke oder Flugplätze, sind durch Cyber-Angriffe besonders gefährdet. In noch stärkerem Umfang gilt dies für Kernkraftwerke. Ein Virus, das die Notstromversorgung eines Atomkraftwerks lahm legt, könnte ähnliche Katastrophen wie in Fukushima heraufbeschwören. Eine Kernschmelze wäre nicht mehr auszuschliessen, wenn die Steuereinheiten der Dieselmotoren zerstört werden würden. Amerikanische Cyber-Taktiker sprechen in diesem Fall von einem "virusinduzierten Atomschlag". Das Pentagon arbeitet derzeit an einer Doktrin, nach der ein Cyber-Angriff auch mit konventionellen Waffen zurückgeschlagen werden darf. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums drückte sich hierzu ganz pointiert aus:

"Wer die Stromnetze unseres Landes sabotiert,
muss mit Raketen im Schornstein rechnen."









Sonntag, 25. November 2012

A Star is born

Deutschlands Sportler haben bei der Sommerolympiade 2012 in London 19 Silbermedaillen gewonnen. Wenn mich jemand danach fragen würde, welche dieser Medaillen die wertvollste ist, dann wäre meine Antwort klar: es ist die Silbermedaille im Mehrkampf der Turner, welche Marcel Nguyen errungen hat.

Marcel wohnt seit 20 Jahren im bayerischen Unterhaching, sein Vater stammt aus Vietnam, wo der Name Nguyen etwa so verbreitet ist wie Müller, Meier, Schmidt in Deutschland. Nguyen wird wie "Nujen" ausgesprochen, man lässt also einfach das g weg. Der heute 24-jährige wurde schon als Vierjähriger an das Geräteturnen herangeführt. Im Schatten von Fabian Hambüchen und Philipp Boy arbeitete er sich Schritt für Schritt an diese grossen Vorbilder heran. Seit dem Abitur im Jahr 2007 trainiert er in Stuttgart bei dem ehemaligen russischen Weltklasseturner Walerie Belenki, der ihm dort die letzten Feinheiten der Turnkunst vermittelt.


Marcel Nguyen freut sich über seine Silbermedaile

Turnen: ein schwieriger Sport

Turnen ist vorallem deswegen ein schwieriger Sport, weil man gleich an sechs Geräten antreten muss, von denen jedes "sperrig" ist und die zudem untereinander total verschieden sind. Der klassische turnerische Wettkampf ist an folgenden Geräten zu absolvieren:  Boden - Seitpferd - Ringe - Sprung - Barren - Reck. Gefürchtet ist insbesondere das Seitpferd. Man kann sich an ihm zwar kaum verletzen, aber bei der geringsten Unachtsamkeit gerät man aus dem Schwung und macht dabei Fehler, die selbst jeder Laie auf den ersten Blick als solche erkennen kann. Ein anderes Problemgerät sind die Ringe, an denen ohne Bärenkräfte nichts geht. Die verschiedenen Hangwaagen, bezeichnenderweise "Christushang" genannt, sind dafür ein Beispiel. Viele schlanke und biegsame Bodenturner kommen mit den Ringen überhaupt nicht zurecht. Der Barren ist vorallem technisch sehr anspruchsvoll, während beim Sprung über einen Tisch Mut und Bewegungsgefühl gefordert ist. (Der Cottbuser Ronny Ziesmer fiel 2004 bei einem kombinierten Doppelsalto rückwärts/vorwärts unglücklich mit dem Kopf auf dem Boden auf und ist seitdem querschnittsgelähmt). Bleibt das Reck, welches als die "Königsdisziplin" gilt. Hier muss die Riesenwelle in verschiedenen Varianten geturnt werden; dazwischen erwartet man von den Besten noch die sogenannten Flugteile oberhalb der Reckstange. Zum Schluss ist ein Mehrfachsalto mit Mehrfach-Twist der angemessene Abgang, wobei man - ohne Wackler - zum sicheren Stand kommen sollte.

Logischerweise muss man für den olympischen Mehrkampf viel mehr trainieren als für ein einzelnes Gerät, wofür es auch Medaillen gibt, die aber in geringerem Ansehen stehen. Der Mehrkampf ist die Krone der turnerischen Disziplinen. In allen Geräten "top" zu sein, verlangt jahrelanges, ausdauerndes Üben.

