Sonntag, 13. Februar 2011

Vom Mittelmeer an die Ostsee

Vor knapp zwei Monaten fuhren 4 Castor-Behälter mit Atomabfällen an Karlsruhe vorbei. Sie kamen aus Südfrankreich und waren für Lubmin an der Ostsee bestimmt. Nichts besonderes, wird mancher sagen. In diesem Fall aber doch!
Hier ist die Geschichte dieses 20-jährigen Projekts.

Ein unlösliches Problem?

Vor fast genau zwei Jahrzehnten, im Sommer 1991, wurde das Schnellbrüter-Kernkraftwerk KNK II im damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) abgeschaltet und stillgelegt. Mehr als 14 Jahre war es in Betrieb und hatte damit bewiesen, dass man einen Schnellen Brüter mit einer Leistung von 20 Megawatt (elektrisch) in Deutschland sicher betreiben konnte. Nun sollte dieses Atomkraftwerk schrittweise - bis zur sogenannten "Grünen Wiese" - abgebaut werden.

Üblicherweise beginnt man eine solche Prozedur mit der Entnahme der Brennelemente aus dem Reaktortank und den benachbarten Lägern. Im Falle der KNK II war geplant, die 9.600 Brennstäbe, alle knapp 2 Meter lang und bleistiftdick - aber gefüllt mit Plutonium und hoch angereichertem Uran -  zur französischen Anlage TOR-SAP zu bringen. An dieser Rezyklierungsanlage, bei Marcoule und nahe den berühmten Weinbergen Chateauneuf-du-Pape gelegen, sollten die Brennstäbe wiederaufgearbeitet werden. Die erwarteten (ungefähren) Mengen von 300 Kilogramm Plutonium und 500 kg Uran 235 wollte man an Ort und Stelle verkaufen und die Abfälle nach Gorleben zur Zwischenlagerung zurücktransportieren. Ein dickleibiger Vertrag war von der KfK und der französischen Atomorganisation CEA nach langen Verhandlungen unterzeichnet worden.



Der Schnelle Brüter KNK II im Kernforschungszentrum Karlsruhe in Betrieb

Leider funktionierte dieser Plan nur teilweise. Ein Viertel der Brennstäbe, so um die 2.500, konnte in Marcoule nicht aufgearbeitet werden. Der Grund: der in den Brennstabhüllen befindliche Mischoxidbrennstoff Uranoxid und Plutoniumoxid liess sich nicht vollständig in Salpetersäure auflösen. Etwa 20 Prozent wären in der Auflöserapparatur liegen geblieben und hätten damit ein Kritikalitätsrisiko bewirkt. Verpuffungen oder gar (leichte) Explosionen hätten die Folge sein können. Ursächlich für dieses Brennstoffverhalten war die Herstellungsmethode der Lieferfirma ALKEM. Dort hatte man das Mischoxid anfangs durch mechanisches Mischen hergestellt, womit aber keine gute Homogenität und  Auflösbarkeit erzielt werden konnte. (Später ging man auf andere Verfahren, wie OKOM und AuPuC, über, wodurch dieses Problem aus der Welt geschafft war.)

Zwischenlager und Behälter gesucht

Aber vorerst war guter Rat teuer. Das CEA, der Betreiber der Marcoule-Anlage, verlangte die Rücknahme der 2.500 schwer löslichen Brennstäbe. Die KfK, formal noch Eigentümer der Stäbe, konnte dieser Forderung jedoch nicht nachkommen, da die Läger bei KNK II bereits rückgebaut bezw. nicht mehr funktionstüchtig waren. Schliesslich einigte man sich darauf, diese Brennstäbe einstweilen im Wasserbecken des stillgelegten Reaktor PEGASE einzulagern, der im  Forschungszentrum Cadarache, nahe am Mittelmeer, gelegen war. (Für ein gutes Honorar, selbstredend).

Dort würden die Brennstäbe wohl heute noch liegen, wenn die Franzosen nicht Druck gemacht hätten. Sie registrierten mit Argwohn den von der rot-grünen Regierung erzwungenen Ausstieg aus der Kernenergie und befürchteten wohl, bald die "Abfallkippe" ihrer Nachbarn zu werden. Folgerichtig verlangten sie die alsbaldige Rücknahme der KNK II-Stäbe, was dann auch vertraglich beschlossen wurde.

Aber auf deutscher Seite gab es aber inzwischen weder ein geeignetes Zwischenlager, noch genehmigte Transport- und Lagerbehälter für Plutonium und hoch angereichertes Uran. Die existierenden Zwischenläger Philippsburg, Ahaus und Gorleben wurden angefragt, sie weigerten sich jedoch, diese andersartigen Brennstoffe aufzunehmen. Schliesslich wurde man fündig beim Zwischenlager Nord (ZLN), das nahe der Ostsee gelegen ist, im Bereich der Städte Greifswald und Lubmin. Das war keine Überraschung, denn dieses Lager gehört zu den Energiewerken Nord (EWN), welche zwischenzeitlich die Verantwortung für den Abriss der KNK II übernommen hatten. EWN handelte also auch im Eigeninteresse.

Etwas einfacher war die Suche nach geeigneten Transport- und Lagerbehältern. Hier gab es die wohlbekannte Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) in Essen, welche CASTOR-Behälter aller Art herstellen konnte. Für die KNK II-Stäbe schienen 4 kleine "Castoren" ausreichend zu sein, von denen jeder neun Büchsen mit je ca. 70 Brennstäben aufnehmen sollte. Natürlich war jede Menge an atomrechtlichen Gutachten und Genehmigungen erforderlich:  für das ZLN eine modifizierte Lagergenehmigung und für die Castorbehälter die verkehrsrechtliche Zulassung sowie die Transportgenehmigung.

