Freitag, 17. Oktober 2008

Im Rückblick: Die Internet-Blase

Spekulationsblasen gab es immer wieder in der neueren Finanz- und Wirtschaftsgeschichte. Eine ganz besonders schlimme, die Immobilienblase, versuchen unsere Politiker derzeit in den Griff zu bekommen. Unter welchen Konsequenzen für uns alle, kann noch gar nicht abgeschätzt werden. Sicher ist eigentlich nur, dass die Krise mit der Ausgabe "fauler" Hypothekendarlehen in den USA ihren Anfang nahm, dass diese Kredite als Zertifikate über die ganze Welt verstreut wurden und, mit dem positiven Testat der Rating-Agenturen versehen, von den Banken in grosser Zahl gekauft wurden. Darauf sitzen die Banker nun und misstrauen einander.

Die vorletzte Spekulationsblase, bei welcher sich der Finanzmarkt zeitweise völlig von der realen Güterwirtschaft abgekoppelt hatte, war die sogenannte Internetblase vor ca. 8 Jahren. Die Internettechnologie verbreitete sich bekanntlich mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als der Amerikaner Jim Clark mit seinem Browser "Netscape" jedem PC-Besitzer den schnellen Zugang zum World Wide Web verschaffte. Bill Gates von Microsoft hatte diese Entwicklung anfangs verpasst, zog aber bald mit dem Netzzugang "Explorer" nach. Die Folge war ein weltweiter Boom an (zumeist) kleinen Firmen, welche diese Technologie aufgriffen, um kreative Software für wirtschaftliche Nutzanwendungen zu entwickeln.

In Deutschland war die Firma Pixelpark prominent, welche unter ihren "Guru" Paulus Neef Multimediaanwendungen betrieb. Sie erschien so "sexy", dass sich sogar ansonsten stockkonservative Unternehmen, wie Bertelsmann, bei ihr einkauften. In Jena gründete der 30-jährige Stephan Schambach die Fa. Intershop, die vornehmlich auf E-commerce ausgerichtet war. Lothar Späth, als Chef der Jen-Optik, wurde nicht müde, ihn als Vorzeigeunternehmer der aufstrebenden östlichen Länder zu preisen. Karl Matthäus Schmidt, schliesslich, wurde mit seiner Kleinfirma Consors schon als 25-jähriger "Unternehmer des Jahres", weil er mit seinem Internetportal den Bankkunden die direkte Erledigung ihrer Geschäfte ermöglichte. Im weiteren Umfeld gab es noch einige kleine Firmen, die sich mit Gentechnik und Biomedizin beschäftigten (z.B. Morphpsys, Qiagen) und sogar das später berühmt-berüchtigte Filmunternehmen EM.TV der Brüder Thomas und Florian Hoffa, rechnete man dazu.

Diese Kleinunternehmen ("start-ups") wurden anfangs von risikobereiten "Venture- Capital-Gesellschaften" finanziert, oder auch direkt von vermögenden Privatpersonen. Und wahrscheinlich wäre alles gut gegangen, wenn es bei diesem Finanzierungsschema geblieben wäre. Stattdessen überredete man die Internetfirmen- obschon keine von ihnen nennenswert Gewinne machte - sich in Aktiengesellschaften umzuwandeln. Die Deutsche Börse richtete flugs ein eigenes Börsensegment, den Neuen Markt (NEMAX) ein, und die renommierten Geschäftsbanken wie Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank etc. nahmen die noch grünen Kleinunternehmer "unter ihre Fittiche".

Mit der Ausgabe der Aktien wurde der staunenden und gutgläubigen Käuferwelt auch eine neue volkswirtschaftliche Theorie verkauft: die New Economy. Die Verfechter diesen neuen Ökonomie behaupteten, dass die industrielle Fertigung von Gütern immer weniger wichtig werde, und an ihre Stelle die Verteilung von Informationen und Inhalten träte, der sog. Content. Während in der klassischen Wirtschaft die Knappheit eines Gutes seinen Preis bestimme, geschähe dies in der New Economy über den weltweiten Verbreitungsgrad. Es gelte, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Komunikationsmitteln zu ermöglichen, dann werde sich der Gewinn von selbst einstellen.

Wichtig war also das Wachstum dieser jungen Internetfirmen - und nicht ihre Rendite. Deshalb wurde Pixelpark-Chef Paulus Neef von den Journalisten auch immer wieder gefragt, wieviele Mitarbeiter ("pixels") er pro Quartal einstellen könne. Schliesslich schaffte es Neef auf 1.200 Angestellte zu kommen, die sich allesamt duzten und die auf flachen Hierarchien angesiedelt waren. Mehr gab der abgegraste Informatikermarkt nicht her, sodass zeitweise sogar Inder angeheuert werden mussten. (Den ersten Gewinn machte die später mehrfach umstrukturierte Firma Pixelpark im Jahr 2006; es waren bescheidene 780.000 Euro)

Das grosse Publikum, welches weder vom Internet noch von Aktien eine wirkliche Ahnung hatte, rieb sich die Augen und stellte fest, dass der Kurswert dieser Kleinunternehmen rasant stieg. Um die Jahrtausendwende besassen die drei Firmen Pixelpark, Intershop und Consors zusammen einen Börsenwert von 30 Milliarden Mark, womit sie den Volkswagenkonzern übertrafen. Dabei machte VW 147 Milliarden Mark Umsatz, die drei Zwerge aber noch nicht mal eine halbe. Und Volkswagen gehörten weltweit viele Dutzend Fabriken und Immobilien, während das Vermögen der dreien aus ca. 2.000 PC bestand, vergleichbar mit einem heutigen Call-Center.

