Sonntag, 11. November 2012

Was Gorleben mit Shakespeare gemeinsam hat

Die Endlagerung des hochradioaktiven Abfalls aus Kernbrennstoffen ist ein Problem, das gegenwärtig (wieder einmal) vom Bundesumweltminister Peter Altmaier und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann angegangen wird. Längst ist bekannt, dass dafür eigentlich nur die Salzlagerstätten in Niedersachsen, die Tonschichten in Baden-Württemberg und die Granitvorkommen in Bayern in Frage kommen. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, Politik und Wissenschaft hätten sich auf den Endlagerstandort Gorleben geeinigt - Analoges gilt für die beiden anderen Standorte - dann ist es intellektuell reizvoll sich zu überlegen, wie die Endlagerdiskussion in 500 Jahren, also im Jahr 2500 geführt werden würde - und ob es überhaupt noch eine gäbe.

Gorleben im Jahr 2500

Vor der Einlagerung in Gorleben müsste man die Entscheidung treffen, ob die Abfälle dauerhaft in tausend Meter Tiefe deponiert werden sollen, oder ob man sie gegebenefalls wieder vorzeitig zurückholen möchte. Die derzeitige Tendenz geht in Richtung "final storage", also auf Verzicht der Option Rückholung. Vor der Tiefenlagerung müssen die Kernbrennstoffe bzw. Brennelemente der stillgelegten Kernkraftwerke ca. 50 Jahre lang abklingen und abkühlen. Die Deponierung könnte also um das Jahr 2050 beginnen und wäre vermutlich zur Jahrhundertwende, um 2100, abgeschlossen.

Am Standort Gorleben wären dann an der Oberfläche nur noch die Infrastrukturanlagen sichtbar, wie Verpackungsmaschinen, Lagerhallen und natürlich der Förderturm für den vorherigen Schachtbetrieb. Es würde mich nicht wundern, wenn man dann im nächsten Jahrhundert, also zwischen 2100 und 2200 diese überflüssig gewordenen Betriebseinrichtungen abbauen würde, so wie das auch Ruhrgebiet mit den Schachtanlagen und Fördertürmen geschehen ist. Bald könnten über dem Salzdom also wieder die Schafe und Rinder weiden.

Doch wie steht es mit der Erinnerung der Menschen an das "Endlagerproblem Gorleben"? Da die Kerntechnik in Deutschland im Gefolge von Fukushima im Sommer 2011 aus politischen Gründen abgeschafft wurde, wird der Bestand an Fachleuten auf diesem Gebiet immer dünner werden. Zum Jahrhundertende 2100 hin werden wohl die allermeisten in Rente gegangen sein, bzw. nicht mehr leben. Sie hinterlassen sicherlich eine Menge an technischen Papieren, aber es ist fraglich, ob die Nachkommen etwas damit anfangen können.

In den nachfolgenden Jahrhunderten, spätestens aber bis zum Jahr 2500, werden alle Datenträger bis zur Unleserlichkeit zerstört sein. Die Papierunterlagen verrotten und werden durch die eigene Säure zerstört; die Magnetbänder und digitalen Datenträger werden noch früher unbrauchbar. Fachleute, welche zum Gebiet der Endlagerung Auskunft geben könnten, stehen - siehe oben - nicht mehr zur Verfügung. Die kollektive Erinnerung an den gefährlichen Abfall in der Tiefe wird mehr und mehr abnehmen, ein Risiko wird damit nicht mehr verbunden. Vielleicht werden in 500 Jahren feudale Villen dort gebaut, wo früher die Brennelemente oberirdisch gelagert wurden.

Stammt der Hamlet von Shakespeare?

Dass viel Wissen und viele Fakten in der relativ kurzen Zeit von 500 Jahren "verschütt" gehen können, beweist die anhaltende Diskussion um den grössten englischen Schriftsteller William Shakespeare. Er lebte von 1564 bis 1616 n. Chr. und ihm werden 36 Theaterstücke (14 Komödien, 12 Tragödien und 10 Historiendramen) zugeschrieben, die bis heute noch auf allen Bühnen der Welt gespielt werden. Darüberhinaus verfasste er einige hundert Sonette von allerhöchster literarischer Güte .



William Shakespeare

Trotzdem, immer wieder kommen Zweifel auf, ob dieser "Landlümmel aus dem Drecksnest Stratford-upon-Avon" (Kritiker Alfred Kerr) wirklich sowas allein gemacht haben kann. Vor einigen Jahren hat der deutsche Regisseur Roland Emmerich diese Zweifel zu einem Kinofilm mit dem Titel "Anonymus" verarbeitet, was die Shakespeare-Gemeinde in grosse Unruhe versetzte.

Emmerich fragt beispielsweise, wie es möglich ist, dass in den letzten 500 Jahren kein einziges Manuskript des Dichters gefunden wurde, ja nicht einmal ein einziger Brief, obwohl Shakespeare normalerweise eine Menge Korrespondenz hätte führen müssen. Oder: wie Shakespeare als Kind illiterater Eltern - und nicht der englischen Oberschicht angehörend - so viel über die Lebensweise der Adeligen, Könige und Königinnen bei Hofe wissen konnte. Oder: Woher er als blosser Grundschüler sein umfangreiches Wissen in Medizin, Astronomie, Musik und Rechtswissenschaft hatte. Oder: Warum Shakespeare sich als Endvierziger in seinen Geburtsort zurückzog und nie wieder geschrieben hat, nicht einmal ein kurzes Gedicht. Oder: Warum Shakespeare in seinem Testament kein einziges seiner Bücher erwähnte, dafür aber sein zweitbestes Bett.

Das sind Fragen über Fragen, die mehr als stutzig machen und die auch Emmerich in seinem Film nicht schlüssig beantworten konnte. Trotzdem schlägt er den 17. Grafen von Oxford als den eigentlichen Verfasser der dichterischen Werke vor.  Shakespeare war, nach seiner Meinung, nur der Ghostwriter bzw. der Namensgeber. Nun streiten sich unerbittlich zwei Lager: die Oxfordians auf der einen, die Stratfordians auf der anderen Seite. Erstere unterstützen die Thesen von Anonymus, während letztere Shakespeare aus Stratford verteidigen.

Bei aller Verschiedenheiten der Thematik gibt es zwischen Gorleben und Shakespeare gewisse Ähnlichkeiten. 500 Jahre sind eine lange Zeit, viel zu lange für die Mund-zu-Mund-Überlieferung. Wenn die Dokumente, aus welchen Gründen auch immer, verloren gehen, dann fehlt auch das Wissen über diese Zeit und ihre Menschen - und es fehlen die harten Beweise.

Wie kann man dann erwarten, dass menschliches Wissen über tausende oder gar hunderttausende von Jahren bewahrt werden kann - wie die Kombattanten in der Endlagerfrage dies zuweilen fordern oder gar behaupten?!

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