Sonntag, 30. August 2015

Die Rosenthal Story

Jedermann kennt die Porzellanmarke Rosenthal. Bei einer Umfrage in den achtziger  Jahren lag die Firma im Bekanntheitsgrad der deutschen Unternehmen an dritter Stelle (hinter Mercedes und BMW). Dabei machte die Rosenthal AG damals gerade mal eine halbe Milliarde DM Umsatz und ihre Belegschaft bestand aus nur 8.400 Angestellten und Arbeitern. Zum Firmenimage beigetragen haben sicherlich die Stimmen der vielen deutschen Hausfrauen, für die ein festlich gedeckter Tisch ohne Rosenthal-Porzellan schlechterdings nicht möglich war.

Mein Anlass, über Rosenthal zu bloggen, war erstens, weil ich rd. 20 Kilometer entfernt vom Stammsitz dieser Firma in Selb geboren wurde und zweitens, weil die persönliche Geschichte der beiden Hauptpersonen des Unternehmens so facettenreich ist, wie in keinem der vielen Porzellanunternehmen in Deutschland.

Philipp Rosenthal, der Gründer und Geheimrat

Abraham hieß der Urvater der beiden Rosenthal-"Porzellan-Könige" Philipp und Philip-letzterer mit einem "p" geschrieben. Nicht der biblische Abraham war es, sondern ein wohlhabender Tuchweber und Vorstand der Synagoge in Werl bei Soest, im heutigen Nordrhein-Westfalen. Philipp war einer seiner drei Söhne (nebst weiteren drei Töchtern) und er sollte das elterliche Geschäft übernehmen. Doch Philipp hatte daran wenig Interesse. Er büxte als 17-jähriger im Jahr 1872 nach Nordamerika aus und nach der klassischen Karriere als Laufbursche, Tellerwäscher und Fahrstuhlführer in New York zog er weiter westwärts und brachte es zum Postreiter in Texas. Mit 24 Jahren tauchte er wieder in Deutschland auf, weil er bei Hutschenreuther in Selb (Fichtelgebirge) Porzellan für seine amerikanischen Auftraggeber einkaufen sollte. Dabei machte er die Erfahrung, dass er um Porzellan geradezu betteln musste. Kurzerhand beschloss er: "Ich mache das Zeug selber".

Offenbar hatte er in Amerika genug Geld gespart, um 1879 im ehemaligen markgräflichen Schloss Erkersreuth, drei Kilometer von Selb entfernt, eine Porzellanmalerei einrichten zu können. Das unbemalte Rohporzellan, "Weißware" genannt, kaufte er bei Hutschenreuther ein und ließ es von einem Gehilfen und seiner jungen Frau Mathilde dekorieren. Mit einem vierrädrigen Handkarren brachte er es eigenhändig zum nahen Bahnhof Plößberg zur späteren Verschiffung in die USA. Die Anfänge müssen hart gewesen sein, so mühsam, dass der Selber Konditormeister, in dessen Haus Philipp Rosenthal mit Mathilde wohnte, ihm den Vorschlag machte, doch bei ihm als Geselle einzutreten und Konditor zu werden.

Den wirtschaftlichen Durchbruch brachte schließlich der legendäre Aschenbecher mit der Aufschrift "Ruheplätzchen für brennende Cigarren", ein Artikel, der wie wild gekauft wurde. Das merkte auch der alte Lorenz Hutschenreuther, der sich fortan weigerte, Rosenthal mit Weißware zu beliefern. Kurz entschlossen gründete Philipp 1889 seinen eigenen Betrieb zur Produktion von weißem Porzellan in Selb und schon bald darauf beschäftigte er dort 60 Mitarbeiter. Durch diverse Aufkäufe und Neugründungen entstand 1897 die Philipp Rosenthal & Co, Aktiengesellschaft. Der nächste Verkaufschlager war das 8- und 12- eckige Porzellanservice mit Namen "Maria", das heute noch zur Rosenthalkollektion gehört. Maria war der Name seiner zweiten (35 Jahre jüngeren) Frau, die Tochter des königlichen Advokaten Josef Frank. Von Mathilde hatte er sich vorher scheiden lassen.