Zwischen den Jahren 1999 und 2000 explodierten die Börsenkurse der Internetfirmen geradezu. Die BILD-Zeitung berichtete fast täglich über neue Millionäre und viele Menschen plünderten ihr Sparbuch um damit Internetaktien zu kaufen. Sogar Stammtische wandelten sich spontan in Aktienvereine um und statt "contra" und "re" hiess es jetzt "kaufen" bzw. "halten". Gleiches galt für die Kaffekränzchen der Damen, welche sich ebenfalls mutig ins Börsengetümmel stürzten, um mit den erwarteten Gewinnen Urlaubsreisen in die USA zu finanzieren. Der Aktienkauf war zum Volkssport geworden. In dieser Goldgräberstimmung verscherbelte auch Siemens clever ihre gewinnarme Halbleiterfertigung Infineon und Telekom brachte mit einer weiteren Tranche an "Volksaktien" viele Unbedarfte um viel Geld.

Am 13. März 2000 war die Party zu Ende. Als die Internetfirmen in ihren Bilanzen nur Verluste meldeten, wollten plötzlich alle verkaufen und die Kurse der Aktien krachten nach unten. Vorzeigeunternehmer Schambach sass gerade im Flugzeug nach Kalifornien und wollte Geschäfte mit Silicon Valley machen. Als er in San Franzisco ausstieg, war der Wert seines Unternemens um 70 % abgestürzt und er konnte gleich wieder den Rückflug antreten. Der Kurs der Pixelpark-Aktie, der nach der Ausgabe 1999 innerhalb eines Monats von 5 auf 60 DM gestiegen war und dann innerhalb weniger Monate weiter bis auf 338 DM, fiel wieder zurück auf 5 DM. Aus vielen, vorher heissbegehrten Aktien, waren "penny-stocks" geworden, deren Wert sich jetzt im Pfennigbereich bewegte. Die Internetfirmen mussten den Grossteil ihres Personals entlassen; die "Pixels" richteten, zu Neefs Verdruss und zur Freude der Gewerkschaften, sogar einen Betriebsrat ein. Viele der zuvor noch händeringend gesuchten Informatiker standen arbeitslos auf der Strasse.

Die Deutsche Börse beschloss, ihr bisher hochgeschätztes Technologiesegment Nemax aufzulösen. Ähnlich und zeitgleich wie in Deutschland, verlief der Niedergang der Internetaktien auch in der übrigen Welt. Viele Menschen hatten viel Geld verloren und waren zum Teil sehr arm geworden. Der Wert des DAX fiel von 8000 im Jahr 2000 auf 2400 im Jahr 2003. Den ursprünglichen Wert von 8000 erreichte er erst wieder 4 Jahre später - und da befanden wir uns bereits (ohne es zu ahnen) wieder in der nächsten Krise, der Immobilienkrise.

Ohne Beschädigung kamen die bereits genannten drei deutschen Grossbanken aus dieser Malaise. Sie hatten rechtzeitig "Kasse gemacht" und ausserdem fette Provisionen bei den Börsengängen der Internetfirmen bezogen. Dass sie dabei sehr fahrlässig bei der Bewertung dieser Jungfirmen waren, wurde von der Börsenaufsicht leider nicht bemängelt und schon gar nicht sanktioniert.

Eines unterscheidet die damalige Internetblase recht deutlich von der heutigen Immobilienblase: die Wertschöpfung. Das Internet ist eine Megatechnologie im Bereich der Kommunikation und der Multimedia. Im Verlaufe der Internet-Ära wurden - bis heute, übrigens - wirkliche technische und wirtschaftliche Werte geschaffen. Die Internettechnologie samt begleitender Hardware und Software (www, Mobiltelefon, Notebook, Glasfaser, Breitband, Digitaltechnik, MP3, Cisco, Amazon, Ebay,Yahoo, Google, Youtube, Wikipedia etc.etc.) ist ein technischer und wirtschaftlicher Quantensprung und durchaus vergleichbar mit der Einführung der Eisenbahn und des Automobils. Diese jungen Informatiker haben in weniger als zwei Jahrzehnten mit Begeisterung eine neue Welt geschaffen. Dass ihre finanzielle Unbedarftheit von den Bankern so schamlos ausgenutzt wurde - auch zu Lasten grosser Teile der Bevölkerung - ist ihnen nicht vorzuwerfen.

Demgegenüber ist die heutige Krise eine Folge der weltweiten Zockerei der Bank- und Investmentmanager, bei der - ausser ein paar schon vergammelnde Holzhäuser in den USA - keine bleibenden Werte geschaffen wurden. Viele der Bankbosse haben sich dabei die eigenen Taschen voll gestopft.

Wir werden die Schleifspuren dieser Rezession sicherlich viel länger erdulden müssen als bei der Internetkrise.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Eine misslungene Inszenierung

Wie sehr hatten wir uns doch auf die Neuaufnahme der Wagner-Oper "Das Rheingold" gefreut, die vergangene Woche am Badischen Staatstheater in Karlsruhe gespielt wurde. Um es vorweg zu sagen: es war eine Enttäuschung. Weniger wegen der Musik, sondern vorallem wegen der Inszenierung, die uns - meiner Frau und mir - einfach nicht gefallen hat. Im Programmzettel wird Denis Krief als Alleinverantwortlicher für Regie, Bühne und Kostüme genannt; deshalb richtet sich diese Kritik vornehmlich an ihn.


