Sonntag, 2. Mai 2010

Alles Schrottreaktoren?

Die kürzliche Aktionärsversammlung der Energiewerke Baden-Württemberg (EnBW) in Karlsruhe brachte es an den Tag: um die Abschaltung, beziehungsweise den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke wird wie eh und je hart gerungen. Wenige Menschen wissen, dass in der Vergangenheit bereits 19 Kernkraftwerke (KKW) in Deutschland abgeschaltet worden sind - nicht wenige auf politischen Druck hin, wie Hamm-Uentrop, Greifswald 1 bis 5, Mühlheim-Kärlich etc. Um die noch verbliebenen deutschen Kernkraftwerke - 17 an der Zahl - gibt es seit Monaten heisse Diskussionen. Die Gegner möchten sie in den kommenden zehn Jahren allesamt stillegen; die Befürworter, insbesondere die grossen Energieversorgungsunternehmen (EVU) wollen sie um weitere 20 oder gar 30 Jahre weiterlaufen lassen. Fakt ist, dass seit dem April 2002 die EVU veranlasst sind, alle KKW - nach gewissen betrieblichen Modalitäten - bis ca. 2020 vom Netz zu nehmen. Im Bild 1 ist dies durch die (diffus) auslaufenden Balken dargestellt.


Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke, abgeleitet aus dem Atomgesetz vom April 2002 (aus: atw 3/10)

Abhängig von der betrieblichen Fahrweise würde dieser Stillegungsbeschluss die Kraftwerke Biblis A, Neckarwestheim I, Brunsbüttel etc. bereits im nächsten oder übernächsten Jahr treffen; andere KKW wie Isar 2, Emsland und Neckarwestheim II, die später in Betrieb genommen worden sind, könnten noch bis 2020 oder kurzfristig darüber hinaus weiterlaufen.

Von den Gegnern der deutschen Atomkraftwerke werden für die baldige Abschaltung vorallem zwei Gründe ins Feld geführt:

erstens, dass diese 17 KKW wegen ihrer bereits langen Betriebszeit und der häufigen Störungen eigentlich "schrottreif" seien,

und zweitens, dass ihre Leistung kurzfristig nicht regelbar sei, weswegen sie ein Hemmnis bei der Einspeisung der Windenergie seien (Stichwort "unbewegliche Dinosaurier").

Beide Behauptungen sind beweisbar falsch, wie ich im Folgenden darstellen möchte.

Befassen wir uns zunächst mit dem ersten Argument und betrachten dafür die Betriebsbilanz der deutschen Atomkraftwerke während der vergangenen 25 Jahre (von 1981 bis 2006) im weltweiten Vergleich. Neutrale Stellen listen jedes die Stromproduktion aller Kernkraftwerke auf, von denen es derzeit 438 in 33 Ländern gibt. Das Ergebnis dieser "Bundesligatabelle" ist höchst bemerkenswert und stellt eine hohe Auszeichnung der deutschen Atomkraftwerke dar.


"Top Ten" der Stromproduktion aller Kernkraftwerke weltweit (atw 07/08)

Aus Bild 2 geht hervor, dass deutsche Kernkraftwerke - durch den Buchstaben D markiert - während dieses Vierteljahrhunderts nicht weniger als 24 Mal "Weltmeister" waren, indem sie die höchste jährliche Stromproduktion aller 438 KKW erzielten. (Nur 1988 konnte das US-amerikanische Kraftwerk Palo Verde-3 diesen Titel erringen). Die deutschen Spitzenreiter waren u.a. Unterweser, Biblis B, Grafenrheinfeld, Grohnde, Emsland, Brockdorf, Philippsburg 2 und (oftmals) Isar 2. Im Jahr 1997 erreichte das KKW Grohnde sogar die absolute Rekordleistung von 12,53 Milliarden erzeugter Kilowattstunden.

Aber damit noch nicht genug: unter den "Top Ten" der Stromproduktion waren jedes Jahr mindestens drei, manchmal sogar acht deutsche Kernkraftwerke vertreten. Da die jährliche Stromproduktion bekanntermassen das Produkt aus Kraftwerksleistung und Betriebszeit ist, widerspiegelt dies auch die hohe Verfügbarkeit dieser Anlagen und mithin ihren guten technischen Zustand. Von "Schrottreaktoren" zu reden ist angesichts dieser hervorragenden Statistik deshalb barer Unsinn.

Betriebsdiagramme (ausschnittsweise) dreier KKW in 2007 und 2008 (atw)

Wenden wir uns nun der zweiten Behauptung zu, nach der die Kernkraftwerke wegen ihrer betrieblichen Inflexibilität einen Hemmschuh bei der Einführung der Windkraft bilden würden. Auch diese These ist falsch. Betrachten wir hierfür die Betriebsdiagramme dreier typischer KKW, bei denen der Betriebsablauf in den Jahren 2007/8 gegen die prozentuale elektrische Leistung aufgetragen ist. Das obere Diagramm bei Neckarwestheim II zeigt einen konstanten "Strichbetrieb", der das Herz jedes Betriebsleiters erfreut. (Der Stillstand in den Monaten August/September ist absichtlich und dient der Jahresrevision). Bei Unterweser (mittleres Diagramm) sind eine Vielzahl von "Fransen" zu sehen; dies sind kurzeitige, meist stundenweise Leistungsreduktionen zwischen 10 und 40 %. Bei Neckarwestheim I (unten) dauern diese Leistungsabsenkungen in der Regel einige Tage und sind zumeist auf 55 % normiert.

Die Gründe für diese Leistungsabsenkungen waren verschieden. Im Falle von Unterweser reagierte man auf ein plötzliches Angebot an Windenergie , die bevorzugt in das Netz aufgenommen werden muss. Die Reaktorleistung wurde deshalb stundenweise zurück gefahren. Im Falle von Neckarwestheim II waren zumeist betriebswirtschaftliche Gründe der Auslöser: die Kraftwerksleitung reagierte auf die Preisbewegungen an der Leipziger Strombörse.

In all diesen Fällen zeigt sich: Kernkraftwerke können nicht nur zuverlässig mit konstanter Vollast fahren (und damit die Grundlast sichern) sondern sie können auch im Bedarfsfall ihre Leistung rasch absenken und wieder anheben. "Rasch" bedeutet, etwa im Falle von Unterweser, dass die Reaktorleistung um volle 10 % innerhalb einer einzigen Minute (!) reduziert werden kann um Windstrom ins Netz zu lassen. Die Behauptung, dass Atomkraftwerke die Übernahme von elektrischer Energie aus Windmühlen behindern würden, ist also ein Märchen. Kernreaktoren sind durchaus für den Lastfolgebetrieb ausgelegt und damit als "Schattenkraftwerke" für regenerative Energieerzeuger verwendbar - auch wenn dies nicht ihre optimale Fahrweise darstellt.