Von nun an ging es nur noch aufwärts. Nach Aufkauf der bislang konkurrierenden Porzellanfabriken  Bauer, Thomas und Zeidler gründete er 1910 in Selb eine Kunstabteilung für höherwertige Dekore. Als erster "Porzelliner" erkannte er auch die Bedeutung der damals aufkommenden Starkstromtechnik für die Keramikbranche. In der Abteilung "E" entwickelte er elektrische Widerstände und Isolatoren, wofür er 1912 eigens ein Hochspannungsprüffeld für 500.000 Volt aufbaute. Als die Rosenthal AG 1929 das 50-jährige Firmenjubiläum feierte, hatte der Konzern schon mehr als 7.000 Mitarbeiter. Für seine Verdienste wurde Philipp Rosenthal zum Geheimrat ernannt, ein Titel, mit dem er sich gerne ansprechen ließ.


Philipp Rosenthal, Vater, (1855 - 1937)

In der Nazizeit wurde (der Katholik!) Rosenthal wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem Unternehmen verdrängt. Im Jahr 1934 musste er den Vorstandsvorsitz in seiner Aktiengesellschaft niederlegen. Bald darauf kam es zu Erbstreitigkeiten, weil die Töchter aus erster Ehe befürchteten, bei der Aufteilung des Familienvermögens zu kurz wegzukommen. Die Nazis nutzten diese Gelegenheit und ließen im Februar 1937 Philipp "wegen Altersveränderung im Gehirn" entmündigen und für geschäftsunfähig erklären.  Wenig später musste die Familie ihr gesamtes Aktienpaket unter Wert verkaufen. Sechs Wochen darauf starb der fast 82-jährige Philipp Rosenthal in einem Bonner Sanatorium. Seinem Wunsch gemäß wurde er in Bozen, Südtirol, begraben. Die damals 47-jähige Witwe Maria Rosenthal verlegte ihren Wohnsitz an die französische Riviera, nach Juan le Pin, wo sie einen französischen Adeligen, den Grafen de Beurges, heiratete.

Philip Rosenthal, der Paradiesvogel und Ästhet

Philip Rosenthal war der einzige Sohn seines Vaters Philipp und dessen zweiter Frau Maria. Wie in diesen Kreisen damals üblich, besuchte Philip diverse Privatgymnasien, u. a. in München und in der Schweiz. Als die Nazis begannen, seine Familie zu drangsalieren, wich er nach England aus und studierte Philosophie und Volkswirtschaft an der Universität Oxford, wo er zum Master of Arts graduierte. Dort war er aufgrund seiner athletischen Leistungen auch Kapitän der berühmten Rudermannschaft. Bei Ausbruch des Krieges mit Frankreich besuchte er gerade seine Mutter in Marseille, wo er sich von geschickten Werbern dazu überreden ließ, der französischen Fremdenlegion beizutreten. Er merkte bald, dass er dort am falschen Platz war, aber erst beim vierten Fluchtversuch gelang es ihm über Gibraltar nach England zu entkommen. In London betätigte sich der nun schon 26-jährige eine Zeitlang als Bäckerlehrling, bis die Propaganda-Abteilung des britischen Foreign Office auf ihn aufmerksam wurde und ihn beim "Soldatensender Calais" als Verfasser und Sprecher von Texten einsetzte.

Nach dem Krieg bat ihn seine Mutter nach Deutschland zu fahren um die finanziellen Rückerstattungsansprüche der Familie Rosenthal zu regeln. So kam er 1947 nach langer Abwesenheit wieder nach Selb zur Firma seines Vaters. Dort waren mittlerweile ganz andere Menschen in der Führungsebene und die beinharten Verhandlungen dauerten drei Jahre, bis man sich schließlich auf einen Vergleich einigen konnte. Die Familie Rosenthal erhielt 1.020.000 DM in bar und nominal 792.000 DM Aktien, das waren 11 Prozent des Aktienkapitals. Auf Philip entfielen Aktien im Wert von 380.000 DM. Gleichzeitig machte man ihm das Angebot, als Werbechef bei der Firma Rosenthal einzutreten, was Philip annahm.

