Samstag, 9. Juli 2011

Panik statt Politik

Der 30. Juni 2011 wird in die Geschichte Deutschlands eingehen. An diesem Donnerstag beschloss der deutsche Bundestag mit einem Donnerschlag den Ausstieg aus der Kernenergie. Sieben weitere Gesetze sollen im wesentlichen den Ausbau der Erneuerbaren Energien und den Zubau der Höchstspannungsnetze sicherstellen. Fünf Abgeordnete der Union und zwei der FDP votierten gegen dieses Gesetzeswerk, acht enthielten sich der Stimme; die Übrigen konnte Merkel - quasi am Nasenring - zur Zustimmung bewegen. Acht Kernkraftwerke sollen sofort abgeschaltet werden, die restlichen neun in mehreren Schritten bis zum Jahr 2022. In den nächsten zehn Jahren soll der Ökostromanteil von derzeit 18 Prozent auf 35 Prozent ansteigen.


Schrittweiser Ausstieg aus der Kernenergie (BMU,FAZ)

Die Bundeskanzlerin war offensichtlich von Panik getrieben, als sie am 15. März, also vier Tage nach Eintritt der Störfälle im japanischen Fukushima, das sogenannte Moratorium für acht deutsche Kernkraftwerke verfügte. Rat hat sie wohl nur in ihrem engeren Umkreis, dem berüchtigten Küchenkabinett gesucht. Die Fachleute hätten ihr sagen können, dass Reaktoren des japanischen Typs in Deutschland - ohne Wasserstoffrekombinatoren und mit begrenzter Notkühlkapazität - überhaupt nicht existieren, ganz abgesehen davon, dass es Tsunamis hierzulande nicht gibt. Die Reaktorsicherheitskommission lieferte später auch keine Argumente zur Stilllegung deutscher Kernkraftwerke nach, sieht man davon ab, dass terroristische Angriffe mit schweren Verkehrsflugzeugen möglich sind. Aber das gilt in gleichem Masse für die Phosgen- und Chlorbehälter der chemischen Industrie. Die Argumentation für die Energiewende servierte allein die Ethikkommision, wobei sich der Kardinal Marx besonders hervortat, indem er in einem Interview erklärte: "Kernenergie ist Teufelszeug". Basta!

Die Risiken der Energiewende

Mit dem abrupten Ausstieg aus der Kernenergie hat Merkel einen der grössten Richtungswechsel in der deutschen Volkswirtschaft veranlasst. Es ist gewissermassen eine "Operation am offenem Herzen", denn Energiepolitik ist hochkomplex. Und sie hat keine breite Diskussion zugelassen; sondern das o. g. Gesetzespaket wurde in wenigen Tagen durch den Bundestag gepeitscht. Kein Parteitag hat sich vorher damit befasst, obwohl dies sonst bei weit weniger wichtigen Themen üblich ist. Kein Wunder, dass sich sogar der Bundespräsident Christian Wulff zu diesem Verfahren sehr kritisch geäussert hat. Die zentralen Fragen der Grundlastfähigkeit, der Netzstabilität, der Kosten und der grenzüberschreitenden Folgen der Energiewende konnten, schon aus Zeitgründen, öffentlich kaum diskutiert werden.


Die Bruttostromerzeugung 2010 in Prozent (links),
die Brutto-Grundlaststromerzeugung 2010 in Prozent (rechts)   /atw/

Die bisherige Energiepolitik, charakterisiert durch Versorgungssicherheit, geringem Landschaftverbrauch, akzeptable Verbraucherpreise und Unabhängigkeit vom Ausland wurde holterdiepolter aufgegeben.. Stattdessen wurde der beschleunigte Einstieg in die erneuerbaren Energien, vorallem die Windenergie, verfügt -aber ohne ihr inhärentes Problem der mangelnden Grundlastfähigkeit zu lösen. Wind und Sonne stehen eben nicht 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Zur Speicherung wäre der Neubau vom ca. zwei Dutzend Pumpspeicherkraftwerken erforderlich, jedes vom Kaliber des Walchenseekraftwerks. Und der Zubau von 4.000 Kilometern Höchstspannungstrassen. Wie das im Zeitalter der verstärkten Bürgerrechte -  siehe Stuttgart 21 - realisiert werden soll, steht in den Sternen.