Nguyen ist der bessere Hambüchen

Da nur zwei Turner je Nation am Mehrkampffinale der Londoner Olpmpiade teilnehmen durften, waren die beiden, bis dahin besten deutschen Turner - Fabian Hambüchen und Philipp Boy - naturgemäss gesetzt. Marcel Nguyen war nur als Drittstärkster eingeordnet. Aber es kam anders. Philipp Boy verletzte sich vor dem Wettkampf beim Einturnen in der Nebenhalle. An seinem Paradegerät, dem Reck, griff er bei einem hochriskanten Flugteil daneben und schlug hart auf dem Boden auf. Er konnte den Wettkampf nicht aufnehmen, sodass Marcel Nguyen in die deutsche Zweiermannschaft kam.

Der Wettkampf lief anfangs nicht gut für Marcel. Am Seitpferd verturnte er die Schere in den Handstand und patzte ausserdem beim Abgang. Damit lag er nach dem ersten Gerät auf dem letzten Platz im Feld der 24 Teilnehmer. Was danach kam war eine grandiose Aufholjagd. An den Ringen turnte er fehlerfrei, beim Sprung machte er nur einen winzigen Sidestep. Als er eine spektakuläre Übung am Reck sicher in den Stand gebracht hatte, wusste er: Das kann etwas werden, eine Medaille ist jetzt drin. Sein Paradegerät, den Barren, turnte er mit Mut und Schwung, sodass nur noch die Bodenübung anstand. Auch hier brachte er die verschiedenen Salti in den sicheren Stand, womit er sich vom 24. auf den 2. Platz vorgearbeitet hatte. Die Silbermedaille im olympischen Mehrkampf gehörte ihm.

Vergleichbares war in der Nachkriegsgeschichte noch keinem deutschen Turner gelungen. Die letzte Mehrkampfmedaille, allerdings in Gold, hatte Alfred Schwarzmann bei der Olympiade 1936 in Berlin gewonnen. Die Goldmedaille in London erhielt der Japaner Kohei Uchimura, der alle sechs Geräte fehlerfrei turnte.

Fabian Hambüchen, der mit grossen Erwartungen in den Wettkampf gegangen war, wurde bitter enttäuscht und war am Ende den Tränen nahe. Auch er hatte einen schweren Patzer am Seitpferd zu beklagen, dazu auch noch am Boden und am Reck, wo er immerhin einmal Weltmeister war. Zum Schluss reichte es bei ihm nur zu Platz 15.  Philipp Boy versuchte es nocheinmal im Mannschaftswettbewerb, aber auch dort griff er mehrfach daneben. Nach vier Jahren intensiven Trainings musste er aus London ohne eine einzige Medaille heimfahren. Noch heute leidet er unter Prellungen am ganzen Körper; die Stürze von seinem Lieblingsgerät, dem Reck, haben bei ihm ein Trauma hinterlassen. Mit 25 Jahren denkt er ernsthaft ans Aufhören und die Wiederaufnahme seiner Bankausbildung. Noch vor Weihnachten will er sich entscheiden.

Zur Benotung der Turnübungen

Die Benotung der turnerischen Übungen geschieht durch zwei Gruppen von Kampfrichtern. Die eine Gruppe wertet den Schwierigkeitsgrad der Übung, die andere ist für die Beurteilung der Ausführung, also die Haltung, zuständig. Der D-Wert (für "Difficulty") und der E-Wert (für "Execution") werden zusammengezählt und bilden den endgültigen Notenwert der vorgeführten Übung.

Die Übungsteile sind in Schwierigkeitsstufen eingeteilt. Am Boden bringt beispielsweise ein Hocksalto 0,1 Punkte, ein gestreckter Salto 0,2 und ein Doppelsalto rückwärts mit Dreifachschraube 0,6 Punkte. Von jeder Übung werden die 10 schwierigsten Übungsteile gewertet und aufaddiert. Des weiteren gibt es am Reck noch Bonifikationen, sofern zwei Höchstschwierigkeiten unmittelbar hintereinander geturnt werden. Der D-Wert ist theoretisch nach oben offen. In London brauchte man für den Olympiasieg im Gerätefinale einen D-Wert von rund 7 Punkten.




