Samstag, 10. März 2012

Soll die WAK dicht machen?

Im Hardtwald, zwischen den Gemeinden Linkenheim-Hochstetten und Eggenstein-Leopoldshafen, ist eine vertrackte Situation entstanden. Das Institut Transurane (ITU), eine Forschungseinrichtung der Europäischen Kommission in Brüssel, will einen Lagerbunker für radioaktive Materialien auf dem Gebiet der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten errichten lassen. Dessen Bürgermeister Günther Johs, ein strammer Kernenergiegegner, hatte das Projekt über viele Monate hinweg vehement abgelehnt. Als die grün-rote Landesregierung im Frühjahr 2011 (im Gefolge von Fukushima) an die Regierung kam, musste er jedoch zurück rudern. Der Grüne Umweltminister Franz Untersteller hatte sehr bald erkannt, dass die Genehmigungsanträge des ITU auf soliden vertraglichen Fundamenten basierten und nicht so einfach abgelehnt werden konnten. Er liess eine sog. "Mediation" veranstalten, worauf der Bürgermeister Johs seine Einwände gegen den Bunker weitgehend fallen liess. ( Mehr aus Gesichtswahrungsgründen veranlasste man das ITU auf einige Kilo Spaltmaterial zu verzichten, die sie vermutlich ohnehin nicht benötigt hätten.)

Beschlüsse zu Lasten Dritter

Nun konnte man von der Gemeinde Linkenheim-Hochstetten erwarten, dass sie ihren Bebauungsplan so abändern würde, damit der Neubau des ITU-Bunkers auf der Linkenheimer Gemarkung möglich sein wird. Aber Gemeindvorsteher Johs genügte das nicht. Er wollte - so ganz nebenbei - auch noch sicherstellen, dass kein anderes Unternehmen auf seinen Gemeindegrundstücken eine neue kerntechnische Anlage errichtet. Aber ein solches Unternehmen gibt es längst, es ist die WAK GmbH, die ehemalige Fabrik für die Wiederaufarbeitung von Brennelementen. Sie war ca. 20 Jahre ganz erfolgreich in Betrieb und wird seit 1994 zurück gebaut; um das Jahre 2025 herum soll anstelle der vielen Gebäude eine grüne Wiese spriessen. Bürgermeister Johs will darauf (angeblich) ein Kongress- und Wellnesshotel bauen lassen, wobei man ihm nur wünschen kann, dass in diese idyllisch abgelegene Gegend auch Gäste kommen. Die WAK war bei der genannten Mediation kein offizieller Partner; die dortigen Beschlüsse, insbesondere zur künftigen Nichtbebauung, gingen also zu ihren Lasten.

Wie es bei einem Rückbau kerntechnischer Anlagen eben so ist: es entsteht radioaktiver Schrott, zumeist Beton und Stahl. Eigentlich sollte dieser nur schwach strahlende Atommüll im Endlager Konrad bei der niedersächsischen Stadt Salzgitter deponiert werden, aber deren Lagergenehmigung wird seit Jahren aus politischen Gründen blockiert. Frühestens 2019 ist mit der Inbetriebnahme von Schacht Konrad zu rechnen. Frühestens! Vielleicht auch erst 2031 oder 2041, wenn man das Tempo deutscher Genehmigungsverfahren zugrunde legt.



Schacht Konrad mit Fördergerüst

Von Anbeginn an haben die fleissigen WAK-Demonteure ihren Schrott im Zwischenlager des ehemaligen Kernforschungszentrums abgelagert, das nun den schönen Namen KIT -Campus Nord führt. Mehr als 4000 Forscher arbeiten in unmittelbarer Nähe, sind aber - nach behördlicher Feststellung - nicht in ihrer Gesundheit gefährdet. Nun, das Zwischenlager des KIT ist zwar riesig, aber trotzdem schon fast voll; etwa 60.000 Kubikmeter an radioaktiven Stoffen sollen dort lagern.

Hi  Zwischenlager,  hi  Pufferlager

Inzwischen haben die WAK-Ingenieure eine Abfallerhebung gemacht und zu ihren Schrecken festgestellt, dass aller Wahrscheinlichkeit nach der noch freie Platz im oben genannten Zwischenlager nicht ausreicht, um die restlichen Gebäude der WAK zu entsorgen. Die erste Idee war: ein zweites Zwischenlager - oder zumindest ein Pufferlager - muss her. Praktischererweise, um Transporte zu sparen, sollte das Pufferlager auf dem Gelände der WAK platziert werden. Als Bürgermeister Johs dies erfuhr, wurde er abwechselnd blass und rot vor Zorn und stoppte die Baugenehmigung für das arme ITU. Auch bei der atomrechtlichen Genehmigungsbehörde im fernen Stuttgart war man schockiert; der schön eingefädelte Plan mit der Mediation etc. war schiefgelaufen.

Der Chef selbst, Minister Untersteller, war nun gefordert. Als echter Politiker gab er erst mal eine Presseerklärung heraus,  der er als Kernsatz voranstellte: "Es gibt keine konkreten Pläne für den Bau eines Zwischenlagers". Dann nahm er das Tempo aus dem Geschehen, indem er die Ingenieure aufforderte, noch einmal gaaanz gründlich den zukünftigen Lagerbedarf zu berechnen. Das tun sie, nach 5 Wochen, auch heute immer noch. Und dann - ein besonderer Gag - philosophierte er im Internet ausführlich und maximal undeutlich über die "Pufferlagerung" auf dem Gelände der WAK. Dabei würde es sich, so sagte er, " nicht um eine neue kerntechnische Aktivität handeln, welche nach dem Mediationsverfahren ohnehin ausgeschlossen war".

Aha, Zwischenlager nein, Pufferlager vielleicht. Dabei muss man wissen, dass beide Lagerarten im Grunde den gleichen Vorgang umschreiben, nämlich die Aufbewahrung von radioaktiven Abfällen über einen nicht definierten Zeitraum. Bei beiden Lagerformen müssen die Lagerräume und -flächen Mindestanforderungen entsprechen. In der Praxis des allgemeinen Sprachgebrauchs wird der Begriff Pufferlager allerdings meist dann verwendet, wenn eine vergleichsweise kurze Lagerzeit vorgesehen ist.

