Freitag, 14. September 2018

"Bankgeschäfte sind notwendig, Banken nicht"

Die beiden größten deutschen Geschäftsbanken - die Deutsche Bank und die Commerzbank - befinden sich weiterhin im Abstiegstrudel. Charakteristisch dafür ist das Ausscheiden der Deutschen Bank (DB) aus dem Eurozonen-Leitindex "Euro Stoxx 50". Die DB gehört damit nicht mehr zu den 50 wertvollsten Aktiengesellschaften der Eurozone. Allein seit Jahresbeginn hat der Börsenkurs der Bank um fast 40 Prozent nachgegeben. Wegen der hohen Bedeutung der Indexfonds (ETF) werden nun auch viele Fondswerte der DB aussortiert werden.

Fast zeitgleich ist die zweitgrößte deutsche Geschäftsbank, die Commerzbank, aus dem Register des Deutschen Aktienindex (DAX) geflogen. Die Kriterien für diesen Leitindex sind Börsenumsatz und Börsenwert. Daran hapert es bei der Commerzbank seit sie vor ca. zehn Jahren die Dresdner Bank einverleibte und sich ganz offensichtlich daran verschluckte.

International gesehen sind aus den einstigen zwei deutschen Großbanken inzwischen Zwerge geworden. An der Börse ist die Deutsche Bank mittlerweile nur noch 20 Milliarden Euro wert, die Commerzbank gar nur noch 10 Milliarden. Damit werden sie von ihren europäischen Konkurrenten, der französischen BNP Paribas (65 Milliarden) oder der spanischen Santander (71 Mrd) weit überholt. In geradezu kosmischer Entfernung befinden sich die amerikanischen Großbanken, wie JB Morgan, deren Wert auf 334 Milliarden veranschlagt wird. Vor der Währungskrise 2008 stand die Deutsche Bank noch auf Platz 10 weltweit! Der Grund für den dramatischen Abstieg der einstigen deutschen Großbanken: jahrelanges miserables Management - auch unter dem weit überschätzten DB-CEO Ackermann.


Die Aufsplitterung der Bankgeschäfte

Nun gibt es immer deutlicher unüberhörbare Stimmen, welche besagen, das in der zukünftigen Wirtschaft die Geschäftsbanken vom alten Zuschnitt gar nicht mehr so wichtig seien. Auf den Punkt brachte diese These der Begründer Microsoft, Bill Gates, der schon 1994 verkündet hat:"Banking is necessary, banks are not". Mit anderen Worten: die Bankgeschäfte der Zukunft kann man auch ohne die traditionelle Organisationsstruktur einer klassischen Großbank erledigen. Diese Sentenz ist nun schon ein Vierteljahrhundert alt, aber die großen Banken gibt es immer noch. Manches spricht also dafür, das sich Bill Gates - als Bankendilettant - mit dieser Prophezeihung geirrt haben könnte.  Doch gemach: Bill hat mit seinem weiten Blick in eine ferne Zukunft etwas ganz Wichtiges vorher gesagt, das in der Gegenwart - peu à peu - immer mehr zur Realität wird.


Bill Gates, Gründer von Microsoft und Prophet


Betrachten wir die typischen Geschäfte einer Bank, so ranken sich diese um wenige Bereiche: Einlagen, Kredit, Wertpapiere, sowie Zahlungsverkehr. Hinzu kommt bei den Investmentbanken noch die Unterstützung der Unternehmen bei Fusionen und Börsengängen. Die erstgenannten vier Geschäftsarten lassen sich durch Computer und entsprechende Rechenprogramme relativ leicht bewältigen. Hinzu kommt, dass durch diese "Digitalisierung" modernen Zuschnitts der Personalstand der Unternehmen drastisch reduziert werden kann. Die genannten deutschen Institute Deutsche Bank und Commerzbank wollen in den kommenden Jahren ihre Beschäftigten um 10 bis 20 Prozent, also je 10.000 Mann abbauen - allein auf Grund der Digitalisierung, also Verschlankung qua Computer.

Ein klassisches Beispiel für die Rationalisierung im Privatkundengeschäft ist die Abwicklung einer Überweisung. Sie wurde noch vor wenigen Jahren auf einem Papierformular eingereicht. Inzwischen läuft der ganze Prozess von der Eingabe bis zur Abwicklung voll digital ab, ohne, dass sich ein Mensch um den Vorgang kümmern muss. Mittlerweile gibt es auch einen neuen Bereich der Finanzindustrie, die sogenannten FinTech, welche angetrieben durch die Informationstechnologie viele innovative Finanzierungsprodukte anbieten und - insbesondere als Startups - große Teile des Zahlungsverkehr abwickeln.


Raketenartiger Aufstieg:  "Wirecard"

Man glaubt es kaum:  aber in diesem volatilen Markt - dem Zahlungsverkehr - ist ein deutsches Unternehmen zu einer ganz großen Nummer geworden. Das deutsche Finanzgenie Markus Braun hat es geschafft, die anfangs kleine Klitsche "Wirecard" innerhalb von 20 Jahren zu einen riesigen Finanzunternehmen aufzubauen. In Kürze wird es im imageträchtigen DAX registriert sein - an Stelle der altehrwürdigen Commerzbank. Damit gehört Wirecard zu den 30 größten Unternehmen der Industrienation Deutschland. Und ist der drittgrößte Finanzkonzern hinter Allianz und Munich Re. Im Münchener Vorort Aschau hat Brauns Dax-Aufsteiger seine Firmenzentrale - in einem unscheinbaren Betonbau. Dabei ist Wirecard mit seinen 4.500 Mitarbeitern an der Börse schon mehr als 23 Milliarden Euro wert. Mehr als die Deutsche Bank und mehr als doppelt so viel wie die Commerzbank, die zehn Mal so viel Personal beschäftigt!

Die Aschheimer sind vom Geschäftsmodell her ein klassischer Dienstleister, der nur Zahlungen abwickelt. Wirecard garantiert, dass das Geld im schnellsten Tempo von A nach B gelangt und es dem Händler umgehend wieder zur Verfügung steht. Dafür kassiert es eine Risikoprämie um die 1,5 Prozent. Das Unternehmen bietet kein neues und revolutionäres Produkt an, im Gegenteil, es  nutzt bewährte Technik unter Einschluss der Digitalisierung. Die Konkurrenz kann man offensichtlich auch überflügeln, indem man Bekanntes perfektioniert. Ausdrücklich verzichtet Braun auch auf das volle Spektrum der Bankleistungen - obwohl er eine Banklizenz besitzt. Er möchte nur eine preisgünstige Plattform für den Zahlungsverkehr bereitstellen. Nichts weiter. Man wird erinnert an Airbnb, ein Unternehmen, das selbst keine einzige Wohnung besitzt und trotzdem zum weltgrößten Wohnungsvermittler wurde.

Aber die Konkurrenz schläft nicht. Die Autofirma Daimler, beispielsweise, betreibt die App "mytaxi", über die sich Taxis leicht ordern lassen. Typisch für Daimler und Wirecard ist das sogenannte "Whitelabelling": man bietet einen Service an, aber nicht unbedingt unter eigenem Namen. Deshalb ist auch Wirecard in der breiten Öffentlichkeit so relativ wenig bekannt. Dafür ist es im Online-Handel allgegenwärtig u. zw. ohne, dass es den Verbrauchern auffällt. Wirecard liefert die Schnittstellen und die Infrastruktur vom Glücksspiel bis zum Flugticket. Es kooperiert mit IT-Riesen wie Google und Apple, sowie dem chinesischen Großkonzern Alibaba.

Der Markt rund um die Digitalisierung von Zahlungsvorgängen ist ein klassischer Wachstumsmarkt. Nur 2 Prozent aller Transaktionen weltweit sind heute erst digitalisiert. In naher Zukunft wird sich dieser Wert verzehnfachen - vielleicht sogar verdreissigfachen.

Grandiose Aussichten für das noch junge Unternehmen Wirecard!

Freitag, 7. September 2018

Die Tristesse der Physiker

Die Astrophysik, sprich Kosmologie, befindet sich in der Krise. Und mit ihr die Teilchenphysik. Seit Jahrzehnten gibt es kaum nennenswerte Fortschritte. Und selbst das sogenannte Higgsteilchen - vor wenigen Jahren erst am Beschleuniger des CERN entdeckt - wird von manchem Kernphysiker mit Skepsis beäugt: wegen seiner unerwartet großen Masse passt es so gar nicht in das wohlproportionierte Tableau der 25 Kernteilchen und Kräfte in der Standardtheorie.

Das war von einem guten Jahrhundert noch ganz anders. Zu jener Zeit gab es am Berner Patentamt in der Schweiz noch einen hierarchisch ganz tief angesiedelten "Experten 3. Klasse", der - neben seiner Haupttätigkeit, der Prüfung eingereichter Patentanträge - in dem einzigen Jahr 1905 gleich zwei Entdeckungen (nebenher) machte, die man heute noch als "weltbewegend" bezeichnen darf. Albert Einstein hieß der 25-Jährige, welcher in diesem Wunderjahr der Physik den "Photoeffekt" entdeckte und noch dazu die "Spezielle Relativitätstheorie" (SRT) aufstellte. Für den erstgenannten Effekt erhielt er 1921 den Nobelpreis der Physik; die spezielle Relativitätstheorie postulierte richtig, dass die Insassen einer abfliegenden Rakete weniger schnell altern als die Zurückgebliebenen.

Aber damit hatte der junge Mann sein Pulver noch nicht verschossen. Nur zehn Jahre später, nun Professor (ohne Lehrverpflichtung) an der Universität Berlin, veröffentlichte Einstein dort sein Hauptwerk, die "Allgemeine Relativitätstheorie" (ART). Sie deutet die Schwerkraft als geometrische Eigenschaft des gekrümmten vierdimensionalen Raums und beschreibt das Wechselspiel zwischen Materie sowie Raum und Zeit. Beide Relativitätstheorien wurden bis heute mehr als hundert Mal experimentell bestätigt und bilden die Säulen der modernen Physik. Bemerkenswert ist, dass Einstein jede Unterstützung durch Doktoranden oder Assistenten ablehnte. Seine Theorien erarbeitete er selbstverständlich ohne Mithilfe von Computern, sondern nur durch Bleistift, Papier - und eigenem Grips.


Beispiel: Dunkle Materie

Diese Blütezeit der Physik hat nun ein Ende gefunden. Seit mehr als vierzig Jahren forschen tausende von Astrophysikern daran, beispielsweise die Struktur der Dunklen Materie aufzudecken. Ohne Erfolg. Dabei gibt es von dieser Art der Materie sechs Mal so viel wie von der uns bekannten sichtbaren Materie. Und sie muss existieren, denn sonst würden die Galaxien - wie unsere Milchstraße - infolge der Fliehkräfte auseinander gerissen werden. Schöne Theorien, wie die Supersymmetrie (wonach jedes bekannte Teilchen einen spiegelbildlichen Partner besitzt) haben sich bislang als nicht ergiebig erwiesen. Ebenso wie die Postulation der sogenannten "WIMP"-Teilchen, welche die beträchtliche Masse eines Goldatoms besitzen, aber beim Durchfliegen unseres Planeten Erde kaum einen einzigen Zusammenstoß erleiden sollen.

Die schiere Anzahl der Astrophysiker lässt jedes Jahr hunderte von Artikeln in den Zeitschriften Science, Nature und Physical Review entstehen. Jeder kleine Ausschlag in irgendwelchen Messdaten wird beäugt - und erweist sich bald darauf doch nur als Schwankung in der Statistik. Immer schneller wird publiziert und doch stellt sich alles später als "ambulance chasing" heraus: die konkurrierenden Kollegen jagen hinter dem "Rettungswagen" her wie Anwälte, die hoffen, dass es am "Unfallort" jemanden zu verklagen gibt. Publish or perish!


Stringtheoretiker unter sich

Die unterhaltsamsten (und billigsten) unter den theoretischen Kosmologen sind die "String"-Physiker. Nach ihren Vorstellung besteht das Universum nur aus winzigen schwingenden Fädchen. Ihren Rechnungen zufolge haben diese aber nicht nur drei Dimensionen, sondern neun oder zehn. Da unsere sichtbare Welt aber nun mal nur drei Raumdimensionen hat, haben die String- Rechenkünstler damit ein Problem. Um aus dem Dilemma herauszukommen,  behaupten sie kühn, dass die überschüssigen Dimensionen "eingerollt" seien, ähnlich wie bei den japanischen Papierfiguren Origami.--- Besonders beeindruckend für Laien ist ihr Weltmodell "Multiversum". Die Stringleute postulieren nicht nur ein einziges Universum- nämlich das Unsrige - sondern deren viele. Mehr als unser Weltall Atome besitzt. Wow! Mit solchen Theorien kann man den physikalischen Amateuren besonders imponieren; leider lassen sie sich experimentell nicht verifizieren. Aber: man kann damit Preise gewinnen, wie den "Breakthrough"-Preis, den ein reicher Sponsor gestiftet hat. In der Höhe von drei Millionen Dollar, also etwa dem Dreifachen des Physik-Nobelpreises.


