Samstag, 5. August 2017

Die "documenta 14" auf Abwegen

Die "documenta" ist die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre statt (früher alle vier Jahre) und dauert jeweils 100 Tage, weswegen sie auch als das Museum der 100 Tage bezeichnet wird. Die erste documenta, die documenta 1, wurde 1955 veranstaltet und ging auf die Initiative des Kunsthistorikers Arnold Bode zurück. Der Standort aller documenta-Ausstellungen war bisher stets die hessische Stadt Kassel. Die diesjährige documenta 14 wurde am 10. Juni 2017 in Kassel eröffnet; gleichberechtigter Standort ist erstmals die griechische Hauptstadt Athen, wo die Eröffnung schon früher, nämlich am 8. April 2017 erfolgte.

Mit meiner Familie und Freunden habe ich alle zehn documenta-Ausstellungen seit 1968 in Kassel jeweils mehrere Tage besucht und die vielen Objekte, Skulpturen und Installationen zumeist sehr genossen. In Erinnerung bleibt mir die Honigpumpe des Künstlers Joseph Beuys im Museum Fridericianeum. Dabei ließ Beuys drei Zentner Honig durch ein System von 170 Metern Schläuchen bis hinauf zur Lichtkuppel pumpen und behauptete, damit ein Modell der menschlichen Gesellschaft gefunden zu haben. Im Detail konnte man seine Philosophie wortreich in einem Begleitbuch von Klaus Staeck nachlesen. Beuys stellte sich auch den Kommentaren der Besucher und ließ meine kritischen Physikereinwendungen zur Thermohydraulik seines Systems gelassen abtropfen.

Auf die documenta 14 habe ich mich eigentlich seit Jahren gefreut und der Besuch im August war fest eingeplant. Nun, da die Ausstellung begonnen hat und zögere ich mit meiner traditionellen Wallfahrt nach Kassel. Einige Dinge, die ich über die Medien erfahren habe, dämpfen meine Reiselust. In diesem Blog möchte ich meine daraus abgeleitete Skepsis begründen.


"Von Athen lernen"?

Dass die Filmstadt Cannes oder der Biennale-Ort Venedig sich mit einer weitaus größeren Stadt (wie etwa Bukarest oder Warschau) verbünden und damit ihre weltweite Identität aufgeben, ist schlechterdings undenkbar. Aber der documenta-Metropole Kassel ist dies mit Athen gelungen. Die griechische Hauptstadt hatte sogar die Ehre, die D14 im April zu eröffnen. Der polnische Chefkurator Adam Szymczyk  lancierte schon bald nach seiner Ernennung im Jahr 2013 die Idee einer "Doppel-Documenta" und der D14-Aufsichtsrat ließ dies fahrlässigerweise zu. Gleichsam als "Kunst-Airbnb" flogen wöchentlich zwei Flugzeuge von Kassel nach Athen und zurück. Inwieweit Adams in Athen wohnende Gattin Alexandra hinter dem ganzen Unternehmen steckt, ist Stoff für mediale Spekulationen; im Internet wird jedenfalls über "polono-hellenischen-Nepotismus" gemunkelt.

Gewiss, von Athen konnte man Vieles lernen - aber das ist 2.500 Jahre her, in der kurzen Periode der Geistesgrößen Platon, Perikles und Aristoteles. Danach regierte das Römische Imperium und noch später kam das dunkle halbe Jahrtausend des Osmanischen Reiches hinzu, wodurch das "klassische Griechenland" vollends unterging. Der mythisch schillernde Ruf von Hellas als "Wiege der Demokratie und Philosophie" war damit vorbei. Heute ist Athen die wirtschaftlich etwas herunter gekommene Kapitale eines verarmten Landes, das unter Finanzproblemen und dem Flüchtlingszustrom leidet. Dagegen war Kassel stets eine geruhsame Residenz-und Beamtenstadt mit bedeutenden eigenen Kunstschätzen.

