Dienstag, 27. Mai 2008

Bankrotterklärung der Klimapropheten

Während Frau Merkel in Südamerika die Regenwälder bestaunte und ihr sympathischer Ministeradlatus Gabriel in Bonn eine Monsterkonferenz zur Artenvielfalt abhielt, ging eine sensationelle Meldung der Klimatologen in den Medien fast unter: die Klimaforscher des Hamburger Max-Plank-Instituts und des Kieler Leibnitz-Instituts mussten öffentlich zugeben, "dass der Klimawechsel eine Pause einlegt und dass mit Rekordtemperaturen in den nächsten 10(!) Jahren erst einmal Schluss ist." Und ihr Oberguru Mojib Latif ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er voraussagte, "dass in Mittel- und Nordeuropa die Temperaturen sogar um ein Zehntel Grad sinken werden." Dies ist viel in Anbetracht des Anstiegs von nur sechs Zehntel Grad während der vergangenen hundert Jahre.

Das ist die Bankrotterklärung unserer sogenannten Klimaforscher!

Erinnern wir uns, was im jüngsten Weltklimabericht zu lesen steht: die Temperaturen werden noch in diesem Jahrhundert bis zu 6 Grad Celsius ansteigen, der Meeresspiegel wird sich um einen halben Meter erhöhen, die Hitzewellen und die tropischen Stürme werden zunehmen etc. etc. Dieser sog. AR4-Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist gerade einige Monate alt. Er hat der IPCC vor einem halben Jahr zum (halben) Nobelpreis verholfen und dem politischen Mitläufer Al Gore zur anderen Hälfte. Kritiker dieser Horrorszenarien gab es, aber sie kamen nicht zu Wort. Es handelt sich unter anderem um die 3 renommierten US-Professoren James Hansen, Richard Lindzen und Fred Singer sowie den dänischen Statistikprofessor Björn Lomborg. (Den Deutschen Reiner Gebhart kann man dazu rechnen.)

Deren Kritik macht sich vorallem an den Klimamodellen der etablierten Klimaforscher fest. Klima ist ein chaotisches Phänomen und solche Vorgänge modellieren zu wollen, grenzt an Hybris. Dementsprechend blamabel sind auch die nachprüfbaren Ergebnisse. Keiner der - zuweilen um 300 % variierenden Modellansätze - ist in der Lage, das Klima der letzten 100 Jahre nachzuvollziehen, keiner prophezeit die unmittelbare Zukunft der nächsten 10 bis 20 Jahre einigermassen richtig. So wurde für das Jahr 2005 in Mitteleuropa ein sehr heisser Sommer vorhergesagt - Pustekuchen, er war eher kühl. Ja, noch nicht einmal die etwa alle vier Jahre grössten globalen Klimaereignisse, die El Ninos-Strömungen, können zutreffend vorhergesagt werden. Weder hinsichtlich ihres Auftretens, noch ihrer Dauer, noch ihrer Intensität. Trotzdem werden auf der Basis dieser schütteren mathematischen Modelle immer wieder Schauerprognosen in die Welt gesetzt, die von der Medien gierig aufgegriffen werden und die den Menschen Angst machen.

Schon die Eingangswerte der globalen Wetterstationen sind dubios. Viele lagen vor 40 Jahren noch draussen auf den Land, heute sind sie umgeben von Beton sowie Hochhäusern, was dazu führt, dass sie höhere Temperaturen messen. Aber es ist auch keineswegs so, dass alle Temperaturen ansteigen, nicht wenige sinken, z. B. in den amerikanischen Städten Albany und Boulder. Auch die Hurricans in den USA haben, trotz gegenteiliger verbreiteter Meinung, seit 1940 stetig abgenommen. Die meisten Untersuchungen gibt es für Nordamerika, Europa und Russland; weitgehend ausgeblendet sind Afrika, Südamerika und Südostasien. Man kann also nicht von einer globalen Klimauntersuchung sprechen. Ein besonderes Problem für die Modellbauer sind die Wolken. Wasserdampf ist ein sehr wetterrelevantes Gas, aber wie soll man diese immer wieder in anderen Konfigurationen auftretenden Schwaden in den Griff kriegen. Seien wir doch ehrlich: das wird nie gelingen.

Aber die IPCC will das. Warum? Weil sie eine politische Institution der UNO ist, die gewissermassen von der Krise lebt. Zwischen 1940 und 1970 wurde es 30 Jahre lang immer kälter und die Erde schien in eine neue Eiszeit zu schlittern. Dann kehrte sich der Temperaturtrend (geringfügig) um und die Treibhauskatastrophe war da. Eine Krise war (medial) geboren, sie musste untersucht werden, dafür brauchte man weltweite politische und bürokratische Institutionen (die IPCC bzw. ihre Vorläufer) , viel Geld - und Wissenschaftler. Flugs wurden zahllose Meteorologen, Geologen, Ozeanografen etc. zu "Klimaforschern". Und die Politiker knauserten nicht mit Fördergeldern, insbesondere, wenn zufällige dramatische Wetterereignisse in Korrelation zu den Klimamodellen gebracht wurden.

Besonnene Wisenschaftler verweisen seit Jahren darauf, dass die Erde niemals im (Temperatur-) Gleichgewicht war. Allein während des letzten Jahrtausends gab es mehrere Warm- und Kaltzeiten. Von den Eiszeiten vor mehreren zehntausend Jahren ganz zu schweigen. Es muss nicht das CO2 sein, das diese Variationen hervorruft, vielleicht sind es die Brandrodungen oder die Urbanisierung, welche das Albedo stark verändern. Vielleicht ist es auch die sich zyklisch verändernde Sonnenstrahlung, die sich in den Sonnenflecken äussert. Oder gar die Höhenstrahlung, von der wir, trotz hundertjähriger Forschung noch viel zu wenig wissen.

