Samstag, 26. September 2015

RWE - und seine Kommunen - am Abgrund

Der altehrwürdige, renommierte Energiekonzern RWE mit Sitz in Essen (NRW), steht vor dem finanziellen Abgrund. Abzulesen ist dies an seinem Aktienkurs. Vor der sogenannten Energiewende lag er noch bei 55, jetzt ist er auf 10 Euro pro Aktie abgestürzt. In den vergangenen viereinhalb Jahren hat der Konzern drei Viertel seines Börsenwerts verloren; vom Aktienhöchststand im Jahr 2008 ist gerade noch ein Zehntel übrig geblieben.  An manchen schlimmen Tagen, wie dem 15. September 2015, büßte die Firma sogar eine Milliarde ihres Wertes ein. Das Unternehmen ist damit nicht mehr die langfristig sichere Geldanlage, die vormals als "Witwen- und Waisen-Rentenpapier" empfohlen werden konnte. Einige meiner Freunde bei RWE wollten dies nicht wahrhaben. Sie kauften noch 2014 Aktien zum Kurs von 30 nach - und verloren inzwischen zwei Drittel ihres Investments.

Zu allem Überfluss plagen RWE auch noch riesige Schulden, so um die 35 Milliarden Euro. Sie resultieren zumeist aus Fehlentscheidungen früherer Firmenchefs. Der vormalige Hausjurist und überraschenderweise zum Vorstandsvorsitzenden hochgelobte Dietmar Kuhnt kaufte allerhand marode englische und amerikanische Wasserfirmen auf, was den vorher kerngesunden zum ersten Mal in hohe Schulden trieb. Sein Nach-Nachfolger Jürgen Großmann, ein Zwei-Meter-Manager mit Ruhr-Stallgeruch und einer Statur wie eine deutsche Eiche, investierte zur Unzeit Milliarden in eine Vielzahl von fossilen Kraftwerken. Der jetzige RWE-Chef, Peter Terium (52), geborener Holländer und gelernter Wirtschaftsprüfer, Vegetarier sowie Billardspieler, räumte auf. Er legte die meisten Kraftwerke seines Vorgängers still, darunter das nagelneue Gaskraftwerk "Claus C" und scheute sich auch nicht, das markante Bürohochhaus in Essen (Spitzname "Wattikan") an einen US-Immobilienfonds zu verscherbeln und wieder zurück zu leasen. Mittlerweile ist er bei einem Dutzend kleiner Wasserkraftwerke angelangt, deren Verkauf bis zum Ende d. J. geplant ist, weil sich ihr Betrieb für RWE angeblich nicht mehr lohnt.


Das Bürohochhaus des RWE in Essen ("Wattikan")

Geldsorgen der Kommunen

Die von der Bundesregierung nach Fukushima angeordnete Stilllegung der Kernkraftwerke hat RWE ins Mark getroffen. Drei große Atomkraftwerke (Biblis A und Biblis B) wurden sofort abgeschaltet, drei weitere (Emsland, sowie Gundremmingen B und C) sollen, zeitlich abgestuft, bis zum Jahr 2022 folgen. Diese Kernkraftwerke waren, neben den Kohlekraftwerken, die eigentlichen  Gewinnbringer des Konzerns. Kein Wunder, dass ihre Stilllegung in der Bilanz riesige finanzielle Lücken gerissen hat. Immerhin stellte ein Untersuchungsausschuss des Landes Hessen inzwischen fest, dass zumindest die Abschaltung der Kraftwerke Biblis A und B illegal war, weil der Betreiber dazu - wie im Atomgesetz verlangt - vorher nicht angehört worden war. Ministerpräsident Volker Bouffier schiebt die Verantwortung für diese Maßnahme der Bundesregierung zu. Demnächst wird die Bundeskanzlerin dem Ausschuss Rede und Antwort stehen müssen.

Die finanzielle Schieflage der RWE hat auch Auswirkungen auf die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, denen der Konzern zu 24 Prozent gehört. Die Krise trifft sie sogar mehrfach: wegen verminderter Gewinne sinken die Gewerbesteuereinnahmen der betroffenen Städte, daneben müssen diese auch den Wertverlust ihrer Aktien und die Dividendenkürzungen verdauen. Die Reduktion der Dividende auf ca. 50 Cent pro Aktie wirft die Investitionsplanung der Städte Essen und Mülheim total über den Haufen. Fast noch schlimmer ist das Absinken des Börsenwerts für das RWE. Wie viele Kommunen in NRW hat die Stadt Essen bei Einführung der doppelten kaufmännischen Buchführung im Jahr 2007 den damaligen hohen Aktienkurs von 77 Euro als Eigenkapital in ihre Bücher genommen und damit einen satten Buchgewinn erzielt. Nach dem oben geschilderten Börsensturz musste allein die Stadt Essen ca. 800 Millionen auf ihre Beteiligung an RWE abschreiben. Das Eigenkapital der Stadt ist damit fast auf Null angelangt. Im Gegensatz zu Essen gibt es allerdings auch andere Städte in NRW, die nicht unter dieser Misere leiden. Die Landeshauptstadt Düsseldorf, beispielsweise, hat vor sieben Jahren ihre Anteile an RWE rechtzeitig verkauft und ist seitdem schuldenfrei!

Auch die Stadtwerke München haben große finanzielle Sorgen. Nachdem sie zuletzt noch 80 Millionen Euro Gewinn gemacht haben, wird dieses Jahr erstmals ein Minus vor dem Ergebnis nach Steuern stehen. Der Energiesektor hat seit Jahren den teuren, aber defizitären und unverzichtbaren U-Bahn-Ausbau mitfinanziert. Aus den Gewinnen der Stadtwerke konnte der Stadtkämmerer bisher zuverlässig ca. 100 Millionen Euro in den städtischen Haushalt einstellen. Das gilt zukünftig nicht mehr. Aber dieses Unglück kommt nicht allein. Die Stadt München ist auch mit 25 Prozent an dem Atomkraftwerk Isar II beteiligt und hat offensichtlich zu wenig Geld für dessen Abriss ab dem Jahr 2022 zurückgelegt. Etwa um 100 Millionen Euro muss diese Rücklage, angesichts der niedrigen Zinsen, aufgestockt werden. Dessen ungeachtet propagieren die Grünen dieser Stadt, dass München große Gewinne aus dem Betrieb von Windkraftanlagen zieht, an denen sie beteiligt ist. Verschwiegen wird, dass diese aus Subventionen herrühren, die vom Stromverbraucher bezahlt werden.

Zoff im Aufsichtsrat

Zu allem Überfluss hat bei RWE auch der seit 2009 agierende Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Schneider angekündigt, dass er diesen Posten bei der nächsten Hauptversammlung im Frühjahr 2016 aufgeben werde. Ein neuer Kontrollchef musste also her; Gehalt: um die 300.000 Euro pro Jahr, also pea-nuts bei Herren dieses Kalibers. Üblicherweise obliegt es dem abgehenden Chef seinen Nachfolger zu finden - natürlich im Einvernehmen mit den anderen Aufsichtsräten. Und da begannen die Probleme, denn das hohe Gremium war sich nicht einig. Die Kommunen halten, aus historischen Gründen, zwar nur etwa ein Viertel des Aktienkapital, haben aber - wiederum aus historischen Gründen - volle 4 der insgesamt 10 Aufsichtsräte. Sie mussten in den Findungsprozess eingebunden werden.

