Sonntag, 12. September 2010

Verbotener Urantransport im Kernkraftwerk

Kernreaktoren werden während des Betriebs ständig auf ihre Sicherheit hin überprüft. Meist sind es unabhängige Organisationen, wie die Technischen Überwachungsvereine (TÜV), welche kontrollieren, dass die vielen Systeme und Komponenten so funktionieren, wie es in der Planung vorgesehen war. Darüberhinaus gibt es noch internationale Überwachungsagenturen wie Euratom in Brüssel und die Atombehörde IAEA in Wien, die darauf spezialisiert sind, die Verwahrung der Kernbrennstoffe und ihren Transport aufs Genaueste zu inspizieren. Dies gilt insbesondere für die sog. Schnellen Brüter, bei denen recht erhebliche Mengen an Plutonium und angereichertem Uran im Umlauf sind.

Ein solches (experimentelles) Brüterkraftwerk mit dem Namen KNK II befand sich im Kernforschungszentrum Karlsruhe und lieferte über Jahrzehnte hinweg 20 Megawatt Strom in das lokale Netz des Badenwerks. Wieder einmal war bei diesem Kernkraftwerk der "Besuch" der Internationalen Atomenergieagentur aus Wien angesagt - nicht zur lockeren Besichtigung sondern zur rigorosen Inspektion. Der Chef der IAEA-Gruppe war ein Inder, der dafür bekannt war, ein "scharfes Regime" zu führen. Dementsprechend wurden die fünf Inspektoren vom Betriebsleiter selbst durch die Anlage geführt, den seinerseits ein Pulk von kompetenten Ingenieuren begleitete.

Querschnitt durch das Kernkraftwerk KNKII

Um es vorweg zu nehmen: der Kontrollgang erbrachte keinerlei Beanstandungen; alle Kernbrennstoffe waren ordnungsgemäss verwahrt und die Plomben gesichert. Und so strebte man zur Mittagszeit auf das Casino zu. Diesmal stand nicht Spargel sondern Rehbraten auf der Menükarte, denn es war Herbst.

Aber noch musste die Gruppe zur Strahlenmessung über den Ausgangsmonitor treten und dabei passierte es: ausgerechnet beim Ranghöchsten, dem Inder, heulte das Gerät auf und liess ihn nicht durch die Schranke. Peinlichkeit im Quadrat und hektisches Suchen der Strahlenschutztechniker nach dem Ort der vermeintlichen Kontamination. Endlich wurde sie gefunden: im rechten Hosenaufschlag des Chefkontrollers tickte es ganz gewaltig. Sogar mit blossem Auge war ein Partikel zu sehen, das wie Kernbrennstoff aussah. Der Inder rollte missbilligend die Augen und die Stimmung beim Mittagessen war entsprechend gedrückt.

Doch die Strahlenexperten der KNK II waren währendessen nicht müssig. Sie untersuchten das strahlende Körnchen nach allen Regeln ihrer Zunft und siehe da: anhand von Spektrogrammen konnten sie zweifelsfrei nachweisen, dass es nicht aus ihrem Reaktor stammen konnte, sondern nur aus einer Wiederaufarbeitungsanlage.

Mit diesem Befund konfrontierten sie die IAEA-Inspektoren am Nachmittag und der Inder wurde plötzlich ganz still und nachdenklich. Er kratzte sich am Kopf und gab und gab zögernd zu, dass er vor wenigen tagen im indischen Madras bei einer Anlage zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen gewesen war, wo er - alàs - die gleiche Hose getragen habe. Nun war das Rätsel der Kontamination gelöst. Ganz offensichtlich hatte er das strahlende Partikel in seiner Heimat aufgepickt, wo es nicht detektiert worden war. Und über Wien, wo es ebenfalls unentdeckt blieb, transportierte er es (persönlich) nach Karlsruhe zum KNK II-Reaktor.

Übrigens ist der Inder, ein Tamile, seitdem nicht mehr im Kernforschungszentrum Karlstuhe gesichtet worden.

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