Sonntag, 1. Juli 2018

0 : 2 - Totalschaden

Das Aus unserer Nationalmannschaft noch in der Vorrunde, ist ohne Frage die größte Blamage der deutschen Fußball-Geschichte. Es ist ein Bankrott, den niemand vorhersagen konnte. Aber: so hochverdient wie die Mannschaft 2014 noch Weltmeister wurde, so hochverdient ist dieses Ausscheiden. Wir sind nicht mit Pech aus dem Turnier geschieden. Wer gegen Mexiko und Südkorea verliert, der hat vieles falsch gemacht! Fußball-Deutschland liegt in Schockstarre.

Wie sehnlichst haben die Fans ein weiteres "Sommermärchen" á la 2006 herbeigesehnt! Schon um der gegenwärtigen depressiven Stimmung im Land etwas entgegen zu wirken. Die Flüchtlingsdiskussion hat tiefe Wunden geschlagen; nun könnte sie sogar zur Auflösung der größten deutschen Partei führen - vielleicht sogar der Europäischen Union EU. Und das vor dem Hintergrund eines brutalen Streits der Weltmächte, allen voran der USA mit ihrem erratischen Führer Donald Trump.


Die Spiele


Das Fiasko der deutschen Nationalmannschaft war vor einem Jahr noch nicht voraus zu sehen. Im Gegenteil: Die WM-Qualifikation beendete der Titelverteidiger makellos: zehn Spiele, zehn Siege. Danach gewann die Mannschaft in Russland sogar noch den Fifa-Confederations-Cup, wobei Mexiko mit 4:1 geschlagen wurde.

Aber dann folgte bei den Vorbereitungsspielen (auf Freundschaftsbasis) ein unerwarteter Einbruch. Gegen Spanien spielte die DFB-Elf im März 2018 nur 1:1; im gleichen Monat verlor man in Berlin gegen Brasilien 1:0. Im Juni 2018 setzte es sogar eine 1:2-Niederlage gegen Österreich - die erste in 32 Jahren! Und an 8. Juni gab es noch einen schmeichelhaften Sieg gegen Saudi-Arabien; nur Timo Werner und der Saudi Hawsawi (per Eigentor) treffen für Deutschland.

Dann folgte das WM-Turnier am 17. Juni mit einem krassen Fehlstart. Mexiko gewann 1:0 und entlarvte die taktischen Schwächen des Weltmeisters. Mats Hummels sprach von "Rissen im Mannschaftsgefüge". --- Am 23. Juni stand Deutschland in Sotchi gegen Schweden praktisch schon vor dem Aus. Ein Sonntagsschuss von Toni Kroos in der 95. Minute machte dann aber wieder Hoffnung. --- Das Ende kam gegen Südkorea am 27. Juni. In einer blamablen Vorstellung verlor Deutschland 2:0.







"Die Wahrheit liegt auf dem Platz"  (Otto Rehhagel)



Die Spieler

Die deutsche Nationalmannschaft war zu 60 Prozent aus älteren, erfahrenen Spielern zusammengesetzt und zu 40 Prozent aus jüngeren - eine Mischung, die durchaus Sinn machte. Leider stellte sich beim Turnier heraus, dass die meisten älteren Spieler (u. a. Khedira, Özil, Reus, Gomez, Müller) weit unter ihrer Bestform agierten und diese Defizite von den jüngeren (u. a. Kimmich, Süle, Werner, Brandt) nicht kompensiert werden konnten. Insbesondere Sami Khedira, der als Antreiber im Mittelfeld gedacht war, spielte ausgesprochen schwach. Auch Thomas Müller, Torschützenkönig bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften, gelang nichts, nicht einmal ein einziges Goal. War es die Folge der Überanstrengung bei den Bayern nach 50 Saisonspielen?