Der Verdruss beginnt bereits mit den ersten Takten der Oper. Während die Kontrabässe noch ihr Es-Dur-Motiv brummen und damit den "Anfang der Welt" suggerieren, öffnet sich der Bühnenvorhang und herab schwebt eine Art Vorhangstange, an der (in Mannshöhe) Plastikstreifen hängen. Durch sie bewegen sich in Ringelreihen die drei Rheintöchter und versuchen mit ihrem alliterativen Gesang - weia, waga, woge du Welle - den Nibelungenchef Alberich zu becircen. Im Bühnenhintergrund ist ein waberndes Dia mit Wasser zu erkennen. Die Illusion jedoch, auf den Grund des Rheins und des Goldschatzes zu schauen, kommt bei solchen Versatzstücken mitnichten auf.


Hinzu kommt, dass Alberich keineswegs als hässlicher, kleiner Zwerg erscheint, sondern eher als vierschrötiges Mannsbild. In späteren Szenen überragt er sogar Wotan um eine halbe Haupteslänge und da er zudem ähnlich wie der Gottvater gewandet ist, wäre er von diesem kaum zu unterscheiden, trüge Wotan nicht ständig sein Wahrzeichen, den Speer.


Das Bühnenbild, wohl auch von Krief zu verantworten, ist an Sterilität nicht zu überbieten. Es besteht aus drei wuchtigen Halbschalen, die an Seilen hängend vom Schnürboden herabgelassen und auf verschiedene Weise positioniert werden. Senkrecht aufgestellt sollen sie die Götterburg Walhall darstellen, in liegender Form das Reich der Nibelungen. Das Recyceln dieser Mehrzweckmöbel lässt keine Stimmung aufkommen, sondern nährt allenfalls den Verdacht, dass mächtig gespart werden sollte.


Gespart wurde auch an den Nibelungen, die kaum zu sehen waren. Als sie das von Alberich geraubte Rheingold herausrücken müssen, geschieht dies auf eine bemerkenswerte Weise: durch ein Loch im Bühnenboden werden etwa zwei Dutzend Säcke, gefüllt mit "Gold" (in natura wohl Styropor) in lockerem Tempo nach oben geworfen. Da jeder Sack, nach meiner Abschätzung, ein Volumen von mindestens 25 Litern hatte, so musste darin - ein spezifisches Gewicht von 20 unterstellt - eine halbe Tonne Gold verpackt sein. Alberichs unsichtbare Zwerge müssen also geradezu titanische Körperkräfte gehabt haben. Schade, dass man ihrer nicht ansichtig wurde. (In Bayreuth, bei den diesjährigen Wagner-Festspielen, löste man dieses Regieproblem dadurch, dass man das Gold in Form von glitzernden Folien durch kleinwüchsige Nibelungen (Kinder?) aus der Unterwelt herauftragen liess.)


Eine Zumutung besonderer Art waren die Riesen Fafner und Fasolt, welche die Burg Walhall für Wotan gebaut hatten. Es sind nämlich gar keine Riesen, sondern ganz gewöhnliche mittelgrosse Menschen, die man in helle Kitteln gesteckt hatte. Warum Wotan (mit Speer) und seine ebenfalls bewaffneten Götterkollegen Donner und Froh vor diesen Zweien Angst haben sollten - und Wotan sich von ihnen sogar seine Schwägerin Freia rauben liess - ist für Erstbesucher dieser Oper vollkommen unverständlich. Eine solche personelle Sparversion ist einzigartig. In dieser Logik könnte man den Ring auch konzertant aufführen.


Es gäbe noch einiges zu kritisieren, aber ich will es damit bewenden lassen. Die Musik (unter dem neuen Dirigenten Justin Brown) war ganz ordentlich, aber auch nicht mehr. Die Bläser waren leider nicht in Hochform und zuweilen kratzten auch die Geiger. Übrigens: als ich etwa eine Viertelstunde vor Aufführungsbeginn in die Tiefgarage des Theaters einfuhr, sah ich noch einige Orchestermitglieder mit dem Geigenkasten auf dem Rücken (bei regnerisch-kaltem Wetter!) zum Bühneneingang eilen. Über klamme Finger sollte man sich also nicht wundern. Wäre ich Intendant, dann hätten diese Herrschaften Präsenzpflicht im Orchestergraben - und zwar eine volle Stunde vor Aufführungsbeginn.


Der Spötter Loriot sagte einmal, Wagner hätte sich beim Nibelungenring die Mühsal mit vier Opern ersparen können, wenn die Rheintöchter den liebestollen Alberich etwas zärtlicher behandelt hätten. Dann hätte dieser nämlich nicht das Gold geraubt und daraus den verhängnisvollen Ring geschmiedet. Mag sein, aber meiner Frau und mir wäre das nicht recht gewesen.


Denn - Regisseur Krief hin oder her - für die nächste Ringoper, die "Walküre" am 7. Dezember, werde ich mir trotzdem wieder zwei Karten besorgen.

Samstag, 4. Oktober 2008

In memoriam: Friedrich Arendt

Trauerrede beim Begräbnis unseres Freundes Friedrich Arendt

Sehr verehrte Frau Arendt
und Familie,
liebe Trauergäste.

Mein Name ist Willy Marth;
ich spreche für den Freundeskreis der Insel Rott.
Friedrich Arendt gehörte diesem Kreis
seit seiner Pensionierung vor 2 Jahren an.

Sein plötzlicher Tod macht uns sehr traurig.
Vorige Woche noch trafen wir uns alle
zur Geburtstagsfeier in meinem Haus.
Friedrich war munter, charmant und witzig - wie immer.
Dass er 4 Tage später schon tot sein sollte
war nicht vorstellbar
und hat meine Freunde und mich tief getroffen.

"Mors certa, hora incerta",
diese uralte Menschheitserfahrung,
wonach wir alle sterblich sind,
aber das Schicksal allein unsere Stunde bestimmt,
ist uns wieder einmal grausam bewusst geworden.

