Samstag, 14. April 2018

Die Deutsche Bank im Niedergang

Der Deutschen Bank geht es schlecht. Dieses einstige Kronjuwel der deutschen Wirtschaft, 1870 zusammen mit dem Deutschen Reich in Berlin gegründet, macht kaum noch Gewinne und ist zudem in kostspielige Rechtshändel verstrickt. Trotzdem zahlt sie horrende Boni an ihre glücklosen Banker, aber kaum noch Dividende an die Aktionäre. Wenn nicht schnell eine Wende zum Besseren eintritt, dann ist dieses Geldinstitut in seinem Weiterbestand höchst gefährdet.


Die Bürotürme der Deutschen Bank in Frankfurt
(Spitzwort: "Soll und Haben")


Hohe Bonuszahlungen trotz karger Erträge

Früher war sie mit an der Weltspitze, heute kommt die Deutsche Bank bei ihrem derzeitigen Marktwert von ca. 30 Milliarden Euro gerade noch unter die 60 größten Banken weltweit. Das Ausmaß des Scheiterns verdeutlichen vier Kapitalerhöhungen seit der Finanzkrise 2008: sie entsprechen gerade noch dem aktuellen Börsenwert. Ohne diese Kapitalerhöhungen wäre die Deutsche Bank überhaupt nichts mehr wert. 

Angesichts dieser Kapitalvernichtung sollten für die Deutsche Bank Erfolgsbonuszahlungen eigentlich tabu sein. Aber der Vorstand will sie wieder in Milliardenhöhe ausschütten. Angedacht sind Bonuszahlungen in der Höhe von einer Milliarde Euro, womit die Bank 705 Angestellte zu Einkommensmillionären machen würde. Und das bei einem Verlust von 2,3 Milliarden Euro!  9.000 Arbeitsplätze (von etwa 100.000 weltweit) stehen damit auf der Kippe. 180 Filialen wurden allein in Deutschland bereits geschlossen, aus einigen Auslandsmärkten hat sich die Bank komplett zurückgezogen.

Aber Sparen ist dennoch nicht angesagt. Insbesondere bei den Investmentbankern - sie handeln mit komplizierten Aktienprodukten, Derivaten und begleiten die Konzernfusionen - lässt man es immer noch so richtig krachen. Sie hat ihren Sitz vorwiegend im teuren London, ihre Manager buchen gerne Hotelzimmer für mehrere Tausend Euro pro Nacht und eine einzige Abteilung verprasste beispielsweise im Vorjahr 22 Millionen Euro an Spesen.


Viele Leichen im Keller

Seit 20 Jahren schröpfen die Investmentbanker die Deutsche Bank. Auf hohe Gewinne folgten horrende Verluste und Rechtskosten. Einiges ist inzwischen unter hohen Strafzahlungen bereinigt, andere "Leichen" liegen noch im Keller. Beispielhaft seien einige dieser Altlasten kurz beschrieben.

Einer der "Stars" im Zocker- bzw. Investmentbetrieb war der Londoner Händler Christian Bittar, welcher 2001 von der französischen Societe Generale abgeworben worden war. Er ließ sich 2008 von der Deutschen Bank den Rekordbonus von 40 Millionen Euro auszahlen. Wenig später wurde bekannt, dass Bittar illegalerweise dafür den Referenzzinssatz "Libor" manipuliert hatte. Der Bank kostete dies einige Milliarden an Strafe. Bittar sitzt derzeit in Untersuchungshaft und hat sich für schuldig erklärt.

Hohe Strafzahlungen entstanden für die Bank auch durch windige Hypothekengeschäfte im Zuge des US-Immobilien-Crash 2007. Sogenannte CDO- und SWAP- Geschäfte waren dafür die Ursache. Auch deutsche Kommunen, wie Pforzheim, wurden schwer geschädigt.--- Im Zuge der sogenannten "Luxemburg-Leaks" verschob die Deutsche Bank illegalerweise hohe Gewinne in Steueroasen, was im Jahr 2014 aufgedeckt und sanktioniert wurde.

Schließlich sei noch auf die höchst unprofessionelle Äußerung des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Rolf Breuer hingewiesen, der öffentlich die Kreditwürdigkeit seines Großkunden Leo Kirch bezweifelte, was der Bank in einem nachfolgenden Prozess sage und schreibe 975 Millionen Euro kostete.


Manager in allen Güteklassen

In ihrer fast 150-jährigen Geschichte kann die Deutsche Bank auf eine stattliche Zahl von Führungspersönlichkeiten zurückblicken. Am Anfang stand der von Bismarck eingesetzte Vorstandsvorsitzende Georg von Siemens, der das Geldinstitut 30 Jahre lang (von 1870 bis 1900) leiten durfte. Im Dritten Reich, während der Kriegsphase, war Hermann Josef Abs Vorstandssprecher (1938 - 45); der Bundeskanzler Konrad Adenauer vertraute ihm so sehr, dass er Abs auch während der ersten Wiederaufbauphase (1957 - 67) die Bank leiten ließ. Unter den folgenden Managern ragt Alfred Herrhausen (1970 - 89) heraus, der die riskante Investmentsparte einführte und 1989 einem Attentat der Terrororganisation RAF zum Opfer fiel.

Von nun an wurde es turbulent; die Wahl des Spitzenpersonals war selten überzeugend. Von Hilmar Kopper (1977 - 99) bleibt nur in Erinnerung, dass er die gegenüber den Frankfurter Handwerkern (bei der Schneider-Pleite) entstandene Schadenssumme von 50 Millionen DM als "pea-nuts" bezeichnete, was prompt zum "Unwort des Jahres 1994" ausgewählt wurde. Über die unglaubliche sprachliche Fehlleistung des Nachfolgers Rolf Breuer (1985 - 92) gegenüber seinem Kreditnehmer Leo Kirch wurde oben bereits berichtet. Der charmante und charismatische Josef Ackermann (1996 - 2012) war aus heutiger Sicht ein Blender; sein mit großem Trara ausgegebenes Renditeziel von 25 Prozent war absurd. Die Doppelbesetzung Anshu Jain und Jürgen Fitschen (2009 - 15) brachte die Bank in den Negativsumpf. Der Inder war überdies so arrogant oder sprachlich unfähig, dass es ihm innerhalb von 6 Jahren nicht gelang, angemessen deutsch zu sprechen. Und das bei der deutschen Deutschen Bank!

Im Juli 2015 wurde der knorrige Engländer John Cryan zum Vorstandschef der Deutschen Bank ernannt. Er war kein Netzwerker und hatte keinen Rückhalt im politischen Berlin. Bei der 14-Milliarden-Forderung des US-Justizministerium im Jahr 2016 ließ ihn die deutsche Regierung im Regen stehen. Demgegenüber konnte die englische Downing Street bei der Barclays Bank (welche ähnlich große Lumpereien gemacht hatte) den Strafbetrag auf nur 2 Milliarden herunterverhandeln. Cryan zahlte also bei der DB einen überaus hohen Betrag an die knallharten Amerikaner und  als sich von 2015 bis 2017 auch noch keine Gewinne einstellten, war seine Stunde gekommen. Mit einer Abfindung von 6,8 Millionen Euro und einigen sonstigen "Bonbons" wurde er im April 2018 in die Wüste geschickt.

Sein Nachfolger (seit 10. April 2018) ist der Westfale Christian Sewing, welcher bislang das Privatkundengeschäft der DB leitete. Eine prominentere, international bekannte Persönlichkeit, hatte der seit 2012 (nicht immer glücklich agierende) österreichische Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner nicht gefunden.


Quo vadis, Deutsche Bank?

Mit dem 48-jährigen Christian Sewing hat der Aufsichtsrat ein Eigengewächs als Hoffnungsträger der zukünftigen Deutschen Bank auserkoren. Als ausgebildeter Bankkaufmann und langjähriger Leiter des Privatkundengeschäfts kennt er die DB von innen wie wenige seiner Vorgänger. In einem flammenden Email an die 100.000 Angestellten seines Konzerns formulierte er klar: "Mit Blick auf die Erträge müssen wir unsere Jägermentalität zurückgewinnen. Unsere Kosten dürfen zukünftig 23 Milliarden Euro pro Jahr nicht übersteigen". Damit hob Sewing auf eines der Ziele ab, das sein Vorgänger Cryan zuvor klar verfehlt hatte.

Aber das wird schwer werden. Die Deutsche Bank leidet immer noch bitter unter der Großmannssucht mehrerer Managergenerationen, die sich im internationalen Kapitalmarktgeschäft mit der amerikanischen Weltspitze messen wollten - und darüber das erdverbundene Heimatgeschäft mit Privatpersonen und Unternehmen vernachlässigten. Früher Dreh- und Angelpunkt der deutschen Konzerne, hat die DB das heimische Terrain schon vor Jahren praktisch aufgegeben.

Und die deutsche Wirtschaft zeigt, dass es auch ohne die heimische Bank geht: die milllionenschwere Übernahme von Monsanto wurde vom Bayer-Konzern ohne die DB gestemmt. Und als Großaktionäre figurieren bei der Deutschen Bank vorwiegend ausländische Adressen, wie die HNA Group aus China, die Herrscherfamilie aus Katar, sowie die US-Fonds Blackbox und Cerberus. Kein deutscher Eigentümer weit und breit! Sogar die deutschen Industriekapitäne Johannes Teyssen, Henning Kagermann sowie Peter Löscher haben den Aufsichtsrat verlassen.

Die Deutsche Bank ist krank an Leib und Seele.

"Sewing, Sewing, du gehst einen schweren Gang".









Samstag, 7. April 2018

Fukushima: der löcherige Eiswall

In diesem Monat März jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum siebten Mal. Am 11. März 2011, um 14 Uhr 46 Ortszeit, wurde ein Erdbeben der Stärke 9 registriert, das bislang stärkste Beben auf der japanischen Insel. Die Folge war ein großflächiger Stromausfall in der Präfektur Fukushima und das Anlaufen eines 14 Meter hohen Tsunamis. Diese Wasserwelle tötete 19.000 Einwohner der Region, viele wurden durch die Rückflut in das Meer gezogen und werden bis heute vermisst.

Drei der vier Kernkraftwerke (KKW) der Anlage "Daichi" schalteten unmittelbar nach dem Erdbeben sicherheitsgemäß ab; das vierte KKW war wegen Wartung außer Betrieb. Der anrollende Tsunami überspülte den Schutzdeich, welcher (fahrlässigerweise) nur 5 Meter hoch war. Die Notstromdiesel funktionierten kurzzeitig bestimmungsgemäß, "soffen" dann aber ab, weil sie (ebenfalls fahrlässigerweise) im tiefen Keller platziert waren. Die Kapazität der Akkus reichte zur Kühlung der Reaktorkerne nur wenige Stunden. In der gesamten Reaktoranlage kamen (wegen Wassereinbruch und Stürze) vier Menschen aus dem Betriebspersonal ums Leben, davon niemand aus reaktortechnischer Ursache.


Probleme mit radioaktivem Abwasser

Da in der Anfangsphase des Unfalls keine Kühlung zur Verfügung stand, heizte die Nachwärme der Reaktoren die Brennelemente übermäßig auf und es kam zum Austritt von elementaren Wasserstoff und radioaktiven Nukliden. Zusammen mit Sauerstoff bildete sich ein Knallgasgemisch, dessen Explosion die Betriebsgebäude weitgehend zerstörte. Dadurch kam es zur Freisetzung der leichtflüchtigen Spaltprodukte, wie Jod, Cäsium, Strontium und Tritium aus den geplatzten Brennstäben.

Nach intensiver Kühlung mit Meerwasser aus Feuerwehrschläuchen fiel die Temperatur in den Reaktorkernen nach einiger Zeit auf unter hundert Grad Celsius. Problematisch war allerdings die Vermischung des Kühlwassers mit den genannten Spaltnukliden. Sie kontaminierten das abfließende Wasser, sodass es radioaktiv wurde und unterhalb der Reaktoranlage aufgefangen werden musste, damit es nicht ins Meer gelangte und dort die Fische verseuchte. Die Zwischenlagerung dieses Abwassers geschah in großen Containern, von denen zeitweise 750.000 Stück auf den angrenzende Gelände sichtbar herumstanden. Die verfahrenstechnische Abtrennung der radioaktiven Nuklide wurde zwar versucht, gelang aber nur unzureichend. Insbesondere der superschwere Wasserstoff Tritium, mit einer Halbwertszeit von 12 Jahren, ist nicht zu separieren. Neben der aktiven Kühlung aus Feuerwehrschläuchen ist vor allem das Grundwasser ein großes Problem, da es in die Reaktoren einsickert und dabei selbst radioaktiv kontaminiert wird. Des weiteren trägt das (regenbedingte) Oberflächenwasser zur radioaktiven Fracht bei, weshalb die Anzahl der Lagercontainer ständig vergrößert werden muss.