Die WAK hält im Moment die Option für eine Pufferlagerung ihrer Abfälle offen, da sie nicht sicher ist, ob die Überführung ihrer Abfälle in das Zwischenlager mit dem Rückbau der WAK Schritt halten kann. Die Alternative wäre, den Rückbau der Anlage auf Jahre hinaus auszusetzen und die 500 Mitarbeiter zu entlassen. Diese Zäsur würde den Abriss der WAK mindestens um zehn Jahre verlängern mit entsprechenden Mehrkosten. Will das der Bürgermeister?  Und was hätte er mit seiner Intransigenz gewonnen? Den Hotelbau könnte er sich auf alle Fälle abschminken

Meine Prognose: die Ministerialen werden Schulze Johs weichklopfen.

Sonntag, 4. März 2012

Wir sind nochmal davongekommen

Der Winter scheint sich dem Ende zuzuneigen. Zeit für eine Rückschau in der Stromversorgung, nachdem Frau Merkel unmittelbar nach Fukushima in einer Holterdiepolterentscheidung acht deutsche Kernkraftwerke vom Netz geholt hat. Dass sie ein Risiko einging, war ihr wohl schon im März 2011 bewusst, sonst hätte sie nicht darauf gedrängt, einige Kraftwerke als sog. Kaltreserve in Bereitschaft zu halten. Anfangs dachte sie sogar an Kernkraftwerke wie Philippsburg und Biblis, aber die Betreiber mochten ihr den Gefallen nicht tun als Notnagel zu agieren. Deshalb resortierte sie zu einer Reihe von uralten Kohlekraftwerken - die dann auch wirklich benötigt worden sind.


Auf Kante genäht

Es kam, wie es kommem musste. Vom März bis zum Dezember wurde Deutschland von einem Stromexportland zu einem Importland. Die (sicherheitstechnisch) nicht besseren Kernkraftwerke in Frankreich und Tschechien haben das deutsche Stromdefizit ausgeglichen. Und - á las - für einige Tage um die Jahreswende haben wir sogar die Franzosen aus einer Bredouille geholfen und ihnen Strom für ihre privaten Heizanlagen geliefert, eine Steinzeittechnik die in Deutschland gar nicht mehr gestattet ist.

Aber zwischen dem 6. und 9.  Februar 2012 kam es dann doch zu dramatischen Situationen. Der Strombedarf stieg und stieg mit der Folge, dass in aller Eile die ältesten und (ökologisch) dreckigsten fossilen Kraftwerke hochgefahren werden mussten, um das Netz nicht zusammenkrachen zu lassen. In Mannheim wurde ganz schnell der Block 3 des dortigen Grosskraftwerks in Betrieb gesetzt, der zwar schon im Jahr 1966 gebaut worden ist, der aber immerhin noch 100 Megawatt liefern konnte. Und in Österreich, bei Graz, wurde ein betagtes Ölkraftwerk hochgefahren, um den händeringenden Bitten der deutschen "Piefkes" entgegen zu kommen. Für gutes Geld, selbstredend.

Was war geschehen? Nun, in dieser frostigen Zeit des Februars 2012  stiegen die Anforderungen der Stromverbraucher. Man muss wissen, dass nicht jeder kleine Stromnutzer seine Kilowattstunden bei den Kraftwerken bestellen kann, sondern das tun - wie bei vielen anderen Produkten auch - die Grosshändler. Und das sind in der Regel Schlitzohren, sonst wären sie nicht "gross". Wegen der tiefen Temperaturen stiegen an der Leipziger Strombörse die Preise für die Ware Strom kontinuierlich. Von 50 Euro pro Megawattstunde - was ziemlich normal ist - auf bald 100 Euro, 200 Euro, 300 Euro, ja bis auf 380 Euro pro Megawattstunde. So eine Preissteigerung gab es bis dato noch nie. Und hier setzte die Strategie der Grosshändler ein: sie orderten einfach weniger Strom bei den Kraftwerken, worauf die Preise (Angebot und Nachfrage!) wieder fielen. Natürlich war das reine Augenwischerei, denn der wirkliche Strombedarf der deutschen Privat- und Industriekunden hatte sich nicht im mindesten geändert: er blieb auf Rekordhöhe.

Nun war die Deutsche Netzagentur gefordert, eine Behörde, der es obliegt Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. Sie brachte wirklich das Kunststück fertig in diesen kritischen Tagen das Netz einigermassen stabil zu halten. Dafür fuhr sie nicht nur alle "alten Mühlen" hoch, wie oben beschrieben, sondern sie musste sogar die Pumpspeicherkraftwerke nutzen, deren Strom eigentlich nur als Regelleistung für die Notfälle gedacht ist. Aber der Preis für diesen  Strom ist auf "nur" 100 Euro pro Megawattstunde fixiert - und darauf hatten es die schlauen Stromhändler abgesehen. Statt 380 Euro zahlten sie nur 100 Euro - natürlich bei Inkaufnahme des Risikos für einen totalen Netzzusammenbruch. Ich hoffe, dass diese Gauner nachträglich für ihre "Lastprognosefehler" entsprechend sanktioniert werden.


Im Südwesten fehlt die Grundlast

Wegen der Abschaltung der beiden Atomkraftwerke KPP 1 und GKN I war die Stromsituation inbesondere in Baden-Württemberg sehr prekär. In diesem hochindustrialisierten Bundesland fehlt es einfach an Grundlastkraftwerken, welche die Industrie 24 Stunden am Tag sicher mit Strom versorgen können. Die zwei im Bau befindlichen grossen Kohlekraftwerke in Karlsruhe und Mannheim werden als Kompensation nicht ausreichen. Aber zusätzliche Blöcke werden dauern. Es muss daran erinnert werden, dass auch ein fossiles Kraftwerk eine Bauzeit (von der Planung bis zur Inbetriebnahme) von mindestens sechs bis sieben Jahre benötigt. Und dann darf im Genehmigungsverfahren nichts schief laufen. Hierfür gibt es leider genügend negative Beispiele, wie etwa das Kohlekraftwerk Datteln in Nordrhein-Westfalen. Auch Materialprobleme  -  etwa bei den Dampferzeugern -  tragen immer wieder zu mehrjährigen Bauzeitverlängerungen bei, wenn man den Wirkungsgrad zu ehrgeizig nach oben treiben will.

Bei den Energiewerken Baden-Württemberg (EnBW) hat man grosse Hoffnungen auf auf den Windpark Baltic 1 in der Ostsee gesetzt. Bereits im September 2010 wurde er von der Bundeskanzlerin mit grossem Trara in Betrieb genommen. Leider konnte er erst ein halbes Jahr später ans Netz angeschlossen werden; angeblich hatte der Netzbetreiber "50 Hertz" technische Probleme mit dem Anschluss. Generell scheint man das Potential der Windparks in der Nord- und Ostsee zu überschätzen. Dort liegen 2600 Schiffswracks und die Techniker müssen höllisch genau darauf achten, wo sie Stromtrassen verlegen können. Ausserdem sind in der Nordsee die ozeanografischen Bedingungen wegen des Wellengangs und starker Strömungen sehr schwierig. So haben sich an den Gründungen der Anlage "Alpha Ventus" überraschend schnell Vertiefungen (Kolke) gebildet, welche die Standfestigkeit der Windräder gefährden können.

