Sonntag, 18. April 2010

Dr. Traubes gesammeltes Schweigen.

Die Atomkraft hat in Deutschland viele Gegner, aber kaum einer ist so bekannt wie der Maschinenbauer Dr. Klaus Traube. Vom Ende der siebziger Jahre bis weit in die neunziger hinein, war er in den Medien nahezu omnipräsent. Wie ein wiederauferstandener moderner Savonarola geisselte er die "Technokraten" der Atomindustrie und der Kernforschungszentren. In seinem 1977 geschriebenen Buch "Müssen wir abschalten?" untermauerte er seine Thesen u. a. damit, dass er auf seine ca. eineinhalb Jahrzehnte währende Tätigkeit beim Bau von Kernkraftwerken verwies. Indes, seine Selbstauskünfte zu diesem Kapitel seines beruflichen Lebens sind seltsam blass und wenig detailliert. Sie muten eher an wie Dr. Murkes gesammeltes Schweigen. Es ist die Absicht dieses Blogs, die Leistungen des Herrn Dr. Traube als Kernkraftingenieur und -manager etwas stärker in den Einzelheiten zu beleuchten.



Chefplaner Klaus Traube weist den Weg aus der Kernenergie
(Ca. 50jährig - aus Buch:"Müssen wir umschalten")

Beginnen wir mit dem Heissdampfreaktor (HDR) in Kahl, einem Kernkraftwerk das zwischen 1965 und 71 von der Firma AEG-Telefunken gebaut wurde. Dr. Traube war bei diesem Unternehmen damals "Leiter des Fachgebiets Leistungsreaktoren" und damit sehr ranghoch angesiedelt. Der HDR war im wesentlichen ein Siedewasserreaktor, aber im Unterschied zu diesem sollte der Dampf ein zweites Mal durch den Reaktorkern geschickt werden. Durch diese Überhitzung erhoffte man sich einen höheren Wirkungsgrad und damit geringere Stromkosten. Aber die Inbetriebnahme des HDR im Frühjahr 1971 geriet zum Fiasko. Die Betriebsmannschaft detektierte radioaktives Spaltgas im Reaktorraum und mit Entsetzen stellte man fest, dass alle Heissdampfbrennelemente falsch ausgelegt waren: die Wandstärke der Spaltgasrohre war zu gering bemessen und hielt deshalb dem Betriebsdruck des Reaktors nicht stand. Für die Auslegung aber waren Dr. Traube und seine Mannschaft verantwortlich. Nach dieser Havarie verzichtete der Betreiber des HDR auf die Neuplanung des Reaktorkerns und legte die Anlage still. 200 Millionen Mark (einschliesslich vorlaufender Versuche) waren à fond perdu abzuschreiben. Einige Komponenten des HDR wurden in der Folge für ein - nichtnukleares - Versuchsprogramm genutzt und die Reaktorhülle nach ihrer Entkernung 1998 effektvoll in die Luft gesprengt.



Der Heissdampfreaktor HDR wird (nach Entkernung) gesprengt

Nach dem HDR-Desaster verliess Traube die AEG - manche sprachen von "Abschiebung" - und wechselte zum Siemenskonzern, wobei er eine Vakanz in der Tochterfirma Interatom nutzte. Dort wurde er federführender Geschäftsführer für den Schnellen Brutreaktor SNR 300, der in Kalkar gebaut werden sollte. In dieser Funktion war er "Chefplaner" des Brüters , wie auch in seinem o. g. Buch vermerkt ist. Doch hier erlebte Traube ein wahres Cannae. In den ersten drei Jahren der Bauzeit akkumulierte das von ihm geführte Projekt nicht weniger als 20 Monate Terminverzug und sage und schreibe 750 Millionen Mehrkosten. Wesentliche Komponenten, wie der Notkühlkreislauf, die Dampferzeuger, die Zwischenwärmetauscher und der Reaktortankträger wurden von der Genehmigungsbehörde als unsicher abgelehnt und waren neu zu planen. Aus dieser Zeit - der Phase des Planungschefs Traube - resultierten viele spätere Probleme des Kalkarbrüters, die schliesslich 1991 zu seinem Ende führten.

Die Schwierigkeiten mit dem SNR 300 hinderten Traube aber nicht - praktisch parallel - einen vier Mal so grossen Brüter, den SNR 2 voran zu treiben, dessen Reaktorkern über 5.000 (!) Kilogramm Plutonium beinhalten sollte. Etwa 100 Millionen Mark wurden bis 1976 in dieses Projekt gesteckt. Ebenfalls vergeblich, denn spätere Grossbrüter, wie der European Fast Breeeder (EFR) griffen Traubes Konzept nicht auf.

Die Aufstellung von Traubes Projektleichen wäre unvollständig, würde man nicht noch die beiden Siedewasserreaktoren KRB Gundremmingen und KWL Lingen erwähnen. Wegen vieler Störfälle, inbes. bei KWL, kamen sie nie richtig in Schwung, sodass die Eigentümer schon nach 10 Jahren endgültig abschalteten. Traube war bei beiden Kernkraftwerken in einer Art Gruppenleiter- bzw. Abteilungsleiterposition (z. T. von USA aus) tätig.

Betrachtet man nur die erstgenannten Projekte HDR, SNR 300 und SNR 2, so hatte Traube drei Kernkraftwerke, die unter seiner Ägide standen, mehr oder minder an die Wand gefahren und unrentierliche Kosten von mehr als einer Milliarde Mark verursacht. Ich kenne keinen zweiten deutschen Ingenieur auf dem Kernkraftwerksgebiet, dem das auch nur annähernd "gelungen" ist. In seinem Buch Müssen wir umschalten beschreibt er diese tristen Erfahrungen summarisch folgendermassen: "Ich meine, cum grano salis, entziehen sich grosstechnische Entwicklungen rationaler Steuerung; die Grosstechnik entwickelt sich zumeist anarchisch, unvorhersehbar und irrational.".

Aber das ist beweisbar falsch. Die Nachfolger Traubes , welche bei der Kraftwerk Union die 18 deutschen Kraftwerke (beginnend mit Biblis A) bauten, haben eine perfekte Arbeit geleistet; denn seit mehr als 20 Jahren sind diese Anlagen - was die Stromproduktion anlangt - in der Spitze der Weltliga, die immerhin 435 Kernkraftwerke umfasst.

Es ist bekannt, dass Traube mitte 1976 wegen Verwicklungen in die RAF-Terrorismusszene von seinem Arbeitgeber Siemens entlassen worden ist. Seinen Lebensabend verbringt der nunmehr 82-Jährige in einem alten Haus in Oberursel bei Frankfurt. Gelegentlich gibt er Interviews, so im November 2004 der Frankfurter Rundschau. Dabei geriert er sich behäbig bis bräsig, fast in der Manier eines Buddha. So behauptet er jetzt, schon 1972 Zweifel an der Industriegesellschaft gehabt zu haben. Dann erstaunt allerdings - um ein Bild zu gebrauchen - dass Traube trotzdem noch bis 1976 seine Ingenieursbataillone in die Schlacht geführt hat. Allerdings war er ein Feldherr ohne Fortüne!



Traube blickt zurück
(Ca. 76jährig - Photo: FR Nov. 2004)

In der RAF-Affäre fühlt sich Traube "grundlos angegriffen". Nun, vielleicht hätte er besser keinen Umgang mit Terroristen vom Schlage eines Hans-Joachim Klein pflegen sollen. Als Chefmanager des high-Tech-Brüters SNR 300 Kalkar hatte er intime Anlagenkenntnisse und (administrativen) Zugriff auf die Plutoniumbestände. Spaltmaterial in den Händen von Terroristen war damals (wie heute) ein Albtraum. Dass Traube die Risiken seines Doppellebens auch jetzt noch nicht erkennen will, attestiert ihm ein reichliches Mass an Chuzpe.

