Sonntag, 31. Januar 2016

RWE als Kernkraftgegner? - Jein!

Die überbordende Diskussion um die Flüchtlinge lässt ein Thema etwas in den Hintergrund treten, das gleichwohl wichtig ist und deshalb auch seit Monaten von einer hochrangigen Parlamentarierkommission beraten wird: die Entsorgung der stillgelegten Kernkraftwerke. Im Kern soll diese Atomkommission Vorschläge dazu erarbeiten, ob der Rückbau der deutschen Atomkraftwerke sowie die Endlagerung der radioaktiven Abfälle durch die Betreiber oder durch eine staatliche Stiftung organisiert werden soll. An den Kosten wollen sich die Betreiber Eon, RWE und EnBW allerdings beteiligen. Die Kraftwerksbetreiber sind für das Stiftungsmodell und bringen dazu allerhand Gründe vor. Die originellsten kommen von der RWE, deren Vorstandvorsitzender Peter Terium nicht müde wird, in etwa folgendes zu behaupten:  Der deutsche Staat soll sich selbst um die Entsorgung kümmern, weil er in der Vergangenheit die RWE praktisch dazu gezwungen hat, in die Kernkraft einzusteigen.

Ich muss gestehen, dass mir dieses Argument bis dato fremd war.  Nach vertieften Einsteigen in die RWE-Historie bin ich jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass der RWE-Chef nicht ganz unrecht hat. Im Nachfolgenden deshalb ein Schnelldurchlauf durch die Geschichte dieses Konzerns seit 1955.

50er Jahre: Skeptisches Beobachten

Im Gefolge der Genfer Atomkonferenz Mitte der 50er Jahre, beschloss die deutsche Bundesregierung im Oktober 1957 ihr erstes Atomprogramm. Zum Ärger des Bonner Atomministers Siegfried Balke beteiligte sich RWE, der damals größte Stromkonzern, daran nur ganz marginal. Das Unternehmen orientierte sich in Richtung Braunkohle; die Risiken der weithin unbekannten Kernkraftwerke waren ihr zu unübersichtlich. Ein dedizierter Gegner war das Vorstandsmitglied Helmut Meysenburg, damals zuständig für den Vertrieb von Strom. Zusammen mit seinem Kostenberater Oskar Löbl kam Meysenburg zu der Überzeugung, dass die Kapitalkosten der damals propagierten Atomkraftwerke schlicht zu hoch waren.


Helmut Meysenburg, RWE-Vorstandsmitglied 1957 - 1974

Aber RWE beobachtete die nukleare Szene ganz genau. Eine kerntechnische Abteilung wurde eingerichtet und der aus Prag kommende Dr. Heinrich Mandel mit der Leitung beauftragt. Und der ehemalige Technik-Vorstand bei RWE, Heinrich Schöller, ging nach seiner Pensionierung zum Kernforschungszentrum Karlsruhe, wo er als Geschäftsführer den Bau des Kernkraftwerks MZFR intensiv verfolgen konnte. Im Jahr 1958 wagte sich RWE sogar an die Bestellung eines kleinen 15 Siedewasserkernkraftwerks bei AEG und General Electric. Schöllers Kommentar: "Wenn der deutsche Staat durch übereilten Bau von Kernkraftwerken schon Dummheiten macht, dann machen wir diese Dummheiten lieber selber, um sie unter Kontrolle zu halten".

60er Jahre:  Deutliches Bremsen

VAK wurde ein Erfolg. Das kleine Kernkraftwerk nahm 1961 den Betrieb auf und lief relativ störungsfrei bis zu seiner Stilllegung im November 1985. Dr. Mandel, inzwischen auf dem Weg zum Honorarprofessor, wurde vom Aufsichtsratsvorsitzenden der RWE, Bankier Hermann Joseph Abs, zum stellvertretenden Vorstandsmitglied ernannt. Die Bonner Ministerialbürokratie drängte RWE nun auch den nächsten Schritt zu gehen und das 250 MW Atomkraftwerk Gundremmingen A endlich (zusammen mit dem Bayernwerk) in Angriff zu nehmen. Aber Meysenburg und seine Braunkohlefraktion ließ sich nicht überrumpeln. Erst als der Bund schriftlich erklärte, alle, über ein normales fossiles Kraftwerk hinausgehende Mehrkosten und Risiken zu übernehmen, stimmte RWE dem Bau zu. In Bonn schäumte man, kostete dieser Deal der Regierung doch mehr als 200 Millionen DM.

Danach überließ RWE volle sieben Jahre lang (bis 1969) das kerntechnische Feld der Konkurrenz. Die Kernkraftwerke Lingen (225 MW-1964), Obrigheim (328 MW-1964), Stade (630 MW-1967) und Würgassen (640 MW-1967) gingen in Bau, ohne dass RWE ein eigenes Projekt auf Kiel legte.  Gerhard Stoltenberg, inzwischen Atomminister, wurde ungeduldig und sandte im November 1966 einen Brief an RWE, worin er den Vorstand des Konzerns aufforderte, einen "Katalog mit Bedingungen" für Kernkraftaufträge zusammen zu stellen. Das Essener Antwortschreiben kam am 22. Dezember, rechtzeitig zum Weihnachtsfest, im Bonner Ministerium an. Es las sich wie ein Kompendium damaliger Anti-Kernkraftargumente. Zwar sei man an der Forschung zur Kernkraft "äußerst interessiert", aber die Braunkohle habe "eindeutig den Vorrang". Im übrigen leide man schon jetzt an "erheblichen Überkapazitäten". Minister Stoltenberg war stocksauer.

70er Jahre und folgende:  Akzeptanz der Kernkraftwerke bei RWE

Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt des Heinrich Mandel. Volle sieben Jahre hatte der Intimfeind Meysenburg seinen Aufstieg zum ordentlichen Vorstandsmitglied blockiert; 1968 musste dieser einknicken und Mandel hatte nun endlich die Gestaltungsfreiheit im kerntechnischen Bereich bei RWE. Für bloße 2 Milliarden DM insgesamt beschaffte er bei Siemens/KWU die Kernkraftwerke Biblis A und B, welche beide - erstmals - der 1300 MW-Klasse angehörten und sich viele Jahre lang als wahre "Gelddruckmaschinen" erweisen sollten. Die Ölkrise 1973 (und später 1979/80) kam den Intentionen von Mandel sicherlich entgegen. Es war tragisch für die Weiterentwicklung der Kernenergie bei RWE, dass Professor Heinrich Mandel im Januar 1979, im Gefolge einer Bagatelloperation, mit 59 Jahren sterben musste.

