Sonntag, 21. Februar 2016

KIT ist unterfinanziert

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der Zusammenschluss zwischen Forschungszentrum und Universität Karlsruhe, beklagt Finanznöte. Das KIT verfügt zwar über einen respektablen Jahresetat von ca. 800 Millionen Euro, aber nur je ca. 30 Prozent steuern Bund und Land bei. Satte 40 Prozent müssen über sogenannte Drittmittel-Aufträge, zumeist bei Industrie und Wirtschaft, eingeworben werden. Der Präsident, Professor Holger Hanselka, gibt ganz offen zu: "Ohne Drittmittel würden wir auf Dauer austrocknen."

Die Kehrseite dieser Situation ist, dass ein großer Teil der Projekte, welche über Drittmittel finanziert werden, zeitlich befristet sind, also keine Daueraufträge darstellen. Diese Vorhaben werden üblicherweise durch Mitarbeiter abgewickelt, die einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag besitzen. Bei KIT sind sie in der Mehrheit, wie vom Personalrat seit langem beklagt wird. Nach den derzeit verfügbaren Zahlen waren von 5546 Mitarbeitern am KIT 4065 mit einem befristeten Vertrag ausgestattet; im Bereich der Universität waren es sogar 2704 von 2952 insgesamt. Die Arbeitsverträge haben Laufzeiten von wenigen Jahren, zuweilen sogar nur über ein halbes Jahr und werden nicht selten ein halbes Dutzend mal verlängert ("Kettenverträge").

Die Nöte der Jungakademiker

Die Praxis der befristeten Arbeitsverträge ist an allen deutschen Hochschulen gang und gäbe. In der Altersklasse zwischen 25 und 34 Jahren haben mehr als 70 Prozent einen Arbeitsvertrag mit Verfallsdatum, wie Arbeitsmarktforscher festgestellt haben. Ein Großteil dieser Kontrakte weisen zudem extrem kurze Laufzeiten von weniger(!) als einem halben Jahr auf und werden mickrig entlohnt. Für die Betroffenen ist es schwierig, sich im Berufs- und Familienleben einzurichten. Wer einen befristeten Arbeitsvertrag hat, bekommt häufig keinen Kredit von der Bank, etwa für ein Auto oder eine Wohnungseinrichtung - ganz zu schweigen vom Kauf einer Immobilie.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat deshalb ein Gesetz auf den Weg gebracht, um die akademische Laufbahn besser planbar zu machen. Arbeitsvertrag und Einsatzdauer sollen besser synchronisiert werden, Kurzbefristungen sind zu minimieren. Im Gefolge dieser Initiative brachte das KIT im November vergangenen Jahres ein siebenseitiges Rundschreiben heraus, in dem die oben genannten ministeriellen Vorschläge aufgenommen sind. Gleichwohl sind in diesem Schreiben eine ganze Anzahl von Ausnahmen vermerkt; zum Durchdringen des Textes sind einige Semester Jurastudium hilfreich.

Schlecht sieht es in Deutschland um die Betreuung der Studenten aus, deren Anzahl zwischen den Jahren 2003 und 2013 um 20 Prozent gewachsen sind. Parallel dazu hat sich die Betreuungsrelation von Studierenden zu wissenschaftlichen Mitarbeitern und Professoren im Bundesmittel von 13,5 auf 16,1 verschlechtert, in den Ingenieursfächern sogar von 11,0 auf 17,7. Diese Überlastung des Lehrpersonals führt zu grotesken Zuständen. Häufig wird die Lehre auf andere Gruppen übertragen, die dafür nur 40 Euro pro Stunde - oder überhaupt nichts - bekommen. Diese Lehrenden, welche (außerhalb des Vorlesungsverzeichnisses) vor den Studenten stehen, kommen von Forschungseinrichtungen oder aus der Industrie und wollen Kontakt zur Hochschule halten. Darunter sind auch Lehrbeauftragte, die nur für ein Semester und zwei Stunden pro Woche eingesetzt werden. Und schließlich die "letzte Reserve", nämlich wissenschaftliche Mitarbeiter, die ihr (schmales) Gehalt fürs Forschen oder Promovieren bekommen, die aber nicht nein sagen können, wenn der Herr Professor sie in den Vorlesungsbetrieb einspannt. Motto: wer nicht als Dozent (im offiziellen Vorlesungsverzeichnis) geführt wird, der holt auch keine Studenten an die Uni. Ein Drittel des Lehrkörpers an den Universitäten soll unbezahlt sein!

Exzellenzinitiative - keine Bonanza

In der Hoffnung auf zusätzliche Geldquellen setzt mancher Universitätsrektor oder -präsident auf die sogenannte Exzellenzinitiative. Sie wurde 2005 von der damaligen Bundesforschungsministerin Edelgard Buhlman ausgelobt und hat seitdem (in drei Runden) im Zusammenwirken von Bund und Ländern einige Milliarden Euro Finanzmittel verteilt. Unterstützt wurden Hochschulen, die ein überzeugendes "Gesamtkonzept" vorlegen konnten, sowie bei den Forschungsprojekten ("Clustern") und der Post-Doktoranden-Lehre ("Graduiertenschulen") besser waren als der Rest. Auch das KIT war von 2006 bis 2012 in diesem bevorzugten Club und durfte sich zeitweilig sogar "Elite-Universität" nennen. Umso stärker war die Enttäuschung, als diese Förderung 2012 - insbesondere wegen schwacher Proposals der Nanoforscher - auslief. Monatelang konnten damals noch nicht einmal die armen "Hiwis" bezahlt werden und die Ausgabe der Diplomzeugnisse verzögerte sich, da zu wenig Schreibkräfte zur Verfügung standen.


Das neue attraktive Casino des KIT
(beliebt bei Kantinen-Gourmets)

Trotzdem: diese Zusatzförderung allein ist nicht die finanzielle Rettung der Universitäten. Von 2006 bis 2017 werden Bund und Länder insgesamt 4,6 Milliarden Euro ausgeworfen haben. Auf erstem Blick ist das eine respektable Summe und doch ist es relativ wenig. So erhält beispielsweise die große Technische Universität München insgesamt 289 Millionen. Umgerechnet auf ein Jahr sind das bloße 26 Millionen - bei einem Jahresetat von 1,3 Milliarden Euro! Von den amerikanischen Hochschulen, wie MIT und Harvard, welche über viele Jahre hinweg ein milliardenschweres Kapitalvermögen angesammelt haben, ist man da noch meilenweit entfernt.

Mit wesentlich höheren Geldsummen wird derzeit in der großen Politik agiert. Die Flüchtlinge, welche Deutschland bereits aufgenommen hat, werden - nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft - volle 55 Milliarden Euro an Kosten verursachen. Wohlgemerkt: allein in den drei Jahren von 2015 bis 2017! Wenn Bundesminister Schäuble nur eine einzige Milliarde mehr zur Verfügung stellen würde, dann könnte an jeder der hundert deutschen Universitäten ein Studentenwohnheim für je 10 Millionen Euro gebaut werden. Die Wohnungsnot der Studenten - zum Teil aus der Zuwanderung resultierend - könnte dadurch deutlich abgemildert werden.

Ein Hoffnungsschimmer am Horizont

Gegenwärtig wird die vierte Exzellenzinitiative vorbereitet. Die Expertenkommission des schweizer theoretischen Physikprofessors Dieter Imboden hat vor kurzem ihren Bericht vorgelegt und mit Frau Wanka sowie den Landesministern diskutiert. Zwei wesentliche Änderungen bei den Graduiertenschulen und den Zukunftskonzepten scheinen sich anzubahnen. Die Förderung der Graduiertenschulen will man auslaufen lassen und bei den Zukunftskonzepten hat man sich etwas durchaus Originelles ausgedacht. Statt, wie bisher, die in die Zukunft weisende Konzeption der Hochschulen zu bewerten, will man ab jetzt die schon erreichte Forschungsbrillanz der einzelnen Unis evaluieren. "Past merits" sind nach Ansicht von Imboden gute Indikatoren für die Exzellenz. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat dafür den Namen "Exzellenzbonus" geprägt.