Ich kannte Friedrich schon seit langer Zeit.
Beide waren wir viele Jahre lang
im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe tätig,
in vergleichbaren Positionen.
Friedrich als Projektleiter für die Umwelt,
ich für ein Gebiet der Kernforschung.

Trotz der Gegensätzlichkeit der Themenfelder
war unser persönliches Verhalten
nie von Antagonismus bestimmt.
Im Gegenteil!
Immer wieder besuchten wir uns wechselseitig
in unseren Büros,
tauschten unsere Erfahrungen aus
und tasteten argumentativ die Stärken und Schwächen
unserer so unterschiedlichen Projekte ab.

Als er im Ruhestand zu unserem Freundeskreis stiess,
war Friedrich von Beginn an ein begehrter Gesprächspartner.
Er war intelligent, wusste über so vieles Bescheid
und war bereit
seinen grossen Erfahrungsschatz mit uns zu teilen.

Wir werden nun ohne ihn auskommen müssen.
Aber seine Todesanzeige drückt es treffend aus:
Weiterhin sind wir über eine Brücke mit Friedrich verbunden.
Es ist die Brücke der Erinnerung
an einen grossartigen Freund und Menschen.
Sie wird bleiben,
denn nur sie allein ist unvergänglich.

Ihnen, sehr verehrte Frau Arendt,
mit Ihrer Familie,
möchte ich unsere tief empfundene Anteilnahme aussprechen.
Wir vermögen den Verlust abzuschätzen,
der Sie getroffen hat.

Samstag, 27. September 2008

Für die Katz

"Rustel" war uns zugelaufen, als unsere alte Hauskatze "Minki" mit 17 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Zugelaufen ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck: in Wirklichkeit drängte sie geradezu in unser Haus, als sie spürte, dass dort eine Vakanz war. Rustel war eine halbverhungerte, verhärmte, graugetigerte Strassenkatze, offensichtlich eine Promenademischung und es war unwahrscheinlich, dass sie je einen Schönheitspreis gewinnen würde. Aber irgendwie tat sie uns leid und Rustel spürte das wohl instinktiv und so durfte sie eben bleiben.

Ihr Körbchen hatte sie im Keller; durch ein Loch im Lichtschacht richteten wir ihr einen Katzendurchstieg ein. Und Rustel nutzte ihn fleissig, denn im Grunde war sie eine echte Wildkatze, der das freie Umherstreifen ein Bedürfnis war, aber auch die Bequemlichkeit einer für sie sorgenden "Herrschaft" durchaus zu schätzen wusste. Zuweilen kletterte sie im Garten über die Magnolienäste auf das Hausdach unseres Bungalows, sah uns beim Rosenschneiden zu oder genoss einfach nur den weiten Blick. Beim Heruntersteigen musste ich ihr anfangs helfen, denn die Krallen der Katzen sind bekanntlich nach hinten gekrümmt und nur eine geringe Hilfe beim Abwärtsklettern.

So war ich nicht überrascht, als eine Nachbarin, Frau S. , an einem frühen Vormittag bei uns vorbei kam und uns aufgeregt darüber informierte, dass Rustel in der Astgabel eines hohen Baumes sässe, wovon sie sich offensichtlich nicht wieder herunter getraute. Tatsächlich, ich sah sie dort sitzen - eine graugetigerte Katze, leise miauend und mit eingezogenem Schwanz ängstlich auf einem Ast hockend. Ich versuchte sie herunter zu locken, ich klopfte an den Baumstamm, ich hielt ihr sogar ( aus dem Haus geholtes Futter) vor die Nase. Alles vergebens. Rustel fürchtete sich davor abzusteigen, stattdessen sah sie mich unverwandt mit ihren traurig-ängstlichen Augen an.

Inzwischen kamen immer mehr Zuschauer. Die guten, aber zumeist nutzlosen Ratschläge häuften sich, bis einer das Wort "Notruf" fallen liess. Jawohl, das war es! Ich rief umgehend die Nummer 110 an und schilderte einer freundlichen Dame unser Unglück. Sie schien nicht das erste Mal mit einem solchen Notstand konfrontiert zu sein, denn sie sagte nur: "Kein Problem, ich verbinde Sie mit der Feuerwehr." Tatsächlich sagte man mir dort umgehend Hilfe zu; offensichtlich war zu jener Zeit kein Grossbrand zu bekämpfen.

Die Feuerwehr kam, nicht mit tatüü-tataa, aber mit einem riesigen Auto, grellrot angestrichen und mit mit 4 Mann hoch besetzt, in schicken Uniformen. Sie schleppten eine schwere Leiter zum Baum und einer machte sich, geschützt durch einen beeindruckenden Helm, an den Aufstieg. Rustel beobachtet das geschäftige Treiben unter ihr mit intensiven, misstrauischen Blicken, duckte sich in die Astgabel und als der Feuerwehrmann schon nach ihr greifen wollte, sprang sie - zack! - in einen zwei Meter höheren Zweig. Dorthin konnte ihr der Löschexperte nicht folgen, denn seine Leiter war zu kurz.

Leise fluchend machte sich der abgewiesene Helfer an den Abstieg, aber sein Kommandant war nicht in Verlegenheit zu bringen. Per Handy orderte er bei der Zentrale Verstärkung an und schon nach einer knappen Viertelstunde kam ein weiteres rotes Fahrzeug, noch grösser als das erste und ausgestattet mit einer Drehleiter. Rustel ahnte wohl, das es nun zum "show-down" kommen würde, denn sie drückte sich noch enger in das Astgewirr, so, als wollte sie sich klein und unsichtbar machen. Aber diesmal kam der wackere Feuerwehrmann immer näher und als er schliesslich nach ihr greifen wollte, passierte es: statt freudig erlöst zu sein, verspürte Rustel offensichtlich panische Angst und war zum Äussersten bereit. Mit einem gewaltigen Satz hechtete sie kopfüber nach unten, raste dem Baumstamm entlang, fiel auf die Erde, überschlug sich einige Male auf dem, gottlob, weichen Laubboden - und rannte, wie um ihr Leben, in Richtung eines Nachbarhauses.