In den 80er Jahren riss die Erfolgssträhne bei RWE ab. Das 1300 MW Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich (bestellt bei Babcock/ABB) wurde zwar 1986 in Betrieb genommen, musste aber schon zwei Jahre danach wegen eines fehlerhaften Genehmigungsbescheids dauerhaft abgeschaltet werden. Klugerweise hatten die Kaufleute bei RWE zur Finanzierung dieses Projekts eine Leasinggesellschaft mit einigen Großbanken gegründet, sodass der Konzern nur einen Teil des Kostenrisikos zu tragen hatte. Von Erfolg gekrönt war der Bau des 1400 MW Kernkraftwerk Emsland durch KWU, bei dem E.ON mit 12,5 Prozent beteiligt ist und das im Jahr 2022 aufgrund der Energiewende-Beschlüsse abgeschaltet werden muss.

In den 90er Jahren wurde RWE von dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem grünen Umweltminister Jürgen Trittin veranlasst, aufgrund einer "halbfreiwilligen" Vereinbarung aus der Kernenergie (in den 2030er Jahren) auszusteigen. Die nachfolgende - sogenannte - konservative Kanzlerin Angela Merkel verschärfte diese Auflage im Jahr 2011 noch einmal sehr drastisch, indem sie RWE zwang  (im Nachgang zu Fukushima) die KKW Biblis A und B sofort stillzulegen.

Fazit

Ein beinharter Gegner der Kernkraft war RWE mitnichten. Lediglich in den 60er Jahren betrieb der Konzern einen gewissen Attentismus gegenüber dieser Energieform. Der vorrangige Grund waren die hohen Investitionen, welche RWE tätigen musste, um die Braunkohle-Tagebaue zu öffnen und wirtschaftlich ausbeuten zu können. Beim Kernkraftwerk Gundremmingen A, das in jener Dekade errichtet wurde, hat sich RWE hinsichtlich aller Nuklearrisiken gegenüber der damaligen Bonner Regierung maximal abgesichert.

Ob dies die gegenwärtige Berliner Bundesregierung veranlassen könnte, RWE aus der Entsorgungspflicht zu entlassen, bleibt abzuwarten.

Sonntag, 24. Januar 2016

Hoppla! Wie sicher ist mein Geld auf der Bank?

Dieser Tage bekam ich von meiner Bank, der "Badischen Beamtenbank Karlsruhe", einen dreiseitigen DIN A4 "Informationsbogen Einlagesicherung". Darauf stand vermerkt, dass sich der Einlegerschutz für meine Bankeinlagen - also für Guthaben in Festgeld und Giro - verändert habe, und zwar wegen der "Harmonisierung in Europa". Im übrigen bräuchte ich mir aber um meine Bankguthaben keine Sorgen zu machen.

Die Bankmitteilung war so verschroben formuliert, dass auch meine noch vorhandenen Betriebswirtschaftskenntnisse nicht ausreichten, um sie wirklich zu verstehen und zu werten. Deshalb habe ich angefangen zu recherchieren und bin schließlich zu nachfolgenden Blog gelangt.

Status quo und Pläne der EU

Im Grunde bräuchte man in Deutschland überhaupt nichts zu veranlassen. Bereits nach den bestehenden Richtlinien sind die Geldeinlagen von bis zu 100.000 Euro überall gesetzlich geschützt. Das gilt für die privaten Banken, die Sparkassen und die Genossenschaftsbanken, wozu auch die o. g. Badische Beamtenbank gehört. Auf den Konten dieser Institute liegen mit 3,4 Billionen Euro bei weitem die meisten Einlagen in Europa. Das Risiko eines Bankencrash wird über einen "Einlagensicherungsfonds" abgedeckt. Anders als in Deutschland existieren in etlichen europäischen Ländern diese Fonds aber gar nicht, oder sind nicht ausreichend gefüllt.

Die EU-Kommission in Brüssel beabsichtigt von 2017 an einen gemeinsamen Einlagensicherungsfonds für ganz Europa einzurichten. Er soll bis 2024 die nationalen Sicherungssysteme ersetzen und - ganz wichtig! - bis dahin voll gefüllt sein. Im Kontext der geplanten "Bankenunion" stellt man sich folgende Haftungskaskade vor: Bricht in Zukunft eine europäische Bank zusammen, so sollen deren Verluste zuerst aus dem Eigenkapital, den Anleihen und den Einlagen über 100.000 Euro abgedeckt werden. Danach tritt ein "Insolvenzfonds" in Kraft, der mit 55 Milliarden Euro bestückt sein soll. Und zum Schluss, erst dann, soll der europäische Einlagenfonds greifen. Das klingt ganz beruhigend, ist es aber nicht. Man erinnere sich nur, dass am 15. September 2008, als die amerikanische Investmentbank Lehmann Brothers bankrott ging, weltweit Vermögensverluste in der Höhe von 15.000 Milliarden Dollar entstanden.

Die Pleitebanken der Südländer

Das Problem bei der Europäisierung der Einlagensicherung sind die Südländer. Deren Banken, vor allem in Griechenland und Italien, sind allesamt sehr wackelig. Besonders schlimm ist es in Griechenland. Die Kunden der dortigen Banken ziehen jede Woche den Maximalbetrag von 4 - 500 Euro aus den Geldautomaten und gehen damit nach Hause. Dort werden die Euros aber nicht in einen Tresor versteckt, was viel zu riskant wäre. Nein, Usus ist es bei den Griechen, die Geldscheine -eingewickelt in Ölpapier- an einer diskreten Stelle im heimischen Garten zu vergraben. Da die Banken ohnehin kaum Guthabenszinsen gewähren, entsteht dadurch kein nennenswerter Verlust. Kein Wunder, dass die griechischen Banken bei diesem Geschäftsgebaren ihrer Einleger weder Eigenkapital bilden noch Gewinne erzielen können.

In Italien befinden sich seit Anfang des Jahres die Monte die Paschi di Siena, die älteste Bank der Welt und die Carige Bank in einer prekären Finanzlage. Die Aktienkurse der beiden Kreditinstitute sanken bis zu 30 Prozent ihres Marktwertes. Darüber hinaus versucht die italienische  Regierung seit Dezember vier weitere Banken vor dem Konkurs zu retten. Dafür fordert der Premierminister Matteo Renzi händeringend Stützungsgelder aus Brüssel ein. Dort zeigt man sich jedoch hartleibig, da Italien bereits mit 132 Prozent seines Bruttosozialprodukts verschuldet ist. Tendenz steigend. Es leuchtet ein, dass in einer derartigen finanziellen Schieflage die oben beschriebene Haftungskaskade sofort auf Stufe 3 durchrauschen würde. Mit der Folge, dass die einzigen solventen Institute, nämlich die deutschen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, massiv in Anspruch genommen würden.