Beispiel: KATRIN

Auch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erlitt man schmerzhafte Erfahrungen beim Einstieg in die (experimentelle) Astrophysik. Der damalige Geschäftsführer Dr. Popp (nach einer verlorenen Hessenwahl als ehemaliger Ministerialbeamter ins Kernforschungszentrum Karlsruhe entsandt) machte dort eine Reihe erfolgreicher kerntechnischer Projekte (wie KNK II) platt und betrieb den Programmwechsel auf Nanotechnik und Astrophysik. Mit dem Experiment KATRIN wollte man die Ruhemasse des elektronischen Neutrinos messen. Der Experimentablauf wurde schon um das Jahr 2000 konzipiert und in einem "letter of intent" war der Sachaufwand auf 17 Millionen Euro beziffert. Die Bauphase sollte 2005 beendet sein; die Inbetriebnahme und erste Messungen waren für 2006 angesetzt. Just in diesem Jahr verließ der Initiator des Vorhabens, der genannte Dr. Popp, das Forschungszentrum und begab sich in den Ruhestand. Der abrupte Abgang überraschte einige Beobachter, nicht aber die Kenner der Situation.

Der Bau des 75 Meter langen Experiments erwies sich als komplizierter und zeitaufwendiger als vorbedacht. Er besteht aus einer hochintensiven und fensterlosen Tritiumquelle, einer Tritiumpumpstrecke sowie zwei Spektrometern. Eine wesentliche technische Herausforderung war das hohe Vakuum von 10 hoch minus11 Millibar. Im Jahr 2009 musste der Industriehersteller für den Kryostaten das Handtuch werfen und den Auftrag zurückgeben. Mit "Bordmitteln" d. h. einer Vielzahl von Diplom- und Doktorarbeiten wurde diese Klippe schließlich in Eigenregie überwunden. Logischerweise hatte sich die Inbetriebnahme des Experiments, die für 2012 angesetzt war, wieder mal entsprechend verzögert.

Nun ist der Beginn der Messungen für 2019 anberaumt; das Ende ist für 2023 geplant. Voraussetzung ist, dass der beschriebene 4-stufige Versuchsaufbau über diesen langen Zeitraum auch fehlerfrei funktioniert. Zur Energieanalyse werden in dem kleinen Spektrometer zunächst alle langsamen Elektronen aussortiert; im Hauptspektrometer wird dann die Energie nahe am Endpunkt präzise bestimmt. Dafür ist das genannte Ultrahochvakuum erforderlich und die Stabilität der Gegenspannung von 18,6 kV darf nur um weniger als ein Millionstel schwanken. Hohe Anforderungen!


Tiefe Skepsis beim Physiker-Nachwuchs

Vier Jahrzehnte permanenter Misserfolge hinterlassen ihre Spuren auch beim Physikernachwuchs. Die jungen Physikerinnen und Physiker, welche lange Zeit vom Gebiet der Astrophysik fasziniert waren (gemäß "Faust": Sehen was die Welt im Innersten zusammenhält) sind tief verunsichert. Für sie stellt sich die Frage, ob sie auf diesem nebulösem Gebiet promovieren oder eine Postdoc-Tätigkeit aufnehmen sollen. Oder ob sie gar ihr ganzes Leben auf der Uni damit zubringen wollen - um schließlich im schlecht bezahlten akademischen "Mittelbau" zu enden.

Mehr und mehr nehmen davon Abstand, insbesondere seit vor wenigen Monaten der negative Ausgang des "Xenon Dark Matter Projekt" bekannt wurde. Dort wollte man mit 1.300 Kilogramm flüssigem Xenon die Wechselwirkung der WIMPs bestimmen - und fand nichts. Mittlerweile gibt es gewichtige Stimmen, welche die Dunkle Materie (und die Dunkle Energie) für ein Phantom halten, das in Wirklichkeit gar nicht existiert. Diese Annahme würde jedoch ein alternatives kosmologisches Modell erzwingen, das bereits unter dem Namen MOND (=Modifizierte Newtonsche Mechanik) heftig diskutiert wird. Darin wäre der Gravitationswert ortsabhängig und auch Teile der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie würden ihr zum Opfer fallen. Für viele Physiker ein grauenhafter Gedanke, weshalb sie sich bislang scheuen, den "Reset"-Knopf zu drücken.

Auch die schiere Länge einzelner astrophysikalischer Experimente lässt die jungen Physiker nachdenklich werden. Beispiel: KATRIN.  Falls dieses Vorhaben, optimistisch gerechnet, in fünf Jahren mit der Messphase zu Ende gehen sollte, dann hat es sich fast über ein Vierteljahrhundert hingezogen.Und dem Projektleiter Professor Guido Drexlin muss man das Beste wünschen, damit er das Ergebnis seiner langen Bemühungen noch in der Berufsphase erleben darf.

Denn:  im Jahr 2023 geht der Professor in den Ruhestand.

Sonntag, 26. August 2018

Diese Inschenöre! Bei VW und den Nibelungen

"Eltern haften für ihre Kinder", so heißt es gemeinhin. Und man könnte hinzufügen: "Manager für ihre Ingenieure".So war es jedenfalls im Zuge des sogenannten "Diesel-Skandals". Die "Inschenöre" bei VW - und den anderen Premiummarken - hatten sich ein schlaues Computerprogramm ausgedacht. Es täuschte auf den Prüfständen des TÜV eine niedrige Abgasrate vor, war ansonsten im Straßenbetrieb aber völlig wirkungslos. Dort wurde die volle Menge an NOx rausgepustet. 

Die Folgen sind bekannt. Der VW-Chef Martin Winterkorn, der (nach eigenen Aussagen) absolut nichts von diesen Vorgängen wusste, verlor seinen Job und musste gehen. Dabei hatte er sich während des größten Teils seiner Arbeitszeit bei VW nur mit den Spaltmassen seiner Autokarossen beschäftigt. Die Sauereien der hierarchisch tief unten in der Motorenabteilung angesiedelten Inschenöre - welche für diese wundersame Reduktion der Abgase verantwortlich waren - konnte er nicht ahnen. Gleichwohl musste seine Firma in den USA milliardenhohe Strafzahlungen leisten.

Noch sind die Folgen des Dieselskandals nicht aufgearbeitet. Viele Vorstandsvorsitzende (CEO) der beteiligten Autofirmen (der Zulieferer Bosch eingeschlossen) getrauen sich seit Jahren keine Dienstreise mehr in die USA zu unternehmen - aus Furcht, sie könnten dort eingelocht werden. Glücklicherweise sind sie wenigstens in Deutschland einigermaßen sicher, was allerdings nicht für den Audi-Chef Rupert Stadler gilt, denn er sitzt bereits seit einigen Monaten in Untersuchungshaft. Fairerweise hat man dem ranghöchsten Auto-CEO, nämlich Martin Winterkorn, davon ausgenommen und ihm eine finanzielle Abfindung von 30 Millionen Euro zugebilligt. Das sollte dem 71-jährigen  eine Zeitlang von der Armut fernhalten.


Schlechtes Vorbild: die Nibelungen

Die Kaste der Inschenöre hat schon in fernen mythologischen Zeiten eine zuweilen unheilvolle Rolle gespielt. Der Komponist und Textdichter Richard Wagner nahm dies zum Anlass, um dazu ein Opus Magnum, bestehend aus vier Opern, zu verfassen. Es wird jedes Jahr unter dem Titel "Der Ring der Nibelungen" in Bayreuth, meiner oberfränkischen Heimat, aufgeführt. Auf angemessenen Plätzen - fünf Reihen hinter Angela M. - und zum Preis von 800 Euro kann man die 18-stündige Aufführung im nichtklimatisierten Festspielhaus an vier Wochentagen bei Augusttemperaturen genießen.

Die Story spielt zu jener Zeit, da Göttervater Wotan noch Herrscher der Welt war - nicht zuletzt deshalb, weil er sich ein großes Waffenarsenal leisten konnte. Dafür zuständig war das Zwergengeschlecht der Nibelungen. In geologischen Tiefen waren sie für die Beschaffung der Erze und Materialien sowie die Waffenherstellung verantwortlich. Der Chef-Inschenör dieser Truppe war der Gnom Alberich, seinem Bruder Mime oblag das Schmieden der Schwerter und Lanzen. Leider waren diese Gesellen keine sonderlich vertrauenswürdigen Personen, sondern machten nebenbei und zu eigenem Nutzen noch allerhand Privatgeschäfte, die vom Göttervater zwar nicht genehmigt waren, ihm aber letztlich doch (über Loge, seinem Geheimdienstchef) zugetragen wurden.


Die vier Opern

In der ersten Oper, "Das Rheingold", erleben wir, wie der Zwerg und Chef-Inschenör Alberich versucht, mit den Rheintöchtern zu flirten - weitergehende Avancen nicht ausgeschlossen. Aber er wird von den schmucken Wassergeschöpfen nur ausgelacht und zurückgewiesen. Aus Rache raubt Alberich das Gold am Grunde des Rheinstroms. Sein Bruder Mime fertigt daraus einen Tarnhelm sowie einen Ring, welcher die Eigenschaft hatte, dass man durch ihn zu unbeschränkter Macht kommen konnte. --- In etwa zur gleichen Zeit ließ sich Göttervater Wotan seine neue Burg Walhall bauen. Die beiden hochgewachsenen Architekten, namens Fafner und Fasolt, standen vor der Tür und erwarteten ihren Lohn. Leider war der Weltenherrscher damals wieder einmal ziemlich klamm. Zur Hilfe kam ihm sein enger Berater Loge, ein gewitzter Halbgott, der vorschlug, die Baumeister mit dem Ring und dem Tarnhelm des Nibelungen Alberich zu bezahlen. Dies geschah denn auch, allerdings unter heftigen Sträuben des Chef-Inschenörs. Zum Schluss ließ dieser noch einen folgenreichen Fluch los: "Tod dem, der ihn trägt". Und tatsächlich wechselte der Ring in der Folge noch acht mal seinen Besitzer und allen Trägern brachte er den Tod. Der erste war Fasolt, den sein Kompagnon Fafner -aus Gier - schon bei der Ringübergabe erschlug.

Die zweite Oper, Die Walküre,  ist für viele die Lieblingsoper in Wagners Quartett. Vor allem wegen des Walkürenritts im dritten Aufzug, wo Wotans Tochter Brünhilde unter "Hojotoho"-Rufen mit ihren Amazonen einen bemerkenswerten Pferdegalopp hinlegt. Der Ring wechselt in dieser Oper seinen Träger nicht, sondern verbleibt beim Totschläger Fafner.--- Ansonsten kommt es in den ersten beiden Aufzügen zu einigen, weniger appetitlichen, inzestuösen Szenen. Aber was sein muss, muss sein: der Held Siegfried wird dabei gezeugt. Und dazu noch der Ritter Hagen von Tronje, welcher in der Schlussoper eine sehr bedeutsame und tragische Rolle spielt. Sein Vater ist, kaum zu glauben: der Zwerg Alberich. Die Glückliche ist nicht bekannt.

In der dritten Oper, Siegfried, lernen wir den jungen Helden kennen, wie er in der Schmiede (seines Ziehvaters) Mime das Wunderschwert Notung fertigt. Um diese Waffe zu testen, zertrümmert der ungestüme Jüngling den Amboss  mit einem Streich. Nun schlägt Alberich vor, damit der Drachen Fafner zu töten. Siegfried tritt dem Untier tapfer entgegen, erledigt es durch einen gezielten Stich in das Herz und badet in dessen Blut. Ring und Tarnhelm entnimmt er aus der Höhle. Als Mime seinen Pflegesohn durch einen Gifttrunk aus dem Weg räumen will um an diese wertvollen Requisiten zu gelangen, muss der illoyale Nibelung dies mit seinem Leben bezahlen. Ein Inschenör weniger! --- Frohgemut tritt Siegfried in die Welt hinaus und begegnet (inkognito) Göttervater Wotan, der als Wanderer umherstreift. Gelangweilt von Wotans lästigem Gerede zerbricht er dessen Speer. Damit ist der Weltenherrscher machtlos geworden, da mit dem Speer auch die darauf verzeichneten Verträge und Wotans überlegenes Wissen vernichtet wurden. --- Schließlich gelangt Siegfried zum Walkürenfelsen, durchschreitet furchtlos das Feuer, welches Brünhilde schützen soll und weckt die Tochter Wotans durch einen langen Kuss. Dadurch lernt Siegfried ein neues Gefühl kennen: die Liebe. "Leuchtende Liebe, lachender Tod", erklingt als finales Leitmotiv in Wagners Komposition.



