Sonntag, 18. April 2010
Dr. Traubes gesammeltes Schweigen.
Sonntag, 4. April 2010
Finanzprobleme bei FAIR
Sonntag, 28. März 2010
Utz Claassen macht den Oskar
Danach verbrachte Claassen eine geraume Zeit in den USA, wo er für einen Finanzdienstleister mit dem aufschlussreichen Namen "Cerberus" arbeitete. Sein Status bei dieser "Heuschrecke" blieb weitgehend geheim, weswegen es zu mehreren Prozessen mit seinem früheren Arbeitgeber EnBW kam, die bis zum Bundesgerichtshof führten. Zwischendurch liess sich Claassen unter dem Label "UC Utz Claassen" Markenrechte für diverse Produkte eintragen, darunter Uhren, Schmuck, Klebstoff - und Pferdepeitschen.
Ende vergangenen Jahres überraschte Utz die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, dass er ab 1. Januar 2010 die Position des Vorstandsvorsitzenden bei der Erlanger Firma Solar Millenium AG (SM-AG) einnehmen werde, bei einem Unternehmen, das sich der Nutzung der Sonnenenergie verschrieben hat. Das tat er denn auch - aber schon nach zweieinhalb Monaten war Schluss. Claassen schickte Mitte März ein Fax an seinen Aufsichtsratsvorsitzenden und teilte ihm den sofortigen Austritt aus der Firma mit. Den Dienstwagen und die Firmenkreditkarte liess er per Kurier nach Erlangen bringen. Wow!
Mit dieser Entscheidung war Claassen ein ähnlicher Coup gelungen wie vor Jahren Oskar Lafontaine, der im März 1999 Knall auf Fall den Posten des Bundesfinanzministers hinschmiss. Und wie bei Oskar rätselt man auch bei Utz über die Gründe, wobei bisher nur bekannt ist, dass Claassen sich auf eine Ausstiegsklausel in seinem Anstellungsvertrag berufen konnte, also zumindest formell das Recht zur Kündigung hatte.

In Wirtschaftskreisen war man von Anfang an verwundert, dass sich Claassen als ehemaliger Konzernlenker mit der Firma Solar Millenium einliess, die man allenfalls als "mittelständisch" bezeichnen kann (um das Wort "Klitsche" zu vermeiden). Nach eigenen Angaben beschäftigte SM-AG im Jahr 2008 lediglich 103 Mitarbeiter und erzielte bei einem Umsatz von 12,3 Millionen Euro den bescheidenen Gewinn von 300.000 Euro. Kein Vergleich mit EnBW, die im gleichen Jahr mit 20.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 16.3 Milliarden und einen Gewinn von 2 Milliarden machten.
Das Geschäftsmodell der SM-AG ist die Planung, der Bau und der Betrieb von Solarkraftwerken im südspanischen Andalusien. Die Technologie beruht auf parabelförmig gekrümmten Spiegeln, welche die einfallenden Sonnenstrahlen bündeln und damit ölgefüllte Linearkollektoren erhitzen. Die so gewonnene Wärme wird in einer Dampfturbine zur Stromerzeugung genutzt. Da Solar Millenium die notwendigen Investitionen aus eigener Kraft nicht stemmen kann, offeriert es im Rahmen geschlossener Fonds Aktien und stellt eine Rendite von 8 % (!) in Aussicht. Vom spanischen Staat wird über eine Art Energieeinspeisegesetz die Abnahme des Stroms und seine Subvention erwartet. SM-AG ist also ein sogenanntes "start-up-Unternehmen", bei dem es zum Geschäftsmodell gehört, dass die Projekte weit grösser sind als das Unternehmen selbst. Dementsprechend volatil ist der Aktienkurs; beim Abgang von Claassen fiel er von 44 auf 21. Im nächsten Jahr will Solar Millenium satte 350 Millionen Euro an Publikumsgeldern einsammeln, was nicht leicht sein dürfte.


An der Börse wird gemunkelt, dass Claassen erst beim Blick in die Geschäftsbücher die Risiken dieser Firma voll bewusst wurden. Wenn er die Schädigung seines Rufs durch einen schnellen Rücktritt in Kauf nahm, so kann das eigentlich nur bedeuten, dass er darum fürchtete, seinem Ruf noch mehr zu schaden, wenn er bei Solar Millenium geblieben wäre. Hinzu kommt, dass die "Wirtschaftswoche" seit einiger Zeit über "Unregelmässigkeiten bei der Bilanzierung" berichtet und dem Unternehmen "kreative Buchführung" unterstellt. Auch diese Medienberichte führten zu Dellen im Aktienkurs und verschreckten die Anleger.
