Sonntag, 30. Oktober 2016

Was KIT von RWE und E.ON lernen kann.

Am KIT rumort es.

Die Mitarbeiter sind unzufrieden mit der Führung des Unternehmens. Seit Wochen berichtet die örtliche Presse BNN in großen Schlagzeilen darüber. Vor kurzem kam es deshalb zu einer einzigartigen Demonstration: etwa zwei Dutzend Mitarbeiter, unter der Führung des Personalrats, stürmte in eine Sitzung des Präsidiums und verlas dort eine geharnischte Erklärung über die angebliche Verletzung der Mitbestimmungsrechte bei der geplanten Umorganisation der Dienstleistungseinheiten. Gleichzeitig wurde eine Klage vor dem Arbeitsgericht angekündigt.

Das zeigt deutlich, dass die vor mehr als zehn Jahren vollzogene Verschmelzung des ehemaligen Forschungszentrums (FZK) mit der Technischen Universität (TU) zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) nicht gelungen ist. Der Grund liegt darin, dass die beiden Fusionspartner von der Struktur und der Aufgabenstellung her fundamental unterschiedlich sind, sodass die im April 2006 von den damaligen Chefs Popp und Hippler weitgehend erzwungene Vereinigung nicht gelingen konnte. Mit KIT ist kein unternehmerischer Mehrwert sondern nur eine permanente Belastung der Mitarbeiter durch eine mehr und mehr überbordende Bürokratie entstanden.

Man sollte deshalb - so schrecklich es für manchen klingen mag - die beiden ungleichen Partner wieder trennen und verselbstständigen. Die vertrauensvolle Kooperation zwischen FZK und TU sollte beibehalten werden, wie sie vorher schon fünfzig Jahre lang bestanden und gut funktioniert hat.

Das Separieren der Fusionspartner mag als eine gigantische Aufgabe erscheinen. Das ist aber nicht der Fall. Am Beispiel der beiden DAX-Unternehmen RWE und E.ON, die kürzlich ( in viel höherem Maßstab) eine Aufspaltung ihrer Firmen - erfolgreich(!) - vollzogen haben, soll dies dargestellt werden.


RWE und E.ON spalten sich auf

Für die beiden größten deutschen Energie- und Stromversorger, nämlich RWE und E.ON sah es noch vor einem Jahr düster aus. Das altehrwürdige RWE stand vor dem finanziellen Abgrund: der Aktienkurs war seit der Energiewende im Jahr 2011 von 55 auf 10 abgestürzt. Die Essener konnten nicht mehr als "Witwen- und Waisen-Papier" empfohlen werden. -- Ähnlich erging es E.ON. Deutschlands größter Energiekonzern hatte im gleichen Zeitraum 60 Prozent seines Börsenwerts verloren. Der Aktienkurs war von 25 auf 7 gefallen. Beiden Unternehmen drohte die Insolvenz.

In dieser höchsten Gefahr beschlossen die beiden Konzernchefs Johannes Teyssen (E.ON) und Peter Terium (RWE) ihre Unternehmen für die Investoren, also die potentiellen Aktienkäufer, transparent und attraktiv zu machen - und zwar durch geschickte Aufspaltung der Altfirmen. E.ON gliederte das Geschäft mit dem fossilen Kraftwerken in die neue Firma Uniper aus und beließ in der Mutterfirma den Ökostrom, den Netzbetrieb und die Atomkraftwerke. Der Konkurrent RWE gründete die Tochtergesellschaft Innogy, welche u. a. die Neuen Energien betreute.

Die Aufteilung der Unternehmen war ein voller Erfolg. Die "grüne" RWE-Tochter Innogy reüssierte glänzend an der Börse und ist inzwischen 20 Milliarden Euro wert - natürlich vor allem, weil sie den sicher subventionierten Sonnen-und Windstrom vertreibt. ( Zum Vergleich: RWE-alt kommt nur auf einen Börsenwert von 8,5 Milliarden). Ähnlich ist es bei E.ON, wo die teuren Erneuerbaren Energien bei der Alt-Firma verbleiben. Aber auch die abgespaltene Tochter Uniper profitiert davon, da sie zukünftig bei herbstlicher Sonnen- und Windflaute sogenannte "Engpasspreise" verlangen darf.


