Sonntag, 10. Juni 2012

Napoleons erstes Waterloo

Die historische Einschätzung von Napoleon Bonaparte ist seit jeher grossen Schwankungen unterworfen. Die einen - und das sind mehrheitlich die Franzosen - sehen in ihm den genialen Feldherrn, der die Französische Revolution zu einem guten Ende führte, indem der die Zerrissenheit des Landes beseitigte und Ordnung in die Verwaltung und Rechtsprechung brachte. Für die anderen - und das sind nahezu alle Nachbarländer - ist Napoleon der grösste Kriegstreiber und Gewaltherrscher der Neuzeit, dessen Rücksichtslosigkeit keine Grenzen kannte und der schliesslich zu Recht zur Strecke gebracht wurde.

Die Überquerung der Memel

Das Ende Napoleons bahnte sich genau vor 200 Jahren an, als er im Juni 1812 mit einem grossen Heer die Memel überquerte, den Grenzfluss zum russischen Reich. Napoleon wollte den Zaren Alexander I. dafür bestrafen, dass dieser aus der gegen England verhängten Wirtschaftblockade, der sogenannten Kontinentalsperre, ausgeschert war. Alexander hatte kaum eine andere Wahl, denn er brauchte die hochwertigen Industriegüter des Inselreichs im Austausch gegen Holz, Getreide und Hanf aus Russland. Die Situation steuerte auf einen Krieg zu, als beide Seiten fieberhaft mobil machten.

Am 24. Juni 1812 überschritt die Grand Armée auf drei von holländischen Hilfstruppen gezimmerten Pontonbrücken den Memelfluss. Napoleon konnte auf 450.000 Mann zählen; weitere 150.000 requirierte er aus den europäischen Nachbarländern. Die Russen konnte demgegenüber nur 242.000 Mann aufbieten. Napoleon spekulierte auf eine baldige Schlacht, woraus er als Sieger hervorzugehen glaubte. In zwei Monaten wollte er zurück in Paris sein.



Napoleon Bonaparte
(Gemälde in Versailles)

Aber zu dieser Schlacht kam es nicht. Die russischen Truppen wichen permanent zurück und liessen sich allenfalls auf kleinere Scharmützel ein. So fielen den Franzosen die Städte Wilna und Witebsk nahezu kampflos in die Hände und schon am 17. August konnten sie (nach einigen Vorpostengefechten) in Smolensk einziehen. Allerdings war die Stadt in ein Flammenmeer gehüllt, weil die Russen entsprechend ihrer Taktik der "verbrannten Erde" vorher alles zerstört hatten, was ihrem Gegner von Nutzen hätte sein können.

Die Gewaltmärsche, in denen Napoleon den zurück weichenden Russen hinterher hechelte, hatten ihren Preis. Es wurde immer schwerer, den Nachschub heran zu schaffen. Tausende von Pferden starben an Hunger, viele der zum Militärdienst gezwungenen Nichtfranzosen desertierten. So bestand die Grand Armée in Smolensk nur noch aus 160.000 Mann. Einige seiner Unterführer rieten Napoleon eine Rast zur Konsolidierung einzulegen, aber der stolze Franzose weigerte sich mit dem berühmten Ausspruch: "Der Wein ist eingeschenkt, er muss getrunken werden".

Die Eroberung von Moskau

Moskau war das Ziel. Beim Dorf Borodina kam es dann doch aber noch zur ersehnten Schlacht. Es war ein furchtbares Gemetzel. 130.000 Franzosen standen etwa gleichvielen Russen gegenüber. Am Schluss zählte man 80.000 Tote und Verwundete, 35.000 Franzosen und 45.000 Russen.  Menschen und Pferde, Tote und Verwundete lagen in mehreren Schichten übereinander - ein entsetzlicher Anblick. Napoleon hatte zwar knapp gesiegt, aber dem russischen Feldherrn Kutusow gelang aufgrund der besseren Ortskenntnis der geordnete Rückzug.

