Sonntag, 21. Juni 2009

Wildes Quattrocento

Rimini, Teutonengrill an der Adria!
Hundertausende deutscher Urlauber besuchen jedes Jahr diesen Badeort in Mittelitalien. Wenige haben das Verlangen den hundert Meter breiten Sandstreifen zu verlassen, etwa um das Landesinnere zu explorieren. Das ist schade, denn "die Marken" - so heisst diese Region - sind zwar bergig und deshalb mühsam zu durchwandern, aber sie bieten viele historische Sehenswürdigkeiten.

Eine davon, gerade mal 30 Kilometer Luftlinie von Rimini entfernt, ist das Städtchen Urbino. Mit seinen Renaissancebauten ist es einzigartig in Italien und wurde deshalb 1998 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Neben den gerade mal 15.000 Einwohnern beleben während der Semester 24.000 Studenten die Gassen und Plätze der musealen Altstadt. Die schon 1507 gegründete Universität residiert noch heute in den Gebäuden aus der Renaissance.

Urbino erlebte seine Blütezeit unter der Herrschaft des Grafen und späteren Herzogs Federico da Montefeltro, der dort 1422 geboren wurde, also im sogenannten Quattrocento. (Die italienischen Historiker bezeichnen die Zeit der Frührenaissance zwischen 1400 und 1500 als Quattrocento, während man in Deutschland vom 15. Jahrhundert spricht.) In den letzten 20 Lebensjahren hat Federico seine Residenz, eine vormals konventionelle alte Burgfestung, zu einer Palastanlage im Stil der Renaissance umbauen lassen, welche die Bewunderung und sogar den Neid der hochnäsigen Florentiner erregt hat.

Der "Palazzo Ducale" des Herzogs war nicht nur eine Verschönerung der existierenden Burg, sondern eine architektonische Neuerfindung fürstlichen Wohnens. Es war die erste Residenz dieser Epoche, welche mit ihren Räumen die Rangfolge des Hofstaates abbildete. Federico logierte im "piano nobile"; alles, was mit Arbeit zu tun hatte (Küche, Stallungen, Gesinde etc.), war ins Untergeschoss verlegt. Kein anderer Palast in Italien hielt bis dahin ähnlich helle, luftige und harmonisch proportionierte Innenräume bereit. Hinzu kam eine Bibliothek mit wertvollsten Handschriften, welche allein so viel kostete, wie ein Palast in Mailand.

Spätestens hier muss man die Frage stellen, wie der Provinzfürst Federico das alles finanziell stemmen konnte. Die landwirtschaftlichen Erträge und die Steuereinnahmen seiner kleinen Region waren gering. Das Land war übervölkert und viele junge Männer fanden keine Arbeit. Dies jedoch war der Umstand, den der Herzog nutzte: er stellte aus Freiwilligen eine Söldnerarmee auf und bot seine Dienste als "Condottiere", als Söldnerführer an.

Und der angebotene Exportartikel Urbinos - militärische Ressoucen - fand reissenden Absatz. Insbesondere bei den damals fünf grössten Stadtstaaten Italiens, nämlich Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und dem Kirchenstaat Rom - das italienische Pentagramm. Sie waren durch den Orienthandel reich geworden, aber da sie nur schwache Streitkräfte unterhielten, wurden sie immer wieder zum Angriffsziel neidischer Nachbarn und fremder Mächte. Der regierende Adel suchte seine Städte durch Anmieten von Söldnertruppen zu verteidigen, mit denen deshalb eine "condotta" (Söldnervertrag) abgeschlosen wurde.

Federico da Montefeltro war mit seinen Urbanesen und ausländischen Söldnern - welche z. T. sogar aus dem Schwäbischen kamen - der berühmteste Condottiere seiner Zeit. Dazu beigetragen hat sicherlich sein martialisches Aussehen. Bei einem Turnierunfall in früher Jugend glitt die Lanze des Gegners durch Federicos Visier, zerschmetterte sein Nasenbein unterhalb der Stirn und drang in das rechte Auge ein. Er war numehr einäugig (wie Hannibal) und an Stelle der Nasenwurzel war ein "Nichts". Später malte Piero della Franzesca Federico im Profil und machte "die Nase Italiens" zur Berühmtheit. Das Gemälde ist auch heute noch Anziehungspunkt der Uffizien in Florenz.

Die Truppen der Söldnerführer waren für ihre Launen berüchtigt. Sie wechselten oft die Seiten für bessere Bezahlung und dies nicht nur vor, sondern auch in der Schlacht. Der florentinische Geschichtsphilosoph Machiavelli brachte es in seinem Buch "Il Principe"auf den Punkt: "Ist der Condottiere ein fähiger Feldherr, dann wird er zur Gefahr für seinen Auftraggeber; ist er unfähig, dann führt er den Untergang des Fürsten herbei."

Federico war verhältnismässig vertragstreu (insbes. den römischen Päpsten gegenüber), aber er hatte eine Strategie entwickelt, wie er seine Militäreinnahmen verstetigen bzw. maximieren konnte. So suchte er die grosse, blutige Schlacht zu vermeiden - selbst, wenn ihm der Sieg gewiss gewesen wäre. Zum einen, weil er den Verlust von Soldaten, Pferden und Waffen minimieren wollte, zum anderen, weil er den Gegner auch für zukünftige Kriege "brauchte". Seine Kriegsführung zielte nicht auf Vernichtung sondern auf Abnützung und Ermattung der gegnerischen Kräfte. Die Taktik war ein ständigen Hin und Her, ein Lauern, Anschleichen, Täuschen und Hinhalten des Gegners. Ausweichen, scheinbarer Rückzug und dann wieder schnelles Vorstossen gehörte zu den Regeln seiner Kriegsführung. Es war eine Art Katz- und Mausspiel. Dazwischen versuchte er möglichst viele Gefangene zu machen, die er später gegen Lösegeld frei liess. Das gegnerische Land wurde systematisch geplündert. Jeder Kampfeinheit (mit drei Soldaten und einem Reiter) folgte der "saccomano", der Sackträger bzw. der Plünderer, welcher alles zusammen raffte, was ihm irgendwie wertvoll erschien.

Dank der fortwährenden Kriege wurde Federico zu einem reichen, ja schwerreichen Mann. In "guten Jahren", also wenn Kriege geführt wurden und kein Friede herrschte, übertrafen seine Einkünfte bisweilen die Reingewinne der Medici-Banker in Florenz. Garantiert war bei ihm stets die persönliche Auftragsausführung. Selbst als 60-jähriger bei den Ferrara-Kriegen, quälte er sich noch, mit Gicht in den Knochen, auf sein Streitross. Eben nach dem Motto: "Chef kocht selbst." Zu Tode kam er nicht durch Feindeshand, sondern durch Malaria im Jahre 1482.

Aus heutiger Sicht könnte man Federico da Montefeltro & Co. als ein militärisches Wirtschaftsunternehmen beschreiben, spezialisiert auf das leasing von Söldnertruppen und Kriegsgerät. Als wichtigtes Produkt bot die Firma ihrem jeweiligen Kunden (zeitweilige) Sicherheit an. Die Einkünfte, abzüglich der Soldkosten für die Soldaten gingen an Architekten, Maler sowie sonstige Künstler und Handwerker, woraus dann der noch heute zu bestaunende Renaissancepalast in Urbino bei Rimini entstand.

Heute würde man sagen:
Federico betrieb Kultursponsoring!

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