Sonntag, 6. September 2009

Mit Recht. Karlsruhe?

Wer weiss wohl auf Anhieb, was die beiden Städte Karlsruhe und Pécs miteinander verbindet? Nun, beide haben sich um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2010" beworben - Karlsruhe, wie bekannt, ohne Erfolg; Pécs, wie weniger bekannt, durchaus erfolgreich.

Pécs gilt als eine der schönsten Städte Ungarns und ist, von der Einwohnerzahl her gesehen, etwa halb so gross wie Karlsruhe. Sie liegt im Süden des Landes, an der Grenze zu Kroatien und ist für ihre mediterrane Atmosphäre geschätzt. Als Bischofssitz darf sich Pécs einer Reihe schöner Kirchen rühmen, weswegen die Stadt früher, zur Zeit der Habsburger, den deutschen Namen "Fünfkirchen" führte. Daneben besitzt sie eine bedeutende Universität, an der das Fach Medizin - Studenten aufgepasst! - sogar in Deutsch gelehrt wird. Pécs wird sich also nächstes Jahr als Europäische Kulturhauptstadt darstellen, zusammen mit Essen samt Ruhrgebiet und der Metropole Istanbul als Vertreterin eines Nicht-EU-Landes.

Weshalb Karlsruhe bei diesem Wettbewerb ausgeschieden ist, blieb weitgehend im Dunkeln. Die Stadtoberen hatten nach einem Alleinstellungsmerkmal gesucht und waren dabei auf den Begriff "Recht" gestossen. Die ansässigen Hohen Gerichte sowie ein Privilegienbrief des Stadtgründers sollten diese Marketingidee unterstützen. Der Kulturbürgermeister Ullrich Eidenmüller erfand noch die durchaus originelle Internetbezeichnung "Mit Recht.Karlsruhe" und es entwickelte sich über Monate hinweg eine lebhafte Kampgne. Leider mit negativem Erfolg, was Eidenmüller in seiner Abschiedsbroschüre mutmassen liess, dass der Begriff Recht im kulturellen Umfeld eben doch als zu sperrig wahrgenommen wurde.

Nun soll also die Stadt Essen, zusammen mit dem Ruhrgebiet, deutsche Kultur im europäischen Verbund präsentieren. Aber was man von dort hört stimmt nachdenklich. In wenigen Monaten soll das Unternehmen mit vielen Veranstaltungen anlaufen, doch wie man in der Kunstzeitschrift "art" lesen kann, "fehlt es an Geld, Engagement und Begeisterung". Den Organisatoren fehlen immer noch vier Millionen Euro in dem ohnehin knapp kalkulierten Etat von 65 Millionen. Zum Vergleich: Istanbul stehen 140 bis 189 Millionen zur Verfügung.

Als Konsequenz wurden im Ruhrgebiet bereits die ersten Projekte abgesagt. Die grosse Eröffnungsfeier in der Arena auf Schalke findet nicht statt - was vielleicht kein Schaden ist. Auch die Ausstellung "Welt der Religionen" im alten Gasometer von Oberhausen fiel dem Rotstift zum Opfer. Unsicher ist, ob die Schau "Zweite Stadt/Ewigkeiten" realisiert werden kann. Dabei sollte in einem Bergbauschacht Lichtkunst präsentiert werden. Finanziell auch noch nicht gesichert ist das Vorhaben "Schacht-Zeichen", bei dem bis zu 400 ehemalige Bergschächte im Revier durch riesige, in rund 80 Meter Höhe schwebende Ballone, markiert werden sollen.

Die schwierige Finanzlage rührt auch daher, dass die regionalen Grosskonzerne nicht in einen gemeinsamen Topf investieren wollen. Das wirft einerseits ein schlechtes Licht auf das so oft beschworene Gemeinschaftsgefühl des Ruhrgebiets, und lässt andererseits auf Defizite der Programmanager bei der Sponsorenpflege schliessen. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats bekennt öffentlich: "Die Frage ist, haben die Menschen grössere Lust nach Istanbul oder ins Ruhrgebiet zu fahren? Dazu ist es notwendig eine nationale Debatte anzustossen." Geht es noch naiver?

Was unsere Kulturfunktionäre in Berlin - wer kennt sie schon? - vermissen lassen, ist die Nutzung von Gedenkjahren bei der Terminierung der deutsch-europäischen Kulturhauptstädte. So hätte sich angeboten, die deutsch-polnische Zwillingsstadt Görlitz/Zgorzelec für das Jahr 2009 zu nominieren und (gemeinsam mit den Polen) auch durchzuboxen. Der 2. Weltkrieg nahm bekanntlich vor 70 Jahren mit dem Überfall auf Polen seinen Anfang und mit den beiden Städten an der Neisse hätte man vor aller Welt das inzwischen eingetretene gutnachbarschaftliche Verhältnis demonstrieren können. Zur Finanzierung der kulturellen Events hätten sicherlich auch die Regierungen in Berlin und Warschau ihr Scherflein beigetragen und damit die zumeist knappen städtischen Etats entlastet.

Stattdessen wurde für das jetzige Jahr 2009 das Städtepaar Vilnius (Litauen) und Linz (Österreich) zu europäischen Kulturhauptstädten nominiert. Vilnius scheint mehr oder minder pleite zu sein, seit die litauische Regierung wegen der Weltwirtschaftskrise das Kulturbudget um satte 40 Prozent gekürzt hat. Viele fest geplante Veranstaltungen müssen deshalb ausfallen; die vollmundigen Versprechungen bei der Bewerbung vor fünf Jahren hat man einfach unter den Tisch fallen lassen.

Bei Linz - nun werde ich leicht sarkastisch - ist es genau umgekehrt. Diese Stadt hatte im Vorjahr 2008 ein "nationales Gedenkjahr". Der Österreicher Adolf H., nahe bei Linz geboren, wurde bekanntlich beim "Anschluss" im März 1938 - also ebenfalls vor 70 Jahren - von der Linzer Bevölkerung durchaus bejubelt, als er im offenen Auto durch diese Stadt fuhr. Das hat ihn vermutlich bewogen, Linz zur "Führerstadt" zur "Gründungsstadt des Grossdeutschen Reiches" zu ernennen. In der Nachkriegszeit war Linz als die östereichische Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung berüchtigt. Allein, sie darf sich rühmen, immer wieder von prominenten österreichischen Schriftstellern zitiert worden zu sein.

So zum Beispiel von Thomas Bernhard, der in seinem Drama "Heldenplatz" einen Schauspieler sagen lässt: "In Linz geboren -allein das ein fürchterlicher Gedanke" oder von Ingeborg Bachmann, die freimütig bekannte: "Nie war ich in Linz, ich bin immer durchgefahren".

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