Sonntag, 7. März 2010

Der zweite Mößbauer-Effekt

Als Rudolf Mößbauer seine Doktorarbeit abgeschlossen hatte - für die er drei Jahre später den Nobelpreis der Physik erhalten sollte - fuhr er im Herbst 1958 erwartungsvoll nach Essen zur Deutschen Physikertagung. Er wollte den von ihm gefundenen "rückstossfreien Kernresonanzeffekt" seinen Fachkollegen vorstellen und erhoffte sich insgeheim eine lebhafte Diskussion darüber. Aber er wurde enttäuscht. Man hatte seine Präsentation an das Ende einer Nachmittagssitzung gelegt, die Stuhlreihen waren bereits beträchtlich gelichtet und sein Vortrag fand keinen Widerhall. Es gab kaum Fragen, schon gar nicht die von ihm erwartete Diskussion unter Physikerkollegen.


Rudolf Mößbauer als 31-jähriger

Ganz anders war es ein Jahr später bei einem Kolloqium an der Universität Heidelberg. Hier war es vorallem der auf Besuch weilende US-Amerikaner (und gebürtige Schweizer) Felix Böhm, der intensiv nachfragte und sich für alle Details seines Effekts interessierte. Und nicht nur das. Noch am gleichen Abend telegrafierte Böhm einen Bericht an seine Kollegen der Universität "California Institute of Technology" in Pasadena, kurz Caltech genannt. Dort vertiefte sich sein berühmter Physikerkollege (und späterer Nobelpreisträger) Richard Feynman in Mößbauers Arbeit, erkannte ihren revolutionären Gehalt und kabelte tags darauf an Böhm nach Heidelberg zurück: "Get this guy! Feynman". Kurze Zeit danach übersiedelte Mößbauer nach Pasadena, erhielt dort ein hervorragend ausgestattetes Labor und bald sogar den Titel eines Professors dieser kalifornischen Universität. Die Technische Hochschule München verlor einen ihrer vielen Assistenten, was (ausser Maier-Leibnitz) niemand sonderlich berührte.

Das änderte sich, als Rudolf Mößbauer im Herbst 1961 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. Der 32-jährige Deutsche mit dem sympathisch-frischen Aussehen elektrisierte die Nation. Obwohl der Inhalt seiner Forschungen dem grossen Publikum kaum verständlich gemacht werden konnte, waren die Deutschen stolz auf "ihren Mößbauer". Für die Studenten wurde er sogar zu einer Art Popstar. In einer SPIEGEL-Umfrage, bei der die Hochschüler nach ihren Vorbildern befragt wurden, rangierte Mößbauer im Spitzenfeld, nach Carl Friedrich von Weizsäcker und Konrad Adenauer. Weit abgeschlagen waren Willy Brandt, Uwe Seeler und Hans-Joachim Kulenkampff.

Kein Wunder, dass man den verlorenen Sohn aus Amerika nach Deutschland zurückholen wollte. Reihum boten renommierte Universitäten und Forschungseinrichtungen dem Auswanderer ihre Physiklehrstühle an. So die Uni Mainz, wo man mit dem Otto-Hahn-Ordinariat lockte und sogar das Kernforschungszentrum Karlsruhe warf den Hut in den Ring. Aber Mößbauer lehnte kühl ab. Er kannte die hiesigen schlechten Laborbedingungen aus eigener Erfahrung und die traditionelle Geheimratswissenschaft der deutschen Professoren hatte er auch erlebt.

Typisches Diplomandenlabor an der TH München in den 50er Jahren (mein Arbeitsplatz war vorne links)

Schliesslich war es Doktorvater Heinz Maier-Leibnitz, der seinen Schüler Mößbauer zur Rückkehr an die TH München überreden konnte. Aber dieser stellte Bedingungen und die waren happig. Erstens: in der Physikfakultät ist die Trennung in experimentelle, technische und theoretische Physik aufzuheben; stattdessen soll ein Department für Physik eingerichtet werden. Zweitens: alle Professoren dieses Departments sind gleichberechtigt; sie wählen aus ihrem Kreis für die anfallenden Tagesgeschäfte einen Drei-Mann-Vorstand, der im Turnus wechselt. Drittens: die Last des Anfängerkollegs, bisher allein vom Chef der experimentellen Physik gehalten, wird demokratisch verteilt; jedes Jahr weiht ein anderer Department-Professor die Anfangssemester in die Grundlagen der Physik ein. Viertens: Hilfseinrichtungen, wie Werkstätten, Bilbliotheken, Materialausgabe, aber auch der Kernreaktor FRM stehen allen zur Verfügung und werden zentral verwaltet. Fünftens: gewissermassen um "Butter bei die Fische zu geben" verlangte Mößbauer kühn die Einrichtung von 16 (statt bisher 7) Professorenstellen sowie 234 Planstellen für Assistenten und Hilfskräfte. Sechstens: Mößbauer erklärte sich bereit einen Lehrstuhl in Experimentalphysik zu übernehmen; er bedingte sich jedoch aus, jedes Jahr drei Monate in den USA arbeiten zu dürfen, um den Kontakt mit der amerikanischen Wissenschaft nicht zu verlieren.

