Mittwoch, 22. November 2017

Kahlschlag bei Siemens?

Vor gut sechs Jahren wurde die sogenannte Energiewende - praktisch im Alleingang - von der Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeläutet. Im Kern war es ein Programm zur radikalen sofortigen bzw. kurzfristigen Stilllegung von 17 deutschen Kernkraftwerken und ihren Ersatz durch dezentrale Stromversorgungseinheiten, insbesondere gespeist durch Sonne und Wind. Dieser Schwenk sollte u. a. zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beitragen. Originalton Merkel bei der Einweihung eines Labors der Firma Bosch: "Wir werden wunderbare Dinge erleben". 

Diese trat im Bereich der Sonnenenergie rasch ein, allerdings anders als erwartet. Durch die überhöhten Einspeisevergütungen wurden die chinesischen Kollektorhersteller auf den deutschen Markt gelockt, welche mit ihren Niedrigpreisen die heimischen Modulproduzenten bald in die Insolvenz trieben. Beispielhaft seien die einstigen deutschen Börsenstars genannt: Solarworld, Q-Cells, Centrotherm, Solon und Solar Millenium.

Auf dem Gebiet der Windenergie sammelte die Firma Prokon etwa 1,45 Milliarden Euro Fremdkapital zum Bau von Windrädern ein und musste 2014 Insolvenz anmelden. Die vielen Anleger waren an dem Projekt über sog. Genussrechte beteiligt und gingen fast durchweg leer aus.

Der nächste Schlag traf die Energieversorgungsunternehmen, also die Stromfirmen. Insbesondere wegen der gesetzlich erzwungenen Vorzugseinspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien, sank bei RWE im Jahr 2014 sowohl der Umsatz als auch der Gewinn drastisch. Der Konkurrent EON sah sich veranlasst, den Konzern in zwei Teile aufzuteilen, musste aber trotzdem einen Verlust von 3,1 Milliarden Euro hinnehmen. Die EnBW finanzierte ihre Mini-Dividende von 69 Cent pro Aktie aus der Substanz zu Lasten eigentlich notwendiger Investitionen.

Nun, im Jahr 2017, ist die Energiewende auch bei der Elektrofirma SIEMENS angekommen. Umfangreiche Personalentlassungen und die Stilllegung ganzer Standorte wurden kürzlich vom Vorstand angekündigt; ihre Ursachen und Auswirkungen sollen in diesem Blog beschrieben werden.


Massive Strukturprobleme

Die Firma Siemens wurde am 1. Oktober 1847, also vor ziemlich genau 170 Jahren, von dem Ingenieuroffizier Werner Siemens und seinem Feinmechanikermeister Johann Georg Halske als die Telegrafen Bau-Anstalt Siemens & Halske in Berlin gegründet. Heute, nach vielen Umwandlungen, ist Siemens ein riesiger Technologiekonzern mit 380.000 Mitarbeitern weltweit und einem Jahresumsatz von ca. 80 Milliarden Euro. Seit August 2013 wird das Unternehmen von dem Betriebswirt Joe Kaeser (60) geführt, der dort zuvor sieben Jahre lang als Finanzvorstand tätig war. Die Hauptgeschäftsfelder des Mischkonzerns Siemens sind derzeit Energietechnik, Medizintechnik, Mobilität und Gebäudemanagement.

Als Nachfolger von Peter Löscher und (den in eine Korruptionsaffäre verstrickten) Heinrich von Pierer brachte Kaeser das Unternehmen anfangs durchaus voran. Aber seit einem halben Jahr scheint dem Siemenschef die Fortune verlassen zu haben. Insbesondere im wichtigsten Geschäftsfeld Energie gehen die Umsätze drastisch zurück. Die Bestellungen für große Gasturbinen, früher ein gutes Geschäft, sind stark eingebrochen. Statt 200 dieser Großkomponenten werden nur noch 130 gebraucht, um die sich Siemens mit General Electric und Mitsubishi herumbalgt. Noch schlimmer, nämlich um 70 Prozent, ist der Markt für Dampfturbinen eingeknickt. Kleinere dezentrale Anlagen werden jetzt nachgefragt, um die Schwankungen bei Wind- und Sonnenstrom auszugleichen. Große Einheiten sind Auslaufmodelle und stehen auf Halde. Immer deutlicher wird, dass Siemens den Weltmarkt nach der Energiewende falsch eingeschätzt, ja verschlafen,  hat.



                           Turbine von Siemens, derzeit wenig gefragt (Wiki)

Hinzu kommen noch teure Ankäufe von Beteiligungen zur falschen Zeit. So wurde die amerikanischen Firma Dressler-Rand (ein Ausrüster für Öl- und Gasanlagen) Mitte 2014, kurz vor dem Absacken der Ölpreise zum Hochpreis von fast 8 Milliarden Euro erworben. --- Auch das Geschäft mit Windrädern, das die Energiewende nutzen sollte, läuft nur schleppend. Der Ankauf der spanischen Windkraftfirma Gamesa war kein Erfolg, denn seit April d. J. reduzierte sich ihr Börsenwert um mehr als die Hälfte. Schuld daran sollen operative Verluste und kulturelle Grabenkämpfe zwischen deutschen und spanischen Ingenieuren sein.