In der vierten Oper, Götterdämmerung, wechselt der Ring mehrfach zwischen  Brünhilde und Siegfried hin und her. Für Verwirrung sorgt ein Vergessenheitstrunk, mit dem Gutrune an Siegfried und Brünhilde an Gunter gebunden werden soll. Vergeblich! Ritter Hagen von Tronje will den Ring für sich gewinnen und stößt Siegfried den Speer in den Rücken. Brünhilde verbrennt sich mit der Leiche von Siegfried. Die Götterwelt und die Burg Walhall gehen in Flammen auf. Hagen ertrinkt in den Fluten des nahen Strom; Alberich taucht ab in die geologischen Unterwelt, sein Fluch ist wirkungslos geworden. --- Die Rheintöchter holen den Ring und das Gold aus der Asche zurück.


Zurück in die Gegenwart

Auch heute noch sind - bei einigem Glück - die Restbestände göttlicher und irdischer Allmacht zuweilen noch zu besichtigen. Der Schwarzwald ist angefüllt mit Wanderern, von denen mancher mit einem geknickten Stab umhergeht. Es könnte der rastlose, aber machtlose Wotan sein. Man sollte es wagen, ihn darauf anzusprechen. Er könnte darüber sogar erfreut sein.

Und der irdische Allvater Martin Winterkorn wird in einer seiner Immobilien sitzen und über die Vermehrung seiner doch recht bescheidenen Abfindung nachdenken. Nur so kann man verstehen, dass er (wie den Medien zu entnehmen) ernsthaft versuchte, 500.000 Euro  - an der Steuer vorbei - nach Zürich zur renommierten Bank Vontobel zu leiten. Sein Duzfreund Uli Hoeneß war da mutiger.
Dieser probierte es gleich mit 28,5 Millionen und reservierte sich dadurch eine mehrjährige Staatslogis.

Sonntag, 29. Juli 2018

Japan: Wohin mit dem Plutonium?

Japan:  Wohin mit dem Plutonium?

Japan besitzt 47 Tonnen Plutonium.
Nach herkömmlicher Rechnung reicht dieser Bestand aus für den Bau von 6. 000 Atombomben. Japan will jedoch nicht dem derzeitigen Club von (vermutlich?) 12 Bombenstaaten beitreten. Dafür lässt es sich von der Wiener Atombehörde IAEO peinlichst genau und in kurzen Zeitabschnitten kontrollieren. Bislang wurde noch kein Fehlverhalten – auch nicht im Ansatz – nachgewiesen. 

Da mit dem Reaktorunfall von Fukushima im Jahr 2011 die meisten japanischen Kernkraftwerke stillgelegt sind, stellt sich um so dringender die Frage:  Was will Japan eigentlich mit dieser riesigen Menge an Plutonium anstellen? Wie war seine ursprüngliche Strategie im Umgang mit diesem Nuklearbrennstoff und was hat sich seit Fukushima daran geändert? Im Folgenden soll dies in seinem historischen Ablauf dargestellt werden.


Ein wohlgeplanter Plutonium-Kreislauf

Das chemische Element Plutonium (abgekürzt: Pu) kommt in der Natur praktisch nicht vor, es kann aber in Kernreaktoren künstlich erzeugt werden. Einige seiner Isotopen (=Atomsorten) sind spaltbar, sodass dieses Pu – ähnlich wie das Uranisotop 235 – zur Kernspaltung geeignet ist. Gängige Kernkraftwerke (KKW) erzeugen pro Jahr etwa 200 Kilogramm Pu in ihren Brennelementen. In Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) wird dieses Pu abgetrennt und zum Bau neuer Mischoxid-Brennelemente (MOX) wiederverwendet. Dieser sogenannte Brennstoffkreislauf ist besonders effizient, wenn man als Reaktoren Schnelle Brüter zugrunde legt. 

Japan hat mit dem Bau von Leichtwasserkernkraftwerken (LWR) in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen und besitzt inzwischen eine stattliche Flotte von 55 Kernkraftwerken. Mitte der siebziger Jahre kam die Entwicklung der Schnellen Brüter hinzu. Aus sämtlichen LWR-Brennelementen wurde das generierte Pu abgetrennt, zumeist in europäischen Aufarbeitungsanlagen. Von den genannten 47 Tonnen Plutonium befinden sich derzeit 17 Tonnen in England und 20 Tonnen in Frankreich – jeweils an den dortigen WAA Sellafield und La Hague. Weitere 10 Tonnen wurden an kleineren Anlagen in Japan selbst rezykliert. 

Das strategische Ziel der japanischen Regierung war, dieses abgetrennte Pu zum größten Teil in Schnellen Brütern zu verwenden. Solche natriumgekühlte Kernkraftwerke nutzen das „Abfallprodukt“ Pu besonders wirkungsvoll, benötigen aber für die Erstbeladung und den äußeren Brennstoffkreislauf erhebliche Mengen an Pu. Ein Schneller Forschungsreaktor „Joyo“ ist für diesem Zweck seit ca. 20. Jahren in Betrieb; ein 300 Megawatt Brüterkraftwerk (vergleichbar mit dem SNR 300 in Kalkar) wurde unter dem Namen „Monju“ in den neunziger Jahren mit erheblichen Schwierigkeiten angefahren. 


Nach Fukushima ist alles anders

Freitag, der 11. März 2011, war für die japanische Kernenergiepolitik eine Zeitenwende. Durch ein Erdbeben der Stärke 9 sowie einem nachfolgenden Tsunami kam es in der Präfektur Fukushima bei drei älteren Kernkraftwerken zu einer Kernschmelze. Die Regierung unter Premierminister Naoto Kan ließ alle Atomreaktoren abfahren und beschloss bis zum Jahr 2040 zur Ganze aus der Kernreaktortechnologie auszusteigen. Unter dem nachfolgenden Premier Yoshihiko Noda wurden bereits wieder zwei Blöcke wegen regionaler Stromknappheit hochgefahren. Die nächste Regierung unter Shinzo Abe beschloss 2012 die Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Kernkraftwerke nach einer technischen Überprüfung. Seither wurden 15 ältere Kernkraftwerke endgültig stillgelegt, aber 8 wieder in Betrieb genommen.  Davon sind 4 in der Lage MOX, also Plutonium zu verbrennen, was den Bestand von 47 Tonnen allerdings kaum nennenswert mindert. 



Luftbildaufnahme des Brüterkraftwerks „Monju“

Dies gilt vor allem deswegen, weil die drei genannten Regierungen beschlossen haben, aus dem Schnellen Brüter auszusteigen. Der Forschungsreaktor Joyo und das Brüterkraftwerk Monju wurden bereits stillgelegt und werden derzeit rückgebaut. Sie waren die eigentlichen Nutzer der hohen Pu-Bestände. Aus dieser Sicht wäre es logisch, auch den Bau der großen japanischen WAA Rokkasho in der Nordprovinz Amori zu beenden, welche allerdings (nach vielen Verzögerungen) in zwei Jahren den Betrieb aufnehmen soll. Wegen der wirtschaftlichen Bedeutung dieser Anlage in der armen Präfektur ist die Regierung Abe jedoch nicht mutig genug, diese Entscheidung zu treffen. So tritt eine offensichtliche Unlogik in der japanischen Pu-Strategie zutage: durch die Beendigung der Brüterprogramme und dem baldigen Betrieb der WAA Rokkasho werden sich die japanischen Pu-Bestände auch in der Zukunft weiter erhöhen. 


Trump macht Druck

Dies fiel auch in Washington auf, wo ganze Heerscharen von Politikern und Wissenschaftlern die Transporte und Bestände von Pu und angereichertem Uran beobachten und registrieren. Praktischerweise endete vor wenigen Wochen ein vor 30 Jahren zwischen Japan und den USA abgeschlossenes Kooperationsabkommen , wonach dem Inselstaat das Recht zur Pu-Erzeugung wegen seiner Brüterprogramme ausdrücklich eingeräumt  wurde. Einen ähnlichen Vertrag gibt es übrigens auch mit der Europäischen Union, wobei die Brütertechnologie in Deutschland ausschlaggebend war. Die Vereinigten Staaten nutzen jetzt die Gunst der Stunde und üben Druck auf Japan aus, um deren Pu-Bestände zu verringern, womit sie gleichzeitig die Denuklearisierung von Nordkorea im Blick haben. 

Im Laufe der jüngsten Verhandlungen einigten sich Japan und die USA darauf, in Nippon die Erzeugung der Pu-Bestände zu „deckeln“, um damit den weiteren Zuwachs zu verhindern. Zusätzlich sollen die Waffenstaaten Frankreich und Großbritannien die dort lagernden 37 Tonnen Pu übernehmen, also Japan abkaufen. Zur allgemeinen Überraschung beschlossen die USA und Japan das ausgelaufene Kooperationsabkommen zu verlängern. Allerdings unter einer wesentlichen Prämisse: jede Seite kann den Vertragstermin innerhalb von nur sechs Monaten kündigen. Aus dieser relativ kurzen Zeitspanne wird von mancher Seite auf die technologische Nähe der japanischen Seite zu nichtzivilen Anwendungen geschlossen. Aber das sind bisher nur Vermutungen, die nicht durch Fakten gedeckt sind.

Sonntag, 22. Juli 2018

Klimaschutz: Deutschland rettet (wieder einmal) die Welt

Im Klimaschutz glauben die Deutschen - anders als bei der WM-Fußball 2018 - ganz vorn zu sein. Mit Stolz verweist man auf die 30.000 Windräder, welche viele Gegenden, sogar die windstillen, in unübersehbarer Weise zieren und verunstalten. Und auf die, ach so schrecklichen, Kernkraftwerke, welche, Gottseidank, nunmehr zu 90 Prozent stillgelegt sind. So war man denn auch hoch erfreut, als die "Klimapäpste" der UN die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn als Ausrichtungsort ihrer nächsten Klimakonferenz, der COP 23, auswählten. Etwa 25.000 Teilnehmer aus 197 Ländern reisten an, dazu 500 Nichtregierungsorganisationen, sowie der Experte Arnold Schwarzenegger. Deutschland fungierte brav als "technischer Gastgeber", die Bundesregierung steuerte 115 Millionen bei und die Bonner Hoteliers waren zufrieden. Die "Hohe Präsidentschaft" dieser Weltkonferenz übte der mächtige Inselstaat Fidschi aus.

Der Ablauf der COP 23 entsprach allerdings nicht den Erwartungen der deutschen Delegation: man war auf Lob eingestellt, aber statt Liebe gab es Hiebe für den Gastgeber. Kritisiert wurde vor allem die Kohlepolitik der Bundesrepublik und die daraus erwachsenden viel zu hohen CO2-Emissionen. Das früher verabredete Ziel der 40 prozentigen Minderung dieser Abgase war offensichtlich nicht einzuhalten. Das mussten die Bonner Gastgeber kleinlaut zugeben.


Blick zurück im Zorn

Wie konnte es zu dieser blamablen Situation bei den CO2-Emissionen kommen? Nun, der (erste) Fehler wurde bereits 2007, also vor gut zwanzig Jahren, bei der Klimakonferenz COP 13 im exotischen Bali gemacht. Dort wurde als internationales Ziel die 25-prozentige Reduktion der emittierten Klimagase bis zum Jahr 2020 beschlossen - bezogen auf das Ausgangsjahr 1990. Die deutschen Unterhändler boten, im nationalen Überschwang, nicht 25 sondern gleich 40 Prozent an, wobei sie auf die Schließung der unwirtschaftlichen Betriebe in Ostdeutschland hofften.

Der zweite Fehler war die sofortige Abschaltung von acht deutschen Kernkraftwerken im Nachgang zu Fukushima; bis heute sind zwei weitere Großkraftwerke dazu gekommen. Das führte dazu, dass der Treibhausgasausstoß in Deutschland seit 2011 bei ca. 900 Millionen Tonnen stagniert. Der flatterhafte Wind- und Sonnenstrom konnte da nichts Gegenteiliges bewirken. Im übrigen wurden die Reduktionen praktisch nur von der Energiewirtschaft erbracht, die anderen Sektoren, insbesondere der Verkehr, haben praktisch Null beigetragen. Der dritte Fehler war die terminliche Abkopplung der KKW-Stilllegung von der Inbetriebnahme der leistungsstarken Nord-Süd-Transportnetze. Letztere werden wohl erst ab 2025 operativ, die letzten, derzeit noch laufenden Kernkraftwerke werden hingegen bereits 2022 abgeschaltet.

Kaum thematisiert wird, dass die deutschen CO"-Emissionen nur 160 Millionen Tonnen über dem 40 Prozent-Zielwert liegen. Die globalen Emissionen betragen demgegenüber 36.000 Millionen Tonnen. Der deutsche "Fehlbetrag" liegt also nur bei mickrigen 0,5 Prozent dieser riesigen Abgasmenge. Und dafür wurden wir von den großmäuligen Klimaschützern der Bonner Konferenz beschimpft - welche im übrigen fast alle per Flugzeug anreisten. Und dafür haben unsere Vertreter öffentlich Reue und Buße gelobt, nach dem Motto:
"Deutschland muss die Welt retten".
Und in China wird jede Woche ein neues, großes Kohlekraftwerk in Betrieb genommen!


