Samstag, 12. März 2016

Nobelpreis für die Chronistin des Grauens

Wenn zur Herbstzeit, während der Frankfurter Buchmesse, die Nobelpreise für Literatur vergeben werden, dann ist meist eine Überraschung angesagt. Selbst die cleveren Londoner Buchmacher liegen häufig mit ihren Wetten schief - sonst wären die "ewigen Favoriten" wie Philipp Roth (USA), Haruki Murakami (Japan), Salman Rushdie (Indien) und Peter Handke (Deutschland) längst nobiliert worden. Ein weiterer auf dieser short list, der Italiener Umberto Eco, hat kürzlich das Zeitliche gesegnet.

Am 10. Oktober des Vorjahres war es nicht anders, als die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch zur Nobelpreisträgerin für Literatur ausgerufen wurde. Gemunkelt wird, es sei hilfreich gewesen, dass das 6-köpfige Stockholmer Preiskomittee kurz zuvor eine Frau, nämlich Sara Danius, zur Vorsitzenden bekam. Danius soll sich angeblich für ihr erstes Dienstjahr eine Frau als Preisträgerin gewünscht haben und möglicherweise wollten sich ihre fünf Akademikerkollegen nicht gleich zu Beginn bei ihrer Chefin unbeliebt machen.


Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch (geb.1968)

Die geborene Sowjetrussin Swetlana Alexijewitsch steht damit in einer Reihe mit drei berühmten Vorgängern aus ihrem Land, den Romanschriftstellern Boris Pasternak (Preis 1958 verliehen), Michail Scholochow (1965) und Alexander Solschenizyn (1970). Aber nur vordergründig gehört Swetlana in die Liste dieser Romanciers. Sie hat eine eigenständige Form von Literatur geschaffen, die durchaus gewöhnungsbedürftig ist und an die sich das Schwedische Komitee erst gewöhnen musste - obwohl die derzeit in Minsk lebende Weißrussin dafür bereits 2013 mit dem Preis der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet wurde.

Eine Archivarin der russischen Geschichte

Svetlana A. hat in vierzig Jahren ein halbes Dutzend Bücher geschrieben, welche die fast hundertjährige Geschichte der Sowjetunion und Russlands abdecken. Es sind keine Fiktionen, sondern allesamt "Tatsachen"-Romane. Sie entstanden in ihrer vollgestellten Küche, wo sie sich mit Soldatenmüttern unterhielt und mit Kriegskindern, mit Rotarmisten und den Opfern der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Das Gesagte wurde in Hunderten von Tonbandprotokollen festgehalten; die Gespräche und Interviews erstreckten sich über Stunden,Tage und manchmal auch über Wochen bis Monate. Zum Schluss, aber erst zum Schluss, fasste die Schriftstellerin ihre Gespräche collagenartig zusammen. Nach dieser aufwendigen Vorbereitung erscheinen ihre Bücher wie große "Chorwerke". Sie selbst nennt ihre Werke "Romane der Stimmen". Es sind  "Dokumentarromane", welche es in dieser Form bisher nicht gab, weswegen Svetlana auch zu Recht den Nobelpreis der Literatur erhalten hat.

In dem Roman "Zinkjungen" erzählen Soldaten und ihre Mütter vom Morden und Sterben in dem sinnlosen Afghanistan-Krieg. Am Ende waren es 15.000 Soldaten, die in dem zehnjährigen Inferno ihre Leben lassen mussten. Ihre Leichen durften den Angehörigen nur in kurzen, zugeschweißten Zinksärgen übergeben werden, was den Titel des Werks reflektiert. Der O-Ton einer Mutter im Buch: Ich weiß noch, der Sarg wurde ins Zimmer gebracht, ich habe mich darauf geworfen und wollte immer messen, messen...ein Meter, zwei Meter... mein Sohn ist doch fast zwei Meter lang...Wie eine Irre habe ich mit dem Sarg geredet: "Wer ist da drin, bist du da drin mein Sohn?"...




Ewiges Russland


Wenig bekannt ist, dass Millionen sowjetrussischer Frauen im 2. Weltkrieg an der Front waren, bereit für ihr Vaterland als Schütze, Infanterist, ja sogar als Panzerfahrer zu sterben. Insbesondere ab 1943, als es kaum mehr Männer zu rekrutieren gab, wurden ganze Güterzüge von Frauen in die vordersten Kampflinien geschickt - ohne sonderliche militärische Grundausbildung. Nach dem Krieg waren sie vergessen. Die Orden und Ehrenzeichen erhielten die feisten Generäle, welche sich zumeist in den rückwärtigen Etappen aufgehalten hatten.  Swetlana Alexijewitsch setzt diesen unbekannten tapferen Sowjetfrauen ein Denkmal mit Ihren Buch: "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht."


Der anschließende Kalte Krieg ist seit über zwanzig Jahren vorbei, doch das postsowjetische Russland sucht noch immer nach einer neuen Identität. In ihrem Buch: "Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus" lässt die Schriftstellerin diese Zeitperioden Revue passieren. Während man im Westen immer noch von der Gorbatschow-Zeit schwärmt, will man sie in Russland am liebsten vergessen. Inzwischen gilt sogar Stalin vielen  - auch unter den Jüngeren - wieder als der große Staatsmann. Für Swetlana leben die Russen gleichsam in einer Zeit des "secondhand", der gebrauchten Ideen und Werte.


Wladimir Putin kommt bei der Nobelpreisträgerin nicht gut weg. Für ihn ist das Ende der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Er hat seine Politik darauf ausgerichtet, die Schmach des Auseinanderbrechens vergessen zu machen: Russland soll wieder eine Weltmacht werden. Deshalb will er alles dem Begriff der "Größe" unterordnen: Das Zarenreich war groß, die Sowjetunion war groß und heute ist Russland (immer noch) groß.


In der Sowjetunion haben die Menschen nichts als Furcht und Autorität gekannt. Die heutigen Russen haben - nach Swetlana - "nicht die geringste vage Vorstellung darüber, was eine Zivilgesellschaft sein könnte". Sie akzeptieren die neuen Kriege in der Ukraine, der Krim und in Syrien als den direkten Weg zur Wiederauferstehung des großen russischen Weltreiches.

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