Und der war nicht einfach, denn die Kommunen und die Kapitalseite (6 Sitze) verfolgen verschiedenartige Geschäftsmodelle. Die Kommunen wollen, etwas platt gesagt, aus dem weltweit agierenden Energiekonzern RWE wieder einen regionalen Versorger machen, ein großes "Stadt- und Landwerk", wie einer der ihren sagte. Sie betrachten den Konzern fast als Eigentum der Stadt- und Landkreise und halten es für das Wichtigste, dass es genug Dividende für die klammen Kommunen gibt - selbst wenn das Unternehmen wenig abwirft und jeden Euro eigentlich für die Investitionen bräuchte. Die Kapitalseite betrachtet diese Vision als rückwärts gewandt und zieht da nicht mit. Der Kandidat der Kommunen war der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, derzeit Chef der Ruhrkohle AG und ein Strippenzieher allererster Güte. Er hätte, im Sinne der Kommunen, das RWE mehr oder minder verstaatlicht, wie seinerzeit seine Abbruchfirma RAG.

Nun, Müller ist aus dem Rennen, denn Schneider hat seinen Nachfolger gefunden. Es ist der ehemalige Chef des Software-Konzerns SAP, namens Werner Brandt. Zwei weitere Mitglieder wollen den RWE-Aufsichtsrat ebenfalls verlassen, unter ihnen der Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche. (Will er etwa die Diesel-Software in Sindelfingen überprüfen?). Da vom kommenden Jahr an bei der Besetzung des RWE-Aufsichtsrats die Frauenquote zu berücksichtigen ist, werden zwei sachkundige Damen gesucht.

Also: "Ladies to the front!"

Samstag, 19. September 2015

Gabriel contra E.ON

E.on, Deutschlands größter Energie- und Stromkonzern, ist in Nöten. Seit der Energiewende im Jahr 2011 verlor das Unternehmen 60 Prozent seines Börsenwerts. Im vergangenen Jahr machte der Konzern mit 3 Milliarden Euro Schulden den höchsten Verlust seiner Geschichte. Derzeit ächzt die einst kerngesunde Firma unter einer Schuldenlast von 30 Milliarden Euro. Der Aktienkurs ist von 25 ( im Jahr 2011) auf bloße 7,7 im September d. J. abgestürzt. Die Gefahr der Insolvenz (oder zumindest einer feindlichen Übernahme) ist nicht mehr von der Hand zu weisen.

Einen Großteil der Schuld tragen die Maßnahmen der Bundesregierung im Zuge der sogenannten Energiewende. Merkels hastiger und technisch nicht gerechtfertigter Ausstieg aus der Kernenergie gab den Anstoß zu der wirtschaftlichen Spirale nach unten; ihr Bundesminister Sigmar Gabriel lässt seit Jahren keine Gelegenheit aus, E.on auf diesem Weg weiterhin zu schurigeln.  Im folgenden werden die wichtigsten politischen Entscheidungen benannt, welche E.on in die heutige Misere geführt haben.


Logo des Konzerns E.ON  SE


Die Ursachen des Niedergangs

Die Zwangsmaßnahmen gegenüber den Energieversorgungsunternehmen (EVU) begannen bereits unter der Regierung Schröder sowie seinen damaligen Ministern Müller und Trittin im Jahr 2000. Damals wurde den EVU die Laufzeitbegrenzung der Kernkraftwerke per Gesetz aufgedrückt und die Entsorgung der Reststoffe in Gorleben systematisch blockiert. Nach den Unfällen in Fukushima kamen noch folgende regierungsamtliche Maßnahmen hinzu:

1.  Die zu E.on gehörigen Kernkraftwerke Isar 1 und Unterweser wurden im März 2011 durch Sofortvollzug, aber gesetzeswidrig ohne erforderliche Begründung, stillgelegt. Schadensersatz wurde bis heute nicht geleistet.

2.  Bei den ebenfalls zum E.on-Konzern gehörenden Kernkraftwerken Brokdorf, Grafenrheinfeld, Isar 2, und Grohnde wurden die Laufzeiten bis max. zum Jahr 2022 erheblich verkürzt. Auch hierfür gab es keine gesetzliche Grundlage. International üblich sind Laufzeiten von 40 bis 60 Jahren. Auch für diese Laufzeitverkürzungen wurde kein Schadensersatz geleistet. Im Gegenteil: den Betreibern wurde eine sehr hohe Brennelementsteuer auferlegt.

3.  Die bevorzugte Stromeinspeisung von Erneuerbaren Energien (EE), vorzugsweise aus Wind und Sonne,  wurde regierungsamtlich verfügt. Dabei wurden die variablen Kosten der EE willkürlich und realitätswidrig (beim "Merit-Order-System) auf Null gesetzt. Neue und klimafreundliche Gaskraftwerke wurden durch diese bürokratische Maßnahme plötzlich unwirtschaftlich.

4.  Die Subvention des Stroms aus EE wurde exzessiv angehoben. Der Gedanke des Wettbewerbs wurde negiert, stattdessen wurde nach planwirtschaftlichen Gesichtspunkten verfügt. Der Börsenstrompreis fiel dadurch zwischen den Jahren 2011 und 2015 von 50 auf 29 Cent pro Megawattstunde, was die Ertragssituation bei den EVU drastisch verschlechterte. Gleichzeitig stieg die EEG-Umlage auf über 6 Cent pro Kilowattstunde für die Verbraucher. Die EE-Subventionskosten pro Jahr belaufen sich derzeit auf 25 Milliarden und sind im Steigen.

5.  Die EVU sind per Gesetz weiterhin verpflichtet das Stromnetz stabil zu halten. Wegen der hohen Einspeisung von EE-Strom erzeugt dies große Zusatzkosten, insbesondere im Winter, wenn Sonne und Wind weniger verfügbar sind. Die Bundesregierung hat sich bisher geweigert, sich an diesen Kosten wirklichkeitsgetreu zu beteiligen. (Diskussion Kapazitätsmarkt). Im Sommer muss Überschussstrom an benachbarte Länder "verschleudert" werden.

6.  Kohle ist durch die Verschiebung im Merit-Order-System wieder "wirtschaftlich" geworden und wird deshalb zunehmend verstromt. Bundeswirtschaftsminister Gabriel versucht dies, mit Hinweis auf die angebliche Klimaschädlichkeit, zu verhindern und auf alle Fälle zu verteuern.

7.  Wegen fehlender Gleichstromtrassen und saisonaler Stromspeicher zeigen sich immer mehr die grundsätzlichen Schwächen der sogenannten Energiewende.

8.  Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn dem Konzern E.on - wie den anderen Energieunternehmen RWE, EnBW und Vattenfall - die wirtschaftliche Basis verloren ging. Verantwortlich für den Niedergang dieser renommierten Großunternehmen ist einzig und allein der gesetzgeberische Murks von Merkel und Gabriel.

Die Diskussion um die Entsorgung

Einvernehmen herrscht darüber, dass Kernkraftwerke, wie alle anderen Industriebauten, nach der Nutzung zurück gebaut werden müssen und die Restmaterialien sicher zu entsorgen sind. Von den Gegnern der Kernenergie wird gelegentlich die Meinung verbreitet, dies sei technisch und finanziell nicht möglich. Beides stimmt nicht, wie kurz dargestellt wird.

1. Für den Rückbau von Atomkraftwerken gibt 2 Varianten: der (vorläufige) sichere Einschluss oder die vollständige Beseitigung bis hin zur sog. Grünen Wiese. Für beide Alternativen existieren   schon reichliche Erfahrungen. Vollständig, also bis zur Grünen Wiese, wurden die drei Kernkraftwerke VAK Kahl, HDR Großwelzheim und das KKN Niederaichbach beseitigt. Im sicheren Einschluss befinden sich derzeit das KWL Lingen und der THTR Hamm-Uentrop.  In verschiedenen Stadien des Rückbaus sind gegenwärtig 14 Atomkraftwerke begriffen. Dazu gehören u.a. KWO Obrigheim, KMK Mülheim-Kärlich, KNK II, etc.