Durch das Moratorium fallen ca. 8.800 Megawatt Atomstrom weg, die der Kategorie Grundlast angehören. Es war geplant, sie in den nächsten Jahren durch 10.600 Megawatt Stromleistung aus Stein- und Braunkohlekraftwerken zu ersetzen. Diese Einheiten sind bereits im Bau bzw. fertiggestellt. Leider können sie aber nicht in Betrieb genommen werden, da der für die Dampfkessel verwendete Stahl des Typs T 24  fehlerhaft ist und zu Rissen neigt. Es wird hier also auf alle Fälle zu erheblichen Verzögerungen kommen.

Die Netzstabilität ist ein weiteres ungelöstes Problem. Stromerzeugung und Stromverbrauch müssen zu allen Zeiten ausgeglichen sein. Das Netz stabil zu halten wird aber nicht gelingen, wenn man zur dezentralen Stomversorgung mit Hunderten von Stadtwerken zurück geht. Sie sollen letztendlich die Verantwortung dafür übernehmen, dass es keine Blackouts und Brownouts gibt.  Die technischen Mitarbeiter der Stadtwerke mögen guten Willens sein, aber verfügen sie auch über die intimem Kenntnisse der Hochspannungstechnik?

Strom muss aber nicht nur mengenmässig zur Verfügung stehen, sondern auch zu wirtschaftlichen Preisen um vorallem die deutsche Industrie konkurrenzfähig zu halten. Und da hapert es. Seit März 2011 ist der Strompreis an der Leipziger Börse um satte zehn Prozent gestiegen; die Zusatzkosten bei der Einführung der erneuerbaren Energien veranschlagen Experten mit drei bis fünf Cent pro Kilowattstunde. Das ist eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass der Strom aus (abgeschriebenen) Atomkraftwerken der Industrie für zwei Cent pro kwh zur Verfügung stand. Der Energiekommissar Günter Öttinger in Brüssel hat deshalb bereits vor einer "schleichenden De-Industrialisierung" in Deutschland gewarnt, wobei er insbesondere auf die Branchen Chemie, Zement, Stahl/Alu und Auto verwies.

Wenn der deutsche Atomstrom vorzugsweise durch Kohlestrom ersetzt wird, dann wird es Frau Merkel schwer haben, sich bei künftigen internationalen Konferenzen weiterhin als "Klimakanzlerin" zu gerieren. Ein erhöhter Ausstoss an CO2 ist unweigerlich - sofern man nicht die Importe aus den Atomstandorten Cattenom und Temelin verstärken will. Aber vielleicht sind diese Ziele auch nicht mehr so wichtig. Seit dreizehn Jahren fallen weltweit die Temperaturen und es scheint fast so, als gingen wir einer neuen (hoffentlich nur kleinen) Eiszeit entgegen. Auch an das Ansteigen des Meeresspiegels glaubt nur noch das auf Katastrophen geeichte Potsdam-Institut. Trocken gefallenene Korallenriffs in der Karibik sind da beweiskräftiger.

Die Top Ten

Statt emotional zu reagieren - und zu regieren! - ist es zuweilen empfehlenswert sich an Fakten und Zahlen zu halten. Eine aufschlussreiche Liste ist die alljährlich veröffentlichte Zusammenstellung der Betriebsergebnisse der Kernkraftwerke weltweit. Die 440 Kernkraftwerke werden darin sortiert nach ihrer Stromerzeugung im jeweils vergangenen Jahr.

Top Ten der Stromerzeugung 2010 weltweit   /atw/

Diese Liste für das Jahr 2010 lag bereits vor, als die Frau Bundeskanzlerin ihre Entscheidung zum Ausstieg aus der Kernenergie traf. Sie hätte daraus ersehen können, dass die deutschen Kernkraftwerke im globalen Massstab hervorragend platziert sind. Von den zehn Atomkraftwerken, die weltweit im vorigen Jahr 2010 die höchste Strommenge produziert haben, stammen nicht weniger als fünf aus Deutschland, allesamt gebaut von Siemens. Fünf deutsche KKW in den Top Ten! Eines davon, das KKW Unterweser, nimmt in dieser Liste noch einen beachtlichen neunten Platz ein, mit einer Stromerzeugung vom elf Milliarden Megawattstunden.

Das alles hat Frau Merkel nicht davon abgehalten, auch das Kernkraftwerk Unterweser den "Schrottreaktoren" zuzurechnen und seine sofortige Abschaltung zu verfügen.

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