Nguyen bei der Hangwaage waagrecht


Hangwaage senkrecht (Blogger W.M. 1956)

Beim E-Wert für die Ausführung gehen die Kampfrichter von der "Traumnote" 10,0 aus. Hiervon werden für schlechte Haltung, technische Mängel, zu kurz gehaltene Kraftteile etc. 0,1 bis o,5 Punkte abgezogen. Stürze vom Gerät oder ein verpatzter Abgang werden sogar mit 1 Punkt Abzug bestraft. Taktisch handelt ein Turner also unklug, wenn er einen eben erst gelernten Übungsteil unsauber turnt. In der Praxis ist es besser, einen Übungsteil erst dann im Wettkampf zu zeigen, wenn man ihn auch voll beherrscht. Nehmen wir an, einem Turner werden wegen verschiedener Haltungsmängel 1,8 Punkte abgezogen, so kommt er auf einen E-Wert von 8,2. Zusammen mit dem D-Wert von 7 (siehe oben) ergibt das also eine Gesamtnote von 15,2 Punkten.

Verstanden?
Wenn nicht, dann trösten Sie sich mit dem alten Turnerspruch:
Wenn Turnen einfach wäre, dann hiesse es Fussball.

Sonntag, 18. November 2012

Dr. Helmut Schmieder †

Liebe Angehörige,
verehrte Trauergemeinde.

Helmut Schmieder gehörte zu unserem Freundeskreis auf der Insel Rott. Regelmässig konnte man ihn am Donnerstag mittag inmitten seiner Freunde dort antreffen. Er war einer der Mitbegründer dieses Kreises; er hielt ihn zusammen, mit der Kraft seiner Persönlichkeit.

In Rott werden seit jeher Dinge besprochen, die sich im 20 Kilometer entfernten Kernforschungszentrum ereignen. Als Ruheständler hat man den zeitlichen Abstand und die Gelassenheit um Vorfälle und Forschungsprogramme des FZK einzuordnen - sine ira et studio.

Bemerkenswert an Helmut war seine starke Bindung an das Institut für Heisse Chemie. Zu den Institutsleitern Baumgärtner, Ebert und Dinjus pflegte er vertrauensvolle Kontakte; für Franz Baumgärtner schien er das alter ego zu sein. Die Mitglieder und Kollegen des Instituts konnten sich in allen fachlichen, aber auch persönlichen, Fragen an Helmut wenden. Er war ihnen stets ein hilfsbereiter Kollege und Freund.
Dr. Helmut Schmieder (1935 - 2012)

Aus meiner Zeit als Projektleiter für den Schnellen Brüter weiss ich, dass Helmut technische und terminliche  Abmachungen punktgenau einhielt - auch wenn es ihm gelegentlich schwerfallen mochte. Wegen dieser Verlässlichkeit stand er auch bei Industriefirmen wie der DWK, der KEWA oder der Firma Alkem in Hanau, in grossem Ansehen. Bei internationalen Konferenzen konnte man beobachten, wie sich prominente Fachkollegen aus Russland, Japan und den USA um Helmut scharten, um seinen fachlichen Rat zu teilen.

Als Ruheständler auf der Insel Rott mussten wir miterleben, wie unsere jahrelangen Bemühungen um die von uns favorisierte Energietechnik durch politische Entscheidungen zunichte gemacht wurden. Helmut stemmte sich dagegen, unter anderem durch eine Vielzahl öffentlicher Vorträge, bei denen sein umfassendes Wissen auf dem Gebiet der Kernenergie zum Ausdruck kam.

Die allwöchentlichen Treffen auf Rott erlauben uns, bei entspannten Gesprächen zur Mittagsstunde, die vielfältigen Ereignisse im eigenen, abgelaufenen Berufsleben neu zu sortieren und einzuordnen. Bei mancher Wegmarke hatten wir die Möglichkeit so oder anders abzubiegen; aber viele Entscheidungen wurden uns von aussen, gewissermassen vom Schicksal, unabweisbar aufgeprägt. Helmut hat dies in seinem eigenen Fachgebiet - Stichwort Wiederaufarbeitung - zur Genüge erfahren müssen.