Es steht nicht zu erwarten, dass Klaus Traube diesen Blog am eigenen Computer wird lesen können, denn in dem schon mehrfach zitierten Buch reitet er auch geharnischte Attacken gegen die Computertechnik:

"Nichts ist vordringlicher als die Mikroelektronik aufzuhalten; ihre schleichenden sozialen Auswirkungen sind weit gefährlicher als die der Atomkraftwerke."

Sonntag, 4. April 2010

Finanzprobleme bei FAIR

Fast 40 Jahre lang existierte in Darmstadt ein kleines, aber feines, Forschungszentrum, betrieben von der "Gesellschaft für Schwerionenforschung" (GSI). Zentriert um den Linearbeschleuniger UNILAC widmete man sich dort mit 900 Mitarbeitern praktisch nur einer einzigen Aufgabe: der Synthese superschwerer Atomkerne mittels Fusion. Im benachbarten, vier Mal grösseren Kernforschungszentrum Karlsruhe, hatte man sich umgekehrt der Spaltung schwerer Atome, wie Uran und Plutonium, verschrieben - und erntete dafür statt Lob manche mediale Hiebe.

Theoretische Physiker, wie Gamov, Bohr und v. Weizsäcker hatten vorher in ihrem "Tröpfchenmodell" superschwere und gleichzeitig stabile Elemente, weit jenseits des Urans postuliert. Dorthin wollte man vordringen. Während sich hinter Uran mit der Ordnungszahl 92 ein "Meer der Instabilität" ausbreitet, vermutete man, etwa ab der Ordnungszahl 100, "stabile Inseln", wo die Atomkerne nicht mehr spontan zerstrahlen, sondern stabil bleiben und deshalb chemisch analysiert werden können. Besonders aufregend schien die Suche nach den "magischen" und "doppelt-magischen" Kernen, bei denen die Protonen und Neutronen in einem bestimmten Verhältnis standen und die "Schalen" aufgefüllt waren.

Die Suche nach superschweren - aber noch nicht stabilen Elementen - war durchaus nicht erfolglos. Im Laufe von Jahrzehnten fand die Forschergruppe um Peter Armbruster, Gottfried Münzenberg und Sigurd Hofmann ein halbes Dutzend dieser Exoten. Sie sind auf der Nuklidkarte als Bohrium, Meitnerium, Roentgenium und Copernicium vermerkt. Hinzu kommen Hahnium und Darmstadtium, deren Namensgebung eine Hommage an Darmstadt und das Land Hessen darstellt. Die meisten dieser Elemente existierten nur Bruchteile von Sekunden und konnten in der Regel nur als einzelne Atomkerne erzeugt werden. Sie bildeten sich beim (wohldosierten) Zusammenstoss zweier mittelgrosser Kerne.



Die stolzen Entdecker des Elements 112

Armbruster, ein Schüler von Maier-Leibnitz, war der Teamführer und wurde zuweilen als Kandidat für den Physiknobelpreis angesehen. Zur Verleihung kam es aber dann doch nicht; über die Gründe dafür kann man nur spekulieren. Vielleicht wurde das "Zusammenbacken" von Atomkernen mehr als diffizile Handwerkskunst denn als hohe Wissenschaft gesehen. Vielleicht wollte man auch in Stockholm auf das postulierte Endziel, das Erreichen der stabilen Inseln warten; vorderhand bildeten die generierten Elemente lediglich "Landungsbrücken" über das Meer der Instabilität. Möglicherweise wollte sich das Nobelkommittee aber auch aus einem "Wespennest" heraushalten, denn neben dem GSI gab es ähnliche Forschungsgruppen in Berkeley (USA) und Dubna (Russland), zwischen denen es immer wieder zu Streitigkeiten bei der Erstentdeckung und der Namensgebung kam.

Vor etwa fünf Jahren beschloss man bei der GSI die thematische Monokultur der superschweren Atomkerne zu verlassen und sich der programmatischen Vielfalt der Kernphysik zu öffnen. Die Anlage FAIR - "Facility for Antiproton and Ion Research" - wurde vorgestellt und der wissenschaftliche Geschäftsführer Horst Stöcker versprach, "die Physik des Universums in das Labor zu holen". Als Vielzweckmaschine sollte FAIR die Physik der Hadronen bis zur Astrophysik abdecken. Über das frühe Universum und den Ursprung der Elemente sowie grundlegende Fragen des Quark-Gluon-Plasma sollen im Endausbau 3000 Physiker aus aller Welt in Darmstadt forschen. CERN lässt grüssen!

Apparatives Kernstück von FAIR werden zwei grosse Beschleunigerringe mit 1.100 Metern Umfang sein, die übereinander in einem gemeinsamen unterirdischen Tunnel gebaut werden. Die derzeitigen Beschleuniger der GSI dienen dann als Vorbeschleuniger. An die beiden Beschleunigerringe schliesst sich ein komplexes System von weiteren Speicherringen und Experimentierstationen an. Die Fertigstellung der Anlage und der Experimentierbeginn ist auf das Jahr 2016 avisiert.



Computergrafik zeigt Altanlage GSI (links) und FAIR-Komplex (rechts)

Derzeitiger Knackpunkt des ganzen Unternehmens ist seine Finanzierung. Die Investitionskosten sind seit Planungsbeginn (2005) von 675 über 940 auf jetzt 1.200 Millionen Euro gestiegen. Das muss noch nicht das Ende sein, denn schwierige Planungsphasen und vorallem der Bau stehen noch aus. Hinzu kommen noch die jährlichen Betriebskosten, welche auf mindestens 120 Millionen veranschlagt werden. Die Zuwendungsgeber sind der Bund (65 %), das Land Hessen (10 %) sowie die 16 internationalen Partner (25 %). Zur Zeit klafft noch eine Finanzierungslücke von gut 100 Millionen Euro, was eine gewichtige Änderung der Gesamtplanung erforderlich machte: einige Anlagenmodule mussten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

Nicht enthalten im Investitionsbudget sind zusätzliche Kosten in Höhe von 110 Millionen Euro, die standortbedingt sind. Testbohrungen haben nämlich gezeigt, dass das Gelände neben dem bestehenden GSI-Areal keinen (wie eigentlich erwartet) felsigen Untergrund hat, weswegen 2000 jeweils 50 Meter lange Pfähle den Boden stabilisieren müssen. Da die Partnerländer nicht bereit waren, zusätzliche Millionen "in Beton" zu investieren, mussten sich Bund und Land zähneknirschend zur Kostenübernahme bereit erklären. Im Frühjahr soll dann die FAIR GmbH als internationaler Projektträger gegründet werden.

Angesichts dieses holprigen Projektbeginns mag sich mancher Beteiligter an die Worte der Bundesforschungsministerin Annette Schavan erinnern, die bei der offiziellen Festveranstaltung im November 2007 zum Start von FAIR folgendes gesagt hat:

"Physiker müssen einen genetischen Defekt haben, der ihnen übergrossen Optimismus verleiht".

Sonntag, 28. März 2010

Utz Claassen macht den Oskar

Utz Claassen ist eine Art Paradiesvogel innerhalb der deutschen Managerkaste. Dazu trägt nicht nur sein kernig-putziger Vorname bei, sondern auch der Umstand, dass er für Talkshows aller Art stets bereitwillig zur Verfügung steht. Ein Promi also, den auch die Boulevardmedien kennen und lieben. Vier Jahre lang, von 2003 bis 2007 dirigierte er als Vorstandsvorsitzender das Karlsruher Energieversorgungsunternehmen EnBW und behauptete - weitgehend als Einziger - dieses Unternehmen als "Sanierungsfall" übernommen und durch sein Engagement vor Schlimmeren bewahrt zu haben. Da war es schon verwunderlich, dass er, noch vor Auslaufen seines Fünfjahresvertrags den Bettel hinwarf und die EnBW vorzeitig verliess. Böse Zungen behaupten allerdings, dass er mit diesem Schritt nur seinem eigenen Rauswurf zuvor gekommen sei.

