Samstag, 12. Mai 2018

Quo vadis, EnBW?

Das Gute vorweg:
Das Energieversorgungsunternehmen EnBW zahlte seinen Aktionären wieder eine Dividende. Mit 50 Cent pro Aktie fiel sie zwar nicht üppig aus, aber im Vorjahr lag diese Rendite noch bei Null. Das hat manchen Teilnehmer der diesjährigen Hauptversammlung (HV 18) wohl bewogen, beim Caterer-Mittagessen gleich doppelt zuzuschlagen. (Angebot: Wiener Würstl mit Kartoffelsalat und Softdrink).

Genauer betrachtet war der Sponsor für die diesjährige Dividende zum großen Teil der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble. Er hatte im Vorjahr die EnBW noch mit einer Kernbrennstoffsteuer von 1,44 Milliarden Euro belegt, die er - auf Veranlassung des Bundesverfassungsgerichts - aber wieder herausrücken musste. Daraus wurde im Wesentlichen die besagte Dividende finanziert.






EnBW-Chef Frank Mastiaux bei der HV- 2018


Dramatischer Rückgang bei der Stromerzeugung

Vor der Energiewende war die EnBW in Deutschland das drittgrößte EVU, welches 5,5 Millionen Kunden mit Strom (sowie Gas und Wasser) zuverlässig versorgte. Dazu trugen etwa zwei Dutzend Kraftwerke bei, fünf davon große Kernkraftwerke, der Rest basierend auf Kohle, Gas, Wasser und der Pumpspeichertechnologie. Das frühere Standbein "Erzeugung" soll in Zukunft - nach den Strategievorstellungen des CEO Frank Mastiaux - eine immer geringere Rolle spielen. Die Kernkraftwerke werden, aus politischen Gründen, im Jahr 2022 in Gänze abgeschaltet sein und als längst abgeschriebene "Gelddruckmaschinen" keine Rolle mehr spielen. 

Aber auch die Kohlekraftwerke stehen im Visier. Anlagen, welche den Umwelt- und den Rentabilitätsstandards nicht mehr genügen, werden bei der Netzagentur zur Stilllegung angemeldet. Bei einem Drittel der Steinkohlekapazität ist dies bereits geschehen. Mastiaux: "Wir gehen davon aus, dass die Kohlekraftwerke auf das politisch gewollte Aus zusteuern". Aktuell betreibt die EnBW noch acht Kohlekraftwerke mit 4.200 Megawatt (MW) sowie zwei Gaskraftwerke und zwei Kernkraftwerke. Vor der Energiewende hatte der Konzern ein Erzeugungsporfolio von 15.500 MW. In dieses trübe Bild passt, dass die EnBW inzwischen auch ihre Großkunden wie Daimler, Deutsche Bahn etc. verloren hat, welche ihren Strom nun selbst und billig an der Deutschen Strombörse in Leipzig für 2 bis 3 Cent/kWh ordern. Ach ja, bei den Erneuerbaren Energien Wind und Sonne sind inzwischen 1.700 MW installiert, die bei niedriger Verfügbarkeit und zu nicht planbaren Zeiten gelegentlich etwas Strom liefern.


Auf der Spur der Subventionen?

Der Strategiewechsel, welchen der Vorstand der EnBW plant, ist dramatisch und wird das Image des Konzerns erkennbar verändern. Bis zum Jahr 2020 soll der Gewinnbeitrag bei der Branche "Erzeugung und Handel" um volle 80 Prozent zurückgehen. Demgegenüber soll dieser Beitrag bei den "Erneuerbaren Energien"(EE) um 250 % und bei den "Netzen" um 25 % ansteigen. Das traditionelle Geschäftsmodell wird also fast ganz wegfallen, während die subventionierten Bereiche EE und Netze massiv hochgefahren werden. Einige Teilnehmer bei der HV 18 fragten sich bereits, ob der Konzern damit die "süßen Trauben" der staatlichen Subventionen pflücken möchte, anstelle die "harten Nüsse" der traditionellen Stromerzeugung zu knacken.

Auch bei der E-Mobilität will sich die EnBW stärker engagieren und plant dafür die Ausweitung des Tankstellennetzes entlang der Autobahnen. Die Belastung des Stromnetzes (im privaten Bereich) durch viele gleichzeitige abendliche Ladevorgänge stellt die Netzstabilität vor große Herausforderungen und soll in praxi in den Ostfildern untersucht werden.