Nun, Utz braucht das nicht mehr zu kümmern. Bei den oben genannten Prozessen und dem anschliessenden Vergleich mit der EnBW hat er von seinem früheren Arbeitgeber eine Abfindung von 2.5 Millionen Euro herausgeholt.
Damit lässt sich im heimatlichen Hannover eine Zeitlang gut leben.
Sonntag, 21. März 2010
Geschichten um Maier-Leibnitz



Sonntag, 7. März 2010
Der zweite Mößbauer-Effekt
Schliesslich war es Doktorvater Heinz Maier-Leibnitz, der seinen Schüler Mößbauer zur Rückkehr an die TH München überreden konnte. Aber dieser stellte Bedingungen und die waren happig. Erstens: in der Physikfakultät ist die Trennung in experimentelle, technische und theoretische Physik aufzuheben; stattdessen soll ein Department für Physik eingerichtet werden. Zweitens: alle Professoren dieses Departments sind gleichberechtigt; sie wählen aus ihrem Kreis für die anfallenden Tagesgeschäfte einen Drei-Mann-Vorstand, der im Turnus wechselt. Drittens: die Last des Anfängerkollegs, bisher allein vom Chef der experimentellen Physik gehalten, wird demokratisch verteilt; jedes Jahr weiht ein anderer Department-Professor die Anfangssemester in die Grundlagen der Physik ein. Viertens: Hilfseinrichtungen, wie Werkstätten, Bilbliotheken, Materialausgabe, aber auch der Kernreaktor FRM stehen allen zur Verfügung und werden zentral verwaltet. Fünftens: gewissermassen um "Butter bei die Fische zu geben" verlangte Mößbauer kühn die Einrichtung von 16 (statt bisher 7) Professorenstellen sowie 234 Planstellen für Assistenten und Hilfskräfte. Sechstens: Mößbauer erklärte sich bereit einen Lehrstuhl in Experimentalphysik zu übernehmen; er bedingte sich jedoch aus, jedes Jahr drei Monate in den USA arbeiten zu dürfen, um den Kontakt mit der amerikanischen Wissenschaft nicht zu verlieren.
Sonntag, 21. Februar 2010
Ein Nobelpreis, zwei Anwärter
Mößbauer begann seine Messungen bei Zimmertemperatur mit einer Anordnung, die oben schematisch dargestellt ist. Als er Quelle und Absorber abkühlte, erhöhte sich die Zählrate am Detektor. Grund: der Rückstossimpuls wird nicht mehr an ein einzelnes Atom, sondern an das ganze Kristallgitter übertragen (festgefrorenes Boot). Ausgerechnet bei Iridium-191 sind aber die zu messenden Effekte extrem klein. Es war Mößbauers wissenschaftlicher Akribie zu verdanken, dass er die beobachteten Abweichungen nicht einem Messfehler zuschob und an dieser Stelle aufhörte. An Eisen-57 wäre dieser Effekt viel deutlicher aufgetreten und hätte leichter gemessen werden können.
Durch das Prinzip der rückstossfreien Emission von Gammaquanten erhält man ein Strahlungssignal von ausserordentlich hoher Frequenzschärfe. Mößbauer fand heraus, dass man - wie beim Radio - Sender und Empfänger aufeinander abstimmen kann. Bei seiner Versuchsanordnung bewegte er die Quelle auf die Probe zu oder von ihr weg und konnte ermitteln, bei welcher Geschwindigkeit eine Absorption eintritt. Die grosse Bedeutung des Mößbauereffekts besteht also darin, dass man winzige Frequenzänderungen (in der Grössenordnung von einem Milliardstel) feststellen und vermessen kann. Der Effekt wurde bald zur Grundlage eines unerhört genauen Messverfahrens, der Mößbauer-Spektroskopie. Es gelang es nachzuweisen, dass Lichtquanten (Photonen) vom Schwerefeld der Erde angezogen werden, womit man die Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie erstmals im Labor bestätigen konnte.
Die Mößbauer-Spektroskopie hat eine herausragende Bedeutung für viele Forschungsgebiete von der Physik über die Chemie, Geologie, Mineralogie, Archäologie bis hin zur Medizin. Auch die jüngst auf dem Mars gelandeten Roboter "Spirit" und "Opportunity" hatten Mößbauer-Spektrometer an Bord. Damit entdeckten sie auf ihren kilometerlangen Touren Minerale, die nur in Gegenwart von Wasser entstehen konnten. Das war der Nachweis, dass es einst auf dem Mars nicht nur Wasser, sondern auch eine viel sauerstoffreichere Atmosphäre als heute gegeben haben muss.