Danach verbrachte Claassen eine geraume Zeit in den USA, wo er für einen Finanzdienstleister mit dem aufschlussreichen Namen "Cerberus" arbeitete. Sein Status bei dieser "Heuschrecke" blieb weitgehend geheim, weswegen es zu mehreren Prozessen mit seinem früheren Arbeitgeber EnBW kam, die bis zum Bundesgerichtshof führten. Zwischendurch liess sich Claassen unter dem Label "UC Utz Claassen" Markenrechte für diverse Produkte eintragen, darunter Uhren, Schmuck, Klebstoff - und Pferdepeitschen.

Ende vergangenen Jahres überraschte Utz die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, dass er ab 1. Januar 2010 die Position des Vorstandsvorsitzenden bei der Erlanger Firma Solar Millenium AG (SM-AG) einnehmen werde, bei einem Unternehmen, das sich der Nutzung der Sonnenenergie verschrieben hat. Das tat er denn auch - aber schon nach zweieinhalb Monaten war Schluss. Claassen schickte Mitte März ein Fax an seinen Aufsichtsratsvorsitzenden und teilte ihm den sofortigen Austritt aus der Firma mit. Den Dienstwagen und die Firmenkreditkarte liess er per Kurier nach Erlangen bringen. Wow!

Mit dieser Entscheidung war Claassen ein ähnlicher Coup gelungen wie vor Jahren Oskar Lafontaine, der im März 1999 Knall auf Fall den Posten des Bundesfinanzministers hinschmiss. Und wie bei Oskar rätselt man auch bei Utz über die Gründe, wobei bisher nur bekannt ist, dass Claassen sich auf eine Ausstiegsklausel in seinem Anstellungsvertrag berufen konnte, also zumindest formell das Recht zur Kündigung hatte.


Utz Claassen pfeift auf Solar Millenium

In Wirtschaftskreisen war man von Anfang an verwundert, dass sich Claassen als ehemaliger Konzernlenker mit der Firma Solar Millenium einliess, die man allenfalls als "mittelständisch" bezeichnen kann (um das Wort "Klitsche" zu vermeiden). Nach eigenen Angaben beschäftigte SM-AG im Jahr 2008 lediglich 103 Mitarbeiter und erzielte bei einem Umsatz von 12,3 Millionen Euro den bescheidenen Gewinn von 300.000 Euro. Kein Vergleich mit EnBW, die im gleichen Jahr mit 20.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 16.3 Milliarden und einen Gewinn von 2 Milliarden machten.

Das Geschäftsmodell der SM-AG ist die Planung, der Bau und der Betrieb von Solarkraftwerken im südspanischen Andalusien. Die Technologie beruht auf parabelförmig gekrümmten Spiegeln, welche die einfallenden Sonnenstrahlen bündeln und damit ölgefüllte Linearkollektoren erhitzen. Die so gewonnene Wärme wird in einer Dampfturbine zur Stromerzeugung genutzt. Da Solar Millenium die notwendigen Investitionen aus eigener Kraft nicht stemmen kann, offeriert es im Rahmen geschlossener Fonds Aktien und stellt eine Rendite von 8 % (!) in Aussicht. Vom spanischen Staat wird über eine Art Energieeinspeisegesetz die Abnahme des Stroms und seine Subvention erwartet. SM-AG ist also ein sogenanntes "start-up-Unternehmen", bei dem es zum Geschäftsmodell gehört, dass die Projekte weit grösser sind als das Unternehmen selbst. Dementsprechend volatil ist der Aktienkurs; beim Abgang von Claassen fiel er von 44 auf 21. Im nächsten Jahr will Solar Millenium satte 350 Millionen Euro an Publikumsgeldern einsammeln, was nicht leicht sein dürfte.




Aufbau und Betrieb von Solarfeldern in Andalusien

An der Börse wird gemunkelt, dass Claassen erst beim Blick in die Geschäftsbücher die Risiken dieser Firma voll bewusst wurden. Wenn er die Schädigung seines Rufs durch einen schnellen Rücktritt in Kauf nahm, so kann das eigentlich nur bedeuten, dass er darum fürchtete, seinem Ruf noch mehr zu schaden, wenn er bei Solar Millenium geblieben wäre. Hinzu kommt, dass die "Wirtschaftswoche" seit einiger Zeit über "Unregelmässigkeiten bei der Bilanzierung" berichtet und dem Unternehmen "kreative Buchführung" unterstellt. Auch diese Medienberichte führten zu Dellen im Aktienkurs und verschreckten die Anleger.

Nun, Utz braucht das nicht mehr zu kümmern. Bei den oben genannten Prozessen und dem anschliessenden Vergleich mit der EnBW hat er von seinem früheren Arbeitgeber eine Abfindung von 2.5 Millionen Euro herausgeholt.

Damit lässt sich im heimatlichen Hannover eine Zeitlang gut leben.

Sonntag, 21. März 2010

Geschichten um Maier-Leibnitz

Ungeachtet der vielen Kollegen im Physik-Department der Münchener Technischen Hochschule (TH, später TU) blieb Professor Maier-Leibnitz doch zeitlebens die Nr. 1. Das hatte zu tun mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz und seiner Ausstrahlung, die gepaart war mit Menschlichkeit und natürlicher Bescheidenheit. Er war durch eine lange und harte Schule gegangen. In Göttingen studierte er bei dem Nobelpreisträger James Franck, in Heidelberg habilitierte er sich im Umkreis der Physikheroen Bothe, Geiger und Gentner. Mit 41 Jahren wurde er 1952 an den Lehrstuhl für technische Physik der TH berufen. Spät, verglichen mit heutigen Karrieren, aber auch bedingt durch die Kriegsumstände. Er hatte umfassende Kenntnisse auf den Gebieten der Atom- und Kernphysik, aber auch alle Apparaturen zur Kernstrahlenmessung konnte er selbst bauen - angefangen vom Proportionalzählrohr, über die Impulsverstärker, Untersetzer, Koinzidenzanlagen u.a.m. Sogar im Glimmerspalten für die Fenster der Zählrohre und Ionisationskammern war er ein Meister.

Heinz Maier-Leibnitz als Habilitand in Heidelberg in den 30er Jahren

Kein Wunder, dass er auch von seinen Schülern, den Diplomanden und Doktoranden, viel verlangte. Insbesondere bei der Diplomarbeit sah er darauf, dass sie zügig zuende gebracht wurde. Einige seiner Sprüche sind mir heute noch in Erinnerung, wie etwa "jeder darf Fehler machen, aber nicht zweimal denselben", oder "wer etwas Neues finden will, ist immer überfordert", oder "niemand hat das Recht, sein Talent zu verschleudern". Von der 40-Stunden-Woche für Forscher hielt er wenig; regelmässig konnte man noch spätabends - und auch an den Wochenenden - Licht in vielen Labors sehen. Aber er hatte auch Verständnis dafür, dass wir mittags Schafkopf spielten oder einen zünftigen Skat klopften.

Selbst gelegentliche (milde) Scherze auf seine Kosten nahm er hin. So hatte mein heutiger Rotter Stammtischbruder Peter F. als damaliger Doktorand eine zeitlang die Unsitte angenommen, sich bei telefonischen Anrufen mit "Maier-Leibnitz" zu melden, wobei er dessen leise flüsternde Stimme perfekt nachzuahmen vermochte. Natürlich kamen die Anrufer regelmässig mächtig ins Stottern und entschuldigten sich ob des Fehlanrufs - was Peter diebisch freute. Schliesslich kam es, wie es kommen musste: wieder einmal klingelte das Telefon, Peter meldete sich mit "Maier-Leibnitz", aber, oh Schreck, die ihm bekannte Stimme sagte trocken: "hier auch", um kommentarlos mit der Frage fortzufahren: "ist der Alefeld da?". Der Doktorand F. war verwirrt und hat von Stund an sein Hobby eingestellt.

