Der Energiemarkt hat sich in den vergangenen vier Jahren total umgekrempelt. Als im Jahr 2008 die Ölpreise in die Höhe schossen, schien die Welt in einem Energiehunger zu versinken. Die Vorräte an Erdgas - so schätzten die Experten - würden in 30 bis 40 Jahren zu Ende gehen. Die USA sah sich auf ewige Zeiten als Energieimportland an. Inzwischen haben sich Angebot, Nachfrage und Preise der Ressource Gas auf dem Weltmarkt drastisch verändert: das Angebot ist deutlich gestiegen und die Preise beginnen zu fallen.
Die USA sind Selbstversorger
Die Ursache für das verbesserte Angebot an Gas in den Vereinigten Staaten ist die Förderung des Schiefergases, das allenthalben im Land gefunden wird. Es war bis vor wenigen Jahren noch unerreichbar, da es in tiefen Gesteinsschichten in nur verdünnter Form eingelagert ist. Durch die Entwicklung der "Fracking-Methode" hat sich dies grundlegend verändert. Tiefbohrungen und das Einpressen eines Gemisches aus Wasser, Sand und Chemikalien befreien dieses unkonventionelle Gas aus dem Gestein. Die Folge ist, dass die USA beim Erdgas inzwischen zum Selbstversorger auf dem Gasmarkt aufsteigen konnten, also nicht mehr auf Importe angewiesen sind. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Amerikaner demnächst Fracking-Gas exportieren werden. Das überschüssige Gas aus Saudi-Arabien und Afrika drängt jetzt bereits als Flüssiggas auf die Spotmärkte in Europa. Zuweilen kostet es dort nur noch die Hälfte des konkurrierenden russischen Gases aus Pipelines.
Die Unternehmensberater bei A. T. Kearney sagen in einer kürzlichen Studie einen Rückgang des Gaspreises um 60 Prozent für das Jahr 2015 voraus. Dann wird der Handelspreis auf dem Spotmarkt endgültig wichtiger sein, als der "Pipeline-Preis" der traditionellen Anbieter.
Limitierend für die Förderung des Schiefergases in den USA ist derzeit die Bereitstellung von Sand, genauer gesagt von "Fracksand". Dies ist jener Sand, welcher, wie oben beschrieben, in die Bohrlöcher gepresst wird. Die dafür benötigten Sandkörner sind runder als jene von den Sandstränden und kommen vorallem aus dem Mittleren Westen der USA. Mit Lastwagen und Güterzügen werden sie zu den Gasfeldern transportiert. Die Nachfrage nach Fracksand ist seit dem Jahr 2009 um 300 Prozent gestiegen. Kein Wunder, dass die Lieferfirmen mit der Produktion kaum nachkommen.
Gazprom, ein schwächelnder Riese
Das verstärkte Angebot an Schiefergas (und Flüssiggas) hat den russischen Riesenkonzern Gazprom kalt erwischt. Man kann es am Börsenwert ablesen. Vor wenigen Jahren hatte diese Firma noch einen Wert von 300 Milliarden Dollar und war auf dem Weg, diesen auf eine Billion zu steigern. Inzwischen ist der Aktienwert auf 120 Milliarden Dollar abgesunken und die Internationale Energieagentur sagt sogar voraus, dass Gazprom seine Stellung als Marktführer im kommenden Jahrzehnt verlieren könnte.
Aber noch ist Gazprom ein veritabler Konzern. Im Vorjahr machte er satte 34 Milliarden Euro Gewinn, was Ministerpräsident Putin ermöglichte, damit grosse Teile seiner Staatsausgaben zu finanzieren. Ansonsten sponsern die Manager von Gazprom mit ihren Einnahmen bekannte westliche Fussballvereine wie FC Chelsea London, Schalke 04 - und Solarien für edle Rennpferde. Aber durch das auf den Markt drängende Frackinggas gerät die Firmenpolitik doch ins Schwanken. Bisher war es eiserne Strategie im Konzern, die gesamte Verwertungskette, vom Bohrloch bis zum Endverbraucher, zu kontrollieren. (Manche Ostländer sind bis zu 100 Prozent von Gazprom abhängig). Diese Monopolstellung wird in Zukunft nicht mehr zu halten sein.
Schon heute stemmen sich westeuropäische Gaseinkäufer gegen die Preispolitik des russischen Giganten. Das deutsche Energieversorgungsunternehmen Eon hat bereits kurzfristige Lieferverträge ausgehandelt und die Abkopplung der Gaspreise vom Ölpreis durchgesetzt. Damit einher gehen sehr viel niedrigere Tarife, welche hoffentlich von den deutschen Stadtwerken an ihre Privatkunden weiter gegeben werden. Auch die EU-Kommission in Brüssel attackiert Gasprom, indem sie kürzlich eine offizielle Untersuchung wegen "Missbrauchs der Marktmacht" eingeleitet hat. Das Ziel ist, dem russischen Konzern die Transportwege (Pipelines) zu entwinden, wie es bereits auf dem deutschen Strommarkt mit den nationalen Hochspannungsnetzen der EVU geschehen ist. Noch wehrt sich der Riese, aber er musste zwischen Januar und März Preisnachlässe von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugestehen. Und das ist nur der Anfang.
Zur Kompensation will Gazprom verstärkt Gas nach Asien, insbesondere nach China und Südkorea liefern. Aber die Chinesen sind zähe Verhandler und bevorzugen bislang das Gas aus Turkmenistan, welches zudem um 40 Prozent billiger ist. Für die Zukunft liebäugelt die chinesische Führung mit der Ausbeutung ihrer eigenen Vorräte an Schiefergas. Nach geologischen Schätzungen gehören sie zu den grössten der Welt; sie sollen mächtiger sein als die in den USA!
Chancen für Deutschland
Das in der Zukunft zu erwartende höhere und billigere Angebot von Erdgas wird auch den Bau von Gaskraftwerken in Deutschland beflügeln. Viele Projekte sind in der Planung (auch in Karlsruhe), aber nur drei, eher kleinere, Gasblöcke sind derzeit wirklich in Bau. Dem stehen neun, deutlich umweltschädlichere Kohle- und Braunkohlekraftwerke gegenüber. Die Kosten für die Kohleverstromung liegen bei 50 Euro pro Megawattstunde, bei Gas schlagen sie noch mit 54 Euro zu Buche.
Das wird sich ändern, wenn die oben beschriebene Gasschwemme auch permanent in Mitteleuropa angekommen sein wird. Zur Zeit fehlt es bei Flüssiggas noch an geeigneten Häfen. In den USA ist der Bau von Exporthäfen für das verflüssigte Schiefergas bereits im Gange, in Katar sind die grossen Umschlaghäfen für die Tanker erst in der Planung. Mit niedrigeren Einstandspreisen für Erdgas werden die Gaskraftwerke rentabel werden und eine wichtige Position bei der sogenannten Energiewende einnehmen. Es ist zu vermuten, dass sie die Braunkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen sukzessive aus den Markt drängen werden, insbesondere, wenn der Malus für die Verschmutzungsrechte, wie politisch gewollt, wieder ansteigen wird.
Sonntag, 23. September 2012
Sonntag, 16. September 2012
Die Speicherung von Windstrom
Es ist eine bekannte Tatsache, dass Windstrom und Solarenergie im Tages- und Jahresverlauf stark schwanken können und, dass eine Vorhersage nur für einen kurzen Zeitraum möglich ist. Die Energieeinspeisung kann jedoch heute schon enorm sein. Wenn der Wind kräftig weht, muss der Strom aus 30.000 Megawatt (MW) Windleistung verteilt werden. Scheint mittags bundesweit die Sonne, so können noch einmal 25.000 MW an Solarleistung hinzu kommen. Zu einer windigen Stunde im Sommer könnten Wind- und Sonnenenergie also bereits heute die ganze Republik mit Strom versorgen.
Dieser an sich erfreuliche Umstand birgt aber auch ein Problem: Wohin mit dem Strom, wenn das Angebot höher ist als der Bedarf und wenn regional mehr eingespeist wird, als über die Netze verteilt werden kann? An manch windigen Tagen müssen Windparks aufgrund der knappen Leitungen "abgeregelt", d. h. abgeschaltet werden. Zwar hat dies keine finanzielle Auswirkungen (worauf clevere Betreiber wie PROKON immer wieder hinweisen), da auch die nicht erzeugte Strommenge per Gesetz vergütet wird. Im Endeffekt zahlen aber die Privatverbraucher das alles über die berüchtigte EEG-Zulage. Diese beträgt zur Zeit bei Windstrom knapp 9 Cent pro Kilowattstunde; bei Solarstrom sind es 16,5 ct/kWh.
Pumpspeicher keine Lösung
Als Ausweg in der Speicherfrage wird häufig auf die Pumpspeicherkraftwerke in den Mittelgebirgen und in den Alpen verwiesen. Im Kern entfällt damit aber nicht das Problem der unzureichend ausgebauten Stromnetze, denn auch hier liegen Energieerzeuger und Speicher zumeist räumlich weit voneinander entfernt. Idealerweise müsste sich der Energiespeicher dort befinden, wo der Strom erzeugt wird, um ihn bedarfsgerecht dahin abzugeben, wo er gebraucht wird.
Dieses Dilemma erleben zur Zeit die Schweizer Lieferanten von Pumpspeicherstrom hautnah. Deutscher Wind- und Solarstrom lässt ihre Strompreise zeitweise ins Bodenlose sinken; die Rentabilität laufender Projekte ist in Gefahr. In der Vergangenheit trieb günstiger Atom- und Kohlestrom zu Nacht- und Ferienzeiten die Pumpen in den Alpen an. Zur Mittagszeit lieferten die Schweizer Stromhändler Spitzenenergie für gutes Geld nach Norden. Heute müssen sie feststellen, dass ihr einst hochwertiger Strom dort nicht mehr gebraucht wird. "Die deutschen Wind- und Sonnenparks haben unser Geschäft kaputt gemacht", klagte kürzlich eine Stromhändlerin bewegt in der Neuen Züricher Zeitung. Im Jahr 2008 erzielten die Schweizer Pumpspeicherunternehmen noch 2 Milliarden Franken an Einnahmen; inzwischen haben sich diese halbiert. Das führt zu der brisanten Frage: Wer bezahlt für die 4,5 Mrd. Fr. teuren Spitzenkraftwerke, welche derzeit iin der Schweiz schon im Bau sind? Ein neues Geschäftsmodell wird händeringend gesucht.
Wind zu Gas
Statt Pumspeicher ist derzeit der Ansatz "Wind-to-Gas" in aller Munde. Aus Windstrom soll Gas gemacht werden. Gas kann man speichern und über Rohrleitungen dorthin befördern, wo es gebraucht wird. Verschiedene Verfahren sind in der Planung, wovon drei kurz beschrieben werden sollen. Bei der Elektrolyse wird die elektrische Energie (der Windräder) genutzt, um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Der Wasserstoff kann dann als Gas in Brennstoffzellen oder in Verbrennungsmotoren zu Strom und Wärme gewandelt werden. Allerdings lässt sich reiner Wasserstoff schwer speichern, da das Gas sehr flüchtig ist. Die Speicherung unter hohem Druck und niedrigen Temperaturen erfordert spezielle Tanks und der Komprimierungsvorgang verschlingt nochmals 10 bis 20 % der eingesetzten Energie. Eine Alternative ist die Beimischung des Wasserstoffs in das Erdgasnetz, was aber nur bis zu einem Anteil von 5 % zulässig ist. Der Grund: viele Gasturbinen in konventionellen Gaskraftwerken funktionieren bei einem höheren Wasserstoffgehalt im Erdgas nicht mehr.
