Sonntag, 17. Juli 2016

Die Schlacht bei Königgrätz


Am 3. Juli 2016 war ein bedeutsamer Gedenktag, der von den deutschen Medien aber nur am Rande gewürdigt wurde - und von den österreichischen praktisch überhaupt nicht. Für letzteres gibt es Gründe, denn am 3. Juli 1866, also vor genau 150 Jahren, wurden bei Königgrätz die österreichisch-habsburger Truppen von der preußischen Armee vernichtend geschlagen. Dieser Sieg der Preußen ebnete den politischen Weg zur sogenannten kleindeutschen Lösung des künftigen Deutschen Reiches unter der Führung des Hauses Hohenzollern. Die von den Habsburgern angestrebte großdeutsche Lösung wurde erst 1938 realisiert und war zum Glück nur von kurzer Dauer.




Wilhelm I. trifft während der Schlacht auf den preußischen Kronprinzen



Nach den Napoleonischen Kriegen und auf den Trümmer des Heiligen Römischen Reiches war auf dem Wiener Kongress 1815 der Deutsche Bund  als loser deutscher Staatenverband hervorgegangen. Er wurde dirigiert durch eine instabile duale Hegemonie zwischen Habsburg und Preußen. Das katholische dominierte Österreich und das protestantische Preußen zogen jedoch in verschiedene Richtungen und nach dem gemeinsam gewonnenen Krieg gegen Dänemark 1864 brachen die Gegensätze offen aus. Auf Seiten Österreichs standen u. a. die Mittelmächte Bayern, Hannover, Sachsen, Baden und Württemberg, auf preußischer Seite die thüringischen Kleinstaaten und die meisten norddeutschen Länder; außerdem Italien, dem Bismarck, im Falle eines Sieges über Österreich, die Provinz Venetien zugesprochen hatte.


Der Bruderkampf

Es mag verwundern, dass bei der Schlacht von Königgrätz die damaligen Großmächte Frankreich, Russland und England Neutralität übten - im Gegensatz zur sogenannten Völkerschlacht gut fünfzig Jahre vorher. Dies war vor allem dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck zu verdanken. Er brachte das diplomatische Kunststück fertig, die genannten Staaten "ruhig zu stellen", indem er den sich offenkundig anbahnenden Krieg als einen "Familienstreit" darzustellen vermochte. Allgemein gingen die genannten Großmächte von einem Sieg der Österreicher aus; das Zurückstutzen der Newcomer-Großmacht Preußen lag genau in ihrem Interesse.

Am 3. Juli 1866 kam es zur entscheidenden Schlacht bei Königgrätz in Böhmen. Auf einem Gelände von nur zehn Kilometern Breite und fünf Kilometern Tiefe standen sich zwei Heere von je ca. 200.000 Soldaten gegenüber. Die preußische Militärmacht wurde von Generalstabschef Helmut von Moltke geführt, die Habsburger Truppen vom Feldzeugmeister Ludwig von Benedek. Über 17 Stunden hinweg lieferten sich die Soldaten einen erbitterten Kampf entlang einer Frontlinie, die zwischen der Festung Königgrätz und dem böhmischen Dorf Sadowa verlief. (In Frankreich wird die Schlacht deshalb auch nach dem Ort Sadowa benannt, wo sie als eigene Niederlage wahrgenommen wurde und in der Folge den Ruf nach Revanche pour Sadowa aufkommen ließ).

Mehrmals gerieten die preußischen Truppen in Bedrängnis, aus der sie sich aber immer wieder befreien konnten. Als am Nachmittag die Einkesselung der gesamten österreichischen Armeen - mit der Elbe im Rücken - drohte, gab General Benedek den Befehl zum Rückzug. Die Verluste der Habsburger an Menschen und Material waren drei Mal so hoch wie die der Preußen und ihre Niederlage war offenkundig. Beim Friedensvertrag in Prag musste Österreich 40 Millionen Taler als Kriegsentschädigung zahlen. Preußen war damit finanziell saniert und ab jetzt die Nr.1 im Deutschen Bund.


Gründe für den Ausgang der Schlacht

Wie konnte es geschehen, dass Preußen diese Schlacht gegen Österreich - einem allseits als überlegen eingeschätzten Gegner - so klar gewinnen konnte? Nun, die Militärhistoriker geben dafür vor allem drei Gründe an, nämlich: die Nutzung der Eisenbahn, des Zündnadelgewehrs und der Telegrafie. General Moltke verwendete die damals gerade aufgekommene Eisenbahn, um sein 200.000-Mann-Heer, unterteilt in kleine Einheiten, schnell an die Kampfstätten zu befördern. Über die wenigen, schlecht ausgebauten Straßen, hätte dies viel länger gedauert. Einen bösen Streich spielten ihm jedoch die mit Österreich verbandelten sächsischen Lokomotivführer; sie verbrachten eine große Zahl ihrer Loks ins (heute) tschechische Eger, wo sie dem Zugriff der Preußen entzogen waren. Trotzdem: Moltkes innovatives Logistikkonzept war letztlich erfolgreich. In kleinen Einheiten trafen die preußischen Soldaten ausgeruht in Königgrätz ein und wurden dort rechtzeitig vor der Schlacht zu Bataillonen und Divisionen zusammengestellt. Getrennt marschieren, vereint schlagen, war das Motto für dieses Vorgehen.