Weltweit sind, wie gesagt, derzeit 438 KKW in Betrieb; weitere 42 kommen in den nächsten Jahren hinzu, die zur Zeit noch im Bau sind; nochmals weitere 80 sind in der Planung.

Egal, wie die Würfel bei der Atomenergie in Deutschland fallen werden: die internationale Szene wird dadurch nicht berührt; die Karawane zieht weiter.

Freitag, 30. April 2010

Eine Wortmeldung

(Bei der Hauptversammlung der Energiewerke Baden-Württemberg, am 29. April 2010 in der Stadthalle Karlsruhe; Hans Peter Villis ist Vorstandsvorsitzender der EnBW)

Sehr geehrter Herr Villis,
meine Damen und Herren.

Ich werde die mir zugewiesene Redezeit garantiert nicht überschreiten,
denn ich habe nur einen Vorschlag zu machen;
eigentlich ist es nur eine kleine Bitte
die ich aussprechen möchte.

Aber bevor ich das tue,
gestatten Sie mir eine allgemeine Bemerkung:
ich habe schon viele Aktionärsversammlungen in diesem Saal erlebt;
die heutige Hauptversammlung hebt sich sehr vorteilhaft von früheren,
insbesondere jenen unter der Leitung des ehemaligen Chefs Utz Claassen ab.

Heute wurden wirklich seriöse Informationen geboten;
die Emotionen und das Show-Gehabe früherer Jahre blieb aus.
Das ist sicherlich vorallem Ihnen zu verdanken,
sehr geehrter Herr Villis. Weiter so!

Nun komme ich zu meiner Bitte.
Sie lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen:

"Tragen Sie, lieber Herr Villis, doch dazu bei,
unseren armen KSC finanziell zu retten."

Dem Karlsruher Sport Club geht es schlecht bis miserabel,
jeder in diesem Raum weiss das.
Er wurde in dieser Saison zu oft besiegt
und "vae victis" hiess es schon bei den alten Römern.

Aber bei Vorstellung der Bilanzzahlen
- fast zwei Milliarden Gewinn -
ist doch zu vermuten,
dass es der mächtigen EnBW
(mit Hauptsitz in der Stadt Karlsruhe)
möglich sein sollte,
ein Promotionsthema zu finden
- vielleicht im Bereich der Trikotwerbung -
das dem KSC nützt
und uns Aktionären nicht schadet.

Vielen Dank bereits im Voraus,
sehr geehrter Herr Villis,
und wenn Sie bei diesem Thema Beratung brauchen,
so wenden Sie sich doch vertrauensvoll an den Aufsichtsratschef des früheren Badenwerks,
Herrn Mayer-Vorfelder, alias Mayer-Vorstopper.
Er sitzt unweit von Ihnen im Publikum.

Sonntag, 18. April 2010

Dr. Traubes gesammeltes Schweigen.

Die Atomkraft hat in Deutschland viele Gegner, aber kaum einer ist so bekannt wie der Maschinenbauer Dr. Klaus Traube. Vom Ende der siebziger Jahre bis weit in die neunziger hinein, war er in den Medien nahezu omnipräsent. Wie ein wiederauferstandener moderner Savonarola geisselte er die "Technokraten" der Atomindustrie und der Kernforschungszentren. In seinem 1977 geschriebenen Buch "Müssen wir abschalten?" untermauerte er seine Thesen u. a. damit, dass er auf seine ca. eineinhalb Jahrzehnte währende Tätigkeit beim Bau von Kernkraftwerken verwies. Indes, seine Selbstauskünfte zu diesem Kapitel seines beruflichen Lebens sind seltsam blass und wenig detailliert. Sie muten eher an wie Dr. Murkes gesammeltes Schweigen. Es ist die Absicht dieses Blogs, die Leistungen des Herrn Dr. Traube als Kernkraftingenieur und -manager etwas stärker in den Einzelheiten zu beleuchten.



Chefplaner Klaus Traube weist den Weg aus der Kernenergie
(Ca. 50jährig - aus Buch:"Müssen wir umschalten")

Beginnen wir mit dem Heissdampfreaktor (HDR) in Kahl, einem Kernkraftwerk das zwischen 1965 und 71 von der Firma AEG-Telefunken gebaut wurde. Dr. Traube war bei diesem Unternehmen damals "Leiter des Fachgebiets Leistungsreaktoren" und damit sehr ranghoch angesiedelt. Der HDR war im wesentlichen ein Siedewasserreaktor, aber im Unterschied zu diesem sollte der Dampf ein zweites Mal durch den Reaktorkern geschickt werden. Durch diese Überhitzung erhoffte man sich einen höheren Wirkungsgrad und damit geringere Stromkosten. Aber die Inbetriebnahme des HDR im Frühjahr 1971 geriet zum Fiasko. Die Betriebsmannschaft detektierte radioaktives Spaltgas im Reaktorraum und mit Entsetzen stellte man fest, dass alle Heissdampfbrennelemente falsch ausgelegt waren: die Wandstärke der Spaltgasrohre war zu gering bemessen und hielt deshalb dem Betriebsdruck des Reaktors nicht stand. Für die Auslegung aber waren Dr. Traube und seine Mannschaft verantwortlich. Nach dieser Havarie verzichtete der Betreiber des HDR auf die Neuplanung des Reaktorkerns und legte die Anlage still. 200 Millionen Mark (einschliesslich vorlaufender Versuche) waren à fond perdu abzuschreiben. Einige Komponenten des HDR wurden in der Folge für ein - nichtnukleares - Versuchsprogramm genutzt und die Reaktorhülle nach ihrer Entkernung 1998 effektvoll in die Luft gesprengt.



