Sonntag, 3. September 2017

Die Kernkraftwerks-Strategien einiger wichtiger Industrieländer

Die Anzahl der Kernkraftwerke weltweit hat im vergangenen Jahrzehnt aus verschiedenen Gründen leicht abgenommen. Nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) waren im Jahr 2016 insgesamt 450 Kernreaktoren installiert mit einer Stromerzeugungskapazität von 391 Gigawatt (GW). Ca. 60 Reaktoren, vorwiegend in China und Russland, befinden sich im Bau. Mindestens 153 Blöcke mit einer Gesamtleistung von 38 GW wurden bis 2013 außer Betrieb genommen.

Im Folgenden werden die Kernkraft-Strategien der fünf Länder USA, Japan, Südkorea, Frankreich und Deutschland (mit marktwirtschaftlichen Volkswirtschaften) analysiert, in denen es während der letzten Jahre zu Aufsehen erregenden Strategiewechseln in der Kernenergie kam.  Sie sind auch insoweit bedeutsam, als sie nicht nur die Kernkraft nutzen, sondern ebenso über eine international nachgefragte Herstellerkapazität verfügen. Wobei Deutschland mit Siemens/KWU diese seit einigen Jahren aus bekannten Gründen schon aufgegeben hat.



USA:  Stagnation beim Weltmeister

Die USA waren von Anbeginn der Taktgeber in der Kernreaktortechnologie. Im Jahr 1942 wurde im Fußballstadion von Chicago mit CP-1 der erste Kernreaktor weltweit in Betrieb genommen; 1957 mit Shippingport, Ohio, das erste zivile Kernkraftwerk (KKW)  mit einer Leistung von 70 MWe. Zeitweise lag die nukleare Gesamtstromerzeugung in den USA bei knapp 20 Prozent, wozu ca. 112 KKW unterschiedlicher Kapazität beitrugen. Nicht enthalten in dieser Bilanz sind die zahlreichen Antriebsreaktoren für Kriegsschiffe, wie U-Boote, Zerstörer, Flugzeugträger etc. Inzwischen sind 30 (zivile) Blöcke stillgelegt bzw. rückgebaut worden; bei ca. 40 KKW sind die Neubauplanungen eingestellt oder deren Bau unterbrochen worden. Der wirklich realisierte Neubau an Kernkraftwerken war letztlich so marginal, dass die dominierende US-Kraftwerksfirma Westinghouse mangels Aufträge ihren Standort nach Großbritannien bzw. Japan verlegen musste, wie unten detaillierter dargestellt.

Und der Bestand an betriebenen oder im Bau befindlichen Kernkraftwerken bröckelt weiter. Vor einigen Wochen wurde bekannt gegeben, dass der Betreiber Exelon das berühmt-berüchtigte Kernkraftwerk  Harrisburg bzw. Three Mile Island (TMI) stilllegen wird, obwohl die atomrechtliche Lizenz den Weiterbetrieb für noch 15 Jahre gestatten würde. Es handelt sich, wohlgemerkt, um den 2. Block von TMI; der erste Block (TMI-1) erlitt bekanntlich im Jahr 1979 einen Kernschmelzenunfall und wurde deshalb für rd. 1 Milliarde Dollar zurück gebaut. Exelon begründet seine Entscheidung damit, dass in Konkurrenz immer mehr Gaskraftwerke gebaut würden, welche das preiswerte Fracking-Gas zur Befeuerung nutzten. Der Block TMI-2 hätte deshalb seit fünf Jahren rote Zahlen geschrieben.

Zwei weitere Druckwasserblöcke, Virgil C Summer 2+3, sind seit dem Jahr 2013 im South Carolina im Bau und sollten nach anfänglicher Planung 2019 den Betrieb aufnehmen. Wegen der Turbulenzen um Westinghouse drohten diese beiden Projekte aber doppelt so teuer als veranschlagt zu werden. Der Betreiber beschloss deshalb sie aufzugeben, obwohl sie bereits zu 40 Prozent fertig gestellt sind. Auch hier wurde auf das billigere Erdgas verwiesen, aber auch auf die Windenergie, die in bestimmten Gegenden der USA durchaus bereits konkurrenzfähig ist - sofern der Wind weht.

