Sonntag, 11. Juli 2010

Feldspat, Quarz und Glimmer...

Die Freunde des guten Porzellans seien auf eine sehr sehenswerte Ausstellung von altem und modernem Porzellan hingewiesen, die derzeit in den oberfränkischen Städten Selb und Hohenberg (noch bis zum November) zu besuchen ist. Rund 70 Prozent des heute in Europa produzierten "Weissen Golds" kommen aus den nordbayerischen Regionen Fichtelgebirge und Oberpfalz und sind verbunden mit weltberühmten Namen wie Rosenthal, Hutschenreuther Thomas und Arzberg.

Das Porzellan wurde bekanntlich vor gut tausend Jahren in China erfunden und lange Zeit gelang es den Asiaten, die Herstellung geheim zu halten. In Europa waren die Adelshäuser geradezu verrückt nach Objekten aus der Ming-Dynastie und der Sachsenkönig August der Starke, der ebenfalls wie die Zarin Katharina und der Preusse Friedrich der Grosse unter der "maladie de porcelaine" litt, "verkaufte" einmal hundert seiner Soldaten für nur zwei Porzellanvasen aus China.

Aber dann, vor genau 300 Jahren, im Jahr 1710, passierte es: Johann Böttger, der Alchimist des Sachsenkönigs, der eigentlich Gold herstellen sollte, stiess per Zufall auf die Rezeptur für Porzellan. August versuchte zwar das Geheimnis zu wahren, indem er den armen Böttcher noch 13 Jahre in seiner Burg gefangen hielt - doch vergebens. Das Rezept sickerte durch und bald gab es sogenannte Porzellanmanufakturen nicht nur im sächsischen Meissen, sondern auch in Nymphenburg und Berlin sowie in Sèvres, Petersburg, Worcester und Venedig. Heute kann jedes Schulkind die Ingredienzien des Porzellans auswendig hersagen: "Feldspat, Quarz und Glimmer - die drei vergess ich nimmer". Das Ganze wird gemahlen, mit Wasser versetzt und bei 1400 Grad im Ofen zu Porzellan verbacken.

In Hohenberg an der Eger, nahe zur tschechischen Grenze, sind die historischen Pretiosen des Porzellans zu bewundern. Sie befinden sich in der ehemaligen Hutschenreuther Direktorenvilla, die durch einen geschmackvollen modernen Anbau ergänzt worden ist. Vom Erdgeschoss ausgehend, begibt man sich dort auf eine Zeitreise durch die 300jährige Geschichte des europäischen Porzellans. Die ersten Versuche und Figuren von Johann Böttger sind ebenso zu sehen, wie die rasche Ausbreitung der Herstellungstechnik in den folgenden Jahrzehnten. Die Austellung ist gegliedert in die Hauptepochen: Barock, Rokoko, Klassizismus, Empire, Biedermeier, Historismus, Art Déco und Jugendstil. Es ist eine Zusammenschau von fast tausend hochwertigen Exponaten, mit Leihgaben von hundert Museen und Privatsammlern. Eine Ausstellung von solcher Qualität zu Thema Porzellan gab es bisher noch nirgends.


Teller aus dem Besitz von Napoleon mit ägyptischen Motiven

Zehn Kilometer weiter nördlich, in der bekannten Porzellanstadt Selb, ist das moderne Porzellan zu sehen, einschliesslich der technischen Anlagen für seine Herstellung. War Porzellan einst nur aristokratischen Kreisen vorbehalten, so hielt es mit der Industrialisierung auch Einzug in die bürgerlichen Wohnstuben. Zur Hochzeit erhielt die Braut klassischerweise ein Service für 12 Personen; nicht selten war es das berühmte "Maria". Die gedeckte Tafel war nur mit gutem Porzellan vorstellbar, keinesfalls mit Keramik oder gar Plastiktellern. Von Bamberg über Selb bis Weiden verläuft die sog. Porzellanstrasse, an der sich so traditionsreiche Unternehmen wie, Rosenthal, Seltmann, Winterling, Goebel und Hutschenreuther reihen. Das Museum in Selb führt eine erfolgreiche Melange von Kunst, Design und Lifestyle vor Augen, womit Philipp Rosenthal jahrzehntelang Furore machte. Er konnte Künstler wie Walter Gropius, Salvador Dali, Niki de St. Phalle, Andy Warhol und viele andere bewegen nach Selb zu kommen um dort Porzellan zu modellieren oder zu bemalen.

Auch die Technik kommt im "Porzellanikon Selb/Hohenberg" nicht zu kurz. Von den ehemals vorhandenen mächtigen Rundöfen sind sechs noch völlig erhalten und sogar begehbar. In den Fabrikräumen wird nachvollziehbar wie Porzellangeschirr entsteht, von der Massenfertigung über den Gipsformenbau bis hin zur Weissware und der Dekoration. Selbst die beiden Dampfmaschinen zur Energiegewinnung sind noch vorhanden und funktionstüchtig.



Fest der Porzelliner in Deutschlands Porzellanstadt Selb

Sollte ich Sie, liebe Leser, zum Besuch des Porzellanikons angeregt haben, dann noch ein letzter Tipp: am Samstag, den 7. August, findet in Selb das "Fest der Porzelliner" statt. Es ist Europas grösster Flohmarkt für Porzellan, der jedes Jahr tausende von Besuchern anlockt. Aus vielen Ländern treffen sich an diesem Tag Sammler und Liebhaber des Weissen Golds und tauschen ihre Schätze aus. Also, auf nach Selb! Sie können sich auf meine Empfehlungen verlassen.

Denn ich bin nur zwanzig Kilometer von Selb entfernt geboren und in dieser Gegend aufgewachsen.

Dienstag, 6. Juli 2010

Die Rückkehr der Natriumreaktoren

Atomreaktoren werden bei Betrieb - ähnlich wie Automotoren - im Inneren sehr heiss und müssen deshalb gekühlt werden. Bei den knapp 500 Kernkraftwerken, welche derzeit existieren, geschieht dies mit Wasser bzw. mit Wasserdampf. Einige Meiler, zumeist in England stationiert, werden mit Gas gekühlt. Darüberhinaus gibt es etwa zwei Dutzend Spezialreaktoren der Kategorie "Schneller Brüter", bei denen die genannten Kühlmittel nicht effizient sind. Sie müssen mit Flüssigmetall, zumeist Natrium, abgekühlt werden, da die Energiedichte in ihrem Reaktorkern etwa zehnmal höher ist als bei konventionellen Kernen. Diese Brutreaktoren leiten ihren Namen davon ab, dass sie ihren Kernbrennstoff selbst erbrüten - ohne deswegen ein "perpetuum mobile" zu sein - und, dass sie schnelle Neutronen als Agens benutzen, im Gegensatz zu all den übrigen Kernkraftwerken, in denen langsame, also energieärmere Neutronen wirksam werden.