Man möchte den Klimamodelleuren zurufen: "Hört auf, geht zurück in eure Labors und studiert zuerst mal die Grundlagen!" Aber das wird nicht so gleich passieren, denn dann gäbe es nämlich bald kein IPCC mehr und die Politiker würden die Fördergelder drastisch zusammenstreichen. Mark Twain, der alte Spötter hatte schon recht, als er (augenzwinkernd) sagte:

"Wissenschaft hat etwas Faszinierendes an sich. So eine geringe Investition an Fakten liefert so einen reichen Ertrag an Voraussagen."

Mittwoch, 21. Mai 2008

Frau Merkel rettet den Regenwald

Unsere Bundeskanzlerin verbrachte eine Woche in Lateinamerika und lernte dort eine Menge Politiker kennen, u. a. Frau Kirchner von Argentinien und Hugo Chaves von Venezuela. Die Probleme, welche besprochen wurden, hingen meist mit der Umwelt und dem Regenwald zusammen. Ich habe aus Zeitungsberichten (und vom Biologen Reichholf) eine Menge darüber gelernt und will einiges davon als "blog" weiter geben.

Immer wieder hört man die Behauptung, die Regenwälder des Amazonas seien die Lungen der Erde", welche für unseren Sauerstoff sorgen. Das stimmt so nicht. Tatsächlich erzeugt ein ausgewachsener Tropenwald (wie jeder andere Wald auch, der keinen Zuwachs mehr hat) kein bisschen Sauerstoff. Denn diesselbe Menge, die bei der Fotosynthese von Blättern und Nadeln abgegeben wird, verbraucht der ausgewachsene Wald wieder für die Zersetzung dieser Stoffe im Boden. Nur wachsende Wälder können in der Nettobilanz Sauerstoff freisetzen und Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden.

Aber: da in nur 50 Jahren etwa die Hälfte der Tropenwälder vernichtet worden ist und davon der weitaus grösste Teil verbrannt wurde, trug diese Reduktion sehr stark zur Zunahme von CO2 und Russ in der Atmosphäre bei. Da auf den so geschaffenen Weideflächen häufig Rinder gehalten werden, kommt deren "Ausstoss" an Methan noch hinzu, insbesondere weil dieses Gas 20-mal stärker als Kohlendioxid wirksam ist.

Seit den Tagen von Alexander von Humboldt hält sich die Mär von der tropischen Fülle der Regenwälder. Aber der luxuriöse Wuchs der Baumkronen täuscht. Am Boden herrscht fast überall Mangel. Die amazonischen Bäume wachsen auf äusserst unfruchtbaren Böden, die ausser Sand und Kaolinit keine weitere Mineralien enthalten. Deswegen leben auch kaum Indios in diesen angenehm warmen Tropenwäldern, sondern sie siedeln in den vergleichsweise kühlen, aber fruchtbareren Hochebenen des Andengebirges.
Die notwendige Düngung der Tropenwälder erfolgt durch die Passatwinde, welche nährstoffhaltigen Staub von der Sahara nach Brasilien wehen. Vergleichbar dem Schirokko-Wind, der Saharasand in das Mittelmeer hinein weht, das ohne diese Naturdüngung viel weniger Fische und Meerestiere aufweisen würde.

Zurück nach Europa fliesst gleichzeitig von Amazonien ein gewaltiger Strom von Nährstoffen in Form von Soja, Raps, Mais, Zuckerrohr etc für die Ernährung unserer heimischen Rinder (und neuerdings in Form von Bioethanol zur Betankung unserer Autos). Unsere Massentierhaltung könnte ohne den Import von Futtermitteln, welche auf den gerodeten Tropenwaldflächen erzeugt werden, gar nicht existieren. Den Indern ist die Kuh "heilig", uns Europäeren das Rind (sowie das Schwein und das Hähnchen). Die indische Kuh existiert aber weitgehend energieneutral, weil sie ohne künstliche Zufütterung von Gemüse- und Pflanzenabfällen lebt. Den Güllegestank der Schweinemassenhaltung im niedersächsischen Vechta riecht man, bei entsprechender Windrichtung, bis nach Holland und sogar bis nach Grossbritannien.

Beeindruckend ist die Artenfülle in den tropischen Regenwäldern. Man vermutet 30 Millionen unterschiedliche Arten, wovon erst gut eine Million wissenschaftlich exakt beschrieben ist. Zuweilen ist es leichter zehn verschiedene Arten von Schmetterlingen zu sammeln, als zehn Exemplare einer einzelnen Art. In dieser Seltenheit liegt letztlich die Verletzbarkeit des tropischen Artenreichtums. Wird ein einziger Quadratkilometer dieses Urwalds gerodet, so werden unter Umständen viele tausend Arten vernichtet, die sonst nirgends mehr vorkommen.

So wie Nährstoffmangel Artenvielfalt erzeugt, so führt die massive Düngung unserer Landwirte auf den Fluren zum Artensterben. Nur vermarktbare Tiere und Pflanzen werden herangezüchtet und jährlich abgeerntet. Gleiches tun viele von uns in ihren häuslichen Kleingärten, wenn sie so stolz auf ihren (unkrautfreien) saftig-grünen Rasen verweisen, der nur aus einheitlichen Graspflanzen besteht. Die natürliche Artenvielfalt bleibt dabei auf der Strecke. Der geballte Einsatz von Nitrophoska, Wasser und badischer Sonne bringt dieses Hausgartenwunder jedes Jahr wieder zustande.