Die Möglichkeiten des KIT-Gesetzes

Die Aufspaltung von RWE und E.ON in vier, nun erfolgreiche, Firmen innerhalb von weniger als zwei Jahren ist eine Meisterleistung der daran beteiligten Manager und Juristen. Immerhin handelte es sich um riesige Unternehmen mit je ca. hundert Milliarden Euro Jahresumsatz, die geschickt aufgeteilt werden mussten, sodass daraus profitable Entitäten entstehen konnten. Bei den Vermögensteilen, die neuen Eigentümern anzugliedern waren, handelte es sich unter anderem um milliardenteure Kernkraftwerke und jeweils ca. 50.000 Mitarbeiter mussten mit neuen Anstellungsverträgen ausgestattet werden.

Damit verglichen wäre die oben angesprochene Trennung des KIT in die ursprünglichen Partner Forschungszentrum (FZK) und Technische Universität (TU) fast nur ein Klacks, der innerhalb eines Jahres zu bewerkstelligen wäre - sofern die beteiligten Politiker zustimmen würden. Dafür müsste lediglich das sogenannte KIT-Gesetz geändert bzw. aufgehoben werden, ein Gesetz des Landes Baden-Württemberg, welches seit 25. Juli 2009 gültig ist. Es regelt die Zusammenarbeit der TU Karlsruhe mit der Großforschungseinrichtung FZK. Beide Organisationen wären dann - wie früher - wieder selbstständig, dürften jedoch punktuell im Forschungsbereich kooperieren.



Das ehemalige Forschungszentrum Karlsruhe
(Der Hardtwald kommt bedrohlich näher)

Von einer Auftrennung könnte man erwarten, dass FZK und TU wieder in "ruhiges Fahrwasser" gelangen würden. Das war während der vergangenen zehn Jahre KIT nicht der Fall. Allein schon die lange Strecke der amtierenden KIT-Chefs während einer einzigen Dekade - Popp, Hippler, Maschuw, Umbach, Hanselka - ist dafür Beweis genug. Und, dass kürzlich der Präsident Hanselka sogar in einem persönlichen Rundschreiben (Nr. 23/2016) am Schwarzen Brett von internen gegensätzlichen Diskussionen bei der Vertragsverlängerung eines Vizepräsidenten (Dr. Breuer) berichten musste, lässt tief blicken.


Was macht das KIT mit seinem vielen Geld?

Das KIT erscheint finanziell opulent ausgestattet. Jedes Jahr fließt fast eine Milliarde Euro in diese Institution, gespeist aus Mitteln des Bundes, des Landes und aus Drittmitteln. Im Jahr 2015 waren es, präzise zitiert, insgesamt 860,8 Millionen Euro, wovon 428,4 Mio an den Universitätsbereich und 432,4 Mio an den Großforschungsbereich gingen. Was macht das KIT mit dem vielen Geld? Einigermaßen transparent ist, von außen gesehen, nur der Bereich der Uni. Dort werden ca. 25.000 Studenten ausgebildet, die von etwa 400 Professoren betreut werden.