Die Kohle-Kommission soll´s richten

Es  ist offenkundig, dass die vermehrten CO2-Emissionen in Deutschland mit der Verbrennung der Steinkohle und insbesondere der Braunkohle zusammen hängen. Beide werden gebraucht, um die Regelenergie bereitzustellen und die herbstliche Dunkelflaute zu überwinden. Indes, die deutschen Abgasziele (gegenüber 1990) sind bekannt und praktisch schon festgeschrieben: 60 Prozent bis zum Jahr 2030 sowie unglaubliche 95 Prozent bis 2050. Der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sah sich in der Klemme und in solchen Situationen bilden Politiker gerne eine Kommission - in diesem Fall die Kohlekommission. Damit das Ziel - nämlich die Reduktion des Kohleabbaus und damit der Arbeitsplätze - aber dem Publikum nicht sofort sauer aufstößt, wurde ein umfänglicher und unauffälliger Name gewählt: Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung. Im Kern geht es jedoch um die Reduktion des Abbaus in den deutschen Kohleregionen: die rheinische, die mitteldeutschen sowie die Lausitz.

Die wichtigsten deutschen Kohlevorkommen 


Anfangs wollte Altmaier einen effizienten Kader von 10 Kommissionsmitgliedern zusammenstellen. Dies gelang ihm jedoch nicht; möglicherweise weil er sich auch nach mehr als 100 Tagen nach Regierungsantritt immer noch nicht auf einen Staatssekretär für Energiefragen abstützen kann. (Der bisherige, Rainer Baake, hat gekündigt, was man auch durchaus positiv sehen kann). Nun hat die Kohlekommission 24 Mitglieder, 4 Vorsitzende, 3 Bundestagsabgeordnete ohne Stimmrecht sowie eine Steuerungsgruppe mit 8 Staatssekretären aus 8 beteiligten Bundesministerien. Ein Gremienmonster! In der Rekordzeit von einem halben Jahr soll der Pfad ins kohlenstoffdioxidfreie Energiezeitalter festgelegt werden.--- Ein Mitglied der Kommission ist die flamboyante Marie-Luise Wolff, Leiterin eines kommunalen Mini-EVU und ehemalige Studentin der Anglistik und Musikwissenschaften. Sie soll sie gut Geige und Klavier spielen können. Und die Energiewende samt Atomausstieg hält sie auch für richtig. Man fühlt sich an die legendäre Ethikkommission erinnert mit Kardinal Marx als Experten. ("Die Atomenergie ist des Teufels")

Die Kommission begann ihr Beratungen im vorigen Juni und hat sich einen strammen Zeitplan auferlegt. Die Eröffnungssitzung leitete der Bahn-Vorstand und frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, wobei er einen Bericht des Essener RWI- Instituts entgegen nahm. Diese Experten hatten ermittelt, dass in Deutschland rd. 56.000 Beschäftigte direkt oder indirekt von der Braunkohle abhängig sind und deren Anteil an der Stromerzeugung 22,6 Prozent beträgt (Steinkohle 14,4 Prozent). Anfang Oktober 2018 wird das Gremium das Lausitzer Braunkohlebecken in Augenschein nehmen und schon zum Ende dieses Monats soll ihr schriftlicher Zwischenbericht vorliegen. Rechtzeitig zum Start des nächsten Weltklimagipfels COP 24 in Kattowitz! Am 11. Dezember soll die Kommission in einer siebten und letzten Vollsitzung ihre Arbeit beenden. Das gesetzte Ziel: "Wir wollen niemand zurücklassen auf dem Weg des Umbaus der deutschen Energieindustrie". Great!


Ausblick

Der geplante Ausstieg aus der Kohle ist der zweite energiepolitische Ausstieg, den die Bundeskanzlerin Angela Merkel einläutet: 2011 war es der Ausstieg aus der Atomkraft, 2018 ist es jener aus der Kohle. Der Terminplan für die Kohlekommission ist so eng, dass man bezweifeln muss, ob sie belastbare Ergebnisse zutage fördern kann. Es sollen - auf die Schnelle - Lösungen gefunden werden, an denen sich Fachleute und Politiker seit Jahren die Zähne ausgebissen haben. Nur ein Faktum sei stellvertretend dafür genannt.:
Um gegen die Dunkelflaute gewappnet zu sein, braucht Deutschland einen Kraftwerkspark, der (permanent) etwa 70 Gigawatt Leistung liefern kann oder rund 30 Terawattstunden Speicherkapazität. Die gesamten vorhandenen Pumpspeicherkraftwerke liefern aber nur 40 Gigawattstunden Speicherkapazität. Wie soll so die Stromversorgung in einem Industrieland, wie Deutschland, unterbrechungslos funktionieren?

Unter dem gegenwärtigen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier werden diese Probleme nicht mehr gelöst werden. Altmaier wird glaubhaft nachgesagt, dass er (Ende 2019) in Brüssel einen Kommissarposten anstrebt.

Sonntag, 8. Juli 2018

Migration: Schlitzohrige Italiener

Deutschland befindet sich in der Krise!
 Nach Meinung der Medien sogar in einer Staatskrise - mindestens aber in einer Regierungskrise. Jedenfalls muss die Bundeskanzlerin Angela Merkel (nach Ansicht bayerischer Politiker) auf alle Fälle "weg", denn sie trägt angeblich die Verantwortung für diese schlimme Lage. Wieder einmal geht es um die Flüchtlinge. Nicht um jene Million, die im Herbst 2015 (zumeist unkontrolliert) über Deutschlands Grenzen strömten. Auch nicht um jene 200.000, welche später als "jährliche Obergrenze" akzeptiert wurden. Nein, diesmal sind es bis dato 20.000 Migranten, deren Einwanderung nach Deutschland - nach Meinung des Bundesinnenministers Horst Seehofer (und seines Hintermanns Markus Söder) - einfach "unerträglich" ist.

Diese Migranten, zumeist Afrikaner, werden seit einiger Zeit bereits in Italien als Asylanten registriert, ziehen aber nach Deutschland (via Österreich) weiter, um sich dort ein weiteres Mal registrieren zu lassen und zu bleiben. Seehofer will künftig die deutschen Grenzen schließen und die aus Italien ankommenden Flüchtlinge  in dieses Land zurückschicken. Kleines Problem: Italien will diese Menschen auf keinen Fall wieder aufnehmen. Merkel sieht darin ein europäisches Problem, welches in Brüssel gelöst werden muss. Seehofer möchte bilaterale Staatsverträge, beispielsweise zwischen Deutschland und Italien, um den Ansturm der Flüchtlinge zu bewältigen. Das ist der Kern des Dissens zwischen Innenminister und Kanzlerin. Es lohnt sich deshalb, die italienische Flüchtlingspolitik mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, wozu ich mich der Kenntnisse von ausgesprochenen Italienexperten (wie Tobias Piller) bediene.

Winke, winke

Ursächlich für die bis jetzt andauernde politische Debatte ist die Flüchtlingspolitik in Italien während der vergangenen Jahre. Mit - nur gelindem Sarkasmus - kann man die italienische Migrationspolitik seit 2015 wie folgt beschreiben:

1.  Alle Flüchtlinge ins Land lassen.
2.  Alle Flüchtlinge - ohne Registrierung! - nach Nordeuropa weiterschicken. 
3.  Italien in den Medien als flüchtlingsfreundlichstes Land preisen.

Die Nordeuropäer, insbesondere Deutschland und Österreich, sollten die Probleme lösen, mit denen Italien nicht zurecht kam. Sie sollten die ankommenden Asylsuchenden und Wirtschaftsmigranten übernehmen und Italien außerdem die Kosten der Rettung erstatten. Schleuserorganisationen, z. T. mafiöser Art, holten mit ihren brüchigen Schiffen die afrikanischen Flüchtlingen unmittelbar vor den Hoheitsgewässern von Libyen und Tunesien ab. Sie luden die Migranten aus den nicht seegängigen Schlauchbooten um auf ihre maroden Holzboote und brachten sie vor allem auf die Insel Lampedusa vor Sizilien.


                                                   Die geografische Situation

Dort, oder auf benachbarten Inseln, wurden diese geflüchteten Menschen von den italienischen Behörden übernommen, mit Essen und Kleidung versorgt und zu ansehnlichen Quartieren gebracht - alles unter TV-Beobachtung für das abendliche (europäische) Fernsehen. Aber nur für zwei Tage! Dann händigte man den Aufgenommenen ein Verpflegungspaket sowie ein Bahnticket zum Brenner aus und bedeutete ihnen gen Österreich und Deutschland weiter zu ziehen. Weil es dort ohnehin bessere finanzielle Unterstützung gäbe. Auf diese Weise waren die italienischen Aufnahmeläger nie überfüllt. So konnte die frühere Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, die Auffassung vertreten, "dass jeder Afrikaner nach Europa gelassen werden müsse, weil sowieso alle nach Nordeuropa wollen". In Italien blieben nur die wenigsten Asylanten.

Auf diese Weise entstand eine Sogwirkung, die ganze Branchen illegaler Schlepperbanden heranwachsen ließ. Jahrelang klagten frühere italienische Regierungen und Innenminister nicht über die große Zahl der Asylsuchenden in ihrem Land, sondern nur über die Kosten der Bergung der Schiffbrüchigen. Dabei halfen jedoch Partnerländer in Europa sowie freiwillige Organisationen. Das offizielle Italien machte im Fernsehen und in Brüssel eine "bella figura". 


Italien ignoriert Dublin

Schiffbruch erlitt Italien mit dieser Politik, als die "Prinzipien von Dublin" durchgesetzt wurden. Dieses völkerrechtliche Abkommen über die Zuwanderung von Migranten verlangt, dass der Staat, in den ein Asylbewerber nachweislich zuerst eingewandert ist, auch das Asylverfahren durchführen muss. Zugleich soll verhindert werden, dass der Zuwanderer mehr als ein Verfahren im Hoheitsgebiet der EU betreiben kann. Für den notwendigen Informationsaustausch dient das Computersystem EURODAC, welches ein europäisches System zum Vergleich der Fingerabdrücke der Bewerber darstellt.

Gemäß Dublin mussten die Ankömmlinge an gewissen "Hotspots" - wozu auch Lampedusa gehörte, registriert werden. Seit Sommer 2016, also seit zwei Jahren, hätte sich Italien viel intensiver um die ankommenden Migranten kümmern müssen. Aber die dortigen Behörden schafften das nicht. Man darf raten, ob es die bekannten Probleme in der italienischen Verwaltung und Justiz waren - oder reiner Vorsatz und damit die bewusste Ignorierung des unterschriebenen Vertrags von Dublin. Fakt ist, dass weiterhin die allermeisten Zuwanderer in Richtung Brenner geschickt wurden, manche registriert, viele nicht registriert. An Deutschlands Grenzen baten diese Menschen um Asyl und mussten ein zweites Mal registriert - und in Deutschland eingelassen werden.

Abschließend bleibt festzustellen, dass der hitzige Streit zwischen den beiden Unionsparteien CDU und CSU während der vergangenen zwei Wochen maßlos überzogen war. Denn die Rechtslage ist klar: Italien hätte aufgrund des Dublin-Abkommens die registrierten Flüchtlinge nicht nach Deutschland (und Österreich) weiterschicken dürfen. Da diese Verpflichtung von den italienischen Behörden weitgehend ignoriert wurde, hätte der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer seinen dortigen Kollegen Mattei Salvini auffordern müssen, das zu unterlassen. Solche "Gespräche" mit dem Chef der Lega-Partei wären sicherlich nicht einfach gewesen. Seehofer hat offensichtlich darauf verzichtet und stattdessen einen 3-wöchigen Fundamentalstreit mit der Kanzlerin geführt, bei dem beide erhebliche politische Blessuren erlitten haben. Dabei wäre die Bundesregierung fast gestürzt worden. Ertrag und Flurschaden standen bei diesem wochenlangen Diskurs in einem krassen Missverhältnis. Armes Deutschland.

Fazit:   Viel Lärm um (fast) nichts!

Sonntag, 1. Juli 2018

0 : 2 - Totalschaden

Das Aus unserer Nationalmannschaft noch in der Vorrunde, ist ohne Frage die größte Blamage der deutschen Fußball-Geschichte. Es ist ein Bankrott, den niemand vorhersagen konnte. Aber: so hochverdient wie die Mannschaft 2014 noch Weltmeister wurde, so hochverdient ist dieses Ausscheiden. Wir sind nicht mit Pech aus dem Turnier geschieden. Wer gegen Mexiko und Südkorea verliert, der hat vieles falsch gemacht! Fußball-Deutschland liegt in Schockstarre.