(Zum Beispiel bei meinem lieben Freund H.H.)

Sonntag, 18. Mai 2008

Reichholf - das enfant terrible der Klimatologen

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht unsere Klimapäpste (Grassl, Latif etc.) das TV-Publikum verängstigen, indem sie verkünden, dass die Globaltemperaturen "in noch nie dagewesenem Umfang" und mit "einzigartiger Geschwindigkeit" ansteigen würden. Dabei sind die Mitteltemperaturen bei uns in den vergangenen 100 Jahren gerade mal um gut ein halbes Grad gestiegen. Am Ende der letzten Eiszeit waren es im gleichen Zeitraum volle 7 Grad Celsius.

Josef H. Reichholf weist in seinem Buch "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" (S. Fischer Verlag) auf diese Diskrepanzen hin, beleuchtet darin das vergangene Jahrtausend, also etwa ab der Zeit Karls des Grossen bis zur Gegenwart. Das ist zwar nur ein Wimpernschlag der gesamten Erdgeschichte, aber eine Periode über die bereits viele klimatische Aufzeichnungen vorliegen. In diesem kurzen Zeitabschnitt gab es die mittelalterliche Warmzeit mit ausgeprägten Maxima um die Jahre 1000 und 1200 n. Chr. , sowie eine kleine Eiszeit, welche mit der Neuzeit um 1500 begann und zwei weitere Minima um 1700 und 1850 hatte. Bezeichnend ist, dass keines der Klimamodelle unserer sogenannten Experten in der Lage ist, diese Temperaturvariationen rechnerisch nachzuvollziehen.

Reichholfs Kernthese ist, dass die für Mitteleuropa aus den Jahresmittelwerten errechnete Temperaturzunahme von, wie gesagt, gut einem halben Grad lediglich ein Hundertstel der gewöhnlichen, ganz normalen Schwankung ausmacht, welche im Jahreslauf auftritt. Diese Jahresspanne von etwa 50 Grad reicht von hochsommerlichen +35 Grad Celsius im Schatten bis zum winterlichen Frost von -15 Grad und darunter. Die winzige Änderung von einem guten halben Grad würde niemand wahrnehmen, wenn sie sich nicht konkret in milderen Wintern ausdrücken würde, die nun etwas häufiger kommen. Kalte Winter sind aber auch in der Zukunft nicht ausgeschlossen, ebensowenig wie heisse Sommer einfach eine Folge dieser Erwärmung sein müssen . Die tageszeitlichen und jahreszeitlichen Schwankungen und ihr Ausmass sind für die Natur und für die Nutzungsansprüche der Menschen viel wichtiger als das statistische Mittel. Auf der Zeitachse der vergangenen 1000 Jahre können die 30 Jahre "signifikanter Klimaveränderung" für die weitere Zukunft eine ähnlich bedeutungslose Abweichung sein, wie die Serie extrem kalter Winter im 16. Jahrhundert.

Über gut 300 Seiten beschreibt Reichholf wie die europäischen (und zum Teil auch asiatischen) Menschen die Klimagegebenheiten und Klimaveränderungen während der vergangenen 1000 Jahre bewältigt haben. Die Wechselwirkung von Naturgeschichte und politisch-sozialer Geschichte wird in vielen Facetten dargelegt und zeigt, dass der Autor nicht nur ein gelernter Biologe (mit Lehrbefugnis an beiden Münchener Universitäten) ist sondern, dass er auch über ein stupendes historisches Wissen verfügt. Er verweist, zum Beispiel, auf die Wikinger, die Grönland in ihren Besitz nahmen, das zur damaligen Warmzeit (800 - 1100 n. Chr.) eisfrei war und sich sogar für die Viehwirtschaft und den Ackerbau eignete. Mit "Grünland" als Basis hielten die berühmten Seeräuber Erik der Rote und Leif Erikson ganz Nordeuropa in Schach, gründeten Kolonien in der Normandie, im heutigen England und sogar in der Ukraine. Darüberhinaus ist erwiesen, dass sie die Küste Nordamerikas sowie des kanadischen Neufundlands erreichten.

Mit Beginn der Neuzeit wurde es deutlich kälter in Mitteleuropa. Der holländische Maler Pieter Breughel zeigt auf seinen Gemälden, dass sogar die früher wintermilden Niederlande von Schnee und Eis bedeckt waren. Schlittschuhläufer vergnügten sich auf völlig zugefrorenen Grachten, dick verhüllt in wärmender Kleidung. Die "warme Stube" kam auf, als Kombination von Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum; der Kachelofen wurde zum bevorzugten Ort im Haus. Sogar das "Himmelbett" hielt Einzug in einfache Wohnverhältnisse, weil die Abschirmung des Bettes durch Vorhänge die Eigenwärme der Schläfer besser zusammen hielt. Zugleich verminderte man die Höhe der Wohnräume so sehr, dass sich die Menschen darin gebückt bewegen mussten - welch ein Gegensatz zu den hohen Räumen des vorausgegangenen warmen Mittelalters. Aber auch die Sommer waren in dieser "kleinen Eiszeit" nicht üppig: von 1860 bis in die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein waren die Sommer überwiegend schlecht, in manchen Gegenden sogar katastrophal.

