Mittwoch, 20. Februar 2008

KIT ist eine Mogelpackung

Wieder einmal hat man bei KIT, dem Karlsruhe Institute of Technology einen "Durchbruch" erzielt und nimmt das zum Anlass für eine Gründungsfeier. Es lohnt sich genauer hinzusehen. Richtig ist, dass Bund und Land dem KIT einen Rechtsträger zugestanden haben, nämlich den einer "Körperschaft des öffentlichen Rechts". Vorher sollte es nur eine BGB-Gesellschaft werden, was die unterste Stufe eines rechtlichen Zusammenschlusses darstellt und den fast schon jeder Skatklub beanspruchen kann.

Aber wie sieht das Innenleben dieser Körperschaft aus? Sie soll zwei "Missionen" besitzen, eine etwas geheimnisvolle Bezeichnung. Simpler sollte man von "Geschäftsbereichen" reden, nämlich dem der Uni und dem des FZK. Diese stehen nahezu unvernetzt nebeneinander. Das FZK wird weiterhin vom Bund und der Helmholtzgesellschaft gesteuert; die Uni kann keinen Einfluss auf die Programme des FZK nehmen, sondern dies geschieht nach wie vor über die sogenannte programmorientierte Begutachtung der Helmholtz-Gemeinschaft. Umgekehrt gilt praktisch das Analoge.

Auch die finanzielle Förderung, also der jährliche Geldfluss, bleibt die Gleiche. Von Drittmitteln abgesehen, erhält die Uni im wesentlichen ihr Geld aus Stuttgart und das FZK vom Bund. (Dazu, wie eh und je, 10 % vom Land.) Wichtig ist, dass diese Finanzströme nicht vermengt werden dürfen. Sollte der Uni-Rektor Hippler je interessiert gewesen sein, "an das Budget des FZK heran zu kommen", so ist ihm dies in der neuen Körperschaft klar verwehrt.

Und einer wird ganz besonders darüber wachen: Professor Jürgen Mlynek, jener knorrige und umtriebige Chef der Helmholtz-Gemeinschaft. Denn Mlynek wird - man halte sich fest - zukünftig Aufsichtsratsvorsitzender des KIT. Damit kann er direkten Einfluss nehmen auf die Bestellung des Vorstands und die Gestaltung des Budgets. Vor zwei Jahren versuchte der damalige FZK-Geschäftsführer Popp der Helmholtz-Gemeinschaft und ihrem Chef Mlynek zu entkommen und heckte mit Hippler die KIT-Idee aus. Und nun haben die hinterbliebenen FZKler Mlynek als mächtigen Vorsitzenden des Aufsichtsrats aufgedrückt bekommen! Ein gewaltiger Schuss nach hinten, fast schon das Eigentor des Jahres.

Praktisch operieren unter der KIT-Körperschaft also zwei getrennte Geschäftsbereiche. Aber das darf natürlich nicht offen zutage treten, sondern muss maximal verkleistert werden, indem man viele dünne Fäden zwischen Uni und FZK spannt und damit eine Art Metastruktur schafft. Koordinatoren, Projektstäbe Liasongruppen etc. etc. entstehen in grosser Zahl und sollen eine enge Bindung der beiden Geschäftsbereiche vorgaukeln. Reine Camouflage! Das Ergebnis wird eine Monsterbürokratie sein, welche die kreativen Führungskräfte von ihrer eigentlichen Forschungstätigkeit abhält.

In Wirklichkeit sind Uni und FZK organisatorisch total verschieden und nicht aufeinander abbildbar. Das FZK hat etwa 20 Grossinstitute unterhalb der Leitungsebene, die Uni hingegen 120 Kleininstitute und dazu 11 Fakultäten, wofür überhaupt kein Pendant beim FZK existiert. Die Uni ist von seiner Zielsetzung her primär eine Ausbildungsstätte, Forschung wird nur in geringerem Umfang über die Doktorarbeiten betrieben. Demgegenüber ist das FZK eine reine Forschungsstätte, deren Institutsleiter zuweilen Vorlesungen an Nachbarunis halten. Dass die Bediensteten an Uni und FZK sehr verschiedene Besoldungssysteme und betriebliche Mitwirkungsmöglichkeiten haben, geht zuweilen unter, ist aber in der Praxis und im Umgang mit den Betriebsräten durchaus wichtig.