Schließlich will man sich bei EnBW weiterhin im Bereich Smart Home betätigen. Allerdings ist das ein hartes Brot, denn in der Haustechnik liegen zwischen Hersteller und Kunden noch der Großhandel und das Handwerk. Viele propagierte Anwendungen haben bislang erst den Charakter einer "netten Spielerei", denn nicht jeder Kunde möchte vom Bett aus - via Smartphone - die Dusche bedienen oder den Herd einschalten. Das "intelligente Haus" wird sich wohl erst dann durchsetzen, wenn sein Nutzen hoch und die Kosten vertretbar sind.


Ein Mega-Deal am Horizont?

Hartnäckig fragten Kleinaktionäre bei der besagten HV 18 immer wieder nach, was an der Meldung der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" dran sei, wonach die EnBW ihre konventionellen Kraftwerke an den großen Rivalen RWE verkaufen wolle. Angeblich seien die Firmenchefs darüber schon seit Monaten im Gespräch - nur der Kaufpreis werde noch kontrovers diskutiert. Nun, Mastiaux ließ sich dazu keine Details entlocken, gab aber dennoch zu, dass man mit anderen EVU "immer wieder mal gemeinsam interessierende Themen bespreche".
Ein heißes Thema, gewiss. Denn: wenn EnBW an RWE verkaufen würde, wäre die Zukunft von 2.800 Mitarbeitern offen.


Samstag, 5. Mai 2018

Ein Waldstädter wird Chef der BASF

Die Waldstadt ist ein beschaulicher Ortsteil im Norden der Stadt Karlsruhe. Bis auf gestern - da wurde einer ihrer (früheren) Bewohner doch glatt zum Vorstandsvorsitzenden (also "obersten Chef") des weltweit größten Chemiekonzerns BASF ernannt. Wow! Wenn das keinen Blog wert ist. Zumal ich den Glücklichen - Dr. Martin Brudermüller - schon seit früher Jugend persönlich kenne.

Martin ist nämlich der Sohn des (leider vor einigen Jahren verstorbenen) Dr. Gerhard Brudermüller, einem ausgewiesenen Kernphysiker, mit dem ich jahrzehntelang beruflich eng verbunden war: Gerhard war Betriebsleiter mehrerer Kernkraftwerke, an denen ich als Projektleiter wirkte. Dass sein Filius Martin, nach anfänglichen Präferenzen für den Arztberuf, sich schließlich doch zum Studium der Chemie entschied, veranlasste den Vater einmal zu der Bemerkung, dass Martin "den schmutzigen Teil der Physik" gewählt habe. Martin konterte darauf schlagfertig, dass die "Kernspaltung immerhin von dem Chemiker Otto Hahn entdeckt worden sei". An der Karlsruher Technischen Hochschule studierte Martin in raschem Tempo Chemie bis zur Promotion, ging als "Post Doc"für ein Jahr an die kalifornische Universität Berkeley und checkte 1988, also vor dreißig Jahren, als einer der vielen Chemiker, bei der BASF in Ludwigshafen ein.



Dr. Martin Brudermüller


Viele Stationen bei der BASF

Dort wurde der junge Doktor bald der Vertriebsabteilung in Italien zugeordnet, wo er mit großem Erfolg die Chemikalien seiner Firma verkaufte. Dabei entdeckte er aber auch seine Vorliebe für italienische Weine und konnte so seiner heimischen Weinkellerei manch wertvollen Typ geben. Die BASF gehört nämlich - was nicht allseits bekannt ist - zu den zehn größten Weinhandelsunternehmen in Deutschland und verkauft jährlich etwa eine Million Liter Weine aus vielen Topregionen. In ihren Kellern lagern 2.000 verschiedene Weinsorten, die älteste aus dem Gründungsjahr der Firma in 1865.