Ein weiteres Buch des gleichen Autors Reichholf ist ebenfalls zu empfehlen. Es erschien vor wenigen Tagen unter dem Titel "Stabile Ungleichgewichte" im Verlag Suhrkamp. Hierin unterzieht er die klassischen Prinzipien der "Nachhaltigkeit" sowie des "natürlichen Gleichgewichts" einer kritischen Analyse und nimmt die "Ökomodellbauer" ins Visier. Das Prinzip der Nachhaltigkeit, ein ökologisches Leitmotiv seit dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro im Jahr 1992 ("sustainable development") taugt seiner Meinung nach in der Praxis nicht viel. Schon ein so einfaches System wie der Wald ist über ein bis zwei Jahrhunderte seines Wachstums nicht wirklich nachhaltig zu bewirtschaften. Unstetigkeiten ergeben sich, wenn der Holzbedarf kurzfristig sehr gross wird, oder wenn, ebenfalls kurzfristig, unerwartet viel Holz anfällt, sei es durch Käferbefall oder Sturmwurf. Auch die übrige Landwirtschaft produziert im Jahreslauf nicht nachhaltig, denn Hilfsstoffe, wie Kunstdünger und Energie müssten in der Bilanz verrechnet werden. Aber wie?

Ebenso hört sich das Prinzip vom Gleichgewicht in der Natur gut an, lässt sich aber in den seltensten Fällen verwirklichen. Überlässt man ein Ökosystem sich selbst, so stellt sich fast immer entweder Nährstoffmangel oder Nährstoffüberschuss ein. Zum Beispiel im Bodensee, wo die Abwässer der Randgemeinden über Jahrhunderte den See gut düngten und eine reichhaltige Felchenfischerei gedeihen liessen. Seit der Installierung der Abwasserringleitung freuen sich die Stuttgarter über gutes Trinkwasser, die Fischer jedoch beklagen den drastischen Rückgang der Felchen. Wie soll hier ein "Gleichgewicht" aussehen - und wer wagt es, ein solches vorzuschlagen? Reichholf fordert deshalb von dem Wunschbild des natürlichen Gleichgewichts Abschied zu nehmen, denn die Natur perpetuiert sich schon selbst, aber auf immer wieder neu aufgebauten Ungleichgewichten. Die Zukunft liegt nach R. zwischen der statischen Starre des Gleichgewichts und der blinden Gläubigkeit an die Machbarkeit von allem. Die Natur braucht immer wieder Ungleichgewichte, damit Neues entstehen kann.

Aus künstlich erzwungenen Gleichgewichten heraus entsteht keine bessere Welt und es werden keine Reformen zustande kommen. Auch der Mensch wäre in der Monotonie eines globalen Gleichgewichts nicht entstanden, sondern es bedurfte der Variation und Selektion über viele Jahrmillionen hinweg.

Wie nennen es Evolution.

Sonntag, 11. Mai 2008

Atomreaktoren und Supernovae

Auf den ersten Blick würde man keine Ähnlichkeit zwischen Atomreaktoren und Supernovae vermuten. Aber es gibt sie und das verbindende Element sind die sogenannten Neutronen, also jene ungeladenen Teilchen vom ungefähren Gewicht eines Wasserstoffatoms. Kernreaktoren, welche derzeit etwa ein Drittel unseres elektrischen Stroms erzeugen, wären ohne Neutronen nicht denkbar. Beim Schnellen Brüter, jenem Reaktortyp, der in Kalkar gebaut, aber (aus politischen Gründen) nicht in Betrieb genommen wurde, haben sie sogar eine doppelte Funktion. Zum einen bewirken sie die Spaltung der Brennstoffatome, wodurch Wärme und - im nachgeschalteten Turbogenerator - Strom erzeugt wird. Zum anderen dringen sie in nichtspaltbare Atome, wie abgereichertes Uran, ein und wandeln diese in Brennstoff, z.B. Plutonium, um.

All das hätten die Menschen nicht planen und bauen können, wenn es nicht einige vorlaufende astrophysikalische Vorgänge im Universum gegeben hätte. Begonnen hat es vor knapp 14 Milliarden Jahren mit dem Urknall, jenem "Big Bang", der so anschaulich daher kommt und gleichzeitig so schwer zu begreifen ist. Am Anfang ging alles sehr schnell. Schon nach drei Minuten war die gesamte Masse des Universums entstanden, welche heute noch in den vielen Milliarden Sternen und Galaxien versammelt ist. Aber die Materie bestand damals im wesentlichen nur aus Wasserstoff- und Heliumkernen.

Vermöge der anziehenden Gravitationskraft strukturierte sich dieser Massenebel in einigen Millionen Jahren zu Sternen. In deren Innern kam es zu hohem Druck und Temperatur, wodurch die Kernfusion einsetzte. Immer neue Elemente wurden "gebacken", wie Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff uam. Bei diesen komplexen nuklearen Reaktionen entstanden auch in grosser Zahl Neutronen, die, ähnlich wie beim Schnellen Brüter, neue Elemente über den Brutprozess erzeugen konnten. Dazu lagern sich die Neutronen an schwere Atome (wie Eisen) an , und erhöhen deren Massenzahl, wodurch noch schwerere Atome gebildet werden usf. Insgesamt ist dies ein gemächlicher Prozess, der bei niedrigen Neutronendichten und relativ niedriger Temperatur stattfindet, weswegen er auch als s-Prozess bezeichnet wird (s für eng. slow).

Ab einem gewissen Zeitpunkt sind der Wasserstoff und die übrigen leichte Elemente aufgebraucht und die Fusion kommt zum Stillstand. Das ist der Fall, wenn der Stern praktisch nur noch aus Eisen besteht. Nun kollabiert und explodiert der Stern, wobei sich seine Leuchtkraft auf das Milliardenfache erhöht, sodass er für kurze Zeit, sogar seine Galaxie überstrahlen kann. Zum Schluss reduziert sich der ursprünglich grosse Stern zu einem Weissen Zwerg oder gar zu einem Schwarzen Loch. Im Verlaufe dieses Supernova-Phänomen werden riesige Mengen an Neutronen frei, welche wieder über Neutronenanlagerung die schweren Elemente Blei, Wismut, Uran, Plutonium etc. aufbauen. Wegen der hohen Neutronendichten und Temperaturen spricht man vom r-Prozess (r für engl. rapid). Die Druckwellen schleudern diese neu gebildeten Elemente hinaus in den Weltraum. Dort bilden sie wiederum Sterne und Planeten - wie eben unsere Erde. Auf ihr wäre unser Leben undenkbar ohne diese schweren Elemente.