Schwierig ist der Durchblick  beim sogenannten Großforschungsbereich, dem ehemaligen Forschungszentrum. Dort soll nach dem KIT-Gesetz Großforschung betrieben werden, wobei unter § 2 deutlich der Aufbau von Forschungsanlagen gefordert wird. Aber wo sind diese? Sicherlich, es existieren im FZK die Großprojekte "Katrin" und "bioliq" sowie "Anka"- aber diese wurden längst vor der Gründung des KIT aufgebaut. Inzwischen sind die beiden Erstgenannten zeitlich um ein Jahrzehnt verzögert und die Strahlenquelle Anka wurde (angeblich aus Budgetgründen) im vorigen Jahr drastisch dezimiert. Neue, auch äußerlich sichtbare Großprojekte scheinen nicht hinzugekommen zu sein. Jedenfalls nicht von jenem Kaliber, welche kürzlich im Mitarbeitermagazin "Dialog 3. 2016" auf gruselige Weise abgebildet wurden. (Hat VP Breuer bereits die Photoredaktion wegrationalisiert?). Die dort gezeigten fünf großen Forschungsanlagen waren weltweit bekannt. Von den Mitarbeitern des früheren Kernforschungszentrum wurden sie für weniger als 900 Millionen DM errichtet. Das ist - fiktiv gerechnet - ziemlich genau ein Jahresetat des gegenwärtigen Großforschungsbereich.
Wo bleiben die äquivalenten KIT - "Leuchttürme"? 
Where is the beef, Professor Hanselka?

Ungeachtet der Gesamtverantwortung des KIT-Chefs H., gibt es aber noch zwei Vizepräsidenten, in deren Ressort der Aufbau von neuen Forschungsanlagen direkt fällt. Dies sind die Professoren Oliver Kraft und Thomas Hirth, einschließlich der ihnen zugeordneten Bereichsleiter. Gewiss, die Erstgenannten sind erst seit Jahresbeginn im Amt, aber die 100-Tage-Frist ist längst abgelaufen. Bis dato hört man aus ihrem Umfeld nichts zur Planung neuer Großprojekte.

Stattdessen wird in den Regionalzeitungen großräumig über die künftige Einsparung etlicher Dienstleistungseinheiten berichtet, was auch zu dem eingangs beschriebenen "Go-in"  im Stil der 70er Jahre geführt hat. Doch schon eine überschlägige Finanzabschätzung lässt erkennen, dass selbst die vollständige Eliminierung dieser Kleingruppen dem KIT allenfalls eine (Sachmittel-) Einsparung von wenigen hunderttausend Euro pro Jahr erbringen würde. Bei einem Jahresetat von 860 Mio wären das "pea nuts" - um im Jargon des ehemaligen Deutsche Bank Manager Hilmar Kopper zu sprechen.

Im Jahresbericht 2015 des KIT kann man viele der oben geschilderten Sachverhalte nachlesen. Der Bericht ist im letzten Teil (Zahlen und Fakten) durchaus informativ, ansonsten (im Bildbereich) recht "kopflastig". Was den Hauptteil (Lehre und Forschung) angeht, erscheint er mir zu "soft" -  um nicht zu sagen: technophob.
Wurde er von einem Germanisten geschrieben?


Fazit

Bilanziert man die zehnjährige Geschichte des KIT, so muss man leider feststellen, dass das Forschungszentrum (jetzt KIT Campus Nord) immer mehr zu einem bloßen Anhängsel der Universität (Campus Süd) geworden ist. Manche sprechen sogar von einer "verlängerten Werkbank".

Metaphorisch gesprochen: früher ähnelten die Partner FZK und TU wendigen Schnellbooten, die sich in ihrem Forschungsambiente sicher bewegten und eine weltweite Identität besaßen. Daraus ist ein träger Dampfer geworden, der auf dem Weltmeeren umher irrt und sich nicht mehr schnell genug auf die forscherischen Erfordernisse einstellen kann.

KIT ist eine monströse Super-Struktur, die leider auch eine lähmende Bürokratie zur Folge hat.

Die Absicht der Gründerväter des KIT, eine Forschungseinrichtung wie die 80-fache amerikanische  Nobelpreisuniversität MIT zu schaffen, wird nicht gelingen. Die Wahl des Namens KIT wirkt aus dieser Sicht eher anmaßend, ja geradezu peinlich.

Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe hat auch für diese Situation einen Spruch parat:

Getretener Quark wird breit, nicht stark.

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