Im Moment sind in den USA 99 Kernkraftwerksblöcke an 60 verschiedenen Standorten in Betrieb. Die Tendenz zeigt weiterhin nach unten. Vor diesem Hintergrund wies der bekannte amerikanischen Klimaforscher James Hansen (samt einigen Kollegen) in einem offenen Brief darauf hin, dass weltweit 115 Kernkraftwerke der innovativen Bauart ausreichen würden, um die gesamte globale Stromerzeugung so zu dekarbonisieren, dass sie mit den Pariser Verträgen vereinbar wäre. Bei einer der Klima-Nachfolgekonferenzen soll dieser Vorschlag auf die Tagesordnung gesetzt werden.


Japan: Fukushima war der Wendepunkt

Im Jahr 2010 deckten 55 japanische Kernkraftwerke etwa 30 Prozent des Strombedarfs ab.  Der nationale Energieplan sah vor, die nukleare Leistung mittelfristig von 48 Gigawatt (GW) auf 70 GW hochzufahren. Nach der Katastrophe von Fukushima waren jedoch zeitweise alle Kernkraftwerke abgeschaltet. Der Strom wurde vor allem durch importierte fossile Energieträger gedeckt. Die beiden Premierminister Naoto Kan und sein Nachfolger Yoshihiko Noda verkündeten den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2040. Der nächste Regierungschef, Shinzo Abe, der als "starker Mann" ans Ruder kam, kassierte den Atomausstieg seiner Vorgänger und befahl eine rigorose technische Überprüfung aller Kernkraftwerke. 45 bestanden bislang den Test; davon sind 5 inzwischen wieder in Betrieb.

Von einer Zäsur geprägt war auch das Schicksal des größten japanischen Kernkraftwerksbauers, der Firma Toshiba. In einem heftigen Bieterwettbewerbs hatte dieses Unternehmen im Jahr 2006 den größten amerikanischen Reaktorhersteller, die Firma Westinghouse Electric, übernommen. 5,4 Milliarden gab Toshiba für dieses angebliche Juwel aus, vermutlich das Doppelte des Wertes. Die Kernenergie schien damals vor einer Renaissance zu stehen und Toshiba - nun weltgrößter Reaktorbauer -  wollte unbedingt dabei sein. Aber nach Fukushima 2011 war alles anders. Die Aufträge zum Bau neuer Kernkraftwerke blieben nicht nur in Japan aus, sondern auch in den USA, wo fast alle Bestellungen wegen gestiegener Regulierungskosten und konkurrierender Fracking-Gaskraftwerke entweder annulliert wurden oder unter erheblichen Terminverzögerungen  litten. 2015 kam es bei Toshiba zu einem Finanzskandal, der mit einem Rekordverlust von (umgerechnet) fast 10 Milliarden Euro endete. Zwei Jahre danach, im Frühjahr 2017 musste die Tochter Westinghouse Insolvenz anmelden. Der Umsatz des Konzerns schrumpfte um 30 Prozent, die Mutter Toshiba musste ihr "Tafelsilber" in Form wertvoller Chip- und Computerfabriken veräussern.

Aber die einst gefürchtete Japan AG besteht noch. Toshiba bleibt weiterhin im Nukleargeschäft. Das Unternehmen ist Hauptauftragnehmer bei der Stilllegung und dem Abriss der vier havarierten Fukushima-Reaktoren. Bis 2050 gibt es dort noch viel zu tun und die Kosten (sprich: Aufträge) werden auf -zig Milliarden abgeschätzt.