Letzter Gruss

Dann kam die Krankheit. Sie traf Helmut mit Wucht und hat ihn von Anbeginn sichtbar gehandicappt. Seinen geliebten Tennissport musste er von heute auf morgen aufgeben; schifahren, worin er ein Meister gewesen, war nicht mehr möglich. Bei unseren Besuchen in seiner Wohnung mussten wir mitansehen, wie sich sein körperlicher Zustand von mal zu mal verschlimmerte. Der Tod kam ihm schliesslich als Freund.

Wir werden die Erinnerung an Dich, lieber Helmut, in unserem Herzen bewahren.

(Willy Marth)

Sonntag, 11. November 2012

Was Gorleben mit Shakespeare gemeinsam hat

Die Endlagerung des hochradioaktiven Abfalls aus Kernbrennstoffen ist ein Problem, das gegenwärtig (wieder einmal) vom Bundesumweltminister Peter Altmaier und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann angegangen wird. Längst ist bekannt, dass dafür eigentlich nur die Salzlagerstätten in Niedersachsen, die Tonschichten in Baden-Württemberg und die Granitvorkommen in Bayern in Frage kommen. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, Politik und Wissenschaft hätten sich auf den Endlagerstandort Gorleben geeinigt - Analoges gilt für die beiden anderen Standorte - dann ist es intellektuell reizvoll sich zu überlegen, wie die Endlagerdiskussion in 500 Jahren, also im Jahr 2500 geführt werden würde - und ob es überhaupt noch eine gäbe.

Gorleben im Jahr 2500

Vor der Einlagerung in Gorleben müsste man die Entscheidung treffen, ob die Abfälle dauerhaft in tausend Meter Tiefe deponiert werden sollen, oder ob man sie gegebenefalls wieder vorzeitig zurückholen möchte. Die derzeitige Tendenz geht in Richtung "final storage", also auf Verzicht der Option Rückholung. Vor der Tiefenlagerung müssen die Kernbrennstoffe bzw. Brennelemente der stillgelegten Kernkraftwerke ca. 50 Jahre lang abklingen und abkühlen. Die Deponierung könnte also um das Jahr 2050 beginnen und wäre vermutlich zur Jahrhundertwende, um 2100, abgeschlossen.

Am Standort Gorleben wären dann an der Oberfläche nur noch die Infrastrukturanlagen sichtbar, wie Verpackungsmaschinen, Lagerhallen und natürlich der Förderturm für den vorherigen Schachtbetrieb. Es würde mich nicht wundern, wenn man dann im nächsten Jahrhundert, also zwischen 2100 und 2200 diese überflüssig gewordenen Betriebseinrichtungen abbauen würde, so wie das auch Ruhrgebiet mit den Schachtanlagen und Fördertürmen geschehen ist. Bald könnten über dem Salzdom also wieder die Schafe und Rinder weiden.

Doch wie steht es mit der Erinnerung der Menschen an das "Endlagerproblem Gorleben"? Da die Kerntechnik in Deutschland im Gefolge von Fukushima im Sommer 2011 aus politischen Gründen abgeschafft wurde, wird der Bestand an Fachleuten auf diesem Gebiet immer dünner werden. Zum Jahrhundertende 2100 hin werden wohl die allermeisten in Rente gegangen sein, bzw. nicht mehr leben. Sie hinterlassen sicherlich eine Menge an technischen Papieren, aber es ist fraglich, ob die Nachkommen etwas damit anfangen können.

In den nachfolgenden Jahrhunderten, spätestens aber bis zum Jahr 2500, werden alle Datenträger bis zur Unleserlichkeit zerstört sein. Die Papierunterlagen verrotten und werden durch die eigene Säure zerstört; die Magnetbänder und digitalen Datenträger werden noch früher unbrauchbar. Fachleute, welche zum Gebiet der Endlagerung Auskunft geben könnten, stehen - siehe oben - nicht mehr zur Verfügung. Die kollektive Erinnerung an den gefährlichen Abfall in der Tiefe wird mehr und mehr abnehmen, ein Risiko wird damit nicht mehr verbunden. Vielleicht werden in 500 Jahren feudale Villen dort gebaut, wo früher die Brennelemente oberirdisch gelagert wurden.