Die Idee mit dem Eiswall

Eine Lösung musste her - und zwar rasch. Es war die Idee mit dem Eiswall, welche um das Jahr 2014 geboren wurde. Ein Wall aus gefrorenem Wasser und Erdreich, rings um die vier beschädigten Kernkraftwerke, sollte den Zulauf des Grundwassers und Oberflächenwassers stoppen, sodass diese Ströme nicht mehr in Berührung mit den geborstenen Brennelementen kommen konnten. Die japanische Firma Kajima Corp. wurde damit beauftragt, 1.550 mit einem Kühlmittel gefüllte Rohre 30 Meter in die Erde zu treiben und zwar auf der gesamten Umfangslänge von 1,5 Kilometern. Ähnliche Anlagen wurden bereits im Tunnelbau verwendet - allerdings nicht in dieser Größenordnung. Die untenstehende Skizze (von Tepco/Spiegel) vermittelt einen Eindruck von der Größe dieses Unternehmens, welches schließlich 400 Millionen Euro kostete und zwei Jahre Bauzeit zur Realisierung brauchte.



 Schematische Skizze des Eiswalls in Fukushima (Tepco/Spiegel)


Kein voller Erfolg

Inzwischen wird der Eiswall seit ca. zwei Jahren betrieben. Die Temperatur des Kühlmittels beträgt im allgemeinen (-) 30 Grad C, die Rohre haben einen Abstand von ca. einem Meter und das Volumen des gefrorenen Bodens wird auf 70.000 Kubikmeter abgeschätzt. Zweifelslos hat der Eiswall die Menge des entstehenden radioaktiven Wassers reduziert, an manchen Tagen von 400 cbm auf 50 cbm. Zur saisonalen Regenzeit während des Taifuns ist die angewandte Kryotechnik mit der schieren Menge des anflutenden Wassers jedoch überfordert. Stellenweise kommt es zu Temperaturanstiegen über die Nullgradgrenze hinaus. Dies bedeutet, dass der Wall löcherig wird und dort das Wasser hindurch lässt.

Die Betreiberfirma Tepco wird also weiterhin Gelände für zusätzliche Abwassercontainer zur Verfügung stellen müssen. Das Abwasserproblem ist nicht wirklich gelöst. 

Sonntag, 25. März 2018

Wann kommen die Autos mit Brennstoffzellen-Antrieb?

Seit vielen Jahrzehnten forschen große Autokonzerne an der Brennstoffzelle als alternativen Antrieb. Aber die Idee kommt nicht so recht voran. Im Gegenteil: alle Welt setzt derzeit auf das "rein elektrische" Auto mit dem Batterieantrieb. Wasserstoff als Eingangsgas für die Brennstoffzelle scheint "out" zu sein. Dabei lässt sich Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen relativ leicht herstellen und obendrein gut speichern. Und der Strom der Akku-Autos kommt immer noch zum großen Teil aus "schmutzigen" fossilen Quellen.

Doch halt! Im Umfeld der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang hat die südkoreanischen Autofirma "Hyundai" eine Miniserie von fünf Geländewagen, (sprich: SUV), aufgelegt, die allesamt durch eine Brennstoffzelle angetrieben werden. Die Autos mit der Bezeichnung "Nexo" waren während der Spiele mehrere Wochen störungsfrei in Betrieb. Wenn sie im Sommer an die normale Kundschaft ausgeliefert werden, können sie fahrerlos ein-und ausparken und auf der Autobahn selbstständig Abstand und Spur halten. Die Reichweite zwischen den Tankstopps beträgt derzeit 550 Kilometer; in 9,2 Sekunden beschleunigt der SUV von Null auf 100 km/h. Den Verkaufspreis wollen die Koreaner unter 60.000 Euro halten.


                                                               Hyundai Nexo

Die Brennstoffzelle und ihre Tanks

Die Brennstoffzelle eines Autos ist eine galvanische Zelle, zumeist eine Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzelle. Die Brennstoffzelle ist kein Energiespeicher, sondern ein Wandler. Erfunden wurde sie bereits 1838, also vor knapp zweihundert Jahren, von dem Deutschen Christian Friedrich Schönlein, wobei dieser zwei Platindrähte mit Wasserstoff bzw. Sauerstoff umspülte und dabei zwischen den Drähten eine elektrische Spannung registrierte.

In Fahrzeugen kommt heutzutage praktisch nur noch die sog. PEM (=Polymer-Elektrolyt-Membran) -Brennstoffzelle zum Einsatz. Eine Membran trennt die vom Wasserstoff (H2) umspülte Anode von der Kathode mit dem Sauerstoff (02).  An der Anode trennen sich die Wasserstoffmoleküle in Ionen und Elektronen. Die Ionen wandern durch die PEM zur Kathode und verbinden sich dort mit dem  Luftsauerstoff zu Wasser - der einzigen und ökologisch problemlosen Emission. Weil die Membran für die Elektronen undurchlässig ist, müssen sie auf ihrem Weg zur Kathode einen Umweg über eine Leitung gehen. Die "wandernden" Elektronen führen dann zu einem Stromfluss, der direkt von den Elektromotoren des Autos zum Antrieb genutzt wird.

Derzeit gibt es in Deutschland nur 43 Tankstellen, an denen Wasserstoff getankt werden kann. Bis Ende 2018 soll sich die Zahl verdoppeln. Beim Nexo strömen in fünf Minuten 6,3 Kilogramm Wasserstoff in drei große Karbontanks, die unter dem Kofferraumboden und dem Rücksitz montiert sind. Angesicht der bislang raren Tankstellen in Deutschland relativiert sich die oben genannte beträchtliche Reichweite des Nexo.


Erfahrungsgewinn beim Betrieb von Omnibussen

Um Erfahrungen beim Alltagsbetrieb von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen zu sammeln, nahm das "Karlsruher Institut für Technologie" (KIT) im Jahr 2013 zwei Omnibusse in Betrieb. Damit wurde ein fahrplanmäßiger Linienverkehr zwischen den beiden ca. 15 km entfernten  Standorten Nord und Süd des KIT aufgebaut, wodurch täglich ca. 800 Mitarbeiter und Studenten befördert werden. Am Campus Nord (früher Forschungszentrum Leopoldshafen) wurde eine Wasserstofftankstelle eröffnet, die in der Lage ist, 80 Kilogramm Wasserstoff pro Tag abzugeben, was in etwa drei Busladungen entspricht.


Die beiden Wasserstoff-KIT-Shuttle

Die Betankung der sog. "KIT-Shuttle" dauert im Schnitt 20 Minuten. An 200 Arbeitstagen werden ca. 160.000 Passagiere pro Jahr befördert. Die Fahrleistung der Busse im Jahr 2016 betrug 92.000 Kilometer. Die Erfahrungen mit der Tankstelle und dem Linienbetrieb sind sehr gut. Das Vorhaben wird vom baden-württembergischen Umweltministerium mit 3,2 Mio Euro pro Jahr gefördert. Künftig soll vermehrt Wasserstoff aus erneuerbaren Energien verwendet werden.


Historisches und Aktuelles

Die Forschung an Brennstoffzellen wurde im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) bereits zu Anfang der 1990er Jahre betrieben. Nicht ohne Erfolg, denn ein LKW mit diesem Antrieb drehte damals vielbeachtet seine Runden im Zentrum und (dank einer Straßenzulassung) auch außerhalb.  Sinnigerweise wurde der ganze Aufwand finanziert aus dem - thematisch weit entfernt liegenden - Schnellbrüterbudget des Blogautors. Als Experimentatoren und Promotoren sind die Herren Dorner, Schretzmann, Kessler und Hennies zu nennen. 

Enge Kontakte gab es damals zur Firma Mercedes-Benz, die 1994 mit NECAR 1 das erste Brennstoffzellenauto der Welt präsentierte. Der Prototyp ist heute noch im Mercedes-Museum in Stuttgart zu besichtigen. Bald waren alle großen Autohersteller (GM, Ford, Fiat, Nissan, VW, BMW) an diesem Thema dran - aber nach kurzer Zeit setzten sie doch lieber auf den billigeren Diesel. In diesem Jahr will Mercedes - vielleicht - endlich den oft angekündigten GLC F-Cell auf den Markt bringen. Vielleicht als Kleinstserie.

Mittlerweile haben in Asien bereits drei Marken Wasserstoffautos in ihrem Portfolio:
Honda mit dem Clarity, Toyoto mit dem Mirai und Hyundai mit dem Nexo.
Die deutschen Entwicklungschefs mögen den verlorenen 25 Jahren nachtrauern.
Die Asiaten haben ihre modernen Antriebe im Verkaufsprospekt -
das Mercedes-Brennstoffzellenauto steht im Museum.



Sonntag, 18. März 2018

"Wer Trump zum Freund hat...

...braucht keinen Feind mehr".
Das gilt sicherlich für unsere neu ernannte Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Donald beim ersten Medientreff (vor einem Jahr im Weißen Haus) den sonst üblichen Handschlag verweigerte. Außerdem warf ihr damals der Präsident vor, dass Angela ihre NATO-Rechnungen nicht ausreichend bezahle. Was in dieser öffentlich geführten Anschuldigung unterging war, dass man  - nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - die russische Bedrohung durchaus geringer einschätzen konnte und, dass Deutschland die Aufbauinvestitionen in der früheren DDR (immerhin 2 Billionen Euro) allein stemmen musste.

Inzwischen hat Strongman Donald ein neues Fass aufgemacht. Er möchte Handelskriege führen, denn diese, so twittert er, "seien leicht zu gewinnen". Nämlich durch die Dekretierung von Zöllen, besser gesagt von: Strafzöllen. Zunächst sollen durch die Verteuerung der Stahl- und Aluminiumimporte die angeblich bedrohten Arbeitsplätze in Trumps Mainland geschützt werden. Das sind nach seiner Rechnung 140.000 Jobs im sog. Rustbelt. Dass damit gleichzeitig an 6,5 Millionen Arbeitsplätzen die Autos, Waschmaschinen und sonstige Dinge des täglichen Gebrauchs teurer produziert werden, geht in der aktuellen Diskussion unter. Die EU-Kommission in Brüssel will "Revanche" üben, indem sie erhöhte Zölle auf die Harley-Davidson-Motorräder aus Wisconsin und den bekannten Whiskey aus Kentucky legt. Na, ja.


Die deutschen Luxuskarossen

Besonderen Ärger verursachen bei Trump die in den USA überall umher fahrenden "deutschen Luxuskarossen" von Daimler-Benz, Audi, BMW und besonders Porsche. In der sogenannten Uruguay-Runde der Welthandelsorganisation WTO war 1994 einvernehmlich beschlossen worden, dass die USA 2,5 Prozent Zoll auf importierte Autos verlangen dürfen, die EU hingegen 10 Prozent auf solche, die von den USA kommen. Inzwischen sieht man sehr selten amerikanische Cadillacs auf deutschen Straßen und man könnte problemlos - ohne medialen Radau - die Zollsätze einfach angleichen.

Für den deutschen Exportüberschuss in die USA sind zu einem Viertel die dort beliebten deutschen Autos verantwortlich. Knapp 500.000 Fahrzeuge exportieren deutsche Hersteller pro Jahr nach Amerika - weit mehr, nämlich rund 800.000 Fahrzeuge stellen sie an US-Standorten für den dortigen Markt oder für Drittländer her. So hat BMW in Spartanburg ca. 10.000 Jobs geschaffen, eine weitere Großinvestition von mehr als 600 Millionen Dollar ist in der Planung. BMW-Chef Harald Krüger selbst war es, der den US-Präsidenten vor einigen Monaten darauf hingewiesen hat. Damals lobte Trump, Krüger mache "einen unglaublichen Job"! Aber was sind solche Aussagen wert, wenn er einige Monate später schon zur nächsten Attacke ansetzt?


China trumpft auf: die "Neue Seidenstraße"

Die Entfremdung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa bzw. Deutschland kommt zur Unzeit. Unter dem Stichwort Neue Seidenstraße baut China in gigantischem Umfang seine Infrastruktur aus. Dieses Transport- und Logistiknetz soll sich in Kürze bis nach Europa erstrecken unter dem Slogan: ein Gürtel, eine Straße. Die chinesische Strategie strebt ein dichtes Geflecht eurasischer Verkehrs- und Handelsverbindungen bis nach Westeuropa an und bietet dafür ein Investitionsvolumen von 900 Milliarden US-Dollar auf. Zugleich drängt es die teilnehmenden Länder mit dem Mammutprojekt in die Schuldenfalle. China, dessen erste Handelsdelegation bereits 150 Jahre vor Christus nach Europa aufgebrochen war, wird über die neue Seidenstraße in wenigen Jahren die USA als größte Wirtschaftsmacht der Erde ablösen.



Das Logistiksystem "Neue Seidenstraße"

In Hamburg, auf einem Areal von 42 Hektar, wollen die Chinesen  einen vollautomatischen Computerterminal bauen, was in der Hansestadt für blanke Unruhe sorgt. Man blickt nach Griechenland, wo eine chinesische Gesellschaft den Hafen von Piräus bereits zum alleinigen Management übernommen hat. Und nach Ungarn, wo Victor Orban eine Zwei-Milliarden-Euro Eisenbahnstrecke "geschenkt" bekommen soll. Zwischenzeitlich hat sich ein chinesischer Staatskonzern sogar in das deutsche Stromnetz "50Hertz" eingekauft und Daimler-Benz wird durch das Angebot eines Großinvestors aus Peking bedrängt.