Die Abschaltung der zwei genannten Kernkraftwerke hat die Bilanzsituation der EnBW einschneidend verändert. Während früher durchweg ein Konzerngewinn von zwei Milliarden Euro anfiel, hatte man im Jahr 2011 erstmals einen Verlust von 500 Millionen zu beklagen. Das Unternehmen geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste durch staatliche Sonderfinanzierungen gerettet werden. Dem derzeitigen Vorstandsvorsitzenden Hans-Peter Villis kostete dies den Kopf; sein Vertrag wurde nicht verlängert, er muss im Herbst wohl gehen. Nachfolger werden bereits gesucht, aber sie scheinen nicht Schlange zu stehen; immerhin müssen sie mit einer grün-roten Landesregierung zurandekommen. Immer wieder im Gespräch für die Villis-Nachfolge ist die ehemalige Sprecherin der Grünen, Frau Gunda Röstel - von Beruf Sonderschulpädagogin!


Kretschmann verändert den Schwarzwald

Bei den Windmühlen vollzieht sich derzeit im Ländle ein Wechsel der Politik. Unter dem ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel waren sie verpönt, insbesondere in der Nähe des Schwarzwaldes. Der jetzige Regierungschef Winfried Kretschmann verfolgt eine andere Philosophie, wenn er sagt: "Eine Änderung der Industriegesellschaft verändert die Landschaft; das ist der Preis, den wir für den Fortschritt zahlen müssen". Er möchte den grossflächigen Ausbau der Windenergie und will auch nicht die Kämme des Schwarzwalds von der Bebauung ausnehmen. Die rigiden Genehmigungsvorschriften seiner CDU-Vorgänger werden bereits gelockert und allseits bilden sich  (unheilige) Allianzen zwischen Gemeinden, Bauern und Investoren. Für die Landwirte ist es allemal einträglicher jährlich ein- bis zweitausend Euro pro Windradbauplatz zu kassieren, als in bergiger Landschaft mühevoll Milchwirtschaft zu betreiben.

Auch die Förster sind mit im Boot. Holzpellets sind bereits zum guten Geschäft geworden, aber so richtig lukrativ sind die Windräder. Sie versprechen Pachtverträge von 10.000 Euro pro Jahr, insbesondere, wenn sie auf den Kämmen des Schwarzwalds aufgestellt werden. Derzeit diskutiert man das Münstertal südlich des (grünen) Freiburgs mit den Hausbergen Schauinsland (1284 m) und dem Belchen(1414 m) - mitten im touristischen Gebiet. Die Hotelbesitzer und Naturschutzverbände wehren sich zwar noch, aber das Spiel ist bereits verloren. In wenigen Jahren wird der Schwarzwald mit rotierenden Kaventsmännern von 200 Metern Höhe bestückt sein, welche das grösste europäische Kirchengebäude, das Ulmer Münster (161 m), locker überragen werden.

Kretschmann ficht das nicht an; er hat offensichtlich seine eigene Ästethik, wenn er sagt: "Letztlich muss man doch sagen, dass Windräder schöne Maschinen sind - eben ein Zeichen der neuen Zeit".

Samstag, 25. Februar 2012

Unseriös

Nun ist es also raus: die Physiker am Genfer Kernforschungszentrum "CERN" haben keine Elementarteilchen produziert, die sich schneller als das Licht fortbewegen. Ein halbes Jahr lang haben sie die wissenschaftliche Welt mit der Vermutung elektrisiert, Neutrinos wären von Genf ins 730 Kilometer entfernte Gran Sasso in Italien mit einer Geschwindigkeit gereist, die um 0,002 Prozent grösser gewesen sei, als die Lichtgeschwindigkeit. (Ca. 299 792  Kilometer pro Sekunde).

 Die Neutrinos wurden im Rahmen des Forschungsprojekt "Opera" am Super Proton Synchrotron beim CERN erzeugt, indem man energiereiche Protonen auf eine Graphitfolie schoss. Im Untertagelabor des Gran-Sasso-Massivs hat eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern die Zeit gemessen, welche die Kernteilchen für ihre Reise von den Alpen in die Abruzzen gebraucht haben. Angenommen wurde, dass die Neutrinos sich langsamer als Licht bewegen würden. Die Messungen indes erbrachten das Gegenteil: die Neutrinos waren - scheinbar - schneller!

Hier muss man mit der Kritik ansetzen. Statt ihre Messapparaturen genau zu überprüfen, gingen die (meist italienischen) Physiker sehr schnell an die Öffentlichkeit, z. B.  an die britische BBC und an die amerikanische New York Times. Dort kreierten sie Schlagzeilen, wie "Die spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein ist widerlegt". Zu einer Veröffentlichung ihrer neuen Theorie in einer seriösen wissenschaftlichen Zeitschrift fehlte ihnen wohl der Mut, vielleicht wurden sie dort auch abgewiesen. Nun mussten sie zugeben, dass ihre Messapparatur nicht in Ordnung war: ein banaler Stecker soll es gewesen sein, der die falschen Messdaten hervorgerufen hat. Das Ganze ist peinlich hoch drei. Bevor man Heroen der Physik, wie Albert Einstein, vom Sockel stürzt, hätten die Forscher  etwas länger nachdenken sollen und mehr Kritik gegenüber dem eigenen Tun üben sollen.

Denn Messungen an Neutrinos sind nicht trivial, sondern gehören zu den schwierigsten Aufgaben in der Experimentalphysik. Die Neutrinos wurden schon 1930 theoretisch von Wolfgang Pauli vorhergesagt, aber erst 1956 wirklich durch Messung verifiziert. Ihre Masse ist sehr, sehr gering, zudem gibt es nicht nur eine einzige Art von Neutrinos, sondern deren drei. Zur Verwirrung trägt weiterhin bei, dass sich diese Elementarteilchen ständig ineinander umwandeln. Von der Sonne erreichen uns in jeder Sekunde viele Milliarden Neutrinos, welche die Erde praktisch ohne Wechselwirkung durchdringen. Auch explodierende Sterne (Supernovae) setzen riesige Mengen an Neutrinos frei. Bei der Supernova1987A, die vor 25 Jahren in der Magellanschen Wolke explodierte, konnte man übrigens feststellen, dass die Neutrinos -  ebenso wie die Lichtteilchen -  zur gleichen Zeit auf der Erde ankamen. Wären die Theorien der Opera-Forscher richtig gewesen, dann hätten die Astronomen beide Teilchensorten zeitverschoben gemessen.