Man war offensichtlich zufrieden mit ihm, denn 1958 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden der Rosenthal AG ernannt. Philip war eine einzigartige Mischung aus Manager und Ästhet. Einer seiner Leitsprüche lautete: "Wer zu spät an die Kosten denkt, ruiniert sein Unternehmen; wer zu früh an die Kosten denkt, tötet die Kreativität." In diesem Sinne kreierte er Anfang der 60er Jahre die berühmte "Rosenthal-Studio-Line", die bis heute ein anerkanntes Leitbild für moderne Tisch- und Wohnkultur blieb. Mehr als hundert Künstler und Designer, wie Björn Winblad, Tapio Wirkkola,  Jasper Morrison, Timo Sarpaneva, Victor Vasarely, Henry Moore etc. entwarfen Porzellanservice, Vasen, Gläser und Bestecke, von denen viele noch heute zum Bestand des berühmten New Yorker Museums MoMA gehören. Auch seine architektonische Umwelt ließ Rosenthal neu gestalten. Das ehemalige trist-graue Fabrikgebäude in Selb erhielt von dem Zero-Künstler Otto Piene einen farbenfrohen Anstrich im Regenbogenformat und ist heute noch ein Hingucker für die sommerlichen Touristikbusse in dieser Stadt. Bei kulturellen Veranstaltungen der sogenannten "Rosenthal-Feierabende" wurden Theater- und Musikveranstaltungen mit weltberühmten Künstlern, wie Yehudi Menuhin und Louis Armstrong, nach Selb gebracht.

Als einer der ersten deutschen Unternehmer führte Philip Rosenthal 1963 ein Beteiligungssystem für Arbeitnehmer durch Mitbestimmung und Vermögensbildung ein. Auf diese Weise waren 1969 bereits 5,5 Prozent des Firmenkapitals in den Händen von 60 Prozent der Belegschaftsmitglieder. Kein Wunder, dass die regierenden Sozialdemokraten auf Rosenthal aufmerksam wurden. Der damalige Kanzler Willy Brandt konnte den Manager überreden, Bundestagsabgeordneter zu werden und in seine Regierung als Parlamentarischer Staatssekretär einzutreten. Bei Wirtschaftsminister Karl Schiller sollte er für die Vermögensbildung der Arbeitnehmer zuständig sein. Aber bald kam es zu Differenzen zwischen Rosenthal und seinem Minister. Die beiden "Alpha-Tiere" vertrugen sich nicht. Der Ministerkollege Gerhard Eppler brachte es auf den Punkte als er sagte: "Der Schiller hat einen Unternehmer erwartet und bekam den Rosenthal; der Rosenthal hat einen Sozialdemokraten erwartet und bekam den Schiller." Nach gut einem Jahr verließ Rosenthal das Kabinett Brandt, blieb aber zeitlebens Mitglied der SPD.


Philip Rosenthal, Sohn, (1916 - 2001)

Philip Rosenthal blieb unangefochten Chef des Unternehmens bis zum Jahr 1981, als er das 65. Lebensjahr erreicht hatte. Weitere acht Jahre bis 1989 diente er seiner Firma als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Als er einmal von einem Journalisten nach dem Erfolgsrezept seines Lebens gefragt wurde, antwortete er spitzbübisch: "Erfolg im Leben ist etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein." Einen geeigneten Nachfolger für den Vorstand gab es in seiner engeren Familie offenbar nicht, obwohl Philip im Laufe von fünf Ehen - davon zwei mit der gleichen Frau - für Nachwuchs reichlich gesorgt hatte.

Der Tod kam im September 2001. Rosenthal war vorbereitet. Er wollte im Vorhof seines Schlosses in Erkersreuth beerdigt werden. Auf einer schlichten Grabplatte ließ er folgende Inschrift anbringen:

"Vom Porzellan / verstand sein sogenannter König / eigentlich wenig. /
  Schon mehr der Bruder Rot / vom Menschen / und vom Ruderboot."

Epilog

In den vergangenen zwei Jahrzehnten, seit Philips Ausscheiden aus der Firma, gab es bei Rosenthal einschneidende Veränderungen. Im Jahr 1997 wurde das Unternehmen von dem britisch-irischen Waterford Wedgwood Konzern aufgekauft. Zehn Jahre später geriet Waterford Wedgwood in Liquiditätsschwierigkeiten und musste Konkurs anmelden. Damit wurde auch Rosenthal in den finanziellen Abgrund gerissen und war gezwungen im April 2009 die Insolvenz vor dem Amtsgericht in Hof zu erklären. Aber Rosenthal fand einen potenten Käufer. Das Unternehmen gehört seit dem 1. August 2009 dem italienischen Haushaltswarenhersteller Sambonet Paderno  und ist innerhalb dieses Konzerns weitgehend selbstständig. Der Firmensitz ist weiterhin Selb, das Unternehmen wird derzeit von dem Manager Pierluigi Coppo geleitet.

Für die Freunde des guten Porzellans ist eine Reise nach Selb zu den weitläufigen Schau- und Verkaufsräumen von Rosenthal immer noch ein guter Tipp.

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