Aber zurück zu den Kernreaktoren. Im normalen Betrieb wird die Menge der Neutronen dort peinlichst kontrolliert. In jeder Sekunde entstehen nur so viele Neutronen, wie für Spaltung, Brüten usw. benötigt werden. Das entspricht sozusagen dem astrophysikalischen s-Prozess. Bei einem falsch konstruierten Reaktor oder einer nachlässigen Betriebsmannschaft kann es aber zu einem schnell anwachsendem Überschuss an Neutronen kommen, zu einer Art r-Prozess. Es entsteht natürlich beileibe keine Supernova, aber immerhin möglich ist ein Ereignis á la Tschernobyl. Die durch Neutronen erzeugte Spaltwärme kann nicht mehr schnell genug abgeführt werden, es kommt zu einer Überhitzung des Kerns und zu einer Art Explosion mit den bekannten Folgen für die Umwelt.

Zwischen Atomreaktoren und Supernovae mögen von den Begriffen her Welten liegen. Aber im atomaren Ablauf haben sie doch Gemeinsamkeiten, eben die Phänomene des Neutroneneinfangs und der Elementumwandlung. Das war auch der Grund, weshalb eine Physiker-Arbeitsgruppe im Forschungszentrum Karlsruhe gleichermassen erfolgreich hintereinander beim Schnellen Brüter und in der Astrophysik wissenschaftlich tätig werden konnte.

Ein Hoch auf Dr. Käppeler und seine Mannen!

Mittwoch, 30. April 2008

Schwarzarbeiter müssen gewährleisten

Karlsruhe ist nicht reich an repräsentativen Gebäuden. Eines davon, im Stadtzentrum gelegen, ist das "Erbgrossherzogliche Palais", ein Schlossbau mit imperialer Oberlichtkuppel im Stile des Neubarock. Der badische Erbgrossherzog Friedrich liess das Palais 1897 errichten, aber nach der Flucht der adeligen Familie infolge der Novemberrevolution 1918 fiel es an das Land Baden zurück. Es diente fortan als Verwaltungsbau verschiedenen Zwecken, im Dritten Reich war darin der Reichsarbeitsdienst untergebracht. Seit 1950 bildet es das Hauptgebäude des Karlsruher Bundesgerichtshof (BGH).

Dorthin führte mich vorige Woche mein (Rentner-)Spaziergang. Zuerst musste ich das wehrhafte Kontroll- und Wachgebäude überwinden, wo man ähnlich wie auf einem Flughafen, überprüft und durchmustert wird. Aber schliesslich durfte ich doch in das Palais eintreten, in dem sich die Diensträume des Gerichtspräsidenten und vieler Richter befinden. Im Erdgeschoss ist eine 2,40 m hohe, dreieckige Stele aus vergoldetem Messing als Mahnmal für die Opfer der NS-Justiz aufgestellt. Sie trägt die Inschrift "Im Gedenken an die Frauen und Männer, denen im Namen des deutschen Volkes Unrecht geschah. 1933 - 1945". Clever formuliert, wie mir scheint, denn von den urteilenden Richtern ist dabei nicht die Rede.

Beim Besteigen des ausladenden Teppenbaus kam ich an einem Saal vorbei, der am Eingang mit einem Schild versehen war: VII Zivilsenat Bauwerkvertrags -und Architekturrecht. Ein Fernsehteam der ARD brachte eine Kamera in Position, ein halbes Dutzend Menschen, vermutlich Zuhörer, wisperten leise und so suchte ich mir auch einen Platz und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte nicht lange und fünf Richter in leuchtend roten Roben zogen feierlich ein und besetzten die Richterbank. Ihnen gegenüber hatten schon kurz vorher zwei Anwälte in eben dieser Bekleidung ihr Pulte bezogen.

Und dann erfuhr ich den Anlass des Verfahrens. Ein Grundstückseigentümer hatte einen Vermessungsingenieur mit der geodätischen Vermessung seines Grundstücks beauftragt. Dem Ingenieur unterlief ein Fehler: nach der Bauausführung stellte man fest, dass Haus und Carport schief arrangiert waren. Schaden 30.000 Euro. Diesen wollte der Auftraggeber vom Auftragnehmer erstattet haben. Aber der Ingenieur weigerte sich. Er brachte vor, dass es sich um eine Schwarzarbeit gehandelt habe, weswegen er nicht zur Gewährleistung verpflichtet sei.

Da der Bundesgerichtshof ein Revisionsgericht ist, gibt es keine Beweisaufnahme mit Zeugen etc. Die Tatsachenfeststellungen der Vorinstanz werden einfach übernommen. Der BGH prüft in der Regel nur, ob das vorlaufende Landgericht oder Oberlandesgericht rechtlich korrekt geurteilt hat. Dementsprechend gehen die Anwälte - eine kleine, elitäre Gruppe von Juristen, welche von der Bundesjustizministerin eigens bestellt werden - juristisch und rhetorisch sofort in die Vollen. Es wimmelt nur so von Paragrafenzitaten und für den Laien ist das alles nur schwer verständlich. Aber ich hatte Glück. Zum einen war der geschilderte Sachverhalt recht einfach zu verstehen, zum anderen zentrierte sich die Argumentation der Rechtsanwälte auf die beiden Paragrafen 134 und 242 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Und diese hatte ich noch aus den Zeiten meines BWL-Studiums in dunkler Erinnerung.