Für das KIT ergibt sich damit die Chance, ab 2017 wieder zu punkten und damit die Scharte von 2012 auszuwetzen. Denn: anno 2006 haben Popp und Hippler, die Chefs des Forschungszentrums und der Technischen Universität Karlsruhe den Zusammenschluss beider Organisationen zum KIT durchgedrückt und dadurch den Exzellenzstatus erreicht. Ihre damalige Argumentation war unter anderem, dass durch die Fusion zum KIT ein "wissenschaftlicher Mehrwert" entstehen würde. Im Rahmen der jetzigen Evaluierung müsste dieser Mehrwert nunmehr feststellbar sein und dann zu entsprechender zusätzlicher finanzieller Förderung des KIT führen. Ist das nicht der Fall, dann wäre der Beweis erbracht, dass die Kreation des KIT vor zehn Jahren nutzlos war und nur zu mehr Bürokratismus geführt hat.

Sonntag, 14. Februar 2016

Zwei Legislaturperioden sind genug!

Zu Beginn etwas Statistik und eine gar nicht so einfache Frage:  Wie viele Bundeskanzler regierten Deutschland seit 1945? Antwort: 7 - und eine Bundeskanzlerin, Angela Merkel. Verglichen mit den häufig wechselnden Präsidenten und Premierministern in Frankreich oder gar Italien gewiss eine überschaubare Anzahl. Bislang war jeder Bundeskanzler jünger als sein Vorgänger. Noch kein Bundeskanzler überlebte seinen Nachfolger - auch nicht Helmut Schmidt, der kürzlich mit fast 97 Jahren starb. Konrad Adenauer hält den Altersrekord: er war bei Amtsantritt 73 Jahre alt und trat mit 87 Jahren als Kanzler ab. Der jüngste Bundeskanzler beim Ausscheiden aus dem Amt war Willy Brandt mit 60 Jahren. Bei Amtsantritt am jüngsten war Angela Merkel mit 51 Jahren.

Der Bundeskanzler bestimmt verfassungsgemäß die Richtlinien der Politik und ist damit der politisch mächtigste Amtsträger, obwohl er in der protokollarischen Rangfolge unter dem Bundespräsidenten (derzeit Joachim Gauck) und dem Bundestagspräsidenten (Norbert Lammert) steht. Die Amtsbezüge des Bundeskanzlers sind überschaubar. Er löhnt das 5/3-fache des Grundgehalts der Besoldungsgruppe B11; das sind nach derzeitigem Stand rd. 250.000 Euro pro Jahr. Die private Nutzung von bundeseigenen Transportmitteln und die Miete der Dienstwohnung werden in Rechnung gestellt.

Der Job des Bundeskanzlers ist relativ sicher. Vor Ablauf der 4-jährigen Legislaturperiode kann er zwangsweise eigentlich nur durch ein konstruktives Misstrauensvotum abgelöst werden. Und er darf  sich - das Einverständnis der Partei und der Wähler vorausgesetzt - beliebig oft wählen lassen. So brachten es die dienstältesten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl auf 14 bzw. 16 Amtsjahre; die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel ist seit 10 Jahren Chefin und wird, falls sie 2017 wiederum antritt, die Rekordzeit von Helmut Kohl erreichen.

Damit ist aber auch ein Problem verbunden, denn der "Beruf" des Bundeskanzlers ist knochenhart und nicht ohne Grund ist in den USA die Amtszeit auf acht Jahre begrenzt, d. h. er kann nur ein Mal wieder gewählt werden. Wertet man die politische Arbeit der drei dienstältesten deutschen Bundeskanzler im Rückblick, so kann man durchaus zu der Meinung kommen, dass es besser für unser Land wäre, wenn auch hier die Amtszeit der Bundeskanzler auf zwei Wahlperioden begrenzt werden würde.

Konrad Adenauer

Konrad (Hermann Joseph) Adenauer wurde am 15. September 1949 (mit einer Stimme Mehrheit) zum Kanzler der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland gewählt. Seine Amtszeit war wesentlich geprägt durch außenpolitische Entscheidungen. Gegen den heftigen Widerstand der damaligen SPD (Kurt Schumacher) leitete er die Westbindung der jungen Republik ein, vor allem durch die Gründung der Europäischen Gemeinschaft Kohle und Stahl (dem Grundstein der heutigen Europäischen Union) und dem Beitritt zum westlichen Militärbündnis NATO. Zusammen mit de Gaulle betrieb er die deutsch-französische Aussöhnung und - vor dem Hintergrund des Holocaust - jene mit dem jungen Staat Israel. Innenpolitisch führten der Lastenausgleich und verschiedene sozialpolitische Beschlüsse zur schnellen Erholung der deutschen Wirtschaft, dem sogenannten Wirtschaftswunder.

Nach zwei Legislaturperioden, etwa Ende der fünfziger Jahre, setzte Adenauers politischer Abstieg ein. Seine Ablehnung des beim Volk sehr beliebten Wirtschaftsministers Ludwig Erhardt als Kanzlernachfolger führte zu einem medialen Dauerstreit der beiden Spitzenpolitiker. Adenauers Wille zur Kandidatur als Bundespräsident und die spätere brüske Rücknahme dieser Intention kamen beim Wahlvolk schlecht an. (Schließlich wurde bedauerlicherweise Heinrich Lübke in dieses Amt gewählt). Die verlorene absolute Unionsmehrheit bei der Bundestagswahl im September 1961 und Adenauers unglückliches Taktieren bei der SPIEGEL-Affäre erzwangen am 12. Oktober 1963 seinen Rücktritt zugunsten des ungeliebten Nachfolgers Ludwig Erhardt.

Helmut Kohl

Helmut (Josef Michael) Kohl kam am 1. Oktober 1982 über ein konstruktives Misstrauensvotum gegen seinen Vorgänger Helmut Schmidt ins Amt. Im Zuge vorgezogener Neuwahlen wurde er am 6. März 1983 als Bundeskanzler bestätigt. Helmut Kohl gilt zu Recht als "Kanzler der deutschen Einheit". Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 legte er umgehend im Bundestag ein "Zehn-Punkte-Programm" vor, das als Fahrplan für den späteren Einigungsprozess galt. Im Mai 1990 wurde mit der DDR ein Staatsvertrag unterzeichnet, der eine Union mit der BRD auf den Gebieten der Währung, der Wirtschaft und des Sozialwesens vorsah. In den sogenannten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen mit den ehemaligen Siegermächten gelang es Kohl, deren Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands und seine Einbindung in die NATO zu erreichen.

Am 17. Juni 1991 wählte der (nun gesamtdeutsche) Bundestag Helmut Kohl zum dritten Mal als Bundeskanzler, nachdem er sich gegen Oskar Lafontaine bei der vorausgehenden Wahl durchgesetzt hatte. Mit dieser dritten Legislaturperiode begann Kohls politischer Abstieg. Die versprochenen "blühenden Landschaften" in der ehemaligen DDR blieben lange aus und der 1:1-Umtausch der früheren DDR-Mark erwies sich als zu starke Belastung für die Betriebe der Ostgebiete. Bei der Einführung des Euro im Zuge der Maastricht-Verträge verzichtete Kohl in fahrlässiger Weise auf die Festschreibung von Sanktionen bei Nichterfüllung, was bis heute die Schuldenpolitik der Südländer ermöglicht. Im November 1994 wurde Kohl (gegen Scharping) zwar noch einmal wiedergewählt, aber im Oktober 1998, am Ende seiner 4. Legislaturperiode, verlor er die Bundestagswahl gegen Gerhard Schröder. Nach Kohls Amtszeit wurde bekannt, dass er zugunsten der CDU (unter Verstoß gegen das Parteiengesetz) Spenden angenommen und "schwarzen Kassen" zugeführt hatte.

Angela Merkel

Angela (Dorothea) Merkel wurde am 10. April 2000 im Gefolge von Kohls Spendenaffäre und dem Rücktritt von Wolfgang Schäuble als CDU-Vorsitzende gewählt. Einer ihrer Fürsprecher war der niedersächsische Oppositionsführer Christian Wulff. Bei den vorgezogenen Bundestagswahlen im September 2005 gewann sie knapp gegen Gerhard Schröder und wurde am 22. November 2005 zur ersten deutschen Bundeskanzlerin gewählt. Die 1. Legislaturperiode (2005 - 2009) bestritt sie zusammen mit der SPD in einer Großen Koalition. Diese Amtsperiode war geprägt von der weltweiten Finanzkrise: die amerikanische Investmentbank Lehmann ging bankrott und auch mehrere deutsche Institute (IKW, Hypo und einige Landesbanken) mussten riesige Abschreibungen vornehmen. Im Oktober 2008 gab Merkel, zusammen mit ihren Finanzminister Peer Steinbrück, eine öffentliche Garantieerklärung für die Bankeinlagen der deutschen Sparer ab, was erheblich zur Beruhigung der Finanzmärkte beitrug.