Mit kriegsentscheidend war auch das preußische Zündnadelgewehr. Bei ihm wurde eine pulvergefüllte Patrone in eine Metallkammer geladen und durch einen Schlag des "Hammers" (wegen seiner länglichen Form auch "Zündnadel" genannt) zur Zündung gebracht. Der Vorteil lag darin, dass dieser Hinterlader im Liegen bedient und bis zu sieben Mal in der Minute abgefeuert werden konnte. Mit dem österreichischem Vorderlader, der stehend und ungeschützt geladen werden musste, waren nur zwei Schuss pro Minute möglich. Den Österreichern war diese neue Technik ihrer Gegner zwar bekannt, aber nach ihrer Meinung "so schnell schießen die Preußen nicht" , glaubte sie nicht an deren Überlegenheit. Im Gegenteil: sie vertrauten bei den damals üblichen Mann-gegen-Mann-Kämpfen noch weitgehend auf ihre "Stoßtechnik". Dabei stürmten die Infanteristen mit aufgepflanzten Bajonetten auf die Gegner zu und versuchten sie abzustechen. Diese Massaker funktionierten bei Königgrätz nicht mehr, weil die Österreicher preußischen Gewehrschützen gegenüber standen, die sie nicht in Bajonettnähe kommen ließen.

Ebenfalls technisch überlegen waren die Preußen bei der militärischen Kommunikation. Die früher üblichen Meldereiter waren bereits weitgehend durch Telegrafen ersetzt, was eine viel schnellere und präzisere Führung der Truppen ermöglichte. Demgegenüber bestand das Heer der Habsburger aus zahlreichen Polen, Ukrainern, Rumänen und Venetiern, welche häufig die Kommandosprache der österreichischen Offiziere nicht verstehen konnten. Deshalb wurden die Anweisungen zumeist "pantomimisch" erteilt, also durch Armbewegungen, die aber in der Dämmerung oder im Gebüsch oft nicht erkennbar waren. Die planmäßige Führung der Kampfeinheiten war dadurch kaum möglich, jeder machte was er wollte und es gab haufenweise Deserteure.


Ausblick

 Mit dem preußischen Sieg von 1866 ging die lange Geschichte des preußisch-österreichischen Zweikampfes um die Hegemonie über die deutschen Staaten zu Ende. Preußen herrschte nun über ein zusammenhängendes Territorium, das von Frankreich und Belgien im Westen bis nach Russland-Litauen im Osten reichte. Preußen stellte auch vier Fünftel der Bevölkerung des neugegründeten "Norddeutschen Bundes", dem alle 23 norddeutschen Länder angehörten und der seinen Sitz in Berlin hatte. Den süddeutschen Ländern  Baden, Württemberg und Bayern blieb zwar die Annexion erspart, aber sie mussten Bündnisverträge abschließen.

In Frankreich wurde die Expansion Preußens mit Misstrauen beäugt und man bereitete sich dort auf einen Waffengang vor. Nach einer diplomatischen Ungeschicklichkeit von Napoleon III ("Emser Depesche") erklärte Frankreich im Juli 1870 Preußen den Krieg. In der Schlacht von Sedan am 2. September 1870 wurde die französische Armee geschlagen und Napoleon gefangen genommen. Am 18. Januar proklamierte Preußen im Spiegelsaal von Versailles das Neue Deutsche Reich mit der Krönung von Wilhelm I als Deutschen Kaiser.

Über Jahrhunderte hinweg war die deutsche Mitte politisch zersplittert und schwach gewesen. Durch zwei Kriege innerhalb von fünf Jahren war - zum ersten mal in der Geschichte - diese Mitte vereint und stark. Doch das sollte nur kurze Zeit dauern, denn nach zwei desaströsen Weltkriegen verlor Deutschland wieder diese Position. In den Ersten Weltkrieg stolperte Deutschland noch hinein ("Attentat von Sarajewo"); den Zweiten Weltkrieg begann Hitler mit dem Einmarsch in Polen ("Ab 4 Uhr wird zurück geschossen") und wurde vernichtend geschlagen. All diese Ereignisse vollzogen sich innerhalb von nur 79 Jahren  (1866 bis 1945).

Wir schreiben jetzt das Jahr 2016. Seit 1945 ist eine ähnliche Zeitspanne vergangen, nämlich 71 Jahre. In dieser Zeit hat Deutschland auf eigenem Boden keinen weiteren Krieg erlebt, sondern erholte sich wirtschaftlich und wurde zu einem geachteten Mitglied der Völkergemeinschaft.
Wir haben, trotz mancher Problemchen, allen Grund zu Dankbarkeit und Zufriedenheit.

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