Stammt der Hamlet von Shakespeare?

Dass viel Wissen und viele Fakten in der relativ kurzen Zeit von 500 Jahren "verschütt" gehen können, beweist die anhaltende Diskussion um den grössten englischen Schriftsteller William Shakespeare. Er lebte von 1564 bis 1616 n. Chr. und ihm werden 36 Theaterstücke (14 Komödien, 12 Tragödien und 10 Historiendramen) zugeschrieben, die bis heute noch auf allen Bühnen der Welt gespielt werden. Darüberhinaus verfasste er einige hundert Sonette von allerhöchster literarischer Güte .



William Shakespeare

Trotzdem, immer wieder kommen Zweifel auf, ob dieser "Landlümmel aus dem Drecksnest Stratford-upon-Avon" (Kritiker Alfred Kerr) wirklich sowas allein gemacht haben kann. Vor einigen Jahren hat der deutsche Regisseur Roland Emmerich diese Zweifel zu einem Kinofilm mit dem Titel "Anonymus" verarbeitet, was die Shakespeare-Gemeinde in grosse Unruhe versetzte.

Emmerich fragt beispielsweise, wie es möglich ist, dass in den letzten 500 Jahren kein einziges Manuskript des Dichters gefunden wurde, ja nicht einmal ein einziger Brief, obwohl Shakespeare normalerweise eine Menge Korrespondenz hätte führen müssen. Oder: wie Shakespeare als Kind illiterater Eltern - und nicht der englischen Oberschicht angehörend - so viel über die Lebensweise der Adeligen, Könige und Königinnen bei Hofe wissen konnte. Oder: Woher er als blosser Grundschüler sein umfangreiches Wissen in Medizin, Astronomie, Musik und Rechtswissenschaft hatte. Oder: Warum Shakespeare sich als Endvierziger in seinen Geburtsort zurückzog und nie wieder geschrieben hat, nicht einmal ein kurzes Gedicht. Oder: Warum Shakespeare in seinem Testament kein einziges seiner Bücher erwähnte, dafür aber sein zweitbestes Bett.

Das sind Fragen über Fragen, die mehr als stutzig machen und die auch Emmerich in seinem Film nicht schlüssig beantworten konnte. Trotzdem schlägt er den 17. Grafen von Oxford als den eigentlichen Verfasser der dichterischen Werke vor.  Shakespeare war, nach seiner Meinung, nur der Ghostwriter bzw. der Namensgeber. Nun streiten sich unerbittlich zwei Lager: die Oxfordians auf der einen, die Stratfordians auf der anderen Seite. Erstere unterstützen die Thesen von Anonymus, während letztere Shakespeare aus Stratford verteidigen.

Bei aller Verschiedenheiten der Thematik gibt es zwischen Gorleben und Shakespeare gewisse Ähnlichkeiten. 500 Jahre sind eine lange Zeit, viel zu lange für die Mund-zu-Mund-Überlieferung. Wenn die Dokumente, aus welchen Gründen auch immer, verloren gehen, dann fehlt auch das Wissen über diese Zeit und ihre Menschen - und es fehlen die harten Beweise.

Wie kann man dann erwarten, dass menschliches Wissen über tausende oder gar hunderttausende von Jahren bewahrt werden kann - wie die Kombattanten in der Endlagerfrage dies zuweilen fordern oder gar behaupten?!

Donnerstag, 1. November 2012

Bei KIT knirscht es

Der 15. Juni 2012 bleibt allen Studenten und Mitarbeitern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) in böser Erinnerung. An diesem Tag verlor das KIT beim bundesweiten Wettbewerb der Exzellenzinitiative seinen schönen Titel "Elite-Universität", worauf es bisher mit Recht sehr stolz war. Die Forschungsprogramme in der Nanotechnik und in der Informatik erschienen den Gutachtern zu leichtgewichtig und sie liessen das KIT durchfallen. Die Studentenvertreter sprachen vom "Todesstoss für das KIT" was wohl leicht übertrieben war; aber ein grosser Verlust an Image und Renommee ist mit diesem Abstieg in die niederen akademischen Ebenen sicherlich verbunden.