Mit seinem ambitionierten Projekt der Neuen Seidenstraße hat China längst einen Keil in die EU getrieben, insbesondere, weil Trumps erratisches Agieren hier eine politische Lücke lässt.  Wilde Blüten treibt derweil der Opportunismus unter den europäischen Managern. Wenn Daimler-Chef Dieter Zetsche sich wegen eines harmlosen Dalai-Lama-Zitats vor Peking in den Staub wirft und Siemens-Chef Joe Kaeser im chinesischen Staatsfernsehen euphorisch der Seidenstraße huldigt, dann erinnert das an den Kotau von Staatsbeamten vor dem allmächtigen China-Kaiser. Und wenn Peking das europäische Land Norwegen total vom wirtschaftlichen Zugang ausschließt, weil es dem Systemkritiker Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis verliehen hat, dann entspricht das nicht unserem westlichen Wertekatalog.

All die genannten internationalen Probleme sollten BK Angela Merkel veranlassen, POTUS(=President of the United States) Trump baldmöglichst einen Besuch abzustatten - auch wenn dieser nicht vergnügungssteuerpflichtig sein sollte. Und nicht im 177-seitigen Koalitionsvertrag aufgelistet ist.

Sonntag, 11. März 2018

Käfer und Vögel als Verhinderer von Großprojekten.

Das Großprojekt "Stuttgart 21" (kurz: S 21) ist wohlbekannt. Sein Kernstück ist der Umbau des Kopfbahnhofs Stuttgart in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof. Die Zulaufstrecken sollen in Tunnel verlegt und die freiwerdenden Gleisflächen der Stadt als Grundstücke für die Bebauung zur Verfügung gestellt werden. Die Bauarbeiten begannen im Februar 2010; die geplante Inbetriebnahme (mehrfach verschoben) soll um das Jahr 2025 erfolgen. Die Kosten sind inzwischen von vier auf acht Milliarden Euro angestiegen.

Zu dem finanziellen und terminlichen Mehraufwand hat unter anderem die Situation im nahen Schlossgarten beigetragen. Ca. 200 Bäume standen im Weg, um jeden Einzelnen wurde heftig gerungen. Schließlich einigte man sich darauf, ca. 120 Bäume zu fällen und weitere 68 mit einer Rundspatenmaschine zu versetzen - unter Negierung des Erfahrungsspruchs: "Einen alten Baum verpflanzt  man nicht". Hinzu kam die händische Umsiedlung von dort hausenden Eidechsen, wovon jede Kosten von 8.600 Euro verursachte.

Ein riesiges Öko-Problem tauchte jedoch auf, als die Gegner des Bauprojekts S 21 in der Nähe von zu fällenden Bäumen Indizien des seltenen "Juchtenkäfers" entdeckt haben. Wohlgemerkt: nicht den Käfer selbst, sondern Kotpillen, welche - nach Expertenmeinung - ihm zugeordnet werden konnten. Der Juchtenkäfer ist eine von 350.000 Käferarten, etwas größer als der Maikäfer und streng geschützt. Bei Besiedlung von Bäumen mit diesem Insekt sind umfangreiche Sonder-Genehmigungsverfahren vor dem Weiterbau erforderlich. Bei S 21 war dies ein Planänderungsverfahren und eine zusätzliche EU-Genehmigung. Dem Bauherrn hat dies 20 Millionen Euro gekostet und die terminliche Neugestaltung des kritischen Pfads erzwungen, was zwei Jahre dauerte.


Eine verräterische Bierflasche

Die hitzige Diskussion der Befürworter und Gegner des Projekts S 21 wegen vermeintlicher Präsenz von Juchtenkäfern zog sich volle vier Jahre hin. Vor einigen Wochen gab es einen medialen Knall, dem folgender Vorfall zugrunde lag: Bei Baumfällarbeiten im Stuttgarter Schlosspark entdeckten Arbeiter in einer hohlen Robinie (Laubbaum) eine Bierflasche. Sie war gefüllt mit Kadavern, Flügeln und Kotpillen von sogenannten Rosenkäfern. Der Kot von Rosenkäfern gilt unter Insektenforschern (Entymologen) als Hinweis darauf, dass umliegende Bäume auch von Juchtenkäfern bewohnt sein können. Nach Artenschutzregeln dürften sie nicht geschlagen werden.

Juchtenkäfer (Osmoderma eremita), weiblich
(Länge ca. 2 bis 3 cm)

Die Projektleitung S 21 setzte ein Gutachterteam ein, welches bald zu folgendem Ergebnis kam: Ein Unbekannter könnte den Kot woanders aufgesammelt und an der S 21-Baustelle verstreut haben, um die Baumfällungen zu stoppen. Im Zuge dieser "Arbeiten", wobei auch immer wieder (publizitätsträchtig) die angeblich zu schützenden Bäume beklettert wurden, könnte dieser Person die Flasche versehentlich  in den tiefen Hohlraum des Baumes gerutscht sein, aus der er sie nicht mehr bergen konnte. Nach Ansicht des obersten Käferexperten der Uni Göttingen im Untersuchungsteam ist die Menge des gesammelten Kots so groß, dass sie nicht von einer Käferpopulation am Standort erzeugt werden konnte. Außerdem waren in der Nähe auch keine Bäume mit den typischen Juchtenkäfer-Höhlen zu finden.

Aufgrund dieser Fakten geht die Bundesbahn davon aus, dass es nie Juchtenkäfer am Standort gab, sondern dass die Käferteile - aus Gründen der Täuschung - von anderswo dorthin verbracht wurden. Der Konzern hat deshalb "Strafanzeige gegen Unbekannt" gestellt. Die Projektverhinderer - wie könnte es anders sein - weisen den Verdacht der Manipulation weit von sich. Vermutlich wird die Anzeige nicht zur Identifikation des Täters führen. In diesem Fall würden die genannten Mehrkosten für S 21 wohl beim Steuerzahler verbleiben.


Naturschutz contra Windkraft

Auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien passiert es nicht selten, dass die Zielvorstellungen Wirtschaftlichkeit und Naturschutz einander diametral gegenüber stehen. Insbesondere bei der Windkraft erbringen gute Standorte nicht selten 50.000 Euro Pachteinnahmen pro Jahr und Windrad, während der gleiche, hektargroße Acker bei landwirtschaftlicher Verpachtung kaum mehr als 700 Euro löhnt. Vor allem um windhöffige Lagen wird heftig gerungen, denn die Leistung eines Windrads steigt oder fällt - aus physikalischen Gründen - mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit. Bei doppelter Windanströmung steigt die Leistung also auf das Achtfache, umgekehrt fällt sie bei halber Windgeschwindigkeit auf ein Achtel, also 12,5 Prozent. Da inzwischen in Deutschland bereits 40.000 Windräder installiert sind, gibt es nur noch wenige ergiebige "Filetstücke".

Haben sich die privaten oder kommunalen Investoren mit dem Projektentwickler endlich geeinigt, dann wird der Bau des Windparks meist energisch voran getrieben, denn auch hier gilt: Zeit ist Geld. Doch vor Baubeginn müssen noch die Genehmigungen erlangt werden und mit ihnen all die erforderlichen Gutachten. Insbesondere das Umweltgutachten ist da nicht selten der Stolperstein, denn die Tierwelt in der Umgebung der Windräder muss optimal geschützt werden. Stellt man in dieser kritischen Projektphase fest, dass Mäusebussarde, Schreiadler oder Rotmilane in den benachbarten Baumkronen hausen, dann ist das für die Geldgeber der "maximale Unfall GAU", denn das Habitat dieser Vögel darf per Gesetz nicht gestört werden.




Rotmilan (Milvus milvus)
(Flügelspannweite ca. 1,80 bis 2 m)

Früher hatten die Tiere keinen Einfluss auf die Planung und den Bau von Windparks. Heute können die Vögel - via Artenschutzregelung - den Bau dieser Stromanlagen verhindern. Also müssen sie, aus der Sicht mancher Leute, verschwinden. Dann tauchen sie in den Gutachten nicht mehr auf und der Genehmigung steht nichts im Wege. Die relativ "humanste" Methode ist das "Vergrämen" der Vögel. Durch Lärm versucht man die Rotmilane und Habichte zu verscheuchen, was insbesondere bei Beginn des Brutgeschäfts noch erfolgreich sein kann. Zeigt diese Störung keine Wirkung, dann werden die Großvögel vergiftet oder gar erschossen. Zuweilen wird auch ein Baum mit Steigeisen bestiegen und der Horst auf die Erde gekippt. Eine Radikalmethode ist das Fällen der Bäume mit Brutpaaren. Obwohl dies häufig mit schweren Maschinen (Harvester) geschieht, welche eigentlich auswertbare Reifenspuren hinterlassen, wird kaum jemals ein Täter gefasst. Das Schweigen der Dorfgemeinschaft, insbesondere in manchen Gemeinden von Mecklenburg-Vorpommern, erinnert an mafiöse Strukturen.


Der Artenschutz ist ein scharfes Schwert

Schon seit langem wissen die Bauherren und ihre Gegner, welch scharfes Schwert der Artenschutz ist. Ganz gleich, ob das Große Mausohr (eine Fledermausart), der Blauschwarze Moorbläuling (ein Schmetterling oder die halberwachsene Raupe eines Nachtkerzenschwärmers (ein Falter) entdeckt wird - die Konsequenzen sind still stehende Bagger. In Hamburg hat der Schierlings-Wasserfenchel (eine krautartige Sumpfpflanze) die Elbvertiefung verhindert und in Stuttgart-Fellbach ging ein Investor pleite, weil plötzlich Wanderfalken seinen Hochhausturm bezogen.

Zu empfehlen wäre eine größere Portion an Gelassenheit auf beiden Seiten. Die vor 35 Jahren aufgenommene Klage der Musikband Gänsehaut ("Karl, der Käfer, wurde nicht gefragt, man hat ihn einfach fortgejagt") ist längst in ihr Gegenteil verkehrt worden.

Freitag, 23. Februar 2018

Das Apple iPhone X - ein großer Wurf

Eine Frage vorab:
"Was ist derzeit das weltweit meistbegehrte
und deshalb meistverkaufte Industrieprodukt?"

Nein!
es ist nicht ein bestimmter Autotyp von BMW,
nicht das IKEA-Regal "Billy",
auch nicht das neueste Song-Album von Helene Fischer.

Durch die Überschrift habe ich mich allerdings schon verraten, denn:

The Winner is:
iPhone X


Dieses Smartphone von Apple (das iPhone "Ten" - so die offizielle Bezeichnung) hat im vergangenen Vierteljahr alle Verkaufsrekorde geschlagen.Trotz seines happigen Preises ist es das Lieblingsspielzeug, vor allem der Jugendlichen - zum Preis von 1.100 bis 1.300 Euro! Deshalb erachte ich es für angemessen, diesem global präsentem Produkt einen Blog zu widmen, ohne dabei gleich in eine Werbebotschaft abzugleiten.


links: iPhone X,  mitte: iPhone 8 Plus, rechts: iPhone 8


Zur Ästhetik des Designs

Der Rahmen des iPhone X hält die vorder- und rückseitigen Glasplatten zusammen und besteht aus Edelstahl von "chirurgischer Qualität". Dadurch lässt sich das X auch drahtlos aufladen, was bei eloxiertem Aluminium nicht möglich wäre. Darüber hinaus sichert der Stahl eine hohe Stabilität. Das X ist deutlich kleiner als das Vorgängermodell 8 Plus, liegt ausgesprochen gut in der Hand und lässt sich auch einhändig gut bedienen. Wer kleine Hände oder enge Hosentaschen hat, dürfte Gefallen an dem kompakten Gehäuse finden. Verglichen mit dem X erscheint das 8 Plus wie ein Brett.

Das Display ist randlos und bietet mit 2436 * 1125 Pixeln auf 5,8 Zoll einen weitaus größeren Bildbereich als die Modelle 8 (4,7 Zoll) und 8 Plus (5,5 Zoll). OLED-Technologie und die Bildauflösung sind aufs Höchste ausgereizt. Die Farbe schwarz wird auch wirklich als schwarz angezeigt; das heißt, die entsprechenden Pixel bleiben komplett finster - statt nur abgedunkelt zu werden. Dadurch erzielt man hohe Kontrastwerte und spart außerdem an Akkulaufzeit. Design, Haptik und Verarbeitung sind beim X in jeder Hinsicht gelungen.

Die Sensorausbuchtung im oberen Displaybereich (englisch: "notch") mag manchen stören, ist aber clever in die Benutzeroberfläche integriert. In den meisten Fällen wird oben die Statuszeile eingeblendet. Wen das irritiert, der kann das Format per Fingerwisch so verkleinern, dass die Ausbuchtung praktisch verschwindet. Offensichtlich hat das Gros der iPhone-X-Nutzer aber kein Problem damit.

Die Kameraeinheit steht auf der Rückseite - wie übrigens bei allen Mobilgeräten - etwas heraus. Es ist eben nicht möglich, die zwei Kameras flach in das Gehäuse zu integrieren. Das optische System benötigt nun mal eine gewisse Tiefe, wenn es ansprechende Fotos und Videos aufzeichnen soll. Beim iPhone X ist die Doppeloptik nicht quer, sondern senkrecht positioniert - steht also genau so weit heraus wie beim 8 Plus. Die beiden Kameras decken den Brennweitenbereich von 26 bis 58 Millimeter ab und liefern Portraitfotos in Studioqualität.


Zur Ästhetik der Handhabung

Die Home-Taste ist beim iPhone X als zentrales Steuerelement eliminiert. Der normalerweise auf der rechten Seite positionierte Drücker ist beim X deutlich breiter und damit besser erreichbar. Ein längerer Druck darauf startet den Apple-Assistenten Siri. Ausschalten kann man das IPhone X nur noch über eine Tastenkombination, indem man die Siri-Taste und die Leiser-Taste gleichzeitig drückt. Ein sinnvolle Neuerung, weil kaum jemand sein Smartphone regelmäßig ausschaltet. Also, wozu eine Taste mit einer Aktion blockieren, die nur selten zur Anwendung kommt.

