Sonntag, 2. März 2014

Nagasaki und die Kapitulation (4)

Zwischen den beiden Atombombenabwürfen auf Hiroshima (6. August 1945)  und Nagasaki (9. August) lagen nur drei Tage, aber es war eine ereignisreiche Zeit. Am 7. August warf die amerikanische Luftwaffe Millionen von Flugblättern über die 47 grössten Städte Japans ab und forderte die japanische Führung zur Kapitulation auf unter dezidiertem Hinweis auf die "Superbombe". Vom Kreuzer USS Augusta drohte Präsident Truman: Wenn Sie unsere Bedingungen nicht akzeptieren, dann mögen Sie einen Regen der Zerstörung aus der Luft erwarten, wie er noch nie auf der Erde gesehen worden ist.

Doch das Kriegskabinett in Tokio vermochte sich nicht auf eine bedingungslose Kapitulation zu einigen. Stattdessen bemühte sich Aussenminister Togo bei dem sowjetischen Kollegen Molotow um Vermittlung für bessere Bedingungen. Damit hatte er sich - tragischerweise - an den Falschen gewandt, denn die Sowjetunion, welche bislang mit Japan im Frieden war, nutzte plötzlich die Gunst der Stunde und griff Japan mit riesigen Streitkräften an. Am 8. August besetzte die UdSSR die Mandschurei und wenige Tage darauf die Inselgruppe der Kurilen - welche sie noch bis heute in Besitz hält. Als von der japanischen Regierung keine Reaktion kam, befahl Truman den Abwurf der nächsten Atombombe auf die Stadt Kokura am 11. August.


Die Montage der Plutoniumbombe

Die Plutoniumbombe ist, was ihren Zündmechanismus angeht, sehr viel komplizierter als die Uranbombe. Sie erfolgt über 32 Brennstofflinsen, die um die etwa 6 Kilogramm schwere Hohlkugel aus Plutonium angeordnet sind. Bei der Zündung erzeugen die Linsen eine konzentrische Schockwelle nach innen, pressen das Plutonium zusammen und bringen es dadurch zu einer überkritischen Explosion. Das Problem ist die zeitgleiche Erzeugung der Schockwelle, was lange nicht funktionierte. Wegen der konzentrischen Brennstofflinsen ist die Pu-Bombe dicker im Umfang und wurde deshalb "Fat Man" genannt.



Fat Man wird endmontiert

Die Endmontage der Plutoniumbombe erfolgte auf der Pazifikinsel Tinian und war zeitlich eng bemessen. Als der Abwurftermin - aus Wettergründen - um einen Tag vorverlegt wurde, wuchs der Druck auf das Montageteam ins Unerträgliche. Das potenzierte sich noch, als (aus gleichen Gründen) der Fertigstellungstermin nochmals um einen Tag (auf den 9. August) geschoben wurde. Auf eine Reihe wichtiger Endkontrollen musste von da an verzichtet werden.

Es kam, wie es kommen musste. Am letzten Tag, gegen Mitternacht, entdeckte ein junger Armeetechniker, dass das Zündkabel nicht funktionierte. Irgendjemand hatte in der Eile die Buchsen an beiden Enden seitenverkehrt angelötet. Um das Kabel herauszunehmen und umzudrehen hätte man die Implosionskugel zum Teil wieder auseinander nehmen müssen, was einen ganzen Tag gedauert hätte. Damit wäre man in die prognoszierte fünftägige Schlechtwetterperiode gekommen. Der Techniker beschloss, die Steckverbinder einfacherweise von beiden Enden des Kabels abzulöten, auszutauschen und wieder anzulöten. Damit verstiess er ganz klar gegen eine Vorschrift, wonach im Montageraum keine Hitze erzeugt werden durfte. Aber Vorschriften hin, Vorschriften her, er tat es einfach. Am Schluss prüfte er noch ein halbes Dutzend mal das Kabel auf Durchgang, womit die Atombombe schliesslich fertig war.


Der Abwurf

Zum Transport der Bombe hatte man den 25-jährigen Bomberpiloten Charles W. Sweeney bestimmt. Er sollte die B-29 seines Kameraden Frederick Bock fliegen. Um dessen Enttäuschung etwas zu mildern, liess er auf die Maschine den Schriftzug Bock´s Car pinseln. Als Ziel hatte man ihm und seinen zwei Begleitflugzeugen die japanische Stadt Kokura mitgegeben, in der sehr viele Rüstungsbetriebe versammelt waren. Bock´Car startete am 9. August früh um 3 Uhr 47 von der Insel Tinian aus; das Ziel war etwa 2.500 km entfernt.