Inzwischen hatte man noch einige weitere Restbestände an Kernbrennstoff entdeckt, die man ebenfalls in Lubmin zwischenlagern wollte. Es waren einige wenige Mischoxidbrennstäbe aus der KNK II, die wegen irgendwelcher Versuche (leihweise) den Weg ins belgische Forschungszentrum Mol gefunden hatten. Die Belgier wollten sie loswerden, als sie von dem Transport ins ZLN hörten. Also wurde beschlossen, sie in den Gesamttransport zu integrieren.

Überreste der "Otto Hahn"

Die zweite Charge stammte von dem Reaktor des Nuklearschiffs "Otto Hahn", das von 1968 bis zum Ende der 70er Jahre als Erzfrachter die Weltmeere kreuzte. Der antreibende Druckwasserreaktor war - ebenso wie die KNK II -  von der Firma INTERATOM in Bensberg geplant und gebaut worden und war alles andere als konventionell. So besass der Reaktorbrennstoff Uran gleich vier Anreicherungsstufen, nämlich 2,8; 3,23; 3,9 und 4,81 Prozent. An bestimmten Stellen waren die Brennelemente dreieckig und zur Sicherung der Unterkritikalität beim eventuellen Sinken des Schiffes hatte man einzelnen Brennstäben ein abbrennbares Neutronengift in Form von Zirkonborid beigegeben. Von diesen  Materialien waren Reste übrig geblieben, die seit Jahren im Kernforschungszentrum Geesthacht bei Hamburg lagerten.



Das Nuklearschiff "Otto Hahn" vor imposanter Kulisse (Rio de Janeiro)

Normalerweise hätte man die beiden Restchargen aus Mol und Geesthacht irgendwo in Deutschland zugeladen. Aber in Karlsruhe (und an allen anderen Stellen der Bundesrepublik) gab es keine Heisse Zelle mehr, in welcher man diese Arbeiten hätte vornehmen können. Die Ausstiegsmanie hatte bereits voll gegriffen und die gesamte kerntechnische Infrastruktur zerstört. Deutschland war auf die Stufe eines Entwicklungslandes herabgesunken. So musste man sich wieder hilfesuchend an die Franzosen wenden, um deren Heisse Zelle STAR in Cadarache benutzen zu dürfen. Nach einigem Zögern stimmte die CEA zu - nicht ohne einen heftigen Preis dafür zu nennen.  Richtig teuer aber wurde das Einbüchsen all dieser Stäbe in Cadarache. Aus Sicherheitsgründen hatte man sich für eine doppelte Verbüchsung entschieden, was mehrere Jahre in Anspruch nahm. Jeder dieser 36 Büchsen waren ausserdem Absorberrohre aus boriertem Aluminium beigegeben, um die Unterkritikalität zu sichern.

Mittlerweile hatte die GNS auch die vier Spezial-Castorbehälter gefertigt und die erforderlichen Zeugnisse und Genehmigungen erlangt. Die Behälter waren etwa 4 Meter lang sowie 2 Meter breit und jeder einzelne wog gut 32 Tonnen. An den Enden waren jeweils ausladende Stossdämpfer angebracht, die über rigide Fallversuche qualifiziert worden waren. Jeder Behälter besass 9 Bohrungen zur Aufnahme der Büchsen.



Castorbehälter bei der Endmontage im Werk

In 50 Stunden an die Ostsee

Der Transport der vier Castor-Behälter vom Forschungszentrum Cadarache zum Zwischenlager Nord fand vom 14. bis 16. Dezember 2010 statt, also kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres. Nach zügiger Fahrt durch Frankreich passierte der Zug bei Saarbrücken die deutsch-französische Grenze. Begleitet von über siebentausend Polizisten durchfuhr er relativ störungsfrei die westdeutschen Bundesländer und kam am Donnerstag (16. 12.) nachmittag in Mecklenburg-Vorpommern an. Dort warteten bereits einige hundert Atomkraftgegner, die durch eine vorlaufende Auftaktdemo mobilisiert worden waren, an der auch der Ministerpräsident des Landes, Erwin Sellering (SPD), teilgenommen hatte.



Das Zwischenlager Nord bei Greifswald (Architekturskizze)

Mehrere Demonstranten nutzten die Gelegenheit zur Sitzblockade auf den Gleisen; zwei Aktivisten von Robin Wood hatten sich im Gleisbett mit einer Betonkonstruktion festgekettet und mussten umständlich entfesselt werden. Bei Stralsund will die Zeitung "taz", das Zentralorgan der Grünen, sogar "Schotterer" gesehen haben. Trotzdem: Gorleben ist eben doch nicht überall, insbesondere nicht in Lubmin. Erinnert man sich, dass einige Wochen vorher im Wendland sich noch 50.000 Demonstranten auf einem Acker zur Grosskundgebung versammelt hatten, dann war Lubmin dagegen kein Vergleich.

Nach 6-stündigem, relativ geruhsamem Zwangsaufenthalt, kam der Zug wieder ins Rollen und noch am gleichen Tag, um 23 Uhr 30, konnten die vier Castoren den Verantwortlichen des Zwischenlagers Nord übergeben werden. Am nächsten Tag liess der Innenminister des Landes, Lorenz Caffier (CDU) verkünden, dass die Sitzblockierer mit einer Strafe zu rechnen hätten.

Die "Wegtragegebühr" sollte 114 Euro betragen. Pro Person.

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