Neue Wisch-Gesten ersetzen den Home-Button. Anstatt auf die Home-Taste zu drücken, um zur Startseite zurück zu kehren, wischt man jetzt von unten ins Display. Und um den App-Wechsler zu öffnen, verharrt der Daumen nach dieser Geste kurz auf dem Display und lässt erst dann los. Das Kontrollzentrum, welches bisher immer durch den Wisch von unten nach oben erreichbar war, hat dafür eine neue Heimat gefunden: Man muss von oben rechts ins Display wischen.

Die Gesichtserkennung Face ID ist der große Unterschied mit dem sich Apple von der Konkurrenz abhebt. Motto: "Dein Gesicht ist das Passwort". Die Einrichtung ist einfach: bei der Inbetriebnahme des IPhone X muss man nur sein Gesicht in den Erfassungsbereich der Frontkamera halten und zwei Mal im Uhrzeigersinn kreisen lassen - fertig! Danach reicht es, das X in die Hand zu nehmen und auf das Display zu schauen. Wird das Gesicht erkannt, so öffnet sich das Schloss-Symbol im oberen Drittel des Sperrbildschirms und man kann mit dem Daumen von unten nach oben wischen, um zum Homescreen zu gelangen. Im Erfassungsbereich werden mehr als 30.000 Punkte gescannt und daraus ein dreidimensionales Abbild des Gesichts erstellt. Das System soll sehr sicher sein, denn es wurde von Apple mit professionellen Maskenbildnern getestet.


Die erstaunliche Firma "Apple"

Die Firma Apple, welche derzeit das iPhone X verkauft, ist ein verhältnismäßiges junges Unternehmen. Es wurde am 1. April 1976, also vor erst 42 Jahren, als kalifornische "Garagenfirma" gegründet. Das Gründer-Trio bestand aus dem Visionär Steve Jobs, dem Kreativ-Bastler Steve Wozniak und Ronald Wayne,welcher zwischen den beiden immer wieder vermitteln musste. Die Firmenanteile waren im Verhältnis 45:45:10 Prozent aufgeteilt. Wayne verkaufte schon bald seinen 10 %-Anteil für 2.300 Dollar, was er wohl bis heute bereut haben wird. Die in den Regenbogenfarben gestreifte angebissene Apfelsilhouette kam 1977 hinzu - angeblich als Jobs mal wieder eine seiner Obstdiäten praktizierte. Außerdem hatte dieser Firmenname den Vorteil, dass Apple im Telefonbuch nun vor seinem damaligen Konkurrenten "Atari" gelistet war.

Die nächsten dreißig Jahre beschäftigte sich Apple vorwiegend mit der Entwicklung von (Personal-) Computern, Betriebssystemen und Anwendersoftware - häufig in Konkurrenz zum Unternehmen Microsoft. Im Jahr 2007 stellte Steve Jobs in San Franzisco das erste iPhone vor; mit dem Tablet-Computer iPad erweiterte Apple drei Jahre später seine IOS-Produktlinie. Seitdem dominieren die Apple-Geräte den rapide wachsenden Markt für Smartphones und Tablets. Im Jahr 2011 trat Jobs aus gesundheitlichen Gründen zurück  und Tim Cook wurde sein Nachfolger als CEO. 2016 waren eine Milliarde iPhones verkauft.

Inzwischen ist Apple - mit Abstand - zum größten Industrieunternehmen der Welt aufgestiegen. Sein Börsenwert (Anzahl der Aktien mal Kurswert) liegt bei 800 Milliarden Dollar; damit übertrifft er jenen von Daimler-Benz um mehr als das Zehnfache!  Die Sparte iPhone trägt zum Umsatz ca. 60 bis 70 Prozent bei. Sollte er einmal signifikant sinken - etwa weil ein zukünftiges iPhone nicht den Geschmack der Kunden trifft - dann würde dies den Jahresgewinn (derzeit bei knapp 100 Milliarden Dollar) wohl drücken, aber die Aktionäre von Apple noch nicht arm machen.

Samstag, 17. Februar 2018

Warum ist das Eis so rutschig?

Bei der gegenwärtigen Winterolympiade mag sich mancher die Frage stellen, warum Schlittschuhe und Schier so gut gleiten. Und die Antwort scheint naheliegend: So wie Öl die Reibung des Autogetriebes verringert, so fördert eine dünne Wasserschicht auf der Eisoberfläche das Gleiten der Schier und der Schlittschuhe. Diese Antwort ist im Prinzip richtig, führt aber schon zur nächsten Frage:

Woher kommt diese Wasserschicht, welche das Gleiten ermöglicht?


Druckschmelzen

Eine Antwort auf diese Frage wird heute noch in manchen gymnasialen Physiklehrbüchern angeboten - ist aber falsch. Dort behauptet man zuweilen: Weil sich das Gewicht des Eisläufers nur durch die sehr schmalen Kufen auf das Eis überträgt, ist der Druck auf das Eis so hoch, dass es lokal aufschmilzt. Damit entsteht ein dünner Wasserfilm, auf dem die Kufen (bzw. Schier oder Schlitten) dann leicht zu gleiten vermögen. Diese Druckaufschmelzung ist auch bei Gletschern bekannt, welche durch ihr eigenes Gewicht eine Schmiere geschmolzenen Wassers auf dem darunter liegenden Felsgestein erzeugen, auf der sie dann ins Tal gleiten.

Was bei Gletschern funktioniert, muss aber auf das Eislaufen noch lange nicht zutreffen. An der Universität lernt man bei den Anfängervorlesungen in Physik, dass man bei diesem Problem die Gleichung von Clausius-Chapeyron anwenden sollte. Sie stellt den Zusammenhang zwischen dem Druck auf das Eis und der Verminderung des Schmelzpunktes her. Demnach erzeugt ein Eisläufer mit 75 Kilogramm Gewicht und dessen Schlittschuh-Kufen eine Auflagefläche von 6 Quadratzentimeter haben, auf dem Eis einen Druck von 12 bar. Dieser würde, gemäß Clausius-Chapeyron, den Schmelzpunkt des berührten Eises aber nur um knapp ein Zehntel Grad verringern. Das ist zur Herstellung einer Wasserschicht jedoch viel zu wenig, denn schon bei Eistemperaturen von wenigen Grad unter Null wäre Eislaufen dann nicht mehr möglich. (Selbst ein Pferd auf Kufen käme nicht ins Gleiten). Im Übrigen stünde man bei der Druckschmelzung schon bei Stillstehen nach kurzer Zeit in einer Wasserpfütze, was erfahrungsgemäß nicht der Fall ist.


Schmelzen durch Reibung

Heute weiß man, dass die Reibungswärme den wesentlichen Beitrag zur Bildung der Wasserschicht liefert. Die Schlittschuh- bzw. Rodelkufen erzeugen auf dem Eis Reibungswärme, bringen die Oberfläche des Eises zum Schmelzen und generieren dadurch einen dünnen Wasserfilm. In Experimenten konnte tatsächlich nachgewiesen werden, dass die Reibung an der Schnittstelle Kufe/Eis das überfahrene Eis zum Schmelzen bringt. Ein typischer Eisläufer verflüssigt mit der Reibungswärme bis zu 12 Kubikmillimeter Eis entlang seiner Kufe und erzeugt dadurch einen Wasserfilm von 0,04 Millimeter Dicke. Vermutlich ist dieser Film nach kurzer Zeit sogar noch dünner, weil das Schmelzwasser, wegen des Gewichts des Schlittschuhläufers, seitlich herausgedrückt wird und damit nicht zum Gleitprozess beiträgt.


Kunst auf Kufen

Oberflächenschmelzen

Druck und Reibung können jedoch nicht die einzige Erklärung für das rutschige Eis sein. Es muss noch einen dritten Beitrag geben. Das merkt man, wenn man sich beim ersten Betreten der Eisfläche auf den Hosenboden setzt:  die schmierende Schicht auf dem Eis scheint unabhängig von Gewicht, Temperatur und Bewegung zu sein. Denn das Eis ist - auch ohne äußere Einwirkungen, wie Kufen und Schier - von einem dünnen, flüssigen Film überzogen. Den darf man sich nicht wie eine Pfütze vorstellen, sondern es handelt sich um eine Wasserschicht, die nur wenige Moleküllagen dick ist.

Zur Erklärung sei folgendes gesagt: während die Wassermoleküle im Eisinneren regelmäßig angeordnet und gegeneinander fixiert sind, verlieren sie an der Oberfläche (also an der "Luft") ihren Zusammenhalt. Sie befinden sich zwar auf dem darunter liegenden Eiskristallgitter - sind aber beweglich. Dieser Wasserfilm ist also eine Phase mit ungeordneten, leicht verschiebbaren Molekülen. Er verleiht dem Eis seine Rutschigkeit. Mit komplizierten Apparaturen (Röntgendiffraktometer, Synchrotronstrahlenquellen etc.) haben die Physiker erst in den letzten Jahren diese Schicht erforscht. Sie ist nur wenige Nanometer (nm) dick, wobei 1 nm einem millionstel Millimeter entspricht. Ab minus 38 Grad verliert diese Oberflächenschicht allerdings ihre Beweglichkeit und hemmt damit das Schlittschuhlaufen.

Glücklicherweise ist es in Pyeonchang nur minus 20 Grad kalt.
Deshalb gilt die Prognose: Schi und Rodel gut!

Freitag, 9. Februar 2018

General Electric wird von Siemens überholt

Die beiden Konzerne General Electric (GE) und Siemens zählen zu den ältesten und renommiertesten Unternehmen im Industriebereich. Sie sind seit 126 Jahren (GE) bzw. 171 Jahren im Geschäft und an ihrem Anfang standen berühmte Erfinder. Im Falle von Siemens war es der Namensgeber Werner Siemens, bei GE Thomas Alva Edison, unter anderem der Erfinder der Glühbirne.

Inzwischen sind aus den anfänglichen Elektrofirmen Energieunternehmen geworden und nach der Diversifikation in Gebiete wie Medizin, Transport und Versicherungen bezeichnet man diese Unternehmen als Mischkonzerne bzw. Konglomerate. Im weltweiten Konkurrenzkampf hatte häufig GE die Nase vorn, jedoch in den letzten Jahren gelang es Siemens den ewigen Rivalen - gemessen am Jahresgewinn - zu überrunden. Die Firmengeschichte der vergangenen vier Jahrzehnte (insbesondere bei GE) ist Gegenstand dieses Blogs.


Aufstieg und Abstieg bei GE

Die beiden Unternehmen GE und Siemens waren von Anbeginn heftige Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Dessen ungeachtet verfolgten sie zumeist verschiedene Strategien, was auch mit den Persönlichkeiten an der Spitze zusammen hing. Bei GE waren dies in dem betrachteten Zeitbereich Jack Welch, Jeff Immelt und John Flannery.

Jack Welch,  ein Chemiker, war von 1981 bis 2001 als Chief Executive Officer (CEO) bei GE am Ruder und agierte dort als gnadenloser Antreiber und "Super-Kapitalist". Damit stand er im Einklang mit dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan, einem strammen Verfechter des Laissez-faire-Kapitalismus. In seiner Ägide ergänzte Welch die traditionellen Geschäftsbereiche Kraftwerke, Turbinen, Transport und Medizin um das Feld Finanzierung. Letzteres war im Positiven wie im Negativen schicksalhaft für die Firma, doch darüber später. Während der 20-jährigen Amtszeit von Welch stieg der Jahresumsatz von 27 Milliarden Dollar auf 130 Milliarden und der Börsenwert des Unternehmens von 13 auf 400 Milliarden. Gleichzeitig verringerte er den Personalstand des Konzerns von 400.000 auf 300.000 Beschäftigte. Die Maximierung des "Shareholder-Value", also des Nutzens für die Aktionäre, war seine vorrangige Unternehmensstrategie. Daraus resultierte der Spitzname von Welch als "Neutronen-Jack" - in Anspielung auf die Neutronenbombe, welche die Menschen auslöscht, aber Gebäude und Maschinen unversehrt lässt.


                                                             Jack Welch (1981 - 2001)

Eine von Welchs Geschäftsprinzipien war: fix it, sell it or close it. Wenn ein schwächelnder Geschäftsbereich innerhalb von zwei Jahren keine ausreichenden Gewinne machte, dann wurde er entweder verkauft oder geschlossen - und die Beschäftigten entlassen. Seine Mitarbeiter teilte er in drei Kategorien ein: die ersten 20 Prozent, die "Stars", erhielten Boni; die mittlere Schicht von 70 Prozent wurde "gefordert und gefördert"; die restlichen zehn Prozent, die Schlechten ("Lemons") wurden gnadenlos gefeuert. Im Jahr 1999 wählte das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" Jack Welch zum "Manager des Jahrhunderts". Nur sieben Jahre später, als sich auch in Amerika der Zeitgeist verändert hatte, titelte das gleiche Magazin: "Sorry Jack, wir haben uns getäuscht, dein Führungsstil hat ausgedient". Der Manager konnte dies ertragen, denn bei seinem Abgang nach 20 Jahren statteten ihn seine dankbaren Aktionäre mit einem Rentenpaket von 400 Millionen Dollar aus!