Der Heissdampfreaktor HDR wird (nach Entkernung) gesprengt

Nach dem HDR-Desaster verliess Traube die AEG - manche sprachen von "Abschiebung" - und wechselte zum Siemenskonzern, wobei er eine Vakanz in der Tochterfirma Interatom nutzte. Dort wurde er federführender Geschäftsführer für den Schnellen Brutreaktor SNR 300, der in Kalkar gebaut werden sollte. In dieser Funktion war er "Chefplaner" des Brüters , wie auch in seinem o. g. Buch vermerkt ist. Doch hier erlebte Traube ein wahres Cannae. In den ersten drei Jahren der Bauzeit akkumulierte das von ihm geführte Projekt nicht weniger als 20 Monate Terminverzug und sage und schreibe 750 Millionen Mehrkosten. Wesentliche Komponenten, wie der Notkühlkreislauf, die Dampferzeuger, die Zwischenwärmetauscher und der Reaktortankträger wurden von der Genehmigungsbehörde als unsicher abgelehnt und waren neu zu planen. Aus dieser Zeit - der Phase des Planungschefs Traube - resultierten viele spätere Probleme des Kalkarbrüters, die schliesslich 1991 zu seinem Ende führten.

Die Schwierigkeiten mit dem SNR 300 hinderten Traube aber nicht - praktisch parallel - einen vier Mal so grossen Brüter, den SNR 2 voran zu treiben, dessen Reaktorkern über 5.000 (!) Kilogramm Plutonium beinhalten sollte. Etwa 100 Millionen Mark wurden bis 1976 in dieses Projekt gesteckt. Ebenfalls vergeblich, denn spätere Grossbrüter, wie der European Fast Breeeder (EFR) griffen Traubes Konzept nicht auf.

Die Aufstellung von Traubes Projektleichen wäre unvollständig, würde man nicht noch die beiden Siedewasserreaktoren KRB Gundremmingen und KWL Lingen erwähnen. Wegen vieler Störfälle, inbes. bei KWL, kamen sie nie richtig in Schwung, sodass die Eigentümer schon nach 10 Jahren endgültig abschalteten. Traube war bei beiden Kernkraftwerken in einer Art Gruppenleiter- bzw. Abteilungsleiterposition (z. T. von USA aus) tätig.

Betrachtet man nur die erstgenannten Projekte HDR, SNR 300 und SNR 2, so hatte Traube drei Kernkraftwerke, die unter seiner Ägide standen, mehr oder minder an die Wand gefahren und unrentierliche Kosten von mehr als einer Milliarde Mark verursacht. Ich kenne keinen zweiten deutschen Ingenieur auf dem Kernkraftwerksgebiet, dem das auch nur annähernd "gelungen" ist. In seinem Buch Müssen wir umschalten beschreibt er diese tristen Erfahrungen summarisch folgendermassen: "Ich meine, cum grano salis, entziehen sich grosstechnische Entwicklungen rationaler Steuerung; die Grosstechnik entwickelt sich zumeist anarchisch, unvorhersehbar und irrational.".

Aber das ist beweisbar falsch. Die Nachfolger Traubes , welche bei der Kraftwerk Union die 18 deutschen Kraftwerke (beginnend mit Biblis A) bauten, haben eine perfekte Arbeit geleistet; denn seit mehr als 20 Jahren sind diese Anlagen - was die Stromproduktion anlangt - in der Spitze der Weltliga, die immerhin 435 Kernkraftwerke umfasst.

Es ist bekannt, dass Traube mitte 1976 wegen Verwicklungen in die RAF-Terrorismusszene von seinem Arbeitgeber Siemens entlassen worden ist. Seinen Lebensabend verbringt der nunmehr 82-Jährige in einem alten Haus in Oberursel bei Frankfurt. Gelegentlich gibt er Interviews, so im November 2004 der Frankfurter Rundschau. Dabei geriert er sich behäbig bis bräsig, fast in der Manier eines Buddha. So behauptet er jetzt, schon 1972 Zweifel an der Industriegesellschaft gehabt zu haben. Dann erstaunt allerdings - um ein Bild zu gebrauchen - dass Traube trotzdem noch bis 1976 seine Ingenieursbataillone in die Schlacht geführt hat. Allerdings war er ein Feldherr ohne Fortüne!



Traube blickt zurück
(Ca. 76jährig - Photo: FR Nov. 2004)

In der RAF-Affäre fühlt sich Traube "grundlos angegriffen". Nun, vielleicht hätte er besser keinen Umgang mit Terroristen vom Schlage eines Hans-Joachim Klein pflegen sollen. Als Chefmanager des high-Tech-Brüters SNR 300 Kalkar hatte er intime Anlagenkenntnisse und (administrativen) Zugriff auf die Plutoniumbestände. Spaltmaterial in den Händen von Terroristen war damals (wie heute) ein Albtraum. Dass Traube die Risiken seines Doppellebens auch jetzt noch nicht erkennen will, attestiert ihm ein reichliches Mass an Chuzpe.

Es steht nicht zu erwarten, dass Klaus Traube diesen Blog am eigenen Computer wird lesen können, denn in dem schon mehrfach zitierten Buch reitet er auch geharnischte Attacken gegen die Computertechnik:

"Nichts ist vordringlicher als die Mikroelektronik aufzuhalten; ihre schleichenden sozialen Auswirkungen sind weit gefährlicher als die der Atomkraftwerke."

Sonntag, 4. April 2010

Finanzprobleme bei FAIR

Fast 40 Jahre lang existierte in Darmstadt ein kleines, aber feines, Forschungszentrum, betrieben von der "Gesellschaft für Schwerionenforschung" (GSI). Zentriert um den Linearbeschleuniger UNILAC widmete man sich dort mit 900 Mitarbeitern praktisch nur einer einzigen Aufgabe: der Synthese superschwerer Atomkerne mittels Fusion. Im benachbarten, vier Mal grösseren Kernforschungszentrum Karlsruhe, hatte man sich umgekehrt der Spaltung schwerer Atome, wie Uran und Plutonium, verschrieben - und erntete dafür statt Lob manche mediale Hiebe.

Theoretische Physiker, wie Gamov, Bohr und v. Weizsäcker hatten vorher in ihrem "Tröpfchenmodell" superschwere und gleichzeitig stabile Elemente, weit jenseits des Urans postuliert. Dorthin wollte man vordringen. Während sich hinter Uran mit der Ordnungszahl 92 ein "Meer der Instabilität" ausbreitet, vermutete man, etwa ab der Ordnungszahl 100, "stabile Inseln", wo die Atomkerne nicht mehr spontan zerstrahlen, sondern stabil bleiben und deshalb chemisch analysiert werden können. Besonders aufregend schien die Suche nach den "magischen" und "doppelt-magischen" Kernen, bei denen die Protonen und Neutronen in einem bestimmten Verhältnis standen und die "Schalen" aufgefüllt waren.