2.  Auf der Basis dieser reichhaltigen Erfahrungen kostet der Rückbau eines großen Kernkraftwerks ca. 1 Milliarde Euro, der im Strompreis bereit enthalten war und der von den Stromkonzernen bilanziell rückgestellt wurde. Insgesamt betragen die Rückstellungen der EVU ca. 40 Milliarden Euro, wovon 20 Mrd. für den Rückbau und 20 Mrd. für die Entsorgung der radioaktiven Stoffe im Endlager vorgesehen sind. Die Firma E.on ist verantwortlich für den Rückbau von 6 grossen Kernkraftwerken und einigen Kleinanlagen. Dafür wird ein Aufwand von 7 Mrd. Euro veranschlagt. Die bilanzielle Rückstellungssumme liegt derzeit bei insgesamt 16,6 Mrd. Euro, was ausreichend sein sollte sowohl für den Rückbau als auch für die Entsorgung der Reststoffe. (Ähnlich ist das Verhältnis bei den anderen drei großen EVU).

3.  Bei der Entsorgung der Reststoffe gilt folgende Vereinbarung: das Endlager (Kosten 1 bis 2 Milliarden Euro) muss vom Bund bereitgestellt werden. Alle Kosten, einschließlich der Verpackung in Fässer und der Verbringung in das Endlager werden den EVU angelastet. Nach obiger Kostenaufstellung stehen bei E.on hierfür ca. 16,6 - 7 = 9,6 Mrd. Euro zur Verfügung, was aufgrund der Erfahrungen vollkommen ausreichend sein sollte.

4.  Wo liegt dann das Problem für die nahezu endlose Diskussion um die Entsorgung der Atomkraftwerke? Nun, das Problem beruht darin, dass der Bund nach der vorsätzlichen und fahrlässigen Aufgabe des praktisch bereits genehmigten  Endlagers Gorleben - durch den damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin - bis jetzt nicht in der Lage ist, einen neuen Standort für ein solches Lager zu präsentieren.  Ob dies in Deutschland überhaupt jemals möglich sein wird, ist durchaus zweifelhaft - denn Gorleben ist überall!

5.  Zu allem Überfluss hat Trittin auch noch das Zwischenlager Gorleben gekippt, in denen die bestrahlten Brennelemente in Castor-Behältern lagern sollten. Seitdem müssen an etwa einem Dutzend Reaktorstandorten neue (kleinere) Zwischenläger für diese Brennelemente gebaut werden, die dort wohl bis zum St. Nimmerleinstag lagern werden. Und das, obwohl das dafür errichtete Zwischenlager Gorleben nur zu knapp einem Drittel gefüllt ist und für alle deutschen Brennelemente ausgereicht hätte!

Der sogenannte Stresstest

1.  Da es zeitlich überhaupt nicht abzuschätzen ist, wann der Bund ein neues Endlager bereitstellen kann, hat sich E.on zu einem drastischen Schritt entschlossen. Der Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen kündigte Mitte 2014 an, dass er (ab 2016) den Konzern in zwei Teile aufspalten wolle: die fossilen Kraftwerke, sowie die Kernkraftwerke, sollten in die neue Firma Uniper ausgegliedert werden; das Geschäft mit dem Ökostrom, der Netzbetrieb und die Kundenbeziehungen sollten in der bisherigen Firma E.on SE verbleiben. Die Atomrückstellungen sowie die daraus erwachsenden Verpflichtungen sollten an die Firma Uniper gehen.

2.  Dieser Schritt brachte Minister Gabriel in Wallung. Er bezichtigte E.on, sich ihrer Verpflichtungen entledigen zu wollen, durch die Gründung einer Bad Bank. Seine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Er wies seine Referenden an, ein sogenanntes Nachhaftungsgesetz auszuarbeiten. Dieses sollte bewirken, dass die Ursprungsgesellschaft E.on - nicht wie bisher lediglich 5 Jahre lang - sondern künftig unbeschränkt für die Atomverpflichtungen einzustehen habe. Eltern haften für ihre Kinder, tönte er populistisch - obwohl auch im Bereich der Familie die Haftung terminiert ist. Das Ende vom Lied: E.on-Chef Teyssen machte die Ausgliederung der Kernkraftwerke rückgängig. Sie gehören jetzt wieder zum E.on-Konzern, allerdings unter dem (altehrwürdigen) Namen PreußenElektra.

3.  Einmal in Fahrt, legte Gabriel sogleich nach: eine Expertenkommission soll im Oktober die Kernkraftwerke einem finanziellen Stresstest unterziehen. Die Kommission soll nicht nur feststellen wie sicher die derzeitigen Atomrückstellungen wert sind, sondern auch in ferner Zukunft, etwa 2050 oder 2080, falls dann Endläger existieren. Als Basis dient ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton aus Düsseldorf. Wie leicht vorstellbar, hängt dieser Zukunftswert insbesondere von den angenommenen Zins und Zinseszinsen ab. Diese schwanken erfahrungsgemäß innerhalb von zehn Jahren oft zwischen 1 und 7 Prozent. E.on hat 4,7 Prozent zugrunde gelegt. In der gegenwärtigen Niedrigzinsphase haben sogar die erfahrenen deutsche Versicherer die Reißleine gezogen, indem sie keine Lebensversicherungen mit Zinszusagen und Überschussbeteiligung mehr anbieten. Es ist fraglich, ob Gabriel in seiner Kommission Propheten aufzubieten hat. Diese gibt es bekanntlich nur in der Bibel und sind dort bereits vollständig gelistet.

4.  Als Fazit bleibt der betrübliche Eindruck, dass Merkel und Gabriel, als Vertreter der beiden Volksparteien, drauf und dran sind die verdienstvollen großen deutschen Energiekonzerne in den Abgrund zu zwingen. Am 15. September 2015 verlor E.on an der Börse innerhalb eines Tages zeitweise 2,3 Milliarden Euro. Das ist der Wert eines Atomkraftwerks.

Dienstag, 15. September 2015

In memoriam: Professor Lothar Köster

Kurz vor seinem 93. Geburtstag ist Professor Dr. Lothar Köster am 7. September 2015 in Garching verstorben. Er war 29 Jahre lang - von 1958 bis 1987 - Technischer Direktor des ersten deutschen Forschungsreaktors FRM in München-Garching. Unter Kösters Leitung entstand eine effektive Betriebs- und Organisationsform am FRM, die sowohl die hohen Sicherheitsanforderungen als auch die Wünsche der Forscher nach möglichst viel wissenschaftliche Freiheit erfüllte. Der Verfasser dieses Nachrufs hatte die Ehre und das Vergnügen unter Professor Köster die Anlagen zur Bestrahlungstechnik am FRM mit aufbauen zu dürfen.

Lothar Köster wurde am 9. Oktober 1922 in Essen geboren und studierte Physik an der Universität Heidelberg. Nach seiner Promotion 1953 bei Heinz-Maier-Leibnitz und Walter Bothe ging er für kurze Zeit als Abteilungsleiter zum Isotopenlabor der damaligen Farbenfabrik Bayer. Professor Maier-Leibnitz berief ihn später als Chef  für den Reaktor FRM. Köster gelang es mit einer kleinen, von ihm ausgewählten Mannschaft und mit geringen Kosten alle TÜV-Anforderungen zur Erhöhung der Reaktorleistung von 1 Megawatt auf 2,5 MW und schließlich auf 4 MW zu erfüllen.