Ein anderer Prozess, der unter dem Ansatz Wind-zu-Gas verfolgt wird, ist die Methanisierung. Dazu wird mit einer Luftzerlegungsanlage Kohlendioxid aus der Umgebungsluft gefiltert. Den im Kohlendioxid enthaltenen Kohlenstoff lässt man mit dem zuvor gewonnenen Wasserstoff reagieren und erhält sodann Methan. Dieses Erdgas kann man ohne Probleme in das bestehende Erdgasnetz einspeisen. Das Gasnetz ist dabei Speicher und Transportweg zugleich. Die Erdgasspeicherkapazitäten in Deutschland sind riesig und können, je nach Witterung, die ganze Republik für 2 bis 5 Monate vollständig mit Energie (Strom und Wärme) versorgen.
Eine dritte Methode wird von dem schon erwähnten Betreiber Prokon propagiert. Sie beruht auf der Umwandlung des "Windgases" in flüssige Kohlenwasserstoffe für Autos, was sich bereits jetzt bei hohen Benzinpreisen lohnen soll. Entsprechende Forschungsarbeiten sind bei dieser Firma im Gange.
Wirtschaftlichkeit und Finanzierung
Ein Knackpunkt bei all den genannten Verfahren ist ihre Wirtschaftlichkeit und, damit verbunden, die Finanzierung. Sowohl für die Aufspaltung des Wassers, als auch für die Luftzerlegung, benötigt man viel Energie, was mit den Wirkungsgraden dieser Prozesse zusammen hängt. Für die Erzeugung von Wasserstoff rechnet man mit Wirkungsgraden von 57 bis 73 %, für die Methanisierung mit 50 bis 64 %. Erzeugt man aus diesem Gas wiederum Strom, so fallen die Wirkungsgrade auf bescheidene 34 bis 44 %, bzw. 30 bis 38 %. Das bedeutet, dass rund zwei Drittel der ursprünglichen Stromenergie verloren gehen. Nutzt man noch die entstehende Wärme aus (durch Kraftwärmekopplung), so steigen die Wirkungsgrade bei Wasserstoff auf 48 bis 62 % an, bei Methan auf 43 bis 54 %. Da nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, an diesem Problem gearbeitet wird, darf man in Zukunft wohl auf eine Steigerung der Effizienz hoffen.
Bleibt noch die Finanzierung als Problempunkt. Heute kann ein Windpark an Land mit der gesetzlich festgelegten Vergütung von 8,93 ct/kWh wirtschaftlich betrieben werden. Dieser günstig hergestellte Strom muss dann eigentlich nur noch zum Verbraucher kommen, der dafür heute allerdings im Schnitt 25 ct/kWh bezahlen muss. Woher kommt dieser riesige Unterschied? Die untenstehende Abbildung zeigt die Kostenkomponenten des Strompreises im Jahr 2011 für Privathaushalte. Viele verdienen sich daran eine goldene Nase, deren Beteiligung an der Wertschöpfung fraglich ist. Aber das muss - und sollte - nicht auf alle Zeiten so bleiben. Lässt man nur die Umsatzsteuer gelten, so könnten beispielsweise die Netzentgelte, Konzessionsabgabe und (mittelfristig) auch die EEG-Umlage zur Finanzierung der oben genannten Verfahren herangezogen werden.
Eines kann man jetzt schon vorhersagen: will man grossflächig auf Wind- und Solarenergie umstellen, dann wird die deutsche Stromwirtschaft total umgekrempelt werden müssen. Dazu müssen auch noch die technischen und wirtschaftlichen Besonderheiten der Biogasanlagen und der kleinen Blockkraftwerke berücksichtigt werden, die oben noch gar nicht angesprochen wurden.
Dieser an sich erfreuliche Umstand birgt aber auch ein Problem: Wohin mit dem Strom, wenn das Angebot höher ist als der Bedarf und wenn regional mehr eingespeist wird, als über die Netze verteilt werden kann? An manch windigen Tagen müssen Windparks aufgrund der knappen Leitungen "abgeregelt", d. h. abgeschaltet werden. Zwar hat dies keine finanzielle Auswirkungen (worauf clevere Betreiber wie PROKON immer wieder hinweisen), da auch die nicht erzeugte Strommenge per Gesetz vergütet wird. Im Endeffekt zahlen aber die Privatverbraucher das alles über die berüchtigte EEG-Zulage. Diese beträgt zur Zeit bei Windstrom knapp 9 Cent pro Kilowattstunde; bei Solarstrom sind es 16,5 ct/kWh.
Pumpspeicher keine Lösung
Als Ausweg in der Speicherfrage wird häufig auf die Pumpspeicherkraftwerke in den Mittelgebirgen und in den Alpen verwiesen. Im Kern entfällt damit aber nicht das Problem der unzureichend ausgebauten Stromnetze, denn auch hier liegen Energieerzeuger und Speicher zumeist räumlich weit voneinander entfernt. Idealerweise müsste sich der Energiespeicher dort befinden, wo der Strom erzeugt wird, um ihn bedarfsgerecht dahin abzugeben, wo er gebraucht wird.
Dieses Dilemma erleben zur Zeit die Schweizer Lieferanten von Pumpspeicherstrom hautnah. Deutscher Wind- und Solarstrom lässt ihre Strompreise zeitweise ins Bodenlose sinken; die Rentabilität laufender Projekte ist in Gefahr. In der Vergangenheit trieb günstiger Atom- und Kohlestrom zu Nacht- und Ferienzeiten die Pumpen in den Alpen an. Zur Mittagszeit lieferten die Schweizer Stromhändler Spitzenenergie für gutes Geld nach Norden. Heute müssen sie feststellen, dass ihr einst hochwertiger Strom dort nicht mehr gebraucht wird. "Die deutschen Wind- und Sonnenparks haben unser Geschäft kaputt gemacht", klagte kürzlich eine Stromhändlerin bewegt in der Neuen Züricher Zeitung. Im Jahr 2008 erzielten die Schweizer Pumpspeicherunternehmen noch 2 Milliarden Franken an Einnahmen; inzwischen haben sich diese halbiert. Das führt zu der brisanten Frage: Wer bezahlt für die 4,5 Mrd. Fr. teuren Spitzenkraftwerke, welche derzeit iin der Schweiz schon im Bau sind? Ein neues Geschäftsmodell wird händeringend gesucht.
Wind zu Gas
Statt Pumspeicher ist derzeit der Ansatz "Wind-to-Gas" in aller Munde. Aus Windstrom soll Gas gemacht werden. Gas kann man speichern und über Rohrleitungen dorthin befördern, wo es gebraucht wird. Verschiedene Verfahren sind in der Planung, wovon drei kurz beschrieben werden sollen. Bei der Elektrolyse wird die elektrische Energie (der Windräder) genutzt, um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Der Wasserstoff kann dann als Gas in Brennstoffzellen oder in Verbrennungsmotoren zu Strom und Wärme gewandelt werden. Allerdings lässt sich reiner Wasserstoff schwer speichern, da das Gas sehr flüchtig ist. Die Speicherung unter hohem Druck und niedrigen Temperaturen erfordert spezielle Tanks und der Komprimierungsvorgang verschlingt nochmals 10 bis 20 % der eingesetzten Energie. Eine Alternative ist die Beimischung des Wasserstoffs in das Erdgasnetz, was aber nur bis zu einem Anteil von 5 % zulässig ist. Der Grund: viele Gasturbinen in konventionellen Gaskraftwerken funktionieren bei einem höheren Wasserstoffgehalt im Erdgas nicht mehr.
Ein anderer Prozess, der unter dem Ansatz Wind-zu-Gas verfolgt wird, ist die Methanisierung. Dazu wird mit einer Luftzerlegungsanlage Kohlendioxid aus der Umgebungsluft gefiltert. Den im Kohlendioxid enthaltenen Kohlenstoff lässt man mit dem zuvor gewonnenen Wasserstoff reagieren und erhält sodann Methan. Dieses Erdgas kann man ohne Probleme in das bestehende Erdgasnetz einspeisen. Das Gasnetz ist dabei Speicher und Transportweg zugleich. Die Erdgasspeicherkapazitäten in Deutschland sind riesig und können, je nach Witterung, die ganze Republik für 2 bis 5 Monate vollständig mit Energie (Strom und Wärme) versorgen.
Eine dritte Methode wird von dem schon erwähnten Betreiber Prokon propagiert. Sie beruht auf der Umwandlung des "Windgases" in flüssige Kohlenwasserstoffe für Autos, was sich bereits jetzt bei hohen Benzinpreisen lohnen soll. Entsprechende Forschungsarbeiten sind bei dieser Firma im Gange.
Wirtschaftlichkeit und Finanzierung
Ein Knackpunkt bei all den genannten Verfahren ist ihre Wirtschaftlichkeit und, damit verbunden, die Finanzierung. Sowohl für die Aufspaltung des Wassers, als auch für die Luftzerlegung, benötigt man viel Energie, was mit den Wirkungsgraden dieser Prozesse zusammen hängt. Für die Erzeugung von Wasserstoff rechnet man mit Wirkungsgraden von 57 bis 73 %, für die Methanisierung mit 50 bis 64 %. Erzeugt man aus diesem Gas wiederum Strom, so fallen die Wirkungsgrade auf bescheidene 34 bis 44 %, bzw. 30 bis 38 %. Das bedeutet, dass rund zwei Drittel der ursprünglichen Stromenergie verloren gehen. Nutzt man noch die entstehende Wärme aus (durch Kraftwärmekopplung), so steigen die Wirkungsgrade bei Wasserstoff auf 48 bis 62 % an, bei Methan auf 43 bis 54 %. Da nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, an diesem Problem gearbeitet wird, darf man in Zukunft wohl auf eine Steigerung der Effizienz hoffen.
Bleibt noch die Finanzierung als Problempunkt. Heute kann ein Windpark an Land mit der gesetzlich festgelegten Vergütung von 8,93 ct/kWh wirtschaftlich betrieben werden. Dieser günstig hergestellte Strom muss dann eigentlich nur noch zum Verbraucher kommen, der dafür heute allerdings im Schnitt 25 ct/kWh bezahlen muss. Woher kommt dieser riesige Unterschied? Die untenstehende Abbildung zeigt die Kostenkomponenten des Strompreises im Jahr 2011 für Privathaushalte. Viele verdienen sich daran eine goldene Nase, deren Beteiligung an der Wertschöpfung fraglich ist. Aber das muss - und sollte - nicht auf alle Zeiten so bleiben. Lässt man nur die Umsatzsteuer gelten, so könnten beispielsweise die Netzentgelte, Konzessionsabgabe und (mittelfristig) auch die EEG-Umlage zur Finanzierung der oben genannten Verfahren herangezogen werden.