Angela Merkel als Retterin

Bei den Sitzungen des Europäischen Rats in Brüssel steht das Thema "Harmonisierung der Einlagesicherung" immer ganz oben auf der Tagesordnung. Bisher hat die deutsche Bundeskanzlerin dieses Ansinnen der klammen Europäer stets strikt abgelehnt. Aber das wird ihr nicht mehr lange gelingen. Denn die cleveren Chefs der Südländer wollen diese Frage in Zukunft nicht mehr als Einzelproblem behandeln, sondern in ein Problempaket verschnüren. Dafür bietet sich das hochaktuelle Flüchtlingsproblem an. So hat der italienische Premier Renzi bereits angekündigt, dass er seinen Beitrag von 300 Millionen Euro zur 3-Milliarden-Türkeihilfe nur auszahlen werde, wenn gleichzeitig über den europäischen Einlagensicherungsfonds entschieden würde. In seinem Sinne, selbstredend. Ähnliches führt der Grieche Tsypras mit seinen "Hot Spots" im Schilde.

Die deutschen Bankkunden werden zwischenzeitlich durch unverständlich formulierte "Informationsbögen" ruhig gestellt. Wenn in einigen Jahren der Einlagefonds europäisiert sein wird und sich daraus - wegen der maroden Südbanken - weit höhere Risiken ergeben, werden die erfahrenen Bankmanager an verborgenen Stellen Zinsen und Gebühren entsprechend erhöhen.

Bis dahin sei dem braven deutschen Bankkunden geraten, nicht allzu sehr auf das 100.000-Euro-Limit zu vertrauen, sondern seine ersparten Groschen auf mehrere Geldinstitute zu verteilen. Oder sie im Garten zu verbuddeln.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Hommage an Motörhead und Frontmann Lemmy

Die Welt der Musikfreunde musste über den Jahreswechsel den Tod von zwei außergewöhnlichen Künstlern beklagen: David Bowie starb 69-jährig, und nur ein Jahr älter wurde "Lemmy" Kilmister, der Gründer, Frontmann und Leadsänger der Musikgruppe Motörhead. Während Bowie keinen persönlichen Musikstil pflegte, sondern als Genie und "musikalisches Chamäleon" galt, ist Lemmy mit seiner Band wohl eher dem harten Rock zuzuordnen. Er wurde 1945 in England geboren und starb am 26. Dezember 2015, als 70-Jähriger, in Los Angeles, wo er auch beerdigt ist. (Bowie´s Urnenplatz wird, seinem Wunsch gemäß, geheim gehalten.)

Lemmy hatte keine Musikausbildung genossen, sondern hielt sich in den siebziger Jahren in London mit allerlei Gelegenheitsjobs über Wasser, unter anderem als "Roadie" bei Jimi Hendrix. Nachdem er als Bassist bei der Gruppe Hawkwind scheiterte, gründete er seine eigene Band und gab ihr den Namen Motörhead. Bald kannte man ihn als den Mann in Schwarz mit den hohen Cowboystiefeln, dem Eisernen Kreuz oder Indianerkunstwerk um den Hals und dem unverwechselbaren Westernbackenschnauzer. Seine Konzerte begann er immer mit der Ansage: "We are Motörhead, we Play Rock ´n´Roll".



Foto von Lemmy

Als Bassist pflegte Lemmy einen ungewöhnlichen Stil. Er spielte zwar Bassgitarre, behielt aber die Technik der Rhythmusgitarren bei. Seinen typischen Bassklang erreichte er, indem er auf seiner Gitarre sämtliche Regler auf die höchste Stufe stellte. Die Musik seines Trios vereinte die Einflüsse von Punk, Hard Rock, Rock ´n´Roll sowie Blues Rock. Vor allem galt er als Vorläufer und Begründer der Heavy Metal Musik. Wie zum Beweis haben hunderttausende von Menschen eine Internet-Petition eingereicht, wonach ein kürzlich entdecktes superschweres Metallatom im Transuranbereich nach ihm als "Lemmium" benannt werden soll. Mal sehen, ob die weltweiten Chemieinstitutionen da mit spielen; es wäre ein einmaliger Vorgang im wissenschaftlichen Bereich.

Die Musik der Motörhead gilt für viele als eine Fortschreibung der Musik von Richard Wagner. Im ersten Akt seiner Nibelungenoper "Siegfried" sind die gleichen harten Schlagrhythmen erkennbar, wie beispielsweise in den Ace of Spades, ein Album, das 1980 kreiert wurde und- z. B. für AC/DC -  wegweisend für den Heavy Metal Sound geworden ist. Das anliegende Youtube Video soll dies veranschaulichen. Weitere Alben von der Gruppe Motörhead wird es nicht mehr geben. Schon einen Tag nach dem Tod von Lemmy Kilmister erklärte Mikkey Dee das Ende dieser Band.

Sonntag, 17. Januar 2016

20 Jahre in die Zukunft

Der Jahreswechsel ist für viele Medien ein willkommener Anlass, auf das abgelaufene Jahr zurück zu blicken - oder über die zukünftigen Jahre zu spekulieren. Letzteres hat die Wochenzeitung "DIE ZEIT" in ihrer Sylvesterausgabe getan. Acht bekannte Schriftsteller und Regisseure - also von Berufs wegen "Visionäre" - sollten sich zum Thema "Deutschland 2036" auslassen und ihren Blick in die Zukunft schweifen lassen. Nun, die Redaktion mag vom Ergebnis etwas enttäuscht gewesen sein. Schwadroniert haben die Promis zumeist über die allgegenwärtigen Großthemen Flüchtlinge, Klimawandel und Energiewende; die Zukunft 2036 erreichten sie quasi über ein angelegtes Lineal. Ergebnis: die Zukunft wird sein wie die jetzige Gegenwart - nur etwas schlechter.

Diese Methode funktioniert in aller Regel nicht. Versetzen wir uns 20 Jahre zurück - in das Jahr 1996 - und prognoszieren wir die Ereignisse (zukünftig in Fett- und Schrägdruck) der nächsten zwei Dekaden, so hätten wohl die wenigsten von uns das Internet vorhergesagt und noch weniger das Smartphone und die Finanzkrise im Jahr 2007. Dabei war dieser Zeitbereich keineswegs der bislang ereignisreichste. Ich möchte für diesen Blog die zwanzig Jahre zwischen 1905 und 1925 des vorigen Jahrhunderts auswählen, deren vergangene Ereignisse uns aus der Geschichte ja bestens bekannt sind. Also, liebe Blogleser, stellen Sie sich vor, Sie wären zu Anfang des Jahres 1905 von einer Zeitung gebeten worden, über die anstehende Zukunft bis zum Jahr 1925 zu spekulieren. Ich möchte wetten, mit Verlaub, dass Ihnen nicht die Vielzahl der bevorstehenden Ereignisse (und die dazu gehörigen Namen - in Schrägschrift) in den Sinn gekommen wären. Wir Menschen sind eben keine Propheten! Und dabei erleichtere ich diese Aufgabe noch, indem ich nur vier kumulierte Ereignisbereiche - nämlich Naturwissenschaften, bildende Kunst, Politik und Lebensgefühl - stärker ins Visier nehme.