Wie sehnlichst haben die Fans ein weiteres "Sommermärchen" á la 2006 herbeigesehnt! Schon um der gegenwärtigen depressiven Stimmung im Land etwas entgegen zu wirken. Die Flüchtlingsdiskussion hat tiefe Wunden geschlagen; nun könnte sie sogar zur Auflösung der größten deutschen Partei führen - vielleicht sogar der Europäischen Union EU. Und das vor dem Hintergrund eines brutalen Streits der Weltmächte, allen voran der USA mit ihrem erratischen Führer Donald Trump.


Die Spiele


Das Fiasko der deutschen Nationalmannschaft war vor einem Jahr noch nicht voraus zu sehen. Im Gegenteil: Die WM-Qualifikation beendete der Titelverteidiger makellos: zehn Spiele, zehn Siege. Danach gewann die Mannschaft in Russland sogar noch den Fifa-Confederations-Cup, wobei Mexiko mit 4:1 geschlagen wurde.

Aber dann folgte bei den Vorbereitungsspielen (auf Freundschaftsbasis) ein unerwarteter Einbruch. Gegen Spanien spielte die DFB-Elf im März 2018 nur 1:1; im gleichen Monat verlor man in Berlin gegen Brasilien 1:0. Im Juni 2018 setzte es sogar eine 1:2-Niederlage gegen Österreich - die erste in 32 Jahren! Und an 8. Juni gab es noch einen schmeichelhaften Sieg gegen Saudi-Arabien; nur Timo Werner und der Saudi Hawsawi (per Eigentor) treffen für Deutschland.

Dann folgte das WM-Turnier am 17. Juni mit einem krassen Fehlstart. Mexiko gewann 1:0 und entlarvte die taktischen Schwächen des Weltmeisters. Mats Hummels sprach von "Rissen im Mannschaftsgefüge". --- Am 23. Juni stand Deutschland in Sotchi gegen Schweden praktisch schon vor dem Aus. Ein Sonntagsschuss von Toni Kroos in der 95. Minute machte dann aber wieder Hoffnung. --- Das Ende kam gegen Südkorea am 27. Juni. In einer blamablen Vorstellung verlor Deutschland 2:0.







"Die Wahrheit liegt auf dem Platz"  (Otto Rehhagel)



Die Spieler

Die deutsche Nationalmannschaft war zu 60 Prozent aus älteren, erfahrenen Spielern zusammengesetzt und zu 40 Prozent aus jüngeren - eine Mischung, die durchaus Sinn machte. Leider stellte sich beim Turnier heraus, dass die meisten älteren Spieler (u. a. Khedira, Özil, Reus, Gomez, Müller) weit unter ihrer Bestform agierten und diese Defizite von den jüngeren (u. a. Kimmich, Süle, Werner, Brandt) nicht kompensiert werden konnten. Insbesondere Sami Khedira, der als Antreiber im Mittelfeld gedacht war, spielte ausgesprochen schwach. Auch Thomas Müller, Torschützenkönig bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften, gelang nichts, nicht einmal ein einziges Goal. War es die Folge der Überanstrengung bei den Bayern nach 50 Saisonspielen?

Mesut Özil und Ilkay Gündogan hatten zusätzlich mit einem - selbstverschuldeten - Handikap zu kämpfen. Kurz vor der türkischen Präsidentenwahl stellten sie sich in London dem Fernsehen für eine PR-Show mit dem Präsidentschaftskandidaten Erdogan. Dabei übergaben sie ihre signierten WM-Trikots. Dieses Treffen mit dem osmanischen Autokraten kam in Deutschland (nicht nur bei den Fans) ausgesprochen schlecht an. Denn just zum gleichen Zeitpunkt wurde in Istanbul dem "WELT"-Journalisten Deniz Yücel der Prozess gemacht, nachdem er vorher (ohne Anklage!) ein Jahr in türkischer Untersuchungshaft verbringen musste. Der Staatsanwalt wirft Yücel "Terrorpropaganda" vor und verlangt eine Gefängnissstrafe von 18 Jahren (!). Bei der WM spielten Özil und Gündogan ausgesprochen schwach. Es dürfte ihre letzter Auftritt im Nationaldress gewesen sein.


Der Trainer

Wenn eine Mannschaft so krachend verliert, dann kann der Spitzenmann nicht schuldlos sein. Das ist der Trainer Joachim ("Jogi") Löw. Sein Anstellungsvertrag wurde vom DFB-Chef Reinhard Grindel noch kurz vor der WM bis zum Jahr 2022 verlängert; die Jahresbezüge sollen bei 4,5 Millionen Euro liegen. Im Falle eines Rauswurfs steht also eine Abfindung von ca. 20 Mio zur Debatte. Aber Löw darf nicht sakrosankt sein. Er hatte die Verantwortung für die Zusammenstellung des Kaders. Die "Jugend" hat er zwar oft gelobt, ihr aber zu wenig vertraut. Im Spiel gegen Mexiko zeigte Löw auch  deutliche Schwächen beim Coaching - übrigens nicht zum ersten Mal. Bei einer kürzlichen Umfrage sprachen sich zwei Drittel dafür aus, Löw aus seinen Vertrag zu entlassen.

Aber Jogi hat auch mächtige Befürworter. In erster Linie seinen Chef Grindel, der ihn unbedingt halten möchte. Und in den Medien melden sich immer mehr Unterstützer, deren Fußballexpertise nicht zu bezweifeln ist. Zum Beispiel der ex-Nationalcoach Rudi Völler sowie der neue Bayern-Trainer Niko Kovac. Für letzteren ist Jogi der Richtige um den Umbruch zu gestalten, der jetzt auf alle Fälle kommen muss. Kovac verweist insbesondere auf die Lebensleistung von Löw mit dem Triumph in Brasilien und, dass er sechs Mal bei Welt- und Europameisterschaften das Halbfinale erreichte.

Joachim Löw will sich nächste Woche erklären. Warten wir´s ab.


Der Manager

Der smarte Manager Oliver Bierhoff hat in den vergangenen vier Jahren seit dem Titelgewinn in Rio offensichtlich die Erdung verloren. Immerhin, der DFB goutiert das wohl und hat seinen Kontrakt bis 2024 verlängert. Dabei ist Bierhoff für die falsche Quartierwahl im kargen Watutinka vor den Toren Moskaus verantwortlich, welches den Charme einer Sportschule der 60er Jahre ausstrahlt. Sotchi wäre weitaus besser gewesen.

Mit Penetranz inszenierte der Manager seit einigen Jahren die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als "DIE MANNSCHAFT", so, als gäbe es keine herausragenden Mannschaften in Handball, Basketball oder anderen Sportarten. Die Ähnlichkeit zur Platzierung von Coca Cola im Markenartikelbereich liegt da ganz nahe. ---
Mit Mercedes begann Bierhoff außerdem die "Mission Titelverteidigung" in einer aufwendigen Broschüre unter der Überschrift "Best neVer rest". Das V in "neVer" ist gleichzeitig eine römische 5 und zielt auf den 5. Titelgewinn. Nun, daraus wurde nichts. Stattdessen hat sich der Manager weit entfernt von den Zuschauern und Fans, für welche der Fußball immer noch in erster Linie der Entspannung dient.

Deshalb lasst uns die kommenden 14 Tage genießen:
bis zum 15. Juli 19 Uhr sind wir immer noch
Weltmeister im Fußball!




Samstag, 16. Juni 2018

Müll im Weltraum

Der Müll in den Weltmeeren, insbesondere jener aus Kunststoff, ist derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Als Laie fragt man sich, wieso man es Ländern gestatten kann, ihren Plastikabfall auf hoher See abzukippen. Stattdessen wäre (neben der Rezyklierung) das Verbrennen der Tüten und Flaschen etc. in - mit Filtern ausgestatteten - Zementfabriken ein simpler und vielfach erprobter Entsorgungsweg. Nebenher erbringt diese Methode noch 12 Kilowattstunden Strom pro Kilogramm Kunststoff.

Kein Diskussionsthema bei Laien - dafür umso heftiger unter Fachleuten - ist die Vermüllung des Weltraums, insbesondere oberhalb unserer Atmosphäre. Hier deutet sich, bei weiterem Zusehen, eine Katastrophe an, welche das Abwürgen der erdnahen Raumfahrt zur Folge haben könnte.

Als am 4. Oktober 1957 von der Sowjetunion der erste Satellit "Sputnik 1" in eine Erdumlaufbahn (sprich:  Orbit) geschossen wurde, war dies ein Schockereignis für den Westen, besonders die USA. Aber schon nach drei Monaten tauchte Sputnik wieder in die Erdatmosphäre ein und verglühte dort restlos. Der Weltraum war wieder so rein und jungfräulich wie zuvor. Das ist heute nicht mehr der Fall. Seit beginn des Raumfahrtzeitalters gelangten 7.500 Satelliten bei 5.250 Raketenstarts in ihren Orbit. Davon sind nur noch 1.200 in Betrieb. Der Rest ist abgeschaltet oder energielos und kreist zur Gänze oder in Trümmern um die Erde.











Müll im Weltraum
(nicht maßstabsgerecht)


Gefährliche "Leichen" im Weltraum


Die Trümmer entstehen vorzugsweise durch Fragmentation von Raketenoberstufen oder durch die Explosion von übrig gebliebenen Brennstoff. Nicht selten werden (Spionage-) Satelliten auch gezielt zerstört, um keinen Einblick in deren Konstruktion zu gewähren.  Derzeit kreisen rund 750.000 Objekte ab einer Größe von 1 Zentimeter und darüber auf verschiedenen Bahnhöhen zwischen 300 und 36.000 Kilometer um die Erde. Davon erreichen ca. 30.000 eine geometrische Größe von über zehn Zentimetern. 75 Prozent dieser Trümmer befinden sich auf Orbits zwischen 400 und 2.000 km, welche für Satelliten aller Art sehr frequentiert sind. Dort ist die Atmosphäre leider noch so dünn, dass sie bei ihrem Flug kaum abgebremst werden und deshalb viele Jahre lang wichtige Orbits "vermüllen". Ab 300 km und darunter werden die Trümmerteile durch die Luft so schnell abgebremst, dass sie in kurzer Zeit verglühen und nur noch selten die Erdoberfläche erreichen.

Diese Raketentrümmer stellen eine echte Gefahr für die Raumfahrt dar. Als Daumenregel gilt, dass ein erbsengroßes Trümmerstück die Durchschlagskraft einer Handgranate besitzt. Der Grund dafür liegt in der hohen Kollisionsgeschwindigkeit von 10 Kilometern pro Sekunde, was der 15-fachen Fluggeschwindigkeit einer Gewehrkugel entspricht. Ein Objekt von 1 Zentimeter Größe kann wegen seiner Wucht unter Umständen einen Satelliten zerstören oder einen Astronauten bei Außenarbeiten an der Internationalen Raumstation ISS in Gefahr bringen. Die Hülle der ISS ist allerdings auf solche Kollisionen ausgelegt und kann im Falle eines Lecks rechtzeitig wieder abgedichtet werden.


Das Kessler-Syndrom

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich kleine Müllteilchen im All treffen, ist relativ gering. Aber die Kollision zweier großer, intakter Satelliten kann zu einer "Trümmerwolke" führen, wenn sich diese leichtgebauten Himmelskörper gegenseitig zerstören. Dieser Effekt wurde schon 1978 von dem amerikanischen Astronomen Donald J. Kessler vorhergesagt, verbunden mit der Warnung, dass dies zum Ende der Raumfahrt führen könnte. Tatsächlich sind zwei Zusammenstöße dieser Art mit heftigen Auswirkungen bekannt geworden. Im Jahr 2007 hat China den eigenen Wettersatelliten Fengyun-1C im Rahmen eines Antiraketentests absichtlich abgeschossen. Als Folge erhöhte sich die Anzahl der katalogisierten Trümmerobjekte von 3.400 auf 12.000. Eine weitere Kollision der beiden Satelliten Iridium-33 mit Kosmos 2251 steigerte dies Zahl nochmals um 17 Prozent.

Seitdem werden die Bahnen aller Trümmerteilchen, welche größer als 5 Zentimeter sind, von der Erde aus mit großen Radarteleskopen der US-Agentur "Space Surveillance Networks" überwacht und in Katalogen gespeichert. Dabei sind auch deren Flugbahnen 72 Stunden im Voraus zu berechnen. Sind zwei Objekte auf Kollisionskurs so wird der Betreiber des fraglichen Satelliten rechtzeitig gewarnt. Durch Ingangsetzen von Lenkdüsen lässt sich so in der Regel ein Zusammenstoß vermeiden. Die Internationale Raumstation ISS muss (im Schnitt) zwei Mal im Jahr durch geeignete Manöver einer Kollision ausweichen.


