Freitag, 21. Juli 2017

Whistleblowing bei KIT - keine Erfolgsgeschichte

Jemanden "verpfeifen", also Übles nachreden, neudeutsch: sich als "Whistleblower" betätigen - nein, das tut man nicht. So ist die Einstellung der meisten Menschen. Und der Verfasser unserer Nationalhymne, der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, brachte es in seinen Aphorismen auf den Punkt: "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant". Hoffmann hatte diesbezügliche Erfahrungen. Als Germanistikprofessor verfasste er die sogenannten "Unpolitischen Lieder" - welche aber alles andere als unpolitisch waren. Ihretwegen wurde er immer wieder verpfiffen und von den diversen Landesherren sanktioniert. Bis zum Verlust seines Breslauer Lehrstuhls.

Gut hundert Jahre später hatte sich in der fast gleichen Landesgegend die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ausgebreitet. Unter der dortigen Regierung (Ulbricht, Honecker) kam das Spitzelwesen zu voller Blüte. Der Cheforganisator Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit (Stasi), engagierte nicht weniger als 200.000 sogenannte "Informelle Mitarbeiter" (IM) welche die restlichen 16 Millionen Staatsbürger zu observieren und zu denunzieren hatten. Die Folgen sind bekannt: die DDR kollabierte 1989, nicht zuletzt aufgrund der internen Pressionen.

Der Dieselskandal: wo sind die Schuldigen?

Welche Probleme entstehen können, wenn es kein - offenes oder geheimes - Überwachungssystem gibt, kann man an dem gegenwärtigen Dieselskandal erkennen. Die Autofirmen VW und Audi, (vielleicht auch Mercedes und Bosch) hatten offensichtlich Schwierigkeiten bei der Einhaltung der weltweiten Abgasvorschriften. Dies muss zu den Ingenieuren, tief unten in der Motorenabteilung, durchgedrungen sein. Flugs entwickelten diese Experten - ohne Auftrag von oben, natürlich! - eine "Schummel-Software", welche verhinderte, dass der TÜV bei seinen Überwachungen auf dem Rollenprüfstand dieses Abgasmanko erkennen konnte.

Das war den Konzernchefs, insbesondere dem sonst genau hinschauenden Martin Winterkorn,  nicht bekannt. Sonst hätte er - nach eigenen Aussagen - diese Manipulation sofort unterbunden und entsprechend bestraft. Dessen ungeachtet musste Winterkorn die Verantwortung tragen, weswegen er als Vorstandschef bei VW entlassen wurde. Natürlich bei standesüblicher Abfindung und auskömmlichem Ruhestandshonorar. Was aus den illoyalen Entwicklungsingenieuren wurde, ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Wären sie besser überwacht (vielleicht sogar bespitzelt) worden, dann könnte der bislang unbescholtene Topmanager heute noch seinen Job zum Nutzen der VW-Konzernfamilie ausüben.

Das 3-gestufte Informationssystem des KIT

Beim "Karlsruher Institut für Technologie" (KIT) steht jedem, der einen Sachverhalt aufdecken oder eine Person anschwärzen möchte, eine gesonderte Organisationseinheit zu Diensten. Es ist die OE "Compliance", kurz genannt "COMP", welche über die Einhaltung der Gesetze und die ethischen Standards wacht. Dafür zuständig ist die Juristin Margarita Bourlá, zusammen mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen, welche insgesamt der Vizepräsidentin  Christine von Vangerow berichten.

Die Stabsstelle COMP berät die Mitarbeiter des KIT in allen Fragen der Compliance und der Korruptionspräventation. Sie können Frau Bourlá auf drei verschiedenen Wegen erreichen:

1. Auf direktem schriftlichen oder telefonischen Weg, an die Adresse der Stabsstelle COMP.

2. Anonym über einen Vertrauensanwalt in Schorndorf
(wo es kürzlich bei einer Sommerparty zu Krawallen kam.)

3. Über ein elektronisches Hinweisgeberportal. Hierbei handelt es sich um ein anonymes Medium bei dem das System keine IP-Adresse protokolliert und die Datenbank mit einem 1024bit-Schlüssel sowie ein Nutzerpasswort gesichert ist.

Zwei anonyme Beschuldigungen

Wie oben dargestellt, beruht das Überwachungssystem des KIT weitgehend auf Anonymität. Dass dies nicht der Weisheit letzter Schluss ist, lässt sich an zwei Vorfällen in der noch kurzen KIT-Vergangenheit belegen, wo diese Methodik schrecklich schief gelaufen ist. Dabei kam es zu einer Vielzahl von negativen Berichterstattungen in den überregionalen Medien, worunter das Ansehen des KIT sehr gelitten hat.