Niemand war mehr sonderlich verwundert, dass Rudolf Mößbauer im Herbst 1961 den Nobelpreis für Physik (zusammen mit Robert Hofstadter) erhielt, "für seine Forschungen über die Resonanzabsorption der Gammastrahlung und seine Entstehung, die den Namen Mößbauer trägt". Diese Begründung des Nobelkommittees war höchst ehrenvoll, kam doch darin - zum ersten und einzigen Mal - der Name des Laureaten vor.
Trotzdem: in den Kreisen der Münchener Physiker, insbesondere der jüngeren, war man enttäuscht darüber, dass nicht auch Professor Maier-Leibnitz mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Die nominelle Möglichkeit dafür hätte bestanden, denn nach den Regularien des Nobelkommittees können in jedem Jahr bis zu drei Kandidaten nominiert werden. Warum also nicht Mößbauer und Maier-Leibnitz, zusammen mit Hofstadter, der den Preis für ein anderes Forschungsgebiet erhielt?
Der Beitrag von Maier-Leibnitz (ML) bei der Entdeckung der rückstossfreien Kernresonanz und auch bei der nachfolgenden Mößbauer-Spektroskopie war offenkundig. ML hatte den jungen Mößbauer betreut und ihm ein Doktorthema gegeben, bei dem bedeutsame Ergebnisse zu erwarten waren durch vorausgehende Veröffentlichungen der angloamerikanischen Forscher Moon, Metzger und Lamb. Um nochmal ein Beispiel zu bemühen: ML hatte Mößbauer das Waldstück gezeigt, in dem er Pilze vermutete - die Steinpilze hatte Mößbauer allerdings selbst gefunden. Des weiteren schickte ihn ML 1955 als einzigen seiner Doktoranden zum Max-Planck-Institut nach Heidelberg, wo er bessere Arbeitsmöglichkeiten hatte als in dem (noch im Aufbau befindlichen) Münchener Institut.
Und schliesslich: Schon im März 1958, also unmittelbar nach der Entdeckung des Effekts - und volle dreieinhalb Jahre vor der Nobelpreisvergabe - hatte Maier-Leibnitz in nahezu visionärer Weise fast alle Anwendungen des Mößbauer-Effekts aufgeschrieben. Die Auflistung (Ausriss unten) umfasst im Original 15 Punkte; es fehlten eigentlich nur die Gravitationsexperimente.
Es bleibt also die Frage, warum ML trotz seiner engen Beteiligung an diesem Thema, nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. Die einzig schlüssige Antwort darauf ist: er wollte nicht. Er wollte Mößbauer offenbar - in einem Überschwang von Altruismus, wie viele von uns meinten - allein diese Ehrung zukommen lassen. Die Entscheidung fiel vermutlich im Sommer 1961, als Professor Waller als Abgesandter des schwedischen Nobelkommittees Maier-Leibnitz am Rande einer Konferenz in Paris aufsuchte. Nach Meinung (nicht anwesender) Beobachter wäre es für ML ein Leichtes gewesen, "sich in Position zu bringen". Er wollte dies nicht und verzichtete zugunsten seines Schülers auf den Nobelpreis.
Umgekehrt war das Bemühen auf seiten Mößbauers. Er war nicht nur intelligent und fleissig, sondern besass auch einen gesunden, ja robusten Ehrgeiz. Dafür gibt es eine aufschlussreiche Episode aus jener Zeit, in der er am Münchener Institut seine Diplomarbeit fertigte. Sie befasste sich mit der besonders genauen Messung der Intensität von Gammastrahlen. (Man registriere die thematische Nähe zur späteren Doktorarbeit!) Dafür erhielt er Zugriff auf einen Oszillografen, der allerdings Gemeinschaftseigentum mehrerer Kollegen war. Um dieses Gerät aber für sich allein nutzen zu können - das ist verbürgt - machte es Mößbauer in seiner Abwesenheit (durch Auslöten einer Komponente?) stets "kaputt" und "reparierte" es wieder, wenn er es brauchte.
Dass Mößbauer in den Gespräche mit den Abgesandten des Nobelkommittees seine eigene Leistung nicht unter den Scheffel gestellt hat - eventuell sogar zu Lasten von ML - dafür gibt es keine direkte Beweise, aber zumindest zwei indirekte Indizien, die kurz angeführt seien.