Beginnen wir also unser Gedankenexperiment mit dem Jahr 1905. Für den normalen Beobachter der damaligen Zeit war es kein besonders herausstechendes Jahr: der deutsche Kaiser machte (wie alljährlich) seinen Flottenbesuch, diesmal beim Sultan von Marokko; die bayerische Abgeordnetenkammer debattierte (erfolglos) über die Einführung des Neun-Stunden-Arbeitstags und der Schriftsteller Ludwig Thoma veröffentlichte seine "Lausbubengeschichten". Und im brandenburgischen Ort Klein Luckow wurde einer Steuermannsfamilie ein Knäblein geboren, dem man den Namen Max gab und der später, unter seinem Vollnamen Max Schmeling, die deutschen Boxfans fast hundert Jahre lang bis zu seinem Tod im Februar 2005 entzückte.

Große Entdeckungen in den Naturwissenschaften

Der genannte Zeitbereich von 1905 bis 1925 war gekennzeichnet durch große Entdeckungen, vor allem in den Fächern Physik und Chemie. Der Kürze wegen seien nur die Fortschritte auf dem Gebiet der theoretischen Kernphysik  betrachtet. Ein Name dominiert alle übrigen: Albert Einstein. Der gebürtige Württemberger und technischer Experte der 3. Klasse beim Schweizer Patentamt in Bern veröffentlichte 1905 (als 26-jähriger!) seine Spezielle Relativitätstheorie. Noch heute leben die beim Publikum ausserordentlich beliebten "Star Wars"-Filme von seinen Erkenntnissen, wonach - für einen ruhenden Betrachter auf der Erde - die Zeit in einem schnell bewegten Körper (z. B. einer Rakete) langsamer abläuft und die Entfernungen (zu einem fernen Stern) kürzer werden. Darüberhinaus publizierte er erstmals die berühmte Formel E=mc^2 gemäß welcher die Masse m und Energie E äquivalent sind über die konstante Lichtgeschwindigkeit c. Zehn Jahre später, im November 1015, veröffentlichte Einstein die sogenannte Allgemeine Relativitätstheorie, welche zum Verständnis des Universums unerlässlich ist. Sie beschreibt die Wechselwirkung zwischen Materie sowie Raum und Zeit; die Schwerkraft (Gravitation) wird als geometrische Eigenschaft der gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit definiert.

Nicht nur bei der Beschreibung des riesigen Weltraums, sondern auch bei der Deutung des subatomaren Bereichs war Einstein erfolgreich. Für die Entdeckung Photoeffekts bekam er 1922 sogar den Nobelpreis der Physik, wobei er erstmals den Begriff des Lichtquants einführte. Daraus entwickelte sich (bis 1925) die Quantenmechanik. Die herausragenden Forscher auf diesem Gebiet waren Max Planck, Nils Bohr, Max Born und Werner Heisenberg. Letzterer formulierte unter anderem die nach ihm benannte Unschärferelation, wonach bestimmte Messgrößen eines Teilchens (etwa sein Ort oder seine Geschwindigkeit) nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar sind.

Die mathematische Zusammenführung der beiden Relativitätstheorien mit der Quantenphysik ist der "Heilige Gral" der Physik. Trotz gigantischer Anstrengungen ist es bis heute nicht gelungen, die berühmte "Weltformel" zu finden, welche sowohl den Makrokosmos als auch den Mikrokosmos beschreibt. Mit der Stringtheorie schien man auf dem richtigen Weg zu sein, aber inzwischen - wegen  der Vermutung der Dunkelmaterie und der Dunkelenergie - ist die Astrophysik noch komplexer und undurchschaubarer geworden. Es scheint, als müsse die Welt auf einen zweiten Einstein warten.

Malerei:  Explosion der Stilrichtungen

Große Umwälzungen gab es zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Malerei. Ausgehend vom Impressionismus löste sich die Farbe vom Gegenstand, wurde flächiger und drückte nun auch Empfindungen aus: der Expressionismus (in Frankreich: Fauvismus mit Henri Matisse) war geboren. Beispielhaft dafür sind die sogenannten "Brücke"-Maler, wie Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel in Dresden, sowie die Maler des "Blauen Reiters" Franz Marc und Wassily Kandinsky in München. Kandinsky löste allmählich den Gegenstand ganz auf und konzentrierte sich nur noch auf die Wechselwirkung von Form und Farbe, womit er zum Wegbereiter der abstrakten Kunst wurde.


Bild 1 (Kandinsky, Komposition IV, 1911)

Eine andere Richtung beschritten in Frankreich die Maler des Kubismus, wobei insbesondere Pablo Picasso und George Braque zu nennen sind. Die Farbe war ihnen weniger wichtig; stattdessen versuchten sie den Gegenstand (gleichzeitig) aus verschiedenen Sichtrichtungen zu malen und zu charakterisieren. Ein Krug wurde beispielsweise - auf dem gleichen Bild - von oben, von unten und im Profil dargestellt. Als Schlüsselbild hierfür gilt Picassos berühmtes Bild "Les Demoiselles d´Avignon" vom Jahr 1907 - wobei nicht bekannt ist, ob die darauf portraitierten Damen (allesamt Prostituierte aus der südfranzösischen Stadt Avignon) Picassos Darstellung wirklich goutiert haben.



Bild 2  (Pablo Picasso, Les Demoiselles d´Avignon, 1907)

Noch einen Schritt weiter gingen die Vertreter des Dadaismus, zum Beispiel Marcel Duchamp, der praktischerweise auf die Malerei ganz verzichtete und den Gegenstand selbst zur Kunst erklärte. Man denke an den käuflichen "Flaschentrockner" oder das "Urinal", welche als sogenannte "ready mades" 1914 in Ausstellungen präsentiert wurden. Anfang der zwanziger Jahre entstand daraus der Surrealismus, der sehr stark von Sigmund Freud und seinen Traumdeutungen beeinflusst war. Prominente Künstler dieser Richtung waren Max Ernst, René Magritte und Salvadore Dali.