Mit der 2. Legislaturperiode (Oktober 2009 - Oktober 2013) begann Merkels Abstieg. Im März 2011, nach dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima, verkündete sie spontan und ohne sonderliche Absprache, den Ausstieg aus der Kernenergie. Sofort - und gegen das Votum des RSK-Expertengremiums - legte sie per Weisung acht große deutsche Kernkraftwerke still, denen sie, erst ein halbes Jahr vorher, noch weitere zehn Jahre Laufzeit zugebilligt hatte. Für die sogenannte Energiewende wurde im Sommer 2011 ein Gesetz verabschiedet (EEG), welches die Einführung Erneuerbarer Energien mittels gigantischer planwirtschaftlicher Subventionierungen erzwingt und das  die jahrzehntelang erfolgreichen Stromkonzerne RWE, E.ON und EnBW an die Grenze der Insolvenz bringt. --- In die gegenwärtige 3. Legislaturperiode (ab Dezember 2013) fällt u. a. die sogenannte Griechenlandhilfe. Dieses Land hatte mit Schummelunterlagen - angefertigt von der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs - im Jahr 2001 den Eintritt in die Eurozone geschafft. Über drei finanzielle Hilfspakete, maßgeblich verhandelt durch Merkel, wird Griechenland bislang mit gut 250 Milliarden Euro unterstützt, wovon der größte Teil aus Deutschland kommt. Die parlamentarisch verfügten Sparmaßnahmen kommen in diesem Inselstaat allerdings nur schleppend voran. --- Seit Mitte 2015 beherrscht vor allem ein Thema die deutsche und europäische Öffentlichkeit: die Flüchtlingskrise. Die Bundeskanzlerin Merkel hat daran entscheidenden Anteil, denn mit ihren Alleingang im September 2015 öffnete sie die Schleusen für Migranten aus allen Weltgegenden, durch die Aufnahme der in Ungarn festgehaltenen Flüchtlinge. Seitdem strömten mehr als eine Million Zuwanderer über die deutsche Grenze, viele davon ohne jegliche Registrierung und polizeiliche Überprüfung. --- Die 4. Legislaturperiode Merkel (ab Herbst 2017) ist noch nicht beschlossen. Wie man jedoch immer wieder lesen kann, ist die Bundeskanzlerin durchaus bereit noch einmal zu kandidieren, was ihre Regierungszeit bis 2021 ausdehnen könnte.




Flüchtlingsstrom

Zusammenfassung

Die Erfahrungen mit Bundeskanzlern, die drei oder gar vier Legislaturperioden regiert haben, sind bislang denkbar schlecht. Konrad Adenauer hatte 1957 sein Pulver weitgehend verschossen und hat von da an seine Regierungszeit vorwiegend damit verbracht, indem er seinen präsumptiven Nachfolger Ludwig Erhardt mobbte, das Amt des Bundespräsidenten nachhaltig schädigte und in der Spiegel-Affäre miserabel agierte. Helmut Kohl hat die wirtschaftliche Integration der ehemaligen DDR ab 1991 schlecht organisiert und Wolfgang Schäuble, eigentlich als Nachfolger vorgesehen, erfolgreich vom Kanzleramt ferngehalten.

Angela Merkel hat durch die "Nacht-und-Nebel-Aktion" der sogenannten Energiewende den europäischen Stromverbund stark geschädigt und durch die Zwangseinspeisung des "Zappelstroms" aus Wind und Sonne zur derzeit fragilen Netzstabilität beigetragen. Außerdem sind die gegenwärtigen Subventionskosten von 25 Milliarden pro Jahr - Tendenz steigend - die Ursache für die hohen Strompreise in der Bundesrepublik. --- Die spontane Öffnung der deutschen Staatsgrenzen für die Migranten ist ein Verstoß gegen die Abkommen von Schengen und Dublin. Statt vorher mit den EU-Partnern über die Aufteilung der Flüchtlinge zu reden, hat Merkel die Spaltung Europas herbei geführt und lässt sich von der Türkei zu hohen Geldzahlungen erpressen. Die kulturelle Integration der massenhaften Einwanderer ist fraglich und birgt das Risiko von Parallelgesellschaften und von "no-go-Bezirken". Der finanzielle Aufwand für die Versorgung der Flüchtlinge bis 2017 wird auf unfassbare 55 Milliarden Euro abgeschätzt, was den deutschen Staatshaushalt bald in Schieflage bringen wird.

Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die Chefs großer Unternehmen, wie DAX-Firmen, nach vier bis sechs Jahren ausgetauscht werden müssen, weil ihre Führungsfähigkeiten erschöpft sind. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank über sechs Jahre und Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender der RWE über 5 Jahre sind hierfür Belege. Der ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer (13 Jahre) und der ex-VW-Chef Martin Winterkorn sind in diesem Zusammenhang nur abschreckende Beispiele.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage:
Warum sollte man die Führung der viel größeren "Deutschland AG" der gleichen Person 12 oder gar 16 Jahre lang anvertrauen?

Sonntag, 7. Februar 2016

Die Völkerwanderung und der Untergang des Römischen Weltreiches

Die renommierte Schweizer Zeitung "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) brachte am 31. Januar 2016 auf Seite 24 einen bemerkenswerten Artikel unter dem Titel "Zuwanderer brachten den Untergang". Die Redaktion leitete ihn mit folgenden Sätzen ein:
Schon vor 1600 Jahren kam es in Europa zu großen Flüchtlingsströmen. Das damalige Römische Reich war Fremden wohlgesinnt und nahm die Migranten auf. Doch deren Zahl war zu hoch. Sie ließen sich nicht integrieren.Schließlich übernahmen die Zuwanderer die Macht.
Im Rahmen dieses Blogs werden - in leicht gekürzter und editierter Form - die Hauptteile des NZZ-Artikels übernommen. Auf den Autor Alexander Demandt, einen deutschen Geschichtsprofessor, wird zum Schluss hingewiesen.

Der Einbruch der Goten

Aus der Provinz Moesia, nahe der Donaumündung, erschien im Frühling 376 n. Chr. eine Gesandtschaft der Westgoten am römischen Kaiserhof in Antiochia. Sie berichteten, aus Innerasien sei ein wildes Reitervolk, die Hunnen, erschienen, habe die Ostgoten nördlich des Schwarzen Meeres besiegt und den Westgoten ein gleiches Schicksal angedroht. Diese seien geflohen, stünden jetzt am Nordufer der Donau und bäten um Aufnahme in das Römische Reich.-- Im Kronrat zu Antiochia wurden zwar Bedenken laut, aber die Fürsprecher setzten sich durch. Das Reich konnte Zuwanderer als Siedler, Steuerzahler und Söldner brauchen; zudem habe der Kaiser die Pflicht, in christlicher Nächstenliebe, für die Flüchtlinge zu sorgen. Die Grenzen wurden geöffnet und die Goten kamen. Der römische Statthalter in Antiochia versuchte zwar die Ankömmlinge zu zählen, aber die Aktion geriet außer Kontrolle. Tag für Tag pendelten die Fähren über den Donaufluss, der Zeitgenosse Marcellius schreibt: "zahllos wie die Funken des Ätna".

Sehr bald gab es Versorgungsprobleme und die römischen Geschäftsleute verlangten überhöhte Preise. Die Goten begannen zu plündern und erhielten Verstärkung aus den römischen Bergwerken, wo viele germanische Gefangenen schufteten. Bald kam es zu Kämpfen, die Grenztruppen wurden geschlagen und der Kaiser in Rom musste um Hilfe gebeten werden.-- Kaiser Valens erschien mit dem Reichsheer des Ostens. Am 9. August 378 kam es bei Adrianopel, dem heutigen türkischen Edirne, zur Schlacht. Das römische Heer wurde von den Germanen und den eingewanderten Goten zusammen geschlagen; der Kaiser fiel. Sein Nachfolger Theodosius musste den Fremden 382 Land anweisen, wo sie nach eigenem Recht lebten. Die Donaugrenze blieb offen und immer neue Scharen drangen in das Reich. Im Jahr 406 war die Reichsgrenze nicht mehr zu halten: die Völkerwanderung war im Gange. Sie endete erst mit dem Einbruch der Langobarden in Italien im Jahr 568.