Die natriumgekühlten Reaktoren scheinen vor einer Renaissance zu stehen. In Japan wurde kürzlich der 280 Megawatt (MWe) Brutreaktor "Monju" wieder in Betrieb gesetzt, nachdem er volle 15 Jahre stillgestanden hatte. Die Ursache war ein vergleichsweise lapidarer Störfall im Jahr 1995, bei dem es wegen eines Lecks in einer Rohrleitung zum Austritt von einigen hundert Kilogramm Natriums kam,das allerdings nicht radioaktiv war. Ein Personenschaden war damit nicht verbunden. Trotzdem wurde das Genehmigungsverfahren nochmals vom Anfang bis zum Ende aufgerollt - ohne dass man zu neuen Erkenntnissen gekommen ist. Darüberhinaus erpresste die Standortgemeinde Tsuruga ungeniert die Regierung in Tokyo zum Bau einiger Regionalstrassen und -tunnels; sogar der Hochgeschwindigkeitszug "Shinkansen" soll zukünftig in den Provinzkaff einen Stopp einlegen.


Natriumkreislauf des Monju mit Leckstelle und Natriumlache am Boden

In Frankreich plant man sogar eine ganze Flotte von 30 bis zu 60 natriumgekühlten Kernkraftwerken für die Jahre 2060 - 2080. Sie sollen zum Teil die gegenwärtigen Leichtwasserkernkraftwerke (LWR) ablösen und ausserdem der Rezyklierung von Plutonium und Americium dienen. Die Rückführung des in den LWR erzeugten Plutoniums ist aus Sicherheitsgründen nicht endlos möglich; hier bieten sich die Natriumreaktoren an, deren energiereiche Neutronen diese Atomkerne "knacken" können. Ausserdem beabsichtigt man, die Brutzone ausserhalb des Reaktorkerns mit Spezialelementen aus Americium zu bestücken, um dessen Umwandlung in radiologisch unbedenklichere Nuklide zu bewirken.

Das Commissariat a l´Energie Atomique (CEA), die staatliche französische Atombehörde, hat vor einiger Zeit mit der Planung eines Natriumreaktors begonnen, der als Prototyp-Kernkraftwerk für zukünftige Einheiten dienen soll. Unter dem Namen ASTRID (für: Advanced Sodium Technological Reactor for Industrial Demonstration) soll bis 2025 ein natriumgekühltes Schnelles Kernkraftwerk von 600 MWE Leistung im südfranzösischen Marcoule errichtet werden. Seit kurzem hat das CEA, wegen des Betriebs einiger Windmühlen, seinen Namen um den Zusatz "... et Energies Alternatives" verlängert, behält aber - schlitzohrigerweise - das Akronym CEA unverändert bei.

Die technische Auslegungvon Astrid orientiert sich an bewährten Vorbildern. Der Reaktorkern und die Zwischenwärmetauscher befinden sich zusammen in einem Tank (pool-Version); die Spaltenergie wird über zwei hintereinander geschaltete Natriumkreisläufe zum modularisierten Dampferzeuger geführt. Aus Gründen der Sicherheit und der Wirtschaftlichkeit überlegt man den Wegfall des zweiten Natriumkreislaufs und die Kühlung des Dampferzeugers mit Helium anstatt mit Wasserdampf. Der Reaktorkern soll mit dicken Brennstäben ausgestattet sein, um einen hohen Abbrand zu erzielen. Ausserdem wird er zur Optimierung des Natriumvoideffekts aus verschiedenen heterogenen Zonen aufgebaut sein. Spezielle Hüllmaterialien sollen das neutroneninduzierte Schwellen minimieren. Schliesslich wird die Ausbiegung der Brennelemente ("bowing") durch rigide Kernverspannungen unterbunden werden und ein "core-catcher" soll Schmelzrisiken begrenzen.

Typisches Kreislaufschema eines natriumgekühlten Kernkraftwerks
(loop-Version)

Einiges in dieser Aufzählung wird wohl Wunschdenken bleiben ( wie die Heliumturbine und die Eliminierung des Natriumzwischenkreislaufs); anderes wurde bereits in den siebziger und achziger Jahren im Kernforschungszentrum Karlsruhe im Rahmen des Projekts Schneller Brüter (PSB) durchgeplant. Es könnte in tausenden von sog. Primärberichten nachgelesen werden, wenn nicht spätere Geschäftsführer die "Entsorgung" dieser Dokumente zugelassen hätten.

Derzeit sucht das CEA im nationalen und internationalen Bereich nach Partnern, denn allein ist so eine Aufgabe nicht zu stemmen. Der französische Reaktorbauer Areva hat sich bereits angeboten; das verwundert kaum, denn mit der Papierplanung von Astrid lässt sich wohl risikoloser Geld verdienen als mit den EPR-Blöcken in Olkilouto und Flamanville. Abseits steht aber noch der nationale Stromkonzern EdF. Dort ist man nicht begeistert von der Kernumwandlung der "minoren Aktinide" wie Americium und verfolgt deshalb eine andere Strategie als CEA (und das französische Parlament). So wird darauf verwiesen, dass man heute bereits einige zehntausend Gebinde von hochradioaktivem Abfall verglast hat (in denen sich Tonnen von Americium befinden) und für welche später die Endlagerung in tiefen Erdformationen vorgesehen ist. In ferner Zukunft könne man, gemäss EdF, zwar einige spezielle Natriumreaktoren zur Americiumumwandlung betreiben, aber man solle dabei immer die Wirtschaftlichkeit dieses Vorgehens mit der Tieflagerung vergleichen.

Im internationalen Bereich bietet sich die Zusammenarbeit mit Japan an, dessen wiedergenesener Monju etwa ab dem Jahr 2025 für Transmutationsversuche zur Verfügung stehen könnte. Weitere potentielle Partner sind Russland und (mit Abstrichen) China. Indien, das ebenfalls ein starkes Schnellbrüterprogramm verfolgt, kommt vermutlich als Kooperationspartner nicht infrage, da sich dieses Land bis heute weigert, den Atomsperrvertrag zu unterschreiben.