Eine Ausstellung lebt auch vom Ort, an dem sie stattfindet - und die Orte, die das Kuratorenteam in Athen zur Präsentation ihrer Kunstwerke gefunden hat, sind außergewöhnlich. Es sind Hochschulen, Wohnungen, Gassen, Bars, Friedhöfe, Läden, Plätze etc. Die Kunst bespielt sozusagen die ganze 4-Millionen-Einwohner-Stadt und ist trotzdem schwer zu entdecken. Einer der Hauptorte der D14-Athen, das Nationale Museum für Gegenwartskunst (EMST), lag bis vor kurzem in einem Dornröschenschlaf. Es ist - aus Geldgründen - nie eröffnet worden; die meisten Künstler, deren Werke dort gezeigt werden, sind selbst den Fachleuten nicht bekannt. Da gab die Performance von Ross Birrell schon mehr her: er ließ einen Athener Reiterverein nach Kassel reiten, mehr oder minder auf der Route, welche auch 2015 die Flüchtlinge nach Deutschland nahmen.


Ab nach Kassel

Als der Hengst Hermes mit vier Wanderreitern in Kassel einrückte, war der zentrale Friedrichsplatz gefüllt mit Zuschauern. 20 Hobbyreiter hatten den Tross auf dem letzten Streckenabschnitt begleitet. Nach 3.000 zurückgelegten Kilometern endete so eine der meistbeachteten Aktionen der documenta Athen-Kassel. Eine Frau und drei Männer waren auf ihren  Pferden 100 Tage unterwegs gewesen.

Den Ursitz aller documenta-Ausstellungen, das Fridericianeum, hat der schüchtern erscheinende D14-Macher, Adam Szymczyk, den Griechen gleich ganz überlassen. Depotkunst aus dem EMST, jahrzehntelang aus guten Gründen versteckt, macht sich nun im Kasselaner Parademuseum breit. Viele Werke mit Stacheldraht, Nationalfahnen aus Glas und weitere schöne Belanglosigkeiten
zieren deren Räume. Künstler von heute tauchen nur vereinzelt auf, dafür jede Menge Veteranen. Offenbar zählten für den Kurator und sein Team allein die Geste: Wir öffnen euch unser Haus.

Über dem Eingang des Fridericianum prangt die Giebelüberschrift : beingsafeisscary. Viele reiben sich die Augen - bis jemand zur (partiellen) Entschlüsselung beiträgt. Gemeint ist: Being Safe is Scary. Aber noch bleibt die Botschaft rätselhaft. Schließlich einigen sich die Kunstzeitschriften darauf, dass  damit ein Gruß an bedrohte Minderheiten gemeint ist. Na ja., klingt irgendwie nach Poesiealbum.

Ein Publikumsmagnet ist offenbar der Parthenon der verbotenen Bücher, ein stattlicher griechischer Tempel auf dem Friedrichsplatz, 70 mal 30 Meter im Grundriss. Die Kinder lieben ihn, da er auf erstem Blick wie eine Hüpfburg erscheint. Aber in seiner Plastkhaut sind eine große Anzahl Bücher eingeschweißt, die angeblich - irgend wann mal und irgendwo auf der Welt - verboten waren. Natürlich ist man nicht überrascht, dort die Satanischen Verse von Salman Ruschdi zu sehen, aber über die Schlümpfe und den Winnetou staunt man doch gehörig. Nicht vertreten ist Mein Kampf von Adolf Hitler, dessen Verbot jahrzehntelang in Deutschland diskutiert wurde. Etwas enttäuscht ist man, wenn man erfährt, dass der gleiche Parthenon schon 1983 in Buenos Aires von der Künstlerin Marta Minujin "uraufgeführt" wurde, anlässlich des Endes der argentinischen Militärherrschaft. Ein Beispiel für das erfolgreiche Recyceln von Kunstwerken!