Aufteilung des Strompreises 2011 für Privathaushalte
Eines kann man jetzt schon vorhersagen: will man grossflächig auf Wind- und Solarenergie umstellen, dann wird die deutsche Stromwirtschaft total umgekrempelt werden müssen. Dazu müssen auch noch die technischen und wirtschaftlichen Besonderheiten der Biogasanlagen und der kleinen Blockkraftwerke berücksichtigt werden, die oben noch gar nicht angesprochen wurden.
Sonntag, 9. September 2012
KIT oder der Abstieg der Professoren
Unter Wilhelm von Humboldt war die Universität ein Ort der "Lehrenden und Lernenden", also der Professoren und der Studenten. Diese beiden Gruppen sucht man im Organigramm des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) vergeblich. Dort (Stand November 2011) steht das Präsidium mit seinen zwei Präsidenten und vier Vizepräsidenten im Mittelpunkt. (Inzwischen hat ein Präside das Weite gesucht). Darüber rangiert der industrielastige Aufsichtsrat, darunter sind die Chief Officers angesiedelt, deren Aufgabe diffus ist und für die es keinen deutschen Namen gibt. Erst danach - in der 4. Ebene - werden die Fakultäten der ehemaligen Technischen Universität aufgezählt. Namentlich werden weder die Dekane noch die Professoren erwähnt. Die Institutsleiter des früheren Forschungszentrums FZK sind ebenfalls namenlos. Ihre Institute werden erst auf der 6. Hierarchieebene genannt. Das Organigramm deklariert, wer bei KIT das Sagen hat: das Präsidium! Die Professoren als Träger der wissenschaftlichen Arbeit bleiben anonym.
Ein aufschlussreicher Schlüsselroman
Kann man sich, bei diesen klaren Rangabstufungen zuungunsten der Professoren, überhaupt vorstellen, dass etwa ein Dekan des heutigen KIT mit dem derzeitigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann korrespondiert und ihm - ohne das Präsidium zu fragen - den Doktortitel honoris causa seiner Fakultät anbietet? Heute wäre das vollkommen ausgeschlossen, aber vor 29 Jahren ist genau dies geschehen. Nichts bescheinigt den Abstieg der KIT-Professorenschaft deutlicher, als diese Geschichte. Sie ist in dem Buch "Monrepos" von Manfred Zach nachzulesen, etwa in der Mitte des 500-Seiten-Romans unter den Kapiteln "Honoris causa" und "Kaskaden und Kurven". Bei einer kürzlichen Lesung in den Räumen der Karlsruher Literarischen Gesellschaft hat der Autor auf Nachfragen bekräftigt, dass alle im Buch genannten Behauptungen voll der Realität entsprechen.
Monrepos ist ein Schlüsselroman, der die Ereignisse während der Regierung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth wahrheitsgetreu darstellt, allerdings die Namen der verschiedenen Politiker und Beamten verschlüsselt. So heisst Lothar Späth dort Oskar Specht, sein Minister Mayer-Vorfelder wird zu Müller-Prellwitz und der Author und Späths Pressereferent Manfred Zach hat sich selbst in Werner Gundelach umbenannt.
Ein mutiger Dekan
Die Geschichte beginnt mit einem Brief des Karlsruher Professors Rudolf Henn (alias Werner Wrangel), der 1983 Dekan der wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät an der Technischen Universität war. Henn fragte beim Öffentlichkeitsreferat des Ministerpräsidenten an, ob MP Späth geneigt wäre , den Ehrendoktor seiner Wirtschaftsfakultät anzunehmen. Die Anfrage löste etwas Erstaunen aus, aber das Referat beschloss, Manfred Zach nach Karlsruhe zu schicken, um darüber nähere Informationen einzuholen.
Dort traf Zach erstmals auf Henn, welcher Direktor des Instituts für Mathematische Wirtschaftstheorie und Operations Research sowie Dekan der Fakultät war. Zach beschreibt Henn im Buch als einen kleinen und hageren Mann mit federndem Gang und einem Händedruck wie ein Schraubstock. Der Professor war sehr angetan von der Wirtschaftspolitik des Ministerpräsidenten, die durch Technologietranfer und staatlich geförderte Infrastrukturprogramme charakterisiert war. Dafür habe der MP seines Erachtens den Ehrendoktor verdient. Zach fiel fast vom Stuhl, als der Professor ihm lachend eingestand, dass er von dieser Absicht weder den Rektor, noch den Grossen Senat, ja, noch nicht einmal den eigenen Fakultätsrat informiert habe. Beruhigend fügte er hinzu: Machen Sie sich keine Sorgen, ich setze das schon rechtzeitig durch; aber vorher muss ich wissen, ob dem MP eine Promotion politisch überhaupt in den Kram passt.
Etwas besorgt fuhr Ministerialrat Zach in die Villa Reitzenstein (Monrepos) zurück und bastelte an einer Vorlage für seinen Chef. Überraschenderweise fand der Nichtabiturient Späth aber Gefallen an dieser vorgeschlagenen Ehrung und man liess Henn/Wrangel wissen, dass das Sommersemester 1984 der geeignete Zeitraum dafür sei. Schon kurze Zeit später signalisierte Henn an Zach, dass die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften einstimmig und ohne Enthaltung beschlossen habe, dem Ministerpräsidenten die Würde des Doktors der Wirtschaftswissenschaften ehrenhalber (Dr. rer. pol.h.c.) zu verleihen. Über die Einbeziehung des Rektors verlor er kein Wort. Stattdessen waren offensichtlich einige Honorarprofessoren - Vorstände von Banken, Versicherungen und Bausparkassen - sehr hilfreich, als es galt, zögerliche C4-Professoren von den wissenschaftlichen Qualitäten des Landesvaters zu überzeugen.
Das Festkolloquium im Audimax der Technischen Universität Karlsruhe fand vor einer beeindruckenden Kulisse statt. Der akademische Hochadel war bis aus der Schweiz angereist und die neugierigen Studenten belegten den Saal bis zur letzten Reihe. Professor Henn hielt die Laudatio und warf mit Hilfe des Overheadprojektors Philippskurven, Hicksdiagramme, komparative Analysen und totale Differentiale an die Wand. Sie alle bestätigten, dass die Späthsche Technologie- und Infrastrukturförderung dem Musterländle gut bekommen ist. Der Geehrte war klug genug, sich nicht auf dieses Terrain zu begeben. Stattdessen plauderte er in seiner Dankesrede locker über (das damals noch musterhafte) Japan und die Eskapaden des Grafen Lambsdorf, womit er die Lacher auf seiner Seite hatte. Anschliessend nahm er strahlend die Doktorurkunde in Empfang.
Von da an dauerte es keine zwei Wochen mehr, bis der neue Titel Briefbögen und Visitenkarten des Dr. h. c. Lothar Späth zierte.
Ein aufschlussreicher Schlüsselroman
Kann man sich, bei diesen klaren Rangabstufungen zuungunsten der Professoren, überhaupt vorstellen, dass etwa ein Dekan des heutigen KIT mit dem derzeitigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann korrespondiert und ihm - ohne das Präsidium zu fragen - den Doktortitel honoris causa seiner Fakultät anbietet? Heute wäre das vollkommen ausgeschlossen, aber vor 29 Jahren ist genau dies geschehen. Nichts bescheinigt den Abstieg der KIT-Professorenschaft deutlicher, als diese Geschichte. Sie ist in dem Buch "Monrepos" von Manfred Zach nachzulesen, etwa in der Mitte des 500-Seiten-Romans unter den Kapiteln "Honoris causa" und "Kaskaden und Kurven". Bei einer kürzlichen Lesung in den Räumen der Karlsruher Literarischen Gesellschaft hat der Autor auf Nachfragen bekräftigt, dass alle im Buch genannten Behauptungen voll der Realität entsprechen.

Der Schlüsselroman "Monrepos" über die Ära Lothar Späth
Monrepos ist ein Schlüsselroman, der die Ereignisse während der Regierung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth wahrheitsgetreu darstellt, allerdings die Namen der verschiedenen Politiker und Beamten verschlüsselt. So heisst Lothar Späth dort Oskar Specht, sein Minister Mayer-Vorfelder wird zu Müller-Prellwitz und der Author und Späths Pressereferent Manfred Zach hat sich selbst in Werner Gundelach umbenannt.
Ein mutiger Dekan
Die Geschichte beginnt mit einem Brief des Karlsruher Professors Rudolf Henn (alias Werner Wrangel), der 1983 Dekan der wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät an der Technischen Universität war. Henn fragte beim Öffentlichkeitsreferat des Ministerpräsidenten an, ob MP Späth geneigt wäre , den Ehrendoktor seiner Wirtschaftsfakultät anzunehmen. Die Anfrage löste etwas Erstaunen aus, aber das Referat beschloss, Manfred Zach nach Karlsruhe zu schicken, um darüber nähere Informationen einzuholen.
Dort traf Zach erstmals auf Henn, welcher Direktor des Instituts für Mathematische Wirtschaftstheorie und Operations Research sowie Dekan der Fakultät war. Zach beschreibt Henn im Buch als einen kleinen und hageren Mann mit federndem Gang und einem Händedruck wie ein Schraubstock. Der Professor war sehr angetan von der Wirtschaftspolitik des Ministerpräsidenten, die durch Technologietranfer und staatlich geförderte Infrastrukturprogramme charakterisiert war. Dafür habe der MP seines Erachtens den Ehrendoktor verdient. Zach fiel fast vom Stuhl, als der Professor ihm lachend eingestand, dass er von dieser Absicht weder den Rektor, noch den Grossen Senat, ja, noch nicht einmal den eigenen Fakultätsrat informiert habe. Beruhigend fügte er hinzu: Machen Sie sich keine Sorgen, ich setze das schon rechtzeitig durch; aber vorher muss ich wissen, ob dem MP eine Promotion politisch überhaupt in den Kram passt.
Der Autor Manfred Zach (um 1996)
Etwas besorgt fuhr Ministerialrat Zach in die Villa Reitzenstein (Monrepos) zurück und bastelte an einer Vorlage für seinen Chef. Überraschenderweise fand der Nichtabiturient Späth aber Gefallen an dieser vorgeschlagenen Ehrung und man liess Henn/Wrangel wissen, dass das Sommersemester 1984 der geeignete Zeitraum dafür sei. Schon kurze Zeit später signalisierte Henn an Zach, dass die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften einstimmig und ohne Enthaltung beschlossen habe, dem Ministerpräsidenten die Würde des Doktors der Wirtschaftswissenschaften ehrenhalber (Dr. rer. pol.h.c.) zu verleihen. Über die Einbeziehung des Rektors verlor er kein Wort. Stattdessen waren offensichtlich einige Honorarprofessoren - Vorstände von Banken, Versicherungen und Bausparkassen - sehr hilfreich, als es galt, zögerliche C4-Professoren von den wissenschaftlichen Qualitäten des Landesvaters zu überzeugen.