Im Jahr 1986, also volle 25 Jahre nach der Nobelpreisverleihung wurden die Schüler von Maier-Leibnitz aufgefordert, ihren wissenschaftlichen Werdegang kurz zu beschreiben. Diese "Lebensläufe" wurden von Otto Schult in einem schönen Buch zusammengestellt und Professor Maier-Leibnitz zu seinem 75. Geburtstag feierlich übergeben. Natürlich war Mößbauer ML´s renommiertester Schüler und sicherlich wurde sein Beitrag von den allermeisten gelesen. Er war enttäuschend, um das mindeste zu sagen; auf einer knappen dreiviertel DIN A4-Seite beschrieb er seine Doktorandentätigkeit unter ML auf eine Weise, die man nur als knochentrocken und anteilslos bezeichnen kann. Da die Handschrift des damals bereits 57-jährigen (unten) etwas schwer zu lesen ist, sei die Passage vom Eintritt in das Institut Maier-Leibnitz, über die Nobelpreisarbeit bis zu seinem Abgang in die USA nochmals in Maschinenschrift wortgetreu wiedergegeben.

bei Maier-Leibnitz
"...Die Diplomarbeit bei Herrn Professor Maier-Leibnitz, die in einer Atmosphäre grosser Freiheit durchgeführt werden konnte, war von vornherein als Vorläufer einer Dissertation angelegt. Es war ebenfalls Herr Professor Maier-Leibnitz, der mir nach Abschluss meiner Diplomarbeit im Jahre 1955 die Möglichkeit verschaffte, an das Institut für Physik am MPI für medizinische Forschung in Heidelberg zu gehen, um dort unter seiner Leitung eine Dissertation durchzuführen. Als mit nur mässigen theoretischen Vorkenntnissen ausgestatteter junger Physiker war die wissenschaftliche Atmosphäre Heidelbergs für die Durchführung meiner Arbeiten, die 1957 zu der Entdeckung und Deutung der "Rückstoßfreien Resonanzabsorption von Gammastrahlung" führten, von entscheidendem Einfluss. Nach Abschluss der Dissertation im Jahre 1958 war ich zwei Jahre lang wissenschaftlicher Assistent bei Herrn Maier-Leibnitz..."
Ich glaube nicht, dass selbst ein aufmerksamer Leser in diesen wenigen Sätzen eine Mitwirkung von ML an seiner Dissertation herauslesen kann. Eine hommage an seinen früheren Lehrer war es sicherlich nicht.
Zu einer gewissen Misstimmung kam es bei der nachfolgenden Feier zu ML´s 75 Geburtstag, die in einem grossen Rahmen statttfand. Als Laudator war Mößbauer bestimmt und alle erwarteten eigentlich, dass er seinem Doktorvater (rhetorisch) Blumen überreichen würde. Das war aber nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Mößbauer rollte nocheinmal die ganze Geschichte der Entdeckung des Effekts auf und liess keinen Zweifel daran, dass die Messungen und ihre Deutung allein auf sein Konto gingen. Für seinen väterlichen Betreuer Maier-Leibnitz fiel wenig bis nichts ab. Ich höre heute noch das ärgerliche Gegrummel im Auditorium; einige verliessen sogar ostentativ vorzeitig die Veranstaltung. Zum 80. Geburtstag, fünf Jahre später, stand Mößbauer nicht mehr auf der Rednerliste eines ähnlichen Festkolloquiums.
Nun, ich möchte mit dieser historischen Darstellung nicht den Stab über Mößbauer brechen; das wäre vermessen, angesichts seiner unbezweifelbaren Leistungen. Gerne hätte ich ihn zu diesen Dingen nochmals selbst befragt. Das ist aber nicht mehr möglich, denn er leidet seit Jahren an einer schweren, altersbedingten Krankheit.
Sonntag, 7. Februar 2010
Oettinger can speak English

Wenn Kommissar Oettinger eine hochrangige Delegation aus Japan zu betreuen hat, dann wird er wohl die Dienste eines Konsekutivdolmetschers in Anspruch nehmen. Bei Anlässen dieser Art werden üblicherweise zu Beginn sehr formelle (und wenig informative) Eingangsreden gehalten. Der - meist betagte - japanische Daddy liest seine Rede ab und nach 5 oder auch 10 Minuten legt er eine Pause ein, während der der Dolmetscher konsekutiv (abschnittsweise) übersetzt. Diese Dolmetscher sind wahre Gedächtniskünstler; zur Unterstützung bedienen sie sich einer persönlichen Kurzschrift (kein Steno!) für die Hauptgedanken der Rede.

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass in Brüssel für alle translatorische Probleme bestens gesorgt ist. Im Falle Oettinger könnte jedoch noch ein kleines landsmannschaftliches Problem auftauchen, da der echte Schwabe bekanntlich alles kann - ausser Hochdeutsch. Aber auch dafür hat die Bürokratie der EU etwas erfunden, nämlich das Relais-System: Oettingers Stakkato-Schwäbisch wird einfach ins Hochdeutsche übertragen und von dort aus (deshalb Relais!) weiter in andere europäische Hochsprachen.









