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Samstag, 14. April 2018

Die Deutsche Bank im Niedergang

Der Deutschen Bank geht es schlecht. Dieses einstige Kronjuwel der deutschen Wirtschaft, 1870 zusammen mit dem Deutschen Reich in Berlin gegründet, macht kaum noch Gewinne und ist zudem in kostspielige Rechtshändel verstrickt. Trotzdem zahlt sie horrende Boni an ihre glücklosen Banker, aber kaum noch Dividende an die Aktionäre. Wenn nicht schnell eine Wende zum Besseren eintritt, dann ist dieses Geldinstitut in seinem Weiterbestand höchst gefährdet.


Die Bürotürme der Deutschen Bank in Frankfurt
(Spitzwort: "Soll und Haben")


Hohe Bonuszahlungen trotz karger Erträge

Früher war sie mit an der Weltspitze, heute kommt die Deutsche Bank bei ihrem derzeitigen Marktwert von ca. 30 Milliarden Euro gerade noch unter die 60 größten Banken weltweit. Das Ausmaß des Scheiterns verdeutlichen vier Kapitalerhöhungen seit der Finanzkrise 2008: sie entsprechen gerade noch dem aktuellen Börsenwert. Ohne diese Kapitalerhöhungen wäre die Deutsche Bank überhaupt nichts mehr wert. 

Angesichts dieser Kapitalvernichtung sollten für die Deutsche Bank Erfolgsbonuszahlungen eigentlich tabu sein. Aber der Vorstand will sie wieder in Milliardenhöhe ausschütten. Angedacht sind Bonuszahlungen in der Höhe von einer Milliarde Euro, womit die Bank 705 Angestellte zu Einkommensmillionären machen würde. Und das bei einem Verlust von 2,3 Milliarden Euro!  9.000 Arbeitsplätze (von etwa 100.000 weltweit) stehen damit auf der Kippe. 180 Filialen wurden allein in Deutschland bereits geschlossen, aus einigen Auslandsmärkten hat sich die Bank komplett zurückgezogen.

Aber Sparen ist dennoch nicht angesagt. Insbesondere bei den Investmentbankern - sie handeln mit komplizierten Aktienprodukten, Derivaten und begleiten die Konzernfusionen - lässt man es immer noch so richtig krachen. Sie hat ihren Sitz vorwiegend im teuren London, ihre Manager buchen gerne Hotelzimmer für mehrere Tausend Euro pro Nacht und eine einzige Abteilung verprasste beispielsweise im Vorjahr 22 Millionen Euro an Spesen.


Viele Leichen im Keller

Seit 20 Jahren schröpfen die Investmentbanker die Deutsche Bank. Auf hohe Gewinne folgten horrende Verluste und Rechtskosten. Einiges ist inzwischen unter hohen Strafzahlungen bereinigt, andere "Leichen" liegen noch im Keller. Beispielhaft seien einige dieser Altlasten kurz beschrieben.

Einer der "Stars" im Zocker- bzw. Investmentbetrieb war der Londoner Händler Christian Bittar, welcher 2001 von der französischen Societe Generale abgeworben worden war. Er ließ sich 2008 von der Deutschen Bank den Rekordbonus von 40 Millionen Euro auszahlen. Wenig später wurde bekannt, dass Bittar illegalerweise dafür den Referenzzinssatz "Libor" manipuliert hatte. Der Bank kostete dies einige Milliarden an Strafe. Bittar sitzt derzeit in Untersuchungshaft und hat sich für schuldig erklärt.

Hohe Strafzahlungen entstanden für die Bank auch durch windige Hypothekengeschäfte im Zuge des US-Immobilien-Crash 2007. Sogenannte CDO- und SWAP- Geschäfte waren dafür die Ursache. Auch deutsche Kommunen, wie Pforzheim, wurden schwer geschädigt.--- Im Zuge der sogenannten "Luxemburg-Leaks" verschob die Deutsche Bank illegalerweise hohe Gewinne in Steueroasen, was im Jahr 2014 aufgedeckt und sanktioniert wurde.

Schließlich sei noch auf die höchst unprofessionelle Äußerung des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Rolf Breuer hingewiesen, der öffentlich die Kreditwürdigkeit seines Großkunden Leo Kirch bezweifelte, was der Bank in einem nachfolgenden Prozess sage und schreibe 975 Millionen Euro kostete.


Manager in allen Güteklassen

In ihrer fast 150-jährigen Geschichte kann die Deutsche Bank auf eine stattliche Zahl von Führungspersönlichkeiten zurückblicken. Am Anfang stand der von Bismarck eingesetzte Vorstandsvorsitzende Georg von Siemens, der das Geldinstitut 30 Jahre lang (von 1870 bis 1900) leiten durfte. Im Dritten Reich, während der Kriegsphase, war Hermann Josef Abs Vorstandssprecher (1938 - 45); der Bundeskanzler Konrad Adenauer vertraute ihm so sehr, dass er Abs auch während der ersten Wiederaufbauphase (1957 - 67) die Bank leiten ließ. Unter den folgenden Managern ragt Alfred Herrhausen (1970 - 89) heraus, der die riskante Investmentsparte einführte und 1989 einem Attentat der Terrororganisation RAF zum Opfer fiel.

Von nun an wurde es turbulent; die Wahl des Spitzenpersonals war selten überzeugend. Von Hilmar Kopper (1977 - 99) bleibt nur in Erinnerung, dass er die gegenüber den Frankfurter Handwerkern (bei der Schneider-Pleite) entstandene Schadenssumme von 50 Millionen DM als "pea-nuts" bezeichnete, was prompt zum "Unwort des Jahres 1994" ausgewählt wurde. Über die unglaubliche sprachliche Fehlleistung des Nachfolgers Rolf Breuer (1985 - 92) gegenüber seinem Kreditnehmer Leo Kirch wurde oben bereits berichtet. Der charmante und charismatische Josef Ackermann (1996 - 2012) war aus heutiger Sicht ein Blender; sein mit großem Trara ausgegebenes Renditeziel von 25 Prozent war absurd. Die Doppelbesetzung Anshu Jain und Jürgen Fitschen (2009 - 15) brachte die Bank in den Negativsumpf. Der Inder war überdies so arrogant oder sprachlich unfähig, dass es ihm innerhalb von 6 Jahren nicht gelang, angemessen deutsch zu sprechen. Und das bei der deutschen Deutschen Bank!

Im Juli 2015 wurde der knorrige Engländer John Cryan zum Vorstandschef der Deutschen Bank ernannt. Er war kein Netzwerker und hatte keinen Rückhalt im politischen Berlin. Bei der 14-Milliarden-Forderung des US-Justizministerium im Jahr 2016 ließ ihn die deutsche Regierung im Regen stehen. Demgegenüber konnte die englische Downing Street bei der Barclays Bank (welche ähnlich große Lumpereien gemacht hatte) den Strafbetrag auf nur 2 Milliarden herunterverhandeln. Cryan zahlte also bei der DB einen überaus hohen Betrag an die knallharten Amerikaner und  als sich von 2015 bis 2017 auch noch keine Gewinne einstellten, war seine Stunde gekommen. Mit einer Abfindung von 6,8 Millionen Euro und einigen sonstigen "Bonbons" wurde er im April 2018 in die Wüste geschickt.

Sein Nachfolger (seit 10. April 2018) ist der Westfale Christian Sewing, welcher bislang das Privatkundengeschäft der DB leitete. Eine prominentere, international bekannte Persönlichkeit, hatte der seit 2012 (nicht immer glücklich agierende) österreichische Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner nicht gefunden.


Quo vadis, Deutsche Bank?

Mit dem 48-jährigen Christian Sewing hat der Aufsichtsrat ein Eigengewächs als Hoffnungsträger der zukünftigen Deutschen Bank auserkoren. Als ausgebildeter Bankkaufmann und langjähriger Leiter des Privatkundengeschäfts kennt er die DB von innen wie wenige seiner Vorgänger. In einem flammenden Email an die 100.000 Angestellten seines Konzerns formulierte er klar: "Mit Blick auf die Erträge müssen wir unsere Jägermentalität zurückgewinnen. Unsere Kosten dürfen zukünftig 23 Milliarden Euro pro Jahr nicht übersteigen". Damit hob Sewing auf eines der Ziele ab, das sein Vorgänger Cryan zuvor klar verfehlt hatte.

Aber das wird schwer werden. Die Deutsche Bank leidet immer noch bitter unter der Großmannssucht mehrerer Managergenerationen, die sich im internationalen Kapitalmarktgeschäft mit der amerikanischen Weltspitze messen wollten - und darüber das erdverbundene Heimatgeschäft mit Privatpersonen und Unternehmen vernachlässigten. Früher Dreh- und Angelpunkt der deutschen Konzerne, hat die DB das heimische Terrain schon vor Jahren praktisch aufgegeben.

Und die deutsche Wirtschaft zeigt, dass es auch ohne die heimische Bank geht: die milllionenschwere Übernahme von Monsanto wurde vom Bayer-Konzern ohne die DB gestemmt. Und als Großaktionäre figurieren bei der Deutschen Bank vorwiegend ausländische Adressen, wie die HNA Group aus China, die Herrscherfamilie aus Katar, sowie die US-Fonds Blackbox und Cerberus. Kein deutscher Eigentümer weit und breit! Sogar die deutschen Industriekapitäne Johannes Teyssen, Henning Kagermann sowie Peter Löscher haben den Aufsichtsrat verlassen.

Die Deutsche Bank ist krank an Leib und Seele.

"Sewing, Sewing, du gehst einen schweren Gang".









Sonntag, 7. April 2013

Steueroasen und Piratennester

Eine Sensation bahnt sich in Europa an. Und das auf dem so öden und frustrierenden Gebiet der Bankenwirtschaft. Viele möchten dieses Wort gar nicht mehr hören, fühlen sie sich doch seit Jahren von den Bankmanagern abgezockt, die sich ihrerseits mit Millionenboni verwöhnen. Ausgelöst hat diese neue "Denke" ausgerechnet das kleine Euroland Zypern. Seit Sommer letzten Jahres bedrängte es die EU-Kommission mit dem Verlangen nach "Rettung" ihrer Banken. Dem wurde kürzlich entsprochen - allerdings auf eine ganz andere Weise, als die Zyprioten sich das vorstellten.