Parthenon der verbotenen Bücher
mit einer Kunst-Prozession im Vordergrund



Kritik an der Documenta 14

Bei jeder Documenta gibt es vielfältige Kritik an der Ausstellung. Bei der D14 konzentrierten sich die Einwendungen auf die Wahl des Ortes, der Künstler und des Kuratoren-Teams.

1. Enttäuschendes Athen, überladenes Kassel:
Von Anfang an war die Wahl der griechischen Hauptstadt Athen als - gleichberechtigter (!) - Ausstellungsort umstritten. Man befürchtete einen Verlust der traditionellen Kasselaner Aura. Außerdem verlängerte sich dadurch das "Museum der 100 Tage" auf satte 163 Tage. Im Nachhinein gesehen waren diese Sorgen wohl unberechtigt. Viele Athener haben (angesichts ihrer viel wichtigeren wirtschaftlichen Sorgen) die D14 gar nicht erst wahrgenommen. Jedenfalls haben Szymczyk & Co die Publikumswirkung der Ausstellung in Griechenland anfangs viel höher eingeschätzt. ---
Kritisch wurde auch die Aufblähung der documenta in Kassel selbst gesehen. An nicht weniger als 35 Plätzen im Stadtgebiet waren Kunstwerke zu betrachten - wenn auch manchmal sehr versteckt. Um sich hier einen Überblick zu verschaffen, müsste man schon mindestens drei volle Tage in Kassel verweilen, was sicherlich den wenigsten Kunstfreunden möglich ist. Sehr bedauert haben viele Besucher, dass im wundervollen Park Karlsaue nur zwei Installationen zu sehen sind.

2. Die Künstler:
Auf der D14 sind die Werke von 160 Künstlern zu sehen. Ihnen wurde vom Kuratoren-Team auferlegt, mindestens je ein Werk für Athen und Kassel bereitzustellen. Nicht alle konnten dies selbst bewerkstelligen, denn bei Ausstellungsbeginn war schon fast die Hälfte der Künstler verstorben. Bedenkt man, dass die documenta den Anspruch erhebt, zeitgenössische Werke zu präsentieren, so ist der Anteil der bereits Verblichenen erstaunlich hoch.

Teilnehmende Künstler (Auswahl):
Akinbode Akinbiyi, Peter Friedl, Katalin Ladik, R.H. Quaytman, Zafos Xagorias

Verstorbene Künstler, deren Werke ausgestellt wurden (Auswahl):
Arseny Avraamov (1886-1944), Carl Friedrich Echtermeier (1840-1919), Krzysztof Niemczyk (1938-1994), Benjamin Patterson (1934-2016), August Spies (1855-1887)

3. Kuratoren und Kommunikation:
Der 1970 in Polen geborene Documenta-Leiter Adam Szymczyk hat leider nicht die Ausstrahlung und die Souveränität seiner Vorgängerin, der Amerikanerin Carolyn Christov-Bagargiev. Sozialisiert in der Warschauer Kunstszene leitete er einige Jahre die Kunsthalle in Basel. Adam S. liegt nicht das bestimmende Auftreten, er neigt mehr zur Rolle des Conférenciers, der Ideen einbringt und deren Vertiefung und Ausführung seinen Mitarbeitern überlässt. Das war sein Kuratoren-Team, erstaunliche 15 Personen an der Zahl, welche sich aber nie zu einer "kohärenten Mannschaft" zusammen finden konnten.
Trotzdem, die Idee der Doppel-documenta geht auf Szymczyks Kappe, ebenso wie der Ersatz der beim Publikum beliebten Führungen durch einen sterilen "Chor" und die Abschaffung der früher handlichen Kurzführer in Buchform, worin die Künstler und ihre Werke knapp und verständlich dargestellt wurden. Stattdessen wird ein "Daybook" angeboten, 700 Seiten stark und 35 Euro teuer, worin der Chef-Kurator Adam S. - in bestem Kunsthistoriker-Deutsch -  sein eigenes apokalyptisches Weltbild ausbreitet.

Arte Povera








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