Die Suche nach superschweren - aber noch nicht stabilen Elementen - war durchaus nicht erfolglos. Im Laufe von Jahrzehnten fand die Forschergruppe um Peter Armbruster, Gottfried Münzenberg und Sigurd Hofmann ein halbes Dutzend dieser Exoten. Sie sind auf der Nuklidkarte als Bohrium, Meitnerium, Roentgenium und Copernicium vermerkt. Hinzu kommen Hahnium und Darmstadtium, deren Namensgebung eine Hommage an Darmstadt und das Land Hessen darstellt. Die meisten dieser Elemente existierten nur Bruchteile von Sekunden und konnten in der Regel nur als einzelne Atomkerne erzeugt werden. Sie bildeten sich beim (wohldosierten) Zusammenstoss zweier mittelgrosser Kerne.



Die stolzen Entdecker des Elements 112

Armbruster, ein Schüler von Maier-Leibnitz, war der Teamführer und wurde zuweilen als Kandidat für den Physiknobelpreis angesehen. Zur Verleihung kam es aber dann doch nicht; über die Gründe dafür kann man nur spekulieren. Vielleicht wurde das "Zusammenbacken" von Atomkernen mehr als diffizile Handwerkskunst denn als hohe Wissenschaft gesehen. Vielleicht wollte man auch in Stockholm auf das postulierte Endziel, das Erreichen der stabilen Inseln warten; vorderhand bildeten die generierten Elemente lediglich "Landungsbrücken" über das Meer der Instabilität. Möglicherweise wollte sich das Nobelkommittee aber auch aus einem "Wespennest" heraushalten, denn neben dem GSI gab es ähnliche Forschungsgruppen in Berkeley (USA) und Dubna (Russland), zwischen denen es immer wieder zu Streitigkeiten bei der Erstentdeckung und der Namensgebung kam.

Vor etwa fünf Jahren beschloss man bei der GSI die thematische Monokultur der superschweren Atomkerne zu verlassen und sich der programmatischen Vielfalt der Kernphysik zu öffnen. Die Anlage FAIR - "Facility for Antiproton and Ion Research" - wurde vorgestellt und der wissenschaftliche Geschäftsführer Horst Stöcker versprach, "die Physik des Universums in das Labor zu holen". Als Vielzweckmaschine sollte FAIR die Physik der Hadronen bis zur Astrophysik abdecken. Über das frühe Universum und den Ursprung der Elemente sowie grundlegende Fragen des Quark-Gluon-Plasma sollen im Endausbau 3000 Physiker aus aller Welt in Darmstadt forschen. CERN lässt grüssen!

Apparatives Kernstück von FAIR werden zwei grosse Beschleunigerringe mit 1.100 Metern Umfang sein, die übereinander in einem gemeinsamen unterirdischen Tunnel gebaut werden. Die derzeitigen Beschleuniger der GSI dienen dann als Vorbeschleuniger. An die beiden Beschleunigerringe schliesst sich ein komplexes System von weiteren Speicherringen und Experimentierstationen an. Die Fertigstellung der Anlage und der Experimentierbeginn ist auf das Jahr 2016 avisiert.



Computergrafik zeigt Altanlage GSI (links) und FAIR-Komplex (rechts)

Derzeitiger Knackpunkt des ganzen Unternehmens ist seine Finanzierung. Die Investitionskosten sind seit Planungsbeginn (2005) von 675 über 940 auf jetzt 1.200 Millionen Euro gestiegen. Das muss noch nicht das Ende sein, denn schwierige Planungsphasen und vorallem der Bau stehen noch aus. Hinzu kommen noch die jährlichen Betriebskosten, welche auf mindestens 120 Millionen veranschlagt werden. Die Zuwendungsgeber sind der Bund (65 %), das Land Hessen (10 %) sowie die 16 internationalen Partner (25 %). Zur Zeit klafft noch eine Finanzierungslücke von gut 100 Millionen Euro, was eine gewichtige Änderung der Gesamtplanung erforderlich machte: einige Anlagenmodule mussten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

Nicht enthalten im Investitionsbudget sind zusätzliche Kosten in Höhe von 110 Millionen Euro, die standortbedingt sind. Testbohrungen haben nämlich gezeigt, dass das Gelände neben dem bestehenden GSI-Areal keinen (wie eigentlich erwartet) felsigen Untergrund hat, weswegen 2000 jeweils 50 Meter lange Pfähle den Boden stabilisieren müssen. Da die Partnerländer nicht bereit waren, zusätzliche Millionen "in Beton" zu investieren, mussten sich Bund und Land zähneknirschend zur Kostenübernahme bereit erklären. Im Frühjahr soll dann die FAIR GmbH als internationaler Projektträger gegründet werden.

Angesichts dieses holprigen Projektbeginns mag sich mancher Beteiligter an die Worte der Bundesforschungsministerin Annette Schavan erinnern, die bei der offiziellen Festveranstaltung im November 2007 zum Start von FAIR folgendes gesagt hat:

"Physiker müssen einen genetischen Defekt haben, der ihnen übergrossen Optimismus verleiht".

Sonntag, 28. März 2010

Utz Claassen macht den Oskar

Utz Claassen ist eine Art Paradiesvogel innerhalb der deutschen Managerkaste. Dazu trägt nicht nur sein kernig-putziger Vorname bei, sondern auch der Umstand, dass er für Talkshows aller Art stets bereitwillig zur Verfügung steht. Ein Promi also, den auch die Boulevardmedien kennen und lieben. Vier Jahre lang, von 2003 bis 2007 dirigierte er als Vorstandsvorsitzender das Karlsruher Energieversorgungsunternehmen EnBW und behauptete - weitgehend als Einziger - dieses Unternehmen als "Sanierungsfall" übernommen und durch sein Engagement vor Schlimmeren bewahrt zu haben. Da war es schon verwunderlich, dass er, noch vor Auslaufen seines Fünfjahresvertrags den Bettel hinwarf und die EnBW vorzeitig verliess. Böse Zungen behaupten allerdings, dass er mit diesem Schritt nur seinem eigenen Rauswurf zuvor gekommen sei.

Danach verbrachte Claassen eine geraume Zeit in den USA, wo er für einen Finanzdienstleister mit dem aufschlussreichen Namen "Cerberus" arbeitete. Sein Status bei dieser "Heuschrecke" blieb weitgehend geheim, weswegen es zu mehreren Prozessen mit seinem früheren Arbeitgeber EnBW kam, die bis zum Bundesgerichtshof führten. Zwischendurch liess sich Claassen unter dem Label "UC Utz Claassen" Markenrechte für diverse Produkte eintragen, darunter Uhren, Schmuck, Klebstoff - und Pferdepeitschen.