Schmetterlinge fangen

Inzwischen gibt es bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA sogar eine eigene Abteilung für die Schrottentfernung im Weltraum. Mit speziellen "Servicer-Satelliten" werden nicht mehr funktionstüchtige Satelliten angeflogen und ihre Bahnen so weit abgelenkt, dass sie in tiefere Atmosphärenschichten gelangen  und dort verglühen. Diese Verfolgersatelliten werden durch Roboter gesteuert und fangen nach hinreichender Annäherung die kaputten Satelliten mittels Harpunen ein. Ja, sogar Netze sind im Gebrauch, welche - ähnlich wie beim Fangen von Schmetterlingen - den Schrottteilen übergestülpt werden, um sie dann durch Ablenkdüsen in niedrigere Bahnen zu zwingen. 

Fragmente, die nur wenige Dezimeter groß oder noch kleiner sind, lassen sich auf diese Weise ökonomisch nicht entfernen. Ihnen begegnet man durch Beschuss mit Hochleistungslasern von der Erde aus. Damit kann u. U. eine Impulsdruck erzeugt werden, welcher solche Miniteile in niedrigere Bahnen zwingt. Die großen Raumfahrtnationen haben sich inzwischen verpflichtet, Weltraumschrott nach Möglichkeit zu vermeiden. Bereits bei der Planung neuer Missionen spielt dieser Gesichtspunkt eine große Rolle. In Zukunft sollen - nach den Vorstellungen des "Space Debris Committee" - alle neue Satelliten spätestens 25 Jahre nach Missionsende in niedere Orbits abtauchen und dort verglühen.

Der alte Lateinerspruch:      "Per Aspera ad Astra"
(=durch das Raue zu den Sternen)
gewinnnt da eine ganz neue Bedeutung.


Sonntag, 10. Juni 2018

Arrivederci Roma ?

Wenn der italienische Staatspräsident Sergio Matarella von seinen beiden Leibgardisten begleitet wird, dann weiß der Kundige, dass große politische Entscheidungen anstehen. Diese "Corazierri" mit silbern und golden glänzenden Helmen, mindestens 1,90 Meter groß, geben protokollarischen Zeremonien ihren hochoffiziellen Anstrich.


Corazzieri mit Leibstandarte

Letzte Woche war es wieder einmal so weit. Giuseppe Conte, ein 54-jähriger Süditaliener und Universitätsprofessor in Florenz, sollte sein Beglaubigungsschreiben als zukünftiger italienischer Premierminister beim Präsidenten abgeben. Der Jurist sitzt nicht im Parlament, gehört aber zum Kreis der Fünf-Sterne-Bewegung. Deren Chef, Luigi Di Maio und der Anführer der Lega-Partei, Matteo Salvini, hatten beide Premierminister werden wollen, konnten sich aber nicht einigen und verständigten sich deshalb auf den Politik-Neuling Conte.


Viele Wohltaten und viele Zumutungen

Dass eine stramm rechts-orientierte Partei, wie die Lega, mit der links-populistischen Bewegung Fünf-Sterne eine Regierung bildet, ist wohl nur in Italien möglich. Übertragen auf deutsche Verhältnisse wäre dies eine Koalition aus AfD und Linke. Schlechterdings undenkbar! In Italien aber funktioniert so ein Bündnis möglicherweise(?) - jedoch nur, weil jede der beiden Parteien ein Füllhorn aus finanziellen und sozialen Vergünstigungen über ihr Wahlvolk ausgießt, unabhängig davon, was sich an liquiden Mitteln noch im Staatssäckel befindet. Finanziert werden sollen diese Wohltaten vorzugsweise in Brüssel und Berlin, wo sie aber mehr als Zumutungen wahrgenommen werden. Nachfolgend eine Auswahl dessen, was die beiden italienischen Regierungsparteien ihren Wählern versprochen haben:

- Die Europäische Zentralbank (EZB)  soll Rom 250 Milliarden Euro schenken, indem sie auf die     Rückzahlung von italienischen Staatsanleihen (Schuldbriefen) verzichtet.

- Die öffentlichen Investitionen sollen nicht mehr auf das Haushaltsdefizit - derzeit 132 Prozent des Bruttosozialprodukts - angerechnet werden.

- Die Frührente soll wieder eingeführt werden; bei den Männern ab 41 Beitragsjahren, bei den Frauen ab 35 Jahren. Derzeit erhalten die Männer 73 Prozent des letzten Gehalts als Rente.

- Jedem arbeitslosen Erwachsenen soll ein Bürgergeld von 780 Euro für zwei Jahre versprochen werden; ein Arbeitsplatzangebot darf drei Mal ausgeschlagen werden.

- Die Steuern sollen auf 15 bis 25 Prozent abgesenkt werden

- Das Target-Konto, einer Art Dispokredit der Nationalbanken, derzeit schon mit 950 Milliarden im Minus, soll weiterhin belastet werden. Die Target-Bilanz ist ein Maß für das schnell abfließende italienische Privatkapital.

- Italien fordert die Einführung der sog. Euro-Bonds, wobei die Eurostaaten gemeinschaftlich für Roms Schulden haften würden.

- Das Einlagenrisiko der hoch verschuldeten italienischen Banken soll durch eine Bankenunion vermindert werden.

- Schließlich denkt man über die Einführung einer Art Parallelwährung nach, u. a. für Handwerkerrechnungen und Verpflichtungen gegenüber dem Finanzamt. Die absolute Kapitulation des Staates!


Die Antwort der Kanzlerin

Die Replik von Angela Merkel auf die römischen Zumutungen kam prompt. Nicht über eine Rede im Bundestag - wie von MdB Christian Lindner (FDP) gewünscht - sondern via Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) am 3. Juni 2018. Hierin präsentierte die Kanzlerin ihre Vorstellungen zur Finanzierung von (sinnvollen) Projekten in der EU.

- Merkel schlägt einen Europäischen Währungsfonds EWF vor. Hierzu soll der bereits existierende ESM, gemeinhin als "Rettungsschirm" bezeichnete "Stabilisierungsfonds", benutzt werden. Er soll erstmals auch für kurzlaufende Hilfskredite zur Verfügung stehen, ähnlich wie auf globaler Ebene der Internationale Währungsfonds IWF. Die Vergabe solch kurzlaufender Kredite soll Regierungen helfen, welche unverschuldet in Schwierigkeiten gekommen sind.

- Weiterhin will Merkel einen "Investivhaushalt" für die Eurozone etablieren. Er soll sich im unteren zweistelligen Milliardenbereich bewegen und schrittweise eingeführt werden, um seine Auswirkungen besser beobachten zu können.

- Schließlich soll ein einheitliches "Europäisches Asylverfahren" an den Außengrenzen eingerichtet werden.

Ob Merkel mit diesen Vorschlägen den toskanischen Professor Giuseppe Conte zufrieden stellen kann, wird sich beim Europagipfel Ende Juni zeigen. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich bereits positiv geäußert, möchte aber trotzdem weiterhin eine Aufstockung der finanziellen Fleischtöpfe.


Die Zukunft ist offen

Niemand weiß derzeit, wie die beiden EU- und Euro-feindlichen italienischen Parteien in der praktischen täglichen Politik agieren werden. Die Lega hat den Austritt aus der Euro-Gemeinschaft aber seit langem auf ihre Fahnen geschrieben. Keiner kann ein souveränes Land wie Italien an diesem Schritt hindern. Juristisch fragwürdiger ist schon die Ankündigung, dass man die aufgelaufenen Kredite nicht zurückzahlen werde.

Nehmen wir für einen Augenblick an, dieser politische GAU träfe wirklich ein, dann entstünde bei den deutschen Staatsfinanzen ein Loch von ca. 1 Billion Euro, entsprechend 1.000 Milliarden. Die Hauptkomponenten sind die italienische Verschuldung bei der EZB, beim Europäischen Stabilisierungsfonds und bei der Target-Bilanz. Aus "fiktiven Papierschulden" wären plötzlich reale - aber nicht einbringbare - echte Schulden geworden.. Grob abgeschätzt in der Höhe der Kosten für die deutsche Wiedervereinigung.

Will man dieses Finanzdefizit stopfen, so könnte man sich als deutscher Finanzminister folgende Maßnahmen vorstellen, welche allesamt die Bundesbürger nicht erfreuen würden:

- eine mehrjährige Erhöhung der Steuern um 3 bis 5 %,
- und/oder:  Reduktion der Gehälter und Renten im öff. Dienst um ca. 10 %,
- und/oder: eine Besteuerung der Festgeldkonten auf 30 bis 40 %,
- und/oder: die Verfügung einer 30- prozentigen Zwangshypothek
   auf Immobilienbesitz.

Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt, aber:

Die Zukunft ist offen.

Sonntag, 3. Juni 2018

Planungs- und Bau- Chaos in Karlsruhe

In Karlsruhe rumort es. Nach fast zehnjährigem Bemühen um die U-Bahn kennen die Bürger ihre Stadt nicht wieder. Mehr als 400 Baustellen sollen (nach einer Auflistung der örtlichen Zeitung) über die ganze Kommune verstreut sein. Und am Horizont warten bereits weitere Großbauten (wie Theater und Stadion), während andere notwendige Investitionen (wie die 2. Rheinbrücke) nicht vorankommen.

Kein Wunder, dass sich der Zorn der Stadtbewohner an ihre Verwaltung richtet. Der bautechnische Sachverstand auf der Bürgermeisterbank wird mehr und mehr angezweifelt. Fakt ist, dass der Oberbürgermeister (OB) Frank Mentrup von seiner Ausbildung her ein Psychiater ist, der für den Bau zuständige Dezernent Michael Oberth ein Jurist mit Erfahrungen im Versicherungsgewerbe und der kürzlich ernannte Bürgermeister Albert Käuflein, zuständig u. a. für die Sicherheit, ein promovierter Theologe.


Die Kombilösung

Der entscheidende verkehrstechnische Fehler bei der sogenannten Kombilösung wurde bereits vor zwei Jahrzehnten gemacht, als der damalige OB Heinz Fenrich und sein Straßenbahnchef Dieter Ludwig anordneten, nicht nur die städtischen Tramlinien, sondern auch die regionalen und geräumigen S-Bahnen durch die Karlsruher Einkaufs- und Flaniermeile, die Kaiserstraße, zu leiten. Als logische Folge kam es in der Innenstadt zu permanenten Staus, was zur nächsten Fehlentscheidung führte: den Beschluss, eine U-Bahn unter der Kaiserstraße sowie einen Autotunnel unter der benachbarten Kriegsstraße zu bauen. 

Im Gegensatz zu den städtischen Ankündigungen wurden die Bautermine und Plankosten ständig überschritten. Anfangs sollte die Kombilösung zum 300. Stadtgeburtstag, also 2015, abgeschlossen sein; heute rechnet man mit der Fertigstellung um die Jahre 2022 bis 2025. --- Parallel mit dieser Verzögerung steigen die Baukosten. Vor dem Bürgerentscheid im Jahr 2002 kalkulierte man mit ca. 500 Millionen Euro. Heute geht die Stadtverwaltung von 1.000 Millionen aus und gelegentlich wird sogar von 1.500 Millionen geunkt. 

Schlimm steht es um die früher so attraktiven städtischen Plätze, welche die Bürger zum Flanieren einluden. Der Durlacher-Tor-Platz ist seit acht Jahren ein überfüllter Abstellplatz für Baugeräte aller Art. Hinzu kommen derzeit nicht weniger als 36 Mannschaftscontainer, die direkt vor dem Eingang der nahen Bernharduskirche platziert sind. Unzählige Baucontainer behindern auch den Verkehr auf dem Europaplatz nahe der Douglasstraße sowie auf der Hälfte des Kronenplatzes. Demgegenüber wird der Marktplatz allmählich leer - ohne dabei attraktiver zu werden. Das von dem genialen Architekten Friedrich Weinbrenner 1797 gestaltete klassische Ambiente ist total leer geräumt und wirkt ohne Bäume und Rosette wie eine Asphaltwüste. 


Die Rheinbrücke

Eine nicht enden wollende Story ist die Rheinbrücke - beziehungsweise der Bau einer zweiten Rheinbrücke zur Entlastung. Die derzeitige (einzige!) Karlsruher Brücke über den Rhein verbindet Baden-Württemberg mit Rheinland-Pfalz und besteht seit 1966. Sie ist hochgradig sanierungsbedürftig. Während früher nur wenige tausend Autofahrer diese Schrägseil-Brücke nutzten, sind es heute bis zu 80.000 pro Tag. Entsprechend abgenutzt ist die Fahrbahnschicht. Sie besteht aus einer nur 12 Millimeter dicken Stahlplatte mit einer acht Zentimeter dicken Asphaltschicht darüber. Letztere ist durch den Schwerlastverkehr bis auf zwei Zentimeter weggeschrumpft und kann jederzeit brechen. Die seit Jahren diskutierten Sanierungsarbeiten sollen nun endlich im Sommer diesen Jahres beginnen. Sie erfordern die Sperrung von vier der sechs Fahrbahnstreifen, wozu an den Wochenenden noch Vollsperrungen hinzu kommen werden. Die veranschlagten Reparaturen werden voraussichtlich 14 Monate dauern.