1. Die Causa Axel Weis

Jemand musste - in fast kafkaesker Manier - den Projektmanager Axel Weis verleumdet haben. Denn am Morgen des 12. Februar 2008 durchsuchten zahlreiche LKA-Beamte sein Haus und sein Büro. Computer, Ordner und Finanzunterlagen wurden dabei beschlagnahmt. Selbst im gemeinsamen Ehe-Tagebuch lasen die Ermittler. Aus dem Durchsuchungsbeschluss ging hervor: Korruptionsverdacht bei der milliardenschweren Stilllegung der Karlsruher Atomanlagen. Die folgende Anklage endete im Dezember 2013 mit einem lupenreinen Freispruch. Aber seit der Razzia waren Axel´s Autorität und Ehre irreparabel vernichtet. Seinen gutdotierten Job war er ohnehin los. Fast eine Viertel Million Euro für entgangenes Gehalt, Rente und Gerichtskosten kamen obendrein.

Wie hätte es besser laufen können für Weis und das KIT? Nun, der Vorgesetzte des Beklagten, das Vorstandsmitglied Dr. Peter Fritz, hätte nicht gleich die Kriminalbehörde einschalten, sondern sich erst selbst umfassend mit dem Fall befassen sollen. Weis war sein langjähriger, ihm direkt unterstellter Mitarbeiter, den er in dienstlichen (und auch persönlichen!)  Dingen jahrelang nutzte und voll vertraut hatte. Von da her hatte Fritz eine hohe moralische Verpflichtung gegenüber Weis. Aber er wurde ihr nicht gerecht, der Chef zog sich zurück womit die Dinge ihren Lauf nahmen. Axel Weis ist im August 2016 an einem Herzinfarkt gestorben, sicherlich auch aus Frust und Gram über seine Situation.

Die Causa der Professorin Britta Nestler

Ein anderes Ereignis - ebenfalls ausgelöst durch eine anonyme Anzeige - betraf die KIT-Forscherin Britta Nestler. Für Ihre Forschungsergebnisse im Bereich der Materialwissenschaften sollte ihr am 15. März 2017 der Leibniz-Preis zuerkannt werden. Aber nur Stunden zuvor wurde das Preiskommittee anonym darüber informiert, dass mit den Publikationen der Preiskandidatin "etwas nicht stimme". Die Verleihung wurde deshalb aufgeschoben, stattdessen beauftragte man eine Expertengruppe mit der Begutachtung der inkriminierten Arbeiten.

Weder dem KIT noch dem Leibniz-Gremium ist wegen dieser Maßnahme ein Vorwurf zu machen. Glücklicherweise stellte sich nach (langen) vier Monaten heraus, dass die Vorwürfe unberechtigt waren und die Preisverteilung wurde mit allen Ehren im Juli nachgeholt. Ein Umstand bleibt jedoch noch dubios und wird immer noch im KIT heftig diskutiert: wie gelingt es Frau Nestler - fast im Monatstakt - Arbeiten aus ihren komplexen Fachgebiet zu veröffentlichen, wo andere froh sind, wenn sie es schaffen, bloß eine oder zwei Publikationen (pro Jahr!) zu erreichen? Wie schafft Frau Nestler (neben ihren Verpflichtungen als vierfache Mutter) dieses Quantum?  Ein wissenschaftlicher Vortrag der Professorin im Senat mit anschließender Diskussion könnte da Aufschluss geben. Und für die restlichen 9.000 Mitarbeiter ein Interview in der Hauszeitschrift "Dialog".

Was tun?

Die Tatsache, dass die beiden negativsten Vorfälle in der kurzen Geschichte des KIT auf anonyme Anzeigen zurückgehen - welche sich beides Mal als falsch erwiesen - sollte zu denken geben. Von daher gesehen ist es völlig unverständlich, dass dieser Informationsweg von der Abteilung Compliance so propagiert wird. Anonyme Denunziationen kann man zwar nicht verhindern, aber man muss sie auch nicht exzessiv fördern. Warum eröffnet COMP dafür verschiedene Wege, noch dazu ein Internetportal? Jeder Griesgram, der schlecht geschlafen, oder sich mit seiner Frau am Frühstückstisch gestritten hat, könnte sich dadurch - mit geringstem Aufwand - ermuntert sehen, am PC in seinem Büro, anonym und ungerechtfertigterweise, Dampf abzulassen.

Der umgekehrte Weg ist richtig: man sollte die Mitarbeiter ermuntern, eventuelle Probleme oder Beschwerden mündlich vorzutragen oder schriftlich bei Nennung des Namens. Und die Vorgesetzten - bis hinauf zum Präsidium - sollten sich verpflichtet fühlen, diesen Nöten ihrer Mitarbeiter eine angemessene Zeit zu widmen, auch wenn ihnen deren Probleme manchmal nicht so wichtig erscheinen mögen. Und man sollte nicht vergessen, dass es im KIT m. E. einen durchaus kompetenten Personalrat gibt, dessen Pflicht es ist, den Mitarbeitern bei ihren Nöten zu helfen und als Mediator zur Seite zu stehen.

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