Der Feuerwehrleute waren trotzdem zufrieden, denn nach ihrem Verständnis war die Katze gesund geborgen, womit der Auftrag erfüllt war. Mit vielen Dankessprüchen meinerseits und einem angemessenem Trinkgeld transportierten sie ihr Equipment wieder zurück in die städtische Branddirektion. Auch die mittlerweile zahlreichen Zuschauer verliefen sich; einige gratulierten mir noch zum glücklichen Ausgang dieses Unternehmens und meiner offenkundig demonstrierten Tierliebe.

Ich blieb äusserlich gelassen, aber innerlich bebte ich. Denn beim Abgang vom Baum hatte ich, trotz der Schnelligkeit, noch den Schwanz der graugetigerten Katze erkennen können und ich war mir sicher, dass er nicht Rustel gehörte, sondern einer Katze aus den Nachbarhäusern, wohin sie auch gestürmt war.

Als ich heimkam lag Rustel friedlich schlummernd in ihrem Körbchen im Keller. Beim Nähertreten wachte sie auf, reckte sich zum Katzenbuckel, streckte den Schwanz in die Höhe - und da war sie wieder, dessen charakteristische Färbung. Mit dem Näschen stupste sie meine Knie, als wollte sie sagen: "Ich bin hungrig, du darfst mir mein Lieblingsgericht bringen,


Hühnchen in Aspik, bitte."

Montag, 15. September 2008

Ein Teilchen namens Higgs

Im Baukasten der Natur befinden sich, nach den Vorstellungen der Physiker, etwa zwei Dutzend Elementarteilchen, aus denen das ganze Universum - also Erde, Sonne, Milchstrasse und weitere hundert Milliarden Galaxien aufgebaut sind. Diese Teilchen unterscheiden sich sehr deutlich voneinander hinsichtlich ihrer Grösse, ihrer Masse, ihrer elektrischen und magnetischen Ladung, sowie einiger weiterer Eigenschaften.

Das Zusammenwirken der Elementarteilchen beim Aufbau der belebten und unbelebten Natur erklärt die sogenannte Standardtheorie, welche die Physiker in den letzten 25 Jahren entwickelt haben. Diese Theorie ermöglicht es sogar Vorhersagen zu treffen und eine dieser Vorhersagen ist, dass noch zwei weitere Teilchen in dem erwähnten Baukasten fehlen, also experimentell nicht nachgewiesen sind. Das eine ist das Graviton, welches die Schwerkraft vermittelt, das andere das mysteriöse Higgs-Teilchen. Der Name reimt sich akustisch auf "Hicks", hat aber mit Schluckauf nichts zu tun, vielmehr trägt dieses noch unentdeckte Partikel den Namen des schottischen Physikers (Peter) Higgs. Er hat es schon vor 44 Jahren prognostiziert und diese Vermutung am 27. Juli 1964 in dem amerikanischen Fachjournal "Physics Letters" veröffentlicht. Bemerkenswert ist, dass diese mittlerweile berühmte Publikation nur eine einzige Druckseite umfasst.

Das Higgs-Teilchen beseitigt eine Schwäche der oben genannten Standardtheorie. Letztere kann zwar alle bekannten Elementarteilchen richtig einordnen, aber diese besitzen dann keine Masse und bewegen sich alle mit Lichtgeschwindigkeit fort. Das kann offensichtlich nicht stimmen, denn Protonen, Elektronen und Photonen besitzen sehr wohl ( unterschiedliche) Massen und haben auch verschiedene Geschwindigkeiten. Geht man von der Existenz der Higgs-Teilchen aus, dann verschwinden diese Diskrepanzen und die Standardtheorie beschreibt nun "die Welt" nun richtig. Esoterisch angehauchte Zeitgenossen sprechen deshalb auch gerne vom "Gottesteilchen"; andere nennen das Higgs-Teilchen den "Heiligen Gral" der Physik.

Higgs hat seine Überlegungen zwar nur auf einer DIN A4-Seite niedergeschrieben, sie sind jedoch so hochkomplex, dass sie der Normalphysiker kaum versteht, von einem Laien ganz zu schweigen. Zum Glück gibt es eine berühmte Metapher, wodurch es selbst einem Durchschnittsmenschen gelingt, sich in das Higgs-Szenario einzudenken. (Die Begriffe Higgs-Teilchen und Higgs-Feld werden synonym verwendet, da Teilchen und Felder in einander überführbar sind).

Nun also die Higgs-Theorie für Jedermann: Man stelle sich Journalisten auf einer Cocktailparty vor, die gleichmässig im Raum verteilt stehen. Das ist gewissermassen das Higgs-Feld. Kommt nun ein sehr prominenter Politiker (Proton!) durch die Tür und will den Raum schnell durchqueren, so werden sich die Journalisten sogleich um ihn scharen. Seine Bewegungsenergie wird abgebremst und der Pulk der Journalisten verleiht dem Politiker eine (träge) Masse, also ein Gewicht. Ein weniger bekannter Politiker (Elektron!) verursacht geringeren Auflauf, wird aber auch leicht gebremst. Der Hausmeister (Photon!), schliesslich, kann den Raum im unvermindertem Tempo durchqueren. Das genau ist der Mechanismus von Higgs: durch die Wechselwirkung mit dem Journalisten, also dem Higgs-Feld, bekommen die Teilchen ihre Masse und verlieren an Geschwindigkeit.