Laut Wettervorhersage sollten Sweeney und seine Leute auf dem ganzen Weg von den Marianen zum Kaiserreich Gewitterstürme begleiten. Das war auch der Fall: auf den vier Propellern glühten permanent Elmsfeuer. Bald musste der Pilot feststellen, dass er ohne Treibstoffreserve würde auskommen müssen; der Benzinhebel, mit dem er die Motoren auf Treibstoffzufuhr aus einem 2.300 Liter fassenden Zusatztank im hinteren Bombenschacht umstellen konnte, funktionierte nicht. Als er um 10 Uhr 44 in Kokura eintraf lag die Stadt unter einem dichten Bodennebel. Auch nach drei weiteren Anflügen gelang es ihm nicht per Auge ein Ziel auszumachen.

Nun wurde es brenzlig. Der Treibstoff reichte nur noch zu einem einzigen weiteren Zielanflug, sodass Sweeney die Entscheidung traf, nach Nagasaki abzubiegen, wo damals wichtige Werften für Kriegsschiffe sein sollten. Als er in Nagasaki ankam, stellte er fest, dass auch diese Stadt unter einem dichten Nebel lag. Nun blieb dem Piloten nur noch die Wahl, entweder nach Radar (ungenau) zu bombardieren oder die mehrere hundert Millionen teure Bombe ins Meer zu werfen. Für die Rückkehr zum nächsten Ziel Okinawa reichte der Sprit nicht mehr.

In letzter Minute riss die Wolkendecke gerade so lange auf, dass der Bombenschütze für 20 Sekunden freie Sicht auf ein Gelände bekam, das einige Kilometer flussabwärts vom eigentlichen Zielpunkt lag. Er klinkte die Bombe aus und Fat Man detonierte in 500 Metern Höhe über den steilen Hängen der Stadt mit einer Sprengkraft, die man später auf 22.000 Tonnen TNT abschätzte. Die Hänge begrenzten die Explosion in ihrer Wirkung; sie richtete weniger Zerstörungen an und forderte weniger Opfer als Little Boy in Hiroshima. Dennoch starben 22.000 Menschen sofort und weitere 39.000 innerhalb der nächsten drei Monate. Die Zahl der Verletzten betrug 75.000.

Die Kapitulation

Die Nachricht von der Zerstörung Nagasakis löste bei der japanischen Regierung Panik aus. Man befürchtete, die USA würde die nächste Atombombe auf Tokio abwerfen. (Auf Tinian trafen tatsächlich neue Bombenteile ein, die einen weiteren Abwurf am 17. August möglich gemacht hätten). Das japanische Kriegskabinett tagte ununterbrochen 12 Stunden lang, konnte sich aber zu keiner Entscheidung durchringen. Die Positionen der Militärs und des Aussenministers standen sich unversöhnlich gegenüber. Der für die Kamikazeangriffe zuständige General hatte vor 20 Millionen Japaner für Selbstmordangriffe zu opfern.  Schliesslich griff der Premierminister Suzuki in die Debatte ein und bat den Kaiser Hirohito um ein Machtwort.

Hirohito versammelte die Minister und Ratsherren im kaiserlichen Luftschutzbunker um sich und erklärte: Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mein Volk noch länger leiden zu lassen. Die ganze Nation wird in Schutt und Asche untergehen. Er bat den Premier den Entwurf eines kaiserlichen Edikts auszuarbeiten, das er per Rundfunk seinem Volk vortragen könne. So geschah es. In letzter Minute gab es allerdings einige Versuche militärischer Rebellion in Tokio: einige Offiziere wollten die Schallplatte des kaiserlichen Edikts stehlen und die kaiserlichen Garden überwältigen. Vergeblich.

Am 15. August strahlte der japanische Rundfunk die Rede des Tenno aus. Viele Japaner haben bei diesem Anlass zum ersten Mal die Stimme ihres Kaisers vernommen, als er sagte: Ich habe angeordnet, die Bedingungen der Alliierten Mächte zu akzeptieren. Lasst uns das Unerträgliche ertragen und das Untragbare erdulden. Lasst die ganze Nation wie eine Familie von Generation zu Generation weiterleben. Der Kommandeur der Truppen in Tokio und einige seiner jüngeren Offiziere begingen daraufhin rituellen Selbstmord durch Harakiri.

Die offizielle Kapitulationsurkunde wurde am 2. September 1945 unterzeichnet.


 General Mac Arthur und der Kaiser

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