Jeff Immelt, ein studierter Mathematiker, dirigierte GE von 2001 bis 2017. Mit der von Welch gegründeten Unternehmenstochter "GE Capital" war ihm ein riskantes Erbe hinterlassen worden. Zuerst ging alles gut, denn in den ersten Jahren trug diese Tochter satte 60 Prozent zum Gesamtwachstum bei. GE besaß gewissermaßen eine firmeneigene Bank und konnten seinen Kunden für gekaufte Kernkraftwerke, Turbinen oder Waschmaschinen gleich eine passende - und für GE höchst rentable - Finanzierung anbieten. Bald kamen weitere Finanzdienstleistungen hinzu, wie Autokredite, Kreditkartenverkauf und Hypotheken, ja, sogar Pflegeversicherungen. Das Geld floss so reichlich, dass sich der CEO Immelt nun auch einige private Extravergünstigungen leisten konnte. So flog er nicht nur im eigenen Firmenjet zu diversen Veranstaltungen, sondern ließ nicht selten ein - leeres - Ersatzflugzeug hinterher fliegen. Bei der Wallstreet kam dieser Exzess allerdings weniger gut an.

Die globale Finanzkrise 2008 traf den Konzern mit voller Wucht. GE hatte sich sein Geld für die Kundenkredite unter anderem bei der nun bankrotten Bank Lehman Bros über kurzfristige Schuldverschreibungen geliehen und war somit plötzlich illiquide. Jeff musste die Regierung in Washington dringend um Hilfe bitten und diese tat es nur unter teuren Auflagen. GE war fortan gezwungen, seine "cash-cow" GE Capital bis zur Unkenntlichkeit zu schrumpfen. "Tough luck" hatte Immelt auch mit dem Erwerb der französischen Gasturbinenfabrik Alstom, denn er schnappte sie Siemens zu einem viel zu hohen Preis weg. Und als 2014 auch noch der Ölpreis von 120 Dollar pro Barrel auf mickrige 30 Dollar absank, wurde auch der Firmenbereich "Öl und Gas" notleidend. Plötzlich fehlten 31 Milliarden Dollar in der firmeneigenen Pensionskasse und die Schieflage von GE wurde für jeden erkennbar. Die Aktionäre hatten nun genug von diesen CEO ohne Fortune und schickten ihn 2017 in den Ruhestand. Nicht ohne ihm 82 Millionen Dollar an Pensionsansprüchen und ein weiteres Aktienpaket von 39 Millionen Dollar in die Hand zu drücken. (Verglichen mit seinem Vorgänger Jack Welch war Jeff trotzdem als armer Rentner stigmatisiert).


John Flannery, ehemals für die Medizintechnik bei GE tätig und erfahren in Finanzdingen, wurde am 1. August 2017 als neuer CEO berufen und soll seine Firma nun aus dem tiefen Loch heraushelfen. Denn Eile tut not, die 6 Milliarden Dollar Verlust haben Aktienkurs und  Börsenwert um fast 50 Prozent in die Tiefe rauschen lassen. Die vielen Rentner der GE, welche ihren Ruhestand, wie in den USA üblich, insbesondere durch Aktienerträge finanzieren, stehen unter Schock. Einige Entscheidungen (mit Symbolwert) hat Flannery bereits getroffen: die Firmenjets und  Dienstlimousinen wurden abgeschafft. Von erheblich höherer Bedeutung ist jedoch die Restrukturierung des Unternehmens. Die General Electric der Zukunft soll schlanker werden, dafür müssen eine Reihe von Tochterfirmen verkauft werden, um Geld in die Kasse zu spülen. Beibehalten möchte Flannery auf alle Fälle die Flugzeugtriebwerke, die Medizintechnik und die Gasturbinen. Alles andere steht zum Verkauf.
Der Ikone General Electric droht der Zerfall! 


Siemens auf holpriger Überholspur

Die Entwicklung bei Siemens - ebenfalls seit den 1980er Jahren betrachtet - verlief weniger glamourös als beim Konkurrenten General Electric. Siemens war damals klarer Zweiter hinter seinem amerikanischen Rivalen, auch was die Entlohnung des Spitzenpersonals anlangt. Veröffentlichte Zahlen sind zwar selten, aber man schätzt, dass bis zum Jahr 2000 die Siemens-Chefs ein Jahresgehalt von 2 bis maximal 5 Millionen DM bezogen und mit einer Million (oder darunter) in den Ruhestand verabschiedet wurden. Geradezu "pea-nuts" im Vergleich zu den Super-Honoraren der GE-Kollegen Jack Welch und Jeff Immelt.

Karlheinz Kaske, Vorstandsvorsitzender von 1981 bis 1992, war Physiker und promovierte an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Der Konzernumsatz bei Siemens war 1986 auf 50 Milliarden DM angewachsen und durch den Ankauf verschiedener Elektronikfirmen (wie Nixdorf) mutierte das Unternehmen allmählich vom Elektro- zum Elektronikkonzern. Unter der Ägide Kaske lieferte Siemens/KWU seine grössten Kernkraftwerke (KKW) aus, nämlich Neckarwestheim, Emsland und Isar 2, welche allesamt eine Leistung von 1.3000 bis 1.450 Megawatt besaßen. Insgesamt baute Siemens in 6 Ländern mehr als 30 Kernkraftwerke, die alle eine ausgezeichnete Sicherheitsbilanz hatten. GE war mit weltweit 90 KKW zwar zahlenmäßig erfolgreicher, hat aber die berühmt-berüchtigten Atommeiler von Fukushima in seinem Portefeuille. (Wobei man vermerken muss, dass für die zu niedrigen Tsunami-Wälle in erster Linie der japanische Bauherr verantwortlich war.)


Heinrich von Pierer agierte als Siemens-Chef von 1992 bis 2005. Er war Jurist sowie Volkswirt und entstammte einer österreichischen Adelsfamilie; sein Langname lautet demgemäß:
Heinrich Karl Friedrich Eduard Pierer von Esch.
Pierer strukturierte das operative Geschäft bei Siemens in die fünf Hauptbereiche: Energie, Verkehr, Medizin, Beleuchtung sowie Automatisierung und Regelung. Bei den Halbleitern wurde die Infineon AG verselbstständigt; von den Dänen 2004 eine Windkraftfirma als Knowledgebasis übernommen.

                                                Heinrich von Pierer (1992 - 2005), 
                                                       Klaus Kleinfeld (2005 - 2007), li.

Leider war die ansonsten durchaus erfolgreiche Ära Pierer von einigen unerfreulichen Schmiergeldaffären überschattet. Im Jahr 1996 machte der Stadtstaat Singapur öffentlich, dass Siemens für die nächsten fünf Jahre keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten würde. Als Grund wurden Bestechungen in Millionenhöhe angegeben. Wesentlich schwerwiegender war der unten b
eschriebene sogenannte "Schmiergeldskandal", welcher 2005 bekannt wurde, als v. Pierer (altersbedingt) den Vorstandsvorsitz abgeben musste und sogleich - als Vorsitzender - in den Aufsichtsrat wechselte.


Klaus Kleinfeld leitete Siemens von 2005 bis 2007. Er entstammte einer Arbeiterfamilie und war studierter Diplomkaufmann. Er musste die volle Härte der polizeilichen und juristischen Aufarbeitung des Schmiergeldskandals erdulden. Denn am 15. November 2006 stürmten 200 Staatsanwälte, Polizeibeamte und Steuerfahnder in 30 Gebäude der Siemens AG und durchwühlten dort die Geschäftsunterlagen. Angeblich fanden sie verschlüsselte Beweise für die Handhabung geheimer Schmiergeldzahlungen an Geschäftskunden. So lautete die handschriftliche Randnotiz "Legen Sie das in Datei APP ab", dass Schmiergelder in Höhe von 2,55 Prozent des Lieferpreises genehmigt seien (A=2, P=5). Den zehn Buchstaben des Schlüsselworts MAKEPROFIT war der Ziffernfolge 123456789 zugeordnet. Das Landgericht München verurteilte Siemens zu einer Strafzahlung von 201 Millionen Euro, was die Firma umgehend akzeptierte.

Ex-Chef v. Pierer, in dessen Ägide die Bestechungen stattgefunden hatten, wusste angeblich von nix, ihm war nichts nachzuweisen. Trotzdem akzeptierte er eine Bußgeldzahlung von 5 Millionen Euro, galt damit aber nicht als vorbestraft. Später schrieb er ein Buch über diese stürmische Zeit unter dem bezeichnenden Titel "Gipfel-Stürme" (bei Econ). Schlimmer erging es einigen seiner Vorstandskollegen, die zeitweise im Gefängnis landeten und hohe Geldstrafen zu leisten hatten. So sollte der ehemalige Finanzvorstand Hans-Joachim Neubürger 15 Millionen Euro Strafe zahlen. Nach einer Aufsichtsratssitzung stürzte er sich in München-Harlaching von einer 30 Meter hohen Eisenbahnbrücke in den Tod.

Klaus Kleinfeld gefiel sein Job bei Siemens immer weniger. Er verkaufte - voreilig - die Handysparte "Siemens Mobil" an das taiwanische Unternehmen BenQ, welches ein Jahr später bankrott machte. Damit vernichtete er nicht nur tausende von Arbeitsplätzen in Deutschland, sondern gab auch ein strategisches Pfund aus der Hand. Nach gut zwei Jahren als Vorstandsvorsitzender von Siemens warf Kleinfeld das Handtuch und wanderte in die USA aus. Dort war er die nächsten zehn Jahre nicht ohne Erfolg als Chef des Aluminiumkonzerns Alcoa tätig.


Peter Löscher, (2007 - 2013) war der nächste Vorstandsvorsitzende bei Siemens und der erste, welcher nicht aus dem Unternehmen kam. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wollte jemanden, der garantiert nicht durch die Korruptionsvorgänge belastet war und der Österreich Löscher, welcher bislang fast nur im Pharmafirmen gearbeitet hatte, schien der Richtige zu sein. Er sollte (auch mit Hilfe der sündhaft teuren US-Anwälte) den Schmiergeldskandal aufarbeiten und ein wirksames Überwachungssystem einrichten. Dies gelang in den folgenden Jahren, wenn auch unter hohen Kosten. Es stellte sich heraus, dass unter den Vorgänger-Chefs v. Pierer/Kleinfeld ca. 1,5 Milliarden Euro an Bestechungsgelder geflossen waren; die daraus erwachsenen Kosten und Strafzahlungen, u. a.  an die Wall-Street-Börsenaufsicht, beliefen sich auf fast 3 Milliarden. Mit Hilfe des früheren Finanzministers Theo Waigel gelang es, ein modernes "Compliance"-System einzurichten, welches bis heute wirksam ist.

Löschers Ägide war durch zwei externe Ereignisse charakterisiert: die Finanzkrise 2008 sowie die Energiewende 2011. Bei der Finanzkrise konnte Siemens noch recht gut gegensteuern, da man -im Gegensatz zum Konkurrenten GE - kaum Kundenfinanzierung im Angebot hatte. Die Energiewende traf Siemens jedoch frontal, weil in der Kraftwerksbranche der Absatz der großen gewinnbringenden Turbogeneratoren dramatisch zurück ging. Löscher wollte dagegen halten, indem er das Thema "grüne Infrastruktur" aufnahm. Aber die Umsätze fielen weiter und als er 2013 innerhalb von drei Monaten zwei Gewinnwarnungen herausgeben musste, beschloss der Aufsichtsrat die sofortige Ablösung des glücklosen CEO. Da Löschers Vertrag noch bis 2017 lief, konnte der Österreicher eine (für damalige Verhältnisse) riesige Abfindung von 30 Millionen Euro heraushandeln, worunter 13 Millionen in Aktien bestand.


Joe Kaeser, (ab 2013),  ist geborener Niederbayer, wohnt in der Oberpfalz (Regen) und ist Betriebswirtschaftsabsolvent der Fachhochschule Regensburg. Seit 1980 bei Siemens, verbrachte er einige Jahre in ranghoher Position in den USA, war danach unter Löscher Finanzvorstand und hat dort sicherlich einiges abgenickt.

Als Vorstandsvorsitzender für den Siemenskonzern standen bei Kaeser stets Umsatz und Gewinn im Vordergrund. Diese beiden bilanzielle Hauptgrößen stiegen unter Kaeser sprunghaft an:
der Umsatz von 75 Milliarden Euro (2015) auf 80 Mrd. (2016) bis 83 Mrd. (2017) und
der Gewinn von 6 Milliarden Euro (2015) auf 7,4 Mrd. (2016) bis 8,1 Mrd. (2017).

Durch diesen Gewinn von 8,1 Milliarden Euro im Jahr 2017 hat Siemens seinen Dauerrivalen General Electric klar überholt, nachdem GE im gleichen Jahr  einen Verlust von 6 Milliarden Dollar eingefahren hat.

Quod erat demonstrandum!---Siehe Überschrift.