Der Anwalt des Klägers, also des Häuslebauers, konzentrierte sich auf § 242, der kurz formuliert, aber sehr weitreichend ist. Er lautet folgendermassen: § 242 Der Schuldner ist verpflichtet, die Leistung so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Es kann nicht sein, so war seine Argumentation, dass ein Handwerker Fehler macht und dann die Gewährleistung verweigert, indem er sich auf Schwarzarbeit herausredet.

Der Anwalt des Beklagten, also des Geometers, rückte den § 134 in den Vordergrund: §134 Ein Rechtsgeschäft, das gegen ein gesetzliches Verbot verstösst. ist nichtig, wenn sich nicht aus dem Gesetz ein anderes ergibt. Er argumentierte, dasss das Rechtsgeschäft des Vermessungsauftrags ungültig sei, weil die finanzielle Abwicklung nicht legal vereinbart war. Die beiden Vorgerichte, das Landgericht Aachen und das Oberlandesgericht Köln, hatten übrigens die gleiche juristische Meinung und dem Vermessungsingenieur recht gegeben.

Aber der Bundesgerichtshof kippte diese Urteile und verwies den Rechtsstreit an das Berufungsgericht zurück. Der BGH hielt es für treuwidrig im Sinne des § 242, wenn ein Handwerker die Gewährleistung verweigert, indem er auf die "Ohne-Rechnung-Abrede" verweist, an deren Zustandekommen er ja selbst beteiligt war. Immerhin wies der Senatsvorsitzende noch darauf hin, dass das Urteil so ausgefallen sei, weil es sich in diesem Fall nicht um "echte Schwarzarbeiten" illegaler Unternehmer und Handwerker handelte, sondern um Steuerhinderziehungsversuche zugelassener Auftragnehmer, die üblicherweise auf den Gelben Seiten des Telefonbuchs gelistet sind. Ausserdem handle es sich um einen Bauauftrag; die Übertragung des Urteils auf Schwarzarbeit generell sei nicht möglich.

Was lernen wir blutige Laien daraus?
Erstens: Wer jetzt schnell seinen polnischen oder elsässischen Hobbyhandwerker herbeiholt, um die Bäder renovieren zu lassen und das unter "steuerschonenden Preisabsprachen", geht ein hohes Risiko ein. Er sollte sich nicht darauf verlassen, dass ihm der BGH im Falle von Murks zur Gewährleistung verhilft. Eher wird sich das Finanzamt in die weitere Abwicklung einschalten.
Und zweitens: Der Vermessungsingenieur, welcher beim LG und OLG seine Prozesse gewonnen hatte, aber beim BGH verlor, wird sich des ewig gültigen Spruchs erinnern:

"Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand".

Sonntag, 27. April 2008

Schmu beim Ökostrom

Früher war Strom farblos und unsichtbar, denn er bestand aus fliessenden Elektronen. Neuerdings gibt es grünen Strom, gelben Strom (von Yello), grauen Strom und sogar schmutzigen Strom. Die Spitzenqualität, gewissermassen cru classé, bildet jedoch der Ökostrom, erzeugt aus erneuerbaren Energien. Sonderbarerweise ist dieser Bordeaux unter den Stromsorten schon relativ preiswert zu haben. Er kostet kaum mehr als herkömmlicher Strom, gelegentlich ist er sogar noch billiger. Die Stadtwerke Karlsruhe verkaufen diesen Premium-Strom für 19,64 cent pro Kilowattstunde und verlangen zusätzlich eine monatliche Grundgebühr von 7,74 Euro. Der normale Family-Tarif ist identisch, lediglich die Grundgebühr ist um 89 cent teuerer. Kein Wunder, dass viele Verbraucher zum Ökostrom überwechseln und sich damit ein gutes Gewissen verschaffen. Aber auch ganze Städte schwenken um und brüsten sich als vorbildliche Ökostrom-Kommunen. Beispielhaft genannt seien Speyer mit immerhin 50.000 Einwohnern , aber auch Kassel (200.000) und neuerdings sogar Nürnberg (500.000!).

Woher kommt dieser viele Strom? Im Internet bieten inzwischen schon an die 200 Erzeuger und Händler Ökostrom an. Und sie erklären das System in etwa so:
Da gibt es angeblich einen grossen Stromsee. In diesen speisen die Wasserkraftwerke. die Windräder, die Sonnenkollektoren und die sonstigen Erzeuger erneuerbarer Energien ein. Leider auch die schmutzigen Atom- und Kohlekraftwerke und die nicht so schlimmen Gas- und KWK-Kraftwerke, welche Graustrom liefern. Auf dem anderen Ufer des Sees wird der Strom entnommen und zu 73 % an die Industrie und zu 27 % an die Privatkunden verteilt.

Die Realität ist jedoch anders. Den Stromsee gibt es nicht, denn Strom wird naturgesetzlich in jedem Moment in dem Umfang erzeugt, wie er von den Verbrauchern angefordert wird. Und der Ökostrom wird dadurch auch nicht mehr. Zur Zeit werden 3,6 % relativ stetig über Laufwasser erzeugt, weitere - unstetige alternative Energie - sind der Wind (5,1 %), die Sonne (0,33 %) sowie die Biomasse (3,05 %). Mit diesen, grosszügig gerechnet, 12 % an grünem Ökostrom kann man - dauerhaft - keine Grossstadt versorgen. Oder doch?