Das Festkolloquium im Audimax der Technischen Universität Karlsruhe fand vor einer beeindruckenden Kulisse statt. Der akademische Hochadel war bis aus der Schweiz angereist und die neugierigen Studenten belegten den Saal bis zur letzten Reihe. Professor Henn hielt die Laudatio und warf mit Hilfe des Overheadprojektors Philippskurven, Hicksdiagramme, komparative Analysen und totale Differentiale an die Wand. Sie alle bestätigten, dass die Späthsche Technologie- und Infrastrukturförderung dem Musterländle gut bekommen ist. Der Geehrte war klug genug, sich nicht auf dieses Terrain zu begeben. Stattdessen plauderte er in seiner Dankesrede locker über (das damals noch musterhafte) Japan und die Eskapaden des Grafen Lambsdorf, womit er die Lacher auf seiner Seite hatte. Anschliessend nahm er strahlend die Doktorurkunde in Empfang.
Von da an dauerte es keine zwei Wochen mehr, bis der neue Titel Briefbögen und Visitenkarten des Dr. h. c. Lothar Späth zierte.
Samstag, 1. September 2012
Meine unmassgebliche Meinung zur Euro-Schulden-Krise
Über den Euro, die Gemeinschaftwährung von 17 europäischen Staaten, wird seit Jahren heftig diskutiert. Die einen möchten sie abschaffen, die anderen beibehalten. Manche denken über einen "Nord-Euro" nach und wollen damit die Südstaaten ausschliessen. Im Folgenden möchte ich die wichtigsten Probleme unserer Gemeinschaftswährung darlegen.
1. Der Euro, keine unvernünftige Idee
Vor 20 Jahren wurden im holländischen Maastricht die gesetzlichen Grundlagen für eine zukünftige Währungsunion im Rahmen der Europäischen Union (EU) gelegt. Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Finanzminister Theo Waigel waren bei den Verhandlungen die ranghöchsten deutschen Vertreter. Bestimmend war dabei die Überzeugung, dass ein so grosser Wirtschaftsraum wie die EU auch eine eigene Währung haben müsse, um im globalen Handel keine Nachteile durch Kleinmärkte verschiedener Währungen zu erleiden. Dass die Deutschen im Nachgang der Wiedervereinigung von den Franzosen gezwungen wurden ihre starke D-Mark aufzugeben, wird immer wieder als Vermutung geäussert, ist wohl eher ein Märchen. Die Stärke der DM beruhte auf der Stärke der deutschen Wirtschaft und sonst nichts. Dies gilt bis heute - auch unter der Eurowährung.
Da schon damals die Mittelmeeranrainer als "unsichere Kantonisten" galten, wurden zwei Klauseln im Vertrag verankert: jeder Staat sollte für seine eigenen Schulden aufkommen müssen ("no bail out") und es sollten keine Finanzausgleiche zwischen den Mitgliedsstaaten stattfinden ("no transfer"). Beide Bedingungen wurden in der Folge verletzt, wie wir weiter unten sehen werden. Im Jahr 2002, also zehn Jahre später, wurde in 17 Staaten der Euro als Geldwährung eingeführt. Griechenland schaffte es durch Betrug in die Währungsunion zu kommen. Die europäische Kommission in Brüssel ist dafür zu rügen, dass dort nicht besser aufgepasst wurde, aber auch die damalige rot-grüne deutsche Regierung (mit Finanzminister Hans Eichel) war in fahrlässiger Weise sorglos.
2. Der Weg ins Schuldenloch und zum Vertrauensverlust
In den Jahren nach 2002 waren die Zinsen sehr niedrig - international und auch in der EU. Die Regierungen verschiedener Länder in der Euro-Währungsunion nutzten dies, indem sie sich über Staatsanleihen extrem verschuldeten und dabei auch die grossen nationalen Banken involvierten. Zu nennen sind insbesondere die sogenannten "PIIGS"-Länder, nämlich Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Genutzt wurden diese "Staatseinkünfte", um riesige Bauprogramme aufzulegen (Spanien), oder geradewegs zur betrügerischen Bestechung der eigenen Wähler (Griechenland).
Seit etwa drei Jahren wurden die Käufer dieser Staatsanleihen (deutsche Rentenversicherungen, amerikanische Pensionsfonds etc.) zunehmend skeptischer bezüglich der Rückzahlfähigkeit der Schuldnerländer, insbes., weil auch deren Bewertungen durch die internationalen Ratingagenturen immer schlechter wurden. Es war bald erkennbar, das einige Länder praktisch zahlungsunfähig waren und im privaten Bereich eigentlich Insolvenz hätten anmelden müssen. Die Staaten sassen im selbst bereiteten Schuldenloch. Sie hatten - und das war besonders wichtig - das Vertrauen ihrer Investoren verloren. Ihre Staatsanleihen wurden entweder überhaupt nicht mehr gekauft oder nur noch zu hohen Risikoaufschlägen. Der Zinssatz für mehrjährigen "Schuldscheine" dieser Art war bei 8 Prozent angelangt.
Trotzdem: die relative Verschuldung dieser Länder - bezogen auf die Einwohnerzahl - wird zumeist stark überschätzt. Nehmen wir Deutschland als Beispiel, das, besonders unter der Regierung Schröder, auch einen grossen "Schluck aus der Pulle" nahm. Inzwischen sind wir in der Staatsverschuldung bei 2.000 Milliarden Euro angelangt. Diese Zahl klingt ungeheuerlich, wird aber schnell relativiert, wenn man sie auf die 80 Millionen deutsche Einwohner bezieht. Wie leicht durch Division zu errechnen ist, beträgt die (fiktive) Verschuldung jedes Deutschen - vom Säugling bis zur Grossmutter, vom Hartzempfänger bis zum Milliardär - überschaubare 25.000 Euro. Ähnlich ist dieses Verhältnis in den meisten anderen Schuldnerstaaten. In den USA liegt die Verschuldung sogar bei satten 50.000 Dollar und in Japan ist sie ähnlich hoch.
Diesen 25.000 Euro Staatsverschuldung pro deutschem Bürger steht aber - und das ist wichtig - ein enormes staatliches und privates Vermögen gegenüber. Man könnte diese Verschuldung durch drastische Massnahmen sofort auf Null bringen - anders als in den Inflationsjahren 1923 und 1948, als praktisch alle Vermögenswerte in Deutschland vernichtet waren.
3. Selbstfinanzierung der Euro-Länder wäre möglich
Eigentlich sollte es die Angelegenheit der Schuldnerländer sein, für die Gesundung ihrer Staatsfinanzen selbst zu sorgen. So ist es in den Verträgen von Maastricht angelegt. Das könnte auf verschiedene Weisen geschehen. In erster Linie über allgemeine Steuererhöhungen, z. B. auf Vermögen und Erbe, was im souveränen Recht jeden Staates liegt. (In Spanien wird gerade die Mehrwertssteuer von 18 auf 21 Prozent angehoben). Man kann aber auch die Wohlhabenden gesondert herausgreifen, indem man sie mit einer "Reichensteuer" belegt. Voraussetzung ist, dass sie ihren Wohnsitz noch im Schuldnerland haben und nicht (wie die meisten griechischen Oligarchen) bereits nach London ausgewichen sind. Im Gespräch sind auch "Zwangsanleihen" für die Reichen, welche den Charme haben, dass sie rückgezahlt werden. In Spanien und Italien sind die Privatvermögen vier Mal so hoch wie die Staatsschulden; warum also der Ruf nach deutschem Geld?
Ein interessanter Vorschlag zur Senkung der Zinslast finanzschwacher Eurostaaten kommt aus Finnland. Dort wurden die sogenannten "Pfandanleihen" ins Spiel gebracht. Spanien und vergleichbare Länder sollen ihre Anleihen mit Beteiligungen an staatlichen Unternehmen koppeln, was die Sicherheit erhöhen und die Zinsen erniedrigen würde. Im Falle der Insolvenz würde der Investor zum Eigentümer des jeweiligen Pfandes.
4. Die derzeitige Rettungsarchitektur der Währungsunion
Erstaunlicherweise hat man sich schon bald nach Eintreten der Euroschuldenkrise in Brüssel auf die sogenannten Eurobonds verständigt. Der Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, ehemals luxemburgischer Ministerpräsident, war einer ihrer heftigsten Verfechter. Eurobonds sind Zinspapiere, die von allen Eurostaaten begeben werden und für die alle gemeinsam haften. Sie würden das Prinzip von Risiko und Haftung in eklatanter Weise aushebeln. Bundeskanzlerin Merkel hat sie zur Bewältigung der anstehenden Krise abgelehnt und allenfalls als spätere Möglichkeit erwogen, wenn wieder Stabilität eingekehrt ist.
Die Mittel der Wahl zur Rettung der Währungsunion sind derzeit der Fiskalpakt und der Rettungsschirm ESM. Der Europäische Fiskalpakt soll die verstärkte Zusammenarbeit der EU-Staaten auf dem Gebiet der Finanzpolitik erreichen. Insbesondere sollen die Staatsschulden zurückgeführt werden (Schuldenbremse!) durch verstärkte Überwachung und Genehmigung neuer Kredite durch die Brüsseler Kommission. Die Verpflichtungen müssen in den jeweiligen nationalen Verfassungen ihren Eingang finden.
Der Europäische Stabilitätsmechanismus, kurz ESM, wird auch Euro-Rettungsschirm genannt. Er ist eine Finanzinstitution in Luxemburg, die mit einem Kapital von 700 Milliarden Euros ausgestattet ist. Der ESM soll Notkredite und Bürgschaften an zahlungsunfähige Mitglieder gewähren, allerdings unter rigiden Bedingungen . (Deswegen windet sich derzeit Spanien noch, sich unter diesen Rettungsschirm - bzw. seinen Vorläufer EFES - zu begeben). Der ESM ist eine Art Bank und soll von einem Deutschen geleitet werden. Gegen den ESM wurde beim Bundesverfassungsgericht Klage erhoben. Das Urteil soll am 12. September 2012 verkündet werden. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Richter dieses 700-Seiten Vertragswerk in toto kippen werden. Wahrscheinlich sind allerdings einige zusätzliche Auflagen. Der ESM wurde inzwischen von allen Staaten der Währungsunion ratifiziert, ausser Estland, Italien und Deutschland. Das deutsche Risiko beim ESM liegt bei unter 200 Milliarden Euro; ich betrachte das Geschrei darüber für überzogen.
Dann gibt es noch diejenigen, welche die Integration der EU zu einem einzigen Staatenbund wollen. Dieser Megastaat wird noch lange nicht kommen. Ausserdem: wäre ein Bundeskanzler oder ein Präsident in Brüssel für alle eigentlich wünschenswert? Die Geschichte der einzelnen europäischen Länder, ihre verschiedenen Sprachen und Mentalitäten lassen sich nicht so schnell in einen Gesamtstaat vereinigen - sicherlich nicht in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.