Professor Dr. Lothar Köster (1922 - 2015)

Köster organisierte in Garching nicht nur den Betrieb, sondern baute auch selbst große Experimente auf. Zu nennen ist das Schwerkraftrefraktometer, das weltweit die genaueste Bestimmung der Wechselwirkungen zwischen Neutronen und Protonen erlaubte. Weitere Versuche waren die Präzisionsmessungen zu kohärenten Streulängen. Schließlich entstand in den 80er Jahren unter Kösters Leitung die Konverteranlage am FRM, welche die Strahlentherapie von oberflächennahen Tumoren mit schnellen Neutronen ermöglichte. Dazwischen habilitierte er und hielt Physik-Vorlesungen an der Technischen Universität München. Für seine vielfältigen technischen und wissenschaftlichen Leistungen erhielt Lothar Köster 1987 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Köster war ein typischer Vertreter der Kriegsgeneration. Noch während des Abiturs wurde er zum sogenannten Reichsarbeitsdienst einberufen und 1942, als 19-jähriger, musste er als Infanterist an die Ostfront. Bei einem Meldegang riss ihn 1943 eine Granate von den Füßen. Zahlreiche Granatsplitter drangen in beide Beine ein und verwundeten ihn lebensgefährlich. Sein ganzes weiteres Leben hatte Köster unter den Spätfolgen dieser Verwundung zu leiden; mit zunehmendem Alter war das Gehen schmerzhaft und eingeschränkt. Kurz vor Kriegsende, im April 1945 wurde er gefangen genommen. Die Bedingungen im Lager waren grausam: die Soldaten lagen wochenlang bei Kälte und Nässe (ohne Unterlage und Decke) auf dem blanken Erdboden.

Als größtes Glück seines Lebens bezeichnete Lothar Köster die Eheschließung mit Frau Dr. Hertha Müller, die er schon seit der Schulzeit kannte. Sie schenkte ihm drei wohlgeratene Kinder (Karin, Dora und Ludwig), die bis zu ihrem Tod im Oktober 2011 ein ständiger Quell der Freude und Kraft waren und fortan den Vater während seiner letzten vier Jahre rührend betreuten.

Professor Lothar Köster hat in seinem langen Leben viel geleistet und viel erlitten. Für seine Angehörigen, seine Freunde und Mitarbeiter wird er in steter Erinnerung bleiben.

Dr. Willy Marth, Karlsruhe

Sonntag, 13. September 2015

Der Tod des Sonnenkönigs

Unsere Nachbarn, die Franzosen, lieben ihre Herrscher weit mehr als wir Deutsche. In regelmäßigen Abständen gibt es bei der Grande Nation Umfragen derart: Wer war der berühmteste Staatsmann Frankreichs? Eine kürzliche Befragung brachte folgende Reihung zustande: 1. General des Gaulle - 2. Napoleon Bonaparte - 3. König Ludwig der Vierzehnte. Ob in Deutschland die vergleichbare Sequenz Adenauer/Bismarck/ Friedrich der Große erzielt werden würde, ist zumindest fraglich. Aber die Liebe der Franzosen zum jeweiligen Regenten hat offensichtlich auch ihre Grenzen. Immerhin wurde de Gaulle auf dem Höhepunkt seiner Macht abgewählt, Napoleon zwei Mal in die Verbannung geschickt und der Nach-Nachfolger von Ludwig XIV, der unglückliche Louis XVI (samt seiner Gemahlin Marie-Antoinette) sogar geköpft.

Louis XIV, dessen Tod sich am 1. September 2015 zum 300. Mal jährte, blieb Arges von seinen Zeitgenossen erspart - sofern man von den chirurgischen Malträtierungen seiner Ärzte absieht, die ihm beim Ziehen einiger Backenzähne gleich einen Teil des Unterkiefers mit herausrissen. Daraus resultierte auch die anschließende Vorliebe des Königs für pürierte Speisen. Louis, geboren 1638, war 72 Jahre lang König von Frankreich, die ersten Jahre allerdings unter der Regentschaft seiner Mutter und des diplomatisch außerordentlich versierten Kardinals Mazarin.

Kriegsherr, Bauherr und Mäzen der Kunst

Louis bezeichnete sich als "Sonnenkönig" (le Roi-Soleil) und niemand sollte es wagen, die Sonne zu verdunkeln. Um das zu verhindern führte er eine Unzahl von Kriegen. Vor allem gegen die Habsburger, aber auch gegen die Spanier und die Niederländer, welche seine Invasionen zeitweise nur dadurch verhindern konnten, dass sie ihre Deiche anstachen und ihr Land fluteten. Schlimm war der Heerzug gegen die Pfalz, der mit der Zerstörung von Heidelberg, Worms und Speyer endete und der völligen Auslöschung von Mannheim. Kein Ruhmesblatt für Ludwig waren auch seine Kriege gegen die Hugenotten, welche die Vertreibung von ca. einer Viertelmillion Protestanten zur Folge hatte, die zumeist der Lehre von Johannes Calvin anhingen. Der König agierte nach dem Motto cuius regio, eius et religio: ein Land, eine Konfession - und zwar die des Herrschers.


Ludwig XIV (1638 - 1715)

Als Bauherr war Ludwig XIV unübertroffen. Das kleine Jagdschloss Versailles, südwestlich von Paris in einer sumpfigen Gegend gelegen, wurde unter ihm für eine gigantische Geldsumme zu einem pompösen Schloss mit Spiegelsaal und weitläufigen Garten ausgebaut. Gleichzeitig diente Versailles als eine Art Kaserne für den französischen Hochadel, die Louis dort unter Kontrolle hielt. Zur Morgentoilette (lever) und beim abendlichen Zubettgehen (coucher) bestand für die Adeligen Präsenzpflicht. Die jeweiligen Favoriten unter ihnen durften für den König den pot de chambre halten und waren mächtig stolz darauf. Kein Wunder, dass es in den prunkvollen Räumen und Sälen von Versailles immer etwas "streng" roch, gab es doch nur wenige Abtritte und Plumpsklos.

Trotz der vielen Kriege und der unglaublichen Verschwendungssucht für Bauten, erreichte Frankreich unter Louis Quatorze auch auf dem Gebiet der Kultur und der Wissenschaften die Vorherrschaft in Europa. Die Schriftsteller Moliere und Racine wurden an den königlichen Hof geholt und durften dort ihre Dramen aufführen - auch wenn sie implizit manch leise Kritik am Absolutheitsanspruch des Monarchen erkennen ließen. Mit viel Aufwand wurde auch die (französische) Oper gefördert sowie die Ballettkunst, der sich gelegentlich sogar Seine Majestät selbst hingab. Schließlich gründete Ludwig - als erster in Europa! - wissenschaftliche Akademien für die Bildhauerei, die Malerei, die Architektur und die Naturwissenschaften.

Das Ende

Die Kriegszüge, an denen sich Ludwig, hoch zu Ross, fast stets beteiligte und die Völlerei bei Essen forderte zunehmend ihren Tribut. Ab 1713, zwei Jahre vor seinem Tod, war Ludwig, nun im 75. Lebensjahr, meist an den Rollstuhl gefesselt. Häufige Gichtanfälle bereiteten ihm heftige Schmerzen. Aber der König ertrug sie mit Gefasstheit und Gelassenheit. Das damalige Menschenideal der französischen Klassik - des honnête homme - lebte er seinen Zeitgenossen vor. Aber die Krankheitssymptome wurden immer vielfältiger. Leibschmerzen und häufige Übelkeit gesellten sich dazu, ebenso wie Wundbrand am Bein. Seine Ärzte wollten dies mit Eselsmilch bekämpfen, was zwar keinen Erfolg zeitigte, aber glücklicherweise die Schmerzen auch nicht verstärkte. Der königliche Leidenszustand war das Gespräch an den europäischen Höfen; die Londoner Buchmacher nahmen Wetten auf den Zeitpunkt seines bevorstehenden Todes an.

Was Ludwig ganz besonders plagte, war der Umstand, dass er keine direkten Nachkommen hatte. Alle seine Kinder und Enkel waren vorzeitig gestorben. Die Krone musste dem (1713) dreijährigen Urenkel Louis übergeben werden. Als Regenten bis zu dessen Volljährigkeit bestimmte Louis XIV den Herzog Philipp von Orléans. Da er diesem Adeligen nicht sonderlich vertraute, setzte er ein kunstvoll formuliertes Testament auf, mit welchem er die Kompetenz der zukünftigen Regenten einschränken wollte. Die letzten zwei Lebensjahre dachte Ludwig zunehmend kritisch über seine früheren Taten nach. "Ich habe zu viele Kriege geführt und zu viel Geld für Bauten verschwendet", gestand er ganz offen seiner Umgebung.