Besprechungen über administrative Angelegenheiten waren bei Maier-Leibnitz geprägt durch äusserste Knappheit. Meist ging er zum Büro seines Stellvertreters, steckte den Kopf durch die Tür und sagte: "Herr Riehl, wir müssen in der und der Frage eine Entscheidung treffen. Wollen wir es so oder so machen?" Riehl nickte bei einer der vorgeschlagenen Alternativen mit dem Kopf, oder fügte ein "jawohl" hinzu, falls er gerade in redseliger Stimmung war. Daraufhin ging die Tür wieder zu, die "Besprechung" war zu Ende. Falls es sich um eine Beschaffung handelte, schrieb die hinter ML (sein Spitzname) stehende Sekretärin Paula Moehnle sogleich den Bestellschein aus, der Pedell wurde in die Stadt geschickt und kam kurze Zeit darauf mit dem gekauften Gegenstand zurück.

Für seine Doktoranden empfand Maier-Leibnitz (bei aller wissenschaftlicher Strenge) viel menschliches Verantwortungsgefühl, wenn es um deren späteres Fortkommen ging. Eine kuriose Episode mag das verdeutlichen. Einer von MLs Doktoranden, der eine hervorragende Arbeit vorgelegt hatte, wurde im Rigorosum mündlich examiniert. Die Prüfung fiel katastrophal aus, der Kandidat wusste fast nichts. Die Zensur "cum rite" war gerade noch vertretbar; das Dreierkollegium wusste anfangs nicht was man tun sollte. Da erklärte Maier-Leibnitz, der Prüfling sei ihm als sehr guter Physiker bekannt, eine Benotung entsprechend der mündlichen Leistung würde ein völlig falsches Bild über den Kandidaten abgeben, man solle den Fall als "Sonderfall" ansehen und eine sehr gute Benotung beschliessen. Nach einiger Zeit liessen sich Vorsitzender und Beisitzer dazu überreden, der Prüfling wurde wieder herein geholt und ihm der Kommissionsbeschluss "sehr gut" mitgeteilt. Nun geschah das Schreckliche. Mit vor Entrüstung bebender Stimme weigerte sich der Kandidat, diese Benotung anzunehmen, denn seine Prüfungsleistung sei miserabel gewesen. Es ergab sich die groteske Situation, dass die drei Professoren ihre ganze Überredungskunst aufwenden mussten, um den Prüfling zur Annahme des Beschlusses zu veranlassen - was schliesslich doch noch gelang. Es ist wohl einmalig in der Hochschulgeschichte, dass um eine Benotung mit verkehrten Rollen gestritten wurde.

Immer wieder versuchten Physikerkollegen, die auf Besuch weilten, die "Geheimnisse" von Maier-Leibnitz zu ergründen. Einige vermuteten, dass sich Maier-Leibnitz für sein Institut stets nur die allerbesten Mitarbeiter ausgesucht habe. Er verneinte und erwiderte: "Ein Institut kann nicht nur aus lauter Spitzenwissenschaftlern bestehen. Es muss eine natürliche Schichtung von Intelligenz und anderen Fähigkeiten geben. Erst das erzeugt die Atmosphäre, aus der heraus gute Arbeit entsteht". - Ein anderer Kollege vermutete, dass wohl alle im Institut regelmässig die "Physical Review" lesen würden, um den aktuellen Stand der Forschung überblicken zu können. ML erwiderte darauf, dass dies für ihn nicht gelte; er läse diese Zeitschrift vorallem deswegen, um zu erfahren, was man nicht unbedingt tun solle. (Später gestand er allerdings, dass er die Lambsche Arbeit über die rückstossfreien Prozesse doch besser hätte lesen sollen). - Maier-Leibnitz hat in seinem Leben viele Ehrungen und Auszeichnungen erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit fragte ihn ein gratulierender Kollege, ob er davon nicht schon genug habe und derlei Dekorierungen eventuell als überflüssig ansähe. ML meinte dazu:"Sehen Sie, Sie kennen meine Verdienste, ich kenne sie auch, aber die anderen... dafür ist sowas doch ganz gut!"

Jedes Jahr, zumeist im Februar, war Institutsfasching angesagt. Die Räume wurden dekoriert, die Tanzfläche hergerichtet und alle erschienen in fantasievollen Kostümen - auch der ML mit Familie. Seine Frau Rita, leicht füllig und von mütterlicher Ausstrahlung, war ungemein beliebt im Institut und die drei Teenager-Töchter Christine, Dorothee und Elisabeth wurden natürlich hofiert. Wir Jüngeren machten uns einen Spass daraus, sie - fiktiv - mit passenden Assistenten zu "verheiraten". Tasso S. war dabei unser Lieblingsopfer. Die spätere Realität sah andere Ehepartner für die drei vor; sie kamen nicht aus der Physikersphäre.

Leider starb Rita allzu früh, ein schwerer Schlag für Maier-Leibnitz und seine Familie. Verständlicherweise heiratete er wieder, aber, dass Elisabeth Noelle-Neumann 1979 die Auserwählte war, hat uns alle perplex gemacht. Die Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach und apostrophiert als die "Pythia vom Bodensee" war in vielen das pure Gegenteil seiner verstorbenen Frau. Noelle-Neumann, fünf Jahre jünger als ML, war eine Karrierefrau par excellence, sie suchte das Licht der Öffentlichkeit und insbesondere den Kontakt mit den Mächtigen. Schon im Dritten Reich, als Leiterin eines Nationalsozialistischen Studentenbunds, lernte sie - nach eigenem Bekunden - Adolf Hitler kennen, der sie auf dem Obersalzberg willkommen hiess. Sie schrieb für die NS-Zeitung "Das Reich" und Propagandaminister Josef Goebbels berief sie 1942 sogar zu seiner Adjutantin, wobei nur eine längere Erkrankung sie daran hinderte, dieses Amt anzutreten.

Frau Noelle, in erster Ehe mit dem Journalisten Neumann verheiratet, stellte bald Rhetorikdefizite bei ihrem neuen Ehemann fest. Kein Wunder, denn Maier-Leibnitz war kein Kathederstar wie Gerlach oder Pohl in Göttingen. Sein Vortrag war stockend und durch lange Pausen unterbrochen. Trotzdem erreichte er die Studenten, denn man konnte dadurch an seinen Gedankengängen teilhaben. Aber Frau Noelle veranlasste ihren Ehemann zum Verfassen einer 50-seitigen Abhandlung über Rhetorik, die 1984 in der Schriftenreihe der Bayerischen Akademie erschien. Sie scheint kein Bestseller gewesen zu sein, denn sieben Jahre später beklagte sich Frau Noelle in einem Taschenbuch zu Ehren von ML wie folgt: "Diese Abhandlung erwartet noch immer die Resonanz der wissenschaftlichen Welt". Wie sagen die Angelsachsen: "Those who can, do...".


Elisabeth Noelle-Neumann und Heinz Maier-Leibnitz in den 80er Jahren

Die Diktion der Frau Noelle kam weniger aus dem Herzen - wie bei der verstorbenen Ehefrau Rita - sondern entsprach eher der Wortwahl einer Promi und VIP. Dafür liefert sie selbst den Beweis in einem weiteren Taschenbuch, das nach dem Tod von Maier-Leibnitz erschienen ist. Originalton Noelle: "In der Zeit der grossen Erschöpfung des letzten Lebensjahres - oft klagte er : "Ich kann nicht mehr denken" - tröstete ich ihn wieder und wieder: "Du warst ein Fürst und du bist ein Fürst".

Im letzten Lebensjahr von Maier-Leibnitz kam der Präsident der TU München auf die Idee, seinem verdienten Professor den "Ehrenring" (eine Art Siegelring) als höchste Auszeichnung der Universität zu verleihen. Volle 17 Jahre waren verstrichen seit der Emeritierung von ML (1983); man hätte diese Dekoration, bei Gott, früher vornehmen können. (Zwischenzeitlich hatte ML den Verdienstorden Pour le Mérite, das Grosse Bundesverdienstkreuz, ein Dutzend weiterer Medaillen und mehrere Ehrendoktorate erhalten). Aber im Sommer 2000 beschloss das Präsidium der TU, dass Maier-Leibnitz beim dies academicus, am 7. Dezember, auch ihren hochwertvollen Ring erhalten solle. Indes, es war zu spät, der Schwerkranke konnte die Reise (von Allensbach) nach München nicht mehr antreten. So schickte man Paul Kienle, einen Schüler von Maier-Leibnitz (mit der Amtskette des Präsidenten!) ans Krankenbett. Die "Zeremonie" wurde fotografisch festgehalten. Die Reaktion des Totkranken auf die Dekoration beschreibt Frau Noelle so: "Als ihm der Ehrenring angesteckt war, war es, als ob eine Erlösung über sein Gesicht ging".