Römische Migrationspolitik im historischen Rückblick

Die Aufnahme der gotischen Flüchtlinge um 376 war politisch nichts Neues. Rom war immer fremdenfreundlich. Schließlich war nach der Überlieferung schon Äneas, der Stammvater, selbst ein Zuwanderer aus Troja gewesen. Als Romulus die Stadt gründete, eröffnete er auf dem Palatin ein Asyl, bevölkerte es mit Asylsuchenden und machte diese zu Römern. Es war ein Grundsatz römischer Politik, jeden, der tüchtig war, aufzunehmen. Zu denen zählte unter anderem auch das große, hochberühmte Patriziergeschlecht der Claudier, aus dem später vier Kaiser hervorgingen. Einer von ihnen, Kaiser Claudius, hat unter Hinweis darauf den Galliern das volle Bürgerrecht verliehen.

Die regionale Ausdehnung des Römerreichs brachte es mit sich, dass die Römer keine ethnische Nation, sondern eine Rechtsgemeinschaft waren, verbunden durch Kaiser, Heer, Verwaltung, durch die Sprache und eine hochentwickelte Zivilisation. Die Wirtschaft blühte auf, erregte aber nun auch die Begehrlichkeit der Barbaren jenseits der Grenzen, vor allem der Germanen. Diese waren arm, kinderreich, kriegerisch und wanderfreudig und strebten ins Imperium, wo Land und Beute lockten. Das begann schon um 100 v. Chr. mit den Cimbern und Teutonen, welche mit Weib und Kind von der Nordsee loszogen und nur mit Mühe abzuwehren waren.

Seit Cäsar schwankte die Germanenpolitik zwischen Abwehr und Aufnahme, der Bevölkerungsdruck aus dem Norden war ein Dauerthema. Cäsar vertrieb den nach Gallien eingedrungenen Suebenkönig Ariovist, heuerte aber germanische Reiter für seine Hilfstruppen an. Unter Augustus kam es zur ersten Übernahme ganzer Stämme. Die Kaiser bis zu Nero hielten sich sogar eine germanische Leibwache. Weitere Ansiedlungen folgten, unter Tiberius vierzigtausend, unter Nero angeblich hunderttausend. Das setzte sich fort; die Neulinge erhielten Land und lebten als Bauern. Durch den Handel mit den Städten und durch den Kriegsdienst lernten sie Latein, vermischten sich mit den Bewohnern der römischen Provinzen, verehrten die gleichen Götter wie sie und waren in der zweiten Generation integriert, Mit der Constitutio Antoniniana 212 erhielten sie das römische Bürgerrecht.

Die Einbürgerung der Germanen minderte den Bevölkerungsdruck auf die Grenzen, konnte ihn aber nicht verhindern. Immer wieder kam es zu Einfällen. Der Plan, Germanien bis zur Elbe zu unterwerfen, scheiterte im Teutoburger Wald. Kaiser Domitian sah sich um 80 n. Chr. genötigt, den Limes zu errichten, eine Militärgrenze gegen das unkontrollierte Eindringen der Fremden. Ganz zu verhindern war es jedoch nicht. Die Plünderungen gingen immer wieder los und wurden bedrohlich, als sich im 3. Jahrhundert die Großstämme der Alamannen, Franken und Sachsen bildeten, den Limes durchbrachen und Gallien sowie Italien heimsuchten. Im Osten besiegten die Goten sogar den Kaiser Decius. Kriegstechnisch waren die Römer immer überlegen, aber durch den Söldnerdienst und den Zugriff auf römische Waffen waren die Germanen nun auf dem gleichen Niveau. Sie modernisierten ihr Kriegswesen gewissermaßen mit römischer Entwicklungshilfe.

Bärte, Pelze, lange Hosen

Die Römer versuchten, das Problem mit den Fremden schlitzohrig zu lösen, indem sie, nach altbewährter Manier, Germanen gegen Germanen einsetzten. Das machte keine Schwierigkeiten, denn bei den Stammesfehden in Germanien kämpften ohnehin stets Germanen gegen Germanen. Die römischen Provinzbewohner, bei denen Kriegsdienst höchst unbeliebt war, konnten sich so der Produktion widmen. Und die Germanen, die lieber Blut als Schweiß vergossen, dienten und verdienten im Heer. So rückten germanische Krieger in Kommandostellen auf. Unter Constantin finden wir die ersten germanischen Heermeister im Generalsrang. Auf der Führungsebene kam es zu Verschwägerungen, sogar mit dem Kaiserhaus. Es entstand eine römisch-germanische Militäraristokratie, ein genealogisches Netzwerk von Verbindungen, durch die alle Entscheidungsträger irgendwie miteinander versippt waren. Während der letzten hundert Jahre des Gesamtreiches lag die politische Führung bei Germanen wie Merobaudes, Bauto, Stilicho, Rikimer und Gundobad. Die Kaiser in ihren beheizten Palästen in Ravenna, Rom und Konstantinopel verloren die Verbindung zur Armee und damit ihre Macht.

Man müsste annehmen, dass die Einbürgerung der Fremden zu einer Integration geführt hätte. Aber je mehr Germanen kamen und je höhere Posten sie errangen, desto schwieriger wurde es. Neid und Ressentiments kamen auf. Die bärtigen Germanen in ihren langen Hosen und Pelzen wurden das Odium des Barbarentums nicht los. Ihr Aussehen grenzte sie als Fremde aus und ihr Bekenntnis zur christlichen Lehre des Arianismus galt als Ketzerei. Gesetze gegen Mischehen, fremde Tracht und falschen Glauben zeigen die Stimmung. Fremdenfeindliche Literatur, Massaker und Mordaktionen richteten sich gegen die Germanen, die man nicht mehr los wurde und auf die man auch nicht verzichten konnte. Denn sie stellten die besten Kontingente. Die Regierung verlor die Kontrolle über die Provinzen, das staatliche Waffenmonopol war nicht mehr aufrecht zu halten. Unzählige Verordnungen ergingen, aber sie wurden nicht ausgeführt; die Exekutive versagte, die überkomplizierte Bürokratie brach zusammen.

Zum Ende übernahmen die Sachsen Britannien, die Franken Gallien und die Alamannen Obergermanien. Italien wurde von den Ostgoten, Spanien von den Westgoten, Nordafrika von den Vandalen besetzt. Auf dem Balkan herrschte Turbulenz, der Osten war durch Glaubenskämpfe zerrissen. Die Provinzbewohner, überall in der großen Mehrheit, waren politisch handlungsunfähig, im langen Frieden gewöhnt, regiert und geschützt zu werden.

Im Wohlstand bequem geworden

Jetzt in der Not ersetzte die Kirche den Staat, die Klöster bewahrten die Reste des Bildungsgutes. Die Städte, in denen die Grundbesitzer wohnten, verarmten. Das kulturtragende Bürgertum verschwand; die Germanen interessierten sich mehr für Waffen als für Bücher. Die Verkehrswege waren nicht mehr sicher, der für den Wohlstand wichtige Fernhandel erlahmte. Naturalwirtschaft machte sich breit. Die Wasserleitungen zerfielen, die Bäder konnten nicht mehr beheizt werden, über den Rhein gab es nur noch Fähren.

Es ist eine alte Frage, weshalb die reiche, hochentwickelte römische Zivilisation dem Druck armer, barbarischer Nachbarn nicht standgehalten hat. Man liest von Dekadenz, von einer im Wohlstand bequem gewordenen Gesellschaft, die das süße Leben des Einzelnen erstrebte, aber den vitalen Germanenhorden nichts entgegenzusetzen hatte, als diese, von der Not getrieben, über die Grenzen strömten. Überschaubare Zahlen von Zuwanderern hätten sich integrieren lassen. Sobald diese eine kritische Menge überschritten und als eigenständige handlungsfähige Gruppen organisiert waren, verschob sich das Machtgefüge. Die alte Ordnung löste sich einfach auf.