Voreilige Verlautbarungen

Blickt man die letzten vier Jahre zurück, dann ist es nicht das erste Mal, dass die Forscher am CERN und im Gran Sasso voreilig "hurra" geschrien haben. Ankündigungen von (angeblichen) Durchbrüchen in der Physik in der Weltpresse scheinen dort die Regel zu sein. Ich möchte nur drei solcher Fehlmeldungen nennen, die später korrigiert werden mussten. Im August 2008 wurde am CERN die Inbetriebnahme des weltgrössten Beschleuniger, des Large Hadron Collider (LHC),  verkündet. Es dauerte nur einen Monat, bis diese hochgepriesene Maschine einen gravierenden Störfall erlitt, der eine mehrjährige Reparatur erforderlich machte. Die Ursache waren schlampig durchgeführte Qualitätskontrollen.

Der Beschleuniger war kaum (bei Teillast) wieder in Betrieb, als in Genf ein Raunen um das sogenannte Higgs-Teilchen einsetzte. Dies ist ein von den Theoretikern vorhergesagtes Kernteilchen, welches den übrigen Elementarteilchen gewissermassen ihre Masse verleiht. Die Diskrepanzen in der sogenannten Standardtheorie der Kernphysik würden damit verschwinden. Noch haben die CERN-Physiker das Higgs-Teilchen nicht so glasklar nachgewiesen, sodass sie ihre Ergebnisse in den Zeitschriften Science oder Nature  publizieren können - aber immer wieder wird in der Weltpresse die Vermutung gestreut, dass unter den riesigen akkumulierten Datenmengen das Higgs-Teichen bereits "versteckt" sein könnte. Die berühmte Nadel im Heuhaufen, allerdings noch nicht wirklich gefunden.

Auch die italienischen Forscher im Gran-Sasso-Labor können bisweilen das Wasser nicht halten. Vor einigen Jahren verkündeten sie die Entdeckung des "Neutralino", eines Teilchens, das zur sogenannten Dunklen Materie gehört und welches von den String-Theoretikern heftig gesucht wird. Auch diese Pressemeldung musste später zurückgezogen werden. Angeblich hatten "Nebeneffekte" die Messungen negativ beeinflusst.

All diesen Hurra-Rufen ist gemeinsam, dass mit ihnen Durchbrüche in der Physik verbunden gewesen wären. Die Entdeckung der Überlichtgeschwindigkeit, des Higgs-Teilchens und des Neutralinos würden mit dem Nobelpreis der Physik honoriert, das kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Vielleicht ist es dieses lockende Ziel, welches die Forscher frühzeitig, nein allzu frühzeitig, "hier" rufen lässt. Im Kampf um diese ultimative Ehrung ist wohl manchem jedes Mittel recht.

Was lernen wir daraus? Nun, Physiker sind eben auch nur Menschen, bisweilen sogar unseriöse.

Sonntag, 19. Februar 2012

Auch Bundesrichter wollen befördert werden

Am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe gibt es Zoff. Einige Richter streiten sich mit ihrem Ober-Chef und das schon seit fast einem Jahr. Jetzt ist es öffentlich geworden und in den Zeitungen steht zu lesen, was Monate vorher nur unter Kundigen gemurmelt worden ist. Dabei haben - von aussen betrachtet - die Richter am BGH keinen üblen Job. Der Bundesgerichtshof ist nämlich im wesentlichen ein Revisionsgericht. Das bedeutet, dass er selbst keine Beweisaufnahmen machen muss. "Tatsache" ist, was von den unteren Gerichten, also den Amtsgerichten, Landgerichten und Oberlandesgerichten bereits an "Beweisen" eruiert worden ist.

Der BGH beschränkt sich im wesentlichen darauf, die juristische Beurteilung eines Falles nachzuprüfen. Wenn er feststellt, dass die Vorinstanz einen rechtlichen Fehler gemacht haben sollte, dann verweist er den Fall zur erneuten Verhandlung zurück. Ein praktisches Beispiel aus meiner simplen Sicht als Physiker, als juristischem Laien: Nehmen wir an, das Amtsgericht Karlsruhe verurteilt einen Ladendieb zum Tode durch Erhängen, dann wird dieses Urteil vom BGH aus zumindest zwei Gründen kassiert. Erstens, weil es doch etwas zu harsch ist und zweitens, weil die Sanktionierung Tod durch den Strang in Deutschland bereits seit einiger Zeit abgeschafft worden ist.



Der Bundesgerichtshof in winterlichen Ambiente

Bei dem oben genannten Streit geht es aber nicht um juristische Finessen, sondern um die organisatorische Einordnung einzelner Richter, genauer gesagt um ihre Beförderung beziehungsweise Abstufung. Im wesentlichen ist der BGH wie folgt organisiert: er besteht aus 12 Zivilsenaten und 5 Senaten für strafrechtliche Dinge. Jeder Senat hat vier Richter und einen Vorsitzenden (Zwei weitere Richter stehen "in Reserve"). Über den Senaten schwebt der Präsident. Seit dem Jahr 2008 ist es Professor Dr. Klaus Tolksdorf, der 8. Präsident in der 62-jährigen ruhmreichen Geschichte des BGH.

Präsident Tolksdorf scheint ein scharfes Regiment zu führen. Wer ihm nicht passt, den befördert auch nicht. Das ist im Prinzip sein gutes Recht und und so hat er - als die Neubesetzung des Vorsitzes im 2. Strafsenat anstand - Thomas Fischer, den kommissarischen Vorsitzenden dieses Senats und Bewerber für den Vorsitz, erst einmal auf die Seite gerückt und abgelehnt. Tolksdorf scheint Fischer für eine Art Querulanten zu halten und will ihn nicht befördern. Fischer wiederum, der ein juristisches Ass zu sein scheint und einen wichtigen Kommentar zum Strafrecht verfasst hat, lässt sich das nicht gefallen. Er ging wegen des schlechten Zeugnisses zum Verwaltungsgericht und bekam dort recht.

