Samstag, 17. März 2012

art Karlsruhe - alle Neune

Im Jahr 2003 wurde in den Messehallen Karlsruhe die Kunstaustellung "art Karlsruhe" zum ersten Mal veranstaltet. Die sogenannten Experten gaben diesem Event keine Zukunftschance - und hatten sich prächtig verkalkuliert. Seitdem, von 2003 bis 2012, gab es alljährlich und ohne Unterbrechung diese Ausstellung und sie wurde immer grösser. "Alle Neune" würde man in der Keglersprache diesen Erfolg bezeichnen. Mittlerweile ist die art Karlsruhe neben der Art Cologne und der Art Basel die einzige Kunstmesse von Rang; die Art Frankfurt, die Art Düsseldorf  und das Art Forum Berlin sind inzwischen eingegangen.

Dieses Jahr beschickten nicht weniger als 222 Galerien die art Karlsruhe. Sie präsentierten 1.500 Künstler mit 30.000 Werken aus 12 Ländern und auf 35.000 Quadratmetern. 150 Galerien musste der Kurator Ewald Karl Schrade abweisen. Schrade ist ohne Zweifel der spiritus rector dieser Ausstellung; ohne ihn würde es die art Karlsruhe nicht geben. Anfangs belächelt, hat er an sein Konzept geglaubt und es seither durchgehalten. "Badisch seriös" könnte man es nennen. Dabei sind ihm die vier grossen säulenfreien und lichtdurchfluteten Messehallen in Rheinstetten freilich entgegen gekommen. Wo gibt es Ähnliches? Sicherlich nicht bei der Art Basel, wo die Kojen fast auf Schuhkartongrösse geschrumpft sind, die aber vom Niveau her - daran ist nicht zu rütteln - immer noch die Nummer 1 in Europa ist. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal bei der art Karlsruhe sind ihre 20 ausladenden Skulpturenplätze, Ruhepunkte und Aufreger gleichermassen. Sie verbinden die Galeriengassen und werden von oben mit Tageslicht beschienen.

Ein Vorzug der art Karlsruhe ist auch ihre zentrale Lage. Kunstfreunde aus der Schweiz und Frankreich sowie aus Süd- und Westdeutschland können sie im Rahmen eines 2-Tage-Trips bequem bereisen. Da es bekanntermassen viele Sammler in diesem Umkreis gibt, sind die Galeristen fast durchweg mit ihren Umsätzen sehr zufrieden. Hinzu kommt, dass der Akzent in Karlsruhe seit jeher auf der Präsentation von Werken der sog. Klassischen Moderne liegt. Bilder von Kirchner, Kandinski, Miro, Schumacher, Nay, Richter etc. waren zu bestaunen. Die Preise bewegten sich im allgemeinen zwischen 50.000 bis 500.000 Euro; die Galerie Ketterer & Ketterer präsentierte mit der "Nächtlichen Phantasielandschaft" von Kirchner für drei Millionen Euro das teuerste Werk der Messe.


Emil Schumacher, G-9 ohne Titel, 1989, Gouache, 50*69 cm

Apropos Sammler: es scheinen immer mehr zu werden. Kunstobjekte zu erwerben ist in. Und Kunstsammeln  hat auch einen höheren Statuswert als beispielsweise der Erwerb einer Yacht - obwohl beides in vielen Fällen wohl Hand in Hand geht. Der Kunstmarkt boomt und anders als auf dem Aktienmarkt wird man für Insidergeschäfte nicht bestraft. Und die Herkunft des Geldes (Schwarzgeld) ist auch nicht immer gesichert, wird wohl nur in seltenen Fällen hinterfragt. Gemälde sind zu Ikonen des Kapitalismus geworden. Der Preis eines Werks wird immer mehr zum Indiz seines Werts. Der Preis ruft die Erhabenheit hervor, die frühere Deutungshoheit der Experten und Kunstgeschichtler gerät dabei in den Hintergrund. Wer will schon ein Bild von Jackson Pollock ernsthaft kritisieren, das mit 140 Millionen Dollar ausgezeichnet ist oder ein anderes von Gerhard Richter für 100 Millionen. Aber Vorsicht bei den Preisangaben: handeln ist allemal geboten, auch bei der art Karlsruhe und selbst wenn es sich um Drucke von nur 100 Euro handelt. Es gibt keinen Fixpreis!



A. R. Penck, "Transformer" , 1987, Filz-Objekt,  105*110*100 cm

Kritisch beäugt wird immer wieder die Qualität mancher Gegenwartskunst bei der art Karlsruhe. Hier ist man zu wenig experimentierfreudig, man vermisst die zukunftsweisenden Trends. Manche Objekte wirken leicht muffig, so zum Beispiel die Dekorationskunst vieler Asiaten. Oder was soll man von den 520 chinesischen Glückskatzen halten, die in Reih und Glied auf einer Tribüne angeordnet sind und - elektronisch gesteuert - mit ihren Goldpfötchen winke, winke machen?

Bestaunt wurden auch zwei Sonderschauen. Marli Hoppe-Ritter zeigte Werke aus ihrem kürzlich in Waldenbuch eröffneten Museum. Es war eine einzige "Hommage an das Quadrat", womit bewiesen wäre, dass die bei Schülern beliebte Schokoladentafel "Ritter-Sport" offensichtlich im Laufe der Zeit erkleckliche Gewinne abgeworfen hat. (Obwohl sie -früher- zum Preis von nur einer Mark verkauft worden ist). Und Gunter Sachs, apostrophiert als "Gentleman"-Playboy war mit Teilen   seiner sehenswerten Pop-Art-Sammlung vertreten. Neben Warholdrucken von ihm und Brigit Bardot interessierten sich die Besucher hauptsächlich für die halbnackten Frauen auf Knien, die der Künstler Allen Jones zu Tisch und Stuhl degradierte - ein Einblick in die laszive Geisteswelt des Schwerenöters Sachs.

Nach der art ist vor der art. Nächstes Jahr wird es mit der zehnten "art Karlsruhe" ein kleines Jubiläum geben. Mal sehen, was der agile Ewald Karl Schrade uns da bieten wird. Bis dahin sei an einen Ausspruch des Musikers Frank Zappa erinnert, der die bildende Kunst folgendermassen charakterisierte: "Kunst ist, aus nichts etwas zu machen und es zu verkaufen."

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