Paul Kienle überreicht Maier-Leibnitz den Ehrenring der Technischen Universität München

Einen Tag später, am 16. Dezember 2000, ist Professor Heinz Maier-Leibnitz gestorben.

Sonntag, 7. März 2010

Der zweite Mößbauer-Effekt

Als Rudolf Mößbauer seine Doktorarbeit abgeschlossen hatte - für die er drei Jahre später den Nobelpreis der Physik erhalten sollte - fuhr er im Herbst 1958 erwartungsvoll nach Essen zur Deutschen Physikertagung. Er wollte den von ihm gefundenen "rückstossfreien Kernresonanzeffekt" seinen Fachkollegen vorstellen und erhoffte sich insgeheim eine lebhafte Diskussion darüber. Aber er wurde enttäuscht. Man hatte seine Präsentation an das Ende einer Nachmittagssitzung gelegt, die Stuhlreihen waren bereits beträchtlich gelichtet und sein Vortrag fand keinen Widerhall. Es gab kaum Fragen, schon gar nicht die von ihm erwartete Diskussion unter Physikerkollegen.


Rudolf Mößbauer als 31-jähriger

Ganz anders war es ein Jahr später bei einem Kolloqium an der Universität Heidelberg. Hier war es vorallem der auf Besuch weilende US-Amerikaner (und gebürtige Schweizer) Felix Böhm, der intensiv nachfragte und sich für alle Details seines Effekts interessierte. Und nicht nur das. Noch am gleichen Abend telegrafierte Böhm einen Bericht an seine Kollegen der Universität "California Institute of Technology" in Pasadena, kurz Caltech genannt. Dort vertiefte sich sein berühmter Physikerkollege (und späterer Nobelpreisträger) Richard Feynman in Mößbauers Arbeit, erkannte ihren revolutionären Gehalt und kabelte tags darauf an Böhm nach Heidelberg zurück: "Get this guy! Feynman". Kurze Zeit danach übersiedelte Mößbauer nach Pasadena, erhielt dort ein hervorragend ausgestattetes Labor und bald sogar den Titel eines Professors dieser kalifornischen Universität. Die Technische Hochschule München verlor einen ihrer vielen Assistenten, was (ausser Maier-Leibnitz) niemand sonderlich berührte.

Das änderte sich, als Rudolf Mößbauer im Herbst 1961 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. Der 32-jährige Deutsche mit dem sympathisch-frischen Aussehen elektrisierte die Nation. Obwohl der Inhalt seiner Forschungen dem grossen Publikum kaum verständlich gemacht werden konnte, waren die Deutschen stolz auf "ihren Mößbauer". Für die Studenten wurde er sogar zu einer Art Popstar. In einer SPIEGEL-Umfrage, bei der die Hochschüler nach ihren Vorbildern befragt wurden, rangierte Mößbauer im Spitzenfeld, nach Carl Friedrich von Weizsäcker und Konrad Adenauer. Weit abgeschlagen waren Willy Brandt, Uwe Seeler und Hans-Joachim Kulenkampff.

Kein Wunder, dass man den verlorenen Sohn aus Amerika nach Deutschland zurückholen wollte. Reihum boten renommierte Universitäten und Forschungseinrichtungen dem Auswanderer ihre Physiklehrstühle an. So die Uni Mainz, wo man mit dem Otto-Hahn-Ordinariat lockte und sogar das Kernforschungszentrum Karlsruhe warf den Hut in den Ring. Aber Mößbauer lehnte kühl ab. Er kannte die hiesigen schlechten Laborbedingungen aus eigener Erfahrung und die traditionelle Geheimratswissenschaft der deutschen Professoren hatte er auch erlebt.

Typisches Diplomandenlabor an der TH München in den 50er Jahren (mein Arbeitsplatz war vorne links)

Schliesslich war es Doktorvater Heinz Maier-Leibnitz, der seinen Schüler Mößbauer zur Rückkehr an die TH München überreden konnte. Aber dieser stellte Bedingungen und die waren happig. Erstens: in der Physikfakultät ist die Trennung in experimentelle, technische und theoretische Physik aufzuheben; stattdessen soll ein Department für Physik eingerichtet werden. Zweitens: alle Professoren dieses Departments sind gleichberechtigt; sie wählen aus ihrem Kreis für die anfallenden Tagesgeschäfte einen Drei-Mann-Vorstand, der im Turnus wechselt. Drittens: die Last des Anfängerkollegs, bisher allein vom Chef der experimentellen Physik gehalten, wird demokratisch verteilt; jedes Jahr weiht ein anderer Department-Professor die Anfangssemester in die Grundlagen der Physik ein. Viertens: Hilfseinrichtungen, wie Werkstätten, Bilbliotheken, Materialausgabe, aber auch der Kernreaktor FRM stehen allen zur Verfügung und werden zentral verwaltet. Fünftens: gewissermassen um "Butter bei die Fische zu geben" verlangte Mößbauer kühn die Einrichtung von 16 (statt bisher 7) Professorenstellen sowie 234 Planstellen für Assistenten und Hilfskräfte. Sechstens: Mößbauer erklärte sich bereit einen Lehrstuhl in Experimentalphysik zu übernehmen; er bedingte sich jedoch aus, jedes Jahr drei Monate in den USA arbeiten zu dürfen, um den Kontakt mit der amerikanischen Wissenschaft nicht zu verlieren.

Die bayerische Ministerialbürokratie war platt ob der Chupze dieses jungen Professors. In den zuständigen Kultus- und Finanzministerien rechnete man schnell aus, dass diese Neuorganisation dem Freistaat jährlich 2,5 Millionen Mark zusätzlich kosten würde. Viel Geld, verglichen mit den 96.000 Mark, die das Stockholmer Nobelkomittee - einmalig - an Mössbauer für die Entdeckung seines kernphysikalischen Effekts auszahlte. Aber der Reformer liess nicht locker. Schliesslich knickten die Landespolitiker (auch unter dem Druck der Studenten und der Medien) ein und das Physik-Department wurde eingerichtet. Das Wort vom "zweiten Mößbauer-Effekt" machte schnell die Runde; Mößbauer hatte ihn nicht entdeckt, sondern mit fast brachialer Gewalt erzwungen.

Im Vorlesungsverzeichnis 1965/66 der TH München sind erstmals die gleichberechtigt agierenden Professoren des Physik-Departments verzeichnet: Brenig, Dransfeld, Kaiser, Kienle, Lüscher, Maier-Leibnitz, Mang, Mößbauer, Riehl und Wild. Später kamen mit Moringa, Kalvius, Alefeld, Gläser, Schmidt etc. noch weitere hinzu. Der geschäftsführende Vorstand setzte sich aus Wild (Vorsitz), Lüscher und Maier-Leibnitz zusammen. Für die Infrastruktur waren Geuge und Koester (Reaktor) benannt.

Das Departmentsystem besteht heute noch an der TH (mittlerweile in Technische Universität=TUM umbenannt) und kann rückblickend als Erfolg gewertet werden. Aber den Chefs unterliefen natürlich auch Fehler. Ein ganz schlimmer 1984, als man den wenig beachteten Extraordinarius Klaus von Klitzing, damals 41 Jahre alt, zum Max-Planck-Institut für Festkörperforschung nach Stuttgart ziehen liess und dieser im Jahr darauf den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts erhielt, den er ausschliesslich in München ausgeknobelt hatte. Schnell bot man dem Flüchtling ein auf ihn zugeschnittenes 20 Millionen teures Halbleiter-Elektronik-Institut für seine Rückkehr an, aber Klitzing blieb in Stuttgart. Ein Hauch von Mößbauer lag in der Luft - nur, dass der Rückholtrick wie vor einem Vierteljahrhundert, nicht mehr funktionierte.