 Zwischenzeitlich geriet Tolksdorf in Nöte, weil der 2. Strafsenat keinen Vorsitzenden hatte, was nach Gesetz und Ordnung nicht sein darf. Schlitzohrig ernannte Tolksdorf daraufhin den Vorsitzenden des 4. Senats in Personalunion auch zum Chef des (verwaisten) 2. Senats. Jetzt brach das Theater aber erst richtig los und der vorher interne Streit wurde öffentlich. Bundesjustizministerium und Verwaltungsgerichte prüfen derzeit, ob so eine Doppelbesetzung überhaupt rechtens ist. Wenn nicht, dann könnten die zwischenzeitlich ergangenen Urteile der Strafsenate auch noch vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden. Die Verteidiger - als Elite der deutschen Rechtsanwälte - positionieren sich schon in diese Richtung.

Und wer bleibt bei diesem Streit auf der Strecke? Hoffentlich nicht die armen Angeklagten, die im Gefängnis auf ein baldiges Urteil warten.

Samstag, 11. Februar 2012

Sinnsprüche (1)

Altern -
ist die einzige bekannte Methode
um länger zu leben.
(Liv Ullmann)

*

Für angenehme Erinnerungen
muss man im Voraus sorgen.
(Paul Hörbiger)

*

Entferne dich von den Dingen,
bevor die Dinge sich von dir entfernen.

*

Wer sich sorgfältig auf ein Gespräch vorbereitet,
verhindert es.
Für Verhandlungen gilt das Gegenteil.
(Johannes Gross)

*

Olympische Spiele
sind eine wundervolle Gelegenheit,
um Zwietracht unter jenen Nationen zu stiften,
die sonst keine Berührungsflächen haben.
(G. B. Shaw)

*

Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen,
wie der allmorgentliche Blick in den Spiegel.
(Aldous Huxley)

*

Eine selbstbewusste Gesllschaft
kann viele Narren ertragen.
(John Steinbeck)

*

Wenn es morgens um 6 Uhr an der Tür klingelt
und ich kann sicher sein,
dass es der Milchmann ist -
dann weiss ich, dass ich in einer Demokratie lebe.
(Winston Churchill)

*

Mächtige verstehen einander immer -
mögen sie noch so verfeindet sein.
(Clemenceau)

*

Weniger die Tatsachen,
als die Meinungen der Menschen über die Tatsachen
sind von entscheidender Bedeutung.
(Epiktet)

*


Ein alter Freund ist besser
als zwei neue.
(Russisches Sprichwort)

*

Es wird nie soviel gelogen
wie vor der Wahl,
während des Krieges
und nach der Jagd.
(Bismarck)

*

Der Weg zum papierlosen Büro
ist fast genau so weit,
wie zum papierlosen Klo.
(Heinrich von Pierer)

*

Wenn du einem Freund zehn Dollar borgst
und er lässt sich nicht mehr bei dir sehen,
dannn ist das Geld gut angelegt.
(Paul Getty)

*

Erwarte nie etwas zurück!
Börsenhändler investieren das Geld anderer Leute solange -
bis es weg ist.
(Der Spiegel)

*

Ab einem gewissen Alter merkt man,
dass das, was man für die Generalprobe gehalten hat,
schon die Vorstellung war.
(Peter Ustinow)

*

Nicht wünschen,
was unerreichbar oder wertlos ist.

*

Geld,
das du besitzt, macht dich frei.
Geld,
dem du nachjagst, macht dich zum Knecht.

*

Ich erhoffe nichts,
ich fürchte nichts,
ich bin frei.

*

Beamte,
wenn sie umfallen,
fallen manchmal quer.

*

Man kommt zur Welt.
Man stirbt.
Fertig!
(Roald Dahl)

*

Wenn Karrieren
schwindelnde Höhen erreichen,
ist der Schwindel
häufig nicht mehr nachzuweisen.

*

Schlechte Argumente bekämpft man,
indem man ihre Darlegung nicht stört.
(Alec Guiness)


*

Um eine gut improvisierte Rede zu halten,
braucht man mindestens drei Wochen.
(Mark Twain)

*

Alle Menschen sind unsterblich -
solange sie leben.

Sonntag, 22. Januar 2012

Das Mirakel des Hauses Brandenburg (2)

Friedrich II. von Preussen war 1759 auf dem Schlachtfeld von Kunersdorf von der vereinigten Armee der Österreicher und Russen vernichtend geschlagen worden. Der Brandenburger hatte die Topografie des Geländes falsch eingeschätzt und seine Truppen in eine Niederung geführt, wo sie von den Kanonen der gegnerischen Allianz erbarmungslos zusammengeschossen wurden. Den Rest besorgten die damals aufgekommenen Freikorps, die österreichischen Panduren und die russischen Kosaken. In Landknechtsmanier und zuweilen aus purer Mordlust töteten sie die Verwundeten und beraubten sie ihrer Kleidung und Waffen. Der Weitermarsch der feindlichen Truppen nach Berlin und die Einnahme der nahezu unbefestigten Hauptstadt war in Kürze zu erwarten. Aber nichts dergleichen geschah. Ja, nach einigen Wochen gespannter Ruhe konnten die Preussen - o Wunder - sogar beobachten, das sich die Russen nach Osten absetzten und die Österreicher sich in ihr Kernland nach Süden zurückzogen.

Was war geschehen? Nichts weniger als ein Wunder! Friedrich bezeichnete es in einem Brief an seinen Bruder Heinrich als "das Mirakel des Hauses Brandenburg". Der Grund dafür war, dass sich in Russland immer mehr die preussenfreundliche Stimmung des Grossfürsten Peter durchsetzte. Als 1761 seine Mutter, die Zarin Elisabeth II. starb und er als Peter III. ihr Nachfolger wurde, kündigte Russland das Bündnis mit Österreich auf und stellte sich an die Seite Preussens. Und im Reich der Habsburger kam es ebenfalls zu einer Wende: der brillante 38-jährige Minister Wenzel Anton von Kaunitz regelte die Bündnisstruktur Österreichs neu und stellte den Krieg mit den Preussen ein.

Im Frieden von Hubertusburg (1763) beendeten die drei Kombattanten Friedrich, Maria und Katharina - die inzwischen als Nachfolgerin von Peter III. auf dem russischen Thron sass - ihren Waffengang und damit den Siebenjährigen Krieg. Friedrich II. offenbarte sich ein weiteres Mal als gerissener Verhandler, denn er durfte alle seine früher eroberten Gebiete behalten, insbesondere Schlesien und grosse Teile von Sachsen.

Die erste Teilung Polens

Einen bedeutsamen Gebietszuwachs erhielt Preussen durch die sogenannte Erste Teilung Polens im Jahr 1772. Der Doppelstaat Polen-Litauen, ein Land grösser als Frankreich, war durch ständige innere Unruhen geschüttelt. Die Hauptursache war seine Wahlmonarchie, wobei die rivalisierenden Adelsfraktionen ständig darum kämpften, ihre jeweiligen Kandidaten auf den Thron zu hieven. Darüberhinaus lähmten strukturelle Schwächen der polnischen Verfassung das politische System, weil jedes Mitglied des Reichstags (Sejm) mit seinem Einspruch die Mehrheit lahmlegen konnte.

