Freitag, 27. Februar 2015

Händelopern, Kastraten und Countertenöre

Immer wenn der Winter bricht, so um die Mitte des Monats Februar, arrangiert das Badische Staatstheater in Karlsruhe seine dreiwöchigen Händelfestspiele. Und das seit nunmehr 30 Jahren. Da der Sachse - und spätere Londoner - Georg Friedrich Händel nicht nur 25 Oratorien, darunter den "Messias" mit dem hinreißenden "Halleluja" geschrieben hat, sondern auch 42 Opern im barocken Stil, kann diese Festspielsession noch eine Weile andauern.

Besonders entzückt sind die Karlsruher Damen von den immer reichhaltig auftretenden Countertenören, die mit einer speziellen Kopfstimmentechnik ihre Partien in der Alt-oder sogar in der Sopranlage singen. Dieses Jahr sind gleich fünf dieser weltbekannten Künstler angereist, welche die Hauptrollen in den beiden Opern "Teseo" und Riccardo Primo" singen.

Die regionale Zeitung BNN schwärmt besonders von dem Countertenor Valer Sabadus, der in der Oper Teseo, nur zum zarten Hauch eines Cembalos, die Arie Quanto che a me sian care wunderbar gesungen hat. "Ein androgyner Gesang von großer erotischer Wirkung", bekennt die Rezensentin jener Zeitung, " der in süßen weiblichen Höhen nuancenreich durchfühlte Melodien in Töne gießt".

Wer will da noch mehr?

Der Gesang der Kastraten

Wie überirdisch müssen die Barockopern erst geklungen haben, wenn sie von wirklichen Kastraten gesungen wurden? Viele Arien hat Händel (und auch Gluck) speziell für diese Sangeskünstler geschrieben. Dabei bezeichnet man Kastraten als solche Sänger, die vor ihrer Pubertät der Kastration unterzogen wurden, um den Stimmwechsel zu verhindern und um damit die Knabenstimme (Alt oder Sopran) auch im Mannesalter zu erhalten. Der junge Mensch erreichte später zwar die Länge eines Erwachsenen, behielt aber seine hohe Stimme bei und konnte mit ihr so kräftig singen wie ein nicht kastrierter Mann.

In Bologna und Neapel gab es im 17. Jahrhundert viele Mediziner (sprich Bader bzw. Tierkastrierer), die Knaben vor der Pubertät die Hoden "wegoperierten" - manchmal auch das Glied - und sie damit entmannten. Wegen der dann fehlenden Hormone blieb der Kehlkopf und die Stimmbandritze im Wachstum zurück und verhärtete sich nicht. Die Stimmlage eines Kastraten ist in etwa gleichzusetzen mit der einer Frau. Der Stimmumfang schwankt zwischen zwei und drei Oktaven im Tongebiet vom d bis zum dreigestrichenen f. Weil das Hormon Testosteron fehlte, entwickelte sich der Brustkorb der Kastraten übermäßig groß, was ihrer Stimme enorme Ausdauer und Atemlänge verlieh. Kaum verwunderlich ist, dass wegen der primitiven Hygienesituation im Mittelalter, viele der unglücklichen Knaben noch während der Operation an Blutverlust starben oder später als bedauerliche Krüppel dahinvegetierten.



Abb.: Tonhöhen der verschiedenen Stimmlagen
(zum Vergrössern anklicken)

Viele Kastraten waren im Umfeld der katholischen Kirche tätig, denn dort galt noch immer das Verbot aus der Bibel: "Mater taceat in Ecclesia" ( Die Frau schweige in der Kirche). Die sixtinische Kapelle, als Hauskapelle der Päpste, hatte einen besonders hohen Bedarf an guten Sängern, sodass sie sogar eine Art Vorschule gründete, die Capella Giulia. Papst Clemens VIII gab dazu seinen Segen indem er ein Breve erließ und die Kastration zur Ehre Gottes legitimierte. Der letzte Kastrat der Sixtina war Alessandro Moreschi, der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1913 dort gesungen hat und von dem es sogar einige frühe Schallplattenaufnahmen gibt.

Im europäischen Musikleben des Barock genossen die Kastraten hohes Ansehen. Sänger wie Senesino oder Farinelli (über den es sogar einen Film gibt) waren die Popstars ihrer Epoche. Die Nummer 1 auf der Bühne war damals nicht die Primadonna, sondern der "primo uomo", dessen Stimme den Italienern der Inbegriff ewiger göttlicher Jugend war. Die vorwiegend adelige und reiche Gesellschaft überschüttete die Kastraten mit Geld und Edelsteinen und erging sich in Rufe wie Eviva el coltello (Es lebe das Messerchen). Kein Wunder, dass sich zu dieser Zeit in Italien jährlich mehr als 4.000 junge Menschen kastrieren ließen - in Erwartung solchen Ruhms. Leider wurden die allermeisten nur verstümmelt, ohne, dass sie an Sangeskunst hinzugewannen.

Die modernen Countertenöre

Die Nachfahren der ehemaligen Kastratensänger sind in der Neuzeit die Countertenöre. Bei ihnen ist - so viel sei den weiblichen Fans zugesichert - medizinisch und körperlich "noch alles dran". Countertenöre (von italienisch Controtenore) sind Sänger, die mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimme bzw. durch Falsett-Technik in der Alt- oder Sopranlage singen. Der Countertenor ist aber nicht mit einer Kastratenstimme gleichzusetzen, weder im Klang noch im Stimmumfang kommt er ihr gleich.

Als "natürlich" gilt die Modallage der menschlichen Stimme, nämlich die Bruststimme. Bei Countertenören wird demgegenüber zwischen Falsett- und Kopfstimme unterschieden. Falsett bedeutet einen künstlichen Gesang in hohen Lagen ("Fistelstimme"). Er wird von Männern ausgeführt, die zudem noch ihre natürliche Bass- oder Tenorstimme besitzen. Der Kastrat hingegen hat nur eine hohe Gesangslage. Die Falsettstimme hat ihre Bezeichnung aus dem Italienischen falso=falsch. Der Begriff falsetto ist eine Verkleinerungsform und bedeutet so viel wie "kleine, falsche Stimme". Mit ihr ist kein Vibrato oder Crescendo möglich. Trotzdem ist diese Stimme natürlich in dem Sinne, dass sie (fast) von jedem Menschen praktiziert werden kann.

 Die trainierte Kopfstimme klingt hingegen wesentlich natürlicher, ist aber in dem Sinne "künstlich", als sie das Ergebnis von langer Übung ist. Sie ist nicht Teil der natürlichen Stimmfähigkeit, also nicht für jeden Sänger verfügbar. Etwa so, wie ein Mensch von Natur aus nicht rechnen kann, aber im allgemeinen die Fähigkeit besitzt, es zu lernen.

Ein Nachteil der Countertenöre ist, dass sie häufig recht "kleine" Stimmen haben und ihre Stimmführung nicht immer "schön" ist. Jedenfalls kein Vergleich mit einem Mezzo-Sopran oder einer Altistin, die hinsichtlich Fülle der Stimme und Technik den meisten Countertenören überlegen sind. Man denke nur an die unvergleichliche Cecilia Bartoli.

Vielleicht sollte man auch in Händelopern nicht immer nur Countertenöre einsetzen, sondern gelegentlich mal Frauen in Hosenrollen besetzen. Wie es bei der "Fledermaus" der Fall ist, wo der Prinz Orlowsky im 2. Akt fast immer von einer Sängerin dargestellt wird: Ich lade gern mir Gäste ein...






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