Südkorea: Auf dem Weg zum Ausstieg

Südkorea betreibt derzeit 25 Kernkraftwerke, welche etwa 30 Prozent seines Strombedarfs abdecken. Vor zehn Jahren hatte die damalige Regierung die Laufzeit dieser KKW über 30 Jahre hinaus verlängert, um den nuklearen Energieanteil auf 40 Prozent zu steigern. Der neue (linksliberale) Präsident Moon Jae-in hat dem gegenüber im Wahlkampf versprochen, "den Weg für eine nuklearfreie Ära zu schaffen". Eigenhändig schaltete Moon deshalb kürzlich in der Hafenstadt Busan das älteste Atomkraftwerk Kori 1 ab. Die jetzigen KKW sollen allesamt nach spätestens 30 Betriebsjahren stillgelegt werden, die meisten davon noch im kommenden Jahrzehnt. Auch die Kohlekraftwerke will Moon abschalten lassen. Die Energieversorgung soll insgesamt auf Erneuerbare Energien, sowie Erdgas und Flüssiggas umgestellt werden.

Den staatlichen Energiekonzern KEPCO (Korea Electric Power Corp.) bringt diese neue Atomstrategie in erhebliche Schwierigkeiten. Im Jahr 2009 hatte Kepco noch einen Auftrag über 20 Milliarden Dollar für den Bau von vier Kernkraftwerken in den Vereinigten Arabischen Emiraten entgegen genommen, der jetzt unter ganz anderen heimischen Randbedingungen abgearbeitet werden muss. Südkorea ist damit schon das zweite Land in Ostasien, das aus der Atomkraft aussteigt. Taiwan hatte zu Jahresbeginn angekündigt, bis 2025 alle (6) Kernkraftwerke abzuschalten.


Frankreich: weniger Atomstrom angekündigt

In Frankreich überraschte der neu ernannte Umweltminister Nicolas Hulot vor wenigen Wochen mit der Ankündigung, dass er bis zum Jahr 2025 den Anteil des Atomstroms von 75 auf 50 Prozent reduzieren wolle. Hulot tischte mal wieder auf, was die Nationalversammlung schon 2015 unter Holland beschlossen hatte.Das klingt verwegen, denn umgerechnet bedeutet dies die Stilllegung von 17 Reaktoren in nur 100 Monaten. Natürlich kann man (rechnerisch) die Abschaltung der jetzigen 58 Kernkraftwerke auch vermeiden, wenn man sie zukünftig in Teilllast betreibt - aber dieser Trick würde die Stromkosten sicherlich nicht vermindern. Hulot, ein ehemaliger Fotojournalist und jetzt Öko-Mann im Kabinett deutete an, dass er damit auf Linie seines Chefs  Emmanuel Macron sei. Von diesen selbst hat man ähnliche Tartarenmeldungen bislang allerdings noch nicht gehört. Aber er hat seinem Minister auch nicht widersprochen! Dies taten im Chor eine Vielzahl von Politiker und  Unternehmer sowie die Gewerkschaften. Letztere fürchteten um die Arbeitsplätze, die anderen sind besorgt um die Stromerzeugung - insbesondere im Winter, wenn 40 Prozent der Franzosen mit Elektrowärme heizen. Solange der neue Umweltminister seine Alternativplanung nicht aufdeckt, ist von dieser rigiden Ankündigung allerdings wenig zu halten.

Erschreckt hat Hulot sicherlich die Manager der französischen Nuklearindustrie bei Electricité de France und AREVA. Beide einst so stolzen Flaggschiffe der heimischen Kernkraft bewegen sich derzeit sowieso schon in rauer See: Areva, der frühere Reaktorbauer, hat erkennbar Schlagseite und und Edf, früher vorwiegend Betreiber, hält sich auch nur mit Mühe über Wasser. Seit der Katastrophe von Fukushima blieben bei Areva die Aufträge weitgehend aus; die Aufträge im finnischen Olkiluoto und im französischen Flamanville haben mehrjährige Terminverzüge und generieren statt Gewinne nur heftige Verluste. Mehrmals musste bereits der Staat eingreifen, dem (widerwilligerweise) volle 85 Prozent des Aktienkapitals der Areva gehören.