Wieder zurück in der Mutterfirma durchlief Martin fast alle Sparten des Unternehmens. Er arbeitete in der Forschung, im Vorstandsstab und in der strategischen Planung. Später leitete er Teile der Produktion und sogar einen ganzen Unternehmensbereich. Von seinen Mitarbeitern verlangte er viel, war aber auch bereit sich selbst voll einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Brudermüller hat Spaß  am diskursiven Schlagabtausch; seine Untergebenen belegten ihn nicht zuletzt deshalb mit dem Spitznamen "John Wayne", ein Westernheld, der in schwierigen Situationen voran geht.

Im Jahr 2006 machte Martin einen großen Sprung: die BASF übergab ihm die gesamten Asiengeschäfte mit dauerhaftem Sitz in Hongkong. Bald wurden auch andere Unternehmen auf den agilen Manager aufmerksam und er wurde zum China-Sprecher seiner Wirtschaftsparte ernannt. Bislang Mitglied des Vorstandes nominierte ihn seine Firma 2011zum Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden. Bei der gestrigen Hauptversammlung am 4. Mai 2018 erklomm Martin Brudermüller die letzte Stufe seiner Firmenkarriere: er wurde zum Vorstandsvorsitzenden der BASF gewählt. Einer Weltfirma mit 115.000 Mitarbeitern in 80 Ländern und an über 390 Produktionsstandorten., welche einen Umsatz von jährlich 65 Milliarden Euro erzielt! Und die - ein absolutes Unikat - alle seine Vorstandsvorsitzenden seit 1865 intern besetzte, also niemanden von außen holte.

Den neuen Chef Brudermüller erwartet viel Arbeit - aber auch (grob abgeschätzt) eine Aufstockung seiner jährlichen Bezuüge von 5 auf 10 Millionen Euro.


Zukünftige Herausforderungen

Martin Brudermüller übernimmt den Chefsessel bei BASF zu einer Zeit großer Umwälzungen im weltweiten Chemiebereich. Besonders herausragend ist die Fusion der amerikanischen Konkurrenten  Dow Chemical und Du Pont zu Dow-Dupont. Dieses neu entstandene Unternehmen hätte eine überragende Marktkapitalisierung von 130 Milliarden Dollar, soll aber - auf Verlangen der mächtigen Investoren - sogleich wieder in drei noch profitablere Teile zerlegt werden. In Deutschland macht seit Monaten der Konkurrent Bayer Schlagzeilen, wegen der Übernahme von Monsanto, wodurch der weltweit größte Saatgut- und Pflanzenschutzanbieter entsteht. Schließlich ist der Aufkauf der schweizerischen Firma Syngenta durch den chinesischen Konzern Chem-China zu nennen, an der auch die BASF (vergebliches) Interesse zeigte.

Die Ludwigshafener setzten bislang mehr auf Wachstum durch eigene interne Innovationen als durch große externe Zukäufe. Allerdings werden beim genannten Bayer-Monsanto-Deal (wegen zu erwartender Kartellauflagen) wohl Teile vom Leverkusener Konkurrenten zwangsläufig an BASF fallen und dort unter "Ergänzungsakquisitionen"  in Höhe von ca. 6 Milliarden Euro verbucht werden. Abgeben möchte die BASF die früher sehr gehätschelten Erdöltöchter Wintershall und DEA, um sie an die Börse zu bringen. Den klassische BASF-Slogan "vom Bohrloch zur Spezialchemie" wird man dann wohl umdichten müssen. Im gleichen Zug möchte man die Geschäftsbeziehungen zu Gazprom und Northstream auslagern, was manchen "Dekarbonisierungsfreak" freuen wird.

Einen speziellen Wunsch haben die Aktionäre , also die Eigentümer der BASF, bereits im Vorlauf geäußert: der Aktienkurs des Unternehmens soll in Zukunft schneller steigen. In der siebenjährigen Ära des Vorgängerchefs Kurt Bock waren dies bescheidene 40 Prozent. Relativ wenig im Vergleich zum Konkurrenten Bayer, wo der Kurs im gleichen Zeitraum um das Doppelte angestiegen ist. Der neue CEO wird dies sicherlich im Blick behalten.

Aber zunächst ist in Ludwigshafen (und bei Mama M. in der Waldstadt?) erst mal feiern angesagt:
-für die Ernennung von Martin Brudermüller zum Chef der BASF, und
-zur Würdigung seines heutigen 57. Geburtstag,
das Datum, an dem ich diesen Blog ins Internet gestellt habe.



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