Ende vergangenen Jahres überraschte Utz die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, dass er ab 1. Januar 2010 die Position des Vorstandsvorsitzenden bei der Erlanger Firma Solar Millenium AG (SM-AG) einnehmen werde, bei einem Unternehmen, das sich der Nutzung der Sonnenenergie verschrieben hat. Das tat er denn auch - aber schon nach zweieinhalb Monaten war Schluss. Claassen schickte Mitte März ein Fax an seinen Aufsichtsratsvorsitzenden und teilte ihm den sofortigen Austritt aus der Firma mit. Den Dienstwagen und die Firmenkreditkarte liess er per Kurier nach Erlangen bringen. Wow!

Mit dieser Entscheidung war Claassen ein ähnlicher Coup gelungen wie vor Jahren Oskar Lafontaine, der im März 1999 Knall auf Fall den Posten des Bundesfinanzministers hinschmiss. Und wie bei Oskar rätselt man auch bei Utz über die Gründe, wobei bisher nur bekannt ist, dass Claassen sich auf eine Ausstiegsklausel in seinem Anstellungsvertrag berufen konnte, also zumindest formell das Recht zur Kündigung hatte.


Utz Claassen pfeift auf Solar Millenium

In Wirtschaftskreisen war man von Anfang an verwundert, dass sich Claassen als ehemaliger Konzernlenker mit der Firma Solar Millenium einliess, die man allenfalls als "mittelständisch" bezeichnen kann (um das Wort "Klitsche" zu vermeiden). Nach eigenen Angaben beschäftigte SM-AG im Jahr 2008 lediglich 103 Mitarbeiter und erzielte bei einem Umsatz von 12,3 Millionen Euro den bescheidenen Gewinn von 300.000 Euro. Kein Vergleich mit EnBW, die im gleichen Jahr mit 20.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 16.3 Milliarden und einen Gewinn von 2 Milliarden machten.

Das Geschäftsmodell der SM-AG ist die Planung, der Bau und der Betrieb von Solarkraftwerken im südspanischen Andalusien. Die Technologie beruht auf parabelförmig gekrümmten Spiegeln, welche die einfallenden Sonnenstrahlen bündeln und damit ölgefüllte Linearkollektoren erhitzen. Die so gewonnene Wärme wird in einer Dampfturbine zur Stromerzeugung genutzt. Da Solar Millenium die notwendigen Investitionen aus eigener Kraft nicht stemmen kann, offeriert es im Rahmen geschlossener Fonds Aktien und stellt eine Rendite von 8 % (!) in Aussicht. Vom spanischen Staat wird über eine Art Energieeinspeisegesetz die Abnahme des Stroms und seine Subvention erwartet. SM-AG ist also ein sogenanntes "start-up-Unternehmen", bei dem es zum Geschäftsmodell gehört, dass die Projekte weit grösser sind als das Unternehmen selbst. Dementsprechend volatil ist der Aktienkurs; beim Abgang von Claassen fiel er von 44 auf 21. Im nächsten Jahr will Solar Millenium satte 350 Millionen Euro an Publikumsgeldern einsammeln, was nicht leicht sein dürfte.




Aufbau und Betrieb von Solarfeldern in Andalusien

An der Börse wird gemunkelt, dass Claassen erst beim Blick in die Geschäftsbücher die Risiken dieser Firma voll bewusst wurden. Wenn er die Schädigung seines Rufs durch einen schnellen Rücktritt in Kauf nahm, so kann das eigentlich nur bedeuten, dass er darum fürchtete, seinem Ruf noch mehr zu schaden, wenn er bei Solar Millenium geblieben wäre. Hinzu kommt, dass die "Wirtschaftswoche" seit einiger Zeit über "Unregelmässigkeiten bei der Bilanzierung" berichtet und dem Unternehmen "kreative Buchführung" unterstellt. Auch diese Medienberichte führten zu Dellen im Aktienkurs und verschreckten die Anleger.

Nun, Utz braucht das nicht mehr zu kümmern. Bei den oben genannten Prozessen und dem anschliessenden Vergleich mit der EnBW hat er von seinem früheren Arbeitgeber eine Abfindung von 2.5 Millionen Euro herausgeholt.

Damit lässt sich im heimatlichen Hannover eine Zeitlang gut leben.

Sonntag, 21. März 2010

Geschichten um Maier-Leibnitz

Ungeachtet der vielen Kollegen im Physik-Department der Münchener Technischen Hochschule (TH, später TU) blieb Professor Maier-Leibnitz doch zeitlebens die Nr. 1. Das hatte zu tun mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz und seiner Ausstrahlung, die gepaart war mit Menschlichkeit und natürlicher Bescheidenheit. Er war durch eine lange und harte Schule gegangen. In Göttingen studierte er bei dem Nobelpreisträger James Franck, in Heidelberg habilitierte er sich im Umkreis der Physikheroen Bothe, Geiger und Gentner. Mit 41 Jahren wurde er 1952 an den Lehrstuhl für technische Physik der TH berufen. Spät, verglichen mit heutigen Karrieren, aber auch bedingt durch die Kriegsumstände. Er hatte umfassende Kenntnisse auf den Gebieten der Atom- und Kernphysik, aber auch alle Apparaturen zur Kernstrahlenmessung konnte er selbst bauen - angefangen vom Proportionalzählrohr, über die Impulsverstärker, Untersetzer, Koinzidenzanlagen u.a.m. Sogar im Glimmerspalten für die Fenster der Zählrohre und Ionisationskammern war er ein Meister.

Heinz Maier-Leibnitz als Habilitand in Heidelberg in den 30er Jahren

Kein Wunder, dass er auch von seinen Schülern, den Diplomanden und Doktoranden, viel verlangte. Insbesondere bei der Diplomarbeit sah er darauf, dass sie zügig zuende gebracht wurde. Einige seiner Sprüche sind mir heute noch in Erinnerung, wie etwa "jeder darf Fehler machen, aber nicht zweimal denselben", oder "wer etwas Neues finden will, ist immer überfordert", oder "niemand hat das Recht, sein Talent zu verschleudern". Von der 40-Stunden-Woche für Forscher hielt er wenig; regelmässig konnte man noch spätabends - und auch an den Wochenenden - Licht in vielen Labors sehen. Aber er hatte auch Verständnis dafür, dass wir mittags Schafkopf spielten oder einen zünftigen Skat klopften.