Grosse Finanzprobleme

Die "Iden des Juni", um eine altrömische Metapher leicht zu variieren, haben starke negative Auswirkungen auf die Finanzen des KIT, insbesondere im Bereich der früheren Universität. Ein prekäre Lage ist dort im wesentlichen aus drei Gründen entstanden: weil fest eingeplante Gelder aus der Exzellenzinitiative ausbleiben, weil wegen des Doppelabiturs G8/G9 ein Studentenberg an die Hochschule anrollt und weil das Land Baden-Württemberg als Hauptfinanzier des universitären Bereichs derzeit finanziell sehr klamm ist.

Durch die Niederlage im Exzellenz-Wettbewerb entgehen dem KIT, verteilt auf fünf Jahre, mindestens 60 bis 80 Millionen Euro. Der unmittelbare Schlag wird etwas gemildert durch eine Auslauffinanzierung, welche bis 2014 anhält. Das nun entstandene Geldproblem hat viel zu tun mit dem Schuldenberg des Landes Baden-Württemberg, welches seit Jahren bei allen Hochschulen die Finanzmittel eingefroren hat. Das Land gewährt (ausser beim durchfinanziertem Stellenpersonal)  dem KIT keinen Zuwachs bei den Finanzmitteln mehr - trotz steigender Kosten.

Der Finanzchef Ulrich Breuer hat dem KIT deshalb einen rigiden Sparplan verschrieben. Organisatorische Doppelstrukturen am Forschungszentrum und an der Uni sollen zusammengelegt werden. Dies betrifft u. a. die Einkäuferteams und die Alarmzentralen. Frei werdende Arbeitsplätze sollen nicht mehr, oder nur noch in Ausnahmefällen, wiederbesetzt werden. Die "personelle Verschlankung" soll in einem Personalzielplan festgelegt werden. Im Uni-Bereich wird die sog. Budgetierung eingeführt. Die Professoren müssen also in Zukunft ihre Aufwendungen für Rechner, Strom, Maschinen etc. besser im Blick behalten und aus dem eigenen Institutsbudget bezahlen. Auch das Grossinstitut für Nanotechnik wird sich auf Mittelkürzungen einzustellen haben, was nach der Fehlleistung beim Exzellenzwettbewerb durchaus verständlich ist.

Die Landesregierung sendet in letzter Zeit vermehrt Hilferufe an den Bund. Bildungsministerin Annette Schavan soll einen Beitrag leisten bei der Finanzierung der Landesuniversitäten. Aber dies ist seit der Föderalismusreform im Jahr 2006 geradezu ausgeschlossen. Ein dediziertes Kooperationsverbot in der Verfassung gestattet keine Co-Finanzierungen des Bundes. Möglicherweise wäre Berlin (nach einer entsprechenden Verfassungsänderung) bereit, einige Universitäten - wie das KIT - als Bundesuniversitäten unter ihre Obhut zu nehmen. Aber hier zögern die Länder noch. Sie möchten auch ihre Kindergärten und Gesamtschulen finanziert haben, wozu der Bund aber nicht bereit ist. So wird die Finanzmisere der Länder sicherlich noch bis nach der nächsten Bundestagswahl anhalten.


Arme Hiwi

Objektiv betrachtet, erscheint das KIT gar nicht so arm zu sein. Es verfügte im abgelaufenen Jahr 2011 über einen Jahresetat von knapp 800 Millionen Euro, etwa gleich verteilt auf die Bereiche Universität (397 Mio Euro) und Forschungszentrum (392). Darin sind die von aussen eingeworbenen Drittmittel eingerechnet, deren Gemeinkostensatz von 20 Prozent allerdings kaum kostendeckend ist.