Als die Krankheiten ihn aufs Lager bannten, sagte er: "Nun kommt die Stunde des Todes". Er fing an, sich von seinen wichtigsten Höflingen zu verabschieden. Je nach Rang waren diesen 5 bis 15 Minuten zugemessen; seiner Frau, der Marquise de Maintenon, gestattete er, die ganze Zeit am Fuße seines Bettes zu verweilen. Was Ludwig verborgen blieb - aber vielleicht ahnte - war, dass diese Adeligen sich sofort um die Gunst des Herzogs von Orléans bemühten und nur noch auf das physische Ende des Sonnenkönigs warteten. Das kam am Sonntag, dem 1. September 1715. Mit großem Pomp wurde Louis XIV in der Pariser Abteikirche Saint Denis bestattet, der Grablege für die französischen Könige. Strengste Trauer war angeordnet, aber auf den Straßen von Paris lachte und sang das Volk. Die erste Maßnahme des Regenten Philipp war, das er Ludwigs Testament kassierte und für ungültig erklären ließ!

Die Auslöschung

Doch der bedeutendste König der französischen Geschichte fand in seinem Grabmal keine ewige Ruhe. Im Zuge der Französischen Revolution wurde er 1793 (zusammen mit den anderen bourbonischen Königen) aus seinem steinernen Grab gezerrt und seine sterblichen Überreste in ein Massengrab geworfen. Darüber ausgestreuter Kalk sorgte für die rasche Auslöschung der königlichen Gebeine. Nur die Kupferplatte seines Sargs tauchte später wieder auf: in einer Herberge in Saint-Denis, wo sie für den Boden eines Kochtopfs verwendet wurde.

Sonntag, 30. August 2015

Die Rosenthal Story

Jedermann kennt die Porzellanmarke Rosenthal. Bei einer Umfrage in den achtziger  Jahren lag die Firma im Bekanntheitsgrad der deutschen Unternehmen an dritter Stelle (hinter Mercedes und BMW). Dabei machte die Rosenthal AG damals gerade mal eine halbe Milliarde DM Umsatz und ihre Belegschaft bestand aus nur 8.400 Angestellten und Arbeitern. Zum Firmenimage beigetragen haben sicherlich die Stimmen der vielen deutschen Hausfrauen, für die ein festlich gedeckter Tisch ohne Rosenthal-Porzellan schlechterdings nicht möglich war.

Mein Anlass, über Rosenthal zu bloggen, war erstens, weil ich rd. 20 Kilometer entfernt vom Stammsitz dieser Firma in Selb geboren wurde und zweitens, weil die persönliche Geschichte der beiden Hauptpersonen des Unternehmens so facettenreich ist, wie in keinem der vielen Porzellanunternehmen in Deutschland.

Philipp Rosenthal, der Gründer und Geheimrat

Abraham hieß der Urvater der beiden Rosenthal-"Porzellan-Könige" Philipp und Philip-letzterer mit einem "p" geschrieben. Nicht der biblische Abraham war es, sondern ein wohlhabender Tuchweber und Vorstand der Synagoge in Werl bei Soest, im heutigen Nordrhein-Westfalen. Philipp war einer seiner drei Söhne (nebst weiteren drei Töchtern) und er sollte das elterliche Geschäft übernehmen. Doch Philipp hatte daran wenig Interesse. Er büxte als 17-jähriger im Jahr 1872 nach Nordamerika aus und nach der klassischen Karriere als Laufbursche, Tellerwäscher und Fahrstuhlführer in New York zog er weiter westwärts und brachte es zum Postreiter in Texas. Mit 24 Jahren tauchte er wieder in Deutschland auf, weil er bei Hutschenreuther in Selb (Fichtelgebirge) Porzellan für seine amerikanischen Auftraggeber einkaufen sollte. Dabei machte er die Erfahrung, dass er um Porzellan geradezu betteln musste. Kurzerhand beschloss er: "Ich mache das Zeug selber".

Offenbar hatte er in Amerika genug Geld gespart, um 1879 im ehemaligen markgräflichen Schloss Erkersreuth, drei Kilometer von Selb entfernt, eine Porzellanmalerei einrichten zu können. Das unbemalte Rohporzellan, "Weißware" genannt, kaufte er bei Hutschenreuther ein und ließ es von einem Gehilfen und seiner jungen Frau Mathilde dekorieren. Mit einem vierrädrigen Handkarren brachte er es eigenhändig zum nahen Bahnhof Plößberg zur späteren Verschiffung in die USA. Die Anfänge müssen hart gewesen sein, so mühsam, dass der Selber Konditormeister, in dessen Haus Philipp Rosenthal mit Mathilde wohnte, ihm den Vorschlag machte, doch bei ihm als Geselle einzutreten und Konditor zu werden.

Den wirtschaftlichen Durchbruch brachte schließlich der legendäre Aschenbecher mit der Aufschrift "Ruheplätzchen für brennende Cigarren", ein Artikel, der wie wild gekauft wurde. Das merkte auch der alte Lorenz Hutschenreuther, der sich fortan weigerte, Rosenthal mit Weißware zu beliefern. Kurz entschlossen gründete Philipp 1889 seinen eigenen Betrieb zur Produktion von weißem Porzellan in Selb und schon bald darauf beschäftigte er dort 60 Mitarbeiter. Durch diverse Aufkäufe und Neugründungen entstand 1897 die Philipp Rosenthal & Co, Aktiengesellschaft. Der nächste Verkaufschlager war das 8- und 12- eckige Porzellanservice mit Namen "Maria", das heute noch zur Rosenthalkollektion gehört. Maria war der Name seiner zweiten (35 Jahre jüngeren) Frau, die Tochter des königlichen Advokaten Josef Frank. Von Mathilde hatte er sich vorher scheiden lassen.

Von nun an ging es nur noch aufwärts. Nach Aufkauf der bislang konkurrierenden Porzellanfabriken  Bauer, Thomas und Zeidler gründete er 1910 in Selb eine Kunstabteilung für höherwertige Dekore. Als erster "Porzelliner" erkannte er auch die Bedeutung der damals aufkommenden Starkstromtechnik für die Keramikbranche. In der Abteilung "E" entwickelte er elektrische Widerstände und Isolatoren, wofür er 1912 eigens ein Hochspannungsprüffeld für 500.000 Volt aufbaute. Als die Rosenthal AG 1929 das 50-jährige Firmenjubiläum feierte, hatte der Konzern schon mehr als 7.000 Mitarbeiter. Für seine Verdienste wurde Philipp Rosenthal zum Geheimrat ernannt, ein Titel, mit dem er sich gerne ansprechen ließ.


Philipp Rosenthal, Vater, (1855 - 1937)

In der Nazizeit wurde (der Katholik!) Rosenthal wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem Unternehmen verdrängt. Im Jahr 1934 musste er den Vorstandsvorsitz in seiner Aktiengesellschaft niederlegen. Bald darauf kam es zu Erbstreitigkeiten, weil die Töchter aus erster Ehe befürchteten, bei der Aufteilung des Familienvermögens zu kurz wegzukommen. Die Nazis nutzten diese Gelegenheit und ließen im Februar 1937 Philipp "wegen Altersveränderung im Gehirn" entmündigen und für geschäftsunfähig erklären.  Wenig später musste die Familie ihr gesamtes Aktienpaket unter Wert verkaufen. Sechs Wochen darauf starb der fast 82-jährige Philipp Rosenthal in einem Bonner Sanatorium. Seinem Wunsch gemäß wurde er in Bozen, Südtirol, begraben. Die damals 47-jähige Witwe Maria Rosenthal verlegte ihren Wohnsitz an die französische Riviera, nach Juan le Pin, wo sie einen französischen Adeligen, den Grafen de Beurges, heiratete.