Selbst gelegentliche (milde) Scherze auf seine Kosten nahm er hin. So hatte mein heutiger Rotter Stammtischbruder Peter F. als damaliger Doktorand eine zeitlang die Unsitte angenommen, sich bei telefonischen Anrufen mit "Maier-Leibnitz" zu melden, wobei er dessen leise flüsternde Stimme perfekt nachzuahmen vermochte. Natürlich kamen die Anrufer regelmässig mächtig ins Stottern und entschuldigten sich ob des Fehlanrufs - was Peter diebisch freute. Schliesslich kam es, wie es kommen musste: wieder einmal klingelte das Telefon, Peter meldete sich mit "Maier-Leibnitz", aber, oh Schreck, die ihm bekannte Stimme sagte trocken: "hier auch", um kommentarlos mit der Frage fortzufahren: "ist der Alefeld da?". Der Doktorand F. war verwirrt und hat von Stund an sein Hobby eingestellt.

Besprechungen über administrative Angelegenheiten waren bei Maier-Leibnitz geprägt durch äusserste Knappheit. Meist ging er zum Büro seines Stellvertreters, steckte den Kopf durch die Tür und sagte: "Herr Riehl, wir müssen in der und der Frage eine Entscheidung treffen. Wollen wir es so oder so machen?" Riehl nickte bei einer der vorgeschlagenen Alternativen mit dem Kopf, oder fügte ein "jawohl" hinzu, falls er gerade in redseliger Stimmung war. Daraufhin ging die Tür wieder zu, die "Besprechung" war zu Ende. Falls es sich um eine Beschaffung handelte, schrieb die hinter ML (sein Spitzname) stehende Sekretärin Paula Moehnle sogleich den Bestellschein aus, der Pedell wurde in die Stadt geschickt und kam kurze Zeit darauf mit dem gekauften Gegenstand zurück.

Für seine Doktoranden empfand Maier-Leibnitz (bei aller wissenschaftlicher Strenge) viel menschliches Verantwortungsgefühl, wenn es um deren späteres Fortkommen ging. Eine kuriose Episode mag das verdeutlichen. Einer von MLs Doktoranden, der eine hervorragende Arbeit vorgelegt hatte, wurde im Rigorosum mündlich examiniert. Die Prüfung fiel katastrophal aus, der Kandidat wusste fast nichts. Die Zensur "cum rite" war gerade noch vertretbar; das Dreierkollegium wusste anfangs nicht was man tun sollte. Da erklärte Maier-Leibnitz, der Prüfling sei ihm als sehr guter Physiker bekannt, eine Benotung entsprechend der mündlichen Leistung würde ein völlig falsches Bild über den Kandidaten abgeben, man solle den Fall als "Sonderfall" ansehen und eine sehr gute Benotung beschliessen. Nach einiger Zeit liessen sich Vorsitzender und Beisitzer dazu überreden, der Prüfling wurde wieder herein geholt und ihm der Kommissionsbeschluss "sehr gut" mitgeteilt. Nun geschah das Schreckliche. Mit vor Entrüstung bebender Stimme weigerte sich der Kandidat, diese Benotung anzunehmen, denn seine Prüfungsleistung sei miserabel gewesen. Es ergab sich die groteske Situation, dass die drei Professoren ihre ganze Überredungskunst aufwenden mussten, um den Prüfling zur Annahme des Beschlusses zu veranlassen - was schliesslich doch noch gelang. Es ist wohl einmalig in der Hochschulgeschichte, dass um eine Benotung mit verkehrten Rollen gestritten wurde.

Immer wieder versuchten Physikerkollegen, die auf Besuch weilten, die "Geheimnisse" von Maier-Leibnitz zu ergründen. Einige vermuteten, dass sich Maier-Leibnitz für sein Institut stets nur die allerbesten Mitarbeiter ausgesucht habe. Er verneinte und erwiderte: "Ein Institut kann nicht nur aus lauter Spitzenwissenschaftlern bestehen. Es muss eine natürliche Schichtung von Intelligenz und anderen Fähigkeiten geben. Erst das erzeugt die Atmosphäre, aus der heraus gute Arbeit entsteht". - Ein anderer Kollege vermutete, dass wohl alle im Institut regelmässig die "Physical Review" lesen würden, um den aktuellen Stand der Forschung überblicken zu können. ML erwiderte darauf, dass dies für ihn nicht gelte; er läse diese Zeitschrift vorallem deswegen, um zu erfahren, was man nicht unbedingt tun solle. (Später gestand er allerdings, dass er die Lambsche Arbeit über die rückstossfreien Prozesse doch besser hätte lesen sollen). - Maier-Leibnitz hat in seinem Leben viele Ehrungen und Auszeichnungen erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit fragte ihn ein gratulierender Kollege, ob er davon nicht schon genug habe und derlei Dekorierungen eventuell als überflüssig ansähe. ML meinte dazu:"Sehen Sie, Sie kennen meine Verdienste, ich kenne sie auch, aber die anderen... dafür ist sowas doch ganz gut!"

Jedes Jahr, zumeist im Februar, war Institutsfasching angesagt. Die Räume wurden dekoriert, die Tanzfläche hergerichtet und alle erschienen in fantasievollen Kostümen - auch der ML mit Familie. Seine Frau Rita, leicht füllig und von mütterlicher Ausstrahlung, war ungemein beliebt im Institut und die drei Teenager-Töchter Christine, Dorothee und Elisabeth wurden natürlich hofiert. Wir Jüngeren machten uns einen Spass daraus, sie - fiktiv - mit passenden Assistenten zu "verheiraten". Tasso S. war dabei unser Lieblingsopfer. Die spätere Realität sah andere Ehepartner für die drei vor; sie kamen nicht aus der Physikersphäre.

Leider starb Rita allzu früh, ein schwerer Schlag für Maier-Leibnitz und seine Familie. Verständlicherweise heiratete er wieder, aber, dass Elisabeth Noelle-Neumann 1979 die Auserwählte war, hat uns alle perplex gemacht. Die Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach und apostrophiert als die "Pythia vom Bodensee" war in vielen das pure Gegenteil seiner verstorbenen Frau. Noelle-Neumann, fünf Jahre jünger als ML, war eine Karrierefrau par excellence, sie suchte das Licht der Öffentlichkeit und insbesondere den Kontakt mit den Mächtigen. Schon im Dritten Reich, als Leiterin eines Nationalsozialistischen Studentenbunds, lernte sie - nach eigenem Bekunden - Adolf Hitler kennen, der sie auf dem Obersalzberg willkommen hiess. Sie schrieb für die NS-Zeitung "Das Reich" und Propagandaminister Josef Goebbels berief sie 1942 sogar zu seiner Adjutantin, wobei nur eine längere Erkrankung sie daran hinderte, dieses Amt anzutreten.