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass Hiwi, welche an der Universität jobben, monatelang kein Geld für ihre Arbeit bekommen, bzw. nur abschlagsweise. Über "griechische Verhältnisse" lästern die Studentenvertreter und die Lokalzeitung BNN fragt: "Geht dem KIT das Geld aus?" Nun, an der Liquidität soll es beim KIT nicht mangeln, vordergründig sollen es Probleme mit den neuen Computerprogrammen sein, welche den rund 1000 Studenten ihren Lohn vorenthalten. Und dieser ist bescheiden genug: 320 Euro verdient ein Bachelor-Student, wenn er 40 Stunden monatlich als Hilfswissenschaftler an der Uni werkelt. Da aber der Durchschnittsstudent nur 750 Euro im Monat zur Verfügung hat, ist der Hiwi-Verdienst  wiederum auch nicht marginal. Der Personalrat des KIT mutmasst, dass es zu wenige Sachbearbeiter gibt für die Bearbeitung der Hiwi-Verträge; offensichtlich ist die Verwaltung des KIT bereits jetzt zu "schlank". Die zuständige Vizepräsidentin Elke Luise Barnstedt rechnet mit einer Normalisierung der Auszahlungen erst zum Jahresende!

Dass beim KIT allenthalben gespart werden muss, merkt man auch bei den Veranstaltungen "Junge Talente". Die beliebten Treffen mit Vortrags- und Musikdarbietungen sind neuerdings kostenpflichtig und die Bretzeln samt Getränk zum Schluss sind auch gestrichen. Die Managerin, Frau Tatubaeva, wird sich künftig auf weniger Publikum einstellen müssen.


KIT als Dienstherr

Ab 1. Januar 2013 bricht bei KIT eine neue Ära an: das KIT wird Dienstherr und Arbeitgeber. Im sog. Zweiten KIT-Gesetz soll dies geregelt werden. Die wichtigste Konsequenz aus der Dienstherrenfähigkeit ist der damit einhergehende Wechsel vom Arbeitgeber Land zum Arbeitgeber KIT. Das Präsidium informiert alle Beschäftigte persönlich per Einschreiben. Gegen diese "Überleitung" können die Beschäftigten innerhalb von drei Monaten Einspruch einlegen; sie verbleiben dann im bisherigen Dienstverhältnis. Die richtige Entscheidung zu treffen ist nicht trivial, jedenfalls sah sich der Personalrat bei einer kürzlichen Versammlung nicht in der Lage Empfehlungen für die Beschäftigten des ehemaligen Forschungszentrums abzugeben.

In der Hauszeitschrift KIT-Dialog klingt Skepsis durch, wenn man  dort liest: "Die Beschlüsse zur Harmonisierung hinterlassen eher gemischte Gefühle. Als Vergütungsgrundlage für den Universitäts- und den Forschungsbereich soll nämlich nicht der - auch vom KIT-Präsidium favorisierte - bundesbezogene Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD) gelten, sondern der weniger vorteilhafte länderbezogene TV-L. Begründet wird diese, wenn man so will, Anpassung nach unten, mit dem aktuell angespannten Budget des KIT - ein haushälterisch nachvollziehbares, für die Motivationslage eines KIT-Beschäftigten freilich ziemlich knöchernes Argument."

Mancher (jüngere) KIT-MItarbeiter macht sich so seine Gedanken darüber, was wohl bei einem "organisatorischen GAU" passieren würde, etwa wenn das KIT stark verkleinert oder gar bankrott gehen würde. Dazu hat das Wissenschaftsministerium des Landes (Zitat Barnstedt) folgendes mitgeteilt: "Es geht bei der Frage der Haftung nicht um Insolvenz, sondern, wenn überhaupt, um unvorhergesehene Probleme. Das Land wird das KIT im Falle grösserer Schwierigkeiten nicht alleine lassen. Das ergibt sich schon daraus, dass das künftige KIT ein Teil der sogenannten "mittelbaren Landesverwaltung" ist". -  Irgendwie pflaumenweich.

Aktive und emeritierte Professoren sowie Beamte werden ab dem 1. Januar 2013 zum Dienstherrn KIT übergehen. Bereits pensionierte Professoren und Beamte bleiben solche des Landes Baden-Württemberg. Mit dem Übergang zum KIT ist zum Teil ein Wechsel im Namenszusatz verbunden. Beamte heissen dann nicht mehr "Regierungsbeamte" sondern "Verwaltungsbeamte". Die Änderung ergibt sich daraus, weil diese Beamten nicht mehr der Landesregierung unmittelbar zugeordnet sind, sondern nur noch der sogenannten mittelbaren Landesverwaltung. - Beamte 2. Klasse?