Etwas physikalischer ist eine zweite Metapher. Demnach liegt dem Universum ein alles durchdringendes Feld zugrunde, das Higgs-Feld. Durch dieses Feld bewegen sich alle Elementarteilchen wie durch einen zähen Sirup. Dabei verspüren sie einen Widerstand, so, als ob man mit einem Kochlöffel durch den Sirup rührt. Dieser Widerstand ist es, der den Teilchen ihre Masse verleiht.

Noch ist das Higgs-Teilchen experimentell nicht nachgewiesen. Das erwartet man im Forschungszentrum CERN bei Genf, wo in den letzten Jahren der grösste Kreisbeschleuniger der Welt mit 27 km Durchmesser gebaut wurde. LHC, Large Hadron Collider, ist sein Name. Der Detektor ATLAS, in dem das Higgs aufleuchten soll, besitzt die Ausmasse eines grossen Kirchenschiffs und wiegt 7.000 Tonnen. Vor zehn Tagen erst wurde der LHC - unter Teillast - in Betrieb genommen; schon am vergangenen Freitag musste er wegen eines Heliumlecks in der Strahlröhre wieder abgeschaltet werden. Vermutlich für mindestens zwei Monate. Wenn er wirklich mal richtig in Schwung gekommen ist, dann prallen dort in jeder Sekunde Millionen von Protonenpakete mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aufeinander. Diese kosmische Wucht erzeugt Milliarden an Splitter, die in ATLAS registriert werden sollen. Nur etwa ein Higgs-Teilchen pro Minute kann man erwarten; es soll von den Riesencomputern herausgesiebt werden. Die berühmte Nadel im Heuhaufen ist dagegen nichts.

Aber der LHC ist nicht allein. In Chicago, am Fermi-Laboratorium steht der Beschleunigerkonkurrent Tevitron der Amerikaner. Er ist zwar kleiner als der LHC, läuft aber bereits seit Jahren Tag und Nacht und hat eine Flut von Daten angesammelt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Higgs bereits gezeigt hat, aber noch im Datenarchiv versteckt ist. Würde es demnächst ein Doktorand des Fermi-Lab recherchieren, es wäre eine emotionale Katastrophe für die CERN-Forscher. Die zügige Inbetriebnahme des LHC ist also sehr wichtig.

Derweil betrachtet Professor Emeritus Higgs von seinem schottischen Ruhesitz in Edinburg aus das Treiben der Jüngeren in Genf und Chicago. Er kann nahezu sicher sein, mit dem Nobelpreis der Physik ausgezeichnet zu werden, sofern man "sein Teilchen" findet - egal an welchem Ort.

Ein kleines Risiko verbleibt allerdings weiterhin bei ihm persönlich:
der Nobelpreis wird nur an lebende Personen vergeben,
und Peter Higgs wird am 29. Mai nächsten Jahres 80 Jahre alt.

Deshalb: Gute Gesundheit, Professor!

Dienstag, 9. September 2008

Älterwerden

Demnächst werde ich - Rätselfreunde aufgepasst! - einen dreiviertel runden Geburtstag feiern. In Anbetracht der vielen (und wertvollen) Geschenke, auf die ich mich jetzt schon freue, werden meine Gäste von mir wohl eine kleine Rede erwarten. Es wird deshalb Zeit, dass ich mir ein paar Gedanken darüber mache.

Rein numerisch lässt sich nicht verleugnen, dass ich langsam älter werde. Dieser Zeitpunkt kommt dann heran, wenn verdächtig viele Leute, ohne besonderen Anlass, plötzlich behaupten, dass man doch noch sooo jung aussehen würde. Ich lasse mich da nicht täuschen; der morgendliche Blick in den Spiegel bewahrt mich vor Illusionen. Im allgemeinen beginnt das Älterwerden mit dem Eintritt in den Ruhestand, also zwischen 60 und 65 Jahren - Frührentner und Münteferings 67er einmal ausgeklammert. Auf alle Fälle gehört man dann zur älteren Garde, wenn man beim Anziehen der Schuhe fragt: "Da ich schon mal unten bin, kann ich gleich noch etwas miterledigen?"

Der Übergang von dem Berufsstand in den Rentenstand fällt vielen nicht leicht, insbesondere die machtbewussten Politiker leiden darunter. Ich versuchte meine "Verlustängste" dadurch zu minimieren, dass ich jeweils am Ende einer grösseren Aufgabe - nennen wir es Projekt - ein Buch oder einen persönlich gehaltenen Bericht im Umfang von 150-200 Seiten geschrieben habe. Dabei rekapitulierte ich den gesamten Ablauf des Projekts, mit allen Hoch- und Tiefpunkten, sodass ich es fürderhin "geistig ablegen" konnte. So ist mittlerweile eine kleine Bibliothek für die Projekte FRM, KNKI, KNKII, SNR 300, EFR, und WAK entstanden, zuzüglich einem mehr persönlich gehaltenen Erinnerungsband "70 Jahre lang". Der "Blick zurück im Zorn" ist mir deshalb fremd. Hinter den genannten Abkürzungen verstecken sich übrigens die Namen für Kernreaktoren, Schnellbrüterkraftwerke sowie Wiederaufarbeitungsanlagen und seit die Kernenergie weltweit - ausser in Deutschland - eine Renaissance erfährt, erhalte ich immer wieder Anfragen früherer Kollegen aus Japan, USA, China etc. wie wir dieses oder jenes Problem, z.B. beim Schnellen Brüter in Kalkar gelöst haben. Dafür sind diese Bücher eine grosse Hilfe, denn im Gedächtnis habe ich die Details natürlich auch nicht mehr.