Frau Noelle, in erster Ehe mit dem Journalisten Neumann verheiratet, stellte bald Rhetorikdefizite bei ihrem neuen Ehemann fest. Kein Wunder, denn Maier-Leibnitz war kein Kathederstar wie Gerlach oder Pohl in Göttingen. Sein Vortrag war stockend und durch lange Pausen unterbrochen. Trotzdem erreichte er die Studenten, denn man konnte dadurch an seinen Gedankengängen teilhaben. Aber Frau Noelle veranlasste ihren Ehemann zum Verfassen einer 50-seitigen Abhandlung über Rhetorik, die 1984 in der Schriftenreihe der Bayerischen Akademie erschien. Sie scheint kein Bestseller gewesen zu sein, denn sieben Jahre später beklagte sich Frau Noelle in einem Taschenbuch zu Ehren von ML wie folgt: "Diese Abhandlung erwartet noch immer die Resonanz der wissenschaftlichen Welt". Wie sagen die Angelsachsen: "Those who can, do...".


Elisabeth Noelle-Neumann und Heinz Maier-Leibnitz in den 80er Jahren

Die Diktion der Frau Noelle kam weniger aus dem Herzen - wie bei der verstorbenen Ehefrau Rita - sondern entsprach eher der Wortwahl einer Promi und VIP. Dafür liefert sie selbst den Beweis in einem weiteren Taschenbuch, das nach dem Tod von Maier-Leibnitz erschienen ist. Originalton Noelle: "In der Zeit der grossen Erschöpfung des letzten Lebensjahres - oft klagte er : "Ich kann nicht mehr denken" - tröstete ich ihn wieder und wieder: "Du warst ein Fürst und du bist ein Fürst".

Im letzten Lebensjahr von Maier-Leibnitz kam der Präsident der TU München auf die Idee, seinem verdienten Professor den "Ehrenring" (eine Art Siegelring) als höchste Auszeichnung der Universität zu verleihen. Volle 17 Jahre waren verstrichen seit der Emeritierung von ML (1983); man hätte diese Dekoration, bei Gott, früher vornehmen können. (Zwischenzeitlich hatte ML den Verdienstorden Pour le Mérite, das Grosse Bundesverdienstkreuz, ein Dutzend weiterer Medaillen und mehrere Ehrendoktorate erhalten). Aber im Sommer 2000 beschloss das Präsidium der TU, dass Maier-Leibnitz beim dies academicus, am 7. Dezember, auch ihren hochwertvollen Ring erhalten solle. Indes, es war zu spät, der Schwerkranke konnte die Reise (von Allensbach) nach München nicht mehr antreten. So schickte man Paul Kienle, einen Schüler von Maier-Leibnitz (mit der Amtskette des Präsidenten!) ans Krankenbett. Die "Zeremonie" wurde fotografisch festgehalten. Die Reaktion des Totkranken auf die Dekoration beschreibt Frau Noelle so: "Als ihm der Ehrenring angesteckt war, war es, als ob eine Erlösung über sein Gesicht ging".


Paul Kienle überreicht Maier-Leibnitz den Ehrenring der Technischen Universität München

Einen Tag später, am 16. Dezember 2000, ist Professor Heinz Maier-Leibnitz gestorben.

Sonntag, 7. März 2010

Der zweite Mößbauer-Effekt

Als Rudolf Mößbauer seine Doktorarbeit abgeschlossen hatte - für die er drei Jahre später den Nobelpreis der Physik erhalten sollte - fuhr er im Herbst 1958 erwartungsvoll nach Essen zur Deutschen Physikertagung. Er wollte den von ihm gefundenen "rückstossfreien Kernresonanzeffekt" seinen Fachkollegen vorstellen und erhoffte sich insgeheim eine lebhafte Diskussion darüber. Aber er wurde enttäuscht. Man hatte seine Präsentation an das Ende einer Nachmittagssitzung gelegt, die Stuhlreihen waren bereits beträchtlich gelichtet und sein Vortrag fand keinen Widerhall. Es gab kaum Fragen, schon gar nicht die von ihm erwartete Diskussion unter Physikerkollegen.


Rudolf Mößbauer als 31-jähriger

Ganz anders war es ein Jahr später bei einem Kolloqium an der Universität Heidelberg. Hier war es vorallem der auf Besuch weilende US-Amerikaner (und gebürtige Schweizer) Felix Böhm, der intensiv nachfragte und sich für alle Details seines Effekts interessierte. Und nicht nur das. Noch am gleichen Abend telegrafierte Böhm einen Bericht an seine Kollegen der Universität "California Institute of Technology" in Pasadena, kurz Caltech genannt. Dort vertiefte sich sein berühmter Physikerkollege (und späterer Nobelpreisträger) Richard Feynman in Mößbauers Arbeit, erkannte ihren revolutionären Gehalt und kabelte tags darauf an Böhm nach Heidelberg zurück: "Get this guy! Feynman". Kurze Zeit danach übersiedelte Mößbauer nach Pasadena, erhielt dort ein hervorragend ausgestattetes Labor und bald sogar den Titel eines Professors dieser kalifornischen Universität. Die Technische Hochschule München verlor einen ihrer vielen Assistenten, was (ausser Maier-Leibnitz) niemand sonderlich berührte.

Das änderte sich, als Rudolf Mößbauer im Herbst 1961 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. Der 32-jährige Deutsche mit dem sympathisch-frischen Aussehen elektrisierte die Nation. Obwohl der Inhalt seiner Forschungen dem grossen Publikum kaum verständlich gemacht werden konnte, waren die Deutschen stolz auf "ihren Mößbauer". Für die Studenten wurde er sogar zu einer Art Popstar. In einer SPIEGEL-Umfrage, bei der die Hochschüler nach ihren Vorbildern befragt wurden, rangierte Mößbauer im Spitzenfeld, nach Carl Friedrich von Weizsäcker und Konrad Adenauer. Weit abgeschlagen waren Willy Brandt, Uwe Seeler und Hans-Joachim Kulenkampff.

Kein Wunder, dass man den verlorenen Sohn aus Amerika nach Deutschland zurückholen wollte. Reihum boten renommierte Universitäten und Forschungseinrichtungen dem Auswanderer ihre Physiklehrstühle an. So die Uni Mainz, wo man mit dem Otto-Hahn-Ordinariat lockte und sogar das Kernforschungszentrum Karlsruhe warf den Hut in den Ring. Aber Mößbauer lehnte kühl ab. Er kannte die hiesigen schlechten Laborbedingungen aus eigener Erfahrung und die traditionelle Geheimratswissenschaft der deutschen Professoren hatte er auch erlebt.