Trotz großer Widerstände konnte Paris erreichen, dass Areva mit dem Betreiber EdF fusioniert wurde. Dabei stützt ein Blinder einen Lahmen, denn die EdF hat eine Unzahl eigener Probleme. So muss sie ca. 50 Reaktorstandorte sanieren, um den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke - unter heutigen Genehmigungsbedingungen - zu gewährleisten. Und in Großbritannien soll sie das Hochrisiko-Projekt Hinkley Point abwickeln.

Vor diesem Hintergrund ist die von Deutschland immer wieder geforderte Abschaltung der beiden grenznahen, angejahrten Kernkraftblöcke Fessenheim nicht näher gerückt. EdF will Fessenheim erst schließen, wenn das immer wieder verzögerte Kernraftwerk Flamanville am Netz ist. Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller beschreibt das französische Schriftstück über Fessenheim folgendermaßen: "Das Dekret ist so formuliert, dass es mehr eine Betriebserlaubnis als ein Abschaltdekret ist".


Deutschland: misslungene Energiewende

Die sogenannte deutsche "Energiewende" ist über weite Strecken ein planwirtschaftlicher Murks, weswegen auch kein anderes Land dieses Modell kopieren möchte. Es begann im März 2011 damit, dass die Bundeskanzlerin auf einen Schlag 8 Kernkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 8.800 Megawatt stilllegte: und zwar gegen den Rat der technisch kompetenten Reaktorsicherheitskommission (RSK), aber auf Empfehlung einer ad hoc Ethikkommission, bestückt mit Philosophen und technikfeindlichen Theologen (wie Kardinal Marx: "Die Kernenergie ist des Teufels"). Für die restlichen 9 KKW (12.700 MW) wurden - gesetzlich verbindlich - exakte Abschalttermine festgelegt. Die letzten 3 KKW sollen spätestens 2022 vom Netz gehen.

Das "Erneuerbare-Energien-Gesetz" hat beim Sonnenstrom durch maßlos überzogene Einspeisevergütungen von über 55 Cent pro Kilowattstunde die chinesische Staatskonkurrenz angelockt und die deutschen Kollektorhersteller großenteils in die Insolvenz getrieben.  Es wird noch bis zum Jahr 2025 andauern, bis diese viel zu hohen Förderzusagen aus dem Markt sind. Statt den Wettbewerb zu nutzen, wurden fixe (und viel zu spät korrigierte) Umlagen versprochen, welche den Strompreis um 50 Prozent in die Höhe trieben und Deutschland insgesamt 25 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Tendenz steigend auf 30 bis 40 Mrd.

Bei der Windenergie auf See zeigen kürzliche Auktionen, dass überhaupt keine Subventionen mehr nötig wären. Dessen ungeachtet wird der Offshore-Strom immer noch in den ersten 8 Jahren mit 19,4 Cent/kWh gefördert und mit 3,9 Cent/kWh über die nächsten 12 Jahre. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kosten der Energiewende insgesamt auf 1.000 Milliarden Euro abgeschätzt werden (Peter Altmaier), womit sie fast so teuer ist wie die Integration der DDR bei der Wiedervereinigung.

Rasant steigen auch die Kosten für die Nord-Süd-Gleichstromnetze. Wegen des Widerstands der Anrainer werden sie vielfach als Erdkabel verlegt, was den Aufwand um den Faktor 5 bis 8 erhöht. Trotzdem wird man erst 2025 mit ihrer Fertigstellung rechnen können. Das führt zu einem riesigen Problem, weil die oben genannten großen Kernkraftwerke allesamt spätestens im Jahr 2022 abgeschaltet werden müssen. Da zu diesen Zeitpunkten die Trassen in die südlichen Länder Bayern und Baden-Württemberg aber noch nicht verlegt sind, wird es in den dortigen Industrieländern mit ziemlicher Sicherheit zu einem Stromengpass kommen.

Meine Prognose: Die nächste Bundesregierung - wer immer sie stellt - wird durch die reale Situation gezwungen werden, ca. ein halbes Dutzend der zur Abschaltung vorgesehenen Kernkraftwerke mindestens fünf Jahre länger in Betrieb zu halten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de