Deshalb findet das Konstrukt KIT auch keine Nachahmer in der deutschen Forschungslandschaft. Das Forschungszentrum Jülich könnte mit der TH Aachen fusionieren, belässt es aber bei einer Kooperation. Ähnliches gilt für Heidelberg und Darmstadt mit den benachbarten Zentren, dem Krebsforschungszentrum und dem GSI. Dass man bei der EU in Brüssel an ein EUIT denkt, ist eher schon verdächtig; dort ist kaum je eine tragfähige Forschungsidee geboren worden. Wenn man die "Versäulung der Wissenschaft" beklagt, dann wäre eher daran zu denken die Max-Planck-Institute wieder näher an die Unis heran zu führen, denn dort wird viel mehr universitäre Forschung betrieben. Aber das wird so schnell nicht geschehen, denn die MPIler geniessen ihre Freiheit.

Nahezu peinlich ist das ständige öffentliche Inaussichtstellen der KIT-Funktionäre, man wolle mit der Fusion baldmöglichst zur forscherischen "Weltspitze" aufschliessen. Man übersieht dabei, dass der Zusammenschluss von zwei Entitäten zwar Grösse, aber nicht unbedingt Stärke erzeugt. Daimler hat dies bei der Fusion mit Chrysler leidvoll erfahren müssen, ebenso wie vorher BMW mit Rover. Beide Firmen, Daimler und BMW, sind nach ihrer Entflechtung stärker als vorher. Aber leider kann der innere Wert des KIT nicht an einem Aktienkurs abgelesen werden, weshalb es vermutlich so lange dahin dümpelt, bis seine strukturellen Fehler offenkundig werden.

Schlussendlich:
ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass man beim FZK (wie auch an der Uni) alles unverändert beim alten belassen sollte. Nein, das Management hat nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht Struktur und Programme immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Aber man sollte die Möglichkeiten, welche flexible Kooperationen bieten nicht gering schätzen, bevor man sich in das Procrustesbett einer starren Fusion legt.

Kommentare:

  1. Das schöne an KIT - man findet alle zwei Wochen Gründe sich selbst zu feiern. Die Sakkos stauben nicht an vor lauter Selbst-auf-die-Schulter-Geklopfe.
    Alles wird exzellent, spitzen Forschung und spitzen Lehre vereint unter einem Dach.
    Einfach wunderbar. KIT in einem Atemzug mit MIT? Wie KIT mit einer halben Milliarde das gleiche bewerkstelligen will wofür MIT 8 Mrd $ jährlich benötigt bleibt wohl eines der Geheimnisse der optimistischen KIT-Erfinder.
    Schöner wäre es - erstmal Nobelpreisträger hervorbringen, revolutionäre Forschungsergebnisse präsentieren. Dann sich von anderen zu Recht loben lassen.
    Doch das ist wohl das was man Marketing nennt - und Klappern gehört zum Geschäft. Doch wie soll das gehen bei den steifen Strukturen des öffentlichen Dienstes? Zeitverträge, miese Bezahlung - da ziehts die Spitzenforscher doch schon prinzipbedingt in die Industrie.
    Hoffen wir dass es keine Lachnummer wird.

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  2. Also lieber Willy Marth, wird sind ja häufig einer Meinung.Aber diesmal gar nicht. Das KIT ist für Karlsruhe und die deutsche Forschung und Wissenschaft eine Jahrhundertchance!! Und wer wie wir beide die Abwehrkräfte der Ministerialbürokratien und neuerdings der Helmholtzinteressenbürokratie kennt, der muß doch dem Himmel danken, wie weit wir mit KIT schon gekommen sind.

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  3. Allen Unkenrufen zum Trotz - bei Veränderungen gibt es immer Kritiker, Skeptiker, Jammerer. KIT ist eine Jahrhundertchance. Ob sie auch so genutzt wird dass unter dem Strich der erwartete und mit selbstgemachten Vorschusslorbeeren herauskommt wird sich zeigen.
    Geben wir dem Kind erstmal die Chance, gesund auf die Welt zu kommen, und beurteilen wir in 5 Jahren wie es sich gemacht hat.
    Zuviel erwarten muss man jedoch auch nicht - dann kann man auch nicht enttäuscht werden. Die prinzipbedingte Trägheit des öffentlichen Dienstes, gepaart mit juristischen, wissenschafts- und wirtschaftspolitischen Seilen die das neue selbsternantne Vorzeigeflaggschiff der dt. Wissenschaft jedoch am Hinausfahren hindern könnten den Erfolg bremsen - wenn nicht gar verhindern? Es ist ein neuer Kuchen aufgetischt worden, und wenn zu viele Wissenschaftspolitiker ein möglichst fettes Stück abbekommen wollen kommen schnell Brösel heraus die nicht mehr munden könnten. Dies sollte der Küchenchef zu verhindern wissen.

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