Abschliessend noch ein Wort zu den Kosten des französischen Programms. Für die nächsten sieben Jahre ist ein umfassendes F+E-Programm geplant, wobei auch die kritische Anordnung "Masurca" in Cadarache wieder in Betrieb gesetzt werden soll. Dieser Aufwand wird auf etwa 700 Millionen Euro abgeschätzt; er soll über eine staatlich garantierte Anleihe finanziert werden. Der grösste Brocken ist allerdings der Bau des Natriumreaktors Astrid; er wird auf mindestens 2 Milliarden Euro veranschlagt. Hinzu kommen noch einige Pilotanlagen für den Brennstoffkreislauf, also für die Fabrikation der Brennstäbe und für die Wiederaufarbeitung des Reaktorkerns. Dafür muss wohl mit einer weiteren Milliarde gerechnet werden.

Somit kostet das Unternehmen Astrid aus heutiger Sicht 3,7 Milliarden Euro.

Mindestens!

Sonntag, 20. Juni 2010

ITER: ein Desaster bahnt sich an

Vor knapp vier Jahren wurden die Verträge für ITER unterschrieben, dem "Internationalen Thermonuklearen Experimentierreaktor". Darin soll schwerer Wasserstoff (Deuterium) mit superschwerem Wasserstoff (Tritium) zu Helium verschmolzen werden, wodurch schliesslich elektrische Energie entsteht. Da diese sogenannte Fusion erst bei einer Temperatur von hundert Millionen Grad in Gang kommt, ist eine grosse technische Anlage mit vielen hochkomplizierten Komponenten notwendig. Ein Land allein wäre mit dem Bau eines solchen Reaktors bei weitem überfordert; deshalb kooperiert die Europäische Union (EU) mit sechs weiteren Ländern, nämlich: USA, Russland, Japan, China, Indien und Südkorea. Als Standort hat man das Forschungszentrum Cadarache gewählt, welches in Südfrankreich bei dem wohlbekannten Städtchen Aix-en-Provence liegt.

Pharaonische Grabungen

Inzwischen haben die Bauleute das Areal planiert, auf dem der Iter mit seinen vielen Nebengebäuden stehen soll. Die Dimensionen sind gigantisch. Um die Plattform für die Gebäude zu errichten, wurde Erde vom Gesamtvolumen der Cheopspyramide bewegt. Das Reaktorgelände ist vier Mal so gross wie das eines normalen Atomkraftwerks. Es umfasst 42 Hektar, umgerechnet 60 Fussballfelder. (Auf dieser riesigen Fläche könnte man alle Spiele der derzeitigen Fussballweltmeisterschaft gleichzeitig austragen!).

Im Juli diesen Jahres ist symbolisch der erste Spatenstich geplant. Das 58 Meter hohe Iter-Hauptgebäude wird bald umgeben sein von einer kleinen Stadt an Nebengebäuden für die Technik und die Administration. Dafür werden mehr Eisenverstrebungen benötigt als für den Eiffelturm und eine hundert Kilometer lange Zufahrt zum Mittelmeer soll die An - und Abfahrt der Bauteile ermöglichen.


Iter-Baustelle aus der Luft

Der Faktor Pi

Derzeit herrscht allerdings tiefe Depression bei den Fans der Fusionstechnologie. Obwohl die Baustelle in Cadarache noch nicht ausgehoben ist, blickt man bereits in einen tiefen Abgrund. Das Megaprojekt wird immer teurer und die Termine laufen davon. Fünf Milliarden Euro waren für Iter bei Vertragsabschluss veranschlagt; jetzt, knapp vier Jahre später, schätzen die Projektmanager die Gesamtkosten schon auf 16 Milliarden. Das ist eine Kostensteigerung um den Faktor Pi, die bekannte Kreiszahl von 3,14. Aber damit noch nicht genug: auch die Termine laufen im rasenden Tempo davon. Wurde vorher bereits der Zeitpunkt der Inbetriebnahme von 2015 auf 2019 verschoben, so sollen jetzt die ersten Kernfusionen frühestens im Jahr 2026 zu erwarten sein.

Bei der Lenkungsbehörde Euratom in Brüssel ist man alarmiert und nicht weniger sind es die europäischen Mitgliedsstaaten, welche letztlich für den Grossteil der Finanzierung aufzukommen haben. Euratom trägt 45 Prozent der Gesamtkosten; die sechs übrigen Partner finanzieren je neun Prozent. Bundesforschungsministerin Annette Schavan kritisiert die exorbitanten Kostensteigerungen ganz offen und spricht von "Planungspannen und Missmanagement". Das Projekt Iter steht auf der Kippe. Selbst im Standortland Frankreich redet man vom "Iter-Abenteuer" und befürchtet Rückwirkungen auf die übrigen nationalen Forschungshaushalte in Form von Budgetkürzungen. Sébastian Balibar, Direktor des nationalen Forschungsinstituts CNRS raunt: "Das ist uns schon einmal mit der Internationalen Raumstation ISS passiert. Diese hat 100 Milliarden Euro gekostet und wissenschaftlich absolut nichts gebracht."

Drohender Domino-Effekt

Der Vizechef des Iter-Projekts, Norbert Holtkamp, "hält einen Teil der Kritik für berechtigt." Manches habe man bei früheren Kostenschätzungen "einfach vergessen". Weitere Zusatzkosten seien durch gestiegene Rohstoffe und ein verändertes Design hinzu gekommen. Anders als beim Teilchenbeschleuniger LHC bei CERN - der "nur" drei Milliarden Euro kostete - und wo die beteiligten Länder Bargeld an das Direktorium überweisen, das dann das Projekt ausschreibt, liefern die Iter-Partner jeweils einzelne Komponenten nach Cadarache. Das ist ein logistischer Albtraum, denn nicht immer passen die Teile zusammen und ausserdem führt dieses Management zu teueren Redundanzen. Holtkamp vergleicht es mit dem Bau eines Autos: "Normalerweise sollte man es so machen, dass einer die Reifen fertigt, der Andere den Motor und der Dritte das Chassis; aber bei Iter will jeder lernen, ein ganzes Auto zu bauen."

Alle sieben Partner haben bei Iter Zugriff auf (fast) alle Bauzeichnungen und Dokumente. Am Ende sollen die Puzzleteile ein funktionierendes Ganzes ergeben. Ineffizienz und Doppelarbeit sind bei diesem Regime die zwangsläufige Folge. So verwundert es nicht, dass es in der Kollaboration schon mächtig kriselt. Manche Asiaten werden verdächtigt, ihre Ingenieure vorzugshalber deshalb nach Europa zu schicken, um hier zu lernen und möglichst viele Zeichnungen zu kopieren - für Iter-ähnliche Projekte zuhause! Würde auch nur eines dieser Länder demnächst aus Iter aussteigen, so könnte das einen Domino-Effekt auslösen und das Projekt in Cadarache kollabieren lassen. Denn die übrigbleibenden Länder wären kaum in der Lage (und wohl auch nicht mehr willens) die dann entstehenden Mehrkosten zu schultern.