Typisches Diplomandenlabor an der TH München in den 50er Jahren (mein Arbeitsplatz war vorne links)

Schliesslich war es Doktorvater Heinz Maier-Leibnitz, der seinen Schüler Mößbauer zur Rückkehr an die TH München überreden konnte. Aber dieser stellte Bedingungen und die waren happig. Erstens: in der Physikfakultät ist die Trennung in experimentelle, technische und theoretische Physik aufzuheben; stattdessen soll ein Department für Physik eingerichtet werden. Zweitens: alle Professoren dieses Departments sind gleichberechtigt; sie wählen aus ihrem Kreis für die anfallenden Tagesgeschäfte einen Drei-Mann-Vorstand, der im Turnus wechselt. Drittens: die Last des Anfängerkollegs, bisher allein vom Chef der experimentellen Physik gehalten, wird demokratisch verteilt; jedes Jahr weiht ein anderer Department-Professor die Anfangssemester in die Grundlagen der Physik ein. Viertens: Hilfseinrichtungen, wie Werkstätten, Bilbliotheken, Materialausgabe, aber auch der Kernreaktor FRM stehen allen zur Verfügung und werden zentral verwaltet. Fünftens: gewissermassen um "Butter bei die Fische zu geben" verlangte Mößbauer kühn die Einrichtung von 16 (statt bisher 7) Professorenstellen sowie 234 Planstellen für Assistenten und Hilfskräfte. Sechstens: Mößbauer erklärte sich bereit einen Lehrstuhl in Experimentalphysik zu übernehmen; er bedingte sich jedoch aus, jedes Jahr drei Monate in den USA arbeiten zu dürfen, um den Kontakt mit der amerikanischen Wissenschaft nicht zu verlieren.

Die bayerische Ministerialbürokratie war platt ob der Chupze dieses jungen Professors. In den zuständigen Kultus- und Finanzministerien rechnete man schnell aus, dass diese Neuorganisation dem Freistaat jährlich 2,5 Millionen Mark zusätzlich kosten würde. Viel Geld, verglichen mit den 96.000 Mark, die das Stockholmer Nobelkomittee - einmalig - an Mössbauer für die Entdeckung seines kernphysikalischen Effekts auszahlte. Aber der Reformer liess nicht locker. Schliesslich knickten die Landespolitiker (auch unter dem Druck der Studenten und der Medien) ein und das Physik-Department wurde eingerichtet. Das Wort vom "zweiten Mößbauer-Effekt" machte schnell die Runde; Mößbauer hatte ihn nicht entdeckt, sondern mit fast brachialer Gewalt erzwungen.

Im Vorlesungsverzeichnis 1965/66 der TH München sind erstmals die gleichberechtigt agierenden Professoren des Physik-Departments verzeichnet: Brenig, Dransfeld, Kaiser, Kienle, Lüscher, Maier-Leibnitz, Mang, Mößbauer, Riehl und Wild. Später kamen mit Moringa, Kalvius, Alefeld, Gläser, Schmidt etc. noch weitere hinzu. Der geschäftsführende Vorstand setzte sich aus Wild (Vorsitz), Lüscher und Maier-Leibnitz zusammen. Für die Infrastruktur waren Geuge und Koester (Reaktor) benannt.

Das Departmentsystem besteht heute noch an der TH (mittlerweile in Technische Universität=TUM umbenannt) und kann rückblickend als Erfolg gewertet werden. Aber den Chefs unterliefen natürlich auch Fehler. Ein ganz schlimmer 1984, als man den wenig beachteten Extraordinarius Klaus von Klitzing, damals 41 Jahre alt, zum Max-Planck-Institut für Festkörperforschung nach Stuttgart ziehen liess und dieser im Jahr darauf den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts erhielt, den er ausschliesslich in München ausgeknobelt hatte. Schnell bot man dem Flüchtling ein auf ihn zugeschnittenes 20 Millionen teures Halbleiter-Elektronik-Institut für seine Rückkehr an, aber Klitzing blieb in Stuttgart. Ein Hauch von Mößbauer lag in der Luft - nur, dass der Rückholtrick wie vor einem Vierteljahrhundert, nicht mehr funktionierte.

Für viele Kollegen überraschend, wandte sich Mößbauer Anfang der 70er Jahre von der weiteren Erforschung des von ihm entdeckten Effekts ab. Man kann sagen, dass er von seinem eigenen Erfolg überwältigt worden war. Denn zu jener Zeit wurde fast jedes Jahr eine grosse internationale Mößbauer-Konferenz veranstaltet, wo seine Präsenz erwartet wurde. Gleichzeitig erschienen pro Jahr etwa tausend wissenschaftliche Arbeiten zur Mößbauer-Spektroskopie. Ein Grossteil dieser Autoren schickte ihm ihre Veröffentlichungen mit Widmung zu, die er (zumindest flüchtig) lesen und mit einigen freundlichen Sätzen beantworten sollte. Und das zu den Zeiten, da sowohl der PC als auch das Word-Programm noch unbekannt waren. Kurzum, Mößbauer wurde das zuviel und er sattelte - thematisch - um.

Er begann sich für die Physik des Neutrinos zu interessieren. Im damaligen Standardmodell der theoretischen Physik war angenommen worden, dass dieses Teilchen, ähnlich wie das Licht, keine Masse besitze. Mößbauer bezweifelte dies und führte Experimente (wie GALLEX) durch, welche die sogenannten Neutrino-Oszillationen vermuten liessen. Tatsächlich stellte sich nach aufwendigen Versuchen, insbesondere in Japan, heraus, dass die Neutrinos durchaus Masse besitzen und - wegen ihrer Vielzahl - sogar signifikant zur Gesamtmasse des Universums beitragen.

Aber Mößbauer war nicht nur Forscher, sondern auch ein begnadeter Lehrer. Die Studenten der TUM waren begeistert von seinen brillanten Vorlesungen, die nicht zuletzt auf perfekter didaktischer Vorbereitung beruhten. Trotz zahlreicher Angebote anderer Universitäten und Forschungsorganisationen im In-und Ausland ist er seiner Heimatuniversität, der TU München, lebenslang treu geblieben.

Seit 1997 ist Professor Rudolf Mößbauer emeritiert.

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