Die Karlsruher Rheinbrücke

Seit mehr als zehn Jahren wird im Karlsruher Gemeinderat über den Bau einer 2. Rheinbrücke, zur Entlastung der oben beschriebenen Brücke, heftig zwischen den Parteien gestritten. Die CDU/FDP hatten bereits vor ca. zehn Jahren ein Planfeststellungsverfahren darüber eingebracht, welches aber 2013 von der neu formierten Mehrheit der SPD/GRÜNE gestoppt wurde. Diese sogenannte "Mentrup-Mehrheit" will den Bau einer 2. Rheinbrücke, einen Kilometer flussabwärts, auf keinen Fall zulassen und hat dagegen sogar Klage eingereicht. Inzwischen ist der Grüne Landesverkehrsminister Winfried Hermann - unter dem Eindruck der international heftig kritisierten Rheintalsperrung - von der Fahne der Brückenverhinderer gegangen. Man darf deshalb erwarten, dass (irgendwann in fernerer Zukunft) diese notwendige zweite Brücke über den Rhein doch noch geschlagen wird.


Das Staatstheater

Wo so viel Geld für den Verkehr ausgegeben wird, da darf die Kultur nicht abseits stehen. So dachten wohl die Karlsruher Theaterfreunde und regten den Umbau des 1970 neu errichteten Staatstheaters an. Für damals 70 Millionen Mark, nebenbei bemerkt. Und die Stadtverantwortlichen wagten sich 2015 mit einer Zahl an die Öffentlichkeit, die durchaus aufhorchen ließ: 125 Millionen Euro! Nur zwei Jahre später war diese Kalkulation bereits Makulatur. Nun sollte der Preis bei satten 325 Mio Euro liegen. Einige weitere Umbauideen waren hinzu gekommen.

Die daraus resultierende mehrjähige Bauphase zeigt jetzt bereits negative Auswirkungen. Die Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor blieb erfolglos; der geschätzte Justin Brown hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, noch einige weitere Jahre zu bleiben. Die ins Auge gefassten Kandidaten scheuen offensichtlich die Widrigkeiten, welche mit einer solchen Generalsanierung ihrer Arbeitsstätte verbunden sind. Und im Opernbetrieb wird bereits spürbar gespart: häufig nur noch vier Aufführungen pro Woche. Stattdessen  geizte der schauspielaffine Intendant Peter Spuler nicht bei der kürzlichen Faustaufführung. Gleich sechs Faustdarsteller traten auf: ein echter und daneben fünf identische Zauseln als "Nebenfauste".

Dennoch, die Planzahl von 325 Millionen liegt vielen schwer im Magen. Insbesondere seit der Gemeinderat Eduardo Mossuto in der "Stadtzeitung" sogar von 500 Mio (oder darüber!) schwadronierte. In München hat man das "Gärtnerplatztheater" noch für 120 Millionen saniert. In Hamburg, freilich, kostete die "Elbphilharmonie" nicht 70 Millionen, wie geplant, sondern abgerechnet satte 866 Millionen Euro. Zahlen sind eben Schall und Rauch - auch in der Kunst.


"Sonstige" Planungs- und Bau-Projekte

Nach Informationen der Finanzbürgermeisterin Gabriele Luczak-Schwarz führt die Stadtverwaltung eine Liste, auf der bis zum Jahr 2026 geplante Investitionen in der Höhe von 1.900 Millionen Euro verzeichnet sind. Darüber hinaus gibt es noch eine sogenannte Null-Liste mit Projekten wie dem möglichen Neubau der Stadtbibliothek etc. Spätestens 2022 plant man im Bürgermeisteramt einen "defizitären Ergebnishaushalt" ein. Nachfolgend eine (unvollständige) Liste bereits begonnener bzw. geplanter Bau-Investitionen in Karlsruhe; zumeist ist eine Co-Finanzierung durch Land oder Bund vorgesehen.

Das Hochhaus an der Beiertheimer Allee, 70 Meter hoch und derzeit benutzt vom Landkreis Karlsruhe, muss saniert werden. Kostenpunkt: ca. 100 Millionen Euro.
Das Städtische Klinikum, erbaut 1907, wird seit vier Jahren bereits saniert. Im Zentrum steht ein Neubau, das Haus-M, als modernes Betten- und Funktionshaus. Kostenpunkt: über 100 Millionen. 
Die Europahalle, eine Multifunktionshalle für Großveranstaltungen bis zu 9.000 Personen, muss aus Brandschutzgründen saniert werden. Kostenpunkt: über 20 Millionen. 
Die Klaus-Tschira-Stiftung  will dem KIT ein mehrstöckiges Hochhaus schenken; in unmittelbarer Nähe sind mehrere Universitätsbauten vorgesehen. 
Das Museum Kunsthalle soll saniert und erweitert werden. Geplant sind ein tiefer gelegter Hof mit umlaufender Balustrade. Dabei soll das benachbarte Amtsgerichtsareal mit einbezogen werden. 
Eine Großmoschee für 700 Personen ist in der Planung. Öffentlich diskutiert wird die Genehmigung für ein 35 Meter hohes Minarett. Kostenpunkt: 6 Millionen Euro, wobei die Mischfinanzierung mit ausländischen Geldgebern im Gespräch ist. 

Diese stattliche Anzahl von Investitionen erregt nicht nur Anerkennung, sondern auch Kritik. Insbesondere beklagen sich die Bewohner der städtischen Randsiedlungen, dass für sie zu wenig getan wird. Als trauriges Beispiel wird immer wieder die Bergwaldsiedlung herangezogen. In den Anfangsjahren gab es dort eine Vielzahl nützlicher Geschäfte und Infrastruktureinrichtungen, wie Tankstelle, Lebensmittelläden, Bank, Café, Bäckerei, Drogerie, Arzt etc. Mangels Erweiterung der Bergwaldsiedlung wurde seither alles geschlossen - im Jahr 2015 sogar das sogenannte "Lädle", ein nützlicher "Tante Anna-Laden". Ein trauriges Zeichen für die Karlsruher Gemeindepolitik!


Krönender Abschluss:  das Fußball-Stadion

Den Neubau des maroden "Wildpark-Stadions" haben sich die Chefs des Karlsruher Sport Clubs (KSC) und der Stadtverwaltung fein ausgedacht. Das alte Stadion - ein kombiniertes Leichtathletik-und Fußballstadion mit 35.000 Plätzen und 1955 für 1 Million D-Mark errichtet - soll durch eine gleichgroße, aber mit VIP-Logen ausgestattete, Arena ersetzt werden. Allerdings wird dieses Juwel mit 125 Millionen Euro kalkuliert und ist somit (formell!) um den Faktor 250 teurer. Gleichwohl wurde das Projekt im April 2018 vom Karlsruher Gemeinderat mit großer Stimmenmehrheit durchgewinkt. Im Juni sollen die Vergabeverhandlungen stattfinden, wofür sich nur drei Bieter gemeldet haben. Im September will der Rat den Zuschlag erteilen, sodass im November 2018 mit dem Rückbau der Wälle begonnen werden kann. Für den Neubau plant man tapfer nur zwei Jahre ein - woraus sich für den OB und den KSC-Chef eine erfreuliche terminliche Situation ergibt: OB Frank Mentrup könnte im Jahr 2021 sein 2. Bürgermeister-Mandat anstreben und der Abgeordnete Ingo Wellenreuther seine 6. Bundestagsperiode.

Zwischendurch wollte man im Sommer (über die Relegation) von der 3. Liga in die 2. Bundesliga aufsteigen. Gegen den "Dorfverein" Aue im Erzgebirge (15.000 Einwohner) war das fest eingeplant. Leider war alles nur eine schale Hoffnung: Aue gewann im Heimspiel überzeugend mit 3:1. Alle drei Tore schoss der "Invalide" Sören Bertram, der erst 2016 von Halle zu Aue gewechselt war und dort noch an einem Kreuzbandriss laborierte. --- Der Nichtaufstieg schlägt voll auf die Vereinskasse durch: Für das laufende Geschäftsjahr erwartet der Präsident Wellenreuther einen Fehlbetrag von 1,8 Millionen. Für den Spielerkader in der kommenden Drittligasaison können deshalb maximal 5 Millionen Euro eingeplant werden. Zum Vergleich: Bayern München finanziert seine Fußball-Cracks mit 200 Millionen im Jahr!

Die Katastrophe von Aue hat auch die Renditeberechnungen der Stadt Karlsruhe weitgehend obsolet gemacht. Wer kann ernsthaft glauben, dass der KSC jemals die 75 Millionen Euro "Vorfinanzierung" über die Stadionpacht innerhalb von 33 Jahren an die Stadt zurückzahlen kann? Dazu müsste er sich, viel öfter als bislang, in den (ertragsreichen) Höhen der 1. Bundesliga bewegen. Während der vergangenen 20 Jahre waren dies genau 2 (in Worten: zwei) Jahre, nämlich 2008 und 2009 - unter dem unvergessenen Coach "Ede" Becker. Vielmehr droht eher die Stagnation in der 3. Liga - oder gar die Insolvenz - wie das in der vergangenen Saison bereits den renommierten Vereinen Erfurt und Chemnitz passierte.

Aber vielleicht ist der KSC - wie man immer mal wieder hört - für die Karlsruher ein so gewaltiger Image- und Wirtschaftsfaktor, dass man ihm schon mal 100 Millionen an Steuergeldern schenken darf!








Montag, 21. Mai 2018

Personal- und Finanzprobleme bei KIT - Vorschlag zur Lösung

26 Monate suchte das KIT in überregionalen Stellenanzeigen und durch direkte persönliche Anfragen nach einem neuen Finanzchef. Die Amtszeit des bisherigen Vizepräsidenten, des Physikers Dr. Ulrich Breuer, war nach einem Veto des KIT-Senats Ende 2017 abgelaufen. Nun ist "der Neue" endlich gefunden; er will sein Amt im Sommer 2018 antreten.

Breuer war in seiner fünfjährigen Tätigkeit bei KIT weniger beliebt als geachtet. Als er 2012 seinen Dienst antrat, fand er eine Millionenlücke im Budget des KIT vor, das er - nach den Bestimmungen des öffentlichen Haushaltsrechts - durch rigide Sparmaßnahmen über mehrere Jahre hinweg abbauen musste. In einer solchen Situation kann man sich schwerlich Freunde machen und so kam es dazu, dass die geschröpften Professoren des Senats vor ca. zwei Jahren gegen seine Vertragsverlängerung votierten.

Breuer hat inzwischen zügig eine neue Stelle als Kaufmännischer Direktor beim Dresdner Forschungszentrum gefunden. Im KIT musste man die Vakanz (kommissarisch und temporär) auf mehrere Schultern verteilen - eine finanzielle Gratwanderung angesichts der Höhe des Jahresbudget.



Michael Ganß mit Präsident Holger Hanselka (KIT)


Große Aufgabe für den Neuen

Der zukünftige Vizepräsident des KIT wurde im April 2018, zur großen Erleichterung der Führungsgremien, vom Senat "mit großer Mehrheit" bestätigt. Es ist der Maschinenbauer und Diplomingenieur Michal Ganß. Der 59-Jährige war seit 15 Jahren als Kaufmännischer Geschäftsführer im Helmholtz-Zentrum Geesthacht bei Hamburg tätig. Dieses Forschungszentrum wurde 1956 gegründet und hat mittels zweier Schwimmbadreaktoren etwa 40 Jahre lang Nuklearforschung betrieben. Vor knapp zehn Jahren wurde der letzte dieser Reaktoren stillgelegt und man verlegte sich auf Küsten- und Festkörperforschung. Das Helmholtz-Zentrum gehört mit ca. 800 Mitarbeitern und einem Jahresetat von rd. 100 Millionen Euro zu den kleineren Forschungseinheiten im Helmholtzbereich und wird vornehmlich vom Bund gefördert.

Was Michael Ganß beim KIT vorfinden wird, ist eine Institution, die um mehrere Nummern größer ist als sein bisheriger Arbeitsbereich. Das KIT besitzt einen Jahresetat  von 850 Millionen Euro, beschäftigt ca. 9.500 Mitarbeiter, darunter etwa 350 Professoren. Durch den Zusammenschluss von Forschungszentrum und Technischer Universität ist das KIT in seiner Struktur auch wesentlich komplexer geworden. Die Finanzierung erfolgt immer noch getrennt über Bund und Land und die Geldströme dürfen nicht vermischt werden. Die Verschlankung der Infrastruktur, was Breuer nur teilweise gelungen ist, steht nun als dringliche Aufgabe vor dem Nachfolger Michael Ganß. Dafür hat dieser, angesichts seines fortgeschrittenen Alters, vermutlich nur eine einzige Amtszeit zur Verfügung.