Ein Stammtisch ist eine praktische Einrichtung um mit der früheren Arbeitswelt in Verbindung zu bleiben - und trotzdem Abstand von ihr zu gewinnen. Wir haben einen solchen auf der Rheininsel Rott beim Fischrestaurant "Waldfrieden" eingerichtet. Hier treffen sich donnerstags jede Woche ehemalige FZK´ler und deren Freunde zu einer zwanglosen Mittagsrunde. Bei Zander und Riesling werden alle Probleme dieser Welt besprochen - und gelöst. Ein besonderes Auge richten wir immer wieder auf die aktuellen Vorgänge im Forschungszentrum, unserer früheren Arbeitsstätte. Die Entscheidungen unserer Nachfolger und deren Chefs werden kritisch durchleuchtet und mit äusserlichem Bedauern (und innerlicher Befriedigung) stellen wir immer wieder fest, dass "die Jungen" eben doch schwach sind und wir früher alles viel, viel besser gemacht haben. Wir waren eben die Grössten! Diese bescheidene Feststellung fördert das Wohlbefinden und die Verdauung, was für uns alte Knaben nicht das Schlechteste ist.

Mit der Entlassung in den Ruhestand wuchs auch mein Interesse am öffentlichen Leben in der Stadt Karlsruhe. So versäume ich kaum eine Stadtratssitzung und die Grossinvestitionen, wie Neue Messe, Hallenbad, Stadion und U-Strab sind mir mit all ihren finanziellen Schwachstellen durchaus geläufig. Das kommt auch in manchem meiner Leserbriefe in der BNN zum Ausdruck, die OB Fenrich und seine Bürgermeisterkollegen nicht immer erfreuen.

Interessante Gerichtsverhandlungen sehe ich mir vom Amtsgericht bis zum Bundesverfassungsgericht an und bin immer wieder fasziniert, zu welch überraschenden Urteilen die Richter kommen. Meine Devise ist deshalb: Gerichtsverfahren möglichst vermeiden! Denn der Spruch "Bei Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand" stimmt wirklich.

Auch die Hauptversammlungen der lokalen Aktiengesellschaften besuche ich häufig, denn dort kann man in 4 Stunden mehr über die Wirtschaft lernen als beim 4-wöchentlichen Lesen des "Handelsblatt". Ausserdem: wo sonst darf man ungestraft (als Kleinaktionär) mächtige Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsräte coram publico "beschimpfen", ohne, dass man unterbrochen oder sanktioniert wird?

Bevor ich ganz in diese öffentlichen Sphären entfleuche, konfrontiert mich meine liebe Frau Brigitte immer wieder mit den realen Problemen unserer kleinen häuslichen Welt. Es fing vor einigen Jahren ganz unschuldig damit an, dass bei unserem Wohnhaus in der Waldstadt und dem (ererbten) Haus im Fichtelgebirge ein paar durchkorrodierte Wasserrohre im Bereich der Bäder zu erneuern waren. Das war aber nur der Beginn. Was folgte war eine 2-jährige Sanierungs- und Renovierungsorgie, bei der beide Häuser vom Keller bis zum Dach umgekrempelt wurden. Nun gefallen sie uns weitaus besser und mein Bankkonto ist entsprechend geleichtert.

Beim Blick in die Tageszeitung - Reihenfolge: Todesanzeigen, Wetter, Sport, Politik - merkt man, dass die "Einschläge" immer näher kommen. Bekannte sterben, frühere Arbeitskollegen und immer wieder mal auch ein Freund. Das ist ein besonders schmerzhafter Verlust, denn ein alter Freund ist, wie das Sprichwort sagt, selbst durch zwei neue nicht zu ersetzen. Und auch die eigene Gesundheit lässt fühlbar nach. Immer wieder zwickt und zwackt es an allen möglichen Körperstellen und die Beschwerden gehen meist, trotz ärztlicher Bemühungen, nicht mehr ganz zurück.

Nun, nach dem Älterwerden kommt wohl unvermeidbar das Altwerden. Ich habe darüber noch keine einschlägige Erfahrung. Aber an einen Spruch der schwedischen Filmschauspielerin Liv Ullmann erinnere ich mich:

"Altwerden ist die einzige bekannte Methode,
um lange zu leben."

Sonntag, 7. September 2008

Knirschen bei KIT

Bei einem kürzlichen Interview zu KIT, das der Uni-Rektor Hippler und der FZK-Chef Umbach der BNN-Korrespondentin Elvira Weisenburger gegeben haben, konnte man zwischen den Zeilen deutlich herauslesen, dass es bei der geplanten Fusion der Technischen Universität mit dem Forschungszentrum Karlsruhe noch an vielen Stellen hapert.

Vorallem die ursprünglichen Terminvorstellungen scheinen sich in Luft aufzulösen. Wie erinnerlich, wollte man bei der Verkündigung von KIT (mitte 2006) die Vereinigung im Laufe des darauffolgenden Jahres 2007 vollzogen haben. Davon ist heute keine Rede mehr. Offensichtlich gibt es derzeit für KIT überhaupt keinen Zeitplan, denn Magnifizenz verweist bei entsprechenden Fragen vage in das Jahr 2009. Also: irgendwann. Das ist kaum verwunderlich. Denn für die Fusion der Bundes-GmbH FZK mit der Universität als Anstalt des öffentlichen Rechts benötigt man (als Folge der Föderalismusreform) ein eigenes Landesgesetz und dessen Entwurf wird immer noch auf der relativ niedrigen Referentenebene beraten. Wann er in die Ausschüsse des Landtags gelangt und danach schliesslich vom Parlament beschlossen wird, weiss zur Zeit niemand.