Natürlich nicht, aber die Stromindustrie hat sich einen Trick ausgedacht. Und der heisst RECS, in Langschrift "Renewable Energy Certificate System". Mit Hilfe dieses cleveren Zertifizierungssystems ist es völlig legal, Atom- oder Kohlestrom in Ökostrom umzuetikettieren und umgekehrt. Ein Stromversorger kauft zum Beispiel an der Börse Strom vom Kernkraftwerk Biblis für 6 cent/kWh und "veredelt" ihn mit einem Ökozertifikat eines norwegischen Wasserkraftwerks, das aber nur 0,05 cent/kWh kostet. Der norwegische Betreiber soll dann im Gegenzug die entsprechende Menge seines Ökostroms in konventionellen Strom umetikettieren, was ihm aber keine Probleme bereitet, da seine Kunden sowieso nicht nach Etiketten fragen.

Nur auf diese Weise ist es möglich, dass in Deutschland ganze Städte, wie Kassel, von heute auf morgen komplett auf Ökostrom umsteigen können. Die Stadtwerke Kassel verkaufen natürlich physisch weiterhin ihren "Schmutzstrom" an ihre Kunden und kaufen lediglich ( für verhältnismässig wenig Geld ) RECS-Zertifikate ein. Diese belegen nichts weiter als, dass irgendwo in Europa die gleiche Menge Ökostrom hergestellt wird. Der Ökostrom für die Kasselaner ist also nur virtuell. Im Nachbarland Österreich reibt man sich schon verwundert die Augen darüber, dass ihr eigener Strom nicht mehr, wie gewohnt aus Wasserkraft, sondern zum Teil aus Kohle- und sogar aus Atomkraft stammt. Ade, atomfreies Österreich, die Abschaltung von Zwentendorf war vergebens.

Deutlich wird die Schlitzohrigkeit dieses Zertifizierungssystem, wenn man es auf den Kauf von Eiern anwenden würde. Angenommen, der Kunde kauft im Laden Bio-Eier, weil er die Käfighaltung der Hennen nicht unterstützen möchte. Zu Hause erfährt er jedoch, dass er in Wirklichkeit Käfig-Eier gekauft hat. Irgendwo in Europa wurde jedoch die gleiche Menge Bio-Eier produziert. Fast sein ganzes Geld geht jedoch an das System der Käfighaltung, nur einen Bruchteil davon erhält der wahre Produzent der Bio-Eier. Auch die RECS-Gebühren sollen an die Betreiber alternativer Energieanlagen gehen - aber tun sie das wirklich immer? Kein Wunder, dass die wenigen Stromversorger, welche sich nicht dem RECS-System angeschlossen haben, von Mogelpackung, Verschiebebahnhof oder gar Ökolüge reden. Nur wer direkt (und ausschliesslich) an einem Wasserkraftwerk hängt, bekommt reinen Ökostrom. Alle anderen müssen sich damit trösten, dass die von ihnen verbrauchte Strommenge irgendwo in Europa erzeugt und verkauft wird.

Aber so neu ist dieses Umwandlungssystem gar nicht. Vor ca. 500 Jahren boten "Heilsversorger" in schwarzen Soutanen ihren Schäflein an, für einen kleinen Obolus ihre Seele in den Himmel zu befördern. Man erinnert sich: "Wenn das Geld im Kasten klingt..."

Der Ablasshandel ist wieder auferstanden.

Sonntag, 20. April 2008

Casting

Casting ist in. In populären TV-Shows "castet" Heidi Klum jugendliche Bewerber auf ihre Tauglichkeit als Models, Thomas Gottschalk sucht Talente für Musicals und Dieter Bohlen, der König des casting, übertrifft alle mit seiner Show "Deutschland sucht den Superstar", kurz DSDS. Ursprünglich kommt casting aus der Filmbranche und bedeutet Rollenbesetzung durch geeignete Schauspieler. Am Erfolg der Filme "Ben Hur" und "Goldfinger" hatte das casting mit den Schauspielern Charles Heston und Gert Fröbe sicherlich grossen Anteil.
Aber auch die Personalabteilungen von Firmen kann man als casting-Büros ansehen. Dort bemüht man sich, die Anforderungen eines Jobs mit dem Profil der Bewerber in Einklang zu bringen. Baufirmen suchen in der Regel Bauingenieure, Computerfirmen suchen Informatiker und so weiter.

Es ist reizvoll - und der Inhalt dieses blogs - die Personalausstattung von Städten auf der Ebene der Bürgermeister mit dem Anforderungsprofil der Ämter, sprich Dezernate, zu vergleichen. Nehmen wir beispielsweise Karlsruhe, eine Gemeinde mit 300.000 Einwohnern und mit einem Etat von ca. 1 Milliarde Euro pro Jahr. Diese nicht unerhebliche Summe wird im wesentlichen über Steuern eingenommen und für Personal, Betrieb und Investitionen der Kommune wieder ausgegeben. Der grösste Teil dieses Geldes sind sogenannte Durchlaufposten, an denen nicht viel zu verändern ist, etwa die Ausgaben für Lehrer, Polizisten etc. Aber das gilt nicht für die Investitionen, welche das zukünftige Bild der Stadt prägen. In der Regel sind dies grössere Bauvorhaben wie Schwimmbäder, Sportstadien und Strassen, wo man sehr wohl gestalterisch eingreifen kann und zwar sowohl auf der technischen wie auf der betriebswirtschaftlichen Seite.