Diese innere Zerrissenheit Polens - auch als "polnische Wirtschaft" bezeichnet - wurde von den Nachbarländern intensiv beäugt. Als dieses Land, wegen bürgerkriegsähnlicher Unruhen, wieder einmal unfähig zur Verteidigung seiner Grenzen war, schlugen Preussen, Russland und Österreich  zu. 1772 annektierten die drei Nachbarländer grosse Gebietsteile Polens. Die Russen nahmen sich 12,7 Prozent, die Österreicher 10,8 Prozent und Preussen 5 Prozent. Letztere ergatterten damit zwar nur den kleinsten Brocken, aber er war der wichtigste: Preussen konnte mit diesem Gebiet um Bromberg die Lücke zwischen Ostpreussen und den Kernprovinzen der Hohenzollernmonarchie schliessen, was strategisch von immensem Wert war.




Die Erste Teilung Polens
(Preussens Landgewinn senkrecht schraffiert und rot umrandet)

Der Vorschlag zur Aufteilung von Polen-Litauen kam übrigens von Friedrich II. In seinem politischen Testament von 1752 verglich er Polen mit einer "Artischocke", die man "Blatt für Blatt" essen müsse. Bei der 2. Teilung Polens im Jahr 1793 (nach Friedrichs Tod) gingen weitere grosse Gebietsteile an die Nachbarn, wodurch Polen nur noch ein Rumpfstaat war. Und zwei Jahre danach (3. Teilung) wurde auch noch der Rest dieser einst mächtigen Adelsrepublik aufgeteilt.

Starke Frauen

Friedrich II. war umgeben von zwei charismatischen Herrscherinnen: Maria Theresia von Österreich und der Zarin Katharina II. von Russland, welche später den Ehrentitel "die Grosse" erhielt. Obschon charakterlich total verschieden, waren beide sehr kluge Politikerinnen - jedenfalls im Sinne der damaligen Zeit.

Maria Theresia war die Tochter von Kaiser Karl VI., der ohne männliche Nachkommen starb. Eigentlich stand ihr die Kaiserwürde zu, aber sie verzichtete darauf zugunsten ihres Gatten Franz Stephan von Lothringen, der 1745 als Franz I. Stephan zum römisch-deutschen Kaiser gewählt wurde. In praxi war aber Maria Theresia nicht nur die regierende Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn, sondern auch die (ungekrönte) Kaiserin, da ihr Ehemann sich wenig bis gar nicht um seine Regierungsgeschäfte kümmerte. Das Paar führte eine mustergültige Ehe aus der 16 Nachkommen hervor gingen, welche sie mit grosser Liebe umsorgten und die sie strategisch gut verheirateten ("tu felix Austria nube").

Ein anderes Kaliber war Katharina II. von Russland. Sie war eine geborene deutsche Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst und wurde 1744 - auf Vermittlung ihres Cousins Friedrich II. - mit dem russischen Thronfolger und Grossfürsten Peter verheiratet. Die Ehe war nicht glücklich, denn Peter haftete ein albernes Gehabe an und ausserdem war er ständig betrunken. Zudem hatte er eine grosse Vorliebe für die Preussen und deren Militärwesen. Als er 1762, nach dem Tod der Zarin Elisabeth, sogar die preussischen Militäruniformen beim russischen Heer einführte und einen Sonderfrieden mit Friedrich schloss (ein weiteres "Mirakel") wurde er von den beiden adeligen Brüdern Orlow erdrosselt und seine Witwe als Katharina II. zur Zarin ausgerufen. Die junge Herrscherin machte zwar auch ihren Frieden mit dem Preussenkönig, aber gleichzeitig dehnte sie den russischen Machtbereich immens aus. In zwei Kriegen gegen die Türken eroberte sie den Zugang zum Schwarzen Meer sowie weite Küstengebiete. Zusammen mit den Teilungen Polens gewann sie mehr als eine Million Quadratkilometer neues Land, sodass sie als Katharina die Grosse in die russische Geschichte einging.

Katharina galt als sexbesessen; mehr als zwanzig Liebhaber sind namentlich bekannt. Einer der ersten war der Grossfürst Orlow (der mutmassliche Mörder ihres Ehemanns), ein anderer der Fürst Potjomkin, der die Schwarzmeerflotte befehligte. Ihre ehemaligen Liebhaber bedachte sie mit grosszügigen Geschenken, sodass ihr von ihnen keine Gefahr drohte. Katharina starb 1796 in St. Petersburg im Alter von 67 Jahren an einen Schlaganfall.

Der Alte Fritz

Doch zurück zu Friedrich II. Durch die drei Schlesischen Kriege und den Landraub an Polen hatte er Preussen  als fünfte Grossmacht (nach Frankreich, Österreich, Russland und England) auf die politische Landkarte gebracht. Dafür mussten 400.000 Landeskinder ihr Leben lassen, immerhin zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Zur Abschreckung der Nachbarn unterhielt Friedrich weiterhin eine grosse Armee von 195.000 Soldaten bei einer Einwohnerzahl von 5,8 Millionen. Spötter sagten deshalb: "Die preussische Monarchie ist nicht ein Land, das eine Armee hat, sondern eine Armee, das ein Land hat, in dem diese einquartiert ist.

Trotzdem, die letzten 23 Jahre vom Ende des Siebenjährigen Krieges bis zu seinem Tode war Friedrich II. pazifistisch gestimmt - von einem kleinen Scharmützel in Böhmen während des Bayerischen Erbfolgekrieges einmal abgesehen. Nach seiner trostlosen Jugend und seiner Phase als Kriegsherr war die Periode des "Alten Fritz" angebrochen. In seiner von Schnupftabak befleckten alten Hauptmannsuniform bereiste er unentwegt sein Land und die Menschen fürchteten ihn nicht mehr sondern begannen ihn zu achten, ja zu lieben. Er milderte die Leibeigenschaft (trotz heftigen Widerstands des Landadels) und entwickelte sein Rechtsempfinden zum "Allgemeinen Landrecht". Berühmt wurde die Affäre des Müllers Arnold, dem er zu seinem Recht verhalf, als ein benachbarter Junker den Mühlbach in seine Karpfenteiche ableiten wollte. Die Trockenlegung des Oderbruchs und insbesondere die Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel fielen in seine Regentschaft. Zudem wurden Hunderte von Schulen gebaut. Da es jedoch an ausgebildeten Pädagogen mangelte, kommandierte Friedrich ehemalige (meist kriegsversehrte) Unteroffiziere als Lehrer ab, die häufig aber selbst nicht des Lesens und Schreibens kundig waren.