Schlitzohrige Levantiner

Die wirtschaftliche Situation im östlichen Mittelmeer, der klassischen Levante, war geprägt durch zwei zyprische Grossbanken (Laiki und Bank of Cyprus), deren Bilanzsumme die sonstige Wirtschaft des Inselreiches Zypern um das Achtfache übertraf. Die Realwirtschaft, basierend auf Oliven und Wein, spielte für die Staatseinnahmen praktisch keine Rolle. 20.000 Russen und 60.000 Briten  genossen - nebst 380.000 heimischen Erwerbstätigen - die beachtlichen Steuerprivilegien dieses Landes, nämlich Null Prozent Steuern auf Zinsen, Dividenden und Erbschaften, dafür aber 5 Prozent Zinsen auf Spareinlagen, welche hierzulande gerade mal ein halbes Prozent löhnen. Durch den Schuldenschnitt in Griechenland kamen auch die genannten zyprischen Banken in Schieflage und riefen um Hilfe. Erhofft wurde ein zinsbilliger Kredit von 17 Milliarden Euro.

Das Ergebnis zäher Verhandlungen sah ganz anders aus. Die Banken wurden dazu verdonnert, einen Teil ihrer Schulden (7 Milliarden Euro) selbst zu berappen. Dies führte zunächst zur Insolvenz der Bank Laiki und zur Verkleinerung der Bank of Cyprus auf das Niveau einer grösseren Sparkasse. Darüberhinaus - und das war neu - wurden auch die Aktionäre und Grossanleger (jenseits von 100.000 Euro) zur Deckung des Defizits herangezogen. Die Schwarzgelder aus Russland und Grossbritannien werden wohl um die Hälfte gekappt werden. Im Endeffekt wird  kein Gewinn für diese Bankkunden herausspringen.

Die zypriotische Regierung wehrte sich wie die Katze im Sack gegen dieses Rettungsschema, denn klarerweise werden zukünftig nur noch wenige Kunden aus Osteuropa und UK ihr illegales Geld auf dieser Sonneninsel "investieren". Trotzdem : der neue Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem, ein Holländer, hat diese Massnahme ungerührt durchgezogen und damit ein neues Kapitel in der Geschichte der Bankenrettung aufgeschlagen. In Zukunft werden also bei maroden Banken in erster
Linie die Nutzniesser zur Rettung bzw. Abwicklung herangezogen - und nicht die unschuldigen europäischen Steuerzahler.

Weitere Piratennester im Visier

Viele Kleinstaaten in Europa, an der Spitze Malta und Luxemburg, zittern seit dieser Entscheidung um ihr "Geschäftsmodell". Auch sie haben einen überdimensionierten Bankensektor. Bei Malta übertrifft er die Realwirtschaft um das Siebenfache, bei Luxemburg mit seinen vielen Briefkastenfirmen gar um das 21-fache. Sollte es dort zu Bankpleiten kommen, so könnte die "Rettung" ähnlich wie bei Zypern aussehen: vermögende Kunden würden zur Sanierung herangezogen werden und danach wohl für immer entschwinden. Kein Wunder, dass Banken, wie die deutsche Commerzbank, gegen diese Art der Abwicklung Sturm laufen. Wurde die Commerzbank doch selbst vor Jahren mit 10 Milliarden Bundesgeldern "gerettet", obwohl viele empfohlen hatten, sie bankrott gehen zu lassen. Vermutlich zu Recht, denn seit Jahren treibt diese Bank wie ein Zombie umher und kann renditemässig kein Land gewinnen. Ein Untoter in der Bankenarena.

Bankensektor ausgewählter Länder  im Vergleich zur Realwirtschaft 

Unter den Abgeordneten im Bundestag ist man ähnlich skeptisch. Vor Tagen stand in einigen Medien zu lesen: "Das Modell der Bankenrettung, bei dem der Staat Anleihegläubiger und  Grossinvestoren schützt, besitzt keine politische und gesellschaftliche Akzeptanz mehr. Zur Rettung einer Bank müssen zunächst die Eigentümer und Grossanleger herangezogen werden." Es scheint als würden, ähnlich wie vor 500 Jahren in der Karibik,  die (finanziellen) Piratennester ausgeräuchert werden.


Was ist zukünftig noch sicher?

Vor diesem Hintergrund mag sich mancher fragen: wo ist zukünftig mein Geld noch sicher? Wenn die Steueroasen Luxemburg, Malta und die Kanalinseln etc. austrocknen und Liechtenstein sowie die Schweiz in rigide staatliche Geldtransferabkommen "eingebunden" werden, dann verbleiben zur sicheren Anlage vermeintlich nur noch Immobilien und das Edelmetall Gold. Aber auch das kann eine Fehlkalkulation sein. Staaten, die am Abgrund stehen, werden alle Mittel ergreifen, um an das Vermögen ihrer Bürger zu kommen.



Wohneigentum in Europa (FAZ)

Beispiel Wohneigentum. Eine kürzliche Recherche der Deutschen Bundesbank hat überraschenderweise ergeben, dass Deutschland in Bezug auf Wohneigentum in Europa ziemlich am Ende der Tabelle liegt. An der Spitze rangieren (die eigentlich klammen Staaten) Spanien und Italien. Doch was ist für eine Regierung leichter, als die Immobilien ihrer Bürger mit einer Zwangshypothek zu belegen? Unsere Eltern haben genau dies nach dem Zweiten Weltkrieg und der anschliessenden Währungsreform erlebt: Sonderbesteuerung des Vermögens.

Und Gold? Auch hier ist Vorsicht geboten. Man denke nur an die (kapitalistischen!) USA, wo der damalige Präsident Theodore Roosevelt im April 1933  den privaten Goldbesitz verbot und sogar unter Strafe stellte. Jeder US-Bürger musste seine Goldbarren, Goldmünzen und sogar den Goldschmuck bei den staatlichen Stellen abliefern, wo dieses Edelmetall in Papierdollars umgetauscht wurde. Dieses Verbot galt fast vierzig Jahre lang und wurde erst 1971 aufgehoben.

Was tun? Die alten Römer haben es uns schon vor 2.000 Jahren gesagt: "Carpe diem"!
Die etwas freiere Übersetzung aus dem Lateinischen lautet:
"Hau dein Geld rechtzeitig auf den Kopf"!

Sonntag, 24. Juni 2012

Deutschland soll die Welt retten

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, bestand Frankreichs Präsident Francois Mitterand auf einer stärkeren Einbindung des nun grösseren Deutschlands in den europäischen Verbund; andernfalls hätte er die Wiedervereinigung bei den 2 plus 4 Verhandlungen blockiert. Unter anderem forderte er einen gemeinsamen europäischen Währungsverbund, also den Euro. Bundeskanzler Kohl, der vorher immer eine vorausgehende politische Union verlangt hatte, gab schliesslich nach. Sein damaliger Innenminister Wolfgang Schäuble räumte später ein: " Die Preisgabe der D-Mark war eine der Konzessionen, die dazu beigetragen haben, den Weg zur deutschen Vereinigung zu ebnen".
In den Verträgen von Maastricht gelang es dem Finanzminister Theo Waigel noch zwei wichtige Bedingungen in die Euro-Verträge einzubauen: die Klauseln no bail out und no transfer. Im Klartext heisst das: Jedes Euro-Land muss für seine eigenen Schulden aufkommen  und  Es gibt keine Geldüberweisungen an Schuldnerländer.

Der Ruf nach den Eurobonds

Die traurige Realität, gut zehn Jahre nach Einführung des Euro, ist folgende: Griechenland hat sich durch Betrug und unter Mithilfe der "Finanzexperten" von Goldman-Sachs in die Euro-Länder geschummelt. Darüberhinaus hat es seitdem hunderte von Milliarden Schulden angehäuft, u. a. deswegen, weil es nur ein marodes Steuersystem besitzt und die Korruption in diesem Land allgegenwärtig ist. Die spanische Regierung hat eine gigantische Immobilienblase zugelassen. Hunderttausende von Wohnungen an den Küsten stehen leer und bringen keine Rendite. Die beleihenden Hypothekenbanken sind praktisch pleite und musten kürzlich vom Staat (unter Mithilfe der EU) "gerettet" werden. In Italien geht die Wirtschaft seit Jahren bergab, inbes. wegen der Verkrustungen auf dem Arbeitsmarkt. Portugal, Irland und (neuerdings) Zypern stöhnen unter ihren Schuldenbergen aus ähnlichen Gründen.

Die genannten Länder waren es gewohnt, sich jedes Jahr mit -zig Milliarden Euro neu zu verschulden. Der Zinssatz für zehnjährige Anleihen lag bei moderaten 3 Prozent oder gar darunter. Er ist nun auf 6 bis 7 Prozent gestiegen, weil die Käufer dieser Anleihen ihr Risiko höher bewerten, was sich im Zinssatz niederschlägt. Im Gegenzug liegt der Zins für deutsche Anleihen mittlerweile bei 1 bis 0 (!) Prozent.

Aus dieser Sachlage heraus kam die Idee der Eurobonds auf. Dies wären gemeinsame Anleihen der Euroländer. Die Zinsen für die ärmeren Länder würden fallen, für die reichen, wie Deutschland, würden sie steigen. Finanzexperten haben ausgerechnet, dass Deutschland bei Einführung der Eurobonds jährlich 47 Milliarden Mehrkosten haben würde. Kein Wunder, dass sich die Bundeskanzlerin Merkel gegen die Idee der Eurobonds stemmt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie klar gegen das EU-Recht verstossen  (siehe oben) und weil das Bundesverfassungsgericht dagegen wohl Bedenken hätte.


Der Fiskalpakt und weitere Gedankenmodelle

Um das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen, schlägt die Kanzlerin den sogenannten Fiskalpakt vor. Das ist die Verpflichtung aller Länder, die Neuverschuldung in absehbarer Zeit schrittweise auf Null abzusenken. Um diese Absicht glaubhaft zu machen, soll diese Schuldenbremse in der Verfassung verankert werden. Dagegen wehren sich die meisten Schuldnerländer, insbes. Frankreich. Stattdessen werden allerlei Varianten vorgebracht. Eine ist die sog. Bankenunion. Mit ihr gäbe es keine deutschen oder spanischen Banken mehr, sondern nur noch europäische Institute. Das Problem: der Bankenrettungsfonds wäre ebenfalls mit einer Vergemeinschaftung von Risiken verbunden. Aussdem müsste die Brüsseler Behörde Durchgriffsmöglichkeiten auf die nationalen Banken haben, was von den meisten Staaten abgelehnt wird.

