Sonntag, 3. Oktober 2010

Reaktorstörfall beim MZFR

Der Mehrzweckforschungsreaktor (MZFR) war das erste Kernkraftwerk, das Siemens errichtete. Mit seinen 57 Megawatt elektrisch hatte es 1965 eine durchaus ansehnliche Grösse. Der MZFR kostete 200 Millionen Mark und wurde zu 80 Prozent vom Bund und zu 20 Prozent von den Energieversorgern Badenwerk und EVS finanziert. Sein Standort lag am nördlichen Ende des Forschungszentrums Karlsruhe/Leopoldshafen, welches damals Gesellschaft für Kernforschung (GfK) hiess. Für das Management dieses Projekts war eine eigene "Sondergeschäftsführung" bestellt worden.

Der Siemens Mehrzweckforschungsreaktor MZFR im Kernforschungszentrum Karlsruhe

Von der technischen Auslegung her war der MZFR ein Druckwasserreaktor. Als Moderator und Kühlmittel diente Schweres Wasser (D2O), weswegen man den Reaktor mit Natururan, also nichtangereichertem Uran betreiben konnte. Eine weitere Speziakität des MZFR war die Lademaschine, welche es erlaubte, , den Reaktor bei voller Leistung mit Brennelementen zu be- und entladen und die deshalb oberhalb des Reaktortanks positioniert war. Um diese Komponente entwickelte sich in der Frühphase des Betriebs ein Störfall, welcher hohe publizistische Wellen schlug und über den im Folgenden berichtet werden soll.

Lademaschine oberhalb des Reaktortanks

Dieser Betriebsunfall geschah am 2. März 1967, kurz nachdem die Anlage ihre volle Leistung erreicht hatte und vom Kunden übernommen worden war. Während eines Brennelementwechsels bei Vollast hob plötzlich die Lademaschine ab, es kam zum Austritt von etwa 4000 Litern D2O-Dampf, worauf sich diese Komponente wieder auf den Tank absenkte. Sechs Betriebsoperateure, die sich in der Nähe befanden, mussten die Anlage über die Sicherheitsschleuse verlassen, sie wurden jedoch weder verletzt noch verstrahlt.

Was war die Ursache? Nun, das Ladepersonal hatte einen Trick entwickelt, wie man leicht klemmende oder auch schwergängige Brennelemente vom Reaktortank in die Lademaschine bugsieren konnte. Dazu senkten sie den Druck in der Lademaschine kurzzeitig ab wonach das Brennelement aus dem Tank in die Lademaschine "flutschte". ( Im Jargon der Betriebsmannschaft war dies die "Maria-Hilf-Methode"). An diesem Tag hatte sich jedoch unter einem wichtigen Rückschlagventil eine Verschmutzung gebildet, sodass sich ein unzulässiger Druck im Hubzylinder für die Lademaschine ausbildete, der zu ihrem Abheben führte.

Durch eine geringfügige konstruktive Änderung konnte man später Vorfälle dieser Art sicher ausschliessen. Das ausgetretene Schwere Wasser wurde zum grössten Teil aufgefangen, gereinigt und in der Reaktortank zurück befördert. Das war wichtig, denn ein einziger Liter D2O kostete damals auf dem Weltmarkt 600 Mark, entsprechend dem Preis von 20 Litern bestem Whiskey.

Die Information der Öffentlichkeit durch die beiden Sondergeschäftsführer B. und W. war ein Desaster. Sie fand nämlich überhaupt nicht statt. Weder gab es eine Pressekonferenz noch einen Aushang am Schwarzen Brett. Umso heftiger waren die Reaktionen der Zeitungen, als - wohl über Insider - der Vorfall sechs Wochen später dann doch publik wurde. Nun rückten die Verantwortlichen mit der Wahrheit heraus, deklarierten ihre Pressemitteilung aber - man glaubt es kaum - als "Gegendarstellung" in der sie ihrerseits die Medien kritisierten. Dieser unprofessionelle Umgang mit der Öffentlichkeit hat in der Folge dazu beigetragen, dass die grossen Reaktorprojekte Whyl und Breisach unter Beschuss gerieten und aufgegeben werden mussten.

Erstaunlich aber wahr ist, dass der MZFR fortan , bis zu seiner endgültigen Abschaltung im Jahr 1984, wie ein Uhrwerk lief. Es gab keine weiteren Störfälle, im Gegenteil, die Brennelemente, Dampferzeuger und Tanksysteme arbeiteten nahezu perfekt. In den letzten sechs jahren trug der MZFR sogar zur Heizung des Kernforschungszentrums bei, indem man 4 MWe auskoppelte und damit zum ersten Mal die Wärme-Kraft-Kopplung an einem deutschen Kernkraftwerk verwirklichte.

Initiator dieses Unternehmens war - das sei nicht verschwiegen - der Karlsruher Professor Otto Hagena.

Kommentare:

  1. Nicht verschwiegen werden sollte, daß schon im 2. Halbjahr 1974 ( also vor Prof. Hagena ) der Vorstandsreferent des damaligen stv. Vorstandsvorsitzenden, Dr. Bode ( von Haus aus Jurist ), den Vorschlag gemacht hatte. Er wurde damals von den Fachleuten abgelehnt.Bode wurdew später Generalsekretär des DAAD.

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  2. Hallo

    Bin in Linkenheim aufgewachsen und kann mich an einige komische sachen in Bezug auf den Komplex erinnern. Anfang der 80iger jahre waren einige Vorfälle und dem Angelverein wurden Gewässer abgekauft/ oder die Nutzungsrechte. Es gab schreiben das in diesen Gewässern das Fischen nicht mehr erlaubt ist. Der bach der aus dem Kerforschungszentrum Richtung Füßballplätze floß war von einem zum anderen Tag Tot, inclusive Uferbewuchs. Die Pfinz war auch öfters mal im gespräch. Und jemand der der radioaktives zeug nach rußland schaffen sollte hat es bei uns hinterm Haus auf der wilden Mülldeponie entsorgt.

    bei 400 DM pro Qm für den Baugrund und massiven Geldspenden an alle Wichtigen" guckten alle weg.

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