Bild 3 (Marcel Duchamp, Urinal, 1914)

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des frühen 20. Jahrhunderts. Wie die "Schlafwandler" (Christopher Clark) - und keineswegs legitimiert durch das Attentat von Sarajewo - stürzten sich die europäischen Großmächte in dieses Massaker. Zum Schluss waren 40 Staaten am Weltkrieg beteiligt und 70 Millionen Soldaten standen unter Waffen. Typisch für das Kampfgeschehen waren die Stellungs- und Grabengefechte sowie die Materialschlachten bei nur geringfügigen Geländegewinnen. Dies betraf vor allem die Schlacht von Verdun, wo insgesamt 700.000 Soldaten ihr Leben ließen. Die Wende brachte der Einsatz der Tanks und der Bombenflugzeuge, aber insbesondere 1917 der Kriegseintritt der USA. Eklatante Versorgungsmängel führten zu Hungersnöten an der Heimatfront und letztlich zur Kapitulation Deutschlands im November 1918. Der Erste Weltkrieg forderte zehn Millionen Todesopfer, etwa 20 Millionen Verwundete und weitere 7 Millionen zivile Opfer. Im Zuge einer anschließenden weltweiten Epidemie ("Spanische Grippe") starben weitere 25 Millionen Menschen.

Der verlorene Weltkrieg war begleitet von enormen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen. Die Monarchie wurde abgeschafft und der glücklose Kaiser Wilhelm II  ins Exil nach den Niederlanden abgeschoben. Gleichzeitig kam es zur Abschaffung des Adels, was etwa 1 Prozent der Bevölkerung betraf, also ca. 60.000 Personen. Nach einigen regionalen, politischen Turbulenzen (Räte-Republiken) wurde verfassungsrechtlich die Weimarer Republik eingeführt. Frankreich bestand auf hohen Reparationszahlungen (Versailler Vertrag), die letztlich den Grundstein zum nächsten Weltkrieg legten. Die Hyperinflation 1923 war eine Spätfolge des Ersten Weltkriegs, eine Blase, die fünf Jahre nach der Kapitulation platzte.  Das Geld wurde in Schubkarren transportiert, die Bündel als Heizmaterial zweckentfremdet. Größter Profiteur war der deutsche Staat. Seine gesamten Kriegsschulden in Höhe von 154 Milliarden Mark beliefen sich am 15. November 1923, als die Rentenmark eingeführt wurde, auf gerade mal 15,4 Pfennige.

In Russland kam es 1917 zur Oktoberrevolution. Der Kommunist Lenin wurde - mit deutscher Unterstützung - Führer der Fraktion der Bolschewiki. Zar Nikolaus II hatte schon vorher abgedankt. Durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde die deutsche Ostfront entlastet.--- In München versuchte Adolf Hitler, selbsternannter Führer der NSDAP, im November 1923 einen Putsch, wurde aber vor der Feldherrnhalle gewaltsam in Schach gehalten und in der Festung Landsberg in Haft genommen. Dort schrieb er sein Buch Mein Kampf. Darin kündigte er den späteren Anschluss Österreichs an das "Reich" an, forderte mehr "Lebensraum" für das deutsche Volk und verurteilte die "jüdische Weltherrschaft". Nur wenige glaubten damals, dass Hitler diese Vorstellungen verwirklichen würde.

 Neues Lebensgefühl

Mit der Einführung der stabilen Rentenmark ab 1923 begannen in Deutschland die Goldenen Zwanziger Jahre. Die Wirtschaft fing an zu blühen und die Menschen fassten wieder Lebensmut. Das war überraschend, denn eigentlich hätte, aufgrund des verlorenen Geldvermögens, die Bevölkerung auch in Depression verfallen können. Besonders in der Hauptstadt Berlin manifestierte sich das neue positive Lebensgefühl. Unter den Linden und über den Ku-Damm spazierten die Damen mit Bubikopf, Perlenkette und Boa sowie endlos langer Zigarettenspitze. Die Herren trugen Tagesanzüge á la Stresemann, ihre Haare waren streng und nach hinten gekämmt, zuweilen mit Seitenscheitel. Kinobesuche waren sehr beliebt, ebenso wie die AVUS-Autorennen. Abends ging man zum Sechstagerennen oder zu Tanzveranstaltungen, bei denen der verruchte Charleston geübt wurde. Ehemalige Offiziere, nun arbeitslos, verdingten sich als Eintänzer ("Schöner Gigolo, armer Gigolo...")

Eine bedeutsame Kunstrichtung der Goldenen Zwanziger bezeichnete man als Neue Sachlichkeit.  Vorrangige Themen waren das Leben in der Großstadt, die Kluft zwischen Arm und Reich und die  selbstbewusste Frau. Das Großstadt-Triptychon von Otto Dix stellte unter anderem Prostituierte dar, in teils freimütiger Pose. Ein solches Motiv - in realistischer Darstellung -  wäre wenige Jahre vorher noch undenkbar gewesen. Weitere berühmte Künstler waren Max Beckmann, George Grosz, Paul Klee u.a.---Das Staatliche Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründet. Es wollte Kunst und Handwerk zusammenführen und war jahrelang die einflussreichste Bildungsstätte im Bereich der Architektur und des Design. Einer der lehrenden Künstler am Bauhaus war Oskar Schlemmer, der Schöpfer des Triadischen Balletts. Einige seiner farbigen Kostüme aus dem Jahr 1923 sind heute noch als Figurinen in der Staatsgalerie Stuttgart zu besichtigen.---Die Neuerungen machten selbst vor der Musik nicht halt. Arnold Schönberg führte 1923 die Zwölftonmusik ein und revolutionierte damit die herkömmliche Harmonielehre. Alle Töne waren plötzlich gleichberechtigt; es gab keine Tonarten mehr. Zwölftonmusik klingt auch für heutige Ohren noch ziemlich "schräg".

Fazit

Das waren, im Schnelldurchlauf, nur einige bedeutsame Ereignisse und Namen der beiden Dekaden von 1905 bis 1925. Ich glaube, dass niemand diese Fülle zu Beginn vorher gesehen hätte, ganz sicherlich nicht den grausamen Einschnitt des Ersten Weltkriegs.

Es spricht wenig dafür, dass die Zeitspanne von 2016 bis 2036 weniger ereignisreich verlaufen wird, wobei uns hoffentlich ein Dritter Weltkrieg erspart bleiben möge. So gesehen sollte man den eingangs erwähnten acht Schriftstellern und Regisseuren der ZEIT-Umfrage wegen ihrer einsilbigen Statements nicht gram sein.

Ihr Auftrag war eine mission impossible.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Hospiz: Sterben in Würde

Die Umfragen beweisen es: in ihrer vitalen Lebensphase bereisen die Menschen den halben Globus - aber sterben möchten sie zuhause. Abgesehen von der bäuerlichen Landbevölkerung, ist dies heute nur noch wenigen vergönnt. Die meisten Menschen sterben in Krankenhäusern, Pflegestationen und Altenheimen. Häufig in den Operationssälen oder Intensivstationen, mit Kabeln und Schläuchen angeschlossen an blinkende Apparate. Die kurative Medizin bemüht sich dort um sie oft bis zum Lebensende. Häufig erleiden sie  einen einsamen Tod.

