Samstag, 16. Juni 2012

Frischer Wind bei der Documenta 13

Es ist Documenta-Zeit. Kassel ruft wieder. Seit mehr als vier Jahrzehnte lassen meine Frau Brigitte und ich uns dieses Ereignis nicht entgehen. Die Documenta ist die weltweit wichtigste Ausstellung bei der man Gegenwartskunst hautnah erleben kann.

Schöne Reminiszenzen

Von der Documenta 4 (genannt d4) im Jahr 1968 sind mir noch die Versuche des Künstlers Christo in Erinnerung, der sich mühte, ein 5.600-Kubikmeter-Ensemble aus verpackter Luft senkrecht aufzustellen (im Volksmund "Wurst" genannt), was ihm erst nach etlichen Versuchen gelang.
Die d5 war geprägt durch die Happenings von Joseph Beuys. Noch deutlich vor Augen habe ich das eindrucksvolle Environment "Five Car Studs" von Ed Kienholz über die Kastration eines Schwarzen in den US-Südstaaten.
Von der d6 ist mir  Walter de Marias vertikaler Erdkilometer in Erinnerung, von dem noch heute eine kleine Messingscheibe in einer Sandsteinplatte zeugt.
Die d7 war geprägt durch die gigantische Spitzhacke des Claes Oldenburg, welche man jetzt noch am Ufer der Fulda besichtigen kann. Noch wichtiger für das Stadtbild aber waren die 7.000 Eichen, die Beuys im Rahmen einer Aktion in der Autostadt Kassel pflanzen liess.
Die d8 war gekennzeichnet durch allerlei Skandale. Im Austellungsgebäude Friedericianum montierte der Künstler Hans Haacke das Logo der Deutschen Bank mit dem Mercedes-Stern zusammen, um auf die Verflechtung mit dem Apartheit-System in Südafrika zu verweisen.
Bei der d9 im Jahr 1992 errichtete der Nigerianer Mo Edoga aus Abfallholz einen "Signalturm der Hoffnung". Jonathan Borofsky liess vor dem ehemaligen Hauptbahnhof einen Reisenden als "Himmelsstürmer" auf einem 25 Meter langen Stahlrohr hochmarschieren, das in einem steilen Winkel von 60 Grad aufgestellt war.

Im Jahr 1997, bei der d10, war erstmals eine Frau als Kuratorin am Ruder, die Französin Catherine David. Sie wollte die Ernsthaftigkeit durch mehr konzeptionelle Kunst zurückbringen, was ihr allerdings nur teilweise gelang. Das Künstlerpaar Carsten Höller und Rosemarie Trockel richtete ein "Haus für Schweine und Menschen" ein und Christoph Schlingensief lief mit einem Schild durch die Gegend, auf dem zu lesen war "Tötet Helmut Kohl".
Die d11 konzipierte fünf Jahre später der Nigerianer Okwui Enwezor. Sie war sehr politisch und durch ihre Diskussionsforen und Videobotschaften geprägt.
Die d12 im Jahr 2007, kuratiert von Roger Buergel und seiner Frau Ruth Noack verhalf dem Chinesen Ai Weiwei zum Durchbruch. Er errichtete in der Karlsaue die Skulptur "Template", bestehend aus Fenster und Türen, die er aus Abrisshäusern seiner Heimat geborgen hatte. Vier Tage nach der Eröffnung liess ein Gewittersturm das Kunstwerk zusammenbrechen. Es wurde nicht wieder aufgebaut, da die Ruine noch gewaltiger wirkte, als das ursprüngliche Werk.

Die geheimnisvolle Frau CCB

Die diesjährige Leiterin der Documenta 13 heisst Carolyn Christov-Bakargiev, von ihren Mitarbeitern kurz CCB genannt. Sie wurde 1957 in New Jersey, USA, geboren, der Vater stammte aus Bulgarien, die Mutter war Italienerin. CCB studierte Kunstgeschichte in Frankreich und Italien und war später an verschiedenen, bedeutenden Museen in den USA und in Europa tätig. Ihr Spezialgebiet sind die Arte Povera und die einfach geformten Vasen ihrer Kindheit. Hinzu kam der amerikanische Minimalismus, eine Kunstauffassung, die man als leicht franziskanisch bezeichnen könnte.


Carolyn Christov- Bagargiev, die Leiterin der Documenta 13

Im Jahre 2009 wurde sie zur Kuratorin der d13 ausgesucht - ein Traumjob, der mit einem Budget von 25 Millionen Euro ausgestattet ist. Seitdem durchstreiften sie und ihre Co-Kuratoren, die verschwörerisch "Agenten" genannt werden, die ganze Welt und stöberten in den entlegensten Winkeln Künstler auf, die meist noch nicht arriviert waren, die aber dennoch viel zu sagen hatten. Knapp 200 haben sie gefunden, die mit 160 Werken in Kassel vertreten sind. Ihre Namen hat CCB bis zum Schluss geheim gehalten, ebenso wie die Botschaft der Ausstellung. Gedankenfetzen wie "der Mensch steht nicht im Mittelpunkt" oder "es gibt keinen Unterschied zwischen Kultur und Natur" tauchten immer wieder unkommentiert in den Medien auf und brachten sie in die Nähe von Esoterik und Magie. "Zerstörung und Wiederaufbau" ist eine andere Metapher, die aber auch der Banalität ziemlich nahe kommt.