Für viele Kollegen überraschend, wandte sich Mößbauer Anfang der 70er Jahre von der weiteren Erforschung des von ihm entdeckten Effekts ab. Man kann sagen, dass er von seinem eigenen Erfolg überwältigt worden war. Denn zu jener Zeit wurde fast jedes Jahr eine grosse internationale Mößbauer-Konferenz veranstaltet, wo seine Präsenz erwartet wurde. Gleichzeitig erschienen pro Jahr etwa tausend wissenschaftliche Arbeiten zur Mößbauer-Spektroskopie. Ein Grossteil dieser Autoren schickte ihm ihre Veröffentlichungen mit Widmung zu, die er (zumindest flüchtig) lesen und mit einigen freundlichen Sätzen beantworten sollte. Und das zu den Zeiten, da sowohl der PC als auch das Word-Programm noch unbekannt waren. Kurzum, Mößbauer wurde das zuviel und er sattelte - thematisch - um.

Er begann sich für die Physik des Neutrinos zu interessieren. Im damaligen Standardmodell der theoretischen Physik war angenommen worden, dass dieses Teilchen, ähnlich wie das Licht, keine Masse besitze. Mößbauer bezweifelte dies und führte Experimente (wie GALLEX) durch, welche die sogenannten Neutrino-Oszillationen vermuten liessen. Tatsächlich stellte sich nach aufwendigen Versuchen, insbesondere in Japan, heraus, dass die Neutrinos durchaus Masse besitzen und - wegen ihrer Vielzahl - sogar signifikant zur Gesamtmasse des Universums beitragen.

Aber Mößbauer war nicht nur Forscher, sondern auch ein begnadeter Lehrer. Die Studenten der TUM waren begeistert von seinen brillanten Vorlesungen, die nicht zuletzt auf perfekter didaktischer Vorbereitung beruhten. Trotz zahlreicher Angebote anderer Universitäten und Forschungsorganisationen im In-und Ausland ist er seiner Heimatuniversität, der TU München, lebenslang treu geblieben.

Seit 1997 ist Professor Rudolf Mößbauer emeritiert.

Sonntag, 21. Februar 2010

Ein Nobelpreis, zwei Anwärter

Es geschah vor mehr als einem halben Jahrhundert, genauer gesagt, im Jahr 1957. Ich werkelte zu jener Zeit gerade als Student der Physik an der Technischen Hochschule (TH) München an meiner Dissertation, als sich unter den Kollegen im Labor das Gerücht verbreitete, dass "einer der Unsrigen" bei seiner Doktorarbeit etwas ganz Besonderes ausgeknobelt habe. Der Doktorand hiess Rudolf Mößbauer und seine Arbeit handelte von der Emission und der Absorption der Gammastrahlen. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches im Institut von Professor Heinz Maier-Leibnitz - von uns auch ML genannt - , wo die überwiegende Anzahl der Diplomanden und Doktoranden auf dem Gebiet der Kernphysik forschte.


Rudolf Mößbauer (geb. 1929) --- Heinz Maier-Leibnitz (geb.1911)

Aber es war doch etwas Besonderes, ja sogar etwas Einzigartiges. Mößbauer hatte im Verlauf seiner Doktorarbeit die sogenannte "rückstossfreie Kernresonanzabsorption durch Gammastrahlen" gefunden. Im Rahmen eines Blogs kann dieses Phänomen kaum allgemein verständlich dargestellt werden, deshalb möge ein Beispiel aus dem täglichen Leben den Effekt veranschaulichen: Will ein Junge von einem kleinen Boot aus an Land springen, so landet er im Wasser, weil das Boot durch den Rückstoss beim Absprung nach hinten wegfährt. Liegt das Boot aber in einem gefrorenem See, so kann es nicht weggleiten und der Junge landet sicher am Ufer. Mößbauer nahm anstelle des Boots Iridium-191-Atome, welche Gammastrahlen aussenden. Wie der Junge überträgt das davon eilende hochenergetische Gammateilchen einen gewaltigen Stoss auf das Iridiumatom und verliert dabei an Energie. Ist das Atom aber fest in einem Kristallgitter eingebaut, dann geht es dem Gammaquant wie dem Jungen auf dem zugefrorenem See: es kann seine ganze Energie mitnehmen. Trifft es nun auf ein exakt gleichartiges (Iridium-)Atom, dann kann es ihm diese Energie auch übertragen (Absorption).

Mößbauers Versuchsanordnung

Mößbauer begann seine Messungen bei Zimmertemperatur mit einer Anordnung, die oben schematisch dargestellt ist. Als er Quelle und Absorber abkühlte, erhöhte sich die Zählrate am Detektor. Grund: der Rückstossimpuls wird nicht mehr an ein einzelnes Atom, sondern an das ganze Kristallgitter übertragen (festgefrorenes Boot). Ausgerechnet bei Iridium-191 sind aber die zu messenden Effekte extrem klein. Es war Mößbauers wissenschaftlicher Akribie zu verdanken, dass er die beobachteten Abweichungen nicht einem Messfehler zuschob und an dieser Stelle aufhörte. An Eisen-57 wäre dieser Effekt viel deutlicher aufgetreten und hätte leichter gemessen werden können.

Durch das Prinzip der rückstossfreien Emission von Gammaquanten erhält man ein Strahlungssignal von ausserordentlich hoher Frequenzschärfe. Mößbauer fand heraus, dass man - wie beim Radio - Sender und Empfänger aufeinander abstimmen kann. Bei seiner Versuchsanordnung bewegte er die Quelle auf die Probe zu oder von ihr weg und konnte ermitteln, bei welcher Geschwindigkeit eine Absorption eintritt. Die grosse Bedeutung des Mößbauereffekts besteht also darin, dass man winzige Frequenzänderungen (in der Grössenordnung von einem Milliardstel) feststellen und vermessen kann. Der Effekt wurde bald zur Grundlage eines unerhört genauen Messverfahrens, der Mößbauer-Spektroskopie. Es gelang es nachzuweisen, dass Lichtquanten (Photonen) vom Schwerefeld der Erde angezogen werden, womit man die Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie erstmals im Labor bestätigen konnte.

Die Mößbauer-Spektroskopie hat eine herausragende Bedeutung für viele Forschungsgebiete von der Physik über die Chemie, Geologie, Mineralogie, Archäologie bis hin zur Medizin. Auch die jüngst auf dem Mars gelandeten Roboter "Spirit" und "Opportunity" hatten Mößbauer-Spektrometer an Bord. Damit entdeckten sie auf ihren kilometerlangen Touren Minerale, die nur in Gegenwart von Wasser entstehen konnten. Das war der Nachweis, dass es einst auf dem Mars nicht nur Wasser, sondern auch eine viel sauerstoffreichere Atmosphäre als heute gegeben haben muss.

Niemand war mehr sonderlich verwundert, dass Rudolf Mößbauer im Herbst 1961 den Nobelpreis für Physik (zusammen mit Robert Hofstadter) erhielt, "für seine Forschungen über die Resonanzabsorption der Gammastrahlung und seine Entstehung, die den Namen Mößbauer trägt". Diese Begründung des Nobelkommittees war höchst ehrenvoll, kam doch darin - zum ersten und einzigen Mal - der Name des Laureaten vor.

Trotzdem: in den Kreisen der Münchener Physiker, insbesondere der jüngeren, war man enttäuscht darüber, dass nicht auch Professor Maier-Leibnitz mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Die nominelle Möglichkeit dafür hätte bestanden, denn nach den Regularien des Nobelkommittees können in jedem Jahr bis zu drei Kandidaten nominiert werden. Warum also nicht Mößbauer und Maier-Leibnitz, zusammen mit Hofstadter, der den Preis für ein anderes Forschungsgebiet erhielt?