Der Autor Alexander Demandt (78)

Der Althistoriker Alexander Demandt lehrte als Professor an der Freien Universität Berlin. Den obigen Text schrieb er im Auftrag des Magazins "Die politische Meinung" der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach der Sylvesternacht von Köln lehnte die Redaktion den Text aber ab. Wie es in der Begründung heißt, bestehe die Gefahr, "dass Textstellen missbräuchlich herangezogen werden könnten, um allzu einfache Parallelitäten zur aktuellen Lage zu konstruieren."

Sonntag, 31. Januar 2016

RWE als Kernkraftgegner? - Jein!

Die überbordende Diskussion um die Flüchtlinge lässt ein Thema etwas in den Hintergrund treten, das gleichwohl wichtig ist und deshalb auch seit Monaten von einer hochrangigen Parlamentarierkommission beraten wird: die Entsorgung der stillgelegten Kernkraftwerke. Im Kern soll diese Atomkommission Vorschläge dazu erarbeiten, ob der Rückbau der deutschen Atomkraftwerke sowie die Endlagerung der radioaktiven Abfälle durch die Betreiber oder durch eine staatliche Stiftung organisiert werden soll. An den Kosten wollen sich die Betreiber Eon, RWE und EnBW allerdings beteiligen. Die Kraftwerksbetreiber sind für das Stiftungsmodell und bringen dazu allerhand Gründe vor. Die originellsten kommen von der RWE, deren Vorstandvorsitzender Peter Terium nicht müde wird, in etwa folgendes zu behaupten:  Der deutsche Staat soll sich selbst um die Entsorgung kümmern, weil er in der Vergangenheit die RWE praktisch dazu gezwungen hat, in die Kernkraft einzusteigen.

Ich muss gestehen, dass mir dieses Argument bis dato fremd war.  Nach vertieften Einsteigen in die RWE-Historie bin ich jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass der RWE-Chef nicht ganz unrecht hat. Im Nachfolgenden deshalb ein Schnelldurchlauf durch die Geschichte dieses Konzerns seit 1955.

50er Jahre: Skeptisches Beobachten

Im Gefolge der Genfer Atomkonferenz Mitte der 50er Jahre, beschloss die deutsche Bundesregierung im Oktober 1957 ihr erstes Atomprogramm. Zum Ärger des Bonner Atomministers Siegfried Balke beteiligte sich RWE, der damals größte Stromkonzern, daran nur ganz marginal. Das Unternehmen orientierte sich in Richtung Braunkohle; die Risiken der weithin unbekannten Kernkraftwerke waren ihr zu unübersichtlich. Ein dedizierter Gegner war das Vorstandsmitglied Helmut Meysenburg, damals zuständig für den Vertrieb von Strom. Zusammen mit seinem Kostenberater Oskar Löbl kam Meysenburg zu der Überzeugung, dass die Kapitalkosten der damals propagierten Atomkraftwerke schlicht zu hoch waren.


Helmut Meysenburg, RWE-Vorstandsmitglied 1957 - 1974

Aber RWE beobachtete die nukleare Szene ganz genau. Eine kerntechnische Abteilung wurde eingerichtet und der aus Prag kommende Dr. Heinrich Mandel mit der Leitung beauftragt. Und der ehemalige Technik-Vorstand bei RWE, Heinrich Schöller, ging nach seiner Pensionierung zum Kernforschungszentrum Karlsruhe, wo er als Geschäftsführer den Bau des Kernkraftwerks MZFR intensiv verfolgen konnte. Im Jahr 1958 wagte sich RWE sogar an die Bestellung eines kleinen 15 Siedewasserkernkraftwerks bei AEG und General Electric. Schöllers Kommentar: "Wenn der deutsche Staat durch übereilten Bau von Kernkraftwerken schon Dummheiten macht, dann machen wir diese Dummheiten lieber selber, um sie unter Kontrolle zu halten".

60er Jahre:  Deutliches Bremsen

VAK wurde ein Erfolg. Das kleine Kernkraftwerk nahm 1961 den Betrieb auf und lief relativ störungsfrei bis zu seiner Stilllegung im November 1985. Dr. Mandel, inzwischen auf dem Weg zum Honorarprofessor, wurde vom Aufsichtsratsvorsitzenden der RWE, Bankier Hermann Joseph Abs, zum stellvertretenden Vorstandsmitglied ernannt. Die Bonner Ministerialbürokratie drängte RWE nun auch den nächsten Schritt zu gehen und das 250 MW Atomkraftwerk Gundremmingen A endlich (zusammen mit dem Bayernwerk) in Angriff zu nehmen. Aber Meysenburg und seine Braunkohlefraktion ließ sich nicht überrumpeln. Erst als der Bund schriftlich erklärte, alle, über ein normales fossiles Kraftwerk hinausgehende Mehrkosten und Risiken zu übernehmen, stimmte RWE dem Bau zu. In Bonn schäumte man, kostete dieser Deal der Regierung doch mehr als 200 Millionen DM.

Danach überließ RWE volle sieben Jahre lang (bis 1969) das kerntechnische Feld der Konkurrenz. Die Kernkraftwerke Lingen (225 MW-1964), Obrigheim (328 MW-1964), Stade (630 MW-1967) und Würgassen (640 MW-1967) gingen in Bau, ohne dass RWE ein eigenes Projekt auf Kiel legte.  Gerhard Stoltenberg, inzwischen Atomminister, wurde ungeduldig und sandte im November 1966 einen Brief an RWE, worin er den Vorstand des Konzerns aufforderte, einen "Katalog mit Bedingungen" für Kernkraftaufträge zusammen zu stellen. Das Essener Antwortschreiben kam am 22. Dezember, rechtzeitig zum Weihnachtsfest, im Bonner Ministerium an. Es las sich wie ein Kompendium damaliger Anti-Kernkraftargumente. Zwar sei man an der Forschung zur Kernkraft "äußerst interessiert", aber die Braunkohle habe "eindeutig den Vorrang". Im übrigen leide man schon jetzt an "erheblichen Überkapazitäten". Minister Stoltenberg war stocksauer.

70er Jahre und folgende:  Akzeptanz der Kernkraftwerke bei RWE

Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt des Heinrich Mandel. Volle sieben Jahre hatte der Intimfeind Meysenburg seinen Aufstieg zum ordentlichen Vorstandsmitglied blockiert; 1968 musste dieser einknicken und Mandel hatte nun endlich die Gestaltungsfreiheit im kerntechnischen Bereich bei RWE. Für bloße 2 Milliarden DM insgesamt beschaffte er bei Siemens/KWU die Kernkraftwerke Biblis A und B, welche beide - erstmals - der 1300 MW-Klasse angehörten und sich viele Jahre lang als wahre "Gelddruckmaschinen" erweisen sollten. Die Ölkrise 1973 (und später 1979/80) kam den Intentionen von Mandel sicherlich entgegen. Es war tragisch für die Weiterentwicklung der Kernenergie bei RWE, dass Professor Heinrich Mandel im Januar 1979, im Gefolge einer Bagatelloperation, mit 59 Jahren sterben musste.

In den 80er Jahren riss die Erfolgssträhne bei RWE ab. Das 1300 MW Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich (bestellt bei Babcock/ABB) wurde zwar 1986 in Betrieb genommen, musste aber schon zwei Jahre danach wegen eines fehlerhaften Genehmigungsbescheids dauerhaft abgeschaltet werden. Klugerweise hatten die Kaufleute bei RWE zur Finanzierung dieses Projekts eine Leasinggesellschaft mit einigen Großbanken gegründet, sodass der Konzern nur einen Teil des Kostenrisikos zu tragen hatte. Von Erfolg gekrönt war der Bau des 1400 MW Kernkraftwerk Emsland durch KWU, bei dem E.ON mit 12,5 Prozent beteiligt ist und das im Jahr 2022 aufgrund der Energiewende-Beschlüsse abgeschaltet werden muss.

In den 90er Jahren wurde RWE von dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem grünen Umweltminister Jürgen Trittin veranlasst, aufgrund einer "halbfreiwilligen" Vereinbarung aus der Kernenergie (in den 2030er Jahren) auszusteigen. Die nachfolgende - sogenannte - konservative Kanzlerin Angela Merkel verschärfte diese Auflage im Jahr 2011 noch einmal sehr drastisch, indem sie RWE zwang  (im Nachgang zu Fukushima) die KKW Biblis A und B sofort stillzulegen.