Aber seit einigen Jahren ändert sich das. Mehr und mehr öffnen sich die Krankenhäuser - beispielsweise die Städtische Klinik Karlsruhe oder das Vincentiuskrankenhaus - den Bedürfnissen der Schwerkranken, denen keine ärztliche Hilfe mehr Heilung verschaffen kann, die - in der Fachsprache - "austherapiert" sind. Dies geschieht durch den Aufbau von Krankenstationen, bei denen die Patienten, welche auf dem Sterbeweg sind, palliative Schmerztherapie, Pflege und Sterbebegleitung durch stationäre oder ambulante Hospizmitarbeiter erfahren. Neben diesen stationären Palliativstationen gibt es auch die "Spezialisierte ambulante Palliativversorgung" (SAPV) oder die "Brückenschwestern".

Andernorts entstehen stationäre Hospize, die in der Art von kleinen Pflegeheimen mit wenigen Zimmern die Schwerstkranken von den Krankenhäusern oder aus überlasteten Familien aufnehmen und sie bis zum Tode begleiten. In der Region Karlsruhe befinden sich solche stationären Hospize in Ettlingen oder bei Baden-Baden. Die organisatorischen Träger sind in der Regel die Caritas oder die Diakonie. Finanziert werden diese Hospize durch die Krankenkassen und durch Spenden. Jeder Versicherte hat bei Vorliegen einer entsprechenden Diagnose einen Anspruch auf Hospizleistungen.

Die Sterbebegleiter und ihre Ausbildung

Die Sterbebegleitung wird fast ausschließlich durch Ehrenamtliche  geleistet. In Baden-Württemberg gibt es rd. 6.000, in der Region Karlsruhe rd. 70 Menschen, die sich für ambulante oder stationäre Hospizdienste zur Verfügung stellen. Zu zwei Dritteln sind es Frauen jeglichen Alters, aber auch das Interesse der männlichen Bevölkerung ist im Steigen. In Karlsruhe gibt es sogar einen (emeritierten) 71-jährigen Physikprofessor und einen 30-jährigen Doktoranden der Elektrotechnik, welche sich zur Begleitung sterbender Menschen zur Verfügung gestellt haben. Im einen Fall war es das Bedürfnis im Ruhestand  noch einmal "etwas ganz anderes" für die Gesellschaft zu tun, im anderen Fall wurde ein emotionaler Ausgleich zur rationalen beruflichen Tätigkeit gesucht.

Jeder, der Neigung für diese "Arbeit" hat, kann sich ohne Scheu für den Hospizdienst bewerben. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter werden auf ihre künftige Tätigkeit sehr sorgfältig vorbereitet. Dies geschieht mit Wochenendseminaren und Vorträgen sowie mit einem Praktikum z. B. in einem stationären Hospiz oder in einer Palliativstation. Einmal im Monat treffen sich diese Mitarbeiter zu einer Art Gruppentherapie, der Supervision. Dort kann jeder von seinen Problemen aus der Begleitung oder von privaten Sorgen erzählen. Stirbt der Patient dann geht in der Regel der Hospizmitarbeiter mit zur Beerdigung und trifft sich (im Sinne einer Nachsorge) noch einige Male mit den Angehörigen.

Vom Leben zum Tod

Etwa ein bis zwei Mal pro Woche besucht der ausgebildete Ehrenamtliche von der Hospizorganisation einen Schwerkranken oder Sterbenden manchmal über Wochen oder Monate. Die "Zuordnung" leitet dabei eine hauptamtliche Hospizmitarbeiterin nach ihrem Erstbesuch mit viel Fingerspitzengefühl für beide Seiten ein. Der erste Besuch der oder des Ehrenamtlichen mag mit einer gewissen Nervosität verbunden sein, die sich aber in der Regel bald legt. Das wichtigste für den Sterbebegleiter ist, dass er ZEIT mitbringt. Zeit, Zeit und nochmals Zeit! Das unterscheidet ihn von den Ärzten und dem Pflegepersonal, welche zumeist in einen engen, getakteten Terminplan für viele Patienten da sein müssen.

Wie man den Kontakt zum Schwerkranken findet, darüber gibt es kein Patentrezept. Manchmal genügt es schon, wenn der Hopizmitarbeiter neben dem Bett des Patienten sitzt und ihm das Gefühl vermittelt, dass er nicht allein ist und, dass er nicht nach zwei Minuten wieder verlassen wird.  Aus dieser ursprünglichen Idee der "Sitzwache" ist, ausgehend von England, die Hospizbewegung in den achziger Jahren in Deutschland entstanden. Die Gespräche im Sterbezimmer sind weder poetisch noch intellektuell. Für den Sterbebegleiter heißt es: aufnehmen, was da ist, darauf eingehen, damit arbeiten. Der Patient macht die Regeln, gibt die "Tagesordnung" vor. Es ist die Aufgabe des/der Ehrenamtlichen das zu begleiten, was er "vorfindet".

So ergeben sich die Gespräche meist von selbst und ranken häufig um banale Dinge. Oft erzählt der Kranke von Vorfällen in seinem Leben, die er nicht bewältigt hat und die er in den letzten Stunden noch sortieren und loswerden möchte. Allerdings: Sterbende brauchen ein stabiles Gegengewicht. Wer psychisch mit sich selbst nicht im Einklang ist, kann ihnen nicht frei und unbefangen begegnen. Am Lebensende spüren die Menschen Ängste und Befürchtungen des anderen recht schnell. Aber, wenn es gut läuft, profitieren von der Sterbebegleitung beide Seiten.

Sterben ist ein Prozess, der sich oft über Tage und Wochen hin zieht. Der Mensch stirbt nicht auf einen Schlag, sondern die Organe stellen meist nach und nach die Arbeit ein, häufig zuallererst das Gehirn. Danach bricht die Koordination des Körpers zusammen. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat es einmal beschrieben als "die Mitteilung des Universums an das Individuum, dass es nicht mehr gebraucht wird". Herrndorf war knapp fünfzig, als ihn ein besonders heimtückischer Hirntumor überfiel. Dreieinhalb Jahre hat er mit diesem Krebs überlebt und unsentimental darüber geschrieben:

"Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt".