Mittlerweile hat sich auch der Betriebsrat des Forschungszentrums mit allerlei Bedenken zu Wort gemeldet. Es scheint, als kämen auf die dortigen Bundesbediensteten beachtliche Nachteile zu, insbesondere im Bereich der Zulagen. Die Chefs versuchen zwar zu beschwichtigen, aber bei der FZK ist man allgemein der Ansicht, dass sie die Verlierer der KIT-Fusion sein werden. Viele sehen das Zentrum zur "verlängerten Werkbank" der Uni degenerieren.

Um die Meinung der 8.000 Uni- und FZK-Mitarbeiter zu KIT festzustellen, wurde die Unternehmensberaterfirma Boston Consulting von Rektor und Vorstand mit einer - vertraulichen - Internetumfrage beauftragt. Das Ergebnis war mager und aufschlussreich zugleich: nur 30% der künftigen Belegschaft beantworteten überhaupt die gestellten Fragen. Von denen waren nur 43 %, also eine klare Minderheit mit KIT voll einverstanden, die restlichen 57 % gar nicht oder nur zu Teilen. Boston Consulting verkaufte dieses mickrige Resultat trotzdem als Zeichen voller Zustimmung der Belegschaft, wohl nach dem Motto: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing."

Vor wenigen Wochen wurde der Uni die Nutzung des KSC-Stadions angedient. Durch den Bundestagsabgeordneten Wellenreuther, der dafür aber gar nicht zuständig ist. Professor Hippler sagte trotzdem sofort zu, wohl eingedenk des Spruchs "Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul" und ungeachtet der Tatsache, dass die wenigen hundert Sportstudenten ein bundesligataugliches Stadion nie und nimmer sinnvoll nutzen können und dass für das umgebende Gelände ein Bebauungsverbot existiert. Die Sache ist noch am Kochen, aber jetzt schon kann man sagen, dass sich Magnifizenz mit dieser schnellen Zusage weder bei Minister Frankenberg noch bei Oberbürgermeister Fenrich sonderlich beliebt gemacht hat.

Einige tüchtige Gruppen- und Abteilungsleiter des Forschungszentrums machen sich Hoffnungen in den nächsten Jahren zu (Junior-)Professoren aufzusteigen, denn die Massenuniversität Karlsruhe muss dringend ihr Verhältnis von Lehrenden zu Studenten verbessern. Den alteingesessenen Fakultätsmitgliedern sind solche "Seiteneinsteiger" jedoch suspekt. Wahrscheinlich schiebt man die Applikanden in den Praktikums- und Übungsbetrieb ab und ob dafür Professorentitel winken, ist durchaus fraglich.

Ein grosses Thema unter den arrivierten Professoren ist derzeit ihre künftige Gehaltseinstufung. Bisher erhielten alle Ordinarien (von Zulagen abgesehen) in etwa die gleiche Bezahlung. Das soll sich in Zukunft ändern. Die "geistigen Spitzenreiter" werden - nach Hippler - bald mit einer signifikanten Erhöhung ihrer Bezüge rechnen können, z. T. aus der Hektorstiftung, z. T. aus Landesmitteln und Drittmitteln. Es wird demnächst also "first-class" und "sub-prime" Professoren geben.

Da die menschliche Psyche - Scheel und Neid - sich aber kaum ändern wird, kann man auf interessante Debatten innerhalb der Professorenschaft gespannt sein. Insbesondere beim "Anwerben" von internationalen Geistesheroen könnte es bald zugehen wie im Fussballgeschäft. Gelingt es der Elite-Uni Karlsruhe die ebenfalls elitäre ETH Zürich zu überbieten, dann schwebt der "Physiker-Klinsmann", samt Mitarbeiter und sonstigem Gefolge,eben nach Karlsruhe ein - für einige Jahre. Einen leichtenVorgeschmack erlebte man vor einigen Jahren bereits im Nanobereich des Forschungszentrums. Dort wurde - auf dem Briefbogen - ein leibhaftiger Nobelpreisträger aus Strassburg als Institutsleiter ausgewiesen. Zu Gesicht bekommen haben ihn bei FZK nur wenige.

Hellhörig macht, dass Hippler und Umbach in dem erwähnten Interview ankündigen, dass sie demnächst in die USA fahren würden, um dort mit dem Firmen IBM und Hewlett Packard Forschungskooperationen zu vereinbaren. Ausgerechnet mit diesen genuin US-amerikanischen Unternehmen HP und IBM! Wo bleibt da der Nutzen für die Bundesrepublik Deutschland? Warum soll der deutsche Steuerzahler die Forschungen dieser US-Riesen mitfinanzieren, nur damit diese demnächst mit den so generierten Produkten unsere inländischen Firmen an die Wand drücken?

Nein, da macht es die Universität Heidelberg - seit kurzem ebenfalls elitär - schon besser. Diese hat sich vor wenigen Monaten mit der Uni Mannheim und den regionalen deutschen Industrieunternehmen SAP, BASF, Merck, Heidelbergdruck sowie weiteren zu einem Forschungsverbund zusammen geschlossen. In enger Kooperation will man organische Leuchtdioden, OLED genannt, entwickeln. Als druckfähige Dünnstschichtzellen haben die OLEDs das Potential, die derzeitigen Siliziumsonnenzellen abzulösen, womit sich ein gigantischer Markt auftut. Im Erfolgsfalle könnte Nordbaden zu einem deutschen Silicon Valley werden.

Hoffenheim lässt grüssen.

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de