Die organisatorische Struktur wird gesucht

Derzeit wird unter Hochdruck eine neue organisatorische Struktur für das KIT gesucht. Den Ministerien in Stuttgart und Berlin ist die bisherige Struktur einerseits zu komplex, andererseits zu wenig integriert. So gibt es Programme nur im Forschungszentrum, Fakultäten nur an der Universität. Der Austausch des wissenschaftlichen Know-how zwischen Nord und Süd  ist noch ungenügend. In die Lehre an der Uni sind die Nord-Wissenschaftler zu wenig integriert. Ein neues, überzeugendes Organigramm soll also her, u. zw. bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung am 5. November 2012.

Damit beauftragt ist der Senat mit seinen 58 Mitgliedern. Er nennt sich gerne das "Parlament des KIT", hat aber den organisatorischen Schönheitsfehler, dass er vom Präsidium geleitet wird, also nicht eigenständig (wie der frühere wissenschaftliche Rat am Kernforschungszentrum) agieren kann. Immerhin hat er eine Reihe von Vorschlägen zur Neustrukturierung des KIT gemacht, von denen hier einige vorgestellt werden sollen. Der Entscheidungsprozess ist noch im Gange.

Die neue Struktur des KIT orientiert sich an der seit Jahrzehnten bewährten Matrixstruktur im Forschungszentrum. Es soll fünf bis sechs (senkrechte) Bereiche geben, die beim FZK den sog. Projekten entsprachen. In der Matrixdarstellung waagrecht dazu verlaufen die Forschungs- und Lehreinheiten. Jedem Institut ist ein Bereich zugeordnet. Heftig diskutiert wird, ob die Bereiche eher nach Disziplinen (wie Mathematik, Physik, Chemie...) oder nach Forschungsthemen (wie Energie, Klima, Mobilität...) benannt werden sollen. Die Bereiche werden geleitet von Chief Science Officers, abgekürzt CSO, entsprechend den früheren Projektleitern. In der Diskussion ist noch, ob die CSO gegenüber den Institutsleitern Vorgesetztenfunktion haben sollen. Für die Koordination der Lehre gibt es einen Chief Higher Education Officer (CHEO); kommissarisch ist, nach Hipplers Weggang, dafür der Maschinenbauprofessor Alexander Wanner benannt.

Die Fakultäten, welche sich bislang sowohl um die Lehre als auch um die Forschung kümmerten, sollen künftig ausschliesslich für die Lehre zuständig sein, allerdings unter neuer Namensbezeichnung. Statt Fakultäten soll es in Zukunft nur noch Fachbereiche geben. Aus dem Fakultätsrat wird der Fachbereichsrat und - aufgemerkt! - die traditionsumrankten Dekane sollen entfallen. Sie werden zukünftig zu Fachbereichssprechern. Klingt ein bisschen nach Kaufhaus und Supermarkt, weswegen über diesen Vorschlag auch noch heftig gestritten wird.

Angesichts der doppelten Abiturjahrgänge, welche jetzt auf das KIT zukommen, will man die Wissenschaftler von Campus Nord stärker in die Lehre einspannen. Gedacht ist vorallem an promovierte Gruppenleiter, die - nach externer Begutachtung -  als KIT Associate Fellows an die Lehre herangeführt werden sollen und beispielsweise bei Promotionsverfahren als Referenten mitwirken können.


Ein Brief an den Präsidenten

Vor einigen Wochen erreichte Professor Eberhard Umbach ein Brief, den der Präsident des KIT vermutlich nur mit spitzen Fingern angefasst hat. Der frühere Betriebsratsvorsitzende des Forschungszentrums monierte, dass der ehemalige Geschäftsführer des Kernforschungszentrums, Dr. Rudolf Greifeld, immer noch in der Liste der 182 Ehrensenatoren des KIT bzw. der früheren Universität geführt wird. Angeblich war Greifeld als SS-Kriegsverwaltungsrat während des 2. Weltkriegs auch Kommandant von Gross-Paris. Bei seinem Ausscheiden 1976 wurde er wegen seiner grossen Verdienste um den Aufbau des Forschungszentrum mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Inzwischen findet sich Greifelds Name nicht mehr in der KIT-Liste der Ehrensenatoren - sehr wohl aber noch in der entsprechenden Wikipedia-Liste.





 

 

















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