Eine (theoretisch) nie versiegende Geldquelle ist die Europäische Zentralbank (EZB). Sie druckt ihr Geld selbst und muss dafür noch nicht einmal die Zustimmung der nationalen Parlamente einholen. Warum sollte sie nicht die maroden Anleihen der Schuldnerländer, wie Griechenland etc. aufkaufen und in Euros umwandeln - wie es die amerikanische Fed bereits macht? Nun die EZB darf dies aus rechtlichen Gründen nicht tun, u. zw. aus folgenden Gründen: sie würde allmählich zu einer "Bad Bank" werden und die Nationalbanken (wie die Deutsche Bundesbank) hätten für ihr Defizit einzustehen. Leider ist dieser Sündenfall in einigen Notfällen bereits geschehen.


Deutschland unter Druck

Inzwischen blickt alle Welt nach Deutschland, dem scheinbaren Gewinner der Euroeinführung. Bei dem kürzlichen G 20-Treffen in Mexiko ist Bundeskanzlerin Merkel unter erheblichen Druck geraten. Konjunkturprogramme werden gewünscht, insbes. vom französischen Präsidenten Francois Hollande. Aber woraus finanzieren bei leeren Kassen? Zur Erinnerung: das letzte deutsche Konjunkturprogramm vor drei Jahren für die Abwrackprämien etc. hat 400 Milliarden Euro gekostet und das deutsche Staatsdefizit auf 2.000 Milliarden hochschnellen lassen.

Auch Journalisten, zumeist angelsächsischer Herkunft, versuchen die Bundeskanzlerin unter Druck zu setzen. Geradezu hysterisch wird sie bedrängt, den Sparkurs aufzugeben und damit Europa zu retten. Deutschland müsse seine Verpflichtung für Europa in ähnlicher Weise wahrnehmen, wie vor 20 Jahren für Ostdeutschland. Aber dieser Vergleich hinkt: schon 17 Millionen Ostdeutsche kosteten Westdeutschland 1,5 bis 2 Billionen Euro. Das lässt erahnen, was 300 Millionen Menschen in Europa kosten würden.

Nein, jedes Land der Eurozone muss begreifen, dass man sich nicht auf Kosten anderer exzessiv verschulden darf und, dass die Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit nicht ohne Opfer zu erreichen ist. 6 bis 7 Prozent Zinsen für zehnjährige Anleihen waren auch in der der vor-Euro-Zeit für Südländer nicht unüblich. Warum sollte Deutschland jetzt beispringen? Die Bundesregierung muss hart bleiben, wenn sie nicht selbst mit in den Finanzstrudel gerissen werden will!

Unverfrorene Forderungen kommen in den letzten Tagen aus den USA. Dort kämpft Präsident Barack Obama um seine Wiederwahl und die Aussichten dafür sind nicht gut, denn die Wirtschaft befindet sich auf Talfahrt. So lässt er ihm wohlgesonnene Kongressmitglieder und Journalisten auf die deutsche Kanzlerin eindreschen. Sie solle endlich ein Konjunkturprogramm anwerfen, das nicht nur Europa, sondern auch auch Amerika aus der Krise hilft. Veranlassung dafür bestehe, denn immerhin hätten die Deutschen den 2. Weltkrieg verursacht und den Holocaust! Gegen diese Tatsachenbehauptungen kann man nur auf eine weitere Tatsache hinweisen: das US-Defizit ist mit 20 Billionen zehn mal so hoch wie das deutsche mit 2 Billionen. Vielleicht wären gerade mal die Chinesen in der Lage, den amerikanischen Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Obama hat seinen Wahlkampf vor vier Jahren unter anderem mit dem Slogan "Yes, we can" gewonnen. Möglicherweise erhöht es Frau Merkels Wahlchancen in 2013, wenn sie kontert mit

"No, we can´t".

Sonntag, 30. Mai 2010

Spekulanten und Zocker

Spekulanten sind wir alle. Wenn wir Aktien kaufen oder in einen Fonds einzahlen, dann erwarten wir natürlich, dass sich unser Geld vermehrt. Und Zocker sind wir zuweilen, wenn wir im Spielkasino, aus einer Laune heraus, hundert Euro auf Zahl wetten. (Der Super-Zocker allerdings marschiert ohne Geld in ein Gourmet-Restaurant und hofft in einer der servierten Austern eine Perle zu finden, womit er das Essen bezahlen kann.)

Zum Kreis der Spekulanten - man nennt sie neutral Anleger bzw. Investoren - zählen neben den Banken auch die Lebensversicherer oder der Riesterfonds. Allen geben wir unser Geld, zumeist in Form von Monatsprämien und in der Erwartung, dass die dort agierenden Finanzmanager unsere Einlagen nach Kräften vermehren.

Ja, und dann gibt es noch die "Heuschrecken", eine Wortprägung, die wir dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering verdanken. Man versteht darunter eine spezielle Art von Investmentfonds, die sich durch geringe Transparenz und eine riskante Anlagestrategie auszeichnen. Die Finanziers dieser Fonds stammen häufig aus Singapur, Dubai und China; ihren Sitz haben die Hedgefonds meist in London oder in steuerbegünstigten Offshore-Finanzplätzen, wie den Kaiman-Inseln. Eine Spezialgruppe sind die Kapitalbeteiligungsgesellschaften (englisch: "Private Equity"). Auch sie handeln ihr Kapital ausserhalb der geregelten Börsen und stellen es vorallem jungen innovativen Unternehmen, wie den Internet- start-ups als Wagniskapital ("venture capital") gegen gutes Entgeld zur Verfügung. Das Kapitalvolumen der Hedgefonds wird in der Öffentlichkeit meist stark überschätzt. Zum Jahresende 2006 hatten die Hedgefonds weltweit einen Kapitalstock von 1.600 Milliarden Euro, was in etwa dem deutschen Schuldenstand entspricht.

Für die Gemeinde der Spekulanten gibt es gute und schlechte Zeiten. Tote Hose ist, wenn der Aktien- und Anleihemarkt ohne grosse Änderungen vor sich hin dümpelt. Gute Zeiten brechen an, wenn Kurse und Renditen "volatil" werden, sich also in kurzen Zeiträumen auf und ab bewegen, was häufig bei Währungen der Fall ist. Dann vervielfachen sich die Chancen auf Gewinne - aber auch auf Verluste.



Der Euro im Auf und Ab zwischen den Jahren 2003 und 2010

Für den Normalsterblichen ist einsichtig, dass er bei steigenden Kursen mit seinen Aktien einen Gewinn erzielen kann - aber wie soll das bei fallenden Kursen möglich sein? Nun, hier zieht der Trick mit den sogenannten Leerverkäufen. Der Spekulant wettet auf fallende Preise an den Börsen, leiht sich von Banken eine gewisse Anzahl von Aktien, weil er selbst keine besitzt. Diese verkauft er umgehend und hofft einige Zeit später die gleichen Aktien an der Börse wieder zurück kaufen zu können, um sie der Bank zurück zu geben. Die Preisdifferenz, abzüglich einer geringen Leihgebühr, ergibt seinen Profit. Mitunter verkaufen Hedgefonds-Spekulanten auch Aktien, die sie überhaupt nicht geliehen haben. Hier spricht man von "ungedeckten Leerverkäufen", die noch einträglicher, aber auch riskanter sind. (Schäuble will sie verbieten).

Auch mit Anleihen kann man gute Geschäfte machen. Wer im Herbst 2009 auf eine Pleite Griechenlands setzte, der konnte sein Kapital bis zum März 2010 vervierfachen,wie man aus dem Bild über die Rendite der Staatsanleihen erkennen kann. Dabei betrachtet sich der Spekulant keineswegs als ein Feind Griechenlands; er kann heute auf die Pleite dieses schönen Landes und morgen bereits wieder auf seine (finanzielle) Genesung wetten. Für ihn gilt kein Gut oder Böse, nur richtig oder falsch.



Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen in Europa

Viel Geld kann man auch mit Kreditausfallversicherungen verdienen. Sie heissen im englischen Sprachgebrauch Credit Default Swap (CDS) und werden ausserhalb der Börse gehandelt. Die Spekulation beginnt dann, wenn Investoren eine Versicherung gegen das Fallieren einer Anleihe kaufen, obwohl sie z. B. überhaupt keine Griechenland-Anleihe besitzen. Der Preis dieser Versicherungen bestimmt, gerade in Krisenzeiten, den Zins, den Griechenland für weitere Kredite bezahlen muss. Viele Hedgefonds haben mit CDS viel Geld verdient, genau so viele haben aber viel Geld verloren. Es ist ein Nullsummenspiel.

Legendäre Hedgefonds-Zocker waren der Amerikaner George Soros und der Kanadier Myron S. Scholes. Soros wettete anfang der 90er Jahre erfolgreich gegen das britische Pfund und strich dabei einen Gewinn von einer Milliarde Dollar ein. Weniger glücklich war Scholes, übrigens der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1997. Er gründete den Hedgefonds "Long-Term Capital Management" (LTCM), verspekulierte sich gewaltig im Optionenhandel und machte 4,5 Milliarden Dollar Verluste!

Bei der Spekulation sollten wir nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Die Zockerei gegen die griechischen Staatsanleihen ist nur das Symptom. Die wahre Ursache liegt in der exzessiven Verschuldung dieses Landes. Die Spekulanten haben dies früher erkannt als unsere Politiker und stürzen sich wie die Löwen auf eine lahme Gazelle. Einer gesunden Gazelle, sprich der Eurozone mit soliden Staatsfinanzen, hätten sie nie gefährlich werden können.

Wie kommen wir aus den gegenwärtigen Dilemma wieder heraus? Der beste Ausweg wäre staatliches Sparen über einen langen Zeitraum. Die derzeit diskutierte "Schuldenbremse" der Bundesregierung sieht Einsparungen von 10 Milliarden Euro pro Jahr vor. Damit wären unsere Staatsschulden von 1.600 Milliarden Euro in 160 Jahren bzw. 40 Legislaturperioden abgebaut. Lässt man (eine Zeitlang) eine moderate Inflation von 5 Prozent pro Jahr zu, dann schmilzt dieser Berg bereits in einem einzigen Jahr um 80 Milliarden (=1.600 * 0,05) ab. Viele halten das letztgenannte Szenario für das Wahrscheinlichere.

