Samstag, 17. November 2018

Ausgetrickst ?

Unter Jogi Löw als Trainer begann die Talfahrt des Karlsruher Sportclubs (KSC). In seiner kurzen Ägide vom Oktober 1999 bis zum März 2000 konnte er von 18 Spielen nur ein einziges gewinnen, worauf der Verein unrettbar der 3. Liga entgegen trudelte. Allerdings muss man dem späteren National-Coach zugute halten, dass der KSC zur damaligen Zeit nur noch über einen Rumpfcader verfügte. Folgende Auswahlspieler hatte das Präsidium in den vorausgehenden erfolgreichen Jahren bereits (zum Teil viel zu billig) verkauft: Thomas Häßler, Michael Tarnat, Dirk Schuster, Sean Dundee, Thorsten Fink, Oliver Kahn, Oliver Kreuzer, Jens Nowotny, Mehmet Scholl, Michael Sternkopf, Guido Buchwald und Bruno Labbadia.

Die meisten Spieler entstammten der "Goldenen Ära" des KSC unter dem Trainer Winfried Schäfer (1986 - 1998) und dem Präsidenten Roland Schmider (1974 - 2000). In diesem Zeitraum war der KSC über 11 Jahre lang ohne Unterbrechung in der obersten Spielklasse, also der Bundesliga und gewann unter anderem sensationell ein UEFA-Pokal-Spiel gegen den FC Valencia mit 7:0 auf dessen Platz.

Das alte Stadion taugt nicht mehr

Keine Klasse, kein Geld

Nach der Jahrtausendwende fing das Elend beim KSC an. Bis heute, also fast über zwei Jahrzehnte hinweg, war der KSC nur noch in zwei Spielzeiten (2007/08 und 2008/09) in der 1. Liga, als der unvergessliche "Ede" Becker Betreuer der Mannschaft war. Die längste Zeit (13 Saisons) torkelte der Club im Mittelfeld der 2. Bundesliga herum und vier Mal (wie derzeit) musste er sich sogar mit der 3. Liga bescheiden. --- Der Verbrauch an Trainern war entsprechend: von der Jahrtausendwende bis heute versuchten 20 Spielleiter ihr Glück im Wildparkstadion, durchschnittlich also nur jeweils ein halbes Jahr lang. Den absoluten, heute noch gültigen Ligarekord, stellte der Coach Reinhold Fanz auf. Er durfte nur sieben Tage bleiben, weil Utz Claassen, der Chef des damaligen Hauptsponsors EnBW mit ihm nicht einverstanden war. --- Entsprechend kurz waren auch die Amtszeiten der damaligen Vereinspräsidenten. Von 2000 bis 2010 agierten Detlef Dietrich, Hubert H. Raase und Paul Metzger. Gerhard Seiler, der frühere Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe, musste 2002 sogar für nur neun Monate als "Notpräsident" einspringen und konnte damit den Verein vor der Insolvenz retten. Ab 2010 kam etwas Ruhe in die Vorstandschaft. Seitdem agiert Ingo Wellenreuther, ehemals Richter am Landgericht und seit vier Legislaturperioden CDU-Bundestagsabgeordneter für Karlsruhe.

Wo keine spielerische Klasse ist, da ist bald auch die Geldkasse leer. Für den Spielercader stehen derzeit kaum mehr als 5 bis 6 Millionen Euro pro Saison zur Verfügung, die TV-Gelder liegen bei bescheidenen 1, 2 Mio Euro. Seit Jahren muss der Verein durch Zuwendungen privater Gönner ( Kölmel, Pilarsky) über Wasser gehalten werden. Trotzdem plagen ihn Altschulden in der ungefähren Höhe von 20 Mio Euro. In der vergangenen Saison hat der KSC ein "negatives Ergebnis" von 86.000 Euro erwirtschaftet.--- Auch beim Einwerben von Drittmitteln hat der KSC kein glückliches Händchen. Das Trikot zierte früher den Schriftzug der großen Karlsruher Lebensversicherung AG (Karlsruher Leben), später war der Stromkonzern EnBW der Hauptsponsor. Beide sind ausgestiegen, nun wurde ein Vertrag mit der Firma Klaiber gemacht, einem mäßig bekannten Markisenhersteller aus dem Karlsruhe Umland. Als Ausrüster der KSC-Mannschaften figuriert das regionale Unternehmen JAKO. Seine Autos (Marke: Volvo) bezieht der Verein von der dem Karlsruher Autohaus Geisser.