Fazit

Ein beinharter Gegner der Kernkraft war RWE mitnichten. Lediglich in den 60er Jahren betrieb der Konzern einen gewissen Attentismus gegenüber dieser Energieform. Der vorrangige Grund waren die hohen Investitionen, welche RWE tätigen musste, um die Braunkohle-Tagebaue zu öffnen und wirtschaftlich ausbeuten zu können. Beim Kernkraftwerk Gundremmingen A, das in jener Dekade errichtet wurde, hat sich RWE hinsichtlich aller Nuklearrisiken gegenüber der damaligen Bonner Regierung maximal abgesichert.

Ob dies die gegenwärtige Berliner Bundesregierung veranlassen könnte, RWE aus der Entsorgungspflicht zu entlassen, bleibt abzuwarten.

Sonntag, 24. Januar 2016

Hoppla! Wie sicher ist mein Geld auf der Bank?

Dieser Tage bekam ich von meiner Bank, der "Badischen Beamtenbank Karlsruhe", einen dreiseitigen DIN A4 "Informationsbogen Einlagesicherung". Darauf stand vermerkt, dass sich der Einlegerschutz für meine Bankeinlagen - also für Guthaben in Festgeld und Giro - verändert habe, und zwar wegen der "Harmonisierung in Europa". Im übrigen bräuchte ich mir aber um meine Bankguthaben keine Sorgen zu machen.

Die Bankmitteilung war so verschroben formuliert, dass auch meine noch vorhandenen Betriebswirtschaftskenntnisse nicht ausreichten, um sie wirklich zu verstehen und zu werten. Deshalb habe ich angefangen zu recherchieren und bin schließlich zu nachfolgenden Blog gelangt.

Status quo und Pläne der EU

Im Grunde bräuchte man in Deutschland überhaupt nichts zu veranlassen. Bereits nach den bestehenden Richtlinien sind die Geldeinlagen von bis zu 100.000 Euro überall gesetzlich geschützt. Das gilt für die privaten Banken, die Sparkassen und die Genossenschaftsbanken, wozu auch die o. g. Badische Beamtenbank gehört. Auf den Konten dieser Institute liegen mit 3,4 Billionen Euro bei weitem die meisten Einlagen in Europa. Das Risiko eines Bankencrash wird über einen "Einlagensicherungsfonds" abgedeckt. Anders als in Deutschland existieren in etlichen europäischen Ländern diese Fonds aber gar nicht, oder sind nicht ausreichend gefüllt.

Die EU-Kommission in Brüssel beabsichtigt von 2017 an einen gemeinsamen Einlagensicherungsfonds für ganz Europa einzurichten. Er soll bis 2024 die nationalen Sicherungssysteme ersetzen und - ganz wichtig! - bis dahin voll gefüllt sein. Im Kontext der geplanten "Bankenunion" stellt man sich folgende Haftungskaskade vor: Bricht in Zukunft eine europäische Bank zusammen, so sollen deren Verluste zuerst aus dem Eigenkapital, den Anleihen und den Einlagen über 100.000 Euro abgedeckt werden. Danach tritt ein "Insolvenzfonds" in Kraft, der mit 55 Milliarden Euro bestückt sein soll. Und zum Schluss, erst dann, soll der europäische Einlagenfonds greifen. Das klingt ganz beruhigend, ist es aber nicht. Man erinnere sich nur, dass am 15. September 2008, als die amerikanische Investmentbank Lehmann Brothers bankrott ging, weltweit Vermögensverluste in der Höhe von 15.000 Milliarden Dollar entstanden.

Die Pleitebanken der Südländer

Das Problem bei der Europäisierung der Einlagensicherung sind die Südländer. Deren Banken, vor allem in Griechenland und Italien, sind allesamt sehr wackelig. Besonders schlimm ist es in Griechenland. Die Kunden der dortigen Banken ziehen jede Woche den Maximalbetrag von 4 - 500 Euro aus den Geldautomaten und gehen damit nach Hause. Dort werden die Euros aber nicht in einen Tresor versteckt, was viel zu riskant wäre. Nein, Usus ist es bei den Griechen, die Geldscheine -eingewickelt in Ölpapier- an einer diskreten Stelle im heimischen Garten zu vergraben. Da die Banken ohnehin kaum Guthabenszinsen gewähren, entsteht dadurch kein nennenswerter Verlust. Kein Wunder, dass die griechischen Banken bei diesem Geschäftsgebaren ihrer Einleger weder Eigenkapital bilden noch Gewinne erzielen können.

In Italien befinden sich seit Anfang des Jahres die Monte die Paschi di Siena, die älteste Bank der Welt und die Carige Bank in einer prekären Finanzlage. Die Aktienkurse der beiden Kreditinstitute sanken bis zu 30 Prozent ihres Marktwertes. Darüber hinaus versucht die italienische  Regierung seit Dezember vier weitere Banken vor dem Konkurs zu retten. Dafür fordert der Premierminister Matteo Renzi händeringend Stützungsgelder aus Brüssel ein. Dort zeigt man sich jedoch hartleibig, da Italien bereits mit 132 Prozent seines Bruttosozialprodukts verschuldet ist. Tendenz steigend. Es leuchtet ein, dass in einer derartigen finanziellen Schieflage die oben beschriebene Haftungskaskade sofort auf Stufe 3 durchrauschen würde. Mit der Folge, dass die einzigen solventen Institute, nämlich die deutschen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, massiv in Anspruch genommen würden.

Angela Merkel als Retterin

Bei den Sitzungen des Europäischen Rats in Brüssel steht das Thema "Harmonisierung der Einlagesicherung" immer ganz oben auf der Tagesordnung. Bisher hat die deutsche Bundeskanzlerin dieses Ansinnen der klammen Europäer stets strikt abgelehnt. Aber das wird ihr nicht mehr lange gelingen. Denn die cleveren Chefs der Südländer wollen diese Frage in Zukunft nicht mehr als Einzelproblem behandeln, sondern in ein Problempaket verschnüren. Dafür bietet sich das hochaktuelle Flüchtlingsproblem an. So hat der italienische Premier Renzi bereits angekündigt, dass er seinen Beitrag von 300 Millionen Euro zur 3-Milliarden-Türkeihilfe nur auszahlen werde, wenn gleichzeitig über den europäischen Einlagensicherungsfonds entschieden würde. In seinem Sinne, selbstredend. Ähnliches führt der Grieche Tsypras mit seinen "Hot Spots" im Schilde.

Die deutschen Bankkunden werden zwischenzeitlich durch unverständlich formulierte "Informationsbögen" ruhig gestellt. Wenn in einigen Jahren der Einlagefonds europäisiert sein wird und sich daraus - wegen der maroden Südbanken - weit höhere Risiken ergeben, werden die erfahrenen Bankmanager an verborgenen Stellen Zinsen und Gebühren entsprechend erhöhen.

Bis dahin sei dem braven deutschen Bankkunden geraten, nicht allzu sehr auf das 100.000-Euro-Limit zu vertrauen, sondern seine ersparten Groschen auf mehrere Geldinstitute zu verteilen. Oder sie im Garten zu verbuddeln.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Hommage an Motörhead und Frontmann Lemmy

Die Welt der Musikfreunde musste über den Jahreswechsel den Tod von zwei außergewöhnlichen Künstlern beklagen: David Bowie starb 69-jährig, und nur ein Jahr älter wurde "Lemmy" Kilmister, der Gründer, Frontmann und Leadsänger der Musikgruppe Motörhead. Während Bowie keinen persönlichen Musikstil pflegte, sondern als Genie und "musikalisches Chamäleon" galt, ist Lemmy mit seiner Band wohl eher dem harten Rock zuzuordnen. Er wurde 1945 in England geboren und starb am 26. Dezember 2015, als 70-Jähriger, in Los Angeles, wo er auch beerdigt ist. (Bowie´s Urnenplatz wird, seinem Wunsch gemäß, geheim gehalten.)

Lemmy hatte keine Musikausbildung genossen, sondern hielt sich in den siebziger Jahren in London mit allerlei Gelegenheitsjobs über Wasser, unter anderem als "Roadie" bei Jimi Hendrix. Nachdem er als Bassist bei der Gruppe Hawkwind scheiterte, gründete er seine eigene Band und gab ihr den Namen Motörhead. Bald kannte man ihn als den Mann in Schwarz mit den hohen Cowboystiefeln, dem Eisernen Kreuz oder Indianerkunstwerk um den Hals und dem unverwechselbaren Westernbackenschnauzer. Seine Konzerte begann er immer mit der Ansage: "We are Motörhead, we Play Rock ´n´Roll".