Samstag, 12. Dezember 2015

Die WAK investiert in den Abriss

Normalerweise denkt man beim Abriss kerntechnischer Anlagen nicht an Neuinvestitionen. Diesen Weg geht die WAK GmbH jedoch - gezwungenermaßen - im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe beim Rückbau von zwei Kernkraftwerken (KNK, MZFR), einem Reaktor (FR 2) den sog. Heißen Zellen (HZ) und der Wiederaufarbeitungsanlage WAK. Die Zwischenläger für mittel- und leichtaktiven Abfall sind nämlich randvoll und neue Läger werden gebraucht. Neben dem schon lange im Zentrum existierenden Zwischenlager entstehen in den kommenden Jahren zwei neue Läger für genau diese Abfallkategorien. Der Grund für die Neubauinvestitionen ist, dass der Bund das Endlager Konrad in Niedersachsen immer noch nicht bereitstellen konnte.


Der Anlagenrückbau sowie der Lagerbetrieb
im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe
samt voraussichtlicher Erledigung

Ein neues Format der Information

Am 19. November 2015 wurde im Bürgerhaus der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten  eine Informationsveranstaltung zu den geplanten Lagererweiterungen abgehalten. Sie kam bei den ca. 150 Besuchern sehr gut an, weil sie exzellent vorbereitet war. Eine große Anzahl bereits vorher eingereichter Fragen waren samt Antworten an den Schautafeln der Saalwände schon direkt ablesbar. Dazu kamen ein halbes Dutzend "hand-outs", auf denen in Wort und Bild auf die Planungen der WAK im Detail Bezug genommen wurde. Schließlich waren für die wichtigsten Themenfelder kompetente Fachleute aufgeboten, die an "Besprechungsinseln" auf zusätzliche, persönliche Fragen der Besucher eingehen konnten. Die Bautechnik, das Genehmigungsverfahren, der Strahlenschutz und die Entsorgung standen dabei im Vordergrund. Manche ortsbekannte Kernenergiegegner waren aber gerade mit diesem Präsentationsformat unzufrieden. Kein Wunder, konnten sie doch ihre (altbekannten und schon hundert Mal beantworteten) Fragen nicht mehr so wirkungsvoll und lautstark im Plenum coram publico artikulieren.

Die Zwischenläger für radioaktives Material sind im ehemaligen Kernforschungszentrum seit Ende der 1970er-Jahre mehrfach erweitert worden. Sie betragen derzeit 77.400 Kubikmeter für schwachradioaktive Abfälle, die in 77.500 Fässern und 13.500 Behältern verpackt sind. Ein Teil der Fässer sind an der Innenseite korrodiert. Sie werden ständig beobachtet und gegebenenfalls ausgetauscht. Das Lager für mittelradioaktive Abfälle ist auf ein Volumen von 700 Kubikmeter ausgelegt. Beide Lagergebäude sind nahezu vollständig gefüllt.

Zusätzlich zu den bereits bestehenden Zwischenlägern soll ein neues Lagergebäude für schwachradioaktive Abfälle errichtet werden. Es wird folgende Dimensionen haben: 120 m lang, 23 m breit, 22 m hoch. Die Wanddicke beträgt 0,8 m. Zusammen mit den bestehenden Lagerkapazitäten wird damit ein Bedarf von 98.000 Kubikmeter abgedeckt. In direkter Nähe wird ein weiteres Lager für mittelradioaktive Abfälle errichtet. Seine Dimensionen sind: 40 m lang, 39 m breit, 11 m hoch. Die Wanddicke beträgt 1,8 m. Das neue Lager hat das gleiche Volumen wie das bereits bestehende, nämlich 700 Kubikmeter. Die beiden Gebäude sollen bis 2020 betriebsbereit sein und werden ca. 60 Millionen Euro kosten.

Das Endlager Konrad, ein Trauerspiel

Die beschriebenen neuen Läger wären nicht notwendig, wenn es das deutsche Bundesendlager "Konrad" geben würde. Der sogenannte Schacht Konrad, benannt nach einem früheren Manager, ist ein stillgelegtes Eisenerz-Bergwerk bei Salzgitter in der Nähe von Braunschweig. Im Jahr 1975 traf man den Beschluss, Konrad zum Endlager für radioaktive Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung in tausend Metern Tiefe umzubauen. (In Gorleben war die Lagerung des hochradioaktiven Atommülls vorgesehen). Wegen vieler Einwendungen dauerte das Planfeststellungsverfahren fast 20 Jahre. Nach weiteren fünf Jahren juristischer Streitigkeiten vor den Gerichten wurde die Genehmigung im März 2007 letztinstanzlich bestätigt. Seitdem wird am Umbau des Bergwerks gearbeitet, wobei die Einlagerungstermine immer wieder hinausgeschoben werden. Derzeit glaubt man, die ersten Fässer im Jahr 2022 in Konrad deponieren zu können; festlegen möchte sich das Bundesamt für Strahlenschutz jedoch noch nicht. Die gesamten Planungs- und Baukosten sind mittlerweile bei fast drei Milliarden Euro angelangt.


Das Endlager Konrad in der Draufsicht

Inzwischen lagert ein Großteil der deutschen schwach- und mittelradioaktiven Abfälle - oberirdisch(!) - im Zwischenlager des früheren Kernforschungszentrums, jetzt KIT Campus Nord. In unmittelbarer Nähe bewegen sich ständig 4.000 Mitarbeiter, neuerdings sind noch 1.100 Migranten hinzu gekommen. Die Strahlenschutzrisiken für diese Personen werden praktisch negiert, bei Konrad hingegen werden ständig neue Einwendungen vorgebracht zum Risiko der Reststrahlung in einem Kilometer Tiefe. Welch eine irrsinnige Diskussion!

Lange Zeitskalen

Die Nichtverfügbarkeit des Endlagers Konrad ist im Kern die Ursache dafür, warum es so schrecklich lange dauert, bis die eingangs genannten Bauwerke bis hin zur Grünen Wiese abgerissen sind.

Der Technische Geschäftsführer der WAK, Professor Manfred Urban, hat bei der Linkenheimer Informationsveranstaltung "entschuldigend" darauf hingewiesen, dass er noch im Kindergarten war, als WAK, KNK etc. gedanklich auf die Schiene gelegt wurden. Legt man die in der obigen Grafik vermerkten Rückbautermine (mitte der zwanziger Jahre, einschliesslich noch zu erwartender Verzögerungen) zugrunde, so wird der Professor den Abriss der ihm anvertrauten Projekte in seiner Berufszeit wohl kaum mehr erleben - außer, die Bundesregierung erhöht das Rentenalter exzessiv, was angesichts der sich abzeichnenden Finanzprobleme nicht ganz ausgeschlossen ist.

Aber auch die direkten Abkömmlinge (Söhne, Töchter) der heute dort arbeitenden Mannschaft wird in Rente sein, wenn die Abfallfässer zur Gänze abtransportiert sind. Allenfalls jemand aus der Enkelgeneration könnte in den Genuss kommen, den Komplettabriss und die Verfrachtung nach Konrad stolz der regionalen Bevölkerung präsentieren zu dürfen. Vermutlich ist dieser Projektleiter in spe heute noch nicht geboren.