In Krisenzeiten werden - zur Beruhigung des Volkes - allerhand Blendgranaten geworfen. So will man die Gewinne der Banken stärker besteuern, ihr Haftungskapital erhöhen oder eine Art Börsenumsatzsteuer (sprich: Kapitaltransaktionssteuer) einführen und anderes mehr. Einiges wird man sicherlich beschliessen, aber das ist im Prinzip nur ein Herumdoktern an den Symptomen und wird weltweit auch nur schwer durchsetzbar sein. In der Zwischenzeit werden sich die "bösen Spekulanten" neue Opfer suchen, wovon es in unseren südlichen Urlaubsländern noch einige gibt.

Zur Aufmunterung, nach dieser deprimierenden Betrachtung, noch ein kleiner Witz. Ganz im Faustschen Sinne beschliessen der Teufel und der Spekulant einen Pakt. Der Teufel verspricht dem Spekulanten alle Kursgewinne der Welt; dafür soll dessen Familie für alle Zeiten in der Hölle braten.

Sagt der Spekulant: "Einverstanden, aber wo ist der Haken?"

Sonntag, 23. Mai 2010

Banken, Banken

Als ich, zu Ende der 50er Jahre, an der Universität München Betriebswirtschaft (BWL) studierte, war "Bankenbetriebslehre" noch ein Nebenfach. Die Studenten konzentrierten sich auf BWL, Volkswirtschaft und Industriebetriebslehre sowie - mit Abstrichen - auf Handelsrecht und Bürgerliches Recht. Die Banken agierten als geachtete (aber wenig beachtete) Dienstleistungsunternehmen für die Privaten, das Gewerbe und die Industrie, indem sie die Spargelder der Privatpersonen vereinnahmten und daraus Kredite formten. Die Leiter dieser Anstalten hiessen damals auch nicht Manager oder Banker, sondern waren angesehene "Bankiers" bzw. Bankbeamte und das zumeist auf Lebenszeit.

Das änderte sich so um die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Firmen grösser wurden und der internationale Handel zunahm. Die Unternehmen brauchten weitaus mehr Kapital als ihnen die örtlichen Banken zur Verfügung stellen konnten; ausserdem vergrösserten sie sich nicht mehr in erster Linie durch inneres Wachstum ("spare, spare, Häusle bauen") sondern durch Zukäufe ganzer Firmen.

Damit schlug die Stunde der Investmentbanken, welche den Konzernen das nötige Kapital bereitstellten, sie bei Fusionen und Beteiligungen berieten sowie beim Gang an die Börse. Diese Investmentbanken - Goldman Sachs ist das prominenteste Beispiel - hatten ihren Sitz an der Wallstreet in New York bzw. in der Londoner City; später legten sich die deutschen Grossbanken in Frankfurt (Deutsche Bank, Dresdner Bank etc.) ähnliche Abteilungen zu und mutierten zu Universalbanken. Diese Investmentbanken drehen ein grosses Rad: sie sind nicht nur Berater und und Kapitalgeber für die Grossunternehmen, sondern offerieren ihre Dienste auch manchen Regierungen, wie das (in verhängnisvoller Weise) bei Griechenland vor dem Eintritt in die Eurozone geschehen ist. Privatpersonen ist es es allerdings verwehrt, dort ein Konto zu unterhalten.

Mit Beginn der 90er Jahre entdeckten die Investmentbanken ein weiteres Feld: den Handel mit selbstgestrickten Derivaten und Zertifikaten. Während sie sich bislang im Wertpapierhandel i.w. auf Aktien und Anleihen konzentriert hatten, denen ein realwirtschaftlicher Wert zugrunde lag, kreierten sie nun börsenfähige Kunstprodukte, welche - eine Zeitlang - den Charme hoher Rendite, aber den Nachteil geringer Durchschaubarkeit besassen. Etwas ironisch gesprochen, boten sie beispielsweise Produkte an, die halb Aktie, halb Anleihe waren und bei denen der Anleger einen 7- prozentigen Gewinnzuschlag erwarten durfte, sofern es am Himmelfahrtstag in Karlsruhe regnete. Diese sog. Derivate gingen einher mit Ausfallversicherungen undTriple A-Bewertungen der schon sattsam bekannten (angloamerikanischen) Rating-Agenturen. Die Käufer standen Schlange. Zum Schluss waren es aber nur noch die unbedarften deutschen Institute IKB, Real Estate sowie die Landesbanken, welche diese "Wertpapiere" kauften, deren heutiger Wert nahe bei Null liegt.

Aber den Investmentbanken wäre dieser Coup nicht gelungen, wenn nicht die ranghöchste Bank, nämlich die amerikanische (und britische) Notenbank mitgespielt hätte. Hinter der US-Notenbank, der berühmten "Fed" (=Federal Reserve System) vermuten die meisten Menschen eine unabhängige Einrichtung des Staates. Doch weit gefehlt: die Fed setzt sich aus 12 regionalen amerikanischen Privatbanken zusammen, wovon die Federal Reserve Bank of New York das grösste Gewicht hat. Diese Fed, aufgepasst!, ist zuständig für den Kauf und Verkauf der amerikanischen Bundesanleihen und der Steuerung des Dollarkurses. Das bedeutet nichts weniger als, dass die grossen amerikanischen Bankhäuser de facto ihr eigenes Geld drucken und über die staatlichen Zinssätze entscheiden.

Als BWL-Student lernte ich noch, dass sich der Zins aus Angebot und Nachfrage ergibt, also eine Art Preis für das Geldkapital darstellt. Diesen Lehrsatz haben die Fed und ihr langjähriger Chef Alan Greenspan souverän ausgehebelt, indem sie zum Beispiel den amerikanischen Immobilienmarkt mit billigem Geld fluteten, wodurch sich jedermann, auch der Ärmste, zum Kauf von Häusern veranlasst fühlte. Die Investmentbanken bündelten gute und (zumeist) schlechte Hypotheken zu undurchschaubaren Derivaten, "verbrieften" sie zu Wertpapieren und betrieben damit profitreich internationalen Handel mit Finanzmüll. Die Bankmanager steckten jedes Jahr Milliarden an Boni ein. Ergebnis siehe oben.

Das System wurde noch dadurch gefördert, dass häufig die Chefs von Goldman Sachs zu US-Finanzministern ernannt wurden, nach dem Motto: "what´s good for G&S, is good for the country". Damit schloss sich der Kreis in verhängnisvoller Weise. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist derzeit dabei, die Kompetenzen der Fed zu beschneiden. Ein Untersuchungsausschuss befasst sich mit den dubiosen Entscheidungen der Fed in der Vergangenheit und der US-Senat hat bereits angekündigt, dass er Obamas Gesetzentwürfe zur Finanzmarktreform unterstützen wird.

Bis vor kurzem galt die Europäische Zentralbank (EZB), verglichen mit den amerikanischen und britischen Notenbanken, als Hort der Unabhängigkeit gegenüber den Geschäftsbanken und den Regierungen. Dieser Ruf ist lädiert seit die EZB in der Nacht des 9. Mai 2010 eine folgenreiche Entscheidung getroffen hat. Präsident Jean-Claude Trichet sah sich veranlasst am 720 Milliarden Rettungsprogramm der Euroländer mitzuwirken, um Angriffe der Spekulanten gegen die Euro-Währung zu stoppen. Er tat dies, indem er grosse Mengen von Ramschanleihen vom Markt nahm und dafür den Gläubigerbanken gute Euros aushändigte. Das heisst konkret: wo früher die Banken für ihre leichtsinnige Kreditvergabe hafteten, ist dieses Risiko nun auf die europäischen Steuerzahler übergegangen.

Natürlich war diese Crash-Aktion von allerlei guten Sprüchen begleitet. So heisst es, dass das zusätzliche Zentralbankgeld nicht zu einer inflatorischen Aufblähung führen würde, weil man das "Entweichen in die reale Wirtschaft" verhindern werde. Originalton Trichet: "Wir schöpfen die zusätzliche Liquidität rechtzeitig wieder ab, jeden einzelnen Euro". Naja, man wird sehen. Jedenfalls bleibt diese Intervention ein Tabubruch der EZB, den man sich noch vor Wochen nicht hätte vorstellen können.

Ein Bruch der Geschäftsordnung war auch die Vergabe der 123 Milliarden Stützungsgelder an Griechenland, die unsäglich lange (bis zur, dennoch verlorenen, Wahl in Nordrhein-Westfalen) diskutiert worden ist. Hier hat sich die deutsche Regierung - wir haben´s ja - sehr grosszügig gezeigt, wie aus den folgenden zwei Abbildungen hervor geht. Im oberen Bild ist ist zu sehen, dass die französischen Banken mit 78,8 Milliarden Euro grösster Gläubiger der Griechen sind. Die deutschen Banken folgen mit 45,0 Mrd. beträchtlich weit dahinter. Trotzdem hat Deutschland - unteres Bild - mit 22,336 Mrd. den bedrängten Griechen die meiste Finanzhilfe zugestanden; die Franzosen gaben mit 16,776 Mrd. deutlich weniger.


Griechische Schulden (oben) und Finanzhilfe für Griechenland (unten)


Die schwächelnden Länder der Euro-Zone werden unter dem etwas anrüchigen Namen PIIGS zusammen gefasst. Man versteht darunter Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Die deutschen Banken und Privatanleger haben PIIGS-Anleihen im Wer von 533 Milliarden Euro in ihren Portefeuilles. Wenn diese Kredite platzen, dann gute Nacht.

Zwischenzeitlich bezweifeln Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank und andere zwar, dass die Griechen das geliehene Geld je zurückzahlen werden - aber die Neue Züricher Zeitung sieht in ihrer Ausgabe vom 9. Mai 2010 trotzdem Möglichkeiten, die reichen griechischen Steuersünde zu identifizieren und zur Kasse zu bitten.

Denn: Athen weist die zweithöchste Dichte an Porsche Cayenne auf - nach Moskau!