Die bayerische Ministerialbürokratie war platt ob der Chupze dieses jungen Professors. In den zuständigen Kultus- und Finanzministerien rechnete man schnell aus, dass diese Neuorganisation dem Freistaat jährlich 2,5 Millionen Mark zusätzlich kosten würde. Viel Geld, verglichen mit den 96.000 Mark, die das Stockholmer Nobelkomittee - einmalig - an Mössbauer für die Entdeckung seines kernphysikalischen Effekts auszahlte. Aber der Reformer liess nicht locker. Schliesslich knickten die Landespolitiker (auch unter dem Druck der Studenten und der Medien) ein und das Physik-Department wurde eingerichtet. Das Wort vom "zweiten Mößbauer-Effekt" machte schnell die Runde; Mößbauer hatte ihn nicht entdeckt, sondern mit fast brachialer Gewalt erzwungen.

Im Vorlesungsverzeichnis 1965/66 der TH München sind erstmals die gleichberechtigt agierenden Professoren des Physik-Departments verzeichnet: Brenig, Dransfeld, Kaiser, Kienle, Lüscher, Maier-Leibnitz, Mang, Mößbauer, Riehl und Wild. Später kamen mit Moringa, Kalvius, Alefeld, Gläser, Schmidt etc. noch weitere hinzu. Der geschäftsführende Vorstand setzte sich aus Wild (Vorsitz), Lüscher und Maier-Leibnitz zusammen. Für die Infrastruktur waren Geuge und Koester (Reaktor) benannt.

Das Departmentsystem besteht heute noch an der TH (mittlerweile in Technische Universität=TUM umbenannt) und kann rückblickend als Erfolg gewertet werden. Aber den Chefs unterliefen natürlich auch Fehler. Ein ganz schlimmer 1984, als man den wenig beachteten Extraordinarius Klaus von Klitzing, damals 41 Jahre alt, zum Max-Planck-Institut für Festkörperforschung nach Stuttgart ziehen liess und dieser im Jahr darauf den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts erhielt, den er ausschliesslich in München ausgeknobelt hatte. Schnell bot man dem Flüchtling ein auf ihn zugeschnittenes 20 Millionen teures Halbleiter-Elektronik-Institut für seine Rückkehr an, aber Klitzing blieb in Stuttgart. Ein Hauch von Mößbauer lag in der Luft - nur, dass der Rückholtrick wie vor einem Vierteljahrhundert, nicht mehr funktionierte.

Für viele Kollegen überraschend, wandte sich Mößbauer Anfang der 70er Jahre von der weiteren Erforschung des von ihm entdeckten Effekts ab. Man kann sagen, dass er von seinem eigenen Erfolg überwältigt worden war. Denn zu jener Zeit wurde fast jedes Jahr eine grosse internationale Mößbauer-Konferenz veranstaltet, wo seine Präsenz erwartet wurde. Gleichzeitig erschienen pro Jahr etwa tausend wissenschaftliche Arbeiten zur Mößbauer-Spektroskopie. Ein Grossteil dieser Autoren schickte ihm ihre Veröffentlichungen mit Widmung zu, die er (zumindest flüchtig) lesen und mit einigen freundlichen Sätzen beantworten sollte. Und das zu den Zeiten, da sowohl der PC als auch das Word-Programm noch unbekannt waren. Kurzum, Mößbauer wurde das zuviel und er sattelte - thematisch - um.

Er begann sich für die Physik des Neutrinos zu interessieren. Im damaligen Standardmodell der theoretischen Physik war angenommen worden, dass dieses Teilchen, ähnlich wie das Licht, keine Masse besitze. Mößbauer bezweifelte dies und führte Experimente (wie GALLEX) durch, welche die sogenannten Neutrino-Oszillationen vermuten liessen. Tatsächlich stellte sich nach aufwendigen Versuchen, insbesondere in Japan, heraus, dass die Neutrinos durchaus Masse besitzen und - wegen ihrer Vielzahl - sogar signifikant zur Gesamtmasse des Universums beitragen.

Aber Mößbauer war nicht nur Forscher, sondern auch ein begnadeter Lehrer. Die Studenten der TUM waren begeistert von seinen brillanten Vorlesungen, die nicht zuletzt auf perfekter didaktischer Vorbereitung beruhten. Trotz zahlreicher Angebote anderer Universitäten und Forschungsorganisationen im In-und Ausland ist er seiner Heimatuniversität, der TU München, lebenslang treu geblieben.

Seit 1997 ist Professor Rudolf Mößbauer emeritiert.

Kommentare:

  1. Als Persönlichkeit konnte Mößbauer dem Maier-Leibnitz nicht das Wasser reichen.

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  2. Aber, aber, ist da jemand ein bisschen neidisch...?

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