Bei Vertragsabschluss des Iter proklamierten die Fusionsforscher noch das Ziel, bis mitte dieses Jahrhunderts einen Fusionsreaktor entwickelt zu haben, der wirtschaftlich Strom erzeugen kann. Das wird immer unwahrscheinlicher, wenn man bedenkt, dass nach Iter noch mindestens zwei Demonstrationsanlagen erforderlich sind um dieser Technologie die Baureife zuerkennen zu können. Hinzu kommt noch die Bestrahlungsanlage zur Materialentwicklung. Vermutlich wird sich der Zeitpunkt der Etablierung dieser Technologie bis ins nächste Jahrhundert verschieben. Manche Kritiker sind noch skeptischer und spotten:

"Die Kernfusion ist die Energie der Zukunft - und wird es immer bleiben".

Sonntag, 6. Juni 2010

KIT - Zoff wegen Bologna

Wenig beachtet von der breiten Öffentlichkeit, vereinbarten am 19. Juni 1999 die Vertreter von 29 europäischen Staaten in der italienischen Universitätsstadt Bologna, dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen wollen. Die Ziele waren mehr Mobilität und ein leichterer Wechsel zu den Hochschulen anderer Länder sowie die stärkere praktische Ausrichtung des Studiums mit weniger Abbrechern. Die aus dem angloamerikanischen Raum übernommenen Grade "Bachelor" und "Master" sollten die deutschen Abschlüsse "Diplom" und "Magister" ersetzen. Die Landesregierungen passten ihre Hochschulgesetze entsprechend an und bei der kürzlichen Nationalen Bologna-Konferenz in Berlin mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan lautete die offizielle These: weiter so, wir sind auf einem guten Weg.

Logo für den Bologna-Prozess

Keine Hochschulreform der vergangenen Jahrzehnte hat die deutsche Bildungslandschaft mehr umgepflügt, als der sogenannte Bologna-Prozess. Die Kollateralschäden sind noch überall zu besichtigen. Zum Beispiel bei den Studenten, die anfangs noch nicht einmal gefragt worden waren. Sie beklagten in der Folge die übertriebene Stofffülle und die endlose Prüfungsmaschinerie: das Studium als Hamsterrad. Vergangene Weihnachten herum kam es sogar zu ausgedehnten Streiks. Auch die Universitäten legten sich quer, insbesondere die medizinischen und juristischen Fakultäten. Bei den Juristen ist die Lehre bis heute noch nicht umgestellt worden. Repetitoren und Pauker sind für die Studenten nach wie vor wichtige (und teure) Instutionen und gleichzeitig eine Bankrotterklärung für die Fakultäten.

Auch die Technische Universität Karlsruhe hatte diverse Bedenken und brachte ihre Interessen im Jahr 2006 in den Uni-Verbund TU9 ein, der aus 9 "altehrwürdigen" Technischen Hochschulen besteht, die allesamt vor 1900 gegründet worden waren. ( u.a. Aachen, Berlin, Karlsruhe, München, Stuttgart). Der Präsident dieses Zusammenschlusses war von 2006 bis 2009 der Karlsruher Rektor und spätere KIT-Präsident Professor Horst Hippler. Seit 2009 hat der Rektor der TH Aachen, Professor Ernst Schmachtenberg dieses Amt inne.

Logo der TU9-Universitäten

Hippler kritisierte während seiner Amtszeit vorallem die Abschaffung des Titels "Diplom-Ingenieur" und die unzureichende Mittelbereitstellung für die Lehre zur Umstellung der Curricula. Viele hätten sich gewünscht, dass er diese Mängel der Bologna-Reform deutlicher und vorallem gegenüber den politischen Spitzen artikuliert hätte. Aber er war wohl bis zu einem gewissen Grad befangen. In einem Disput mit der Bundesministerin Schawan und dem Landesminister Frankenberg wäre er allenfalls zweiter Sieger geworden - hätte dabei aber sein eigenes KIT-Projekt, den Zusammenschluss der TU Karlsruhe mit dem Forschungszentrum in Leopoldshafen aufs Heftigste gefährdet. Insbesondere bei der FZK hätte schon ein "Fingerschnipsen" von Frau Schavan genügt, die KIT-Fusion scheitern zu lassen. Hippler war in der genannten Dreijahresphase wohl die falsche Besetzung für den TU9-Job. Schmachtenberg in Aachen konnte - da ohne eigene Interessen - später viel unbefangener streiten.

Aber für die Rückkehr des Dipl.-Ing, des Markenzeichens deutscher Ingenieursausbildung, ist es wohl schon zu spät. Die Verbände, auch die TU9-Universitäten, haben zu lange gezögert und taktiert. Inzwischen ist der "roll-back" dieses Qualitätsprodukts schon aus juristischen Gründen fraglich geworden. Einige Landesregierungen verbieten in ihren Hochschulgesetzen sogar, das Diplom weiterhin zu vergeben und auch ein Master lässt sich juristisch nicht einfach als Diplom-Ingenieur verkaufen. Die Österreicher waren in dieser Hinsicht schlauer. Sie haben bereits im Jahr 2002 in ihrem Bundeshochschulgesetz festgelegt, dass Master und Dipl.-Ing. gleichrangig und gleichzeitig verliehen werden dürfen. Warum haben dies die deutschen Hochschulpolitiker nicht fertig gebracht?

Schwierig wird die Rückkehr zum guten alten Diplom-Ingenieur auch deswegen, weil die Industrie daran offensichtlich wenig Interesse zeigt. Bezeichnend dafür sind die öffentlichen Äusserungen von Thomas Sattelberger, der immerhin Personalvorstand der Deutschen Telekom ist. Er steht, zusammen mit der deutschen Industrie, voll hinter den Bologna-Reformen und den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen. "Bachelor Welcome" hiess sein Statement bei der oben genannten Berliner Konferenz. Und in einer kürzlichen Radiodiskussion ("Forum", SWR2) zusammen mit Hippler, behauptete er sogar, dass schon 100 Tage nach der Einstellung eines neuen Ingenieurs in seiner Firma niemand mehr wisse, ob er einen Bachelor oder einen Master vor sich habe. Heute schon gäbe es Fachhochschulen, die deutlich besser als Universitäten seien und in Zukunft würden sich die Grenzen noch mehr verwischen. Magnifizenz seufzte. (Aber zu ernst sollte man Sattelberger & Co auch nicht nehmen: die Personalchefs der Wirtschaft haben eben ein nicht geringes Interesse daran, ihr Personal möglichst billig einzukaufen.)