Die grösste Karlsruher Investition in der jüngeren Zeit war die Neue Messe in Rheinstetten. Es ist bekannt, dass es ein finanzielles Desaster war, mit enormen Überschreitungen der vorher angesetzten Bausumme. Die damals verantwortliche Bürgermeisterin und Dezernentin hiess Heinke Salisch. Vom Gemeinderat wurde sie mit diesem Vorhaben betraut - ungeachtet der Tatsache, dass sie von der Ausbildung her Dolmetscherin war und die meiste Zeit als Europaabgeordnete verbracht hatte. Das Anforderungsprofil für diesen Job hatte mit dem Bewerberprofil nur wenige Berührungspunkte und so nimmt es nicht Wunder, dass ihr Abgang vom Bürgermeisteramt etwas abrupt geschah. Frau Salisch hat danach ihren Wohnort in die Pfalz verlegt, betreibt dort die Galerie "Kidsch" (Kunst in der Scheune) und fühlt sich dabei offensichtlich wohl, wie ihr Wahlspruch "Das Neue geniessen" vermuten lässt.

Das Ressort "Bauen und Planen"wurde danach an Ulrich Eidenmüller übertragen. Er war im Laufe seines 24jährigen Dezernentendaseins zuständig für die Kliniken, die Kultur, die Umwelt, den Müll, die Feuerwehr, die Schlachthöfe, die Friedhöfe und vieles andere mehr. Als studierten Juristen konnte ihn offensichtlich keine Aufgabe in Verlegenheit bringen. Sein Wahlspruch, echt badisch: "Leben und leben lassen".

Als mächtiger (Doppel-) Bürgermeister für Wirtschaft und Finanzen agierte ab dem Jahr 2000 bis vor kurzem Manfred Groh. Für ihn ein gewaltiger Karrieresprung, denn vorher hatte er sechs Jahre lang als Prokurist bei einer Parkraumgesellschaft gedient. Sein Wahlspruch lautete: "Wer nicht handelt, dem wird auch der Himmel nicht helfen", womit er als Nichtakademiker immerhin Sophokles bemühte. Aber auch er konnte die jährlichen Betriebsverluste bei der Neuen Messe in Höhe von 12 bis 15 Mio Euro nicht verhindern, sodass sich sein Verhältnis zum Oberbürgermeisterchef Heinz Fenrich immer mehr abkühlte und er als Landtagsabgeordneter nach Stuttgart rangiert wurde.

Die derzeitige Bürgermeisterin für Wirtschaft und Finanzen ist Frau Margret Mergen. Sie besitzt sogar ein Diplom von der Universität Münster - allerdings in Geografie. Unter dem vormaligen OB Gerhard Seiler war sie Trainee in der Stadtverwaltung und brachte es immerhin bis zur Stadtkämmerin. Ihre Bewährungsprobe wird kommen, wenn die Tunnelprojekte und das Stadion zur Finanzierung anstehen. Über einen Wahlspruch ist bei Frau Mergen nichts bekannt.

Siegfried König ist erster Bürgermeister und einer der dienstältesten Dezernenten. Er hat den ehrenvollen Beruf des Grund- und Hauptschullehrers erlernt und auch jahrelang ausgeübt. In seinen Bereich fallen u.a. die städtischen Bäder und somit auch das kürzlich eröffnete "Europabad". Diese Schwimmanstalt wurde in den Zeitungen heftig kritisiert, da sie mit erheblichen Mehrkosten und erst nach monatelangen Verzögerungen in Betrieb genommen werden konnte. Und, wie in vielen Leserbriefen zum Ausdruck kam, weil sie bei der Einweihung technisch erst "halb fertig" war. Letzteres wird vielleicht verständlich, wenn man Königs eigenes Lebensmotto kennt, das da lautet: Nur wer das Unmögliche will, erreicht das Mögliche". "

Nach dem Abgang von Ulrich Eidenmüller und demnächst auch von Siegfried König, werden in diesem Jahr drei neue Bürgermeister ihr Amt übernehmen. Klaus Stapf ist bereits benannt worden. Der hoch aufgeschossene Konzernbetriebsratsvorsitzende lebt nach dem Motto: "Sich nicht klein kriegen lassen, gut leben". Im Sommer soll ein weiterer Bürgermeister gekürt werden, nämlich Wolfram Jäger, seines Zeichens Richter an einem Amtsgericht. (Motto: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg"). Und im Herbst - man ahnt es schon - kommt noch ein Jurist auf die Bürgermeisterbank. Es ist Michael Obert von der Landesversorgungsanstalt, der nach der Devise lebt: "In der Ruhe liegt die Kraft". Alle genannten Herren, und auch Frau Mergen, sind ehrenwerte Persönlichkeiten, gewiss. Wer von diesen das 500 (oder vielleicht schon 800) Millionen schwere Projekt der Stadtuntertunnelung verantworten soll, liegt in der Entscheidung des OB und des Gemeinderats. Ein Baufachmann ist jedenfalls darunter nicht zu finden.

Inzwischen beobachten die Karlsruher Bürger mit Besorgnis und wachsendem Unmut den Probelauf eines Projekts, das um den Faktor 10 kleiner ist, nämlich des Fussballstadions. Oberbürgermeister Heinz Fenrich, seines Zeichens Finanzwirt (FH) und Reserveoffizier hat sich seiner angenommen und es zur Chefsache erklärt. Seit fast zwei Jahren verhandelt er mit dem KSC und den übrigen Beteiligten. Inzwischen sind die Kosten von 58 auf 75 Millionen Euro angestiegen, viele ungelöste Knackpunkte tun sich noch auf, ja sogar die Standortfrage wird wieder diskutiert. Von der Lokalzeitung BNN nach den Aussichten der Verhandlungen befragt, gab Oberbürgermeister Fenrich offen zu: "Ich bin mit meinem Latein am Ende".

Wie lautet doch unser Wahlspruch? "Karlsruhe - viel vor, viel dahinter"

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de