5. Die Europäische Zentralbank als Retter in der Not
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt ist für die Geldwertstabilität innerhalb der Eurozone verantwortlich, allerdings - im Nebenzweck - auch für die Vermeidung konjunktureller Verwerfungen, wie einer Rezession. Sie kam in letzter Zeit in die Kritik, weil sie finanzklammen Staaten gelegentlich aus der Patsche half, indem sie ihre Anleihen (zu einem moderaten) Zinssatz aufkaufte und dafür Euros aushändigte. Im Ganzen sollen es 211 Milliarden Euro sein. Das war bei ihrer Gründung nicht vorgesehen, weswegen die deutschen Direktoriumsmitglieder Axel Weber und Jürgen Stark aus Protest schon dieses Gremium verliessen. Derzeit streitet sich der Bundesbankchef Jens Weidmann mit dem italienischen EZB-Chef Mario Draghi. Vielleicht wir auch Weidmann bald das Weite suchen. Es ist ein Konstruktionsfehler für die EZB, dass Malta das gleiche Stimmgewicht besitzt wie Deutschland mit seinen 27 Prozent des Risikos.
Betrachtet man das Ganze mit weniger Aufregung, so muss man sagen: Draghi (und sein Vorgänger Trichet) haben das Notwendige in einer schwierigen Situation getan. Wenn man den schlimmsten Schuldnerländer solidarisch, also mit Hilfe der Währungsunion helfen wollte, so blieb nur die Soforthilfe der EZB übrig. Weder der ESM noch der Fiskalpakt wirken in einen Notsituation spontan, sondern ihre Medikamente helfen nur mittel- und längerfristig. Nur die unabhängige EZB kann in kürzester Frist Hilfestellung geben, notfalls innerhalb eines Tages. Allerdings haben auch die Kritiker dieser Notfallmassnahmen nicht ganz unrecht: die EZB muss mit ihrer Kompetenz zur Geldschöpfung vorsichtig und sparsam umgehen, weil sie praktisch keine Bedingungen daran knüpfen kann. Aber die Inflationsgefahr ist in der nicht ausgelasteten europäischen Wirtschaft zur Zeit noch kein allzu grosses Risiko.
6. Der Ausblick: eher optimistisch
Was die Lösung der Euroschuldenkrise anlangt, bin ich eher optimistisch. Die geschilderten Massnahmen beginnen zu greifen. In allen Ländern (ausgenommen vorläufig noch Italien) beginnen die Lohnstückkosten zu sinken, was ein wichtiger Gradmesser für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes ist. Entsprechend ziehen die Exporte an. Alle Schuldnerländer konnten in den vergangenen zwei Jahren ihre Ausfuhren steigern. Auch Italien bemüht sich. Der Premierminister Mario Monti will im nächsten Jahr seinen Haushalt ausgleichen, womit er auf einem ähnlichen Niveau wie Deutschland läge. Portugal hat sein Minus in den öffentlichen Kassen seit 2009 halbiert und auch Spanien kommt voran. Merklich besser geht es Irland; es kann sich schon wieder Geld auf den internationalen Märkten leihen. Früher oder später werden sich die guten Nachrichten durchsetzen und das Vertrauen der Investoren wird zurückkehren.
Ein Sonderfall ist Griechenland. Dieses Land ist extrem verschuldet und es wird noch lange dauern, bis es sich wieder auf dem Pfad der Tugend befindet. Sofern die kontrollierende Troika im Oktober nichts Allzuschlimmes entdeckt hat, sollte man auch dieses Land in der Eurozone belassen. Die (psychologischen) Vorteile wiegen schwerer als die monetären und ein paar weitere Jahre Zeitaufschub.
Wir gehen spannenden Zeiten entgegen. Vielleicht könnten auch die einmal Sorgen bekommen, die zuviel Gold und Immobilien gehortet haben.
1. Der Euro, keine unvernünftige Idee
Vor 20 Jahren wurden im holländischen Maastricht die gesetzlichen Grundlagen für eine zukünftige Währungsunion im Rahmen der Europäischen Union (EU) gelegt. Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Finanzminister Theo Waigel waren bei den Verhandlungen die ranghöchsten deutschen Vertreter. Bestimmend war dabei die Überzeugung, dass ein so grosser Wirtschaftsraum wie die EU auch eine eigene Währung haben müsse, um im globalen Handel keine Nachteile durch Kleinmärkte verschiedener Währungen zu erleiden. Dass die Deutschen im Nachgang der Wiedervereinigung von den Franzosen gezwungen wurden ihre starke D-Mark aufzugeben, wird immer wieder als Vermutung geäussert, ist wohl eher ein Märchen. Die Stärke der DM beruhte auf der Stärke der deutschen Wirtschaft und sonst nichts. Dies gilt bis heute - auch unter der Eurowährung.
Da schon damals die Mittelmeeranrainer als "unsichere Kantonisten" galten, wurden zwei Klauseln im Vertrag verankert: jeder Staat sollte für seine eigenen Schulden aufkommen müssen ("no bail out") und es sollten keine Finanzausgleiche zwischen den Mitgliedsstaaten stattfinden ("no transfer"). Beide Bedingungen wurden in der Folge verletzt, wie wir weiter unten sehen werden. Im Jahr 2002, also zehn Jahre später, wurde in 17 Staaten der Euro als Geldwährung eingeführt. Griechenland schaffte es durch Betrug in die Währungsunion zu kommen. Die europäische Kommission in Brüssel ist dafür zu rügen, dass dort nicht besser aufgepasst wurde, aber auch die damalige rot-grüne deutsche Regierung (mit Finanzminister Hans Eichel) war in fahrlässiger Weise sorglos.
2. Der Weg ins Schuldenloch und zum Vertrauensverlust
In den Jahren nach 2002 waren die Zinsen sehr niedrig - international und auch in der EU. Die Regierungen verschiedener Länder in der Euro-Währungsunion nutzten dies, indem sie sich über Staatsanleihen extrem verschuldeten und dabei auch die grossen nationalen Banken involvierten. Zu nennen sind insbesondere die sogenannten "PIIGS"-Länder, nämlich Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Genutzt wurden diese "Staatseinkünfte", um riesige Bauprogramme aufzulegen (Spanien), oder geradewegs zur betrügerischen Bestechung der eigenen Wähler (Griechenland).
Seit etwa drei Jahren wurden die Käufer dieser Staatsanleihen (deutsche Rentenversicherungen, amerikanische Pensionsfonds etc.) zunehmend skeptischer bezüglich der Rückzahlfähigkeit der Schuldnerländer, insbes., weil auch deren Bewertungen durch die internationalen Ratingagenturen immer schlechter wurden. Es war bald erkennbar, das einige Länder praktisch zahlungsunfähig waren und im privaten Bereich eigentlich Insolvenz hätten anmelden müssen. Die Staaten sassen im selbst bereiteten Schuldenloch. Sie hatten - und das war besonders wichtig - das Vertrauen ihrer Investoren verloren. Ihre Staatsanleihen wurden entweder überhaupt nicht mehr gekauft oder nur noch zu hohen Risikoaufschlägen. Der Zinssatz für mehrjährigen "Schuldscheine" dieser Art war bei 8 Prozent angelangt.
Trotzdem: die relative Verschuldung dieser Länder - bezogen auf die Einwohnerzahl - wird zumeist stark überschätzt. Nehmen wir Deutschland als Beispiel, das, besonders unter der Regierung Schröder, auch einen grossen "Schluck aus der Pulle" nahm. Inzwischen sind wir in der Staatsverschuldung bei 2.000 Milliarden Euro angelangt. Diese Zahl klingt ungeheuerlich, wird aber schnell relativiert, wenn man sie auf die 80 Millionen deutsche Einwohner bezieht. Wie leicht durch Division zu errechnen ist, beträgt die (fiktive) Verschuldung jedes Deutschen - vom Säugling bis zur Grossmutter, vom Hartzempfänger bis zum Milliardär - überschaubare 25.000 Euro. Ähnlich ist dieses Verhältnis in den meisten anderen Schuldnerstaaten. In den USA liegt die Verschuldung sogar bei satten 50.000 Dollar und in Japan ist sie ähnlich hoch.
Diesen 25.000 Euro Staatsverschuldung pro deutschem Bürger steht aber - und das ist wichtig - ein enormes staatliches und privates Vermögen gegenüber. Man könnte diese Verschuldung durch drastische Massnahmen sofort auf Null bringen - anders als in den Inflationsjahren 1923 und 1948, als praktisch alle Vermögenswerte in Deutschland vernichtet waren.
3. Selbstfinanzierung der Euro-Länder wäre möglich
Eigentlich sollte es die Angelegenheit der Schuldnerländer sein, für die Gesundung ihrer Staatsfinanzen selbst zu sorgen. So ist es in den Verträgen von Maastricht angelegt. Das könnte auf verschiedene Weisen geschehen. In erster Linie über allgemeine Steuererhöhungen, z. B. auf Vermögen und Erbe, was im souveränen Recht jeden Staates liegt. (In Spanien wird gerade die Mehrwertssteuer von 18 auf 21 Prozent angehoben). Man kann aber auch die Wohlhabenden gesondert herausgreifen, indem man sie mit einer "Reichensteuer" belegt. Voraussetzung ist, dass sie ihren Wohnsitz noch im Schuldnerland haben und nicht (wie die meisten griechischen Oligarchen) bereits nach London ausgewichen sind. Im Gespräch sind auch "Zwangsanleihen" für die Reichen, welche den Charme haben, dass sie rückgezahlt werden. In Spanien und Italien sind die Privatvermögen vier Mal so hoch wie die Staatsschulden; warum also der Ruf nach deutschem Geld?
Ein interessanter Vorschlag zur Senkung der Zinslast finanzschwacher Eurostaaten kommt aus Finnland. Dort wurden die sogenannten "Pfandanleihen" ins Spiel gebracht. Spanien und vergleichbare Länder sollen ihre Anleihen mit Beteiligungen an staatlichen Unternehmen koppeln, was die Sicherheit erhöhen und die Zinsen erniedrigen würde. Im Falle der Insolvenz würde der Investor zum Eigentümer des jeweiligen Pfandes.
4. Die derzeitige Rettungsarchitektur der Währungsunion
Erstaunlicherweise hat man sich schon bald nach Eintreten der Euroschuldenkrise in Brüssel auf die sogenannten Eurobonds verständigt. Der Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, ehemals luxemburgischer Ministerpräsident, war einer ihrer heftigsten Verfechter. Eurobonds sind Zinspapiere, die von allen Eurostaaten begeben werden und für die alle gemeinsam haften. Sie würden das Prinzip von Risiko und Haftung in eklatanter Weise aushebeln. Bundeskanzlerin Merkel hat sie zur Bewältigung der anstehenden Krise abgelehnt und allenfalls als spätere Möglichkeit erwogen, wenn wieder Stabilität eingekehrt ist.
Die Mittel der Wahl zur Rettung der Währungsunion sind derzeit der Fiskalpakt und der Rettungsschirm ESM. Der Europäische Fiskalpakt soll die verstärkte Zusammenarbeit der EU-Staaten auf dem Gebiet der Finanzpolitik erreichen. Insbesondere sollen die Staatsschulden zurückgeführt werden (Schuldenbremse!) durch verstärkte Überwachung und Genehmigung neuer Kredite durch die Brüsseler Kommission. Die Verpflichtungen müssen in den jeweiligen nationalen Verfassungen ihren Eingang finden.