Der Katalog der Grausamkeiten

Vor einer guten Woche hat der Siemensvorstand den Stecker gezogen. Angekündigt wurde der Abbau von Personalstellen samt Werksschließungen. Weltweit sollen nahezu 7.000 Beschäftigte freigesetzt werden, davon ca. 4.000 in Deutschland. Diese Maßnahmen werden sich über die kommenden zwei bis drei Jahre erstrecken. Am stärksten ist das Geschäftsfeld Öl und Gas (Power and Gas) und das Geschäft mit Großkraftwerken tangiert; dort sollen 6.200 Arbeitsplätze bedroht sein. Schlimm trifft es die ostdeutschen Werke, weil Görlitz (720 Mitarbeiter) und Leipzig (200) in Gänze geschlossen werden sollen. Auch das traditionsreiche Berliner Dynamowerk mit 570 Beschäftigten wird den Betrieb aufgeben müssen. Für den Generatorenstandort Erfurt wird ein Käufer gesucht. Nach Möglichkeit sollen die Entlassungen sozialverträglich abgewickelt werden; betriebsbedingte Kündigungen werden aber nicht ausgeschlossen.

Die Proteste der Siemens-Mitarbeiter in den Medien und auf der Straße sind seit Tagen vernehmbar.  Auch der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sich in die Kontroverse eingeklinkt und den Stellenabbau bei Siemens (am Rande seiner Koalitionsgespräche beim Bundespräsidenten Frank Steinmeier) als volkswirtschaftlich irrsinnig und verantwortungslos scharf kritisiert. Darauf reagierte Joe Kaeser mit einem "Offenen Brief". Er wies darauf hin, dass Siemens allein in den vergangenen fünf Jahren 20 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben an den deutschen Staat überwiesen habe. Wegen der Energiewende, die in "Ausführung und Timing" höchst unglücklich war, habe der Konzern reagieren müssen, denn in Deutschland gäbe es kaum mehr Nachfrage nach Gas- und Kohlekraftwerken. Der Siemens-Vorstand habe die Pflicht, absehbare Strukturprobleme rechtzeitig und proaktiv anzugehen.


Die neue Konzern-Strategie von Joe Kaeser 

Eigentlich erscheint Siemens als eine kerngesunde Firma. Im Geschäftsjahr 2016 haben 380.000 Beschäftigte, davon 115.000 in Deutschland, einen Umsatz von 83 Milliarden Euro und einen Gewinn von 9,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Wie konnte es vor diesem Hintergrund zu den oben beschriebenen Unruhen in dem Unternehmen kommen, angesichts der Aufkündigung von "nur" 7.000 Arbeitsplätzen in den kommenden Jahren? Nun, dahinter verbirgt sich eine weitreichende Änderung der Unternehmensstrategie, welche kurz beschrieben werden soll.

Unter Kaesers Vorgängern, nämlich Heinrich von Pierer, Klaus Kleinfeld und Peter Löscher wurde Siemens als klassischer Mischkonzern (engl. Konglomerat) geführt. Die verschieden hohen Gewinne der einzelnen Geschäftsbereiche (Divisionen) wurden am Jahresende gewissermaßen zusammengeworfen und daraus ein Gesamtgewinn ermittelt. Gewinnschwache Divisionen wurden hinsichtlich der erforderlichen Investitionen über etliche Jahre alimentiert, sprich quersubventioniert und so mitgeschleppt. (So wie das auch im städtischen Haushalt zuweilen  noch üblich ist, wo der Strombereich häufig die Straßenbahnen finanziell unterstützt.)

Dieses altruistische Management wird heute nicht mehr gerne gesehen. Es sind insbesondere die Fondsmanager und Börsenanalysten, welche die Konzernchefs vor sich hertreiben. Joe Kaeser hat daraus die Konsequenz gezogen, indem er - metaphorisch gesprochen - Siemens nicht mehr wie einen großen, trägen Tanker führt, sondern wie eine Anzahl von kleinen, aber wendigen Schnellbooten. Jede Siemens-Sparte hat die Pflicht so gut zu sein, wie der stärkste Wettbewerber weltweit. 11 bis 13 Prozent Rendite vom Umsatz sind die Zielmarke. Das war im vergangenen Jahr bei den Divisionen Medizin und Mobilität der Fall, aber eben nicht bei den Turbinen und Generatoren. In der Konsequenz streicht Kaeser deren Arbeitsplätze, bis Fabrikation und Nachfrage wieder im Lot sind.

Für die Mitarbeiter bei Siemens ergibt sich daraus die ungewohnte Situation, dass ihre Arbeitsplätze plötzlich unsicher werden, wenn sich das politische Umfeld verändert, wie bei der Energiewende. Für die deutschen Spitzenpolitiker hat dies die Konsequenz, dass ihre Entscheidungen im Bundestag eine schnelle und sichtbare Folge auf dem Beschäftigungsmarkt haben können.

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