Der Beitrag von Maier-Leibnitz (ML) bei der Entdeckung der rückstossfreien Kernresonanz und auch bei der nachfolgenden Mößbauer-Spektroskopie war offenkundig. ML hatte den jungen Mößbauer betreut und ihm ein Doktorthema gegeben, bei dem bedeutsame Ergebnisse zu erwarten waren durch vorausgehende Veröffentlichungen der angloamerikanischen Forscher Moon, Metzger und Lamb. Um nochmal ein Beispiel zu bemühen: ML hatte Mößbauer das Waldstück gezeigt, in dem er Pilze vermutete - die Steinpilze hatte Mößbauer allerdings selbst gefunden. Des weiteren schickte ihn ML 1955 als einzigen seiner Doktoranden zum Max-Planck-Institut nach Heidelberg, wo er bessere Arbeitsmöglichkeiten hatte als in dem (noch im Aufbau befindlichen) Münchener Institut.

Und schliesslich: Schon im März 1958, also unmittelbar nach der Entdeckung des Effekts - und volle dreieinhalb Jahre vor der Nobelpreisvergabe - hatte Maier-Leibnitz in nahezu visionärer Weise fast alle Anwendungen des Mößbauer-Effekts aufgeschrieben. Die Auflistung (Ausriss unten) umfasst im Original 15 Punkte; es fehlten eigentlich nur die Gravitationsexperimente.


Anwendungen des Mößbauer-Effekts
(nach Maier-Leibnitz, Mai 1958)

Es bleibt also die Frage, warum ML trotz seiner engen Beteiligung an diesem Thema, nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. Die einzig schlüssige Antwort darauf ist: er wollte nicht. Er wollte Mößbauer offenbar - in einem Überschwang von Altruismus, wie viele von uns meinten - allein diese Ehrung zukommen lassen. Die Entscheidung fiel vermutlich im Sommer 1961, als Professor Waller als Abgesandter des schwedischen Nobelkommittees Maier-Leibnitz am Rande einer Konferenz in Paris aufsuchte. Nach Meinung (nicht anwesender) Beobachter wäre es für ML ein Leichtes gewesen, "sich in Position zu bringen". Er wollte dies nicht und verzichtete zugunsten seines Schülers auf den Nobelpreis.

Umgekehrt war das Bemühen auf seiten Mößbauers. Er war nicht nur intelligent und fleissig, sondern besass auch einen gesunden, ja robusten Ehrgeiz. Dafür gibt es eine aufschlussreiche Episode aus jener Zeit, in der er am Münchener Institut seine Diplomarbeit fertigte. Sie befasste sich mit der besonders genauen Messung der Intensität von Gammastrahlen. (Man registriere die thematische Nähe zur späteren Doktorarbeit!) Dafür erhielt er Zugriff auf einen Oszillografen, der allerdings Gemeinschaftseigentum mehrerer Kollegen war. Um dieses Gerät aber für sich allein nutzen zu können - das ist verbürgt - machte es Mößbauer in seiner Abwesenheit (durch Auslöten einer Komponente?) stets "kaputt" und "reparierte" es wieder, wenn er es brauchte.

Dass Mößbauer in den Gespräche mit den Abgesandten des Nobelkommittees seine eigene Leistung nicht unter den Scheffel gestellt hat - eventuell sogar zu Lasten von ML - dafür gibt es keine direkte Beweise, aber zumindest zwei indirekte Indizien, die kurz angeführt seien.

Im Jahr 1986, also volle 25 Jahre nach der Nobelpreisverleihung wurden die Schüler von Maier-Leibnitz aufgefordert, ihren wissenschaftlichen Werdegang kurz zu beschreiben. Diese "Lebensläufe" wurden von Otto Schult in einem schönen Buch zusammengestellt und Professor Maier-Leibnitz zu seinem 75. Geburtstag feierlich übergeben. Natürlich war Mößbauer ML´s renommiertester Schüler und sicherlich wurde sein Beitrag von den allermeisten gelesen. Er war enttäuschend, um das mindeste zu sagen; auf einer knappen dreiviertel DIN A4-Seite beschrieb er seine Doktorandentätigkeit unter ML auf eine Weise, die man nur als knochentrocken und anteilslos bezeichnen kann. Da die Handschrift des damals bereits 57-jährigen (unten) etwas schwer zu lesen ist, sei die Passage vom Eintritt in das Institut Maier-Leibnitz, über die Nobelpreisarbeit bis zu seinem Abgang in die USA nochmals in Maschinenschrift wortgetreu wiedergegeben.


Mößbauer beschreibt seine Diplom- und Doktorandentätigkeit
bei Maier-Leibnitz

"...Die Diplomarbeit bei Herrn Professor Maier-Leibnitz, die in einer Atmosphäre grosser Freiheit durchgeführt werden konnte, war von vornherein als Vorläufer einer Dissertation angelegt. Es war ebenfalls Herr Professor Maier-Leibnitz, der mir nach Abschluss meiner Diplomarbeit im Jahre 1955 die Möglichkeit verschaffte, an das Institut für Physik am MPI für medizinische Forschung in Heidelberg zu gehen, um dort unter seiner Leitung eine Dissertation durchzuführen. Als mit nur mässigen theoretischen Vorkenntnissen ausgestatteter junger Physiker war die wissenschaftliche Atmosphäre Heidelbergs für die Durchführung meiner Arbeiten, die 1957 zu der Entdeckung und Deutung der "Rückstoßfreien Resonanzabsorption von Gammastrahlung" führten, von entscheidendem Einfluss. Nach Abschluss der Dissertation im Jahre 1958 war ich zwei Jahre lang wissenschaftlicher Assistent bei Herrn Maier-Leibnitz..."

Ich glaube nicht, dass selbst ein aufmerksamer Leser in diesen wenigen Sätzen eine Mitwirkung von ML an seiner Dissertation herauslesen kann. Eine hommage an seinen früheren Lehrer war es sicherlich nicht.

Zu einer gewissen Misstimmung kam es bei der nachfolgenden Feier zu ML´s 75 Geburtstag, die in einem grossen Rahmen statttfand. Als Laudator war Mößbauer bestimmt und alle erwarteten eigentlich, dass er seinem Doktorvater (rhetorisch) Blumen überreichen würde. Das war aber nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Mößbauer rollte nocheinmal die ganze Geschichte der Entdeckung des Effekts auf und liess keinen Zweifel daran, dass die Messungen und ihre Deutung allein auf sein Konto gingen. Für seinen väterlichen Betreuer Maier-Leibnitz fiel wenig bis nichts ab. Ich höre heute noch das ärgerliche Gegrummel im Auditorium; einige verliessen sogar ostentativ vorzeitig die Veranstaltung. Zum 80. Geburtstag, fünf Jahre später, stand Mößbauer nicht mehr auf der Rednerliste eines ähnlichen Festkolloquiums.

Nun, ich möchte mit dieser historischen Darstellung nicht den Stab über Mößbauer brechen; das wäre vermessen, angesichts seiner unbezweifelbaren Leistungen. Gerne hätte ich ihn zu diesen Dingen nochmals selbst befragt. Das ist aber nicht mehr möglich, denn er leidet seit Jahren an einer schweren, altersbedingten Krankheit.

Sonntag, 7. Februar 2010

Oettinger can speak English

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Hermann Oettinger, - als "Landesvater" (wie Edwin Teufel) wurde er bei seinen Untertanen nie geführt - hat das gleiche Schicksal ereilt, wie derzeit viele Mitfünfziger: er muss seinen geliebten Job aufgeben. Aber im Gegensatz zum gewöhnlichen Volk wird er nicht in den Vorruhestand abgeschoben oder gar in die Arbeitslosigkeit mit nachfolgendem Hartz 4 entlassen, sondern er wird demnächst bei der Europäischen Union (EU) in Brüssel als hochrangiger Kommissar einchecken. Dort wird er mit 20.000 Euro pro Monat noch besser entlohnt werden als jetzt schon. Und seine bereits erreichte Politikerpension von 5.000 Euro/M darf er natürlich auch mitnehmen. Wir, das einfache Staatsvolk, brauchen uns also um Günther keine sonderlichen Sorgen zu machen.
Auch die neue Aufgabe als Energiekommissar wird den Juristen und ehemaligen Steuerberater nicht übermässig fordern, denn in der EU ist die Energie seit eh und je eine Angelegenheit der Mitgliedsstaaten, worin die Kommission wenig zu sagen hat. Die Franzosen werden weiterhin ihr 59 Kernkraftwerke betreiben und weitere dazu bauen, die Österreicher werden sich weiterhin ökologisch gebärden (und insgeheim Atomstrom importieren) und wir Deutsche werden - wie seit zehn Jahren beschlossen - unsere 17 Kernkraftwerke stillegen. Oder auch nicht.