Sonntag, 16. Mai 2010

Die Macht der Rating-Agenturen

Sie sind bekannt geworden im Verlaufe der Finanzkrise vor zwei Jahren und auch jetzt, während der Griechenlandkrise, sind sie in aller Munde: die Rating-Agenturen. Dies sind Firmen, welche (in Lehrermanier) die Kreditwürdigkeit anderer Unternehmen, oder gar ganzer Staaten, bewerten und damit dem Anleger oder Gläubiger - heute spricht man gerne vom Investor - vor Zahlungsausfall durch den Schuldner zu bewahren. Viele Deutsche denken dabei an eine Art Finanz-TÜV oder an die Stiftung Warentest, womit sie aber nur zu 50 Prozent richtig liegen.


Denn die Ratingagenturen sind keineswegs staatliche Organisationen oder neutrale Stiftungen sondern Privatfirmen, die auf Gewinn ausgerichtet und dem Profit ihrer Aktionäre verpflichtet sind-wobei sie für ihre Empfehlungen noch nicht mal haften! Darüberhinaus beherschen die drei Grossen praktisch monopolartig den ganzen Weltmarkt. Ihre Namen: Standard & Poors (USA), Moody´s (USA) und Fitch (GB). Standard & Poor´s (S&P) gehört dem Medienkonzern McGraw-Hill, der weltweit verbreiteten Wirtschaftszeitung BusinessWeek und dem US-TV-Sender ABC. Moody´s Hauptaktionär ist - man glaubt es kaum - der Amerikaner Warren Buffett, der reichste Milliardär der Welt. Fitch sitzt in New York und London und gehört derzeit der französischen Fimalac-Gruppe.

Angeblich nehmen die Mutterkonzerne und Hauptaktionäre keinen Einfluss auf das tägliche Bewertungsgeschäft ihrer nachgelagerten Ratingagenturen - aber wer´s glaubt, wird selig. Will Herr Buffett, beispielsweise, sein Geld in einem Unternehmen investieren, dann bedürfte es schon heroischer Zurückhaltung, nicht vorher "bei seinen Jungs bei S&P" anzuklingeln um sich nach dem Finanzstatus dieser Firma zu erkundigen.

Die Bewertung der Schuldner geschieht nach einer Art Schulnotensystem; allerdings werden anstelle der Noten 1 bis 6 Buchstabenkombinationen verwendet. Die Buchstaben reichen (über 18 Stufen) von AAA ("Triple A") bis D. Bei Länder (oder Firmen) im A-Bereich - Beispiel Deutschland - ist das Ausfallrisiko gering; der Investor wird sein Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit samt Zinsen zurückerhalten. Im B-Bereich, beginnend mit BB+ - Beispiel Griechenland - wird die Anlage als spekulativ eingestuft und im Bereich C und D - Beispiel Ecuador - wird es duster. Der Gläubiger muss mit Zahlungsverzug bzw. totalem Zahlungsausfall rechnen. Konkret heisst dies, dass viele Länder in Süd-und Mittelamerika, in Afrika und in Osteuropa, welche dieses Rating besitzen, praktisch vom Kapitalmarkt ausgeschossen sind oder extrem hohe Zinsen für ihre Anleihen zahlen müssen, um deren Ausfallrisiko abzudecken. Simpel gesprochen: die Reichen haben niedrige Zinskosten, die Armen sehr hohe.



Die Rating-Agenturen und ihre (leicht unterschiedlichen) Bewertungen

Die Macht und den Einfluss derRatingfirmen kann man kaum überschätzen. Mit ihren Bewertungen entscheiden sie über das Wohl und Wehe jedes grösseren Unternehmens und nicht zuletzt über Aufstieg und Untergang ganzer Regionen und Staaten. Der Kolumnist Thomas Friedman schrieb vor zehn Jahren in der "New York Times" folgendes: Es gibt heute zwei Supermächte: die Vereinigten Staaten von Amerika und die Ratingagenturen. Und glauben Sie mir, es ist keinesfalls sicher, wer die Mächtigere von beiden ist. Sollte Deutschland im Verlaufe der gegenwärtigen Griechenlandkrise seine AAA-Bewertung verlieren, so hätte es viele Milliarden Euro an zusätzlichen Zinszahlungen zu leisten; die Haushaltsprobleme wären kaum noch zu beherrschen.

Aber die internationale Kritik an den Ratingagenturen wächst. Insbesondere, weil sie sich von den Anleiheemittenten bezahlen lassen, also den Unternehmen, welche die Anleihen in Umlauf bringen. Kungeln ist da nicht ausgeschlossen. Warum sollte sich ein Anleihegeber, sprich Schuldner, nicht die "netteste" Ratingfirma aussuchen? In den USA laufen derzeit Prozesse gegen Moody´s und S & P, worin diese verdächtigt werden, allzu positive Ratings gegen gute Bezahlung verliehen zu haben.


Unbestreitbar ist das Versagen der Ratingagenturen bei der sogenannten Subprime-Krise vor drei Jahren. Damals bündelten die Investmentbanken der Wallstreet Ramschhypotheken insolventer Schuldner zu einem undurchschaubaren Knäuel von Zertifikaten und Derivaten. Die Ratingunternehmen versahen sie mit ihrem Super-Gütestempel AAA, wodurch die Papiere "wertvoll" wurden und in den internationalen Kreislauf gebracht werden konnten. Einen Grossteil dieser Papiere erwarben die unbedarften deutschen Landesbanken und kurze Zeit danach stuften die gleichen Ratingfirmen diese Zertifikate auf "junk" (=Müll) ab, womit die Anleihen praktisch wertlos geworden sind.

Auch im Falle von Griechenland trieben die Rater ein ein dubioses Spiel. Die Verschuldung dieses Landes war seit langen bekannt; trotzdem lag sein "Investment Grade" bei A, wobei Griechenland sogar noch vor China (A-) rangierte. Als in der EU die Finanzhilfen für Griechenland bereits anliefen, gossen die Agenturen noch Öl ins Feuer, indem sie das Kreditniveau dieses Landes auf BB+ (Ramsch) herabstuften. Dieses merkwürdige Timing sandte Schockwellen in die Finanzwelt, welche noch lange spürbar sein werden.

Bei so viel anzuzweifelnder Kompetenz und gleichzeitigem Machtanspruch fragt man sich, warum es die Ratingfirmen überhaupt noch gibt. Nun, sie sind in erster Linie eine US-amerikanische Veranstaltung. Dort sind sie schon seit hundert Jahren aktiv und in den Satzungen der allmächtigen Pensionsfonds steht sogar geschrieben, dass sie nur Anleihen kaufen dürfen, die von Moody´s und Co. gut bewertet sind. Darüberhinaus kommt es der amerikanischen Finanzwelt wohl auch gelegen, wenn sie die "Buchhaltung" der europäischen Firmen und Wettbewerber durchstöbern dürfen. Auch der Karlsruher Stromversorger liess sich von allen drei Agenturen bewerten und verkündete bei der kürzlichen Hauptversammlung stolz sein Rating A-.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: warum gibt es keine europäische Ratingagentur, etwa unter der Aufsicht der EU oder der Europäischen Zentralbank? Nun, es gibt diese Idee schon seit mehr als zehn Jahren, ohne, dass bisher etwas geschehen wäre. Europas Uhren ticken langsam, zu langsam; unsere Politiker sind eben Schlaffis.

Inzwischen zahlen wir Steuerbürger die Rechnung!

Samstag, 18. April 2009

Ein bißchen Protektion?

Die Wirtschaftskrise hat einige (bislang) eherne Gesetze ad absurdum geführt. So zum Beispiel die Forderung, wonach die Politik sich aus der Wirtschaft heraus halten solle, weil der Markt allein alles bestens richte. Jetzt erkennen wir: das tut er mitnichten. Ohne die Interventionen der Staatengemeinschaft wäre der weltweite Geld- und Güterkreislauf längst zum Erliegen gekommen. Mit katastrophalen Folgen für uns alle.

Ein anderes Prinzip, das während der vergangenen zwanzig Jahre gebetsmühlenartig wie ein Mantra verkündet wurde, ist die sogenannte Globalisierung. Insbesondere die Chefs der Grosskonzerne wurden nicht müde, den ungehinderten Freihandel als eine Grundvoraussetzung für unser aller Wohlstand zu postulieren. Gleichzeitig verdammten sie das Gegenstück, den Aufbau von nationalen Schutzzöllen - also die Protektion - als ein Abgleiten in die wirtschaftliche Hölle.

Eine ganze Zeitlang schien die Globalisierung gut zu laufen - insbesondere im Sinne von uns Verbrauchern. Die Fernseher, Videorekorder und Schlagbohrmaschinen wurden immer billiger. Sie waren eben von dienstbaren Geistern im fernen Asien zusammen geschraubt worden, die noch nicht unser Wohlstandsniveau beanspruchen durften. "Geiz ist geil" war derweil unser Motto; die ganze westliche Welt befand sich auf Schnäppchenjagd. Erdbeeren im Dezember und Spargel im Januar waren nichts Ungewöhnliches mehr. Sie wurden sogar von Aldi und Lidl geliefert. Von ferne her.

Inzwischen wird uns im Westen die Rechnung für diesen ungezügelten Freihandel präsentiert. Am schlimmsten trifft es die US-Amerikaner. Ihnen sind in den letzten Jahrzehnten zwei Drittel des produzierenden Gewerbes weggebrochen; der Rest - siehe General Motors - steht vor der Insolvenz. Die Supermarktkette Wal-Mart versorgt ihre Kunden zwar zu Tiefstpreisen, aber von 6.000 Lieferanten kommen 5.000 aus Asien. Inzwischen sind die USA finanziell den Chinesen ausgeliefert. Wenn China aufhören würde US-Staatsanleihen zu kaufen, dann wäre Amerika zahlungsunfähig. Auch die Franzosen und die Schweizer spüren den asiatischen Druck. Der Weltmarkt für Handtaschen, Uhren etc. ist überschwemmt mit täuschend ähnlichen Raubkopien aus Taiwan, China und Korea. Und wir Deutsche, leben wir auf einer Insel der Glückseligkeit? Keinesfalls, denn im Hamburger Hafen ist es seit langem Usus, dass grosse Containerschiffe gefüllt mit Produkten aus Asien entladen werden - um dann leer wieder zurück zu fahren. Aber sind wir nicht Exportweltmeister? Vergessen wir dies. Der Grossteil der wertschöpfenden Produktion findet längst in China oder Indien statt; in Deutschland sitzt meist nur noch die Konzernzentrale.