Mesut Özil und Ilkay Gündogan hatten zusätzlich mit einem - selbstverschuldeten - Handikap zu kämpfen. Kurz vor der türkischen Präsidentenwahl stellten sie sich in London dem Fernsehen für eine PR-Show mit dem Präsidentschaftskandidaten Erdogan. Dabei übergaben sie ihre signierten WM-Trikots. Dieses Treffen mit dem osmanischen Autokraten kam in Deutschland (nicht nur bei den Fans) ausgesprochen schlecht an. Denn just zum gleichen Zeitpunkt wurde in Istanbul dem "WELT"-Journalisten Deniz Yücel der Prozess gemacht, nachdem er vorher (ohne Anklage!) ein Jahr in türkischer Untersuchungshaft verbringen musste. Der Staatsanwalt wirft Yücel "Terrorpropaganda" vor und verlangt eine Gefängnissstrafe von 18 Jahren (!). Bei der WM spielten Özil und Gündogan ausgesprochen schwach. Es dürfte ihre letzter Auftritt im Nationaldress gewesen sein.


Der Trainer

Wenn eine Mannschaft so krachend verliert, dann kann der Spitzenmann nicht schuldlos sein. Das ist der Trainer Joachim ("Jogi") Löw. Sein Anstellungsvertrag wurde vom DFB-Chef Reinhard Grindel noch kurz vor der WM bis zum Jahr 2022 verlängert; die Jahresbezüge sollen bei 4,5 Millionen Euro liegen. Im Falle eines Rauswurfs steht also eine Abfindung von ca. 20 Mio zur Debatte. Aber Löw darf nicht sakrosankt sein. Er hatte die Verantwortung für die Zusammenstellung des Kaders. Die "Jugend" hat er zwar oft gelobt, ihr aber zu wenig vertraut. Im Spiel gegen Mexiko zeigte Löw auch  deutliche Schwächen beim Coaching - übrigens nicht zum ersten Mal. Bei einer kürzlichen Umfrage sprachen sich zwei Drittel dafür aus, Löw aus seinen Vertrag zu entlassen.

Aber Jogi hat auch mächtige Befürworter. In erster Linie seinen Chef Grindel, der ihn unbedingt halten möchte. Und in den Medien melden sich immer mehr Unterstützer, deren Fußballexpertise nicht zu bezweifeln ist. Zum Beispiel der ex-Nationalcoach Rudi Völler sowie der neue Bayern-Trainer Niko Kovac. Für letzteren ist Jogi der Richtige um den Umbruch zu gestalten, der jetzt auf alle Fälle kommen muss. Kovac verweist insbesondere auf die Lebensleistung von Löw mit dem Triumph in Brasilien und, dass er sechs Mal bei Welt- und Europameisterschaften das Halbfinale erreichte.

Joachim Löw will sich nächste Woche erklären. Warten wir´s ab.


Der Manager

Der smarte Manager Oliver Bierhoff hat in den vergangenen vier Jahren seit dem Titelgewinn in Rio offensichtlich die Erdung verloren. Immerhin, der DFB goutiert das wohl und hat seinen Kontrakt bis 2024 verlängert. Dabei ist Bierhoff für die falsche Quartierwahl im kargen Watutinka vor den Toren Moskaus verantwortlich, welches den Charme einer Sportschule der 60er Jahre ausstrahlt. Sotchi wäre weitaus besser gewesen.

Mit Penetranz inszenierte der Manager seit einigen Jahren die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als "DIE MANNSCHAFT", so, als gäbe es keine herausragenden Mannschaften in Handball, Basketball oder anderen Sportarten. Die Ähnlichkeit zur Platzierung von Coca Cola im Markenartikelbereich liegt da ganz nahe. ---
Mit Mercedes begann Bierhoff außerdem die "Mission Titelverteidigung" in einer aufwendigen Broschüre unter der Überschrift "Best neVer rest". Das V in "neVer" ist gleichzeitig eine römische 5 und zielt auf den 5. Titelgewinn. Nun, daraus wurde nichts. Stattdessen hat sich der Manager weit entfernt von den Zuschauern und Fans, für welche der Fußball immer noch in erster Linie der Entspannung dient.

Deshalb lasst uns die kommenden 14 Tage genießen:
bis zum 15. Juli 19 Uhr sind wir immer noch
Weltmeister im Fußball!




1 Kommentar:

  1. Viel Geld für wenig Leistung:

    https://www.transfermarkt.de/statistik/weltrangliste

    https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_L%C3%B6w#Vertragsverhandlungen_und_Gehalt

    https://www.zeit.de/wirtschaft/2014-06/fussball-nationalmannschaft-sponsoren/komplettansicht (aus 2014)

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