Präsident Hippler löste in der genannten Radiosendung auch Erstaunen damit aus, dass er für KIT zusätzliche Finanzmittel zur Umsetzung der Bologna-Reformen einforderte. Bedenkt man, dass diese Mammuthochschule jährlich über etwa 700 Millionen Euro an Haushaltsmitteln verfügt, so ist es schlechterdings unverständlich, wieso damit nicht auch einige Curricula umgestellt werden können. (Hinzu kommt noch die Hector-Stiftung mit weiteren 200 Millionen Euro). Im Vorfeld der KIT-Diskussion wurde vor einigen Jahren noch auf das Potential an Junior-Professoren am Forschungszentrum hingewiesen. In der Zwischenzeit werden diese zum "Gehalt" von 30 Euro pro Vorlesungsstunde eingestellt, z. B. an der Universität Kaiserslautern. Dabei wird für die Vorbereitung der Lehre überhaupt kein Honorar gewährt. Eine Schande! Kein deutscher Handwerker würde für diesen Hungerlohn auch nur seinen Hammer heraus holen. Es steht zu hoffen, dass das KIT seine Juniorprofessoren deutlich besser bezahlt.

KIT hat bei der Umsetzung der Bologna-Reformen keine gute Figur gemacht. Vor vier Jahren wurde die Fusion der beiden Dickschiffe noch mit zu erwartenden Synergieeffekten begründet. Bis jetzt ist nur ein bürokratischer Corpus heraus gekommen, der noch nicht einmal in der Lage ist, die von Bologna geforderte Umstellung der Curricula einigermassen zeitgerecht hin zu bekommen. Stattdessen gibt es Streit auf allen Ebenen, von den (streikenden) Studenten bis hin zu den (frustrierten) Professoren.

Logo des KIT

Im Zuge des Bologna-Prozesses existieren noch eine Reihe weiterer offener Probleme. Soll es, beispielsweise, für die Absolventen des Bachelors einen Rechtsanspruch auf ein Masterstudium geben? Hier stehen sich Politik und Studentenvertreter noch konträr gegenüber. Damit eng verknüpft ist die Beseitigung von Zulassungsbeschränkungen durch Notenvorgaben. Und wenn man in diesem verminten Gebiet nicht höllisch aufpasst, dann ist man ganz schnell wieder bei den alten Strukturen und hätte sich den ganzen Zauber um Bologna sparen können.

Während man sich bei KIT noch am Elitestatus delektiert, haben die früheren Fachhochschulen schon seit Jahren die Bologna-Vorgaben umgesetzt. Und manche - wie Esslingen und Offenburg - verweisen mit Stolz darauf, dass sie leibhaftige Mercedes-Chefs zu ihren Absolventen zählen dürfen: Werner Niefer und Jürgen Schrempp.

Sonntag, 30. Mai 2010

Spekulanten und Zocker

Spekulanten sind wir alle. Wenn wir Aktien kaufen oder in einen Fonds einzahlen, dann erwarten wir natürlich, dass sich unser Geld vermehrt. Und Zocker sind wir zuweilen, wenn wir im Spielkasino, aus einer Laune heraus, hundert Euro auf Zahl wetten. (Der Super-Zocker allerdings marschiert ohne Geld in ein Gourmet-Restaurant und hofft in einer der servierten Austern eine Perle zu finden, womit er das Essen bezahlen kann.)

Zum Kreis der Spekulanten - man nennt sie neutral Anleger bzw. Investoren - zählen neben den Banken auch die Lebensversicherer oder der Riesterfonds. Allen geben wir unser Geld, zumeist in Form von Monatsprämien und in der Erwartung, dass die dort agierenden Finanzmanager unsere Einlagen nach Kräften vermehren.

Ja, und dann gibt es noch die "Heuschrecken", eine Wortprägung, die wir dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering verdanken. Man versteht darunter eine spezielle Art von Investmentfonds, die sich durch geringe Transparenz und eine riskante Anlagestrategie auszeichnen. Die Finanziers dieser Fonds stammen häufig aus Singapur, Dubai und China; ihren Sitz haben die Hedgefonds meist in London oder in steuerbegünstigten Offshore-Finanzplätzen, wie den Kaiman-Inseln. Eine Spezialgruppe sind die Kapitalbeteiligungsgesellschaften (englisch: "Private Equity"). Auch sie handeln ihr Kapital ausserhalb der geregelten Börsen und stellen es vorallem jungen innovativen Unternehmen, wie den Internet- start-ups als Wagniskapital ("venture capital") gegen gutes Entgeld zur Verfügung. Das Kapitalvolumen der Hedgefonds wird in der Öffentlichkeit meist stark überschätzt. Zum Jahresende 2006 hatten die Hedgefonds weltweit einen Kapitalstock von 1.600 Milliarden Euro, was in etwa dem deutschen Schuldenstand entspricht.

Für die Gemeinde der Spekulanten gibt es gute und schlechte Zeiten. Tote Hose ist, wenn der Aktien- und Anleihemarkt ohne grosse Änderungen vor sich hin dümpelt. Gute Zeiten brechen an, wenn Kurse und Renditen "volatil" werden, sich also in kurzen Zeiträumen auf und ab bewegen, was häufig bei Währungen der Fall ist. Dann vervielfachen sich die Chancen auf Gewinne - aber auch auf Verluste.



Der Euro im Auf und Ab zwischen den Jahren 2003 und 2010

Für den Normalsterblichen ist einsichtig, dass er bei steigenden Kursen mit seinen Aktien einen Gewinn erzielen kann - aber wie soll das bei fallenden Kursen möglich sein? Nun, hier zieht der Trick mit den sogenannten Leerverkäufen. Der Spekulant wettet auf fallende Preise an den Börsen, leiht sich von Banken eine gewisse Anzahl von Aktien, weil er selbst keine besitzt. Diese verkauft er umgehend und hofft einige Zeit später die gleichen Aktien an der Börse wieder zurück kaufen zu können, um sie der Bank zurück zu geben. Die Preisdifferenz, abzüglich einer geringen Leihgebühr, ergibt seinen Profit. Mitunter verkaufen Hedgefonds-Spekulanten auch Aktien, die sie überhaupt nicht geliehen haben. Hier spricht man von "ungedeckten Leerverkäufen", die noch einträglicher, aber auch riskanter sind. (Schäuble will sie verbieten).

Auch mit Anleihen kann man gute Geschäfte machen. Wer im Herbst 2009 auf eine Pleite Griechenlands setzte, der konnte sein Kapital bis zum März 2010 vervierfachen,wie man aus dem Bild über die Rendite der Staatsanleihen erkennen kann. Dabei betrachtet sich der Spekulant keineswegs als ein Feind Griechenlands; er kann heute auf die Pleite dieses schönen Landes und morgen bereits wieder auf seine (finanzielle) Genesung wetten. Für ihn gilt kein Gut oder Böse, nur richtig oder falsch.



Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen in Europa

Viel Geld kann man auch mit Kreditausfallversicherungen verdienen. Sie heissen im englischen Sprachgebrauch Credit Default Swap (CDS) und werden ausserhalb der Börse gehandelt. Die Spekulation beginnt dann, wenn Investoren eine Versicherung gegen das Fallieren einer Anleihe kaufen, obwohl sie z. B. überhaupt keine Griechenland-Anleihe besitzen. Der Preis dieser Versicherungen bestimmt, gerade in Krisenzeiten, den Zins, den Griechenland für weitere Kredite bezahlen muss. Viele Hedgefonds haben mit CDS viel Geld verdient, genau so viele haben aber viel Geld verloren. Es ist ein Nullsummenspiel.

Legendäre Hedgefonds-Zocker waren der Amerikaner George Soros und der Kanadier Myron S. Scholes. Soros wettete anfang der 90er Jahre erfolgreich gegen das britische Pfund und strich dabei einen Gewinn von einer Milliarde Dollar ein. Weniger glücklich war Scholes, übrigens der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1997. Er gründete den Hedgefonds "Long-Term Capital Management" (LTCM), verspekulierte sich gewaltig im Optionenhandel und machte 4,5 Milliarden Dollar Verluste!

Bei der Spekulation sollten wir nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Die Zockerei gegen die griechischen Staatsanleihen ist nur das Symptom. Die wahre Ursache liegt in der exzessiven Verschuldung dieses Landes. Die Spekulanten haben dies früher erkannt als unsere Politiker und stürzen sich wie die Löwen auf eine lahme Gazelle. Einer gesunden Gazelle, sprich der Eurozone mit soliden Staatsfinanzen, hätten sie nie gefährlich werden können.

Wie kommen wir aus den gegenwärtigen Dilemma wieder heraus? Der beste Ausweg wäre staatliches Sparen über einen langen Zeitraum. Die derzeit diskutierte "Schuldenbremse" der Bundesregierung sieht Einsparungen von 10 Milliarden Euro pro Jahr vor. Damit wären unsere Staatsschulden von 1.600 Milliarden Euro in 160 Jahren bzw. 40 Legislaturperioden abgebaut. Lässt man (eine Zeitlang) eine moderate Inflation von 5 Prozent pro Jahr zu, dann schmilzt dieser Berg bereits in einem einzigen Jahr um 80 Milliarden (=1.600 * 0,05) ab. Viele halten das letztgenannte Szenario für das Wahrscheinlichere.

In Krisenzeiten werden - zur Beruhigung des Volkes - allerhand Blendgranaten geworfen. So will man die Gewinne der Banken stärker besteuern, ihr Haftungskapital erhöhen oder eine Art Börsenumsatzsteuer (sprich: Kapitaltransaktionssteuer) einführen und anderes mehr. Einiges wird man sicherlich beschliessen, aber das ist im Prinzip nur ein Herumdoktern an den Symptomen und wird weltweit auch nur schwer durchsetzbar sein. In der Zwischenzeit werden sich die "bösen Spekulanten" neue Opfer suchen, wovon es in unseren südlichen Urlaubsländern noch einige gibt.

Zur Aufmunterung, nach dieser deprimierenden Betrachtung, noch ein kleiner Witz. Ganz im Faustschen Sinne beschliessen der Teufel und der Spekulant einen Pakt. Der Teufel verspricht dem Spekulanten alle Kursgewinne der Welt; dafür soll dessen Familie für alle Zeiten in der Hölle braten.

Sagt der Spekulant: "Einverstanden, aber wo ist der Haken?"

Sonntag, 23. Mai 2010

Banken, Banken

Als ich, zu Ende der 50er Jahre, an der Universität München Betriebswirtschaft (BWL) studierte, war "Bankenbetriebslehre" noch ein Nebenfach. Die Studenten konzentrierten sich auf BWL, Volkswirtschaft und Industriebetriebslehre sowie - mit Abstrichen - auf Handelsrecht und Bürgerliches Recht. Die Banken agierten als geachtete (aber wenig beachtete) Dienstleistungsunternehmen für die Privaten, das Gewerbe und die Industrie, indem sie die Spargelder der Privatpersonen vereinnahmten und daraus Kredite formten. Die Leiter dieser Anstalten hiessen damals auch nicht Manager oder Banker, sondern waren angesehene "Bankiers" bzw. Bankbeamte und das zumeist auf Lebenszeit.

Das änderte sich so um die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Firmen grösser wurden und der internationale Handel zunahm. Die Unternehmen brauchten weitaus mehr Kapital als ihnen die örtlichen Banken zur Verfügung stellen konnten; ausserdem vergrösserten sie sich nicht mehr in erster Linie durch inneres Wachstum ("spare, spare, Häusle bauen") sondern durch Zukäufe ganzer Firmen.

Damit schlug die Stunde der Investmentbanken, welche den Konzernen das nötige Kapital bereitstellten, sie bei Fusionen und Beteiligungen berieten sowie beim Gang an die Börse. Diese Investmentbanken - Goldman Sachs ist das prominenteste Beispiel - hatten ihren Sitz an der Wallstreet in New York bzw. in der Londoner City; später legten sich die deutschen Grossbanken in Frankfurt (Deutsche Bank, Dresdner Bank etc.) ähnliche Abteilungen zu und mutierten zu Universalbanken. Diese Investmentbanken drehen ein grosses Rad: sie sind nicht nur Berater und und Kapitalgeber für die Grossunternehmen, sondern offerieren ihre Dienste auch manchen Regierungen, wie das (in verhängnisvoller Weise) bei Griechenland vor dem Eintritt in die Eurozone geschehen ist. Privatpersonen ist es es allerdings verwehrt, dort ein Konto zu unterhalten.

Mit Beginn der 90er Jahre entdeckten die Investmentbanken ein weiteres Feld: den Handel mit selbstgestrickten Derivaten und Zertifikaten. Während sie sich bislang im Wertpapierhandel i.w. auf Aktien und Anleihen konzentriert hatten, denen ein realwirtschaftlicher Wert zugrunde lag, kreierten sie nun börsenfähige Kunstprodukte, welche - eine Zeitlang - den Charme hoher Rendite, aber den Nachteil geringer Durchschaubarkeit besassen. Etwas ironisch gesprochen, boten sie beispielsweise Produkte an, die halb Aktie, halb Anleihe waren und bei denen der Anleger einen 7- prozentigen Gewinnzuschlag erwarten durfte, sofern es am Himmelfahrtstag in Karlsruhe regnete. Diese sog. Derivate gingen einher mit Ausfallversicherungen undTriple A-Bewertungen der schon sattsam bekannten (angloamerikanischen) Rating-Agenturen. Die Käufer standen Schlange. Zum Schluss waren es aber nur noch die unbedarften deutschen Institute IKB, Real Estate sowie die Landesbanken, welche diese "Wertpapiere" kauften, deren heutiger Wert nahe bei Null liegt.