Samstag, 27. Januar 2018

"Erst das Land, dann die Partei"

Dieser altruistisch anmutende Spruch stammt von dem SPD-Politiker Willy Brandt. Als der ex-Kanzler 1992 von einem Journalisten gefragt wurde, ob er die ausladende Finanzierung der deutschen Wiedervereinigung durch Kanzler Helmut Kohl unterstützen würde, bejahte der Oppositionspolitiker dies und platzierte damit die parteitaktische Erwägungen hinter die damaligen Erfordernisse des Landes.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel verlängerte diese Sentenz, als er 1996 von einem Pressevertreter (ironisch) danach gefragt wurde, weshalb er bei der abermaligen Ernennung zum Landeschef durchgefallen sei, indem er trocken antwortete: "Erst kommt das Land, dann kommt die Partei und ganz zum Schluss erst die Person". Teufel gewann übrigens die zweite Auflage der MP-Wahl noch am gleichen Tag ganz locker und war bis zum Juni 2001 ein sehr erfolgreicher Ministerpräsident.


"Die Welt wartet nicht auf uns"

Mit Fassungslosigkeit blicken die deutschen Bürger derzeit nach Berlin, wo die Spitzenpolitiker von fünf Parteien seit mehr als vier Monaten darum ringen, eine Regierung zu bilden. Merkels Aufruf "Beeilt euch, die Welt wartet nicht auf uns" verhallte fast ungehört. Wenn es ab jetzt besser laufen sollte, dann kann man (vermutlich) ab Ostern 2018 mit einer neuen Regierung rechnen - vielleicht aber auch nicht, sodass es dann wohl Neuwahlen im Herbst diesen Jahres geben muss.

Viele Hoffnungen ruhten auf dem 4er-Bündnis "Jamaika". Aber nach fünf Wochen sogenannter "Sondierungen" beschloss der Jungspund Christian Lindner (FDP) - zur Überraschung aller -  auszusteigen. Seine Begründung hat nur wenige überzeugt, was auch am Absacken des FDP-Wahlergebnisses von 10,7 Prozent auf 8 % abzulesen ist.
Da waren Lindners berühmte Vorgänger Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher aus ganz anderem Holz geschnitzt. Mit bloßen 5,8 Prozent an Wählerstimmen bei der Bundestagswahl 1969 taten sie sich mit der SPD (42,7 %) zusammen und bildeten (vorbei an den Wahlgewinnern CDU/CSU mit 46,1 %) die erste sozialliberale Regierung, welche mit ihrer "Ostpolitik" historische Verdienste einheimste.

Nun sind auch die Sondierungen zwischen SPD und CDU/CSU zu Ende gegangen. Den Sozialdemokraten reichte das Ja des 45-köpfigen Bundesvorstands zum Verhandlungsergebnis noch nicht, ebenso wie die folgende Zustimmung der Bundestagsfraktion mit ihren 153 Mitgliedern. Weil in dieser Partei seit langem jeder jedem misstraut, bedurfte es eines 650-köpfigen Sonderparteitags, um das Sondierungsergebnis abzusegnen. Dies gelang am vergangenen Sonntag mit dem mageren Resultat von 56 Prozent Ja-Stimmen. Nun beginnen die mehrwöchigen Koalitionsverhandlungen mit unsicherem Ausgang. Ein Ja-Ergebnis muss von der Mehrheit der 450.000 SPD-Mitglieder bestätigt werden. (Ebenso, übrigens, wie vorher bei Jamaika: dort wären 64.000 FDP-Mitglieder aufgerufen worden, über 80 Millionen Deutsche zu entscheiden.)

Mit den Koalitionsverhandlungen entscheidet sich auch das Schicksal des gegenwärtigen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Erst am 19. März 2017 gewählt - aber mit sensationellen 100 Prozent!!! - könnte er binnen Jahresfrist schon wieder hart bei Null aufschlagen. Schulz wäre nicht der einzige Kurzfrist-Parteichef der SPD. Nach Willy Brandt hat die SPD bis jetzt bereits 11 Vorsitzende verbraucht: Vogel, Engholm, Rau, Scharping, Lafontaine, Schröder, Müntefering, Beck, Steinmeier, Müntefering, Gabriel. Martin Schulz würde das Dutzend voll machen.
Bei der CDU war man vergleichsweise sparsam. Im gleichen Zeitraum gab es nur drei Vorsitzende: Kohl, Schäuble, Merkel. Und von diesen ist Merkel noch im Amt!


Die Kosten der Bundestagsabgeordneten

Man darf sich fragen, weshalb unsere Politiker partout keine Regierung bilden wollen. Werden sie von uns Wahlvolk etwa zu schlecht entlohnt?  Nun, ich habe mich aus seriösen Quellen kundig gemacht und komme für den überwiegenden Teil der Bundestagsabgeordneten ("Hinterbänkler") zu folgenden

A. Monatlichen Bezügen:

9.542 Euro:  Entlohnung bzw. "Diät"; sie steigt jeweils automatisch zur Mitte des Jahres.

4.318 Euro:  Steuerfreie Kostenpauschale für Büroausstattung im Wahlkreis; steigt ebenfalls automatisch.

1.000 Euro:  Büroausstattung im Bundestag für Computer, Smartphone, Schreibmaterial etc; darf alles privat genutzt werden.

20.870 Euro:  für Gehaltszahlungen an Personal (Sekretärin, Referent etc)


B. Nebenleistungen an Bundestagsabgeordnete:

Büroausstattung:  Neben der Kostenpauschale haben alle Abgeordnete Anspruch auf ein eingerichtetes Büro im Reichstag in der Größe von 54 Quadratmetern für sich und ihre Mitarbeiter samt Möbelausstattung und Kommunikationsmitteln.

Reisekosten:  Bahncard 1. Klasse, auch für persönliche Urlaubsfahrten verwendbar; dazu Inlandsflüge 1. Klasse.

Übergangsgeld:  Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag gibt es bis zu 18 Monate Übergangsgeld.

Altersversorgung:  Abgeordnete zahlen keine Beiträge zu ihrer Altersversorgung; monatlich werden 5 bis 6.000 Euro in einen Fonds einbezahlt. Bereits nach einem halben "Arbeitsleben" erhält ein MdB den maximalen Pensionsanspruch von 67,5 Prozent der Diät, derzeit ca. 6.441 Euro pro Monat.


C. Verdeckte Nebenleistungen:

Funktionszulagen: für Vorsitzende der Fraktionen und Ausschüsse

Zuschuss an Fraktionen (sogenanntes "Kopfgeld" in fünfstelliger Höhe)

Dienstwagenflotte des Bundestags: Steht jedem MdB zur Verfügung.


Im Fazit bleibt festzustellen, dass man als Bundestagsabgeordneter zwar nicht zum Millionär wird,
aber von den Steuerzahlern doch ganz ordentlich entlohnt wird. Zu "Regierungsstreik", wie derzeit  beobachtbar, besteht also keine Veranlassung.


Das aufgeblähte Parlament

Regulär besteht der Bundestag aus 598 Abgeordneten. Davon werden 299 in den Wahlkreisen direkt gewählt, weitere 299 kommen über die Parteilisten der Länder hinzu. Dem gegenwärtigen Bundestag gehören jedoch 709 Abgeordnete an, also 111 mehr als es sein sollten. Schuld daran sind die sogenannten "Überhangsmandate" . Sie entstehen, wenn eine Partei bei der Wahl mehr Direktmandate über die Erststimmen erhält, als ihr Sitze im Bundestag gemäß der Anzahl der Zweitstimmen zustehen. Klingt kompliziert und wird auch nicht dadurch einfacher, dass es noch dazu die sogenannten "Ausgleichsmandate" gibt. Die 111 Überhangsmandate teilen sich alle sieben im Bundestag vertretenen Parteien nach folgendem Schlüssel:  CDU 36, SPD 22, FDP 15, AfD 11, Grüne 10, Linke 10 und CSU 7. Der Bund der Steuerzahler schätzt die Mehrkosten, welche in dieser Wahlperiode allein durch diese Zusatzpöstchen entstehen auf satte 300 Millionen Euro.


Das überfüllte Parlament


Das Bundesverfassungsgericht hat diese Aufblähung des Parlaments mehrfach gerügt und Reduktion verlangt. Ohne Erfolg! Alle Abgeordnete sind sich offensichtlich darin einig, es bei dem "XXL-Bundestag" zu belassen. Die Bürger werden nicht gefragt und haben keinen Einfluss. Das letzte Mal hat der scheidende Parlamentspräsident Norbert Lammert im Frühjahr 2017 - also noch vor der Wahl - auf reduzierende Maßnahmen gedrungen, kam aber mit seinen Vorschlägen nicht durch. Dabei wäre eine Änderung schon durch die Verringerung der Wahlkreise (z. B. auf 400) zu erreichen. Wahlrechtsexperten sagen voraus, dass der Bundestag (falls das Wahlrecht beibehalten wird) im Wahljahr 2021 auf mehr als 800 Abgeordnete anschwellen wird. In diesem Fall wird der zusätzliche Platz im Abgeordnetensaal nicht mehr allein durch Schreiner zu bewerkstelligen sein - sondern man wird Maurer benötigen!


Verlängerung der Legislaturperiode

Kurz vor der letzten Bundestagswahl haben sich die Fraktionsspitzen aller Bundesparteien für eine Verlängerung der Wahlperiode von vier auf fünf Jahre ausgesprochen. Inzwischen stimmten auch die Neuparteien AfD und FDP in diesen Chor ein. Die Führungen der SPD und CDU begründeten eine solche Reform wie folgt: "Die Verlängerung würde der Komplexität vieler Gesetze gerecht und sinnvolle Nachsteuerungen wären noch vor der nächsten Wahl möglich. Hinzu käme, dass nach einer Bundeswahl mehr Zeit für Koalitionsverhandlungen verbliebe und diese nicht zu Lasten der Regierungszeit ginge". Gleichzeitig wurde vorgeschlagen, die Regierungszeit der Kanzler - wie in den USA - auf  (maximal) zwei Legislaturperioden zu begrenzen.

Sicherlich würde die Verlängerung der Legislaturperiode mehr Kontinuität bei der Parlamentsarbeit bringen. Aber man sollte sie nicht zu früh (und nicht unkonditioniert) zulassen. Sie wird nämlich von den gleichen Politikern gefordert, welche seit Jahren die überfällige personelle Deckelung des Bundestags verhindern und keine Anstalten machen, die unsäglichen Überhangmandate abzuschaffen. Das Parlament muss kleiner werden - erst dann sollte man über längere Legislaturperioden nachdenken. Wünschenswert wäre auch die Schaffung der Möglichkeit durch gezielte Abgabe der Zweitstimme die Parteilisten durcheinander wirbeln zu können, welche häufig in geheimen Hinterzimmern aufgestellt wurden.


Anderswo läuft´s anders

Beim deutschen Parlamentswesen läuft vieles schief. Wenden wir, zum Vergleich, den Blick nach draußen - zum Beispiel in die USA.

Das dortige Repräsentantenhaus, vergleichbar mit unserem Bundestag, umfasst (konstant!) 435 Abgeordnete. Überhangs- oder Ausgleichsmandate gibt es dort nicht. Aber diese Abgeordneten tragen die politische Verantwortung für ein Land, welches - mit 350 Millionen(!) - fast vier Mal so viele Einwohner hat wie die Bundesrepublik Deutschland.
Und die Bezüge dieser Politiker?
Sind mit (umgerechnet) 11.000 Euro nahezu gleich groß wie bei uns.

Mittwoch, 10. Januar 2018

BITCOIN? - Was ist das eigentlich?

Wer frühzeitig auf die virtuelle Währung BITCOIN gesetzt hat, konnte ohne Mühe Millionär werden. Inzwischen herrscht weltweit Goldgräberstimmung. Der Bitcoin ist zum Spekulationsobjekt geworden. Neue virtuelle Währungen entstehen, welche diesen Erfolg kopieren wollen. Hinter den mit Computern generierten Kryptowährungen steht eine Technologie namens BLOCKCHAIN. Experten glauben, dass die Blockchain viel mehr kann. Mit ihr kann man offensichtlich nicht nur Finanzprodukte kreieren, sondern auch die Banken, Finanzinstitute und Versicherungen samt der öffentlichen Verwaltung umfassend verschlanken und umorganisieren - bis hin zu deren (eventueller) Abschaffung.


Der ominöse Mr. Satoshi Nakamato

Bitcoin ist gewissermaßen die "Mutter" aller Kryptowährungen, das heißt von Geld, welches - in verschlüsselter Weise -  mit Computern erzeugt wird. Die Idee wurde vor zehn Jahren in einem wissenschaftlichen Journal (siehe Faksimile-Abbildung) von jemandem unter dem japanisch anmutenden Namen Satoshi Nakamoto vorgestellt. Damals, im Jahr 2008, befand sich die Welt wegen der globalen Finanzkrise in Aufruhr und den klassischen "FIAT-Währungen" (also Dollar, Euro, Yen etc.) wurde nur noch wenig Vertrauen entgegengebracht. Inzwischen stellte sich heraus, dass es den Autor namens Satoshi Nakamoto so nicht gibt. Er hat offensichtlich unter einem Pseudonym publiziert; seine wahre Identität ist, trotz großer Anstrengungen, bis heute nicht aufgedeckt.

Über den Bitcoin gibt es Veröffentlichungen und Bücher in großer Zahl, die allerdings zumeist in der englischen Sprache verfasst sind. Demzufolge haben sich fast für alle Fachbegriffe die englischen Bezeichnungen durchgesetzt. In diesem Blog sind dies - neben bitcoin - die Begriffe peer to peer, wallet, miner, blockchain und ledger, wofür ich an den jeweiligen Stellen (inoffizielle) deutsche Übersetzungen benutze.