Der Europäische Stabilitätsmechanismus, kurz ESM, wird auch Euro-Rettungsschirm genannt. Er ist eine Finanzinstitution in Luxemburg, die mit einem Kapital von 700 Milliarden Euros ausgestattet ist. Der ESM soll Notkredite und Bürgschaften an zahlungsunfähige Mitglieder gewähren, allerdings unter rigiden Bedingungen . (Deswegen windet sich derzeit Spanien noch, sich unter diesen Rettungsschirm - bzw. seinen Vorläufer EFES - zu begeben). Der ESM ist eine Art Bank und soll von einem Deutschen geleitet werden. Gegen den ESM wurde beim Bundesverfassungsgericht Klage erhoben. Das Urteil soll am 12. September 2012 verkündet werden. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Richter dieses 700-Seiten Vertragswerk in toto kippen werden. Wahrscheinlich sind allerdings einige zusätzliche Auflagen. Der ESM wurde inzwischen von allen Staaten der Währungsunion ratifiziert, ausser Estland, Italien und Deutschland. Das deutsche Risiko beim ESM liegt bei unter 200 Milliarden Euro; ich betrachte das Geschrei darüber für überzogen.
Dann gibt es noch diejenigen, welche die Integration der EU zu einem einzigen Staatenbund wollen. Dieser Megastaat wird noch lange nicht kommen. Ausserdem: wäre ein Bundeskanzler oder ein Präsident in Brüssel für alle eigentlich wünschenswert? Die Geschichte der einzelnen europäischen Länder, ihre verschiedenen Sprachen und Mentalitäten lassen sich nicht so schnell in einen Gesamtstaat vereinigen - sicherlich nicht in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.
5. Die Europäische Zentralbank als Retter in der Not
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt ist für die Geldwertstabilität innerhalb der Eurozone verantwortlich, allerdings - im Nebenzweck - auch für die Vermeidung konjunktureller Verwerfungen, wie einer Rezession. Sie kam in letzter Zeit in die Kritik, weil sie finanzklammen Staaten gelegentlich aus der Patsche half, indem sie ihre Anleihen (zu einem moderaten) Zinssatz aufkaufte und dafür Euros aushändigte. Im Ganzen sollen es 211 Milliarden Euro sein. Das war bei ihrer Gründung nicht vorgesehen, weswegen die deutschen Direktoriumsmitglieder Axel Weber und Jürgen Stark aus Protest schon dieses Gremium verliessen. Derzeit streitet sich der Bundesbankchef Jens Weidmann mit dem italienischen EZB-Chef Mario Draghi. Vielleicht wir auch Weidmann bald das Weite suchen. Es ist ein Konstruktionsfehler für die EZB, dass Malta das gleiche Stimmgewicht besitzt wie Deutschland mit seinen 27 Prozent des Risikos.
Betrachtet man das Ganze mit weniger Aufregung, so muss man sagen: Draghi (und sein Vorgänger Trichet) haben das Notwendige in einer schwierigen Situation getan. Wenn man den schlimmsten Schuldnerländer solidarisch, also mit Hilfe der Währungsunion helfen wollte, so blieb nur die Soforthilfe der EZB übrig. Weder der ESM noch der Fiskalpakt wirken in einen Notsituation spontan, sondern ihre Medikamente helfen nur mittel- und längerfristig. Nur die unabhängige EZB kann in kürzester Frist Hilfestellung geben, notfalls innerhalb eines Tages. Allerdings haben auch die Kritiker dieser Notfallmassnahmen nicht ganz unrecht: die EZB muss mit ihrer Kompetenz zur Geldschöpfung vorsichtig und sparsam umgehen, weil sie praktisch keine Bedingungen daran knüpfen kann. Aber die Inflationsgefahr ist in der nicht ausgelasteten europäischen Wirtschaft zur Zeit noch kein allzu grosses Risiko.
6. Der Ausblick: eher optimistisch
Was die Lösung der Euroschuldenkrise anlangt, bin ich eher optimistisch. Die geschilderten Massnahmen beginnen zu greifen. In allen Ländern (ausgenommen vorläufig noch Italien) beginnen die Lohnstückkosten zu sinken, was ein wichtiger Gradmesser für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes ist. Entsprechend ziehen die Exporte an. Alle Schuldnerländer konnten in den vergangenen zwei Jahren ihre Ausfuhren steigern. Auch Italien bemüht sich. Der Premierminister Mario Monti will im nächsten Jahr seinen Haushalt ausgleichen, womit er auf einem ähnlichen Niveau wie Deutschland läge. Portugal hat sein Minus in den öffentlichen Kassen seit 2009 halbiert und auch Spanien kommt voran. Merklich besser geht es Irland; es kann sich schon wieder Geld auf den internationalen Märkten leihen. Früher oder später werden sich die guten Nachrichten durchsetzen und das Vertrauen der Investoren wird zurückkehren.
Ein Sonderfall ist Griechenland. Dieses Land ist extrem verschuldet und es wird noch lange dauern, bis es sich wieder auf dem Pfad der Tugend befindet. Sofern die kontrollierende Troika im Oktober nichts Allzuschlimmes entdeckt hat, sollte man auch dieses Land in der Eurozone belassen. Die (psychologischen) Vorteile wiegen schwerer als die monetären und ein paar weitere Jahre Zeitaufschub.
Wir gehen spannenden Zeiten entgegen. Vielleicht könnten auch die einmal Sorgen bekommen, die zuviel Gold und Immobilien gehortet haben.
Sonntag, 26. August 2012
Deutschland, deine TV-Philosophen
Karlsruhe ist nur eine mittelgrosse Stadt, deshalb beherbergt sie auch nur wenige Prominente. Ich spreche nicht von den B-Promis, also den Bürgermeistern, Landtagsabgeordneten und Autohändlern, die man gerade noch bis Staffort und Straubenhardt kennt. Nein, ich meine die wirklich Prominenten, die A-Promis, welche in ganz Deutschland, also auch in Castrop-Rauxel und in der Uckermark bekannt sind. Wenn ich recht sehe, besitzt Karlsruhe sogar nur einen dieser Geistesriesen: den Philosophen und Professor Doktor Peter Sloterdijk. Er ist sogar ein geborener Karlsruher, auch wenn sich seine deutsche Mutter in den Nachkriegswirren von ihrem holländischen Ehemann Sloterdijk bald getrennt hat. Der Sprössling Peter wurde in diesen Tagen 65 Jahre alt, möchte aber zu diesem "Vorkommnis" keine Stellung beziehen.
Die Karlsruher sind stolz auf "ihren Sloterdijk", der in München und Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert und zwischen 1978 und 1980 sogar zwei Jahre im Ashram des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh hospitiert hat. Danach wirkte er als freier Schriftsteller, schrieb die "Kritik der zynischen Vernunft" sowie den 3-bändigen schwer lesbaren Wälzer "Sphären" und ist seit dem Jahr 2001 Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, wo er gleichzeitig Philosophie und Ästhetik doziert. Seine Studenten beklagen zuweilen, dass sie ihn dort nur selten sehen, was mit der unbändigen Reiselust des Professors zusammem hängt.
Sloterdijk gilt als "Starkstromdenker", der heiklen Themen nicht aus dem Weg geht. In seinem Buch "Du musst dein Leben ändern" (2009) empfiehlt er der Menschheit, sich Ordensregeln zu geben, um ihr Überleben zu sichern. Bei einem Vortrag in Basel propagierte er "Regeln für den Menschenpark" was ihm heftige Schelte, vorallem aus dem Lager der deutschen Euthanasiegegner, einbrachte. Berühmt ist der Karlsruher Professor wegen seiner enormen Sprachpotenz und als Meister von Metaphern. Um ein Beispiel zu nennen: das schlichte Wort Eigenlob würde er nie in den Mund nehmen - er spricht stattdessen von autogratulatorischen Phrasen. Für Peter Weibel, seinem Freund und Nachbarn im Museum ZKM, ist Sloterdijk ein "Denk- und Sprachereignis, der mit seiner Sprache die Welt konstruiert". Er stellt ihn in eine Reihe mit den deutschen Philosophenfürsten Nietzsche und Heidegger. Böswillige Menschen, und die gibt es zuhauf, sprechen bei Sloterdijks Suada manchmal auch von "Oberflächenrhetorik".
Das Philosophische Quartett
Trotz alledem, eine gewisse Ähnlichkeit zum ebenfalls sprachgewaltigen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist gegeben und so war es nicht verwunderlich, dass der Fernsehsender ZDF bei Sloterdijk anklopfte, als der Bücherfreund im Jahr 2001 sein sehr populäres "Literarisches Quartett" auslaufen liess. Auf den Grosskritiker Reich-Ranicki sollte der Grossdenker Sloterdijk folgen. Der Karlsruher sollte eine vergleichbar erfolgreiche Sendung unter dem Titel "Das Philosophische Quartett" produzieren und den Deutschen die Philosophie schmackhaft machen, ähnlich wie dies Reich-Ranicki bei den Buchrezensionen gelang.
Dieses Unternehmen ging schief, wie man im Rückblick von gut zehn Jahren leider sagen muss. Das Philosophische Quartett war kein Publikumsrenner. Mit nur einer halben Million Zuschauern hatte es eine bescheidene Quote und die Fernsehgewaltigen des ZDF reagierten, indem sie das Format zeitlich immer weiter nach hinten verlegten. Zum Schluss mussten die nur noch spärlichen Zuschauer bis 1 Uhr 20 nach Mitternacht wach bleiben. Im Mai 2012 war Schluss; das ZDF zog den Stecker. Angeblich soll die Anweisúng zur Einstellung des Quartetts direkt vom neugewählten Intendanten Thomas Bellut gekommen sein. In der Pressemitteilung wurde dies natürlich verbrämt; die Sendung sei "auserzählt" gewesen, hiess es dort. Sloterdijk blaffte zurück und bezeichnete dies als "Euthanasieformel". Der Professor war sauer darüber, dass man ihm diese mediale TV-Bühne just beim Eintritt ins Rentenalter genommen hatte.
Bei Sloterdijks Quartett lief vieles schief. Schon die Auswahl der (jeweils zwei) Gäste war häufig nicht schlüssig. Mal waren es relativ unbekannte Wissenschaftler, wie Gunnar Heinsohn, mal griff er auf typische Talkshow-Promis, wie Roger Willemsen und sogar Hans-Olaf Henkel zurück. Den unsäglichen Pseudophilosophen Bazon Brock paarte er mit dem Schöngeist und Schriftsteller Martin Mosebach, was eine fruchtbare Diskussion von vornherein unmöglich machte. Hinzu kam, dass Sloterdijk zwar sprachmächtig ist, aber für das Publikum nicht so eingängig formulieren kann wie sein Kollege von der Literaturabteilung. Das begann schon mit seinen stockend vorgebrachten Einleitungen, in denen seine Gedanken ellenlang ohne erkennbares Ziel mäanderten. So erinnere ich mich, dass er dem Religionshistoriker Jan Assmann eine weit hergeholte Eröffnungsfrage stellte, welche dieser nur mit ja oder nein beantworten konnte. Darauf liess sich kein Gespräch aufbauen. Mehr als einmal musste ihm sein treuer Knappe Rüdiger Safranski aus der Patsche helfen, indem er der Diskussion eine gewisse Systematik vorgab.