Trotzdem: Frau Christov-Bagargiew ist nicht unbescheiden. Eine Million Besucher will sie in den nächsten hundert Tagen nach Kassel locken - 250.000 mehr als 2007 bei ihrem Vorgänger Buergel, dem damit bereits ein Rekord gelang. Alles hat sich den künstlerischen Visionen der Chefin unterzuordnen. Beinahe alles. Denn als eine kleine katholische Kirche in der Nähe eine Christus-Figur von Stephan Balkenhol in ihren Glockenturm platzierte, die direkt auf das Museum Friedericianum gerichtet war, verlangte sie deren Entfernung. Vergeblich, und seit dies zu einer kleinen Medienaffäre wurde, gibt es wohl keinen Documentabesucher, der nicht mit leichtem Schmunzeln auf dieses (Konkurrenz-) Kunstwerk schaut.

Sehenswerte Kunstwerke

Anbei eine kleine Auswahl sehenswerter Kunstwerke, geordnet nach ihrer Präsentation an den Hauptorten der Documenta 13. Der Klammerausdruck zu Beginn benennt die Katalognummer und den Namen des Künstlers.

Friedericianum

(Nr. 67 - Ryan Gander).  Eine Überraschung empfängt den Besucher im Friedericianum: das gesamte Erdgeschoss ist leer geräumt. Stattdessen weht eine leichte Brise durch die Räume. Wollen der Künstler (und die Kuratorin) damit sagen, dass bei der d13 ein neuer Wind weht? - Sehr beeindruckend!
(Nr. 106 - Goshga Macuga).  In der Rotunde wird eine riesige halbkreisförmige Fotografie gezeigt, auf der Gebäude und Personen in Kabul und Kassel ineinander montiert sind. Daraus ergibt sich ein politischer Hintersinn für die Zerstörungen und den Wiederaufbau, den beide Städte in ihrer jüngeren Kriegsgeschichte erlebt haben. Man kann darüber witzeln, ob CCB auch die Kunst am Hindukusch verteidigen will.
(Nr. 17 - Kader Attia).  Der Künstler zeigt Holzfiguren, die nach plastischen Operationen an Soldaten im ersten Weltkrieg angefertigt wurden. Darüberhinaus Objekte, wie Stahlhelme, denen durch Reparatur etc. eine neue Ästhetik verliehen wurde. Superb, geht aber unter die Haut!
(Nr. 192 - Anton Zeilinger).  Der bekannte - und seriöse - österreichische Physiker hat auf Drängen der Ausstellungsleiterin eine Reihe von kernphysikalischen Experimenten aus der Quantenmechanik aufbauen lassen. Sie zeigen die Interferenz am Doppelspalt, den Dualismus Teilchen/Welle und das Unschärfeprinzip. Auf meine Frage, wo die Berührung mit der Kunst sei, verwies er auf CCB, welche allerdings nicht anwesend war.  Als gelernter Physiker bin ich mir bei diesen Objekten hinsichtlich ihrer Ästhetik unsicher.

Documenta-Halle

(Nr. 108 - Nalini Malani).  Der Zuschauer findet sich umfangen von einer Kombination aus projizierten Videos und Schatten von Hinterglasmalereien. Die rotierenden durchsichtigen Zylinder sind wohl ein Verweis auf buddhistische Gebetsmühlen. Werden die Mühlen in Bewegung gesetzt, tauchen Motive aus der Kunstgeschichte und Sagenwelt auf und bilden neue Bedeutungen um sich anschliessend wieder zu trennen und weiter zu wandern - ein schwebender Prozess des Werdens und Vergehens. Möglicherweise das beeindruckenste Objekt der d13!
(Nr. 113 - Julie Mehretu).  Diese grossformatigen Gemälde sind geistige Landschaften mit historischen, architektonischen und geografischen Verweisen. Der zeitraubende Prozess ihrer Herstellung führt zu einer Vielzahl codierter Informationen und veranschaulicht wohl die chaotische Geistesverfassung unseres Jahrhunderts. Sehr beeindruckend!