Der Alte Fritz (um 1781)

Friedrich blieb ohne Nachkommen und bestimmte seinen Neffen Friedrich Wilhelm als seinen Nachfolger. Im Gegensatz zu seinem Onkel war dieser ein wahrer Luftikus. Seine erste Ehe wurde schon bald nach beiderseitigen Seitensprüngen geschieden; aus der zweiten Ehe gingen sieben Kinder hervor. Daneben hatte Friedrich Wilhelm sieben weitere Nachfahren aus einer lebenslangen Beziehung mit einer Mätresse und zwei Ehen "zur linken Hand". Friedrich II. war es mit einer strengen Haushaltsdisziplin gelungen einen Staatsschatz von 58 Millionen Talern zu hinterlassen. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II.verschleuderte diese gewaltige Summe innerhalb von elf Jahren!

Der lange Reise nach Sanssouci

Friedrich der Grosse starb am 17. August 1786 im Alter von 74 Jahren in seinem Stuhl auf Schloss Sanssouci. Eigentlich wollte er mit seinen Hunden auf der Terrasse seines Sommerschlosses begraben werden, aber der Thronfolger Friedrich Wilhelm II. ignorierte diesen Wunsch seines Onkels und liess ihn stattdessen in der Potsdamer Garnisonskirche beerdigen - neben dem ungeliebten Vater, dem Soldatenkönig! In der Endphase des 2. Weltkriegs wurde der Sarg 1944 in die Elisabethkirche nach Marburg verbracht und später in die Kapelle der Burg Hohenzollern.  Erst am 17. August 1991, also nach 205 Jahren, wurde Friedrich endlich auf den Terrassen von Sanssouci feierlich beigesetzt. Bundeskanzler Kohl und die Spitzen der deutschen Politik waren bei diesen Akt vertreten.

Friedrichs schriftlicher Anweisung "ich habe als Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Gepränge, ohne feierlichen Pomp, ohne Prunk" wurde damit ein weiteres Mal nicht entsprochen.

Sonntag, 15. Januar 2012

Vor dreihundert Jahren... (1)

...genauer gesagt, am 24. Januar 1712, wurde Friedrich II. - später "der Grosse" genannt - im Berliner Stadtschloss geboren, das demnächst wieder aufgebaut werden soll. Sein Vater war der brandenburg-preussische König Friedrich Wilhelm I. aus dem Stamm der Hohenzollern, seine Mutter die Prinzessin Sophie Dorothea von Hannover. Beide hatten 14 Kinder miteinander, von denen die meisten bereits im frühen Alter starben. So war Friedrich nur der drittälteste Sohn; seine beiden Brüder Friedrich Ludwig und Friedrich Wilhelm - die eigentlichen Kronprinzen - starben noch im Säuglingsalter. Auf Friedrich lagen also die Hoffnungen seines Vaters zum Erhalt des Reiches und der Dynastie.


Die Söhne des Soldatenkaisers um 1737;
von links: Friedrich (25 Jahre alt); August Ferdinand (7); August Wilhelm (15); Heinrich (11)

Mit grossem Unwillen registrierte der Vater schon bald, dass sein Sohn Friedrich ein "Sensibelchen" war, der am liebsten französisch parlierte, Flöte spielte und sich hinter  Büchern vergrub. Friedrich Wilhelm hingegen war ein Raubein und stolz auf seinen Beinamen  "Soldatenkaiser". Er regierte sein kleines Land mit harter Hand und mit militärischer Prägung. Aus den nur 1,6 Millionen Bewohnern presste er ein Heer von 80.000 Mann heraus. Die "langen Kerls" hatten es ihm besonders angetan. Für die Jagd nach Männern, die über 1.88 Meter gross waren, sandte er Werber bis nach Kroatien und die Ukraine aus. Für einen "Sechsfüssler", der 1,92 Meter gross war, zahlte er bereitwillig 3000 Taler, währendessen sein Volk hungerte. Diese königliche Leidenschaft nach langen Soldaten hatten auch einen praktischen Grund: Das Vorderladergewehr, das Füsil, erzielte die beste Wirkung, wenn es möglichst lang war. Entsprechend war es nur für hochgewachsene Männer leicht zu handhaben.

Konflikt mit dem Vater

Der Vater betrachtete Friedrich als ein "Weichei" und versuchte ihm durch körperliche und seelische Züchtigungen "Manneshärte" beizubringen. Aber der junge Friedrich war renitent und heizte diese Konflikte auch noch durch betont aufsässiges Verhalten immer wieder an. Während des verhassten Exerzierens freundete er sich mit dem acht Jahre älteren Leutnant Hans Hermann von Katte an, dem er wohl auch homophil verbunden war. 1730 versuchte Friedrich mit seinem Pagen über Frankreich nach England zu fliehen, wurde dabei aber gefasst. Der Vater wollte ihn hinrichten lassen und liess sich erst durch durch Briefe von Kaiser Karl VI. und Prinz Eugen von diesem Vorhaben abbringen. Dennoch wurde Friedrich zu Festungshaft in Küstrin verurteilt. Leutnant Katte, bei dem man einen kompromittierenden Brief gefunden hatte, der ihn als Mitwisser entlarvte,  wurde "per Allerhöchster Kabinettsordre" zum Tode verurteilt. Die Strafe für den Kronprinzen bestand darin, dass er die Hinrichtung seines Freundes vom Fenster seiner Zelle in Küstrin mitansehen musste. Seine Bewacher hatten die Anweisung, sein Gesicht gegen die Gitterstäbe zu pressen, als der Henker Kattes Kopf mit dem Schwert abgeschlug.

Von diesem Zeitpunkt an ging Friedrich gewissermassen in die "innere Resignation". Er wehrte sich nicht mehr sonderlich gegen die Auflagen seines Vaters. 1733 stimmte er sogar seiner Verheiratung mit der ungeliebten Elisabeth Christine von Braunschweig zu. Die Ehe blieb kinderlos, nicht zuletzt aufgrund seiner andersartigen sexuellen Neigungen. 1736 "belohnte" ihn der Vater, indem er dem jungen Paar das Schloss Rheinsberg als Residenz übergab. Friedrich widmete sich während dieser Zeit dem Studium der Geschichte, Philosophie und Poesie, komponierte eine Sinfonie und schrieb den "Antimachiavell", einen Tugendkatalog für aufgeklärte Idealmonarchen. Er begann eine Korrespondenz mit dem französischen Philosophen Voltaire, die bis zum Lebensende anhielt. Seiner Frau begegnete er höflich aber distanziert. Später wies er ihr als Wohnsitz das Schloss Schönhausen zu, wo sie einsam und zunehmend verbittert über fünf Jahrzehnte verbrachte.