Trotzdem, etwas Bammel hat unser Günther doch - und das nicht ohne Grund. Die EU ist bekanntermassen eine Vielvölkerorganisation mit nicht weniger als 23 offiziellen Sprachen. Freilich kann sebst der Herr Präsident Barroso nicht verlangen, dass alle seine Beamten polyglott sind, aber in den Hauptsprachen Deutsch, Französisch und vorallem Englisch sollten sie schon parlieren können. Da hapert es bei Oettinger ganz offenkundig. Seine Stakkato-Sprechweise mit schwäbischer Einfärbung ist selbst im Landesteil Baden kaum verständlich. Über seine Französischkenntnisse ist nichts bekannt, aber Englisch - das behauptet er - kennt er seit seiner Gymnasialzeit in Ditzingen und Korntal. Diese liegt allerdings schon fast vierzig Jahre zurück.

Die allseitigen Zweifel an seinen Sprachkenntnissen wollte der noch-Ministerpräsident offensichtlich bei einer kürzlichen Konferenz der Columbia University in Berlin vom Tisch wischen, indem er (zurÜberraschung aller) eine Rede auf Englisch hielt. Sie geriet zur linguistischen Katastrophe. Denn Oetttinger nuschelte bis zur Unverständlichkeit und es gelang ihm nicht, Worte wie "capable", oder "liberalization", ja sogar "energy", richtig zu prononcieren. Wörter mit mehr als drei Silben, wie "stabilization" oder "infrastructure" überforderten ihn ganz offensichtlich. Zum Abschluss verblüffte er noch mit der Sentenz: "In my homeland Baden-Württemberg we are all sitting in one boat", was beim Auditorium auf ziemliches Gedränge schliessen liess.

Inzwischen tauchte diese Rede im Internetportal "YouTube" auf, und entwickelte sich dort zum Publikumsrenner. Die Kommentare reichen von "Oettinger is stammling English" bis zu "worse than Westerwave", wobei auf einen Politikerkollegen verwiesen wird, der im Englischen ähnlich sprachgewaltig ist.


Video über Oettingers Rede

Dennoch, aus sprachlichen Gründer wird Oettinger in Brüssel nicht scheitern. Dafür sorgen schon die 1.750 Übersetzer und die über tausend Dolmetscher, welche dort in je einer Generaldirektion (!) geführt werden. Die Dolmetscher siedeln sich im Ranking gerne oberhalb der Übersetzer an, ja sie betrachten ihre Tätigkeit als "das zweitälteste Gewerbe der Welt". Zur Begründung können sie auf Historiker verweisen, die berichtet haben, dass Alexander der Grosse, Julius Caesar und Napoleon bei ihren Feldzügen stets von Dolmetschern begleitet waren. Auch in der deutschen Wehrmacht gab es während des 2. Weltkriegs umfangreiche Dolmetscherkompanien. Dem grossen Publikum wurde das Dolmetschen insbesondere durche die Wochenschauen über die Nürnberger Prozesse bekannt.

Es gibt mehrere Arten der sprachlichen Übertragung; die wichtigste ist sicherlich das Simultandolmetschen. Dort wird der Ausgangstext des Redners (fast) gleichzeitig - simultan - durch Dolmetscher in mehrere andere Sprachen übersetzt. Nachsehen im Wörterbuch ist dabei unmöglich; der Dolmetscher muss seinen"Wörtersack" stets mit sich tragen und gut vorbereitet sein. Während meiner aktiven Berufszeit habe ich viele Konferenzen bei der EU in Brüssel miterlebt und dabei festgestellt, dass dies nicht allen Dolmetschern gleich gut gelingt. Insbesondere bei Aufzählungen (wie technischen Stücklisten) kam der eine oder andere gelegentlich schon ins Schleudern. Um nicht aufzufallen bedienen sie sich verschiedener Tricks: sie versuchen die unbekannte Vokabel, so gut es in der Eile geht, zu umschreiben - oder sie lassen diese einfach weg. "In doubt, leave out" ist ein bekannter Kalauer der Simultandolmetscher und das Publikum merkt es in den seltensten Fällen.

Problematisch bei der Übertragung vom Deutschen ins Englische ist der Umstand, das die deutsche Sprache das Verb an den Schluss stellt. Beginnt ein Deutscher seine Rede mit ich habe und fährt dann mit einem langen Zwischenteil fort, so kann er diesen Satz mit zugelassen oder auch nicht zugelassen beenden. Der Dolmetscher muss warten bis das Verb endlich gesprochen wird und rattert dann in erhöhtem Tempo den Satz herunter. Wenn man also seinem Dolmetscher gewogen ist, dann sollte man sinnwichtige Verben möglichst frühzeitig bringen, indem man beispielsweise formuliert: ich habe zugelassen, dass...

Simultandolmetscher sitzen fast immer in schallisolierten Kabinen, die längs der Wände des Konferenzraums aufgereiht sind. Sie hören den Redner über Kopfhörer und sprechen in ein Mikrofon, dessen Signal wiederum zu den Kopfhörern der Konferenzteilnehmer geleitet wird. Üblicherweise wechseln sie sich nach einer halben oder ganzen Stunde ab, denn ihre Arbeit erfordert eine hohe Konzentration und auch die stimmliche Belastung ist nicht zu unterschätzen. Von dem TV-Moderator Roger Willemsen stammt der Spruch: "Dolmetscher sind Höhlenmenschen", womit er nicht unrecht hat, verbringen diese doch die meiste Zeit im Dunkel ihrer Kabuffs.

Dolmetscherkabinen

Wenn Kommissar Oettinger eine hochrangige Delegation aus Japan zu betreuen hat, dann wird er wohl die Dienste eines Konsekutivdolmetschers in Anspruch nehmen. Bei Anlässen dieser Art werden üblicherweise zu Beginn sehr formelle (und wenig informative) Eingangsreden gehalten. Der - meist betagte - japanische Daddy liest seine Rede ab und nach 5 oder auch 10 Minuten legt er eine Pause ein, während der der Dolmetscher konsekutiv (abschnittsweise) übersetzt. Diese Dolmetscher sind wahre Gedächtniskünstler; zur Unterstützung bedienen sie sich einer persönlichen Kurzschrift (kein Steno!) für die Hauptgedanken der Rede.

Schliesslich gibt es noch den Flüsterdolmetscher; dabei handelt es sich um eine Spielart des Simultandolmetschers - aber ohne Einsatz von Technik. Geht Oettinger mit seinem Gast zum Essen, so wird er sich womöglich eines Dolmetschers bedienen, der auf einem Stühlchen hinter ihm und seinen Gast platziert ist und der den üblichen small talk zwischen beiden mit leiser Stimme übersetzt. Ins Ohr flüstern ist sehr anstrengend, obwohl man sich das kaum vorstellen kann; deshalb ist diese Spielart des Übersetzens bei Dolmetschern auch gar nicht beliebt.


Flüsterdolmetschen bei Tisch

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass in Brüssel für alle translatorische Probleme bestens gesorgt ist. Im Falle Oettinger könnte jedoch noch ein kleines landsmannschaftliches Problem auftauchen, da der echte Schwabe bekanntlich alles kann - ausser Hochdeutsch. Aber auch dafür hat die Bürokratie der EU etwas erfunden, nämlich das Relais-System: Oettingers Stakkato-Schwäbisch wird einfach ins Hochdeutsche übertragen und von dort aus (deshalb Relais!) weiter in andere europäische Hochsprachen.

Fazit: Günther Oettinger kann kommen.

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