Napoleon hetzte weiter nach Moskau und am 14. September erreichten seine Truppen endlich diese Stadt. Aber sie war, zur grossen Überraschung der Franzosen, menschenleer. Niemand liess sich sehen, keine Gefechte entwickelten sich. Am darauffolgenden Tag allerdings brannte Moskau lichterloh. Der Militärgouverneur Rostoptschin hatte die Brände legen lassen und als der Wind die Flammen anfachte, brannten zwei Drittel der Hauptstadt nieder. Napoleon quartierte sich im (noch intakten) Kreml ein und wartete darauf, dass die russischen Unterhändler kamen und ihm formell die Schlüssel der Stadt übergeben würden. Aber nichts tat sich, kein Russe liess sich blicken. Später wurde bekannt, dass sich Zar Alexander I. längst nach St. Petersburg abgesetzt hatte und von dort den Lauf der Dinge beobachtete. Die gemeinen französischen Soldaten indes richteten sich, so gut es eben ging, in den Ruinen der Stadt ein und waren immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Aber es war wenig zu finden, denn die Taktik der vebrannten Erde wirkte auch hier.

Dramatischer Rückzug

Napoleon wartete etwa einen Monat lang vergebens im Kreml ohne, dass es zu irgendwelchen Kontakten mit russischen Offiziellen kam. Als die Temperaturen fielen und  der Winter sich bemerkbar machte, entschloss er sich zum Rückmarsch. Seine Armee umfasste damals noch 95.000 Mann und es war seine Absicht, diesmal eine südlichere Route zu wählen. Das verhinderte jedoch sein schlauer Gegner Kutusow. Er zwang ihn auf der gleichen Route zurückzukehren, auf der er gekommen war. Sehr bald wurde die Verpflegung der Truppen zu einem gravierenden Problem. Hinzu kamen immer wieder Gefechte mit plötzlich auftauchenden Kosakentruppen, auf deren Taktik ("zuschlagen und zurückweichen") die Franzosen nicht eingestellt waren. Als Napoleon am 9. November wieder Smolensk erreichte, war seine Armee auf 50.000 Mann abgeschmolzen.

Inzwischen hatte der russische Winter voll eingesetzt; die Temperaturen waren auf unter minus 2o Grad Celsius gefallen. Viele Soldaten erfroren mangels ausreichender Bekleidung - sofern sie nicht vorher verhungert waren, denn auf dem ganzen Rückzug gab es nichts zu plündern. Doch das Schlimmste sollte erst noch kommen, denn der Fluss Beresina, auf dem schon die Eisschollen trieben,  war zu überqueren. Die Russen hatten die Holzbrücken zerstört und abermals mussten holländische Pioniere Notbrücken bauen. Unter dem Feuer der russischen Artillerie drängten sich Napoleons Truppen auf die schwankenden Brücken und es kam zu riesigen Verlusten. Am 16. Dezember bestand die Armee nur noch aus 16.000 Mann, allesamt grossen Hunger leidend, sodass es sogar zu Kannibalismus kam. Die Temperatur war auf minus 37 Grad fallen.

Napoleon hatte inzwischen den Oberbefehl seinem Schwager Joachim Murat, dem König von Neapel, übertragen. Er selbst eilte inkognito, als "Sekretär" seines Grosstallmeisters in Schlitten und Kutsche nach Paris zurück, wo er am 18. Dezember in den Tuilerien eintraf. Das Ende ist bekannt. Napoleon gelang es zwar nochmals ein Heer auszuheben, aber in der Völkerschlacht bei Leipzig musste er sich den Preussen, Österreichern, Engländern und Russen beugen. Er wurde abgesetzt und mit einer Jahresrente von 2 Millionen Francs auf die Insel Elba verbannt.

Doch schon nach einem knappen Jahr büxte er dort wieder aus und seine Franzosen empfingen ihn wieder mit grossem Hurra. Das zweite napoleonische Kaisertum dauerte allerdings nur hundert Tage. Als er die Schlacht im belgischen Ort Waterloo verloren hatte, verschifften ihn die Engländer auf ihre Insel St. Helena, wo er 1821 an Magenkrebs verstarb. Er war 52 Jahre alt geworden.

Heute ist sein Sarkophag in der Kuppel des Pariser Invalidendoms zur Schau gestellt.

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