Der wirtschaftliche Kampf auf den Weltmärkten wird mit ungleichen Waffen geschlagen. Während in der deutschen Kostenkalkulation Positionen wie Jahresurlaub, Krankenschutz, Arbeitslosenversicherung, Umweltvorschriften etc. als Kostenbestandteile eingerechnet sind, wird die Waschmaschine in Indien zumeist ohne Sozialschutz der dortigen Arbeiterschaft, ja zuweilen sogar durch Kinderarbeit zusammen gebastelt. Entfallen dann auch noch die rigiden westlichen Umweltschutzvorkehrungen, ja dann muss dieses Gerät unschlagbar niedrige Kosten aufweisen. Verkauft wird es aber dort, wo man den höchsten Preis dafür erzielen kann, zum Beispiel in Deutschland.

Als Folge müssen die heimischen Hersteller ihre Sozialstandards immer weiter reduzieren, die Löhne einfrieren oder sogar kürzen und schliesslich ihre Werke eben doch nach Rumänien oder China verlagern. Die grossen Konzerne gerieren sich seit langem als "global player", etwa indem sie die Rohstoffe in Brasilien einkaufen, die Komponenten in China beschaffen und in Vietnam assemblieren lassen. Als "vaterlandslose Gesellen" können sie den Märkten hinter her ziehen; die Arbeiter werden an den nationalen Grenzen aufgehalten. In Deutschland will die Wirtschaft von der Politik "in Ruhe gelassen werden"; in China, Südkora und Singapur dirigiert der Staat die Wirtschaft ganz autokratisch und zuweilen sogar diktatorisch. Nein, in der Weltwirtschaft herrscht keine Parität. Sowohl der Wertekanon als auch die wirtschaftlichen Regeln sind in West und Ost vollkommen verschieden.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in letzter Zeit immer häufiger die Idee einer amerikanisch-europäischen Freihandelszone propagiert wird. Nach Dirk Müller ("Mister DAX") soll sogar Bundeskanzlerin Merkel Sympathie für dieses Modell haben. Die Länder ausserhalb USA und Europa dürften nach diesem Modell weiterhin ihre Produkte an diese Freihandelszone verkaufen - aber mit Preisaufschlag! Ein Schutzzoll von 15 bis 20 Prozent würde die soziale Parität wieder herstellen. Die Waschmaschien wären dann zwar in Deutschland teurer, aber für einen Mittelständler wäre es wieder lohnenswert eine Fabrik in Bayern oder Hessen zu errichten, um damit Arbeitsplätze zu schaffen. Natürlich würden die Grosskonzerne bei Einführung der Protektion Gift und Galle spucken, denn nun können sie bei den Löhnen nicht mehr die Arbeiter in Bochum und Shanghai gegeneinander ausspielen.

Nicht unterschätzen sollte man aber die Schwierigkeiten bei der Bemessung und Abgrenzung der Schutzzölle. Ein bißchen Protektion hört sich leicht an, aber klingt es nicht verteufelt nach:

ein bißchen Schwangerschaft?

Sonntag, 12. April 2009

Vom Trash zum Crash

Ein Gespenst geht um in Europa - und darüber hinaus. Das Gespenst des "crash", des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, hervorgrufen durch ein Übermass an "trash", nämlich wertlosen, finanziellen Schrotts. Karl Marx, längst eingesargt, feiert fröhliche Urständ; sein dicker Wälzer, "Das Kapital", wird wieder aufgelegt, wenn auch nicht von allen Käufern unbedingt gelesen.

Es sind die modernen Katastrophenpropheten, welche die Bestsellerlisten stürmen. Der Wormser Volkswirtschaftler Max Otte mit seinem Buch "Der Crash kommt" und der Frankfurter Börsenhändler Dirk Müller, der den "Crashkurs" postuliert. Diese Crash-Ideologen schaffen es - anders als Karl Marx - auf zweihundert Seiten die Weltkrise "allgemeinverständlich" darzustellen und zum Schluss dem geneigten Leser sogar noch praktische Rezepte mitzugeben, wie er aus dem wirtschaftlichen Schlamassel wieder herauskommt - und zwar reicher, als er hineingegangen ist.

Max Otte lehrt an der Fachhochschule der Nibelungenstadt und war lange Zeit Gast im "Börsenspiel" des TV-Senders 3sat. Er lässt in seinem Buch mehrfach durchblicken, dass ihn die Nobelriege der deutschen Wirtschaftswissenschaftler nicht zu den Ihrigen zählt, worunter er etwas zu leiden scheint. Nun, einkommensmässig hat er diese Herrschaften mit seinem bereits 2006 erschienen Bestseller sicherlich längst überholt.

Otte hat in seinem Buch die Risiken des amerikanischen "Traum vom Eigenheim" klar erkannt. Wer dort ein freistehendes Einfamilienhaus erwirbt (und sei es in einer noch so monotonen Vorortsiedlung) fühlt sich mit einem Schlag als "richtiger Bürger" der Vereinigten Staaten. Otte machte schon frühzeitig auf die Risiken der gebündelten Hypothekenkredite aufmerksam mit welchen die Banker die Zahlungsströme (Zinsen und Rückzahlungen) in eine Anleihe umwandelten. Und auf die Hedgefonds, die Speerspitze der globalen Spekulation, welche sich durch sog. Leerverkäufe nahezu beliebig verschulden können - ohne von der Finanzaufsicht überwacht zu werden. Dies führte zu dem Schuldenimperium, mit dem die USA derzeit konfrontiert sind.

Anders beurteilt er die Situation in Europa. Dort hat man seit Jahrzehnten ein niedriges Wirtschaftswachstum und eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Europäische Union ist für ihn eine bürokratische Superstruktur, die früher oder später kollabieren muss. Der Gemeinschaftswährung, dem Euro, gibt er allenfalls noch ein paar Jahre bis er abgeschafft wird. Die kommende Krise in Europa ist für Otte prinzipiell deflatorischer Natur - anders als in den USA, wo die Regierung versuchen wird, sich ihrer Schulden durch gezielte Inflation zu entledigen.

Und wie soll sich der "kleine Mann" auf diese Krisen vorbereiten? Nach Otte darf er in der Deflation so wenig Schulden wie möglich machen. Stattdessen soll er in "sichere Währungen" investieren, wozu weder Dollar, noch Euro, noch Yen gehören. Sie fragen, was übrig bleibt? Nun, der Schweizer Franken, der Singapur-Dollar und die Norwegische Krone. Für die ganz grosse Krise empfiehlt Otte das Vermögen in vier gleiche Gruppen aufzuteilen: Bargeld, Gold, Immobilien und Aktien. Schliesslich hält er Forst- Acker- und Weideland für eine gute Krisenanlage. Der Preis für land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen wird seiner Meinung nach "durch die Decke gehen."

Für Dirk Müllers Buch "Crashkurs" benötigt man kein BWL-Studium, sondern - wie er selbst zugibt - lediglich gesunden Menschenverstand. Er ist gelernter Bankkaufmann, seit längerem Kursmakler an der Frankfurter Wertpapierbörse und bezeichnet sich gerne als "Mister DAX". Mikro- und Makroökonomie sind nicht seine Sache, er bevorzugt die direkte Ansprache. Das zentrale Kapitel seines Buchs trägt deshalb auch die Überschrift: "Die wirtschaftliche Kernschmelze - das Horrorszenario".

Müller sieht die USA und Europa auf einer deflatorischen Abwärtsbewegung, an deren Ende eine ähnliche Weltwirtschaftkrise lauert wie im Jahr 1929. Den Ablauf stellt er sich folgendermassen vor: die Immobilienpreise, insbes. in den USA, fallen ins Bodenlose (welch ein passender Ausdruck!), die Aktienwerte sinken auf Altpapierniveau und überall herrscht Massenarbeitslosigkeit. Händeringend wird nur eines nachgefragt: Bargeld. Dieses ist nur zu hohen Zinsen zu erhalten; sogar Gold wird im Preis deutlich zurückgehen. Am Tiefpunkt, wenn die Aktienkurse "ausgebombt" sind und die Immobilien wie Sauerbier verschleudert werden, sollte man sein verbliebenes Bargeld "schnell" investieren.

Dieses Zeitfenster öffnet sich, nach Müller, nur ganz kurz - denn anschliessend führt die US-Regierung eine Währungsreform durch. Da die Staatsschulden sowieso nicht mehr rückzahlbar sind, erklärt man kurzerhand die Zahlungsunfähigkeit. Eine neue Dollarwährung wird eingeführt, die in einem gewissen Verhältnis mit Gold und Silber unterlegt ist. Die Regierung stattet die verarmten Bürger mit einem Grundbetrag aus, ähnlich wie die 40 DM Startgeld bei der Bundesrepublik im Jahr 1948. Die alten Dollars werden in einem gewissen Verhältnis, zum Beispiel 1:100, umgetauscht. Die einfachen Bürger fangen praktisch wieder bei null an, aber aufgrund der schrecklichen Erlebnisse während der vergangenen zwei oder drei Jahre geben sie sich damit zufrieden.

Auch für Europa sieht Müller ein neues Währunggefüge kommen. Die enorm hohen Bankengarantien von 500 Milliarden Euro sind für ihn ein Indiz, dass die deutsche Regierung nur noch auf kurze Zeit "den Laden zusammenhalten kann." In seiner Homepage spricht er von einem "wirtschaftlichen Tsunami", der im Begriffe ist an Land zu gehen. Er empfiehlt Lebensmittel zu bunkern und auf alles gefasst zu sein.