Der Anfang von Satoshi Nakamotos Veröffentlichung


Zielsetzung und Grundlagen der Bitcoin-Technologie

Der Erfinder des Bitcoin - nennen wir ihn weiter Nakamoto - wollte mit seinem künstlichen Geld erreichen, dass Weltfinanzkrisen künftig nicht mehr möglich sein sollten. Den nationalen Notenbanken sollte ihr Monopol zur "Geldschöpfung" entrissen werden und die Regierungen sollten nicht mehr in die Lage versetzt werden (bei selbstverschuldeten Krisen) die Banken auf Kosten der Steuerzahler, also des "kleinen Mannes", zu retten.

Dafür begründete Nakamoto eine neue Währungseinheit, den Bitcoin. Er ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine anfassbare Münze ("coin"), sondern der Bitcoin existiert nur "kryptisch", also in verschlüsselter Form, auf unserem Computern. Nakamoto definierte ihn als: 
digitale Geldeinheit in einem weltweiten dezentralen Zahlungssystem.
Das Regelwerk für dieses Währungssystem, also der Computer-Code, liegt offen und für jeden Nutzer einsehbar als "open source" vor. Jeder, der einen PC oder ein Smartphone besitzt, kann sich kundig machen und sich an der Bitcoin-Technologie beteiligen. Dass dies nicht so ganz einfach ist, sei nur am Rande erwähnt.

Damit der Bitcoin nicht (wie die allermeisten FIAT- und Papiergeldwährungen) durch Inflation seinen Wert verliert, oder von den Noten- und Geschäftsbanken "missbraucht" wird, hat N. in sein virtuelles System einige Sperren eingebaut. So dürfen bis zum Jahr 2041 maximal 21 Millionen Bitcoins ausgegeben werden, wobei heute - angesichts des Zulaufs dieser Währung - allerdings bereits 16 Millionen im Umlauf sind. Des weiteren sollte der Bitcoin jedem Computerbesitzer für Zahlungen und Überweisungen zur Verfügung stehen. Aber: nicht durch Einspeisung der jeweiligen Summe in das globale (und undurchsichtige) Bankensystem sondern als Überweisung von Person zu Person, englisch: peer to peer, bzw. p2p.


Die Wallets

Will man an Bitcoin-Finanzgeschäften teilnehmen - etwa zum Zwecke von Geldüberweisungen oder um Anlagespekulationen zu tätigen - dann benötigt man ein Konto, welches im virtuellen Raum als "wallet" bezeichnet wird. Dieses Wallet ist eine Art Geldbörse und wird nur auf dem eigenen PC oder Smartphone gespeichert. Das hat u. a. den Vorteil, dass kein Externer (also auch keine Bank!) darauf zugreifen kann. Auch andere Einschränkungen, wie die Limitierung der Überweisungshöhe, welche bei einem Girokonto durchaus üblich ist, kennt das Wallet nicht. Jeder Teilnehmer im Bitcoingeschäft ist sozusagen Herr seines eigenen Geldbeutels und kann problemlos Bitcoins in beliebiger Anzahl in die entferntesten Gegenden von Afrika oder Australien senden - sofern der Empfänger einen internetfähigen Computer mit Wallet besitzt.

Die Eröffnung eines Wallets geschieht in der Regel online nach bekannten Regularien. Das Konto wird nicht unter dem Klarnamen geführt, sondern ist extrem gut verschlüsselt, jedenfalls besser als die einst in der Schweiz und Lichtenstein üblichen Nummernkonten.  Früher konnte diese Geldbörse auch mit Bitcoins gefüllt werden, die man am eigenen Computer erzeugte. Das ist nun nicht mehr möglich, da diese Aufgabe jetzt von den Großrechenanlagen "übernommen" wurde, deren Stromaufnahme nicht selten die Leistung von Atomkraftwerken übertrifft. Deshalb wird der durchschnittliche Kleinanleger heute gezwungen, sich an einer (zumeist) asiatischen Börse mit Bitcoins einzudecken. Nicht selten entstehen dabei allerlei Wechselkurs- und Transaktionskosten, welche die Rentabilität erheblich schmälern können.


Zentrale Begriffe:   Block, Blockchain, Miner, Ledger

Kommen wir nun zur technischen Umsetzung beim Bitcoin.
Dazu muss man wissen, dass weltweit zu jeder Sekunde viele Bitcoin-Überweisungen (auch "Transaktionen" genannt), zwischen den im Netzwerk beteiligten Personen getätigt werden. Diese Transaktionen werden in sogenannten "blocks"  (deutsch: Blöcke) zu einer "blockchain" (Blockkette) zusammengefasst. Bevor sie zur Zahlung angewiesen werden, müssen sie jedoch zuerst auf ihre Gültigkeit und Fehlerfreiheit überprüft werden. Diese Aufgabe zur Validierung der Blöcke obliegt dem sogenannten "miner" (Schürfer) wofür diese (Plural!) - im Wettbewerb - eine Entlohnung in Bitcoins erhalten.  Der Begriff Miner ist vom Goldbergbau hergeleitet, wo die (Gold-) Schürfer für ihre mühevolle Tätigkeit ebenfalls (oftmals in Gold-Nuggets) bezahlt werden.

An der Validierung der Blocks arbeiten immer viele Miner gleichzeitig - aber nur einem einzigen gelingt diese Aufgabe. Dafür müssen die Miner den Block "knacken", d. h. entschlüsseln. Dies ist nach dem Algorithmus des Bitcoin-Begründers Nakamoto eine sehr aufwendige Angelegenheit, wofür aber nur der erste, dem dies gelingt, entlohnt wird. Dafür erhält er aus dem oben genannten 21-Millionen-Bitcoin-Depot für seine Leistung eine gewisse Anzahl von Bitcoins auf seinem Wallet gut geschrieben. Alle anderen gehen leer aus! Vor zehn Jahren, zur Entstehungszeit der Bitcointechnologie, konnte sich noch jeder Besitzer eines Microsoft-PC  mit Erfolg am Miningprozess beteiligen und sein Wallet mit Bitcoins füllen. Heute haben nur noch die gigantischen Serverzentren in China und anderswo eine wirkliche Chance.

Alle Zahlungen, die jemals im Bitcoinsystem getätigt wurden, sind im sogenannten "ledger" gespeichert, was in etwa mit "Zahlungs- oder Kassenbuch" zu übersetzen ist. Dieses besteht aus drei Kolonnen: der Gesamtheit der Absender und Empfänger der Transaktionen sowie der Höhe der Bitcoinüberweisungen. Das Ledger ist von allen Beteiligten weltweit einzusehbar, allerdings sind die Wallets der Sender und Empfänger verschlüsselt, also nicht mit Klarnamen identifizierbar. Durch kunstvolle Verschlüsselung der Zahlungsblöcke können die Bitcoinzahlungen stets und auf Dauer nachgewiesen werden. Diese ist einer der Gründe, warum  man beim Bitcoin von einer "Kryptowährung" spricht.


Inhärente Probleme des Bitcoin

Volatilität:  Die Kursschwankungen des Bitcoin sind beträchtlich und laden zur Spekulation ein. Wer in den sechs Wochen um Weihnachten 2017 einen Betrag von 100.000 US-Dollar in Bitcoin angelegt hat, der konnte in wenigen Wochen sein Portefeuille auf 200.000 $ vergrößern - um in weiteren wenigen Wochen wieder auf 100.000 $ zurückzufallen.
Bitcoin ist die ideale Geldform für Spekulanten und Zocker. Menschen, die ihr Geld langfristig anlegen wollen, sollten dies keinesfalls in Bitcoin tun.

Verlustrisiko:  Im Vergleich zu Aktien und sonstigen Anlageformen hat der Bitcoin ein wesentlich erhöhtes Verlustrisiko: der Wert eines Bitcoin-Wallet kann (theoretisch) bis auf Null absinken. Bei der Anlage in Aktien verbleibt (selbst bei Insolvenz des Unternehmens) immer noch ein Restwert der Firma; bei einem Festgeldkonto garantieren die Banken über die gesetzliche Einlagensicherung, einen Restwert von mindestens 100.000 Euro, die es beim Bitcoin nicht gibt.

Cyperkriminalität:  Der Verzicht auf jegliche staatliche Überwachung und Regulierung des Bitcoin lädt zur Cyperkriminalität im Internet ein. Illegaler Waffenkauf, Drogenhandel, Geldwäsche bis hin zum Terror können noch risikoloser abgewickelt werden, als dies bisher bereits im sogenannten "Dark Net" der Fall ist.
Hinzu kommen Sicherheitslücken bei Computern und Chips, wovon derzeit die amerikanischen Unternehmen Apple und Intel betroffen sind. Durch sie kann (zumindest zeitweise) das ganze Bitcoin-Netzwerk zusammenbrechen.

Kleinrechner versus Großrechner:  Die ursprüngliche Idee des Bitcoin-Begründers Satoshi Nakamoto ist weitgehend abhanden gekommen. Wegen des hohen Rechenaufwands (Operationen pro Sekunde) ist die Erzeugung von Bitcoins am "heimischen PC" nur noch eine Mär. Die Blocks können nur noch von Großrechner innerhalb von Minuten entschlüsselt werden, welche sich derzeit an so unzugänglichen Standorten wie der Inneren Mongolei und den Schweizer Alpenhöhlen befinden. Ca. 20 Prozent der bislang erzeugten Bitcoins im Wert von 4o Milliarden Dollar befinden sich angeblich im Besitze von wenigen (unbekannten) Personen. Sie werden clever auf den Markt gebracht, um - antizyklisch -  die Spekulation anzuheizen.
Und die technische Aufrüstung der Großrechner geht weiter. Inzwischen arbeiten renommierte IT-Firmen wie Apple und Google am sogenannten Quantencomputer. Er würde, vermöge seiner gigantischen Rechenkraft, jedes private Wallet in Kürze leeren - und auf die Besitzer der Großrechner umleiten.

Keine globale Finanzkrise durch Bitcoin:  Die immer wieder geäußerte Vermutung, dass durch die Verbreitung des Bitcoin eine neue Weltwirtschaftskrise (ähnlich wie 2008) ausgelöst werden könnte, ist, zumindest jetzt und in naher Zukunft unberechtigt. Der Börsenwert des Bitcoin schwankt - je nach Kurs - zwischen 200 und 400 Milliarden Dollar. Er liegt damit "nur" beim halben Jahresumsatz der weltweit größten Firma Apple. Aber selbst beim plötzlichen Totaluntergang dieses renommierten Unternehmens wäre man noch meilenweit von einer globalen Finanzkrise wie im Jahr 2008 entfernt.

Ist das Ende des Bitcoin nahe?  Eher nicht! Für einen Abgesang des Bitcoin ist es noch zu früh. Dieser Hype wird noch eine geraume Zeit andauern. Denn: Die Idee des Begründers Satoshi Nakamoto war schlichtweg genial. Ohne Einflussnahme der nationalen Notenbanken, der Geschäftsbanken und der Regierungen gestattet das Bitcoin-System große Mengen an Geld zu geringen Kosten von A nach B zu transferieren. Platt gesprochen: ein Gauner in Kasachstan kann einem anderen Gauner in Simbabwe - für krumme Zwecke - riesige Geldbeträge zukommen lassen. Und zwar ohne, dass die jeweiligen Regierungen - und die Finanzämter! -  dies verhindern könnten. Vorausgesetzt: beide besitzen ein Smartphone, wovon man heute aber ausgehen kann.
Und die Kursschwankungen? Sind die nicht abschreckend? Ganz im Gegenteil! Jeder Kursverfall animiert neue Spekulanten zum Kauf von Bitcoin, weil diese der Meinung sind, sie würden es besser machen als die "armen looser", indem sie rechtzeitig von der Kurswelle abspringen. (Was ihnen natürlich nur höchst selten gelingt). Deshalb: keine Sorge, der Bitcoin wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben - zusammen mit vielen anderen virtuellen Währungen.


Konkurrierende Digitalwährungen

Die ganze Welt redet über Bitcoin. Klar, denn ein Plus von 1.318 Prozent Wertzunahme - allein im Jahr 2017 - lässt Anlagen im deutschen DAX mit 13 % Jahresgewinn recht mickrig erscheinen. Trotzdem, Bitcoin war im Jahresschnitt nicht die erfolgreichste Digitalwährung. Das war Ripple mit sagenhaften 36.018 %, vor  anderen, wie Dash, Ethereum, Litecoin etc. Derzeit gibt es (fast) 1.400 Kryptowährungen!

Anders als Bitcoin basiert Ripple nicht auf der Blockchain und wird nicht "gemint", also nicht durch Computer erzeugt. Ripple versucht das bestehende Geldsystem auf die Online-Währung zu übertragen. Die Verbindlichkeiten werden in einem öffentlichen Register aufgezeichnet, welches auf allen Computern des Ripple-Netzwerkes gespeichert ist. Erst wenn zwei Leute sich ausreichend vertrauen, kann Geld überwiesen werden. Vertrauen sich zwei Personen nicht genügend, so versucht das Netzwerk eine "Vertrauenskette" zu bilden. Beispiel: Person 1 vertraut Person 2 nicht ausreichend, will ihr aber Geld überweisen. Vertrauen beide Personen aber einer Person 3, dann wird die Transaktion über diese Person 3 abgewickelt. Auf diese Weise sickern die Zahlungen (englisch "to ripple") durch das Netzwerk hindurch. Die interne Währung XRP gilt dabei als Brückenwährung und somit als interne Verechnungseinheit.