Philip Rosenthal, der Paradiesvogel und Ästhet

Philip Rosenthal war der einzige Sohn seines Vaters Philipp und dessen zweiter Frau Maria. Wie in diesen Kreisen damals üblich, besuchte Philip diverse Privatgymnasien, u. a. in München und in der Schweiz. Als die Nazis begannen, seine Familie zu drangsalieren, wich er nach England aus und studierte Philosophie und Volkswirtschaft an der Universität Oxford, wo er zum Master of Arts graduierte. Dort war er aufgrund seiner athletischen Leistungen auch Kapitän der berühmten Rudermannschaft. Bei Ausbruch des Krieges mit Frankreich besuchte er gerade seine Mutter in Marseille, wo er sich von geschickten Werbern dazu überreden ließ, der französischen Fremdenlegion beizutreten. Er merkte bald, dass er dort am falschen Platz war, aber erst beim vierten Fluchtversuch gelang es ihm über Gibraltar nach England zu entkommen. In London betätigte sich der nun schon 26-jährige eine Zeitlang als Bäckerlehrling, bis die Propaganda-Abteilung des britischen Foreign Office auf ihn aufmerksam wurde und ihn beim "Soldatensender Calais" als Verfasser und Sprecher von Texten einsetzte.

Nach dem Krieg bat ihn seine Mutter nach Deutschland zu fahren um die finanziellen Rückerstattungsansprüche der Familie Rosenthal zu regeln. So kam er 1947 nach langer Abwesenheit wieder nach Selb zur Firma seines Vaters. Dort waren mittlerweile ganz andere Menschen in der Führungsebene und die beinharten Verhandlungen dauerten drei Jahre, bis man sich schließlich auf einen Vergleich einigen konnte. Die Familie Rosenthal erhielt 1.020.000 DM in bar und nominal 792.000 DM Aktien, das waren 11 Prozent des Aktienkapitals. Auf Philip entfielen Aktien im Wert von 380.000 DM. Gleichzeitig machte man ihm das Angebot, als Werbechef bei der Firma Rosenthal einzutreten, was Philip annahm.

Man war offensichtlich zufrieden mit ihm, denn 1958 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden der Rosenthal AG ernannt. Philip war eine einzigartige Mischung aus Manager und Ästhet. Einer seiner Leitsprüche lautete: "Wer zu spät an die Kosten denkt, ruiniert sein Unternehmen; wer zu früh an die Kosten denkt, tötet die Kreativität." In diesem Sinne kreierte er Anfang der 60er Jahre die berühmte "Rosenthal-Studio-Line", die bis heute ein anerkanntes Leitbild für moderne Tisch- und Wohnkultur blieb. Mehr als hundert Künstler und Designer, wie Björn Winblad, Tapio Wirkkola,  Jasper Morrison, Timo Sarpaneva, Victor Vasarely, Henry Moore etc. entwarfen Porzellanservice, Vasen, Gläser und Bestecke, von denen viele noch heute zum Bestand des berühmten New Yorker Museums MoMA gehören. Auch seine architektonische Umwelt ließ Rosenthal neu gestalten. Das ehemalige trist-graue Fabrikgebäude in Selb erhielt von dem Zero-Künstler Otto Piene einen farbenfrohen Anstrich im Regenbogenformat und ist heute noch ein Hingucker für die sommerlichen Touristikbusse in dieser Stadt. Bei kulturellen Veranstaltungen der sogenannten "Rosenthal-Feierabende" wurden Theater- und Musikveranstaltungen mit weltberühmten Künstlern, wie Yehudi Menuhin und Louis Armstrong, nach Selb gebracht.

Als einer der ersten deutschen Unternehmer führte Philip Rosenthal 1963 ein Beteiligungssystem für Arbeitnehmer durch Mitbestimmung und Vermögensbildung ein. Auf diese Weise waren 1969 bereits 5,5 Prozent des Firmenkapitals in den Händen von 60 Prozent der Belegschaftsmitglieder. Kein Wunder, dass die regierenden Sozialdemokraten auf Rosenthal aufmerksam wurden. Der damalige Kanzler Willy Brandt konnte den Manager überreden, Bundestagsabgeordneter zu werden und in seine Regierung als Parlamentarischer Staatssekretär einzutreten. Bei Wirtschaftsminister Karl Schiller sollte er für die Vermögensbildung der Arbeitnehmer zuständig sein. Aber bald kam es zu Differenzen zwischen Rosenthal und seinem Minister. Die beiden "Alpha-Tiere" vertrugen sich nicht. Der Ministerkollege Gerhard Eppler brachte es auf den Punkte als er sagte: "Der Schiller hat einen Unternehmer erwartet und bekam den Rosenthal; der Rosenthal hat einen Sozialdemokraten erwartet und bekam den Schiller." Nach gut einem Jahr verließ Rosenthal das Kabinett Brandt, blieb aber zeitlebens Mitglied der SPD.


Philip Rosenthal, Sohn, (1916 - 2001)

Philip Rosenthal blieb unangefochten Chef des Unternehmens bis zum Jahr 1981, als er das 65. Lebensjahr erreicht hatte. Weitere acht Jahre bis 1989 diente er seiner Firma als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Als er einmal von einem Journalisten nach dem Erfolgsrezept seines Lebens gefragt wurde, antwortete er spitzbübisch: "Erfolg im Leben ist etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein." Einen geeigneten Nachfolger für den Vorstand gab es in seiner engeren Familie offenbar nicht, obwohl Philip im Laufe von fünf Ehen - davon zwei mit der gleichen Frau - für Nachwuchs reichlich gesorgt hatte.

Der Tod kam im September 2001. Rosenthal war vorbereitet. Er wollte im Vorhof seines Schlosses in Erkersreuth beerdigt werden. Auf einer schlichten Grabplatte ließ er folgende Inschrift anbringen:

"Vom Porzellan / verstand sein sogenannter König / eigentlich wenig. /
  Schon mehr der Bruder Rot / vom Menschen / und vom Ruderboot."

Epilog

In den vergangenen zwei Jahrzehnten, seit Philips Ausscheiden aus der Firma, gab es bei Rosenthal einschneidende Veränderungen. Im Jahr 1997 wurde das Unternehmen von dem britisch-irischen Waterford Wedgwood Konzern aufgekauft. Zehn Jahre später geriet Waterford Wedgwood in Liquiditätsschwierigkeiten und musste Konkurs anmelden. Damit wurde auch Rosenthal in den finanziellen Abgrund gerissen und war gezwungen im April 2009 die Insolvenz vor dem Amtsgericht in Hof zu erklären. Aber Rosenthal fand einen potenten Käufer. Das Unternehmen gehört seit dem 1. August 2009 dem italienischen Haushaltswarenhersteller Sambonet Paderno  und ist innerhalb dieses Konzerns weitgehend selbstständig. Der Firmensitz ist weiterhin Selb, das Unternehmen wird derzeit von dem Manager Pierluigi Coppo geleitet.

Für die Freunde des guten Porzellans ist eine Reise nach Selb zu den weitläufigen Schau- und Verkaufsräumen von Rosenthal immer noch ein guter Tipp.