Aber den Investmentbanken wäre dieser Coup nicht gelungen, wenn nicht die ranghöchste Bank, nämlich die amerikanische (und britische) Notenbank mitgespielt hätte. Hinter der US-Notenbank, der berühmten "Fed" (=Federal Reserve System) vermuten die meisten Menschen eine unabhängige Einrichtung des Staates. Doch weit gefehlt: die Fed setzt sich aus 12 regionalen amerikanischen Privatbanken zusammen, wovon die Federal Reserve Bank of New York das grösste Gewicht hat. Diese Fed, aufgepasst!, ist zuständig für den Kauf und Verkauf der amerikanischen Bundesanleihen und der Steuerung des Dollarkurses. Das bedeutet nichts weniger als, dass die grossen amerikanischen Bankhäuser de facto ihr eigenes Geld drucken und über die staatlichen Zinssätze entscheiden.

Als BWL-Student lernte ich noch, dass sich der Zins aus Angebot und Nachfrage ergibt, also eine Art Preis für das Geldkapital darstellt. Diesen Lehrsatz haben die Fed und ihr langjähriger Chef Alan Greenspan souverän ausgehebelt, indem sie zum Beispiel den amerikanischen Immobilienmarkt mit billigem Geld fluteten, wodurch sich jedermann, auch der Ärmste, zum Kauf von Häusern veranlasst fühlte. Die Investmentbanken bündelten gute und (zumeist) schlechte Hypotheken zu undurchschaubaren Derivaten, "verbrieften" sie zu Wertpapieren und betrieben damit profitreich internationalen Handel mit Finanzmüll. Die Bankmanager steckten jedes Jahr Milliarden an Boni ein. Ergebnis siehe oben.

Das System wurde noch dadurch gefördert, dass häufig die Chefs von Goldman Sachs zu US-Finanzministern ernannt wurden, nach dem Motto: "what´s good for G&S, is good for the country". Damit schloss sich der Kreis in verhängnisvoller Weise. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist derzeit dabei, die Kompetenzen der Fed zu beschneiden. Ein Untersuchungsausschuss befasst sich mit den dubiosen Entscheidungen der Fed in der Vergangenheit und der US-Senat hat bereits angekündigt, dass er Obamas Gesetzentwürfe zur Finanzmarktreform unterstützen wird.

Bis vor kurzem galt die Europäische Zentralbank (EZB), verglichen mit den amerikanischen und britischen Notenbanken, als Hort der Unabhängigkeit gegenüber den Geschäftsbanken und den Regierungen. Dieser Ruf ist lädiert seit die EZB in der Nacht des 9. Mai 2010 eine folgenreiche Entscheidung getroffen hat. Präsident Jean-Claude Trichet sah sich veranlasst am 720 Milliarden Rettungsprogramm der Euroländer mitzuwirken, um Angriffe der Spekulanten gegen die Euro-Währung zu stoppen. Er tat dies, indem er grosse Mengen von Ramschanleihen vom Markt nahm und dafür den Gläubigerbanken gute Euros aushändigte. Das heisst konkret: wo früher die Banken für ihre leichtsinnige Kreditvergabe hafteten, ist dieses Risiko nun auf die europäischen Steuerzahler übergegangen.

Natürlich war diese Crash-Aktion von allerlei guten Sprüchen begleitet. So heisst es, dass das zusätzliche Zentralbankgeld nicht zu einer inflatorischen Aufblähung führen würde, weil man das "Entweichen in die reale Wirtschaft" verhindern werde. Originalton Trichet: "Wir schöpfen die zusätzliche Liquidität rechtzeitig wieder ab, jeden einzelnen Euro". Naja, man wird sehen. Jedenfalls bleibt diese Intervention ein Tabubruch der EZB, den man sich noch vor Wochen nicht hätte vorstellen können.

Ein Bruch der Geschäftsordnung war auch die Vergabe der 123 Milliarden Stützungsgelder an Griechenland, die unsäglich lange (bis zur, dennoch verlorenen, Wahl in Nordrhein-Westfalen) diskutiert worden ist. Hier hat sich die deutsche Regierung - wir haben´s ja - sehr grosszügig gezeigt, wie aus den folgenden zwei Abbildungen hervor geht. Im oberen Bild ist ist zu sehen, dass die französischen Banken mit 78,8 Milliarden Euro grösster Gläubiger der Griechen sind. Die deutschen Banken folgen mit 45,0 Mrd. beträchtlich weit dahinter. Trotzdem hat Deutschland - unteres Bild - mit 22,336 Mrd. den bedrängten Griechen die meiste Finanzhilfe zugestanden; die Franzosen gaben mit 16,776 Mrd. deutlich weniger.


Griechische Schulden (oben) und Finanzhilfe für Griechenland (unten)


Die schwächelnden Länder der Euro-Zone werden unter dem etwas anrüchigen Namen PIIGS zusammen gefasst. Man versteht darunter Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Die deutschen Banken und Privatanleger haben PIIGS-Anleihen im Wer von 533 Milliarden Euro in ihren Portefeuilles. Wenn diese Kredite platzen, dann gute Nacht.

Zwischenzeitlich bezweifeln Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank und andere zwar, dass die Griechen das geliehene Geld je zurückzahlen werden - aber die Neue Züricher Zeitung sieht in ihrer Ausgabe vom 9. Mai 2010 trotzdem Möglichkeiten, die reichen griechischen Steuersünde zu identifizieren und zur Kasse zu bitten.

Denn: Athen weist die zweithöchste Dichte an Porsche Cayenne auf - nach Moskau!

Sonntag, 16. Mai 2010

Die Macht der Rating-Agenturen

Sie sind bekannt geworden im Verlaufe der Finanzkrise vor zwei Jahren und auch jetzt, während der Griechenlandkrise, sind sie in aller Munde: die Rating-Agenturen. Dies sind Firmen, welche (in Lehrermanier) die Kreditwürdigkeit anderer Unternehmen, oder gar ganzer Staaten, bewerten und damit dem Anleger oder Gläubiger - heute spricht man gerne vom Investor - vor Zahlungsausfall durch den Schuldner zu bewahren. Viele Deutsche denken dabei an eine Art Finanz-TÜV oder an die Stiftung Warentest, womit sie aber nur zu 50 Prozent richtig liegen.