Foto von Lemmy

Als Bassist pflegte Lemmy einen ungewöhnlichen Stil. Er spielte zwar Bassgitarre, behielt aber die Technik der Rhythmusgitarren bei. Seinen typischen Bassklang erreichte er, indem er auf seiner Gitarre sämtliche Regler auf die höchste Stufe stellte. Die Musik seines Trios vereinte die Einflüsse von Punk, Hard Rock, Rock ´n´Roll sowie Blues Rock. Vor allem galt er als Vorläufer und Begründer der Heavy Metal Musik. Wie zum Beweis haben hunderttausende von Menschen eine Internet-Petition eingereicht, wonach ein kürzlich entdecktes superschweres Metallatom im Transuranbereich nach ihm als "Lemmium" benannt werden soll. Mal sehen, ob die weltweiten Chemieinstitutionen da mit spielen; es wäre ein einmaliger Vorgang im wissenschaftlichen Bereich.

Die Musik der Motörhead gilt für viele als eine Fortschreibung der Musik von Richard Wagner. Im ersten Akt seiner Nibelungenoper "Siegfried" sind die gleichen harten Schlagrhythmen erkennbar, wie beispielsweise in den Ace of Spades, ein Album, das 1980 kreiert wurde und- z. B. für AC/DC -  wegweisend für den Heavy Metal Sound geworden ist. Das anliegende Youtube Video soll dies veranschaulichen. Weitere Alben von der Gruppe Motörhead wird es nicht mehr geben. Schon einen Tag nach dem Tod von Lemmy Kilmister erklärte Mikkey Dee das Ende dieser Band.

Sonntag, 17. Januar 2016

20 Jahre in die Zukunft

Der Jahreswechsel ist für viele Medien ein willkommener Anlass, auf das abgelaufene Jahr zurück zu blicken - oder über die zukünftigen Jahre zu spekulieren. Letzteres hat die Wochenzeitung "DIE ZEIT" in ihrer Sylvesterausgabe getan. Acht bekannte Schriftsteller und Regisseure - also von Berufs wegen "Visionäre" - sollten sich zum Thema "Deutschland 2036" auslassen und ihren Blick in die Zukunft schweifen lassen. Nun, die Redaktion mag vom Ergebnis etwas enttäuscht gewesen sein. Schwadroniert haben die Promis zumeist über die allgegenwärtigen Großthemen Flüchtlinge, Klimawandel und Energiewende; die Zukunft 2036 erreichten sie quasi über ein angelegtes Lineal. Ergebnis: die Zukunft wird sein wie die jetzige Gegenwart - nur etwas schlechter.

Diese Methode funktioniert in aller Regel nicht. Versetzen wir uns 20 Jahre zurück - in das Jahr 1996 - und prognoszieren wir die Ereignisse (zukünftig in Fett- und Schrägdruck) der nächsten zwei Dekaden, so hätten wohl die wenigsten von uns das Internet vorhergesagt und noch weniger das Smartphone und die Finanzkrise im Jahr 2007. Dabei war dieser Zeitbereich keineswegs der bislang ereignisreichste. Ich möchte für diesen Blog die zwanzig Jahre zwischen 1905 und 1925 des vorigen Jahrhunderts auswählen, deren vergangene Ereignisse uns aus der Geschichte ja bestens bekannt sind. Also, liebe Blogleser, stellen Sie sich vor, Sie wären zu Anfang des Jahres 1905 von einer Zeitung gebeten worden, über die anstehende Zukunft bis zum Jahr 1925 zu spekulieren. Ich möchte wetten, mit Verlaub, dass Ihnen nicht die Vielzahl der bevorstehenden Ereignisse (und die dazu gehörigen Namen - in Schrägschrift) in den Sinn gekommen wären. Wir Menschen sind eben keine Propheten! Und dabei erleichtere ich diese Aufgabe noch, indem ich nur vier kumulierte Ereignisbereiche - nämlich Naturwissenschaften, bildende Kunst, Politik und Lebensgefühl - stärker ins Visier nehme.

Beginnen wir also unser Gedankenexperiment mit dem Jahr 1905. Für den normalen Beobachter der damaligen Zeit war es kein besonders herausstechendes Jahr: der deutsche Kaiser machte (wie alljährlich) seinen Flottenbesuch, diesmal beim Sultan von Marokko; die bayerische Abgeordnetenkammer debattierte (erfolglos) über die Einführung des Neun-Stunden-Arbeitstags und der Schriftsteller Ludwig Thoma veröffentlichte seine "Lausbubengeschichten". Und im brandenburgischen Ort Klein Luckow wurde einer Steuermannsfamilie ein Knäblein geboren, dem man den Namen Max gab und der später, unter seinem Vollnamen Max Schmeling, die deutschen Boxfans fast hundert Jahre lang bis zu seinem Tod im Februar 2005 entzückte.

Große Entdeckungen in den Naturwissenschaften

Der genannte Zeitbereich von 1905 bis 1925 war gekennzeichnet durch große Entdeckungen, vor allem in den Fächern Physik und Chemie. Der Kürze wegen seien nur die Fortschritte auf dem Gebiet der theoretischen Kernphysik  betrachtet. Ein Name dominiert alle übrigen: Albert Einstein. Der gebürtige Württemberger und technischer Experte der 3. Klasse beim Schweizer Patentamt in Bern veröffentlichte 1905 (als 26-jähriger!) seine Spezielle Relativitätstheorie. Noch heute leben die beim Publikum ausserordentlich beliebten "Star Wars"-Filme von seinen Erkenntnissen, wonach - für einen ruhenden Betrachter auf der Erde - die Zeit in einem schnell bewegten Körper (z. B. einer Rakete) langsamer abläuft und die Entfernungen (zu einem fernen Stern) kürzer werden. Darüberhinaus publizierte er erstmals die berühmte Formel E=mc^2 gemäß welcher die Masse m und Energie E äquivalent sind über die konstante Lichtgeschwindigkeit c. Zehn Jahre später, im November 1015, veröffentlichte Einstein die sogenannte Allgemeine Relativitätstheorie, welche zum Verständnis des Universums unerlässlich ist. Sie beschreibt die Wechselwirkung zwischen Materie sowie Raum und Zeit; die Schwerkraft (Gravitation) wird als geometrische Eigenschaft der gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit definiert.

Nicht nur bei der Beschreibung des riesigen Weltraums, sondern auch bei der Deutung des subatomaren Bereichs war Einstein erfolgreich. Für die Entdeckung Photoeffekts bekam er 1922 sogar den Nobelpreis der Physik, wobei er erstmals den Begriff des Lichtquants einführte. Daraus entwickelte sich (bis 1925) die Quantenmechanik. Die herausragenden Forscher auf diesem Gebiet waren Max Planck, Nils Bohr, Max Born und Werner Heisenberg. Letzterer formulierte unter anderem die nach ihm benannte Unschärferelation, wonach bestimmte Messgrößen eines Teilchens (etwa sein Ort oder seine Geschwindigkeit) nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar sind.

Die mathematische Zusammenführung der beiden Relativitätstheorien mit der Quantenphysik ist der "Heilige Gral" der Physik. Trotz gigantischer Anstrengungen ist es bis heute nicht gelungen, die berühmte "Weltformel" zu finden, welche sowohl den Makrokosmos als auch den Mikrokosmos beschreibt. Mit der Stringtheorie schien man auf dem richtigen Weg zu sein, aber inzwischen - wegen  der Vermutung der Dunkelmaterie und der Dunkelenergie - ist die Astrophysik noch komplexer und undurchschaubarer geworden. Es scheint, als müsse die Welt auf einen zweiten Einstein warten.

Malerei:  Explosion der Stilrichtungen

Große Umwälzungen gab es zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Malerei. Ausgehend vom Impressionismus löste sich die Farbe vom Gegenstand, wurde flächiger und drückte nun auch Empfindungen aus: der Expressionismus (in Frankreich: Fauvismus mit Henri Matisse) war geboren. Beispielhaft dafür sind die sogenannten "Brücke"-Maler, wie Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel in Dresden, sowie die Maler des "Blauen Reiters" Franz Marc und Wassily Kandinsky in München. Kandinsky löste allmählich den Gegenstand ganz auf und konzentrierte sich nur noch auf die Wechselwirkung von Form und Farbe, womit er zum Wegbereiter der abstrakten Kunst wurde.