Getragen wird die Kryptowährung Ripple von mehreren Investoren, darunter Google.
Als Berater wirkt der ehemalige CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg.











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Die Verhunzung der Residenzstadt Karlsruhe

Karlsruhe ist eine der letzten großen europäischen Stadtgründungen auf dem Reißbrett. Der Legende nach träumte Markgraf Karl Wilhelm 1715 im Hardtwald bei Durlach von einem prachtvollen Schloss, das sonnengleich im Zentrum seiner neuen Residenz liegen sollte. Er realisierte seine Vision und die Stadtanlage ist glücklicherweise bis heute erhalten. Das Barock-Schloss liegt im Zentrum eines Vollkreises, von dem aus 32 Straßen und Alleen in alle Himmelsrichtungen verlaufen. Das südliche Viertel des Kreises bildete das bebaute Stadtgebiet und erstreckte sich bis zur heutigen Kaiserstraße. Der Grundriss erinnert an einen Fächer, weswegen Karlsruhe den Beinamen "Fächerstadt" führt. Ab 1771 war Karlsruhe die Residenz der gesamten Markgrafschaft Baden.

Mit Friedrich Weinbrenner konnte man 1797 einen genialen Architekten gewinnen, der das klassizistische Karlsruhe über ein Vierteljahrhundert prägte. Der Marktplatz mit der evangelischen Stadtkirche sowie dem Rathaus und der zur "Via Triumphalis" ausgebauten Nord-Süd-Mittelachse zählt zu den markantesten klassizistischen Platzanlagen in Europa. Weinbrenner wandelte die kleine markgräfliche Stadt Karlsruhe in die großherzogliche Residenzstadt für Baden um.


Architektonische Sünden - einst und jetzt

Im vergangenen Jahrhundert hat sich Karlsruhe stark verändert. Natürliches Wachstum, aber auch die beiden Weltkriege und Zeiten mit wenig sensiblem Bewusstsein für die Vergangenheit, haben deutliche Spuren im Gesicht der Stadt hinterlassen. Gerade in den 1960er Jahren wurde viel erhaltenswürdige Bausubstanz ohne allzu große Rücksicht auf die Historie vernichtet. In Deutschland fielen in jenen Jahren mehr Gebäude der Spitzhacke zum Opfer als in den beiden Kriegen zusammen!

Hoch bedauerlich war die Zerstörung der Altstadt. Das sogenannte "Karlsruher Dörfle" entstand als Siedlung für die am Schlossbau beteiligten Handwerker und Tagelöhner. Die Bausubstanz entsprach nie den Vorstellungen der Obrigkeit - ging doch seit jeher in den Straßen des Dörfles auch das "älteste Gewerbe der Welt" seiner Arbeit nach. Im Zuge der Altstadtsanierung (dem größten Projekt seiner Art) wurde in den 1960er Jahren konsequent fast das ganze Dörfle dem Erdboden gleich gemacht. Neue, ziemlich seelenlose, Gebäude und Straßen stehen jetzt auf dem Grund des ehemaligen Dörfles, an dessen verlorenen Charme sich manch einer der Älteren noch gerne erinnert.

Auch die Verbreiterung mancher Straßen - um Karlsruhe "autoverkehrsfähig" zu machen - hat viel historische Bausubstanz gefordert. Zu nennen ist die Kriegsstraße, wo der wuchtige Bau der Heinrich-Hübsch-Schule (1983 bis 1985 von Heinz Mohl im Rahmen der Altstadtsanierung gebaut), den Platz einstiger Wohnhäuser eingenommen hat. Die zur Kriegsstraße senkrecht verlaufende Fritz-Erler-Straße wurde anfangs fast autobahnähnlich ausgebaut und musste später, durch allerhand bautechnische Tricks, wieder künstlich verengt werden.

Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, welche das Karlsruhe Stadtbild schon jetzt und auch in Zukunft sehr negativ beeinflussen wird, wurde Anfang der 1990er Jahre getroffen. Um den innerstädtischen Autoverkehr zu reduzieren, beschloss die Stadtverwaltung den verstärkten Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV). Obschon im Prinzip richtig, wurden damals eine Reihe fehlerhafter Maßnahmen eingeleitet, welche heute noch nachwirken. Unter dem 1. Bürgermeister Heinz Fenrich und seinem Straßenbahnchef  Dieter Ludwig wurde nämlich beschlossen, nicht nur die städtischen Tramlinien, sondern auch die regionalen S-Bahnen vorzugsweise durch die Karlsruher Einkaufs- und Flaniermeile, die Kaiserstraße zu führen.

Als Folge kam es zu permanenten Staus in der Innenstadt zwischen Marktplatz und Europaplatz, wozu auch die eigens angeschafften monströsen S-Bahn-Waggons beitrugen. Statt die Fahrrouten der S-Linien mehr zum Süden hin aufzufächern, beging das genannte Duo einen weiteren Fehler, indem sie die Planung einer Unterpflasterbahn durch die Kaiserstraße in Angriff nahm. Nach einer gescheiterten und einer (halbwegs) erfolgreichen Bürgerbefragung wurde im Jahr 2010 mit dem Bau der sogenannten "Kombilösung" begonnen. Sie beinhaltet im Wesentlichen eine 2,4 Kilometer lange U-Bahn unter der Kaiserstraße zwischen Durlacher Tor und Mühlburger Tor mit einem kurzen Südabgang, sowie einen Autotunnel unter der benachbarten Kriegsstraße und eine darüber liegende Trambahntrasse.


Bestandteile und Lage der Kombilösung

Mächtige Rampen, riesige Bahnhöfe

Bei einer U-Bahn (und sei sie die Kleinste der Welt, wie in KA gespöttelt wird) mag sich das Meiste zwar unterirdisch abspielen, aber die monströsen Bauten tun der Stadt auch an der Oberfläche Gewalt an und verändern ihr Gesicht und ihren Charakter. Während der Errichtung sowieso (siehe nächsten Abschnitt), aber auch nach der Fertigstellung. Da sind die tief einschneidenden Rampen zu nennen auf denen die Straßenbahnen unter die Erde rollen beziehungsweise aus ihr hervorkommen. In der Ettlinger Allee trennen sie die Südstadt vom Stadtgarten, in der Durlacher Allee entstellen sie den Stadtraum zwischen Bernhardus- und Lutherkirche und hinter dem Mühlburger Tor wird die Tunnelöffnung zu einem langen sperrigen Graben. Auch in der Kriegsstraße braucht man für den unterirdischen Autoverkehr weithin sichtbare Rampen und die darüber liegende Bahntrasse mit den mächtigen Oberleitungen sind auch kein ästhetischer Anblick.

Auch der Marktplatz, das Herz der Stadt, wird in seiner Symmetrie durch die Aufbauten der U-Bahn zerstört. Vor dem Portikus der Evangelischen Stadtkirche wird ein Eingang mit massiven Brüstungen aus dem Boden auftauchen und vor dem gegenüber liegenden Rathaus ist ein Kubus für einen Fahrstuhl vorgesehen, der die Pyramide des Stadtgründers recht klein erscheinen lässt. Schließlich soll der Marktplatz nicht mehr mit rotem Sandstein, sondern mit grauem Granit gepflastert werden, um den Schwerlasttransport zu ertragen. Am Durlacher Tor werden die Masten der Oberleitungen den freien Blick auf die Bernharduskirche und den Turmberg verstellen. Bei der Universität KIT fällt das einladende Entree weg, wodurch der Campus eng und verwinkelt erscheint.



Wie groß die imposanten Untergrundbauwerke sind, hat eine kürzliche Ausstellung des Architekturfotografen Dirk Altenkirch erkennen lassen und ein FAZ-Artikel von Andreas Rossmann. Generalthema: Die Stadt Karlsruhe als Gesamtkunstwerk - Wird sie es bleiben, nach all diesen Bauten? Nun, der "Malerfürst" Markus Lüpertz, von 1974 bis 1986 Professor an der hiesigen Kunstakademie, will dabei mithelfen. Ungefragt hat er der Stadtverwaltung für die sieben U-Bahnhöfe je zwei Keramiktafeln angedient, auf denen er die Schöpfungsgeschichte "Genesis - Die sieben Tage des Herrn" darstellen möchte. Darüber wurde von Kunstbeflissenen und Laien in der Stadt monatelang heftig gestritten, bis der Gemeinderat mit 28 zu 17 Stimmen die Aufstellung genehmigte. Für erst Mal sechs Jahr - und angeblich ohne Bezahlung. Die Tafeln, etwa zwei auf gut vier Meter groß, werden in den riesigen Bahnhofshallen mit den vielen blinkenden Werbeinstallationen vermutlich so wahrgenommen werden, wie zwei aufgehängte Briefmarken in einem Saal der Kunsthalle.


Versprochen - gebrochen

Bei den Bürgerbefragungen der Jahre 1996/2002 und unmittelbar vor Baubeginn 2009 wurden von der Stadtverwaltung (Fenrich/Ludwig) und der Planungsgesellschaft KASIG zu wesentlichen Punkten des Projekts - nämlich: Belästigung der Bürger und Geschäfte durch Baustellen sowie Kosten und Zeitplan - in zahlreichen Informationsschriften Stellung genommen. All diese Versprechen haben sich mittlerweile als grob falsch herausgestellt, wie nachstehend zusammengefasst wird.

1.Belästigung durch Baustellen:
Die Projektverantwortlichen behaupteten: "Beim Bauverfahren Schildvortrieb ist an der Oberfläche der Kaiserstraße nichts zu bemerken". Oder: "Ein Großteil der Baumaßnahmen in der Kaiserstraße findet unterirdisch so gut wie unbemerkt von der Öffentlichkeit statt". Oder: "Beeinträchtigungen durch Erschütterungen und Lärm sind nicht zu erwarten". Oder: "Eine Beeinträchtigung für Anwohner, Einzelhandel und Fußgängerzone wird es definitiv nicht geben".

Tatsache ist, dass die Bürger seit Jahren unter dem Lärm und Dreck der Baustellen leiden. Die Innenstadt ist praktisch eine Kraterlandschaft, der den Einkaufsbummel zum Hindernislauf macht. Die Kaiserstraße blutet aus, viele Geschäfte mussten schließen. Vor allem die östliche Kaiserstraße ist zur Ramschmeile verkommen, wo Ein-Euro- und Handy-Läden, Spielhöllen und Imbissbuden dominieren. Postkarten mit Baustellenfotos bezeugen dies.

2. Baukosten:
Die Projektverantwortlichen haben im Jahr 2002 (vor dem Bürgerentscheid!) die Gesamkosten der Kombilösung mit 500 Millionen Euro veranschlagt. Die U-Strab allein sollte 380 Mio kosten; der Umbau der Kriegsstraße war auf 120 bis 150 Mio kalkuliert.

Tatsache ist, dass dieser Kostenplan längst überzogen wurde. Schon im April 2013 sprach der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup von 750 bis 800 Millionen Euro Gesamtkosten. Inzwischen geht man von rund 900 Millionen aus; für den Umbau der Kriegsstraße sind bereits 225 Mio kalkuliert. In den Medien kann man lesen, dass das Projekt inzwischen wohl die Milliardengrenze überschritten hat.

3. Zeitplan:
Die Projektverantwortlichen haben im Vorfeld zum Bürgerentscheid 2002 angekündigt, dass die Kombilösung zum 300-jährigen Stadtgeburtstag fertig sein würde ("City 2015"). Im Okober 2009 erklärte die Kasig, dass der Tunnelbau im Juli 2016 und die Kriegsstraße zwei Jahre später frei von Baustellen sein würde.

Tatsache ist, dass der U-Bahn-Betrieb unter der Kaiserstraße (irgendwann) zwischen den Jahren 2020 und 2025 aufgenommen werden wird; über die spätere Fertigstellung der Kriegsstraße gibt es derzeit keine verbindliche terminliche Bekanntmachungen.


Schlussbemerkungen

Der Bau der Kombilösung hat den Karlsruher Bürgern bisher schon sehr viel Nerven, Geld und Zeit gekostet - und ist dennoch überflüssig wie ein Kropf.

Stattdessen: 
hätte man die innerstädtischen (schmalen) Strassenbahnen oberirdisch durch die Kaiserstrasse dirigieren sollen - zur Freude der Nutzer, die während einer bequemen Fahrt die Auslagen der Geschäfte hätten studieren können.

Und die voluminösen regionalen S-Bahnen hätte man teils über den Kongressplatz, teils über den Hauptbahnhof leiten sollen. Ein Nord-Süd-Pendelbus vom Hauptbahnhof zum Marktplatz hätte die Kauflustigen der Umgebung zu den Geschäften der Kaiserstraße gebracht.

Dieses Modell hätte unter anderem den Charme gehabt, dass es innerhalb einer Woche umsetzbar gewesen wäre - zum Nulltarif!

Zur nervlichen Beruhigung der Karlsruher Bürger trägt ein Oberbürgermeister bei, der in seinem Normalberuf nicht etwa Bauingenieur, sondern ausgebildeter Psychiater ist. Und ein 1. Bürgermeister für die Sicherheit in den U-Bahn-Schächten, der ein studierter Theologe ist.

Nichts geht über Professionalität!




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Angaben gemäß § 5 TMG:

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