Häufiger Wechsel auf der Präsidialebene

Charakteristisch für die eher kurze 12-jährige Geschichte des KIT ist ein häufiger Wechsel auf der Präsidialebene bzw. (hierarchisch gleichrangig) des Vorstands. Nur selten wurden die zumeist 6-jährigen Amtszeiten sowie die ebenso langen Verlängerungen ausgenutzt. Das Kommen und Gehen der Topmanager in der KIT-Geschichte soll in Kürze dargestellt werden.

Dr. Manfred Popp, der Vorstandsvorsitzende des ehemaligen Forschungszentrum und Co-Vorsitzende des neuformierten KIT, verließ 2006 - bereits nach wenigen Monaten(!) - seine Position und verabschiedete sich in den Ruhestand.
Prof. Horst Hippler, Gründungspräsident des KIT, verließ vorzeitig im Mai 2012 - unmittelbar vor Verlust des Elitestatus - seine Position und ließ sich zum Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz wählen.
Prof. Eberhard Umbach, nach der formellen Fusion des KIT im Oktober 2009 zu dessen Präsidenten ernannt, verabschiedete sich bereits im Oktober 2013 in den Ruhestand.
Dr. Peter Fritz, Vizepräsident und Nuklearexperte, schied im Jahr 2013 als 61-Jähriger aus dem Präsidium aus.
Dr. Elke Luise Barnstedt, Vizepräsidentin für Personal und Recht von Anfang 2011 an, verabschiedete sich im Dezember 2016 vorzeitig in den vorgezogenen Ruhestand.
Dr. Ulrich Breuer, Vizepräsident des KIT für Wirtschaft und Finanzen von 2012 an, wurde vom Senat die Verlängerung seines Dienstvertrags verweigert und schied im Dezember 2017 aus dem Präsidium aus.

Der jetzige Präsident des KIT, Professor Dr. Holger Hanselka, ein Maschinenbauer, kam von der Fraunhofer-Gesellschaft und trat 2013 sein Amt an. Seine Wiederwahl - für die er kandidieren will - steht also im nächsten Jahr an. In einem Zeitungsinterview bekannte sich Hanselka erstaunlich offen dazu, dass er nicht die übliche Vertragsverlängerung von 6 Jahren, sondern lediglich eine solche von 4 Jahren anstrebe. Die verbleibenden 2 Jahre wolle er "genießen", denn insgesamt 10 Jahre für dieses Amt bei KIT seien anstrengend genug. Falls die Gremien dem zustimmen, wird man also schon mittelfristig wieder nach einem Präsidenten suchen müssen.


KIT-Vision:  Filettieren oder Eindampfen

Seinen ursprünglichen Erwartungen konnte das KIT bislang nicht gerecht werden. Die Gründungsväter haben "wissenschaftlichen Mehrwert, eine schlankere Verwaltung und mehr finanziellen Spielraum" versprochen. Nichts davon ist eingetreten. Stattdessen hat man durch den Zusammenschluss von FZK und TU einen Koloss, um nicht zu sagen ein organisatorisches Monstrum geschaffen, das kaum zu managen ist, viel Geld verschlingt und aus der Sicht vieler Institute und Fakultäten nicht notwendig wäre. Schuld daran ist unter anderem das KIT-Gesetz, welches bindend vorschreibt, dass die Geldströme von Bund und Land nicht miteinander vermengt werden dürfen, sowie die über viele Jahre gewachsenen "verschiedenartigen Kulturen" von FZK und TU.

Angesichts dieser unerfreulichen Situation, in welche nichts ahnende bis naive Organisationslaien die beiden frühen eigenständigen Partner gedrängt haben, sollte man die Trennung von FZK und TU ernsthaft in Erwägung ziehen. Es wäre sozusagen die Filettierung des KIT , ein organisatorischer Reset, welcher die ursprünglichen und inhärenten Kräfte der beiden Einheiten wieder freilegen würde. Allerdings wäre dafür die komplette Abschaffung des 2009 beschlossenen KIT-Gesetzes erforderlich. Daran ist jedoch schwerlich zu glauben, denn die Politiker scheuen es, ihre eigenen Gesetze zu annullieren und sich damit der Kritik der Opposition und den Medien auszusetzen.

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, um aus der gegenwärtigen vertrackten Situation herauszukommen. Ich möchte sie als Eindampfen des KIT bezeichnen. Dafür wäre eine Sortierung aller Aufgaben und Abläufe des KIT erforderlich - je nachdem ob diese vom Forschungszentrum allein, oder von der Universität allein, oder: nur im Zusammenwirken von FZK und TU, also vom KIT, erledigt werden können. Diese thematische Aufspaltung würde mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben, dass allenfalls für 10 Prozent der jetzigen Aufgaben ein inniges Zusammenwirken von FZK und TU erforderlich wäre. Ausgedrückt in Geld sind dies ca. 85 Millionen Euro pro Jahr.

Dies vorausgesetzt, sollte man die früheren Gesellschafter FZK und TU wieder aufleben lassen und ihnen ihre Selbstständigkeit zurückgeben. Der Rest wäre eine Fusionsgesellschaft KIT-neu, für die weiterhin die KIT-Gesetze gelten würden - allerdings in leicht novellierter Form. Die gemeinsamen Aufgaben würden in einem Anhang dieses revidierten Gesetzes festgelegt und jährlich neu (unter enger Mitwirkung des Senats) beschlossen. Im Prinzip würde man sich damit dem Jülicher Kooperationsmodell "JARA" annähern, allerdings die Bezeichnung KIT beibehalten.

Wer könnte diese Umorganisation lancieren und auf den Weg bringen? Nun, nicht in erster Linie der Präsident. Sein Arbeitsvertrag sieht vor, das KIT in seiner gegenwärtigen Form zu leiten; eine Initiative von seiner Seite würde zuviel unerwünschten medialen Wirbel verursachen. Auch der Aufsichtsrat wäre in der Anfangsphase wohl nicht das optimale Gremium. Seine wirkmächtigsten Mitglieder, die Abgesandten von Bund und Land, kämen mit den Vorschlag eines KIT-neu wohl kaum über die Staatssekretärsebene hinaus. Nein, das Ganze sollte klug von einigen Senior-Mitgliedern und renommierten Professoren des Senats "eingetütet" und vorsichtig den Entscheidungsträgern in Bund und Land schmackhaft gemacht werden. Der richtige Zeitpunkt für ein solches Vorgehen wäre vermutlich kurz nach der gegenwärtig laufenden Exzellenzinitiative, wo KIT hoffentlich einige ihrer Projekte ("Cluster") durchbekommen wird - aber wohl kaum den 2012 verlorenen Titel "Eliteuniversität".

Das "Eindampfen" des KIT und seine Umwandlung in FZK, TU sowie KIT-neu könnte mit geringem Aufwand an Management und rechtlichen Veränderungen vollzogen werden und hätte außerdem den Charme, dass die aufwändige externe Suche nach geeignetem Führungspersonal (bei Beginn) überflüssig wäre. Denn das Leitungspersonal könnte mühelos und effizient aus dem bereits vorhandenen Fundus von Präsidenten, Vizepräsidenten, Bereichsleitern und Vorständen rekrutiert  werden. Das Management von KIT-neue könnte in Personalunion durch Führungspersonen oder Prokuristen der beiden Hauptgesellschaften FZK und TU geschehen.

Also:  Glückauf!

Samstag, 12. Mai 2018

Quo vadis, EnBW?

Das Gute vorweg:
Das Energieversorgungsunternehmen EnBW zahlte seinen Aktionären wieder eine Dividende. Mit 50 Cent pro Aktie fiel sie zwar nicht üppig aus, aber im Vorjahr lag diese Rendite noch bei Null. Das hat manchen Teilnehmer der diesjährigen Hauptversammlung (HV 18) wohl bewogen, beim Caterer-Mittagessen gleich doppelt zuzuschlagen. (Angebot: Wiener Würstl mit Kartoffelsalat und Softdrink).

Genauer betrachtet war der Sponsor für die diesjährige Dividende zum großen Teil der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble. Er hatte im Vorjahr die EnBW noch mit einer Kernbrennstoffsteuer von 1,44 Milliarden Euro belegt, die er - auf Veranlassung des Bundesverfassungsgerichts - aber wieder herausrücken musste. Daraus wurde im Wesentlichen die besagte Dividende finanziert.






EnBW-Chef Frank Mastiaux bei der HV- 2018


Dramatischer Rückgang bei der Stromerzeugung

Vor der Energiewende war die EnBW in Deutschland das drittgrößte EVU, welches 5,5 Millionen Kunden mit Strom (sowie Gas und Wasser) zuverlässig versorgte. Dazu trugen etwa zwei Dutzend Kraftwerke bei, fünf davon große Kernkraftwerke, der Rest basierend auf Kohle, Gas, Wasser und der Pumpspeichertechnologie. Das frühere Standbein "Erzeugung" soll in Zukunft - nach den Strategievorstellungen des CEO Frank Mastiaux - eine immer geringere Rolle spielen. Die Kernkraftwerke werden, aus politischen Gründen, im Jahr 2022 in Gänze abgeschaltet sein und als längst abgeschriebene "Gelddruckmaschinen" keine Rolle mehr spielen. 

Aber auch die Kohlekraftwerke stehen im Visier. Anlagen, welche den Umwelt- und den Rentabilitätsstandards nicht mehr genügen, werden bei der Netzagentur zur Stilllegung angemeldet. Bei einem Drittel der Steinkohlekapazität ist dies bereits geschehen. Mastiaux: "Wir gehen davon aus, dass die Kohlekraftwerke auf das politisch gewollte Aus zusteuern". Aktuell betreibt die EnBW noch acht Kohlekraftwerke mit 4.200 Megawatt (MW) sowie zwei Gaskraftwerke und zwei Kernkraftwerke. Vor der Energiewende hatte der Konzern ein Erzeugungsporfolio von 15.500 MW. In dieses trübe Bild passt, dass die EnBW inzwischen auch ihre Großkunden wie Daimler, Deutsche Bahn etc. verloren hat, welche ihren Strom nun selbst und billig an der Deutschen Strombörse in Leipzig für 2 bis 3 Cent/kWh ordern. Ach ja, bei den Erneuerbaren Energien Wind und Sonne sind inzwischen 1.700 MW installiert, die bei niedriger Verfügbarkeit und zu nicht planbaren Zeiten gelegentlich etwas Strom liefern.


Auf der Spur der Subventionen?

Der Strategiewechsel, welchen der Vorstand der EnBW plant, ist dramatisch und wird das Image des Konzerns erkennbar verändern. Bis zum Jahr 2020 soll der Gewinnbeitrag bei der Branche "Erzeugung und Handel" um volle 80 Prozent zurückgehen. Demgegenüber soll dieser Beitrag bei den "Erneuerbaren Energien"(EE) um 250 % und bei den "Netzen" um 25 % ansteigen. Das traditionelle Geschäftsmodell wird also fast ganz wegfallen, während die subventionierten Bereiche EE und Netze massiv hochgefahren werden. Einige Teilnehmer bei der HV 18 fragten sich bereits, ob der Konzern damit die "süßen Trauben" der staatlichen Subventionen pflücken möchte, anstelle die "harten Nüsse" der traditionellen Stromerzeugung zu knacken.

Auch bei der E-Mobilität will sich die EnBW stärker engagieren und plant dafür die Ausweitung des Tankstellennetzes entlang der Autobahnen. Die Belastung des Stromnetzes (im privaten Bereich) durch viele gleichzeitige abendliche Ladevorgänge stellt die Netzstabilität vor große Herausforderungen und soll in praxi in den Ostfildern untersucht werden.

Schließlich will man sich bei EnBW weiterhin im Bereich Smart Home betätigen. Allerdings ist das ein hartes Brot, denn in der Haustechnik liegen zwischen Hersteller und Kunden noch der Großhandel und das Handwerk. Viele propagierte Anwendungen haben bislang erst den Charakter einer "netten Spielerei", denn nicht jeder Kunde möchte vom Bett aus - via Smartphone - die Dusche bedienen oder den Herd einschalten. Das "intelligente Haus" wird sich wohl erst dann durchsetzen, wenn sein Nutzen hoch und die Kosten vertretbar sind.


Ein Mega-Deal am Horizont?

Hartnäckig fragten Kleinaktionäre bei der besagten HV 18 immer wieder nach, was an der Meldung der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" dran sei, wonach die EnBW ihre konventionellen Kraftwerke an den großen Rivalen RWE verkaufen wolle. Angeblich seien die Firmenchefs darüber schon seit Monaten im Gespräch - nur der Kaufpreis werde noch kontrovers diskutiert. Nun, Mastiaux ließ sich dazu keine Details entlocken, gab aber dennoch zu, dass man mit anderen EVU "immer wieder mal gemeinsam interessierende Themen bespreche".
Ein heißes Thema, gewiss. Denn: wenn EnBW an RWE verkaufen würde, wäre die Zukunft von 2.800 Mitarbeitern offen.


Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de