Mit der Weisheit am Ende
Für die letzte Sendung am 13. Mai ds.J. hatte sich Sloterdijk ein besonderes Thema zurecht gelegt: über die Kunst des Aufhörens wollte er mit dem Schriftsteller Martin Walser und dem Verleger Michael Krüger sprechen. Safranski fehlte in diesem Schlussquartett; er hatte sich krank gemeldet, aber schon vorher über die Medien verlauten lassen, dass er "seinen Fernseher bereits vor fünf Jahren abgeschafft" habe. Sloterdijk hoffte wohl, sich mit diesem letzten Auftritt zum "Aufhörkünstler" verklären zu können, um den Rausschmiss beim ZDF zu kaschieren. Das ging allerdings gründlich schief. Walser, das Schlitzohr, tat ihm nicht den Gefallen, in diesem Drehbuch mitzuspielen. Im Gegenteil, immer wieder betonte er, dass Aufhören keine erstrebenswerte Kategorie sei und er rief dem Moderator zu: "Es muss immer wieder weiter gehen; hören Sie bloss nicht auf." Ein Höhepunkt (an Zynismus) war seine Frage an Sloterdijk: "Vermissen Sie sich nicht selbst, wenn Sie nicht mehr im Fernsehen auftreten?" Die Zukunft wird erweisen, wie weit der Grossmeister der TV-Droge schon erlegen ist.
Richtig fuchtig wurde der Philosoph Sloterdijk, als er hörte, wen das ZDF zu seinem de-facto-Nachfolger erkoren hat: den 47-jährigen smarten Buchautor Richard David Precht. Sloterdijk wetterte: "Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören vorallem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung". Rumms! Glücklicherweise ist Sloterdijk nicht Fussballer; der Schiedsrichter hätte ihm dafür wohl die Rote Karte gezeigt
Precht ging auf diese Attacke nicht direkt ein. Stattdessen gab er in einem Interview einen einzigen Satz von sich, den man damit in Verbindung bringen könnte: "Eine Gesellschaft, die sich so sehr in die Breite vernetzt und ständig neues Wissen sammelt, tauscht ihr Personal unglaublich schnell aus und archiviert es nicht mehr".
Die neue Sendereihe von Richard David Precht beginnt am Sonntag, dem 2. September um 23.25 Uhr beim ZDF unter dem einfach zu merkenden Titel:
"Precht"
Die Karlsruher sind stolz auf "ihren Sloterdijk", der in München und Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert und zwischen 1978 und 1980 sogar zwei Jahre im Ashram des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh hospitiert hat. Danach wirkte er als freier Schriftsteller, schrieb die "Kritik der zynischen Vernunft" sowie den 3-bändigen schwer lesbaren Wälzer "Sphären" und ist seit dem Jahr 2001 Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, wo er gleichzeitig Philosophie und Ästhetik doziert. Seine Studenten beklagen zuweilen, dass sie ihn dort nur selten sehen, was mit der unbändigen Reiselust des Professors zusammem hängt.
Der Philosoph Peter Sloterdijk
Sloterdijk gilt als "Starkstromdenker", der heiklen Themen nicht aus dem Weg geht. In seinem Buch "Du musst dein Leben ändern" (2009) empfiehlt er der Menschheit, sich Ordensregeln zu geben, um ihr Überleben zu sichern. Bei einem Vortrag in Basel propagierte er "Regeln für den Menschenpark" was ihm heftige Schelte, vorallem aus dem Lager der deutschen Euthanasiegegner, einbrachte. Berühmt ist der Karlsruher Professor wegen seiner enormen Sprachpotenz und als Meister von Metaphern. Um ein Beispiel zu nennen: das schlichte Wort Eigenlob würde er nie in den Mund nehmen - er spricht stattdessen von autogratulatorischen Phrasen. Für Peter Weibel, seinem Freund und Nachbarn im Museum ZKM, ist Sloterdijk ein "Denk- und Sprachereignis, der mit seiner Sprache die Welt konstruiert". Er stellt ihn in eine Reihe mit den deutschen Philosophenfürsten Nietzsche und Heidegger. Böswillige Menschen, und die gibt es zuhauf, sprechen bei Sloterdijks Suada manchmal auch von "Oberflächenrhetorik".
Das Philosophische Quartett
Trotz alledem, eine gewisse Ähnlichkeit zum ebenfalls sprachgewaltigen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist gegeben und so war es nicht verwunderlich, dass der Fernsehsender ZDF bei Sloterdijk anklopfte, als der Bücherfreund im Jahr 2001 sein sehr populäres "Literarisches Quartett" auslaufen liess. Auf den Grosskritiker Reich-Ranicki sollte der Grossdenker Sloterdijk folgen. Der Karlsruher sollte eine vergleichbar erfolgreiche Sendung unter dem Titel "Das Philosophische Quartett" produzieren und den Deutschen die Philosophie schmackhaft machen, ähnlich wie dies Reich-Ranicki bei den Buchrezensionen gelang.
Dieses Unternehmen ging schief, wie man im Rückblick von gut zehn Jahren leider sagen muss. Das Philosophische Quartett war kein Publikumsrenner. Mit nur einer halben Million Zuschauern hatte es eine bescheidene Quote und die Fernsehgewaltigen des ZDF reagierten, indem sie das Format zeitlich immer weiter nach hinten verlegten. Zum Schluss mussten die nur noch spärlichen Zuschauer bis 1 Uhr 20 nach Mitternacht wach bleiben. Im Mai 2012 war Schluss; das ZDF zog den Stecker. Angeblich soll die Anweisúng zur Einstellung des Quartetts direkt vom neugewählten Intendanten Thomas Bellut gekommen sein. In der Pressemitteilung wurde dies natürlich verbrämt; die Sendung sei "auserzählt" gewesen, hiess es dort. Sloterdijk blaffte zurück und bezeichnete dies als "Euthanasieformel". Der Professor war sauer darüber, dass man ihm diese mediale TV-Bühne just beim Eintritt ins Rentenalter genommen hatte.
Bei Sloterdijks Quartett lief vieles schief. Schon die Auswahl der (jeweils zwei) Gäste war häufig nicht schlüssig. Mal waren es relativ unbekannte Wissenschaftler, wie Gunnar Heinsohn, mal griff er auf typische Talkshow-Promis, wie Roger Willemsen und sogar Hans-Olaf Henkel zurück. Den unsäglichen Pseudophilosophen Bazon Brock paarte er mit dem Schöngeist und Schriftsteller Martin Mosebach, was eine fruchtbare Diskussion von vornherein unmöglich machte. Hinzu kam, dass Sloterdijk zwar sprachmächtig ist, aber für das Publikum nicht so eingängig formulieren kann wie sein Kollege von der Literaturabteilung. Das begann schon mit seinen stockend vorgebrachten Einleitungen, in denen seine Gedanken ellenlang ohne erkennbares Ziel mäanderten. So erinnere ich mich, dass er dem Religionshistoriker Jan Assmann eine weit hergeholte Eröffnungsfrage stellte, welche dieser nur mit ja oder nein beantworten konnte. Darauf liess sich kein Gespräch aufbauen. Mehr als einmal musste ihm sein treuer Knappe Rüdiger Safranski aus der Patsche helfen, indem er der Diskussion eine gewisse Systematik vorgab.
Mit der Weisheit am Ende
Für die letzte Sendung am 13. Mai ds.J. hatte sich Sloterdijk ein besonderes Thema zurecht gelegt: über die Kunst des Aufhörens wollte er mit dem Schriftsteller Martin Walser und dem Verleger Michael Krüger sprechen. Safranski fehlte in diesem Schlussquartett; er hatte sich krank gemeldet, aber schon vorher über die Medien verlauten lassen, dass er "seinen Fernseher bereits vor fünf Jahren abgeschafft" habe. Sloterdijk hoffte wohl, sich mit diesem letzten Auftritt zum "Aufhörkünstler" verklären zu können, um den Rausschmiss beim ZDF zu kaschieren. Das ging allerdings gründlich schief. Walser, das Schlitzohr, tat ihm nicht den Gefallen, in diesem Drehbuch mitzuspielen. Im Gegenteil, immer wieder betonte er, dass Aufhören keine erstrebenswerte Kategorie sei und er rief dem Moderator zu: "Es muss immer wieder weiter gehen; hören Sie bloss nicht auf." Ein Höhepunkt (an Zynismus) war seine Frage an Sloterdijk: "Vermissen Sie sich nicht selbst, wenn Sie nicht mehr im Fernsehen auftreten?" Die Zukunft wird erweisen, wie weit der Grossmeister der TV-Droge schon erlegen ist.
Richtig fuchtig wurde der Philosoph Sloterdijk, als er hörte, wen das ZDF zu seinem de-facto-Nachfolger erkoren hat: den 47-jährigen smarten Buchautor Richard David Precht. Sloterdijk wetterte: "Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören vorallem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung". Rumms! Glücklicherweise ist Sloterdijk nicht Fussballer; der Schiedsrichter hätte ihm dafür wohl die Rote Karte gezeigt
Richard David Precht, auch Philosoph?
Precht ging auf diese Attacke nicht direkt ein. Stattdessen gab er in einem Interview einen einzigen Satz von sich, den man damit in Verbindung bringen könnte: "Eine Gesellschaft, die sich so sehr in die Breite vernetzt und ständig neues Wissen sammelt, tauscht ihr Personal unglaublich schnell aus und archiviert es nicht mehr".
Die neue Sendereihe von Richard David Precht beginnt am Sonntag, dem 2. September um 23.25 Uhr beim ZDF unter dem einfach zu merkenden Titel:
"Precht"
Sonntag, 19. August 2012
Kennen Sie Himmelheber?
Nein, kennen Sie nicht? - Ich gebe Ihnen einen kleinen Tip: Himmelheber war ein gebürtiger Karlsruher und hat etwas erfunden, das sicherlich auch in Ihrem Haushalt zu finden ist. - Falsch geraten, nicht das Fahrrad, das hat der Baron Drais erdacht. - Der Dübel ist auch nicht richtig, den hat der Schwabe Fischer erstmals gebastelt. - Auch die Schrauben des Künzelsauer Unternehmer Würth können Sie vergessen. - Nochmals, es ist ein Alltagsgegenstand, den Sie bestimmt schon öfters gekauft und (manchmal mühsam) nach Hause transportiert haben. - Immer noch keine Idee? Dann werde ich das Rätsel auflösen.
Himmelheber war der Erfinder...