Friedrich als König

Am 31. Mai 1740 bestieg Friedrich nach dem Tod seines Vaters den preussischen Thron als Friedrich II.. Als erstes schaffte er, gegen den heftigen Widerstand seiner Beamten, die Folter ab. Seiner Meinung nach "sollten lieber zwanzig Schuldige freigesprochen, als ein Unschuldiger geopfert werden". Bestehen liess er allerdings das sogenannte Spiessrutenlaufen.

Offen zeigte er sich auch für die Einwanderung von Minderheiten wie Hugenotten und Katholiken. In einem Brief schrieb er: "Jeder soll nach seiner Facon selig werden - und wenn Türken und Heiden kämen, um unser Land zu bevölkern, dann werden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen". Ganz uneigennützlich war dieses Angebot wohl nicht, denn Preussen war ein armes Land mit wenig Bewohnern, für das er dringend Arbeitskräfte suchte. Übrigens: für die Juden galt dieses Angebot nicht; diese belegte er mit einer Sondersteuer!

Auch die Zensur für den - nichtpolitischen - Teil der Zeitungen hob Friedrich II. auf. Er beauftragte sogar einen Professor mit der Herausgabe einer (französischen) Zeitung für Politik und Literatur. Er war damit der erste absolute Monarch Europas, der eine zumindest eingeschränkte Pressefreiheit in seinem Lande einführte. Ausserdem liess er verkünden, dass sich jeder Bürger seines Landes mit seinen Anliegen persönlich an den König wenden könne. In dieser Anordnung kam das berechtigte Misstrauen gegenüber seiner eigenen Beamtenschaft zum Ausdruck.

Die ersten beiden Schlesischen Kriege

Wer aus dem bisher Gesagten schliessen würde, Friedrich II. wäre ein friedfertiger, intellektueller und aufgeklärter Monarch gewesen, der irrt gewaltig. Friedrich hatte eine zweite, ganz gegenteilige Charakterseite. Er war auch ein brutaler Militärpolitiker, der grundlos fremde Länder überfiel, hemmungslos hunderttausende seiner Landeskinder opferte und dabei Risiken für sich und sein Land in Kauf nahm, die nur ein ruhmsüchtiger Spieler, ja Zocker auf sich nehmen würde. Der Beweis dafür sind seine schlesischen Kriege.

Schon sechs Monate nach seiner Thronbesteigung fiel Friedrich - ohne Kriegserklärung - mit einer Armee von 27.000 Mann in das habsburgische Schlesien ein. Er nutzte den überraschend frühen Tod des habsburgischen römisch-deutschen Kaisers Karl VI. aus, der ohne männliche Erben geblieben war. Seine älteste Tochter Maria Theresia, damals 23-jährig, die aufgrund der sogenannten Pragmatischen Sanktion zur Kaiserin ernannt  worden war, konnte Friedrich nichts entgegen setzen. Sie hatte nicht  mit einem solchen Rechtsbruch des Hohenzollern gerechnet. So befand sich in nur sechs Wochen ganz Schlesien in preussischer Hand, einschliesslich der Hauptstadt Breslau. Im Separatfrieden von 1742 mussten die Habsburger der Abtretung von Schlesien zustimmen.

Zwei Jahre später versuchte Friedrich erneut sein Kriegsglück und fiel in Nordböhmen ein. Diesmal war Maria Theresia jedoch besser vorbereitet und ihr Feldherr Otto Ferdinand von Traun konnte die Preussen zurückdrängen. Zeitweise sah es sogar nach einer Wiedereroberung von Schlesien aus. In der Schlacht von Hohenfriedberg gewann Friedrich jedoch wieder Oberwasser und konnte den Besitz dieser Region wahren. Im Dresdner Frieden von 1745 musste die Kaiserin den Preussen das "Recht" auf Schlesien ein zweites Mal bestätigen.

Der Siebenjährige Krieg

Dieser Krieg, manchmal auch als 3. Schlesischer Krieg bezeichnet, begann mit der völlig unprovozierten Besetzung Sachsens durch die Preussen. Friedrich liess das Schloss in Dresden plündern und ängstigte die dortige Bevölkerung durch Zwangsrekrutierungen. Taktisch klug nutzte er den Umstand, dass Österreich und Russland in einem globalen Konflikt zwischen Frankreich und Grossbritannien um das Gebiet des Ohio-River in Amerika verwickelt waren.


Friedrich der Grosse vor dem Siebenjährigen Krieg

In rascher Folge gewann Friedrich in den Schlachten bei Lobositz (1756), Prag (1767), Rossbach (1757) und Leuthen (1758). Friedrichs Schlachtenstrategie bestand darin, dass er seine Truppen zumeist schief aufstellte - statt parallel - wie es bei seinen Gegnern regelmässig der Fall war. Dadurch konnte der eine Flügel, mit Unterstützung der Kavallerie, in die feindlichen Linien vorstossen, bevor der andere Feindkontakt bekam. Dies erforderte schnelle Umgruppierungen der Truppen, worin die Preussen meist im Vorteil waren. Geübt durch die militärischen Drills bewegten sich ihre "Mauern" aus blauen Uniformröcken so gewandt, als hingen sie an unsichtbaren Fäden. Ergänzt wurde das Ganze durch Friedrichs Befähigung auch in Krisensituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Schliesslich kam seine persönliche Tapferkeit hinzu, durch die er seinen Truppen im stärksten Kampfgetümmel ein Vorbild war.

Trotzdem unterlag er zwei Mal bei Kolin (1757) und Hochkirch (1758) - sowie geradezu vernichtend bei Kunersdorf (1759) in der Nähe von Frankfurt/Oder. Von seiner Armee von 48.000 Mann blieben gerade noch 3.000 übrig. Friedrichs Kleidung war von Kugeln durchlöchert, zwei Pferde waren ihm unter den Leib erschossen worden. Der Weg ins unbefestigte Berlin stand der russischen und österreichischen Armee sperrangelweit offen. Friedrich dachte ernsthaft an Selbstmord.

Da geschah das Mirakel des Hauses Brandenburg und rettete Friedrich.
(Doch darüber mehr im nächsten Post)

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de