Karlsaue

(Nr. 133 - Giuseppe Penone).  Dem Künstler dient seit langem der Baum als Leitmotiv. Im Tiefgestade von Kassel, dem ehemaligen Lustgarten, hat er bereits 2010 den Bronzeguss eines Baumes augestellt. Die Skulptur trägt in ihren Geäst einen tonnenschweren Stein; gleichsam schwebend entzieht sich dieser der Erdschwere. Am Baumfuss ist eine kleine, frisch gepflanzte Eiche - vermutlich eine Verbeugung vor Beuys. Die Arbeit ist ein Publikumsrenner und ein echter Hingucker.
(Nr. 145 - Araya Rasdjarmrearnsook).  Die Künstlerin lebt in einem kleinen Haus, das durch einen Zaun abgeschirmt ist. Sie teilt dieses Wohnumfeld mit einem Hund ("Dogumenta"). In den Fenstern des Hauses sind Monitore angebracht auf denen Videos von streunenden Hunden auf den Strassen Thailands gezeigt werden. Sie sollen die derzeitige politische Lage des Landes symbolisieren.
(Nr. 76 - Fiona Hall).  Die Objekte dieser Künstlerin beeindrucken durch ihre grazile und verstörende Schönheit und geben damit tiefe Einblicke in die Auswirkungen der Globalisierung auf unsere Umwelt. Für die d13 hat Hall ein Holzhaus in ein fantastisches Museum irgendwo zwischen Jägerhütte und Kuriosenkabinett verwandelt. Super!
(Nr. 37 - Janet Cardiff & George Bures Miller).  Ein Hörerlebnis in einer versteckten kathedralenartigen Lichtung in einem Waldstück der Karlsaue. Das Publikum ist eingeladen unter Bäumen zu sitzen, während sich eine komplexe Audiokomposition entfaltet. Die Geräusche von dreissig in der Natur angeordneten Lautsprecher führen die Zuhörer wie im Traum von einer Szene zur nächsten. Man glaubt, das Gras wachsen zu hören. Unbedingt hörenswert!
(Nr. 165 - Song Dong).  Dieser "Doing Nothing Garden" ist nichts weiter als ein sechs Meter hoher Müllberg vor der Orangerie. Er besteht aus geschichteten Abfällen von Schutt und organischen materiealien. Da er schon mit Gras und Blumen überwachsen ist, bestätigt er CCB´s Motto vom Vergehen und Wiederauferstehen. Ein Hingucker!

Ottoneum

(Nr. 9 - Maria Thereza Alves).  Das Kunstwerk beschäftigt sich mit den Umweltsünden und der Wasserpolitik der Metropole Mexiko-Stadt. Seen werden trocken gelegt, Grundwasser wird exzesiv abgepumpt, sodass die eingeborene Bevölkerung nicht nur in Not sondern auch in Gefahr gerät, dass sich ihre Grundstücke kontinuierlich absenken. Wäre das beste Negativbeispiel für den Tag des Wassers.

Neue Galerie

(Nr. 59 - Geoffrey Farmer).  Seine Arbeit besteht aus Hunderten von Schattenspielpuppen aus Fotos, die der Künstler aus der klassischen amerikanischen Illustrierten "Life" ausgeschnitten hat. Die Bilder entstammen aus fünfzig Jahrgängen des Magazins von 1935 bis 1985, einer Zeit, in der Millionen von Amerikanern ihre Sicht der Welt aus Life bezogen haben. Durch seine Technik der Fotomontage verflüchtigt sich Zeit und Raum und der Betrachter gewinnt eine ganz neue historische Sicht. Sehenswert!


Hauptbahnhof

(Nr. 44 - István Csákány).  Hinter einem Schaufenster befinden sich in zwei Reihen aufgestellte Nähmaschinen, Bügelmaschinen und Gegenstände, wie sie typischerweise in Nähwerkstätten zu sehen sind - aber allesamt kunstvoll aus Holz geschnitzt. Die etwas überlebensgrossen Maschinen beschwören das Bild eines stillgelegten Betriebs herauf, dessen Gerätschaften, Kabel und Neonröhren sämtlich unversehrt sind. Die von Hand gearbeiteten Maschinen und die Stoffanzüge nebenan bringen die einstmals enge Beziehung zwischen Arbeit und Kunst in Erinnerung. Unbedingt sehenswert!
(Nr. 184 - Clemens von Wedemeyer).  Ein hochkomplexes, aber sehr eindringliches Video von drei Spielorten: dem KZ Breitenau, dem Einrücken der US-Truppen nach Kassel und den Insassen eines Mädchenerziehungsheims in den 70er Jahren. Der letztgenannte Abschnitt lehnt sich frei an Ulrike Meinhofs Film "Bambule" an. Die drei getrennten Filmschleifen greifen an vielen Stellen ineinander, sodass die Zeitebenen zusammenfallen. Darüberhinaus verwischen optische Effekte, wie Schatten, Rückprojektionen und Doppelbelichtungen, die Grenzen zwischen den Zeitstufen. Unbedingt sehenswert!
Nr. 93 - William Kentridge).  Im Mittelpunkt von Kentridges Arbeiten steht die Zeit. In seinem Werk "The Refusal of Time" beleuchtet er die moderne Gesellschaft mit ihrer Vernetzung der standardisierten Uhren. Newtons Masszeit und Einsteins Relativitätstheorie treffen als Gegensätze aufeinander und werden von riesigen projizierten Metronomen dirigiert.
(Nr. 61 - Lara Favaretto).  Ein riesiger, aber eindrucksvoller Abfallhaufen aus Altmetall am Ende des Hauptbahnhofs. Für die Kasselaner Bürger ein Grund zum Lästern ("Ist das etwa Kunst"?). Sei´s drum, auf alle Fälle ein Hingucker!


Fazit

Die Documenta 13 ist eine Reise wert, aber mindestens zwei Tage einplanen.
Also Freunde, ab nach Kassel!



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