Müllers Buch ist derzeit auf Platz 13 in der Bestseller-Liste des "SPIEGEL". Offensichtlich scheint sein Schreckensszenario viele Menschen anzusprechen. Da er, wie gesagt, seine Vorstellungen nicht volkswirtschaftlich unterlegt, ist es schwer, diese einer seriösen Kritik zu unterziehen. Vielleicht sollte man sich daran erinnern, was die Rheinländer - und insbesondere die Kölner - in derart schwierigen Situationen an hilfreichen Sprüchen so von sich geben:

"Et kütt wie et kütt"

"Et hätt noch immer jot jegange"

Mittwoch, 1. April 2009

Dollars galore

Es war die Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg als Hollywood einen Film produzierte, der die Menschen ins Kino strömen liess, wo sie für ein paar Stunden ihre Sorgen vergessen konnten. Dabei war das Drehbuch eher tragisch angelegt: ein Frachtschiff, beladen mit 50.000 Fässern, geriet in dem stürmischen Meer um Schottland in Seenot und zerschellte an einer Inselgruppe, die heute unter dem Namen "Äussere Hebriden" bekannt ist. Die Inselbewohner, gewohnt aus derartigen Havarien persönlichen Vorteil zu schlagen, machten sich sofort zur Unglücksstelle auf und bargen einige hundert Fässer auf Verdacht und ohne deren Inhalt zu kennen. Als sich herausstellte, das sie mit bestem Whisky gefüllt waren, kam bei den Insulanern unbändige Freude auf. Sie setzten sich spontan zu einer Saufparty zusammen und aus ihren rauen Kehlen ertönte der Ruf "Whisky galore". Für Nichtkenner der gälischen Sprache: "Whisky in rauen Mengen".

So ähnlich könnte es gewesen sein, als die US-amerikanischen Bankmanager in ihren mahagoniholzgetäfelten Wallstreetbüros zusammen sassen und davon hörten, dass ihnen Präsident Obama ihre derzeit wertlosen Schrottanleihen für sage und schreibe tausend Milliarden Dollars abkaufen wolle. Nur damit sie endlich wieder Kredite an ehrbare Kaufleute vergeben. Die Chefs von Goldman Sachs, Citibank und Bank of Amerika, deren Namen meist nur in Verbindung mit Bonuszahlungen bekannt sind, schlugen sich - diskret, selbstverständlich - auf die Schenkel, liessen aus den Tresoren fünfzig Jahre alten Whisky holen und stöhnten erleichtert: "Dollars galore". Dollars in rauen Mengen!

Die amerikanische Regierung flutet die Märkte derzeit mit frischem Geld, will damit die Wirtschaft wieder in Gang bringen, geht aber gleichzeitig ein hohes Risiko ein. Wird diese Liquidität nicht rechtzeitig wieder aus dem Geldkreislauf entfernt, dann kann durchaus die Gefahr einer Inflation, ja sogar einer Hyper-Inflation drohen. Ähnliche Experimente wurden in den vergangenen Jahrzehnten mit dem russischen Rubel und dem argentinischen Peso angestellt und jedes Mal haben sie zu einer beträchtlichen Aufweichung dieser Landeswährungen geführt. Diesmal ist es der Dollar, die Leitwährung der ganzen Welt, an der herumlaboriert wird.


China grummelt bereits vernehmlich gegen diese Sonderstellung des Dollars und fordert mittelfristig seine Ablösung als Weltleitwährung. Und Chinas Stimme hat Gewicht; immerhin ist dieses Land der grösste Gläubiger der USA. Würde China keine US-Staatsanleihen mehr kaufen, dann wäre Amerika in grösster Not. Auch die Tatsache, dass einige Rohstoffe wie Erdöl, Uran etc. noch traditionell in Dollars bezahlt werden - also diese Währung stützen, indem sie eine Nachfrage schaffen - würden die USA langfristig nicht aus der Patsche helfen.


In Deutschland gibt es noch keine Anzeichen für steigende Preise. Im Gegenteil, die Teuerungsrate kann im Sommer sogar negativ werden. Um einer Deflation vorzubeugen, könnte sich die Europäische Zentralbank dann genötigt sehen, ebenfalls die Geldschleusen zu öffnen. Diese Geldvermehrung wird zu einem Risiko für die Stabilität des Euro werden - ohne, dass man gleich die Gefahr einer "Währungsreform" beschwören muss.

Aber zurück zum Dollar. Er ist schon seit langem kein Fels in der Brandung mehr, sondern hat im Verlauf seiner über 200-jährigen Geschichte sukzessive an Wert verloren. Dies ist nur deshalb nicht so offenbar geworden, weil die Währungen um ihn herum - insbesondere die der (kriegführenden) Europäer - noch stärker aufgeweicht beziehungsweise ganz vernichtet wurden.

Wer weiss schon noch, dass bei der Gründung der Vereinigten Staaten vor über zweihundert Jahren der "United States Dollar" eine Münze mit einem Silbergehalt von 24 Gramm war? Im Zockerparadies Las Vegas kann man sie, mit einigem Glück, heute noch besichtigen. Im Zusammenspiel mit der Goldmark des deutschen Kaiserreichs und dem Goldpfund Grossbritanniens waren diese drei Hauptwährungen mehr als ein Jahrhundert lang stabil. Das änderte sich mit Beginn des 1. Weltkriegs. Die Golddeckung der Währungen in Deutschland und England wurde abgeschafft, denn ohne Einführung von Papiergeld hätte man diesen Krieg gar nicht führen können. Auch in den USA sah sich Präsident Theodore Roosevelt 1933 genötigt, den privaten Goldbesitz zu verbieten und sogar unter Strafe zu stellen. Private Banktresore wurden zwangsweise geöffnet und alles Gold darin konfisziert. (Deshalb liebe Goldbesitzer: vertrauen Sie Ihre Goldmünzen und -barren nicht einem Bankschliessfach an. Gleiches könnte auch hierzulande passieren. Vergraben Sie Ihr Gold lieber im Garten; es rostet ja nicht.)

Im 2. Weltkrieg liessen sich die Amerikaner all ihre Waffenlieferungen in Gold bezahlen und verfügten somit - zusammen mit dem vorher eingezogenen Privatgold - über erhebliche Goldreserven. Das ermöglichte ihnen für den Dollar einen Goldstandard einzuführen. Im sogenannten Abkommen von Bretton-Woods (benannt nach einem Dörfchen mit 600 Einwohnern!) legten sie fest, dass eine Unze Gold (ca. 28 Gramm) exakt 35 Dollar wert sei. Aber die folgenden Kriege gegen Nordkorea, und vorallem gegen Vietnam, liess auch den Golddollar wieder weich werden. Offen zutage trat dies, als die Franzosen 1969 ihre gesamten Dollarnoten bei der US-Notenbank einreichten und dafür Gold ausbezahlt haben wollten. Peinlicherweise konnten die Amerikaner nicht liefern, sie waren praktisch pleite. Präsident Nixon kündigte sein Versprechen, Gold für vorgelegte Dollarnoten auszuliefern, einfach auf.

Heute ist der Dollar lediglich ein Stück Papier, ohne jede Gold- oder Silberdeckung. Auf der US-Dollarnote steht (in feiner Ironie) nur noch der lapidare Satz:


"In God we trust".

Donnerstag, 26. März 2009

Die Zauberformel des Doktor Li

Es ist wohlbekannt, dass die derzeitige Weltwirtschaftskrise in den USA ihre Anfang nahm. Investmentbanken, Hedgefonds und Private-Equity-Firmen hatten sich auf den Handel mit Krediten gestürzt. Immobilienkredite, Autokredite, Kreditkartenkredite - alles wurde gebündelt, verpackt, versichert und quer über den Globus weiterverkauft. Collaterized Debt Obligations (CDO) hiessen diese Produkte im Börsenslang. Selbst Ausfallrisiken wurden noch zu einem handelbaren Wert: sogenannte Credit Default Swaps (CDS) sollten Investoren absichern, falls die Schuldner in Verzug gerieten.

Mittlerweile ist der Finanzmarkt weltweit zusammengebrochen und die Fachleute suchen nach den Ursachen. Gab es bei den Banken, Versicherern und Ratingagenturen nicht eine Armada an Finanzmathematikern, welche die Risiken dieser Zertifikate auf Kommastellen genau berechnet hatten? Wohl falsch, denn in der Märzausgabe des amerikanischen Wissenschaftsmagazins "Wired" wird die Behauptung aufgestellt, die Wallstreet sei durch eine fehlerhaft angewendete mathematische Formel des Finanzstatistikers Dr. Li zu Fall gebracht worden. Klingt abenteuerlich, ist aber nicht so unwahrscheinlich, wie im Folgenden beschrieben werden soll.

Dr. David X. Li - noch lebend - stammt aus einem bäuerlichen Gebiet in China, hatte in seiner Heimat und in Kanada Statistik und Versicherungsmathematik studiert und arbeitete u.a. bei der Investmentbank JPMorganChase. Im Jahr 2000 veröffentlichte er im "Journal of Fixed Income" seine richtungsweisende Arbeit "On Default Correlation: A Copula Function Approach". Diese Funktionsgleichung - im Rahmen eines Blogs nicht darstellbar - bildete in der Folge die Basis für die Risikobewertung der Wertpapiere und Zertifikate, welche heute zum grössten Teil als unverkäuflicher "Finanzmüll" bei den Banken liegen.

Li´s Zauberformel schien etwas leisten zu können, wonach die US-Banker seit langem händeringend gesucht hatten: die rechnerische Feststellung des Risikos, wenn man eine Vielzahl anonymer Kredite, sozusagen "Kraut und Rüben," zusammen schnürte und verkaufte. Im Kern definierte Li durch seine Gleichung sogenannte Korrelationskoeffizienten als Indikatoren für die Risikobelastung der Banken.

Korrelationskoeffizienten können sich stark ändern, wenn verschiedenartige Risiken gebündelt werden, wie das folgende Trivialbeispiel zeigt. Betrachten wir das Schulmädchen Alice an einer Grundschule in Florida. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Eltern in diesem Jahr scheiden lassen, könnte bei 5 Prozent liegen; das Risiko, das sie Kopfläuse bekommt, möge ebenfalls 5 Prozent betragen. Die Chance, dass sie ihre Lehrerin auf einer Bananenschale ausrutschen sieht, soll auch 5 Prozent betragen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie Klassenbeste im Kopfrechnen wird, mag ebenfalls mit 5 Prozent angenommen werden. Das gleiche Quartett an Wahrscheinlichkeiten könnte für das gleichalterige Schulmädchen Britney gelten, welches etwa hundert Kilometer von Alice entfernt wohnt.