Sonntag, 23. August 2015

Das Großprojekt FAIR Darmstadt in der Krise

Gut 30 Jahre lang betrieb die "Gesellschaft für Schwerionenforschung" (GSI) bei Darmstadt ein (relativ) kleines Forschungszentrum, das praktisch nur auf ein einziges Ziel ausgerichtet war: mit Hilfe eines Linearbeschleunigers sollten durch Fusion superschwere Atomkerne jenseits des Urans erzeugt werden. Bei dieser Aufgabe war man durchaus erfolgreich. Der Gruppe um Professor Peter Armbruster gelang es - durch wohldosierten Zusammenstoß zweier mittelgroßer Atomkerne - etwa ein halbes Dutzend dieser Exoten zu finden. Einem gaben sie den Namen "Darmstadtium", als Hommage an den Forschungsstandort Darmstadt. All diese Nuklide existieren nur Bruchteile von Sekunden und als es nicht gelang, zu den von einigen Theoretikern vorhergesagten "stabilen Inseln" vorzustoßen, flaute das Interesse der Community an dieser physikalischen Handwerkskunst ab. Etwa um die Jahrtausendwende beendete man diese Forschungen und wandte sich neuen Feldern zu.

FAIR - ein riesiges Projekt

Man wollte die thematische Monokultur der superschweren Kerne verlassen und sich der programmatischen Vielfalt der modernen Kernphysik öffnen. Die negativ geladenen Antiprotonen sollten dabei eine besondere Rolle spielen. Das Projekt FAIR - "Facility for Antiproton and Ion Research" wurde 2003 vorgestellt und der damalige Geschäftsführer Horst Stöcker versprach, die Physik des Universums ins Labor zu holen. Apparatives Kernstück von FAIR waren zwei große Beschleunigerringe von 1.100 Metern Umfang, die übereinander gemeinsam in einem unterirdischen Tunnel verlaufen sollten. Dem noch vorhandenen Beschleuniger des GSI war nur noch die dienende Rolle des Vorbeschleunigers zugedacht. An die beiden großen Beschleunigerringe sollte sich ein hochkomplexes System von weiteren Speicherringen und Experimentierstationen anschließen, wie in der untenstehenden Skizze veranschaulicht. FAIR sollte aus vier großen Unterprojekten bestehen und 3.000 Wissenschaftlern und Technikern Beschäftigung bieten. CERN lässt grüßen!


Bild 1: Aufbau der geplanten Beschleunigeranlage FAIR (rot), die an die existierenden GSI-Beschleuniger (blau) angeschlossen wird.

Das Forschungsministerium in Berlin und das Sitzland Hessen waren bereit 75 Prozent der Projektkosten zu tragen; die restlichen 25 Prozent sollten von internationalen Partnern beigesteuert werden. So kam es im Oktober 2010 zur Gründung der "FAIR-GmbH", der (neben Deutschland) die Länder Finnland, Frankreich, Indien, Polen, Rumänien, Russland, Schweden, Slowenien und Großbritannien angehörten. Russland ist in diesem Verbund der stärkste ausländische Partner; das Land verpflichtete sich zur Zahlung von 174 Millionen Euro und zur Lieferung der supraleitenden Magnete. Demzufolge wurde Boris Scharkow zum wissenschaftlichen Geschäftsführer der FAIR-GmbH bestellt.

Technische Probleme, Mehrkosten, Terminverzögerungen

Die bautechnischen Probleme zeigten sich schon bald nach der Gründung der FAIR-Gesellschaft. Testbohrungen im Gelände der beiden großen Beschleunigerringe ergaben, dass der Untergrund nicht - wie erwartet - felsig war, sondern aus leichtbeweglichem Sand und Ton bestand. Er musste durch 1.400 Bohrpfähle aus Stahlbeton bis in eine Tiefe von 60 Metern verfestigt werden, eine schwierige Arbeit, die bis zum Jahr 2014 andauerte. Da die ausländischen Partnerländer nicht bereit waren, zusätzliche Millionen "in Beton" zu investieren, mussten der Bund und das Land Hessen diese Mehrkosten (über 100 Millionen Euro) alleine tragen.



Bild 2: Luftaufnahme aus dem Sommer 2013: Darauf ist die 20,8 Hektar große Rodungsfläche neben der bestehenden Forschungsanlage des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung zu sehen.

Inzwischen sind die Projektkosten für FAIR kontinuierlich angestiegen. Bei Planungsbeginn rechnete man noch mit 675 Mio Euro; bis 2010 stiegen sie über 940 auf 1.200 Mio Euro an. Nunmehr, im Jahr 2015, liegt der offizielle Preis für FAIR bei 1.600 Mio Euro. Inoffiziell schätzen kundige Experten die Projektkosten eher auf 1.800 Mio - und die "Realisten" gehen sogar von über 2 Milliarden aus.

Analog zu den Kosten hat sich auch der Terminplan verschoben. Ursprünglich sollte der erste Ionenstrahl im Jahr 2016 kreisen, nun rechnet man - offiziell! - mit 2018. Sachkundige Beschleunigerfachleute halten es, angesichts des langsamen Baufortschritts, für wahrscheinlicher, dass die Inbetriebnahme der komplexen Anlage nicht vor dem Jahr 2025 stattfinden wird.

Gutachter verbreiten Schrecken

Die preisliche und terminliche Schieflage des Projekts FAIR bereitete Ende 2014 im Forschungsministerium in Berlin (BMBF) große Sorgen. Der Aufsichtsratsvorsitzende von FAIR, Dr. Georg Schütte, gleichzeitig Staatssekretär im BMBF, reagierte wie dies immer in solchen Fällen geschieht: er richtete einen Gutachterkreis ein, der den Gründen für diese Probleme nachgehen und Vorschläge zu deren Beseitigung machen sollte. Mit der Leitung beauftragte er Professor Rolf-Dieter Heuer, den (deutschen) Generaldirektor des CERN in Genf.

In ihrem Bericht Anfang des Jahres 2015 kam diese Kommission zu dem Schluss, dass FAIR wissenschaftlich sehr gut, aber organisatorisch und strukturell kritisch zu bewerten sei. Im Umfeld dieses Statements kam es zu einem Revirement bei der Geschäftsführung und bei der Bauleitung. Im Februar 2015 trafen Heuers Gutachter die Vertreter der vier großen Forschungsprogramme an FAIR; dabei wurde abgeschätzt, wie sich deren internationale Wettbewerbsfähigkeit entwickeln würde, falls sich FAIR bis 2025 verzögert. In den Empfehlungen, welche die Kommission Mitte April veröffentlichte, wurde das Antiprotonenprogramm PANDA mit der geringsten Priorität versehen. Die Gutachter waren der Meinung, dass PANDA bei dieser angenommenen großen Verzögerung erhebliches Entwicklungspotential an konkurrierende Gruppen in Genf, sowie in USA und in Japan verlieren würde. Die hohen Kosten dieses Teilprojekts seien deshalb nicht zu rechtfertigen.

Seitdem tobt eine heftige Diskussion. Die 500 Wissenschaftlicher, welche seit 10 Jahren an PANDA arbeiten, bombardieren Georg Schütte mit Briefen und Eingaben, sowie mit der Forderung, das Ranking der vier Teilprojekte nochmals zu überdenken. Ob das geschehen wird, darf bezweifelt werden. Ziemlich sicher wird sich das oberste FAIR-Gremium, der "Council" demnächst mit der Angelegenheit befassen und die endgültige Entscheidung treffen. Es könnte das Ende des eigentlich interessantesten Teilprojekts von FAIR bedeuten.

Gemäß dem alten Sprichwort: Wer zu spät kommt, den bestrafen die Götter.

Freitag, 14. August 2015

Das Bundesverfassungsgericht - "eine Laienspielschar?"

Heute würde es niemand mehr wagen - schon gar  kein Politiker - die Richter des Bundesverfassungsgericht als "Laienspielschar vom Karlsruher Schlossplatz" zu bezeichnen. Damals, in den fünfziger Jahren, waren derlei despektierliche Redeweisen unter den Politikern der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn aber durchaus gang und gäbe. Inzwischen hat das oberste deutsche Gericht mächtig an Status gewonnen. Wenn es seine weitreichenden Urteile verkündet, sitzen im Auditorium in der Regel leibhaftige Minister und nicken brav mit den Köpfen - auch wenn sie den Spruch der hohen Richter ganz und gar nicht goutieren.