Denn die Ratingagenturen sind keineswegs staatliche Organisationen oder neutrale Stiftungen sondern Privatfirmen, die auf Gewinn ausgerichtet und dem Profit ihrer Aktionäre verpflichtet sind-wobei sie für ihre Empfehlungen noch nicht mal haften! Darüberhinaus beherschen die drei Grossen praktisch monopolartig den ganzen Weltmarkt. Ihre Namen: Standard & Poors (USA), Moody´s (USA) und Fitch (GB). Standard & Poor´s (S&P) gehört dem Medienkonzern McGraw-Hill, der weltweit verbreiteten Wirtschaftszeitung BusinessWeek und dem US-TV-Sender ABC. Moody´s Hauptaktionär ist - man glaubt es kaum - der Amerikaner Warren Buffett, der reichste Milliardär der Welt. Fitch sitzt in New York und London und gehört derzeit der französischen Fimalac-Gruppe.

Angeblich nehmen die Mutterkonzerne und Hauptaktionäre keinen Einfluss auf das tägliche Bewertungsgeschäft ihrer nachgelagerten Ratingagenturen - aber wer´s glaubt, wird selig. Will Herr Buffett, beispielsweise, sein Geld in einem Unternehmen investieren, dann bedürfte es schon heroischer Zurückhaltung, nicht vorher "bei seinen Jungs bei S&P" anzuklingeln um sich nach dem Finanzstatus dieser Firma zu erkundigen.

Die Bewertung der Schuldner geschieht nach einer Art Schulnotensystem; allerdings werden anstelle der Noten 1 bis 6 Buchstabenkombinationen verwendet. Die Buchstaben reichen (über 18 Stufen) von AAA ("Triple A") bis D. Bei Länder (oder Firmen) im A-Bereich - Beispiel Deutschland - ist das Ausfallrisiko gering; der Investor wird sein Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit samt Zinsen zurückerhalten. Im B-Bereich, beginnend mit BB+ - Beispiel Griechenland - wird die Anlage als spekulativ eingestuft und im Bereich C und D - Beispiel Ecuador - wird es duster. Der Gläubiger muss mit Zahlungsverzug bzw. totalem Zahlungsausfall rechnen. Konkret heisst dies, dass viele Länder in Süd-und Mittelamerika, in Afrika und in Osteuropa, welche dieses Rating besitzen, praktisch vom Kapitalmarkt ausgeschossen sind oder extrem hohe Zinsen für ihre Anleihen zahlen müssen, um deren Ausfallrisiko abzudecken. Simpel gesprochen: die Reichen haben niedrige Zinskosten, die Armen sehr hohe.



Die Rating-Agenturen und ihre (leicht unterschiedlichen) Bewertungen

Die Macht und den Einfluss derRatingfirmen kann man kaum überschätzen. Mit ihren Bewertungen entscheiden sie über das Wohl und Wehe jedes grösseren Unternehmens und nicht zuletzt über Aufstieg und Untergang ganzer Regionen und Staaten. Der Kolumnist Thomas Friedman schrieb vor zehn Jahren in der "New York Times" folgendes: Es gibt heute zwei Supermächte: die Vereinigten Staaten von Amerika und die Ratingagenturen. Und glauben Sie mir, es ist keinesfalls sicher, wer die Mächtigere von beiden ist. Sollte Deutschland im Verlaufe der gegenwärtigen Griechenlandkrise seine AAA-Bewertung verlieren, so hätte es viele Milliarden Euro an zusätzlichen Zinszahlungen zu leisten; die Haushaltsprobleme wären kaum noch zu beherrschen.

Aber die internationale Kritik an den Ratingagenturen wächst. Insbesondere, weil sie sich von den Anleiheemittenten bezahlen lassen, also den Unternehmen, welche die Anleihen in Umlauf bringen. Kungeln ist da nicht ausgeschlossen. Warum sollte sich ein Anleihegeber, sprich Schuldner, nicht die "netteste" Ratingfirma aussuchen? In den USA laufen derzeit Prozesse gegen Moody´s und S & P, worin diese verdächtigt werden, allzu positive Ratings gegen gute Bezahlung verliehen zu haben.


Unbestreitbar ist das Versagen der Ratingagenturen bei der sogenannten Subprime-Krise vor drei Jahren. Damals bündelten die Investmentbanken der Wallstreet Ramschhypotheken insolventer Schuldner zu einem undurchschaubaren Knäuel von Zertifikaten und Derivaten. Die Ratingunternehmen versahen sie mit ihrem Super-Gütestempel AAA, wodurch die Papiere "wertvoll" wurden und in den internationalen Kreislauf gebracht werden konnten. Einen Grossteil dieser Papiere erwarben die unbedarften deutschen Landesbanken und kurze Zeit danach stuften die gleichen Ratingfirmen diese Zertifikate auf "junk" (=Müll) ab, womit die Anleihen praktisch wertlos geworden sind.

Auch im Falle von Griechenland trieben die Rater ein ein dubioses Spiel. Die Verschuldung dieses Landes war seit langen bekannt; trotzdem lag sein "Investment Grade" bei A, wobei Griechenland sogar noch vor China (A-) rangierte. Als in der EU die Finanzhilfen für Griechenland bereits anliefen, gossen die Agenturen noch Öl ins Feuer, indem sie das Kreditniveau dieses Landes auf BB+ (Ramsch) herabstuften. Dieses merkwürdige Timing sandte Schockwellen in die Finanzwelt, welche noch lange spürbar sein werden.

Bei so viel anzuzweifelnder Kompetenz und gleichzeitigem Machtanspruch fragt man sich, warum es die Ratingfirmen überhaupt noch gibt. Nun, sie sind in erster Linie eine US-amerikanische Veranstaltung. Dort sind sie schon seit hundert Jahren aktiv und in den Satzungen der allmächtigen Pensionsfonds steht sogar geschrieben, dass sie nur Anleihen kaufen dürfen, die von Moody´s und Co. gut bewertet sind. Darüberhinaus kommt es der amerikanischen Finanzwelt wohl auch gelegen, wenn sie die "Buchhaltung" der europäischen Firmen und Wettbewerber durchstöbern dürfen. Auch der Karlsruher Stromversorger liess sich von allen drei Agenturen bewerten und verkündete bei der kürzlichen Hauptversammlung stolz sein Rating A-.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: warum gibt es keine europäische Ratingagentur, etwa unter der Aufsicht der EU oder der Europäischen Zentralbank? Nun, es gibt diese Idee schon seit mehr als zehn Jahren, ohne, dass bisher etwas geschehen wäre. Europas Uhren ticken langsam, zu langsam; unsere Politiker sind eben Schlaffis.

Inzwischen zahlen wir Steuerbürger die Rechnung!

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