Nun aber "bündeln" wir die genannten Risiken, indem wir Alice und Britney nebeneinander auf die Schulbank setzen. Wie sehen die Wahrscheinlichkeiten jetzt aus? Nun, am Scheidungsrisiko für die Eltern von Alice wird sich dadurch nichts ändern, es bleibt bei 5 Prozent. Hier gibt es keine Korrelation, keinen Zusammenhang. Sollte aber Britney Kopfläuse bekommen, dann ist das Risiko für Alice wegen der körperlichen Nähe deutlich gewachsen - vielleicht auf 50 Prozent, entsprechend einem Korrelationsfaktor von 0,5. Wenn Britney die Lehrerin auf einer Bananenschale ausrutschen sieht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Alice dies auch mitbekommt, denn sie sitzen ja nebeneinander. Man kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent rechnen, also einem Korrelationskoeffizienten nahe bei 1. Schliesslich: sollte Britney Klassenbeste im Kopfrechnen werden, dann ist Alice´Chance für diesen Preis auf Null Prozent gesunken, entsprechend einem Korrelationskoeffizienten von minus 1.

Ein Versicherungsunternehmen, zum Beispiel Lloyds in London, hätte Alice und Britney sicherlich zu einem annehmbaren Tarif auf das Eintreffen dieser vier Ereignisse versichert - vorausgesetzt, sie wären ,wie anfangs, hundert Kilometer auseinander gewohnt. Beim Zusammenrücken auf eine Schulbank wären die Eintrittswahrscheinlichkeiten - und damit die Risiken für die Versicherung - allerdings völlig unübersichtlich geworden und Lloyds hätte vermutlich gepasst oder eine exorbitante Prämie verlangt.

Eine ähnliche Situation lag bei den amerikanischen Kreditgeschäften vor. Das Risiko, etwa des Hypothekenmarkts, ist relativ gut überschaubar, wenn es in einem Gebiet nicht allzuviele Hauskäufer gibt. Einzelne mögen zwar Probleme mit der Rückzahlung ihrer Hypotheken haben, aber die meisten werden ihren Verpflichtungen wohl nachkommen. Das ist jedoch nicht mehr der Fall, wenn "Hinz und Kunz" von cleveren Maklern zum Hauskauf überredet werden, welche sich diese Kreditbelastungen nicht leisten können. Es kommt zu umfassenden Zahlungsausfällen, die sich epidemisch ausbreiten können.

Li´s Finanzformel berücksichtigte diese Extremsituationen nicht, stattdessen ging sie von falschen Korrelationskoeffizienten aus. Deshalb war sie auch in der Anwendung so einfach, was ihre Beliebtheit bei Bankern, Versicherern und Ratinganalysten erklärt. Dabei hat es an Warnungen nicht gefehlt. Der Mathematiker Paul Embrechts von der ETH Zürich hat bereits im Jahr 2001 auf die Diskontinuitäten in den Korrelationen hingewiesen, fand aber kein Gehör.

Dr. David X. Li wurde noch vor wenigen Jahren als kommender Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften an der Wallstreet heiss gehandelt. Nach dem globalen Finanzzusammenbruch ist er Hals über Kopf in sein Geburtssland China zurück geflüchtet und verweigert jedes Interview zu seiner Zauberformel. Aber kann man ihn allein verantwortlich machen für das weltweite Finanzdesaster?


Welche Schuld trifft Newton, wenn jemand seine Bewegungsgesetze falsch interpretiert, zu spät auf die Bremse tritt und so einen folgenschweren Autounfall verursacht?

Freitag, 23. Januar 2009

Das schlimme Beispiel Japan

Unser derzeitiges wirtschaftliches Dilemma begann mit einer Immobilienkrise im fernen Amerika. Die ungezügelte Ausgabe sog. sub-prime-Hypotheken und die weltweite Streung dieser faulen Kredite als "Zertifikate", führte zu einer globalen Bankenkrise. Misstrauen breitete sich zwischen den Geschäftsbanken aus. Sie gaben die Geldgeschäfte untereinander weitgehend auf und verloren umgehend 60 bis 90 Prozent ihres Aktienwertes. Die Wallstreetbanken, das Symbol des amerikanisches Kapitalismus, mussten ganz schliessen; Lehman Brothers geriet sogar in die Insolvenz. Ein Vorgang, der vergleichbar ist mit dem Fall der Berliner Mauer.

In Deutschland und anderswo versucht man bei der Krise der Geschäftsbanken gegenzusteuern. Die Notenbanken fluten den Markt mit billigem Geld, indem sie die Leitzinsen auf nahe null Prozent setzen. Die Regierungen übernahmen milliardenschwere Bankbürgschaften. Es hilft bisher wenig, die Banken verharren immer noch in ihrer Schockstarre. Neuerdings diskutiert man sogar die Einrichtung einer "Bad Bank", welche den Geldhäusern ihre gefährlichen Schrottanleihen abnehmen soll, sodass wieder Vertrauen einkehrt. Sarkastisch gesprochen wäre diese Entsorgungsbank eine Art staatlich finanzierte Giftmülldeponie.

Die mangelhafte Versorgung mit Krediten hat nun auch die Realwirtschaft in Bedrängnis gebracht. Die Konjunktur zeigt nach unten, statt Wachstum wird sich bald Rezession einstellen, die Arbeitslosenzahlen werden steigen. Die Politiker sind äusserst beunruhigt und legen milliardenschwere Konjunkturprogramme auf. In Deutschland sind es über 60 Milliarden Euro. Der "Spiegel" stellt in seiner morgigen Ausgabe besorgt-frivol die Frage: "Wann ist der Staat eigentlich pleite?" Es ist so ziemlich der letzte Schuss in der Büchse der Volkswirtschaftler; viel mehr an staatlicher Intervention gibt es nicht mehr. Allenfalls könnte man noch an die komplette Verstaatlichung aller Banken denken. Wirtschaftsminister Michael Glos, bekannt für seinen Optimismus und sein sprühendes Temperament, verspricht in seinem Jahreswirtschaftsbericht konjunkturelle Besserung ab Mitte 2009. Gerade noch rechtzeitig zur Bundestagswahl. Wunderbar.

Indes: das Beispiel Japan lässt daran zweifeln. Dort schleppte sich eine ähnliche Wirtschaftskrise über volle eineinhalb Jahrzehnte hin. Auch in Japan begann die Krise mit einer Überhitzung auf dem Immobilienmarkt. Mitte der achziger Jahre fingen die Hauspreise an ins Unermessliche zu steigen. Selbst Besitzer bescheidener Apartments in Tokyo ( wie mein Freund Akira Watanabe) konnten sich plötzlich als (Dollar-)Millionäre fühlen. Clevere Immobilienmakler errechneten sogar, dass das Gelände, auf dem der Kaiserliche Palast in der Hauptstadt steht, mehr wert sei als ganz Südkalifornien. Wow! Das ganze Land geriet in einen Kaufrausch. Der Nikkei-Aktienindex stieg bis 1989 raketenartig auf fast 40.000 Punkte. Acht der zehn grössten Banken weltweit befanden sich in japanischer Hand. In den USA wuchs die Angst vor der Wirtschaftsmacht dieser Asiaten.

Aber 1990 kam es zum Börsencrash. Innerhalb weniger Jahre verloren die japanischen Aktien 80 Prozent ihres Wertes. Die Blase war angestochen. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit und die Armut drastisch an, was in einem Land wie Japan besonders schlimm ist, denn dort gibt es - ausser der betrieblichen - kaum eine staatliche Altersversorgung. Bei meinen gelegentlichen Besuchen konnte ich vor dem Tokyoter Hauptbahnhof lange Reihen von Kleinzelten oder sogar Schachteln sehen, in denen arme Menschen campierten, die arbeitslos und damit praktisch ohne Einkommen waren.

Auch dort versuchte die Notenbank gegen zu lenken. Die Bank of Japan senkte den Diskontsatz von 6 auf 0,75 Prozent. Unter Berücksichtigung der Inflation lag er also bei praktisch null Prozent. Und da ist er jahrelang geblieben, leider ohne sichtbaren Effekt. Die Regierung schritt ein und stützte mit Geldzuwendungen den Bankensektor und einige Wirtschaftsunternehmen, die sie für "wichtig" erachtete. Es entstanden aber zumeist nur finanzielle "Zombies" - Untote, welche diese staatlichen Kredite nie und nimmer aus eigenen Erträgen zurückzahlen konnten und vom Staat in einem scheintoten Zustand zwischen Überleben und Insolvenz gehalten wurden.

Daraufhin wurden staatliche Finanzierungsprogramme aufgelegt. Die Regierung öffnete die Trickkiste der keynesianischen Konjunkturtheorie. "Deficit-spending" war angesagt. Ein schuldenfinanziertes Investitionsprogramm jagte das nächste. Japan wurde praktisch einzementiert. Von 113 grösseren Flüssen wurden 110 umgeleitet oder gestaut. Ganze Berge wurden zur Landgewinnung abgetragen, viele sinnlose Strassen gelegt. Am Ende stand ein gewaltiges Staatsdefizit. Bereits im Jahr 2002 war Japan mit 7,9 Prozent verschuldet. Das entspricht dem 2,6-fachen dessen, was die Maastrichtkriterien in Europa zulassen. Verglichen mit Deutschland ist Japan fast insolvent.

Nach eineinhalb Jahrzehnten, so um 2005, hatte sich die japanische Wirtschaft wieder einigermassen erholt. Niemand vermag schlüssig zu sagen, warum dies geschah. Vielleicht hatte sich der "Wirtschaftskörper", wie nach einer langen Krankheit, schliesslich von selbst ausgeheilt. Und nun - armes Japan! - ist dieses Land durch die neuerliche globale Wirtschaftskrise wieder in die Rezession gerutscht. Und die Exportnation Japan ist nun nicht mehr von einer Vielzahl boomender Importländer umgeben, sondern diese stecken jetzt allesamt in einer weltweiten ökonomischen Krise.

Gelegentlich tausche ich mich mit ehemaligen Berufskollegen in Japan per Email aus. Ich fragte, zum Beispiel, wie man als Rentner in solchen Krisenzeiten mit dem eigenen Geld umgehen soll. Dazu erhielt ich kürzlich einen knackigen Ratschlag: " Willy, auf keinen Fall Bankaktien kaufen, auch wenn deren Kurs noch so verlockend ist. Stattdessen die bescheidene Rente mit 5 Prozent Verzinsung bei einer (einlagengesicherten) Sparkasse als Festgeld bunkern."

Denn: "cash is king"

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