Sonntag, 17. Mai 2009

Turmbau zu Babel

Es sollte eine Riesenparty werden, aber sie geriet zur Riesenpleite.

In diesen Tagen, im Wonnemonat Mai 2009, wollte das Herstellerkonsortium Areva/Siemens das grösste und modernste Leichtwasserkernkraftwerk der Welt - Olkiluoto 3 - an ihren finnischen Kunden TVO ("Teollisuuden Voima Oy") zum Betrieb übergeben. Aber daraus wird nichts. Der hochgepriesene Druckwasserreaktor, genannt EPR, ist weit davon entfernt fertiggestellt zu sein. Im Augenblick vermag niemand zu sagen, wann das der Fall sein wird. Sicher ist nur, dass der ursprüngliche Vertragspreis von 3,2 Milliarden Euro weit überschritten werden wird. Zur Zeit bestimmen die Juristen das Projektgeschehen, denn Lieferant und Kunde des EPR wollen beim Schiedsgericht in Stockholm die Klingen kreuzen.

Der EPR ("European Pressurized Reactor") wurde während der letzten Jahrzehnte von Siemens und der französischen Reaktorfirma Areva entwickelt, unter Mitwirkung der nationalen Forschungszentren, zum Beispiel des Karlsruher FZK. Gegenüber den existierenden Leichtwasserreaktoren zeichnet er sich im wesentlichen durch ein verbessertes Sicherheitskonzept aus. So soll ein keramisches Auffangbecken ("core-catcher") die Kernschmelze bei einem grossen Unfall auffangen und mit Wasser kühlen. Verschiedenartige Sicherheitssysteme und eine neuartige Leittechnik ("Teleperm") sind vorgesehen. Schliesslich soll ein doppelwandiges Containment mit einer Gesamtdicke von 2,6 Metern sowie ein verbessertes Gebäudekonzept gegen Flugzeugabsturz und Erdbeben schützen. Das Kernkraftwerk ist symmetrisch aus vier Kreisen aufgebaut und besitzt eine Leistung von 1.600 Megawatt.

Mit dem Bau des Kernkraftwerks Olkiluoto 3 (kurz genannt "OL 3") wurde im August 2005 auf der Insel Olkiluoto im Südwesten Finnlands begonnen. Bereits im ersten Jahr kam es zu erheblichen Problemen, weil - gemäss Pressemeldungen - beim Giessen der sicherheitstechnisch wichtigen Fundamente ein Beton mit zu geringer Festigkeit verwendet wurde. Allein aus diesen notwendig gewordenen Nachbesserungsarbeiten entstanden erhebliche Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Derzeit sind erst zwei Drittel der Bauarbeiten vollendet; die Installation der maschinenbaulichen Komponenten hat gerade mal erst begonnen.

Hinderlich bei der technischen Kommunikation ist sicherlich die Tatsache, dass auf der Baustelle Arbeiter aus 30 (!) verschiedenen Ländern beschäftigt sind - die alle ihre eigene Sprache sprechen. Sie werden jeweils einem Vorarbeiter zugeordnet, der ihre Muttersprache beherrschen soll sowie die Projektsprache Englisch. Aber immer wieder gibt es Fälle, in denen dies nicht möglich ist und dann müssen umständlich Dolmetscher gefunden und eingeschaltet werden. Erinnerungen an den alttestamentarischen Turmbau zu Babel kommen da ins Gedächtnis.

Zu einem grossen Problem hat sich die sogenannte Dokumentation ausgewachsen. Nach den Vereinbarungen zwischen Areva/Siemens und TVO müssen alle Projektunterlagen, z.B. die Bauteilspezifikationen, zuerst vom Kunden und der finnischen Aufsichtsbehörde STUK per Unterschrift freigegeben werden, bevor das Herstellerkonsortium mit Fertigung und Montage der entsprechenden Komponente beginnen darf. Das Konsortium hat dafür 2 Monate veranschlagt, in Wirklichkeit dauert es bei TVO aber 12 Monate und länger. Daraus ist ein Riesenstreit entstanden, wobei die Finnen entgegenhalten, dass die vorgelegten Dokumente zumeist lückenhaft und deshalb nicht prüfbar seien. Als Konsequenz daraus muss auf der Baustelle praktisch täglich die terminliche Ablaufplanung des Projekts geändert werden, weil man gezwungen ist, "um die fehlenden Unterlagen herum zu planen". Da OL 3 etwa hunderttausend Projektdokumente umfasst, kann man sich eine Vorstellung von der Grösse des Problems machen.

Zu Ende des Jahres 2008 riss Siemens/Areva der Geduldsfaden und sie verklagten ihren Kunden TVO beim Schiedsgericht im schwedischen Stockholm auf Zahlung von 1 Milliarde Euro wegen "delay and disruption". TVO konterte und erhob Widerklage auf 2,4 Milliarden Euro wegen entgangener Betriebsgewinne und "gross negligence". Die Verhandlungen in Stockholm werden die Juristen über mehrere Jahre hinweg beschäftigen. Zuerst müssen kompetente Gutachter und Sachverständige gefunden werden und ob dann am Ende mehr als ein Kompromiss heraus kommt, ist fraglich.

Die geschilderten Ärgernisse haben auch die "Ehe" zwischen Areva und Siemens zerstört. Wie bereits in einem früheren Blog geschildert, ist Siemens "sauer" auf Areva und wird sich künftig einem anderen Partner (vielleicht in Russland) zuwenden. Aber auch Areva selbst befindet sich in beträchtlicher Destruktion, weil der finanzielle cash-flow kaum ausreicht, um die vorgesehenen Investitionen zu tätigen. Die Vorstandsvorsitzende Anne Lauvergeon gilt als "angeschlagen" und es wäre nicht verwunderlich, wenn Präsident Nicolas Sarkozy sie demnächst abberufen liesse. (Der französische Staat hält 93 Prozent der Areva-Anteile.) Der Aufsichtsratsvorsitzende der Areva, Frederic Lemoine, hat bereits von sich aus das Handtuch geworfen und ist zur Finanzfirma Wendel, einer "Heuschrecke", gewechselt. Auf der Baustelle selbst hat man den Projektleiter Philippe Knoche abberufen und durch Jean-Pierre Mouroux ersetzt. Er ist damit der dritte Standortchef innerhalb von vier Jahren!

Kein Wunder, dass in dieser heiklen und verfahrenen Situation die Projektoffiziellen sich mit Äusserungen zur Inbetriebnahme und den Gesamtkosten zurück halten. Aber soviel kann man aus inoffiziellen Quellen heraushören: der Reaktor wird nicht vor dem Jahr 2013 in Betrieb gehen und wahrscheinlich mehr als 6 Milliarden Euro kosten. Bitteres Lehrgeld für Hersteller und Betreiber!

Interessant ist die ursprüngliche Finanzierung des Projekts OL 3. Der Besteller TVO brachte lediglich 25 Prozent an Eigenmitteln auf. Der Rest wurde über einen Exportkredit der französischen Regierung finanziert, sowie durch ein Darlehen der Bayerischen Landesbank in der Höhe von 1,95 Milliarden Euro. Zu einem Zinssatz von 2,6 Prozent!

Darüber würde sich jeder deutsche Häuslebauer freuen.

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