"Ein neues Stadion muss her"

Die Spielstätte des KSC ist das Wildparkstadion, mit ca. 35.000 Plätzen idyllisch im stadtnahen Hardwald gelegen. Die Stadt Karlsruhe als Eigentümerin hat diese Immobilie immer wieder den Erfordernissen angepasst, etwa durch den Einbau von Flutlichtanlagen, Videowänden und einer imposanten Zuschauertribüne. Die geringen Mietzahlungen hielten das KSC-Präsidiums und seine verschiedenen Fan-Clubs nicht davon ab, immer wieder aufs Neue weitere Modernisierungen zu verlangen. Eine solche Kampagne lief um das Jahr 2007, als durch einen massiven Umbau ein Großteil der Zuschauerplätze überdacht werden sollte. Der damalige Oberbürgermeister Reinhard Fenrich ließ sich auf diese Umbauwünsche ein und kalkulierte einen Investitionsbedarf von 60 Millionen Euro, woran sich der Club mit 10 bis 20 Prozent beteiligen sollte. Der KSC winkte jedoch ab und verwies auf seine angeblich desolate Finanzlage. Damit war das Gemeinschaftsprojekt zunächst gestorben.

Ein neues "Spiel" ergab sich ab 2013 mit neuem Spitzenpersonal, nämlich dem SPD-Oberbürgermeister Frank Mentrup und dem damaligen KSC-Präsidenten Ingo Wellenreuther. Obwohl sich die Finanzlage des Vereins kaum nennenswert gebessert hatte, ging Wellenreuther aufs Ganze und forderte den Neubau eines Stadions - entweder an der gleichen Stelle oder an alternativen Standorten. Ein halbes Dutzend solcher Bauplätze wurden im Stadtrat diskutiert und kalkuliert; sie beliefen sich allesamt auf über hundert Millionen Euro und schienen damit unfinanzierbar zu sein.

In dieser verfahrenen Situation kam dem KSC und seinen Anhängern ein anderes öffentliches Projekt zur Hilfe: das Staatstheater. Es meldete einen Sanierungsbedarf in der gigantischen Höhe von 350 Millionen Euro an und war damit drei Mal so teuer wie das Fußballstadion. In der Folge entwickelte sich eine muntere mediale Debatte in Leserbriefen und Internetblogs. Sie führte zu dem Ergebnis, dass die Öffentlichkeit bald davon überzeugt war, dass für das sportliche Image der Stadt mindestens genau so viel getan werden müsse, wie für das kulturelle - auch wenn die Finanzierung aus verschiedenen Quellen erfolgt. Aus dieser argumentativen Zwickmühle konnten sich die Stadtoberen in der Folge nicht mehr befreien, sodass am 18. November 2016 die Verträge für das neue Stadion am Wildpark unterzeichnet wurden: von der Stadt Karlsruhe als Bauherrin und dem KSC als zukünftigen Mieter. Die Stadtverwaltung war ausgetrickst.


Endlich! Das neue Stadion

Mittlerweile wurde Ende Oktober 2018 der Nutzervertrag für das neue Stadion zwischen der Stadt Karlsruhe und dem KSC notariell abgesegnet. Nach dem anschließenden "ersten Baggerbiss" durften die Fans die Plastikschale ihres geliebten Sitzes abmontieren und kostenlos nach Hause abschleppen. Durch ausladende Business- und Logenplätze auf der Haupttribüne versucht der KSC künftig viel Geld "nebenher" zu verdienen. Das ist auch notwendig, denn das neue Stadion kostet insgesamt satte 123 Mio Euro.  Während der vertraglich vereinbarten Pachtdauer von 35 Jahren will der KSC davon der Stadt 74,5 Mio zurückzahlen. Dieser Kalkulation liegt zugrunde, dass der Club in einem Betrachtungszeitraum von 10 Jahren ein Jahr in der 3. Liga spielt, sieben Jahre in der 2. Liga und zwei Jahre in der 1. Bundesliga. Na, ja!

Die Bauarbeiten sollen im Frühjahr 2022 abgeschlossen sein. Währenddessen wird der Spielbetrieb stets aufrecht erhalten. Zwei Hilfstribünen hinter den Toren sollen dies gewährleisten und 15. 000 Plätze zur Verfügung stellen.

Hip, hip, hurra!

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