Bild 1 (Kandinsky, Komposition IV, 1911)

Eine andere Richtung beschritten in Frankreich die Maler des Kubismus, wobei insbesondere Pablo Picasso und George Braque zu nennen sind. Die Farbe war ihnen weniger wichtig; stattdessen versuchten sie den Gegenstand (gleichzeitig) aus verschiedenen Sichtrichtungen zu malen und zu charakterisieren. Ein Krug wurde beispielsweise - auf dem gleichen Bild - von oben, von unten und im Profil dargestellt. Als Schlüsselbild hierfür gilt Picassos berühmtes Bild "Les Demoiselles d´Avignon" vom Jahr 1907 - wobei nicht bekannt ist, ob die darauf portraitierten Damen (allesamt Prostituierte aus der südfranzösischen Stadt Avignon) Picassos Darstellung wirklich goutiert haben.



Bild 2  (Pablo Picasso, Les Demoiselles d´Avignon, 1907)

Noch einen Schritt weiter gingen die Vertreter des Dadaismus, zum Beispiel Marcel Duchamp, der praktischerweise auf die Malerei ganz verzichtete und den Gegenstand selbst zur Kunst erklärte. Man denke an den käuflichen "Flaschentrockner" oder das "Urinal", welche als sogenannte "ready mades" 1914 in Ausstellungen präsentiert wurden. Anfang der zwanziger Jahre entstand daraus der Surrealismus, der sehr stark von Sigmund Freud und seinen Traumdeutungen beeinflusst war. Prominente Künstler dieser Richtung waren Max Ernst, René Magritte und Salvadore Dali.



Bild 3 (Marcel Duchamp, Urinal, 1914)

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des frühen 20. Jahrhunderts. Wie die "Schlafwandler" (Christopher Clark) - und keineswegs legitimiert durch das Attentat von Sarajewo - stürzten sich die europäischen Großmächte in dieses Massaker. Zum Schluss waren 40 Staaten am Weltkrieg beteiligt und 70 Millionen Soldaten standen unter Waffen. Typisch für das Kampfgeschehen waren die Stellungs- und Grabengefechte sowie die Materialschlachten bei nur geringfügigen Geländegewinnen. Dies betraf vor allem die Schlacht von Verdun, wo insgesamt 700.000 Soldaten ihr Leben ließen. Die Wende brachte der Einsatz der Tanks und der Bombenflugzeuge, aber insbesondere 1917 der Kriegseintritt der USA. Eklatante Versorgungsmängel führten zu Hungersnöten an der Heimatfront und letztlich zur Kapitulation Deutschlands im November 1918. Der Erste Weltkrieg forderte zehn Millionen Todesopfer, etwa 20 Millionen Verwundete und weitere 7 Millionen zivile Opfer. Im Zuge einer anschließenden weltweiten Epidemie ("Spanische Grippe") starben weitere 25 Millionen Menschen.

Der verlorene Weltkrieg war begleitet von enormen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen. Die Monarchie wurde abgeschafft und der glücklose Kaiser Wilhelm II  ins Exil nach den Niederlanden abgeschoben. Gleichzeitig kam es zur Abschaffung des Adels, was etwa 1 Prozent der Bevölkerung betraf, also ca. 60.000 Personen. Nach einigen regionalen, politischen Turbulenzen (Räte-Republiken) wurde verfassungsrechtlich die Weimarer Republik eingeführt. Frankreich bestand auf hohen Reparationszahlungen (Versailler Vertrag), die letztlich den Grundstein zum nächsten Weltkrieg legten. Die Hyperinflation 1923 war eine Spätfolge des Ersten Weltkriegs, eine Blase, die fünf Jahre nach der Kapitulation platzte.  Das Geld wurde in Schubkarren transportiert, die Bündel als Heizmaterial zweckentfremdet. Größter Profiteur war der deutsche Staat. Seine gesamten Kriegsschulden in Höhe von 154 Milliarden Mark beliefen sich am 15. November 1923, als die Rentenmark eingeführt wurde, auf gerade mal 15,4 Pfennige.

In Russland kam es 1917 zur Oktoberrevolution. Der Kommunist Lenin wurde - mit deutscher Unterstützung - Führer der Fraktion der Bolschewiki. Zar Nikolaus II hatte schon vorher abgedankt. Durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde die deutsche Ostfront entlastet.--- In München versuchte Adolf Hitler, selbsternannter Führer der NSDAP, im November 1923 einen Putsch, wurde aber vor der Feldherrnhalle gewaltsam in Schach gehalten und in der Festung Landsberg in Haft genommen. Dort schrieb er sein Buch Mein Kampf. Darin kündigte er den späteren Anschluss Österreichs an das "Reich" an, forderte mehr "Lebensraum" für das deutsche Volk und verurteilte die "jüdische Weltherrschaft". Nur wenige glaubten damals, dass Hitler diese Vorstellungen verwirklichen würde.

 Neues Lebensgefühl

Mit der Einführung der stabilen Rentenmark ab 1923 begannen in Deutschland die Goldenen Zwanziger Jahre. Die Wirtschaft fing an zu blühen und die Menschen fassten wieder Lebensmut. Das war überraschend, denn eigentlich hätte, aufgrund des verlorenen Geldvermögens, die Bevölkerung auch in Depression verfallen können. Besonders in der Hauptstadt Berlin manifestierte sich das neue positive Lebensgefühl. Unter den Linden und über den Ku-Damm spazierten die Damen mit Bubikopf, Perlenkette und Boa sowie endlos langer Zigarettenspitze. Die Herren trugen Tagesanzüge á la Stresemann, ihre Haare waren streng und nach hinten gekämmt, zuweilen mit Seitenscheitel. Kinobesuche waren sehr beliebt, ebenso wie die AVUS-Autorennen. Abends ging man zum Sechstagerennen oder zu Tanzveranstaltungen, bei denen der verruchte Charleston geübt wurde. Ehemalige Offiziere, nun arbeitslos, verdingten sich als Eintänzer ("Schöner Gigolo, armer Gigolo...")

Eine bedeutsame Kunstrichtung der Goldenen Zwanziger bezeichnete man als Neue Sachlichkeit.  Vorrangige Themen waren das Leben in der Großstadt, die Kluft zwischen Arm und Reich und die  selbstbewusste Frau. Das Großstadt-Triptychon von Otto Dix stellte unter anderem Prostituierte dar, in teils freimütiger Pose. Ein solches Motiv - in realistischer Darstellung -  wäre wenige Jahre vorher noch undenkbar gewesen. Weitere berühmte Künstler waren Max Beckmann, George Grosz, Paul Klee u.a.---Das Staatliche Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründet. Es wollte Kunst und Handwerk zusammenführen und war jahrelang die einflussreichste Bildungsstätte im Bereich der Architektur und des Design. Einer der lehrenden Künstler am Bauhaus war Oskar Schlemmer, der Schöpfer des Triadischen Balletts. Einige seiner farbigen Kostüme aus dem Jahr 1923 sind heute noch als Figurinen in der Staatsgalerie Stuttgart zu besichtigen.---Die Neuerungen machten selbst vor der Musik nicht halt. Arnold Schönberg führte 1923 die Zwölftonmusik ein und revolutionierte damit die herkömmliche Harmonielehre. Alle Töne waren plötzlich gleichberechtigt; es gab keine Tonarten mehr. Zwölftonmusik klingt auch für heutige Ohren noch ziemlich "schräg".

Fazit

Das waren, im Schnelldurchlauf, nur einige bedeutsame Ereignisse und Namen der beiden Dekaden von 1905 bis 1925. Ich glaube, dass niemand diese Fülle zu Beginn vorher gesehen hätte, ganz sicherlich nicht den grausamen Einschnitt des Ersten Weltkriegs.

Es spricht wenig dafür, dass die Zeitspanne von 2016 bis 2036 weniger ereignisreich verlaufen wird, wobei uns hoffentlich ein Dritter Weltkrieg erspart bleiben möge. So gesehen sollte man den eingangs erwähnten acht Schriftstellern und Regisseuren der ZEIT-Umfrage wegen ihrer einsilbigen Statements nicht gram sein.

Ihr Auftrag war eine mission impossible.

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