Aber gemach! Diese langen Zeitskalen bergen nicht nur Mehrkosten, sondern auch potentielle Ersparnisse. Radioaktives Material hat nämlich die gute Eigenschaft mit der Zeit abzuklingen und "ungefährlicher" zu werden. Bereits jetzt strahlen die Fässer des hiesigen Zwischenlagers - verglichen mit 1990, dem Zeitpunkt der Stilllegung der WAK -  nur noch mit halber Intensität, wobei Cäsium und Strontium als Leitnuklide betrachtet werden. Und nach zwei weiteren Halbwertszeiten wird die anfängliche Aktivität sogar auf fast ein Zehntel abgeklungen sein.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, ab dem Jahr 2060 das radioaktive Material nicht mehr in teuer abgeschirmten Containern nach Niedersachsen zu verfrachten, sondern möglicherweise preiswert als DHL-Pakete oder gar via Amazon.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Finnland genehmigt weltweit erstes Endlager

Die klugen und bedächtigen Finnen haben etwas geschafft, wovon wir Deutsche, in unserer aufgeregten Art, noch meilenweit entfernt sind: sie besitzen ein genehmigtes Endlager für hochradioaktiven Atommüll.

Vor ca. 40 Jahren begannen sie - ähnlich wie die Deutschen - mit Grundlagenversuchen zu diesem Thema. Drei geologische Formationen wurden genauer ins Visier genommen: Salz, Ton und Granit. Alle drei sind geeignet zur Aufnahme des hochradioaktiven Abfalls aus Kernkraftwerken, besitzen aber spezifische Vor- und Nachteile. Salz ist gut wärmeleitend und Hohlräume verschließen sich leicht. Es ist die Formation in Gorleben. Ton ist nicht wasserlöslich, deshalb setzen Frankreich und die Schweiz auf dieses Wirtsgestein. Das Kristallgestein Granit ist sehr stabil und wurde in Finnland ausgewählt. Ähnliche geologische Granitformationen befinden sich in Deutschland in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern, sie sind aber oft mit Rissen behaftet.

Optimaler Standort

Die heimische Firma Posiva erhielt von der finnischen Regierung die Lizenz zur Auswahl des Standorts und zum Bau des Endlagers. Nachdem man sich auf Granit als Wirtsgestein geeinigt hatte, gab es Dutzende von Gemeinden, die sich als Standort für das Endlager anboten. Den Zuschlag erhielt die 6.000-Einwohner-Gemeinde Eurajoki . Der Ort für das geplante Endlager heißt Onkalo. Er befindet sich 230 Kilometer nordwestlich von Helsinki auf einer Halbinsel, wo bereits zwei Siedewasserreaktoren in Betrieb sind und ein dritter (EPR-Art) geplant ist. Die Transportwege zum künftigen  Endlager sind deshalb optimal kurz. Im Rahmen eines Erkundungsprojekts wird hier seit 2004 gebohrt und gesprengt. Die Grubengänge sind mittlerweile fast fünf Kilometer lang und reichen bis in eine Tiefe von 450 Meter Tiefe. Man kennt also die Ausdehnung und die Eigenschaften der Granitformation recht genau.


Luftbild der finnischen Halbinsel Olkiluoto:
Im Hintergrund sind zwei Kernkraftwerke zu sehen;
das bebaute Areal im Vordergrund gehört zum Endlager Onkalo.




Politische Unterstützung, Langfristüberlegungen

Bevölkerung und Politik waren in allen Projektphasen fest eingebunden. Die finnische Regierung hatte schon frühzeitig ihre Zustimmung zum Endlagerprojekt signalisiert. Im Jahr 2001 ratifizierte auch das finnische Parlament dieses Vorhaben mit 159 zu 3 Stimmen. Im Februar 2015 bestätigte die finnische Sicherheitsbehörde STUK die atomrechtliche Sicherheit des beantragten technischen Konzepts. Um das Jahr 2020 herum soll mit den ersten Einlagerungen begonnen werden.


Das Endlager bietet Platz für 6.000 Tonnen hochaktive Abfälle. Die abgebrannten Brennelemente werden in Spezialcontainern verstaut, welche mit Kupfer ummantelt sind. In 450 Meter Tiefe werden sie in entsprechend gebohrte Tunnellöcher geschoben. Diese sollen anschließend mit der Vulkanasche Bentonit versiegelt werden, die sofort aufquillt, falls sie in Kontakt mit Wasser kommt.


Zum oft diskutierten Problem der Langzeitrisiken haben die finnischen Endlagerforscher folgende Position: Ihrer Meinung nach lassen sich die vergangenen geologischen Veränderungen in und auf der Erde über Jahrmillionen nachvollziehen. Die Geologen analysieren diese Veränderungen der Vergangenheit und ziehen daraus Rückschlüsse über mögliche Entwicklungen in der Zukunft. So können Prognosen für unterschiedliche Gesteine und Erdschichten bis zu einer Million Jahre im Voraus erstellt werden.


Diese Forscher weisen nach, dass die geologischen Veränderungen an der Erdoberfläche wesentlich rasanter vonstatten gehen als die Vorgänge im tiefen Untergrund. Je tiefer man gräbt, desto besser lassen sich also verschiedene Gefahren wie Erosion durch Flussläufe Erdrutsche oder Eiszeiten umgehen. Beispielsweise kann man in den kommenden eine Million Jahren mit etwa zehn Eiszeiten rechnen. Eine Million Jahre ist recht kurz im Vergleich zur Entstehungsgeschichte der Erde, die sich über 4.500 Millionen Jahre erstreckt. Damit die Eiszeiten und die mit ihnen einhergehenden geologischen Veränderungen keine Gefahr für ein atomares Endlager darstellen, müssen die Abfälle tief genug unter Tage eingelagert werden. Aus den Analysen der Vergangenheit weiß man, dass Gletscher schon 250 Meter tiefe Rinnen in die Erde gefräst haben. Geht man davon aus, dass sich zukünftige Eiszeiten nicht sehr viel anders abspielen werden als vergangene, so sollte man mit einer Erosion bis zu 300 Meter Tiefe rechnen. Die Einlagerungssohle muss also tiefer liegen, was in Olkiluoto mit 450 Meter der Fall ist. Bergwerke in dieser Tiefe sind nicht problematisch; in Deutschland hat man die maximale Tiefe von Endlagerstollen auf 1.500 Meter festgelegt.


Inzwischen denkt auch das Nachbarland Schweden über ein ähnliches Endlager in Granit nach. Man darf gespannt sein, wie diese Entwicklungen in Skandinavien die öffentliche Diskussion in Deutschland beeinflussen.









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