Das Ambiente

Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Es sah (erstmalig in Deutschland) die Einrichtung eines Verfassungsgerichts vor. Als Standort wurde Karlsruhe gewählt, was kein Zufall war. Baden hatte vorher seine staatliche Selbstständigkeit verloren und war in dem Südweststaat Baden-Württemberg aufgegangen, was von den Einwohnern Badens als "schwerwiegende Verletzung des föderalen deutschen Staatsaufbaus" angesehen wurde. Für die Stadt Karlsruhe war der Titel "Residenz des Rechts" eine gewisse Entschädigung für den Verlust der Hauptstadtfunktion.

Dessen ungeachtet gibt es so etwas wie eine Karlsruher "Urangst", jemand könnte der Stadt das Verfassungsgericht wegnehmen. Tatsächlich wurde bei der Wiedervereinigung kurz erwogen, das Gericht nach Leipzig oder Potsdam zu verlegen. Es kam nicht dazu. Die Richter schätzen das unaufgeregte Karlsruher Lebensgefühl sowie die badische Liberalität. Und die Distanz zum allzeit hektischen Berliner Politikbetrieb.

Im Jahr 1951 nahm das Bundesverfassungsgericht (BVG) seine Arbeit auf. Zunächst war das BVG im Palais des ehemaligen Prinzen Max von Baden untergebracht. Im Jahr 1969 bezog es das von dem Architekten Paul Baumgarten entworfene Gebäudeensemble am Karlsruher Schloss, welches in der Tradition der deutschen Bauhaus-Architektur steht. Transparenz und Offenheit prägen sein Erscheinungsbild, das im Wesentlichen aus sechs würfelartigen Baugruppen besteht. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde in den Jahren 2011 - 14 grundlegend saniert.



Das Bundesverfassungsgericht, eingebettet zwischen Schlossplatz (oben) und Botanischen Garten (unten) mit den sechs Gebäudeteilen. (Foto: BNN)

Die transparente Bauweise des BVG signalisiert dem Bürger, dass sich das Gericht in ihren Dienst stellen will. Anders als frühere "Justizpaläste", etwa das Reichsgericht in Leipzig, das mit Portikus und Kuppel ein Beispiel für wilhelminische "Staatsarchitektur" war und das heute als Bundesverwaltungsgericht dient. Freilich ist der Zutritt zum BVG nicht schrankenlos. Eine Hundertschaft der Bundespolizei bewacht das Gebäude subtil aber effizient. Demgegenüber ist der ebenfalls in Karlsruhe beheimatete Bundesgerichtshof (wegen Überfällen in der RAF-Zeit) streng verbarrikadiert und die Generalstaatsanwaltschaft befindet sich sogar in einer Art Festungsbau.

Die Richter

Das Bundesverfassungsgericht ist ein Zwillingsgericht. Es besteht aus zwei Senaten. die mit jeweils acht Richtern und Richterinnen besetzt sind. Die Hälfte dieser Richter wählt der Bundestag, die andere Hälfte der Bundesrat. Wer 40 Jahre alt ist und das 2. Juristische Staatsexamen bestanden hat, kann zum BVG berufen werden. Die Amtszeit beträgt (einmalig) 12 Jahre. Jeder Senat bildet mindestens 3 drei Kammern, mit jeweils drei Mitgliedern. Sie bearbeiten Verfassungsbeschwerden von nicht grundsätzlicher Bedeutung. Das BVG hat insgesamt 260 Beschäftigte und einen Jahresetat von 29 Millionen Euro.

Professor Andreas Voßkuhle ist derzeit Präsident des Bundesverfassungsgericht. Er kommt von der Universität Freiburg, wo er einige Jahre Rektor war. Sein Stellvertreter ist Ferdinand Kirchhof, dessen wissenschaftlicher Heimathafen die Universität Tübingen ist. Kirchhof ist der Bruder des einstigen Verfassungsrichter und Steuerexperten Paul Kirchhof. Seit 2011 agiert Peter Müller als Verfassungsrichter am BVG und ist dort zuständig für das hochkomplexe NPD-Verbotsverfahren. Müller war 12 Jahre lang Ministerpräsident des Saarlandes und vorher Richter am Landgericht Saarbrücken.

Jeder Richter hat vier Assistenten bzw. Assistentinnen, die ihnen zuarbeiten. Es sind junge, hochqualifizierte Juristen, manche bereits mit Richtererfahrung, welche die Literatur auswerten und die Fälle für ihren jeweiligen Richter vorbereiten. Sie werden als der heimliche "dritte Senat" bezeichnet. Logischerweise sind diese auf wenige Jahre befristeten Stellen bei juristischen Berufsanfängern sehr begehrt.


Die Richtertracht des BVG

In der Öffentlichkeit sind die Richter und Richterinnen durch die scharlachroten Roben mit weißem Jabot bekannt. Die Roben sind der traditionellen Richtertracht der Stadt Florenz aus dem 16. Jahrhundert nachempfunden; sie hat ein Karlsruher Kostümbildner entworfen.

Die Verfahren

Das Bundesverfassungsgericht ist Hüter des Grundgesetzes. Es umfasst derzeit 141 Artikel, beginnend mit dem Artikel 1, die Würde des Menschen ist unantastbar (whatever that is), über den Artikel 16a, Politisch Verfolgte genießen Asyl, bis zum Artikel 141, der die Religionsfreiheit sicherstellt. Die häufigste Verfahrensart ist die Verfassungsbeschwerde. Jedermann kann behaupten durch Gerichtsurteile oder behördliche Verfügungen in seinen Grundrechten verletzt worden zu sein und demzufolge Verfassungsbeschwerde vor dem BGV erheben. Hierfür werden keine Gebühren verlangt. Im Normenkontrollverfahren prüft das BVG, ob Gesetze des Bundes oder der Länder mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Der Erste Senat ist als sog. Grundrechte-Senat für die Verfassungsbeschwerden zuständig, der Zweite Senat, als sog. Staatsgerichtshof für die Bund-Länder-Streitigkeiten. Die mündlichen Verhandlungen und Urteilsverkündigungen sind öffentlich.

Von 1951 bis 2014 wurden insgesamt 214.462 Verfahren beim BVG anhängig. Davon sind 7.826 im Senat und 180.044 in den Kammern abgehandelt worden. Bei 2.704 Anträgen wurde auf Erlass einer einstweiligen Verfügung entschieden. Der freie und kostenlose Zugang zum Verfassungsgericht birgt auch Schattenseiten. Unter den Kunden des BVG gibt es einige "Dauerkläger", die bereits 300 bis 400 Verfassungsbeschwerden (erfolglos) erhoben haben. Ein Anwalt ist für solche Klagen nicht erforderlich und die durchschnittlichen Kosten von 5.000 Euro trägt die Staatskasse.

Bei der Vollstreckung der Urteile gab es vor allem in den Anfangsjahren einige Schwierigkeiten. Im Bewusstsein, sich nicht um "die Laienspielschar am Karlsruher Schlossplatz" kümmern zu müssen, negierten manche Parlamente einfach die Urteile des BGV. Das geschah zum Beispiel bei der Entscheidung zur Gleichstellung von nichtehelichen Kindern in den sechziger Jahren. Der Gesetzgeber ließ die Frist, die ihm das Bundesverfassungsgericht zur Herstellung einer verfassungsgemäßen Rechtslage gesetzt hatte, tatenlos verstreichen. Daraufhin drohte das Gericht, alle Gesetze, die diese Fälle betreffen, für verfassungswidrig zu erklären. Das hat den Gesetzgeber motiviert, dann doch sehr schnell verfassungskonforme Regelungen zu verabschieden.

Ansonsten fühlen sich die Richter des Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gut aufgehoben. Wer in diesen warmen Sommertagen das Café Max beim Prinz-Max-Palais besucht wird nicht selten dem einen oder anderen begegnen.

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de