Samstag, 27. September 2008

Für die Katz

"Rustel" war uns zugelaufen, als unsere alte Hauskatze "Minki" mit 17 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Zugelaufen ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck: in Wirklichkeit drängte sie geradezu in unser Haus, als sie spürte, dass dort eine Vakanz war. Rustel war eine halbverhungerte, verhärmte, graugetigerte Strassenkatze, offensichtlich eine Promenademischung und es war unwahrscheinlich, dass sie je einen Schönheitspreis gewinnen würde. Aber irgendwie tat sie uns leid und Rustel spürte das wohl instinktiv und so durfte sie eben bleiben.

Ihr Körbchen hatte sie im Keller; durch ein Loch im Lichtschacht richteten wir ihr einen Katzendurchstieg ein. Und Rustel nutzte ihn fleissig, denn im Grunde war sie eine echte Wildkatze, der das freie Umherstreifen ein Bedürfnis war, aber auch die Bequemlichkeit einer für sie sorgenden "Herrschaft" durchaus zu schätzen wusste. Zuweilen kletterte sie im Garten über die Magnolienäste auf das Hausdach unseres Bungalows, sah uns beim Rosenschneiden zu oder genoss einfach nur den weiten Blick. Beim Heruntersteigen musste ich ihr anfangs helfen, denn die Krallen der Katzen sind bekanntlich nach hinten gekrümmt und nur eine geringe Hilfe beim Abwärtsklettern.

So war ich nicht überrascht, als eine Nachbarin, Frau S. , an einem frühen Vormittag bei uns vorbei kam und uns aufgeregt darüber informierte, dass Rustel in der Astgabel eines hohen Baumes sässe, wovon sie sich offensichtlich nicht wieder herunter getraute. Tatsächlich, ich sah sie dort sitzen - eine graugetigerte Katze, leise miauend und mit eingezogenem Schwanz ängstlich auf einem Ast hockend. Ich versuchte sie herunter zu locken, ich klopfte an den Baumstamm, ich hielt ihr sogar ( aus dem Haus geholtes Futter) vor die Nase. Alles vergebens. Rustel fürchtete sich davor abzusteigen, stattdessen sah sie mich unverwandt mit ihren traurig-ängstlichen Augen an.

Inzwischen kamen immer mehr Zuschauer. Die guten, aber zumeist nutzlosen Ratschläge häuften sich, bis einer das Wort "Notruf" fallen liess. Jawohl, das war es! Ich rief umgehend die Nummer 110 an und schilderte einer freundlichen Dame unser Unglück. Sie schien nicht das erste Mal mit einem solchen Notstand konfrontiert zu sein, denn sie sagte nur: "Kein Problem, ich verbinde Sie mit der Feuerwehr." Tatsächlich sagte man mir dort umgehend Hilfe zu; offensichtlich war zu jener Zeit kein Grossbrand zu bekämpfen.

Die Feuerwehr kam, nicht mit tatüü-tataa, aber mit einem riesigen Auto, grellrot angestrichen und mit mit 4 Mann hoch besetzt, in schicken Uniformen. Sie schleppten eine schwere Leiter zum Baum und einer machte sich, geschützt durch einen beeindruckenden Helm, an den Aufstieg. Rustel beobachtet das geschäftige Treiben unter ihr mit intensiven, misstrauischen Blicken, duckte sich in die Astgabel und als der Feuerwehrmann schon nach ihr greifen wollte, sprang sie - zack! - in einen zwei Meter höheren Zweig. Dorthin konnte ihr der Löschexperte nicht folgen, denn seine Leiter war zu kurz.

Leise fluchend machte sich der abgewiesene Helfer an den Abstieg, aber sein Kommandant war nicht in Verlegenheit zu bringen. Per Handy orderte er bei der Zentrale Verstärkung an und schon nach einer knappen Viertelstunde kam ein weiteres rotes Fahrzeug, noch grösser als das erste und ausgestattet mit einer Drehleiter. Rustel ahnte wohl, das es nun zum "show-down" kommen würde, denn sie drückte sich noch enger in das Astgewirr, so, als wollte sie sich klein und unsichtbar machen. Aber diesmal kam der wackere Feuerwehrmann immer näher und als er schliesslich nach ihr greifen wollte, passierte es: statt freudig erlöst zu sein, verspürte Rustel offensichtlich panische Angst und war zum Äussersten bereit. Mit einem gewaltigen Satz hechtete sie kopfüber nach unten, raste dem Baumstamm entlang, fiel auf die Erde, überschlug sich einige Male auf dem, gottlob, weichen Laubboden - und rannte, wie um ihr Leben, in Richtung eines Nachbarhauses.

Der Feuerwehrleute waren trotzdem zufrieden, denn nach ihrem Verständnis war die Katze gesund geborgen, womit der Auftrag erfüllt war. Mit vielen Dankessprüchen meinerseits und einem angemessenem Trinkgeld transportierten sie ihr Equipment wieder zurück in die städtische Branddirektion. Auch die mittlerweile zahlreichen Zuschauer verliefen sich; einige gratulierten mir noch zum glücklichen Ausgang dieses Unternehmens und meiner offenkundig demonstrierten Tierliebe.

Ich blieb äusserlich gelassen, aber innerlich bebte ich. Denn beim Abgang vom Baum hatte ich, trotz der Schnelligkeit, noch den Schwanz der graugetigerten Katze erkennen können und ich war mir sicher, dass er nicht Rustel gehörte, sondern einer Katze aus den Nachbarhäusern, wohin sie auch gestürmt war.

Als ich heimkam lag Rustel friedlich schlummernd in ihrem Körbchen im Keller. Beim Nähertreten wachte sie auf, reckte sich zum Katzenbuckel, streckte den Schwanz in die Höhe - und da war sie wieder, dessen charakteristische Färbung. Mit dem Näschen stupste sie meine Knie, als wollte sie sagen: "Ich bin hungrig, du darfst mir mein Lieblingsgericht bringen,


Hühnchen in Aspik, bitte."

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