...der Pressspanplatte! Ja, jener Bretter, ohne die heute keine Küche und kein Buchregal mehr denkbar ist. Hätte Max Himmelheber nicht bereits im Jahr 1932 die Spanplatte erfunden, dann wäre später wohl auch nicht die Weltfirma IKEA entstanden und ihr berühmtes Selbstbauregal Billy wäre nicht als Ausstellungsobjekt im New Yorker Museum of Modern Arts gelandet. Himmelheber war damals schon graduierter Elektroingenieur, aber auf die Probleme in der elterlichen Schreinerei noch immer ansprechbar. Dort klagte sein Vater zum wiederholtem Male über die hohen Abfallmengen beim Möbelbau: nur 40 Prozent der gefällten Holzmasse wurden wirklich für Möbelbrettter genutzt; der Rest war Abfall aller Art. Der 28-jährige Filius dachte kurz nach, schredderte die Holzabfälle zu Spänen, verleimte diese zwischen zwei Furnieren und die Spanplatte - damals noch Homogenholz genannt - war geboren. Himmelheber jun. wurde mit dieser Idee zu einem reichen (mittelständischen) Unternehmer. Er sicherte seine Erfindung über 65 Patente ab und vergab weltweit an 70 Unternehmen Produktionslizenzen. Durch den Übergang vom Vollholz zur Spanplatte veränderte sich die Möbelbranche vom Schreinerhandwerk zur Industrie. Mehr als 80 Prozent der Möbel in deutschen Wohnzimmern, Schlafzimmern und Küchen sind heute aus Spanplatten gefertigt.
Kurios ist, dass die Spanplattenindustrie sich derzeit in grossen wirtschaftlichen Problemen befindet. Der Grund dafür ist, dass die Fertigung der Platten zu teuer wurde. Wegen der Energiewende gibt es plötzlich viele Abnehmer für Abfallholz, welche die Holzspäne (zum Beispiel in Form von Pellets) an private Haushalte verkaufen, die sie in ihren Öfen verfeuern. Der Spanplattenindustrie gehen also ihre Vorprodukte aus. Wo sie früher alleiniger Abnehmer war, muss sie sich nun mit vielen anderen um die Holzabfälle balgen. Diese Situation hat bereits dazu geführt, dass die Weltfirma Pfleiderer AG im oberpfälzischen Neumarkt in diesen Tagen in die Insolvenz geraten ist, sodass ein Sanierungsplan aufgelegt werden musste. Ihre gepressten Spanplatten waren viel zu teuer geworden und auf dem Weltmarkt nicht mehr abzusetzen.
Technikfreak und Menschenfreund
Max Himmelheber war von der ihm umgebenden Technik des vorigen Jahrhunderts begeistert. Jede Maschine im elterlichen Betrieb konnte er bedienen und im Bedarfsfall auch reparieren. Die Verbesserung des Schienengüterverkehrs hatte es ihm besonders angetan. In mehreren technischen Veröffentlichungen setzte er sich für Neubaustrecken im Schwarzwald ein und erwarb dafür sogar den Führerschein für Lokomotiven. Auch die Fliegerei betrieb er als Hobby. Das wurde ihm fast zum Verhängnis, denn da er natürlich auch den Flugschein besass, wurde er im 2. Weltkrieg sofort als Jagdflieger eingezogen. Bei einem Erkundungsflug über England schoss ihn die dortige Flugabwehr ab, aber Himmelheber konnte seine Maschine gerade noch landen. Er geriet in Gefangenschaft, wurde aber schon 1943 im Zuge eines Austauschprogramms für Piloten wieder nach Deutschland entlassen.
Nach Beendigung des Kriegs, als Karlsruhe weitgehend zerstört war und alle Bäume des Hardtwalds als Brennholz gefällt wurden, fehlte der elterlichen Schreinerei die materielle Basis. Himmelheber übersiedelte nach Baiersbronn bei Freudenstadt, wo er inmitten des noch intakten Schwarzwalds seine Spanplattenproduktion wieder aufnahm. Dort bracht er es zu ansehnlichem Wohlstand, sodass er sich mehr und mehr seinen Hobbies als Mäzen, Philosoph und Menschenfreund widmen konnte. Besonders am Herzen lag ihm die Ausbildung der Jugend, weswegen er sich im Bund Deutscher Pfadfinder engagierte. Zur Verbreitung seiner anthroposophisch angehauchten Ideen gründete er die Zeitschrift Scheidewege, die er über die Max-Himmelheber-Stiftung finanziell unterstützte. Im Dezember des Jahres 2000 starb Himmelheber 96-jährig in Baiersbronn.
Himmelheberstrasse? Fehlanzeige
Bei meiner Recherche zu diesem Blog fiel mir auf, das der gebürtige Karlsruher Max Himmelheber in seiner Heimatstadt nicht mit einem Strassennamen geehrt ist. Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt. Bedenkt man die Verbreitung seiner Erfindung, so wäre das sicherlich angemessen.
Blättert man nämlich das ansehnliche Heft der Karlsruher Strassennamen durch, so sind darunter wenige Personen, die sich mit Himmelheber vergleichen können. So werden nahezu alle Stadtpolitiker, posthum und nach einer gewissen Schamfrist, damit geehrt, dass man eine Strasse oder einen Platz nach ihren Namen benennt. Diesem Schicksal wird wohl auch nicht der noch amtierende Oberbürgermeister Heinz Fenrich entgehen können. Als standhaften Verfechter der U-Bahn-Bauten und des damit verbundenen 10-jährigen Verkehrschaos, wäre es wohl angemessen nach ihm
eine Sackgasse zu benennen.
Himmelheber war der Erfinder...
...der Pressspanplatte! Ja, jener Bretter, ohne die heute keine Küche und kein Buchregal mehr denkbar ist. Hätte Max Himmelheber nicht bereits im Jahr 1932 die Spanplatte erfunden, dann wäre später wohl auch nicht die Weltfirma IKEA entstanden und ihr berühmtes Selbstbauregal Billy wäre nicht als Ausstellungsobjekt im New Yorker Museum of Modern Arts gelandet. Himmelheber war damals schon graduierter Elektroingenieur, aber auf die Probleme in der elterlichen Schreinerei noch immer ansprechbar. Dort klagte sein Vater zum wiederholtem Male über die hohen Abfallmengen beim Möbelbau: nur 40 Prozent der gefällten Holzmasse wurden wirklich für Möbelbrettter genutzt; der Rest war Abfall aller Art. Der 28-jährige Filius dachte kurz nach, schredderte die Holzabfälle zu Spänen, verleimte diese zwischen zwei Furnieren und die Spanplatte - damals noch Homogenholz genannt - war geboren. Himmelheber jun. wurde mit dieser Idee zu einem reichen (mittelständischen) Unternehmer. Er sicherte seine Erfindung über 65 Patente ab und vergab weltweit an 70 Unternehmen Produktionslizenzen. Durch den Übergang vom Vollholz zur Spanplatte veränderte sich die Möbelbranche vom Schreinerhandwerk zur Industrie. Mehr als 80 Prozent der Möbel in deutschen Wohnzimmern, Schlafzimmern und Küchen sind heute aus Spanplatten gefertigt.
Max Himmelheber (1904 - 2000)
Kurios ist, dass die Spanplattenindustrie sich derzeit in grossen wirtschaftlichen Problemen befindet. Der Grund dafür ist, dass die Fertigung der Platten zu teuer wurde. Wegen der Energiewende gibt es plötzlich viele Abnehmer für Abfallholz, welche die Holzspäne (zum Beispiel in Form von Pellets) an private Haushalte verkaufen, die sie in ihren Öfen verfeuern. Der Spanplattenindustrie gehen also ihre Vorprodukte aus. Wo sie früher alleiniger Abnehmer war, muss sie sich nun mit vielen anderen um die Holzabfälle balgen. Diese Situation hat bereits dazu geführt, dass die Weltfirma Pfleiderer AG im oberpfälzischen Neumarkt in diesen Tagen in die Insolvenz geraten ist, sodass ein Sanierungsplan aufgelegt werden musste. Ihre gepressten Spanplatten waren viel zu teuer geworden und auf dem Weltmarkt nicht mehr abzusetzen.
Technikfreak und Menschenfreund
Max Himmelheber war von der ihm umgebenden Technik des vorigen Jahrhunderts begeistert. Jede Maschine im elterlichen Betrieb konnte er bedienen und im Bedarfsfall auch reparieren. Die Verbesserung des Schienengüterverkehrs hatte es ihm besonders angetan. In mehreren technischen Veröffentlichungen setzte er sich für Neubaustrecken im Schwarzwald ein und erwarb dafür sogar den Führerschein für Lokomotiven. Auch die Fliegerei betrieb er als Hobby. Das wurde ihm fast zum Verhängnis, denn da er natürlich auch den Flugschein besass, wurde er im 2. Weltkrieg sofort als Jagdflieger eingezogen. Bei einem Erkundungsflug über England schoss ihn die dortige Flugabwehr ab, aber Himmelheber konnte seine Maschine gerade noch landen. Er geriet in Gefangenschaft, wurde aber schon 1943 im Zuge eines Austauschprogramms für Piloten wieder nach Deutschland entlassen.
Nach Beendigung des Kriegs, als Karlsruhe weitgehend zerstört war und alle Bäume des Hardtwalds als Brennholz gefällt wurden, fehlte der elterlichen Schreinerei die materielle Basis. Himmelheber übersiedelte nach Baiersbronn bei Freudenstadt, wo er inmitten des noch intakten Schwarzwalds seine Spanplattenproduktion wieder aufnahm. Dort bracht er es zu ansehnlichem Wohlstand, sodass er sich mehr und mehr seinen Hobbies als Mäzen, Philosoph und Menschenfreund widmen konnte. Besonders am Herzen lag ihm die Ausbildung der Jugend, weswegen er sich im Bund Deutscher Pfadfinder engagierte. Zur Verbreitung seiner anthroposophisch angehauchten Ideen gründete er die Zeitschrift Scheidewege, die er über die Max-Himmelheber-Stiftung finanziell unterstützte. Im Dezember des Jahres 2000 starb Himmelheber 96-jährig in Baiersbronn.
Himmelheberstrasse? Fehlanzeige
Bei meiner Recherche zu diesem Blog fiel mir auf, das der gebürtige Karlsruher Max Himmelheber in seiner Heimatstadt nicht mit einem Strassennamen geehrt ist. Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt. Bedenkt man die Verbreitung seiner Erfindung, so wäre das sicherlich angemessen.
Blättert man nämlich das ansehnliche Heft der Karlsruher Strassennamen durch, so sind darunter wenige Personen, die sich mit Himmelheber vergleichen können. So werden nahezu alle Stadtpolitiker, posthum und nach einer gewissen Schamfrist, damit geehrt, dass man eine Strasse oder einen Platz nach ihren Namen benennt. Diesem Schicksal wird wohl auch nicht der noch amtierende Oberbürgermeister Heinz Fenrich entgehen können. Als standhaften Verfechter der U-Bahn-Bauten und des damit verbundenen 10-jährigen Verkehrschaos, wäre es wohl angemessen nach ihm
eine Sackgasse zu benennen.
Dienstag, 3. Juli 2012
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